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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Achtzehntes Kapitel.
Mettray.

Niemals hatte das Erlenhäuschen seinen Namen so verdient als an diesem Morgen; es lag einsam unter dem trüben Winterhimmel zwischen den entlaubten Bäumen.

Der Dichter arbeitete, Doktor Hirsch schlief, als die Ankunft des Landbriefträgers einige Abwechselung hervorbrachte.

»Ah, ein Brief aus Indret,« schrie d'Argenton und begann, als er Charlottens verlangenden Blick darauf bemerkte, mit boshaftem Lächeln seine Zeitungen zu lesen. »Ah, da ist ein neues Buch erschienen, Verse von Viktor Hugo!«

Weshalb diese Grausamkeit? Weil Charlotte mit fieberhaft gerötetem Gesicht daneben sitzt, weil jedesmal, wenn ein Brief aus Indret eintrifft, die Mutter in ihr wach wird und weil der elende Egoist sie nur für sich allein haben will. Deshalb hat er auch das Kind so weit fortgeschickt. Deshalb haben ihm Roudic's Klagen über den Lehrling solche Befriedigung verursacht.

»Siehst Du, nicht einmal zum Arbeiter taugt er.«

Aber das genügt ihm noch nicht; er möchte Jack noch mehr demütigen, noch tiefer erniedrigen und diesmal ist das Glück ihm günstig. Bei den ersten Worten des Briefes, den er nun endlich geöffnet hat, erbleicht er vor Erregung und seine Augen funkeln schadenfroh.

»Das war vorauszusehen!«

Und mit betrübter Miene reicht er das Blatt Charlotte.

Die arme Frau, deren mütterliche Zärtlichkeit tief verwundet worden war, litt noch mehr unter ihren Gewissensbissen.

»Du trägst die Schuld,« rief eine scharfe Stimme in ihrem Innern, »weshalb hast Du ihn verlassen?«

Jetzt mußte er um jeden Preis gerettet werden, aber wie sollte das geschehen? Sie besaß nichts mehr; der Verkauf ihrer Möbel, der verschwenderisch ausgestatteten Einrichtung hatte ihr einige Tausend Franken eingetragen, die längst verbraucht waren. Der gute Freund hatte ihr bei seiner Abreise ein Geschenk machen wollen, aber sie hatte sich aus Rücksicht gegen d'Argenton geweigert, dasselbe anzunehmen. Den Dichter um Hilfe zu bitten, hätte sie überhaupt nicht gewagt, sie kannte ihn zu genau, er haßte den Knaben und war obendrein geizig. Nein, an ihn dachte sie nicht, er aber vermutete es und setzte im voraus eine eisige Miene auf.

»Ich habe stets behauptet, daß der Knabe einen schlechten Charakter habe,« begann er nach einer Weile.

Sie antwortete nicht, hörte vielleicht garnicht hin, sondern beschäftigte sich nur mit dem einen Gedanken, »das Geld muß in drei Tagen geschafft werden, sonst muß mein Kind ins Gefängnis.«

Er beobachtete sie und suchte einer etwaigen Bitte vorzubeugen.

Und kein Mittel, die Schande abzuwenden, den Unglücklichen seiner Strafe zu entziehen! Denn wir sind nicht reich genug!

»O, wenn Du wolltest,« sagte sie, den Kopf senkend.

»Wahrhaftig, wenn ich wollte, als wenn Du nicht wüßtest, welche Ausgaben auf mir lasten! Woher soll ich sechstausend Franken nehmen?«

»Ach, Dich meine ich garnicht.«

»Wen denn?«

Verlegen nannte sie den Namen des Mannes, mit dem sie lange Zeit gelebt hatte. Jack's »guter Freund«, den sie einen »alten Freund« nannte. Sie erwartete einen Eifersuchtsanfall des Dichters, aber d'Argenton begnügte sich damit, leicht zu erröten, denn auch er hatte bereits daran gedacht. Dennoch ließ er sich seine Genugthuung nicht merken, sondern spielte den Gekränkten.

