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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Vierzehntes Kapitel.
Die Maschinen.

Erlenschlößchen bei Etiolles.

»Ich bin unzufrieden mit Dir, mein liebes Kind. Herr Roudic hat neulich einen langen Brief über Dich an seinen Bruder geschrieben und wenn er darin auch Deine Sanftmut und Dein gutes Benehmen lobt, so findet er doch, daß Du in dem einen Jahre, welches Du in Indret zugebracht, nicht die geringsten Fortschritte gemacht hast und überhaupt für das Schmiedehandwerk nicht geeignet erscheinst. Du kannst Dir denken, welchen Kummer uns das verursacht. Wenn Du mit den guten Anlagen, welche die Herren damals in Dir entdeckten, nicht weiter kommst, so arbeitest Du wohl nicht genug und Dein böser Wille betrübt uns sehr. Auch sagt Herr Roudic in seinem Brief, daß Dir die Werkstattluft nicht bekommt, daß Du viel hustest und zum Erbarmen blaß und mager aussiehst. Ich kann mir diese Schwäche bei einem Menschen, den alle Welt einstimmig für kräftig hielt, nicht erklären. Ich vermute aber, daß Du unvorsichtig bist, abends ausgehst, ohne die Mütze aufzusetzen, Dein Fenster offen läßt oder Dein Halstuch nicht umbindest. Du thust daran sehr Unrecht, mein Kind. Vor allem muß man sich die Gesundheit erhalten. Denke daran, daß Du Deine ganze Kraft nötig hast, um Dein Werk zu Ende zu führen. Ich gebe zu, daß Deine Arbeit nicht immer bequem ist, und daß es angenehmer sein würde, mit dem Heger durch den Wald zu wandern, aber Du weißt, was Herr d'Argenton Dir sagte: ›Das Leben ist kein Kinderspiel!‹ Der Arme weiß, was das bedeutet, denn das Leben ist recht hart gegen ihn und sein Beruf hat andere Schattenseiten, als der Deine. Denke Dir, man hat neulich im Theater Français ein Stück aufgeführt, welches beinahe seine »Tochter Fausts« ist. Natürlich hat man ihm nicht sein Stück gestohlen, da dies noch nicht geschrieben ist, sondern seinen Titel, seine Gedanken. Jedenfalls ist unser Freund infolge dieser Enttäuschung sehr angegriffen. Doktor Hirsch hat sich sehr ergeben bewiesen, es ist ein Glück, daß wir ihn hier haben, denn Herr Rivals grollt noch immer. Er hat sich noch nicht ein einziges Mal nach unserem armen Kranken erkundigt. Übrigens haben wir erfahren, daß Du eifrig mit dem Doktor und der kleinen Cäcilie korrespondierst und ich muß Dir sagen, daß Herr d'Argenton dies mit nicht sehr günstigen Augen ansieht. Du wirst gut thun, diesen Verkehr, der Dir nur schaden kann, abzubrechen. Denke daran, daß Du dreizehn Jahre alt bist, ein tüchtiges Handwerk betreibst und daß Dir die Zukunft offen steht; laß diejenigen nicht Recht behalten, welche behaupten, daß Du niemals etwas leisten würdest.

Deine Dich liebende Mutter Charlotte.

Nachschrift. Zehn Uhr Abends. Mein Lieber, die Herren sind soeben hinaufgegangen. Ich benutze die Zeit, um noch einen kurzen Gruß hinzuzufügen. Fasse Mut, mein Jack. Er will, daß Du Arbeiter werden sollst und Du mußt es werden. Nur um eins bitte ich Dich, mein Jack, achte auf Deine Gesundheit. Ziehe Dich warm an, wenn Du abends ausgehst. Es muß auf der Insel feucht sein; nimm Dich vor dem Nebel in Acht. Und dann schreibe nur an Archambaulds, wenn Du irgend etwas brauchst. Hast Du noch etwas Chokolade für morgens? Für Deine kleinen Bedürfnisse erübrige ich alle Monate eine kleine Summe von meinem Nadelgeld. Du veranlassest mich zur Sparsamkeit. Adieu mein Liebling. Ich muß schließen, damit Mutter Archambauld den Brief mit zur Post nehmen kann. Ich fürchte, wir werden die brave Frau nicht mehr lange behalten, Herr d'Argenton beargwöhnt sie. Er glaubt, daß sie von seinen Feinden bestochen ist, ihm seine Pläne und Gedanken zu stehlen. Das soll vorkommen. Ich küsse Dich herzlich, mein lieber Jack. All' die kleinen Pünktchen sind Küsse für Dich.«

In diesen beiden Briefen erkannte Jack deutlich das kalte Gesicht d'Argentons, welcher diktierte und das seiner Mutter, wie sie wirklich war. Ja, er wollte arbeiten, ein tüchtiger Arbeiter werden, um seine Mutter aus dieser Knechtschaft zu befreien. Deshalb schloß er alle seine Bücher, Dichter, Historiker, Philosophen in den Kasten, er wollte seine ganze Kraft auf das Ziel, welches seine Mutter ihm zeigte, verwenden.

»Du hast Recht, kleiner Kerl,« sagte Roudic. »Die Bücher stopfen Dir den Kopf nur voller Alfanzereien, das stört Dich bei der Arbeit und wenn Du den guten Willen hast, etwas zu lernen, so mache ich Dir einen Vorschlag. Ich mache jetzt des Abends oder auch Sonntags Überstunden. Du kannst mitkommen und zusehen, wie das Eisen zugerichtet wird. Vielleicht bin ich geduldiger, als Lebescam.«

Gleich nach dem Essen nahm also der mit einer besonderen Arbeit betraute Zurichter den Knaben mit sich in die öde, dunkele Werkstatt. Bei dem spärlichen Licht einer einzigen Lampe beugte sich Vater Roudic über seine Arbeit, handhabte vorsichtig seine Werkzeuge, während er die Augen auf den Zeiger des Chronometers richtete. Neben ihm stehend versuchte Jack, mit allem Fleiß ein angefangenes Stück herauszuarbeiten, aber es fehlte ihm offenbar der Sinn dafür.

»Es nützt nichts mein armer, kleiner Kerl,« sagte Vater Roudic, »Du hast das nicht im Gefühl.«

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