Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Kapitel.
Der Rausch.

Es war noch nicht sechs Uhr morgens. In den Straßen von Indret war es noch Nacht. Hier und da flimmerte ein trübes Licht aus den Bäckerläden und Weinschenken. In einer dieser Wirtsstuben saßen neben dem bullernden Ofen Roudic's Neffe und unser Lehrling trinkend und plaudernd.

»Na, Jack, noch einen!«

»Nein, danke, Herr Charlot, ich trinke für gewöhnlich nicht, ich fürchte es könnte mir schaden.«

Der Nanteser lachte.

»Nanu! Ein Pariser? Du spaßest. He Stift, zwei Gläser weißen, aber rasch.«

Der Lehrling wagte nicht zu widersprechen. Die Aufmerksamkeit, welche ihm dieser stattliche Mann erwies, schmeichelte ihn ungeheuer. Der stolze, hochmütige Zeichner, der ihn in anderthalb Jahren kaum dreimal angeredet hatte, that ihm, als er ihm heute Morgen zufällig begegnete, die Ehre an, ihn ins Wirtshaus mitzunehmen und ihn mit dreierlei verschiedenfarbigen Schnäpsen zu bewirten. Das war so ungewöhnlich, daß Jack anfangs Mißtrauen hegte. Der andere sah so sonderbar aus und fragte ihn so eindringlich: »Was giebt es Neues?«, daß der Lehrling bei sich dachte: »Du glaubst wohl, ich werde wie Belisar Bestellungen für Dich übernehmen?« Aber dieser unangenehme Eindruck verschwand bald, und nach dem dritten Glase bot Jack in einer Aufwallung seines Herzens dem Nanteser seine Freundschaft an und glaubte, als dieser angenommen hatte, ihm einige Ratschläge geben zu können.

»Darf ich Euch etwas sagen, Charlot? Thut mir den Gefallen und spielt nicht mehr.«

Der Hieb saß, denn der Nanteser zuckte zusammen.

»Und dann möchte ich Euch noch eins sagen ...«

Glücklicherweise unterbrach ihn hier die Stimme des Schenkwirts, denn sonst hätte der Nanteser Mühe gehabt, seine Aufregung zu verbergen.

»Holla, Ihr Burschen, die Glocke!«

»Vorwärts,« sagte Jack, »wir müssen gehen.«

Und da sein Freund die ersten beiden Gläser bezahlt hatte, bestand er darauf, das dritte zu berichtigen, zog stolz einen Louis aus der Tasche und warf ihn auf den Zahltisch.

»Donnerwetter, ein Goldfuchs,« bemerkte der Kaufmann, welcher solche Münze bei einem Lehrling nicht gewöhnt war. Der Nanteser zitterte, sollte der auch schon an dem Schrank gewesen sein?

»Hier sind noch mehr,« triumphierte Jack, auf seine Tasche klopfend, »damit will ich ein Geschenk für Zenaide kaufen.«

Unterdessen drehte der Wirt das Geldstück unruhig hin und her.

»Beeilt Euch doch,« rief Jack, »sonst verpasse ich noch die Fahne.«

Endlich war gewechselt und die beiden schritten Arm in Arm davon.

»Schade, alter Jack, daß Du fort mußt; das Dampfschiff nach St. Nazaire kommt erst in einer Stunde, ich wäre gern noch mit Dir zusammen.«

Damit zog er den Lehrling langsam nach der Uferseite. Dieser ließ alles mit sich geschehen, schwankte wie betäubt und mußte sich auf seinen neuen Freund stützen, um nicht umzufallen; es schien ihm, als habe ihm jemand einen heftigen Schlag auf den Kopf versetzt; doch das dauerte nur wenige Minuten.

»Halt,« sagte er, ich glaube man hört die Glocken nicht mehr.«

Sie wandten sich um. Ein fahles Dämmerlicht erhellte den Himmel über dem Hüttenwerk. Die Fahne war verschwunden, Jack erschrak. Der Nanteser noch mehr:

»Das ist meine Schuld,« rief er. Er wollte zum Direktor gehen, ihn um Entschuldigung bitten, sodaß ihn Jack beruhigen mußte.

»Ach laß doch, das schadet nichts, wenn ich auch einmal angezeigt werde, ich begleite Dich zum Dampfer und gehe dann nach der Zehnuhrpause in die Schmiede und mache mich auf ein Donnerwetter gefaßt.«

Aber gerade vor diesem Donnerwetter fürchtete er sich. Dennoch wurde diese Angst durch die Freude verdrängt, mit dem Nanteser Arm in Arm zu gehen.