»Mein Stolz hat meiner Liebe schon soviel Opfer gebracht, daß ich mich auch dazu verstehen will.«

»Dank, Dank, wie gut Du bist!«

Hirschs wegen begannen sie nun mit leiser Stimme über diese Anleihe zu verhandeln. »Man« würde sicherlich nicht nein sagen, »man« hatte doch früher stets eine offene Hand gehabt. Unglücklicherweise wohnte »man« aber in der Touraine, was war da zu thun? Ein Brief war zwei Tage unterwegs.

»Wenn ich hinführe ...« schlug Charlotte vor und entsetzte sich hinterher selbst über ihre Kühnheit. Er versetzte ruhig:

»Nun wohl, so laß uns reisen.«

»Wie, Du willst mich nach Tours begleiten und auch nach Indret? Denn das liegt auf dem Wege und wir könnten das Geld gleich hinbringen.«

»Ja, auch nach Indret.«

Die Wahrheit zu sagen, wollte d'Argenton sie nicht allein nach Tours lassen; ohne ihre Vergangenheit genau zu kennen, wußte er doch, daß sie dort glücklich gewesen war. Wenn sie nicht wiederkehrte! Wenn der Anblick ihres ehemaligen Freundes, der verschwenderischen Umgebung, auf welche sie verzichtet hatte, sie wieder gefangen nehmen und sie seiner Herrschaft entrissen!

Allerdings wußte er seine Befürchtungen geschickt zu verdecken, indem er Charlotte ritterlich versicherte, daß er sie nicht verlassen würde, sondern ihr in Freud und Leid beistehen wolle; sodaß die dankbare, entzückte Charlotte ihren Kummer vergaß, geschäftig ihren Koffer packte und über all' den Besprechungen mit Mutter Archambauld beinahe den traurigen Zweck ihrer Reise vergaß. Bei Tische sagte d'Argenton zu Doktor Hirsch:

»Wir müssen verreisen. Das Kind hat große Dummheiten gemacht. Wir fahren nach Indret; Du magst unterdessen das Haus hüten.«

Dieser verlangte weiter keine Erklärungen; daß das Kind Dummheiten gemacht hatte, setzte ihn nicht in Erstaunen, denn er rief wie d'Argenton aus:

»Das dachte ich mir!«

Sie reisten mit dem Nachtschnellzug ab und erreichten Tours am frühen Morgen. Der »alte Freund« der ehemaligen Ida von Barancy bewohnte in der Nähe der Stadt eines jener niedlichen, koketten Schlößchen an der Loire. Der »Herr Graf«, wie ihn Idas Dienstboten früher nannten, war ein alleinstehender, liebenswürdiger Herr. Trotzdem sie ihn so plötzlich verlassen hatte, erinnerte er sich gern der heiteren, gesprächigen jungen Frau, welche seine Einsamkeit belebt hatte. Deshalb antwortete er auch auf einige Zeilen Charlottes, daß er bereit wäre, sie zu empfangen.

Sie mieteten im Wirtshaus einen Wagen und rollten die nach Süden führende Straße entlang. Charlotte beunruhigte die beständige Begleitung des Dichters etwas, denn trotz ihrer Beschränktheit fühlte sie doch, daß er sie nicht begleiten durfte.

d'Argenton, welcher neben ihr saß, betrachtete sie von der Seite und zerbiß sich wütend den Schnurrbart; er bereute, mitgekommen zu sein und ärgerte sich über die alberne Rolle, welche er spielte.

Der Anblick des Schlosses brachte ihn vollends aus der Fassung. Als er das hübsche, von Grün umgebene Renaissancegebäude sah, bereute er seinen Leichtsinn und seine Unbesonnenheit bitter, sie kam sicherlich nicht wieder.

»Will er denn immer noch nicht aussteigen?« fragte sich Charlotte unruhig. Endlich ließ er am Ende des Weges halten.

»Ich erwarte Dich dort drüben,« dann fügte er mit wehmütigem Lächeln hinzu:

»Bleibe nicht zu lange.«

»Nein, mein Lieber, fürchte nichts.«

Fünf Minuten später sah er, an die Hecke gelehnt, seine Geliebte am Arm eines schlanken, hochgewachsenen Herrn verschwinden. d'Argenton überkam ein Gefühl der Leere, als er Charlottens Schleppe sich so höhnisch dahinschlängeln sah. Eine entsetzliche Angst befiel ihn. Wovon sprachen die beiden? War der elende Bursche es überhaupt wert, daß er sich so demütigte? An das Gitter gelehnt, wartete der Dichter in fieberhafter Aufregung; da fiel sein müßiger Blick auf eine Gruppe Arbeiter, welche in dem kleinen, zu seinen Füßen sich ausbreitenden Thal einen Abflußgraben auswarfen. Näher hinzutretend bemerkte er, daß die Leute, welche er ihrer groben, blauen Blousen halber für Bauern gehalten hatte, Kinder waren. Dann und wann, wenn sie die Köpfe erhoben, um Atem zu schöpfen, sah man zurückliegende Stirnen, spitze Schädel und verkümmerte, verwahrloste Gesichter. Sicherlich waren diese Kinder nicht auf dem Lande aufgewachsen, denn ihr bleiches Aussehen, die roten, entzündeten Augen erzählten von dem Elend der Großstadt, der erstickenden Luft in den ärmeren, ungesunden Stadtvierteln.

»Was sind das für Kinder?« fragte d'Argenton den die Arbeit leitenden Aufseher.

»Ach, der Herr ist wohl fremd? Es sind Zöglinge aus Mettray. Die Anstalt liegt dort drüben.«

Dabei zeigte der Aufseher d'Argenton auf dem Abhang gegenüber eine Gruppe weißer, ganz gleicher Häuser. Dem Namen nach kannte dieser die berühmte Strafanstalt sehr wohl, ohne jedoch Genaues über die Aufnahmebedingungen zu wissen. Er erkundigte sich bei dem Aufseher danach und fügte hinzu, daß der einzige Sohn einer ihm sehr gut bekannten Familie seinen Angehörigen sehr viel Kummer bereite.

»Schicken Sie ihn uns, sobald er aus dem Gefängnis entlassen ist.«

»Nun,« meinte d'Argenton mit einem Gefühl des Bedauerns, »ich glaube nicht, daß es soweit kommt; die Eltern haben es mit einer Summe Geldes verhindern können.«

»In diesem Falle können wir ihn nicht aufnehmen, aber wir haben eine ähnliche Anstalt, in welcher man die Jugend mit Hilfe des Zellensystems zu bessern sucht.«

»Oh, wirklich? Zellensystem?« ...

»Die verstocktesten Sünder werden damit bezwungen. Übrigens habe ich hier einige Schriften, wenn der Herr sie durchblättern wollte ...«

d'Argenton nahm sie gegen einige Münze in Empfang und stieg den Weg wieder hinauf. Eben wurde das Gitter geöffnet, ein Wagen fuhr die Allee hinab: »Endlich!«

»Steige schnell ein,« sagte Charlotte mit strahlenden Augen und schob zitternd vor Freude ihren Arm in den seinigen. »Ich habe Glück gehabt.«

»Wirklich?«

»Mehr, als ich erwartete.«

Er wiederholte sein trockenes, gleichgiltiges »Wirklich« und begann in seinen Heften zu blättern, zum Zeichen, daß ihn das Übrige nichts anginge. Nun schwieg auch Charlotte, da sie ihn in seinem Stolz gekränkt zu haben glaubte, sodaß er sich genötigt sah, wieder das Wort zu ergreifen.