Er erzählte ihm von dem guten braven Vater Roudic und Clarisse, die jetzt immer so blaß aussähe:

»Wenn Du sie heute Morgen gesehen hättest, sie war blaß wie eine Tote.«

»Hat sie Dir nichts gesagt, Jack?«

»Nein, kein Wort, Zenaide sprach mit ihr, aber sie antwortete nicht. Ich glaube, sie ist krank.«

Sie näherten sich dem Damm. Der Dampfer kam noch nicht, dicker Nebel lagerte über dem Fluß.

»Wollen wir da hineingehen? fragte der Nanteser.

Am Ufer stand eine Bretterhütte mit Bänken darin zum Schutz für die auf die Überfahrt wartenden Arbeiter bei schlechtem Wetter; Clarisse kannte die Hütte sehr genau, und die Alte, welche in der einen Ecke einen kleinen Handel mit Branntwein und schwarzem Kaffee betrieb, hatte Frau Roudic schon oft bei wahrem Hundewetter auf den Dampfer warten und überfahren sehen.

»Es kneift heute Morgen, Ihr Burschen, wollt Ihr einen Tropfen?«

Jack willigte ein unter der Bedingung, daß er zahlen dürfe, ja er winkte sogar noch einem Matrosen, welcher zähneklappernd an einer Telegraphenstange stand, mitzutrinken. Der Nanteser und der Matrose schütteten den Branntwein hinunter, Jack that desgleichen, es gelang ihm aber nicht, das Lächeln der Befriedigung nachzuahmen, mit dem sich der Matrose den Mund wischte. Plötzlich schrillte ein Pfiff durch den Nebel. Der Dampfer nach St. Nazaire. Man mußte sich trennen.

»Du bist ein braver Bursche, Jack, ich danke Dir für Deine Ratschläge.«

»Laß nur,« wehrte Jack, indem er dem Nanteser kräftig die Hand drückte, »aber denke daran, Charlot, was ich Dir gesagt habe, spiele nicht mehr.«

»Oh nein, niemals,« versetzte dieser, hastig einsteigend, damit jener sein Gelächter nicht hören sollte.

Als der Nanteser fort war, empfand Jack nicht die geringste Lust, in die Schmiede zurückzukehren. Da kam ihm ein guter Gedanke.

»Da ich nun einmal unterwegs bin, kann ich bis nach Nantes gehen und das Geschenk für Zenaide einkaufen.«

Bald saß er im Kahn des Fährmannes, dann in La basse Indre auf dem Bahnhof. Aber hier ging es erst gegen Mittag weiter. Wie sollte er die Zeit hinbringen? Der Wartesaal war leer und öde und draußen pfiff der Wind. Jack betrat eine hauptsächlich von Arbeitern besuchte Schenke, welche als Schild die Inschrift trug: Hierher, wenns gefällig ist.

Trotz der frühen Stunde waren fast alle die kleinen Tische besetzt und der ekelhafte Qualm der kleinen Petroleumlampen vermischte sich mit dem Dampf der Pfeifen und verdichtete die Luft. Der Lehrling zögerte, an einem der Tische Platz zu nehmen, als er aus dem Hintergrunde gerufen wurde:

»Heda Azteke, hierher!«

»Halt, da ist der Gascogner!«

Dieser war ein vor einigen Tagen wegen Trunkenheit entlassener Arbeiter aus Indret. Neben ihm saß ein Matrose oder vielmehr ein Schiffsjunge, dessen bartloses, welkes Gesicht unverschämt aus dem weiten blauen Kragen hervorsah. Jack schloß sich dieser liebenswürdigen Gesellschaft an.

»Du lumpst also auch, mein Alter,« sagte der Gascogner vertraulich, »das trifft sich gut, Du sollst einen mit uns trinken.«

Jack nahm an und nun wurden Höflichkeiten und Schnäpse von allen Farben ausgetauscht. Der Schiffsjunge gefiel Jack ganz besonders; er trug seinen hübschen Anzug mit so verwegener Miene, war zweimal um die Welt gesegelt und sprach von Japan, als wenn es jenseits der Loire läge. Jack hätte gern seine gestrickte Weste und seinen Kittel gegen den Wachshut und den blauen Gurt des Schiffsjungen eingetauscht, und dann die vielen Abenteuer und Gefahren? Dennoch beklagte sich der Seemann:

»Viel Brühe und wenig Fleisch,« sagte er bei jeder Gelegenheit.