»Du hast also Erfolg gehabt?«

»Ja, mein Freund. »Man« hatte schon lange die Absicht, Jack bei seiner Mündigkeitserklärung ein Geschenk von zehntausend Franken zu machen. Man hat es mir sofort übergeben; sechstausend Franken müssen ersetzt werden, die übrigen viertausend soll ich nach meinem Gutdünken für das Kind verwenden.«

»Damit müssen wir ihn auf zwei oder drei Jahre im »Vaterhause« von Mettray einkaufen, nur auf diese Weise kann aus dem Dieb noch ein ehrlicher Mensch werden.«

Sie senkte den Kopf.

»Ich füge mich Deinem Willen. Du bist so gut und edel gewesen, das vergesse ich Dir niemals.«

Ein selbstgefälliges Lächeln zuckte um den Mund des Dichters. Er benutzte denn auch sofort seine Überlegenheit, ihr Vorwürfe über ihre Schwäche zu machen, die an allem schuld sei. Eine starke Männerhand mußte künftig dieses störrische Wesen leiten; er wollte es übernehmen.

Sie antwortete nicht; die Freude, daß ihr Jack nun nicht ins Gefängnis brauchte, überwältigte sie. Sofort wurde beschlossen, heute Abend noch nach Indret abzureisen, und Charlotte willigte ein, in La basse Indre zu bleiben, während d'Argenton das Geld überbrachte und den Schuldigen mitnahm, um ihn gleich nach der Anstalt zu bringen.

Am folgenden Tage, einem Sonntag, erreichten sie La basse Indre und mieteten die besten Zimmer des Wirtshauses. Während der Dichter ging, um sein Richteramt auszuüben, blieb Charlotte allein in dem düsteren Zimmer zurück, wohin der Lärm, das Stampfen und Gelächter der Zechenden drang.

Das gemeine Geschrei in der Schenke unten und der feine Regen, welcher beständig gegen die Fenster schlug, ließen die Frau ahnen, in welche Umgebung sie ihr Kind gestoßen hatte. Trotz seiner Schuld war er doch immer ihr Sohn Jack und seine Nähe rief ihr die glücklichen Jahre ins Gedächtnis, die sie zusammen verlebt hatten.

Weshalb hatte sie ihn verlassen! Wenn sie Jack bei sich behalten, ihn wie andere Kinder zur Schule geschickt hätte, wäre er dann ein Dieb geworden? Oh, die Voraussetzung des Arztes hatte sich nur zu sehr bewahrheitet, sie würde ihn verkommen, gedemütigt wiedersehen.

Der Arbeitersonntag, dessen Leben und Treiben sie umgab, vermehrte ihre Gewissensbisse noch. Um ihre traurigen Gedanken zu zerstreuen, ergriff sie den vor ihr liegenden Prospekt der Anstalt. »Das Vaterhaus.« »Besserungsanstalt.« Grundsatz: vollständige Absperrung. »Die Kinder werden in Zellen gehalten und sehen einander niemals.« Mit blutendem Herzen schlug sie das Heft zu und ging ans Fenster, um nach dem Dichter und ihrem Kinde auszuschauen.

Währenddessen war d'Argenton im Begriff, seine Sendung zu erfüllen und hätte um alles in der Welt sein Amt nicht abgetreten. Schon malte er sich die Unterredung mit dem Schuldigen aus und schritt langsamen, festen Schrittes die des schlechten Wetters und der Vesperzeit wegen leere Hauptstraße von Indret hinauf. Eine alte Frau wies ihn nach dem Roudic'schen Hause, aber als er vor dem bezeichneten Hause anlangte, blieb er in dem Glauben, fehlgegangen zu sein, zögernd stehen. In der ganzen Reihe war dies das lauteste, vergnügteste. Aus den halboffenen Fenstern des Erdgeschosses ertönten bretonische Rundgesänge und schwerfälliges Stampfen. Man tanzte »nach Gesang«, wie man in der Bretagne sagt.

»Hier kann es unmöglich sein,« sagte d'Argenton, welcher erwartet hatte, wie ein Erlöser in ein trostloses Haus zu treten.

Plötzlich ertönte der Ruf: »Vorwärts Zenaide, ein Lied ...«

Zenaide, das mußte Roudics Tochter sein. Nun, die Leute nahmen ihr Mißgeschick leicht, das mußte man sagen. Während er noch zögerte, begann eine Frauenstimme in entsetzlich hohen Tönen zu singen; der Chor, unter dem sich einige Männerstimmen befanden, fiel ein, und plötzlich wirbelten weiße Hauben und fliegende Röcke am Fenster vorbei.

»Vorwärts Jack! Vorwärts Brigadier!« wurde gerufen.

Das war doch stark! Der Dichter stieß entrüstet die Thür auf und die erste Person, welche er in der vom rasenden Tanz aufgewirbelten Staubwolke erblickte, war Jack, der Dieb, der künftige Sträfling, der mit sieben oder acht jungen Mädchen, darunter eine kugelrunde, strahlende Dicke, und einem hübschen Zollsoldaten um die Wette sprang. In der Ecke stand ein vergnügter, grauköpfiger, alter Mann und versuchte, eine schlanke, bleiche, junge Frau zur Teilnahme an der Freude zu bewegen.

Wie ging das zu? Hört:

Am folgenden Tage, nachdem der Direktor an Jacks Mutter geschrieben hatte, trat plötzlich Frau Roudic ganz aufgeregt bei ihm ein. Ohne den kühlen Empfang, der ihr zuteil wurde, zu beachten, wies sie den angebotenen Stuhl zurück und begann mit einer für sie erstaunlichen Festigkeit:

»Ich komme, um Ihnen, Herr Direktor, mitzuteilen, daß der Lehrling unschuldig ist. Er hat die Mitgift meiner Stieftochter nicht gestohlen.«

Der Direktor fuhr in die Höhe:

»Aber liebe Frau, die Beweise sind da.«

»Welche Beweise? Der wichtigste ist doch der, daß Jack während meines Mannes Abwesenheit allein mit uns im Hause blieb. Und diesen Beweis kann ich widerlegen, denn in jener Nacht war noch ein anderer im Hause.«

»Der Nanteser?«

Sie nickte.

»Also hat der Nanteser das Geld gestohlen?«

Sie zögerte noch, aber ihre Antwort klang fest und ruhig:

»Nein, nicht er, sondern ich ... um es ihm zu geben.«

»Unglückliche Frau! ...«

»Ja, ja, sehr unglücklich! Er wollte es nur auf zwei Tage haben und ich habe diese Zeit über geschwiegen, trotz meines Mannes Verzweiflung, Zenaidens Thränen und der Angst, einen Unschuldigen verurteilen zu sehen. Er kam nicht wieder! Dann schrieb ich ihm: ›Wenn das Geld morgen um elf Uhr nicht da ist, zeige ich Dich und mich an‹ und deshalb bin ich hier.«

»Was soll ich denn nun thun?«

»Die Schuldigen festnehmen lassen ...«

»Aber Ihr Mann? Diese doppelte Schande wird sein Tod sein!«

»Nun,« versetzte sie bitter, »sterben ist leichter, als das, was ich jetzt thue.«

»Ja, wenn der Tod das Unrecht wieder gut machen, dem armen Mädchen die Mitgift ersetzen könnte; jedenfalls müssen wir versuchen, den Rest des Geldes zu retten; vielleicht ist noch etwas vorhanden!«

Clarisse schüttelte den Kopf. Sie kannte den Spieler und wußte, daß er das Geld bis auf den letzten Sou verlieren würde.