»S' ist wie in Indret,« meinte der Gascogner, »das ist ein Loch.«

»Ja, es ließe sich viel darüber sagen,« bemerkte Jack, dem plötzlich die hohlen Redensarten des Sängers Labassindre über die Rechte des Arbeiters einfielen. Der alte Jack hatte heute Morgen eine eigentümlich leichte Zunge. Aber bald wurde das, was er sagte, so undeutlich und wirr, daß er selbst nichts mehr davon hörte, sondern ein Benommensein empfand, als schwebe er in der Gondel eines Ballons, dessen Bewegung ihm Übelkeit und Betäubung verursachte.

Ein frischer Luftzug bringt ihn wieder zu sich. Er sitzt am Ufer; wie ist er denn mit dem Matrosen, der ihm die Schläfe benetzt, dahingekommen? Da gewahrt er neben sich einen Schiffer, der seinen Kahn segelfertig macht.

»Nun, ist Euch besser?« fragt der Schiffsjunge und ringt sein Taschentuch aus.

»Gewiß, ganz gut,« stammelt Jack mit schwerem Kopfe.

»Nun dann steige ein.«

»Wie?« fragte der Lehrling erstaunt.

»Gewiß, wir fahren nach Nantes, weißt Du denn nicht mehr, daß Du vorhin in der Schenke den Kahn von dem Schiffer gemietet hast? Da kommt der Gascogner mit den Vorräten.«

»Vorräte?«

»Hier, mein Alter,« sagt der mit einem großen Korbe, aus dem ein Brod und mehrere Flaschenhälse hervorsehen, beladene Schmied. »Nun hinein, der Wind ist günstig, in einer Stunde sind wir in Nantes, da wollen wir ordentlich einmal lumpen.«

Einen Augenblick kam Jack der Gedanke, doch lieber nach Indret zurückzukehren, aber dazu hätte es einer Willensanstrengung bedurft, deren er nicht mehr fähig war.

»Komm doch!« schrie ihm der Schiffsjunge zu, »Du siehst noch ein wenig bleich aus, das Frühstück wird Dich stärken.«

Der Lehrling zögerte nicht länger, sondern stieg ein. Es blieben ihm immer noch drei Louis, dafür konnte er einen Anzug und das Geschenk für Zenaide kaufen, seine Reise nach Nantes war also nicht vergebens. Er frühstückte jetzt, mitten im Boote sitzend, wohlgemut mit den anderen, während die Barke wie ein Vogel, der das Wasser streift, auf die Seite geneigt, dahinflog. Alle Geschichten, Seeabenteuer, die er früher gelesen, fielen ihm ein. Weshalb mußte er sich in diesem Augenblick an das Titelbild seines Robinson erinnern, welches den Helden von trunkenen Matrosen umgeben darstellte und die Inschrift trug: »Aber im Rausch vergaß ich alle meine guten Vorsätze wieder.« Vielleicht rollten in diesem Augenblick leere Flaschen im Boot herum, lagen die Männer neben den Resten der Mahlzeit ausgestreckt. Jack wußte es nicht genau. Ihm gegenüber stand der Schiffer am Steuer und richtete sein gebräuntes, scharfgeschnittenes Gesicht, mit den klaren, durchdringenden Augen auf ihn. Jack fühlte sich sehr unbehaglich unter diesem Blick, der zu sagen schien: »Schämst Du Dich nicht, elender Bursche?« Um diese forschenden Augen von sich abzulenken, wollte Jack den Schiffer zum Trinken nötigen. Er reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas:

»Hier Schiffer, einen Schluck Wein.«

Dieser machte ihm ein Zeichen, daß er keinen Durst habe.

»Laß doch den alten Lascar zufrieden,« sagte der Schiffsjunge leise zu seinem Freund, »weißt Du denn nicht mehr, daß er gar keine Lust hatte, uns zu fahren, sondern daß ihn seine Frau erst überreden mußte! ... Er meinte, Du hättest zuviel Geld, das ginge nicht mit rechten Dingen zu.«

Oho, glaubt Ihr, daß Jack sich für einen Dieb halten läßt? Er bekommt Geld, soviel er will, er braucht nur an seine ... Da fällt ihm plötzlich ein, daß seine Mutter ihm verboten hat, sie als die Absenderin der hundert Franken zu nennen und er begnügt sich damit, zu versichern, daß das Geld ihm wirklich gehört, daß das seine Ersparnisse sind, mit denen er sich einen Anzug und ein kleines Geschenk für Ze ... Ze ... Zenaide kaufen will.