Der Direktor klingelte dem Aufseher:

»Ihr sollt sofort nach St. Nazaire fahren,« befahl er, »und den Nanteser herbestellen. Der Sicherheit wegen könnt Ihr gleich auf ihn warten.«

»Der Nanteser ist in Indret, Herr Direktor, ich habe ihn eben zu Roudic's gehen sehen.«

»So bringt ihn sofort her, sagt ihm aber nicht, daß Ihr Frau Roudic gesehen habt.«

»Jawohl,« sagte der Wächter mit verständnisinnigem Augenzwinkern und verschwand.

Im Zimmer blieb es still, Clarisse brütete stumm vor sich hin, während der geschäftige Lärm der Schmiede den Sturm in ihrer Seele übertönte.

Da wurde die Thür geöffnet.

»Sie haben mich rufen lassen, Herr Direktor?« sagte der Nanteser mit sorgloser Stimme.

Clarisses Gegenwart, das ernste Aussehen seines Vorgesetzten ließen ihn nicht lange im Zweifel; sie hatte also Wort gehalten.

»Verzeihung!« murmelte er, vor dem Pult niedersinkend.

»Sparen Sie Ihre Bitten und Thränen, kommen Sie zur Sache. Diese Frau hat Ihretwegen Mann und Tochter bestohlen. Sie hatten versprochen, ihr das Geld nach zwei Tagen wiederzugeben?«

Der Nanteser warf einen dankbaren Blick auf seine Geliebte, deren Lüge ihn rettete, aber Clarisse erwiderte denselben nicht, sie hatte ihn in der Nacht, als das Verbrechen geschah, nur zu gut erkannt.

»Wo ist das Geld?« fragte der Direktor.

»Hier, ich brachte es her.«

Er hatte es wirklich mitgebracht und wollte sich, als er Clarisse nicht zu Hause fand, eben damit in die Spielhölle begeben, um aufs Neue sein Glück zu versuchen. Ein echter Spieler!

Der Direktor nahm die Scheine an sich: »Ist das alles?«

»Es fehlen achthundert Franken,« versetzte der andere zögernd.

»Ah, ich verstehe, um heute Abend Bank halten zu können.«

»Nein, ich schwöre Ihnen, daß ich sie verloren habe, aber sie ersetzen werde.«

»Das ist unnötig, ich verpflichte mich, das Fehlende zu ersetzen, das arme Mädchen soll keinen Sou verlieren. Nun handelt es sich noch darum, Roudic zu erklären, wie das Geld verschwunden und wiedergekommen ist. Schreiben Sie.«

Er dachte einen Augenblick nach, während der Nanteser sich an das Pult setzte und Clarisse den Kopf erhob; dieser Brief bedeutete für sie Leben oder Tod.

»Schreiben Sie:

»Herr Direktor! Ich habe in einem unbewachten Augenblick die sechstausend Franken aus dem Schrank gestohlen. Hier sind sie, ich kann sie nicht behalten. Befreien Sie den Unglücklichen, auf den Sie Verdacht hatten und bitten Sie meinen Onkel, mir zu verzeihen; sagen Sie ihm, daß ich die Hütte verlasse, ohne ihn wiederzusehen; wenn ich durch Reue und Arbeit das Recht erlangt habe, eines ehrlichen Mannes Hand zu schütteln, kehre ich zurück.« So, nun Datum und Unterschrift.« Als der Nanteser noch zögerte, rief er:

»Hüten Sie sich, junger Mann, wenn Sie sich weigern, lasse ich die Frau sofort verhaften.«

Ohne ein Wort zu sagen, unterschrieb der Nanteser. Nun erhob sich der Direktor:

»Jetzt sind Sie frei, gehen Sie nach Guerigny und versuchen Sie, sich gut zu führen. Merken Sie sich aber für alle Fälle, daß, sobald ich Sie hier in Indret herumstreichen sehe, die Polizei Sie wie einen Dieb behandelt. Ihr Brief berechtigt sie dazu.«

Der Nanteser grüßte und warf im Vorbeigehen einen Blick auf Clarisse, aber der Zauber war gebrochen; sie wandte den Kopf, um ihn nicht mehr zu sehen. Als er fort war, näherte sich Frau Roudic dem Direktor und drückte ihm dankbar die Hand.

»Danken Sie mir nicht, liebe Frau; nur um ihrem rechtschaffenen Mann die entsetzliche Qual zu ersparen, habe ich so gehandelt.«

»Ich danke Ihnen auch in meines Mannes Namen, mein Herr, ich denke nur an ihn, und das Opfer, welches ich bringen werde, soll es beweisen.«

»Welches Opfer?«

»Zu leben, während ich mich so nach dem Tode sehne; aber um Roudic's willen soll es sein.«

»Fassen Sie Mut, liebe Frau. Denken Sie daran, daß dieser Brief schon einen schweren Schlag für Roudic enthält und daß Sie ihm nicht noch mehr anthun dürfen.«

In der That war der alte Roudic ganz niedergeschmettert, als er von dem Direktor selbst das Verbrechen seines Neffen erfuhr. Es bedurfte der ganzen ungestümen Freude Zenaidens, um den Schmerz des alten ehrlichen Mannes ein wenig zu lindern.

Sein erstes Wort war: »Und meine Frau mochte ihn so gern,« und wer es hörte, errötete über diese grausame Unbefangenheit. Und der Azteke? Ja der arme Azteke hatte heute seinen Ehrentag. An alle Werkstattthüren wurde eine Verordnung des Direktors angeschlagen, welche seine Unschuld verkündete. Und wie wurde er von den Roudics geehrt und gefeiert! Nur eins fehlte zu seinem Glück: Belisar.

Kaum war sein Gefängnis geöffnet und ihm erklärt worden: »Ihr seid frei,« so war der Krämer, ohne ein Wort zu sagen, verschwunden. Die Furcht vor Verfolgung quälte ihn so, daß er trotz seiner wunden Füße sobald als möglich aufbrach.

Jack war bei dem Gedanken, daß Belisar fortgegangen war, ohne seine Unschuld zu erfahren, trostlos.

Dessenungeachtet schmauste er wohlgemut auf Zenaidens Verlobungsfest und tanzte mit den anderen, als d'Argenton erschien. Der Anblick des majestätischen, schwarzbehandschuhten Dichters rief in der fröhlichen Gesellschaft ungefähr dieselbe Wirkung hervor, als wenn ein Falke mitten unter einen Schwalbenzug gerät. Wenn man sich einmal von irgend etwas eine Meinung gemacht hat, so fällt es schwer, sie plötzlich zu ändern. Dies bewies auch d'Argentons Verhalten. Was half es, daß man ihm erklärte, das Geld sei gefunden und Jacks Unschuld anerkannt, daß ein Brief des Direktors, welcher allen Kummer wieder gut machen sollte, ihn verfehlt habe; vergebens behandelten die braven Leute Jack wie ein Kind des Hauses, vom Vater Roudic, der ihm freundlich auf die Schulter klopfte und ihn »kleiner Kerl« nannte, bis auf Zenaide, welche seinen Kopf in beide Hände nahm und ihm kräftig durch die Haare fuhr; der Dichter erschien deshalb nicht weniger ernst und feierlich. Er unterließ nicht, Roudic in sehr bewegten Worten sein Bedauern auszudrücken, daß man ihm solchen Kummer bereitet habe und bat ihn seiner und der Mutter Entschuldigungen entgegenzunehmen.

»Aber eigentlich müßte ich den armen Jungen um Entschuldigung bitten,« rief der Werkmeister.

d'Argenton hörte nicht. Er sprach von Pflicht, Ehre und den schrecklichen Folgen schlechten Betragens. Jack, der von Nantes her noch seine Gründe hatte, verlegen zu werden, errötete, die übrigen aber befiel im Laufe der langen Rede so entsetzliche Langeweile, daß Vater Roudic endlich dazwischenfuhr.