Er sprach unaufhörlich, aber niemand achtete auf ihn. Der Gascogner und der Matrose waren in Streit geraten. Der eine wollte in Chatenay, einer großen Vorstadt von Nantes, abgesetzt werden, der andere bis nach Nantes fahren und in dem Streit, der sich nun entspann, drohten sie, sich gegenseitig das Gesicht mit Flaschen zu zerschlagen und sich die Schädel zu zerschmettern, um zu sehen, was darin wäre. Sie hätten aber nüchtern sein müssen, um diese Drohungen wirklich auszuführen. Jack hingegen nahm alles für bare Münze und versuchte, seine beiden Kameraden zu beruhigen und zu versöhnen.

»Meine Freunde, meine lieben Freunde, ich bitte Euch.«

Endlich legte sich der Streit plötzlich, wie er entstanden war, da Chatenay längst hinter ihnen lag; Nantes war erreicht. Der Schiffer nahm das Segel ein und griff zu den Rudern, um sicher durch das Gewühl des Hafens zu gelangen.

Jack wollte aufstehen, um die Aussicht zu genießen, mußte sich aber sogleich betäubt niedersetzen. Wie am Morgen hatte er die Empfindung, hoch in der Luft im Leeren zu schweben, nur verlor er diesmal das Bewußtsein nicht, aber alles drehte sich um ihn her: große, alte mit Stuck gezierte Häuser, steinerne Balkons und Schiffsmasten. Zwischen den festen Dämmen, unter dem niedrigen Himmel sahen die Schiffe wie Gefangene aus. Dann mußte er an Maduh denken, an seine Flucht in den Hafen von Marseille, und sein Versteck im Kielraum hinter Kohlen, Waaren und Gepäck, aber dieser Gedanke zog wie die anderen blitzschnell vorüber bei dem »Hip, hip« der Matrosen, welche Taue einholten.

Plötzlich ist Jack nicht mehr im Boot. Wie ist das geschehen? Ist er ausgestiegen? Der Traum hat Lücken, und Jack lebt in einem wirren Traum. Er wandert mit seinen beiden Gefährten einen langen, endlosen, von Schienenwegen begrenzten Damm entlang, der mit allen möglichen Waaren, die ein- und ausgeladen werden, bedeckt ist.

Bei jedem Schritt stößt man auf Hindernisse, wie Getreidehaufen, Baumwollballen und Gewürzkisten. Er verliert seine Begleiter, findet und verliert sie wieder und ertappt sich plötzlich dabei, wie er dem Brigadier Mangin, der an seinem blonden Schnurrbärtchen zupft und ihn verlegen betrachtet, eine lange Rede über Ölkerne hält. Denn es ist sonderbar, Jack sieht sich doppelt. Der eine Jack ist närrisch, schreit, gestikuliert, schwankt umher und macht tausend Dummheiten, während der andere vernünftig schweigend und machtlos zusieht, wie jener sich erniedrigt.

Nun denkt Euch das Entsetzen des vernünftigen Jack, als er seinen Doppelgänger mit einer langen Pfeife bewaffnet und mit einem neuen Matrosengürtel ausstaffiert durch die Straßen von Nantes wandern sieht. Er möchte ihm zurufen:

»Dummkopf, Du siehst garnicht wie ein Matrose aus, wenn Du auch zehnmal eine Pfeife, einen Gürtel und den Wachstuchhut des Schiffsjungen trägst und mit prahlerischer Miene stammelst: ›Zu viel Brühe und zu wenig Fleisch, tausend noch einmal.‹ Sieh, man dreht sich um und lacht über Dich.«

Aber er ist unfähig, diesem Gedanken Worte zu verleihen und muß allen Launen seines zweiten Ich gehorchen. Er begleitet ihn in ein mit Vergoldungen und Spiegeln geschmücktes Kaffeehaus. Im Spiegel gegenüber sieht er zwischen der kommenden und gehenden Menge eine ärmliche, elende Gruppe und darunter seinen bleichen, hageren, mit Schmutz bespritzten Doppelgänger. Ein Kellner näherte sich den drei Prahlhänsen, sie werden hinaus auf die kalte Straße gewiesen. Nun irren sie durch die Stadt.

Eine Riesenstadt! Endlose Straßen, von alten Häusern mit Balkons eingefaßt. Sie gehen über eine Brücke, noch eine und wieder eine.

Diese Wanderungen sind so traurig, so trostlos, daß Jack mit einem Male bitterlich weinend auf einer schmalen, schlüpfrigen Treppe sitzt, welche zu einem Kanal hinabführt. Das Wasser ist regungslos, schwarz und trübe und klatscht schwerfällig gegen die Planken eines großen Kahnes.