»Sie müssen ja vom Reden ganz durstig geworden sein,« meinte er harmlos, ließ einen Krug Apfelwein und Brodkuchen herbeibringen und wahrhaftig, der Kuchen sah so appetitlich aus und hatte solche goldgelbe Kruste, daß der Dichter herzhaft zulangte und eine Bresche hineinlegte, wie einstmals Belisar in den Schinken.

Aus der langen Rede hatte Jack nur eins verstanden, nämlich daß d'Argenton die weite Reise unternommen hatte, um das Geld nach Indret zu bringen und ihm die Schande zu ersparen, auf der Anklagebank zu sitzen, und er begann zu glauben, daß er sich in ihm getäuscht hatte. Noch nie war er so zärtlich und ehrerbietig gegen den Feind gewesen, und dieser erkannte seinerseits den störrischen Sünder kaum wieder und schrieb sich natürlich das Verdienst an dieser Umwandlung zu.

»Ich habe ihn geduckt.«

Dieser Gedanke versetzte ihn im Verein mit dem ehrfurchtsvollen Empfang bei Roudics in gute Laune.

Hättet Ihr nachher den Dichter und den Lehrling Arm in Arm die Straße von Indret hinabgehen sehen, Ihr hättet sie wahrhaftig für Freunde gehalten. Jack war so glücklich, von seiner Mutter sprechen zu können, nach ihrem Ergehen zu fragen, daß sich d'Argenton in einer Anwandlung von Mitleid fragte:

»Soll ich ihm sagen, daß sie hier ist?«

So viel ist sicher, daß er sich gefreut hätte, das schuldige, gedemütigte Kind der Mutter zuzuführen, die es sicherlich nicht geliebkost haben würde; aber ihr einen triumphierenden Helden bringen und den Zärtlichkeiten der beiden zusehen, das ging über seine Kräfte.

Doch bedurfte es eines Vorwandes, um eine solche Grausamkeit zu begehen und Charlotte die Freude des Wiedersehens mit ihrem Sohne zu verweigern. Und diesen Vorwand lieferte ihm Jack selbst.

Denkt Euch, daß dieser arme, kleine Jack, von soviel Güte ergriffen, das Bedürfnis fühlte, sich Herrn d'Argenton anzuvertrauen, ihm zu gestehen, daß er keinen Geschmack an seiner Arbeit fände und niemals ein tüchtiger Arbeiter werden würde, daß er sich fern von seiner Mutter sehr einsam fühle und einen seinen Kräften angemessenen Beruf vorziehe. Die Arbeit fürchte er nicht, gewiß nicht, nur wäre es ihm lieber, er hätte weniger mit den Armen und mehr mit dem Kopfe zu thun. Dabei drückte Jack die Hand des Dichters, fühlte aber, wie sie sich ihm allmählich entzog.

»Du machst mir sehr viel Kummer, Jack, und Deine Mutter würde sehr betrübt sein, wenn sie Dich jetzt hörte. Du hast also vergessen, was ich Dir so oft gesagt habe: ›Nichts ist schlimmer als Träumerei.‹ Wir leben in einer eisernen Zeit, also thätig Jack, thätig.«

Und nun mußte das arme Kind eine Stunde lang diesen eisigen, moralischen Regen aushalten, und während sie am Strande auf- und abschritten, saß drüben jenseits des Flusses eine Frau und wartete auf den kleinen Verbrecher, ihr geliebtes Kind, welches sie seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Aber d'Argenton hielt jetzt seinen Vorwand fest. Bei den schädlichen Ansichten dieses Burschen war es besser, wenn er seine Mutter nicht sah, um den Mut nicht ganz zu verlieren; Charlotte würde vernünftig genug sein, das einzusehen und ihrem Sohne das Opfer zu bringen.

»Das Leben ist kein Kinderspiel, zum Teufel.«

Und trotzdem nur der Fluß zwischen ihnen lag, sahen sich Jack und seine Mutter an diesem Abend nicht mehr, ja sie sahen sich lange Zeit nicht wieder.

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