Der Gascogner und der Matrose spielen oben auf der Böschung mit Murmeln. Jack ist verzweifelt, ihm ist so elend zu Mute, er will sich ins Wasser stürzen ... Er steigt eine, zwei Stufen hinab, nun steht er dicht über dem Wasserspiegel. Der Gedanke, daß er sterben soll, rührt ihn.

»Lebt wohl, meine Freunde,« ruft er schluchzend. Aber die beiden Freunde hören nicht, sie streiten sich um einen zweifelhaften Wurf, die Ungeheuer lassen ihn wahrhaftig ertrinken! Sie schreien und drohen wie heute Morgen. Menschen sammeln sich an, Polizisten kommen; Jack fürchtet sich, klettert hinauf und entwischt ...

Irgend jemand überholt ihn, es ist der Matrose ohne Hut und Halstuch, mit zerrissenem Kragen.

»Und der Gascogner?«

»Der liegt im Kanal ... Ich habe ihn hineinrollen lassen. Vorwärts.«

Und der Matrose verschwindet eilig, denn die Polizisten sind hinter ihm her. Jack findet es fast selbstverständlich, daß der Schiffsjunge den Gascogner ertränkt hat, als wäre der Mord die letzte Stufe einer dunklen, abwärts führenden Leiter, auf deren erste Sprosse er bereits den Fuß gesetzt hat. Plötzlich hört er sich rufen:

»He, Azteke!«

Es ist der Gascogner ohne Hut und Halstuch, atemlos und erhitzt. –

»Dein Matrose hat sein Teil: Ein Faustschlag, da lag er im Kanal. Die Polizei ist mir auf den Fersen, ich drücke mich, guten Abend.«

Wer ist nun eigentlich der Mörder? Jack begreift nichts mehr und mit einemmale sind sie alle drei wieder in einer Schenke zusammen und sitzen vor einer kräftigen Zwiebelsuppe. Man stärkt sich in verschiedenen Wirtshäusern, denn wacklige Tische folgen in diesem wirren Traum aufeinander, und Jack hat sich schließlich darein ergeben, seinem zweiten Ich zu folgen. Es geht durch kleine, niedrige Thüren in feuchte, düstere Keller, immer dunkler wird es, bis er bei dem Schein von in Flaschen steckenden Talglichtern eine entsetzliche Vision von in rosa Gaze gekleideten Negerinnen und Matrosen hat, die zu der Musik eines Harfenspielers tanzen. Hier begeht Jack, von der Musik angeregt, tausend Dummheiten. Jetzt ist er auf den Tisch geklettert und vollführt einen uralten Tanz, den der Tanzmeister seiner Mutter ihn als Kind gelehrt hat.

»Galopp, Galopp und Polkaschritt!«

Und er hüpft auf und ab, bis der Tisch zusammenbricht, und er zwischen den Trümmern herumrollt.

Als er dann auf einem öden Platz, in dessen Mitte sich eine Kirche erhebt, auf einer Bank sitzt, tönt ihm noch der Takt zu seinem Tanz in den Ohren: »Galopp, Galopp und Polkaschritt.« –

Das ist alles, was ihm vom ganzen Tag in seinem leeren Kopf zurückgeblieben ist. Der Matrose ist fort, der Gascogner verschwunden. Er ist in der Dämmerung allein und empfindet die ganze Bitterkeit des Verlassenseins. Und auf dieser Bank hätte er noch lange gesessen, wenn ihn nicht ein wohlbekannter, rettender Ruf aus seiner Betäubung erweckt hätte:

»Hüte, Hüte, Hüte.«

»Belisar!« ruft er.

Es ist Belisar. Jack versucht sich aufzurichten, ihm zu erklären, daß er ge ... – ge ... gelumpt hat, aber er weiß nicht, ob es ihm gelingt. Jedenfalls schilt ihn Belisar sanft aus und führt ihn fort. Wo sind sie?

Lange erleuchtete Straßen ... ein Bahnhof ... da ist wenigstens eine Bank zum Ausruhen.

Was will man denn noch von ihm? Er wird wachgerüttelt, Männer sprechen heftig auf ihn ein, seine Hände werden mit Stricken zusammengeschnürt, aber er hat nicht die Kraft, sich zu sträuben, die Müdigkeit ist übermächtig. Er schläft im Eisenbahnwagen, dann im Boot, wo es sehr kalt ist. Dann weckt man ihn, stößt und zieht ihn vorwärts.

Welch Labsal, als er sich nun endlich nach soviel Irrfahrten auf ein Strohlager ausstrecken und hinter einer fest verriegelten und verrammelten Thür einschlafen kann!

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.