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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Elftes Kapitel.
Das Leben ist kein Kinderspiel.

Eines Sonntagsmorgens, kurz nach der Ankunft des Zehnuhrzuges, welcher Labassindre und eine lärmende Ladung Bassermannscher Gestalten hergeführt hatte, hörte Jack, der in der Nähe der famosen Falle auf ein Eichhörnchen lauerte, daß seine Mutter rief.

Ihre Stimme kam aus dem Zimmer des Dichters, aus dem würdevollen Arbeitsraum, aus dem alle Zornanfälle, müßigen Beobachtungen des Feindes herrührten. Durch den Tonfall seiner Mutter und sein eigenes feines Empfinden benachrichtigt, sagte sich der Knabe: »Heute kommt es« und stieg zitternd die Treppe hinauf.

Seit zehn Monaten hatte er das Zimmer nicht betreten und manche Veränderungen waren in demselben vor sich gegangen. Der Raum schien seine Majestät eingebüßt zu haben. Die verblichenen, nach Tabak riechenden Vorhänge, der schadhafte, algerische Divan, der an vielen Stellen geborstene Eichentisch, das staubige Tintenfaß und die verrosteten Federn bewiesen, daß Geschwätz und Müßiggang den in einer Bierstube herrschenden Allerweltston hergebracht hatten.

Nur der Stuhl Heinrichs II. thronte mit unveränderter Würde inmitten aller dieser Trümmer. Hierher hatte sich d'Argenton gesetzt, um den Knaben zu empfangen, während Labassindre und Doktor Hirsch wie zwei Gerichtsbeisitzer zu beiden Seiten standen und die Gäste dieser Woche, der Neffe von Berzelius und zwei oder drei Graubärte sich hinter einer Rauchwolke auf den Divan streckten.

Jack erfaßte alles mit einem Blick: die Gerichtsversammlung, den Richter, die Zeugen und die Mutter, die drüben am offenen Fenster stand und starr ins Land hinausblickte, wie um ihre Aufmerksamkeit, ihre Verantwortlichkeit von dem, was nun kommen sollte, abzulenken.

»Tritt näher, mein Sohn,« sagte der Dichter, welcher in seinem Eichenstuhl zuweilen das Bedürfnis empfand, altertümlich zu reden, »tritt näher.«

Seine klare, deutliche Stimme hatte einen so harten, unbiegsamen Tonfall, daß man glauben konnte, es sei Heinrichs II. Stuhl, der da sprach.

»Ich habe Dir oft genug gesagt, Knabe, das Leben ist kein Kinderspiel. Du hast darüber nachdenken können, als Du mich leiden und in der ersten Reihe kämpfen sahest, ohne Zeit und Kraft zu schonen, oft ermüdet, niemals besiegt und trotz der Mißgunst des Schicksals stets bemüht, den guten Kampf zu kämpfen. Jetzt bist Du an der Reihe, in die Schranken zu treten, Du bist nun ein Mann.«

Der arme Kleine war erst zwölf Jahre alt.

»Du bist nun ein Mann. Es ist nun an Dir, uns zu beweisen, daß Du nicht nur das Alter und die Körpergröße, sondern auch das Herz dazu hast. Ich habe Dir ein Jahr Zeit gelassen, damit Du Dich in der freien Natur entwickeln und Muskeln und Geist stählen solltest. Andere haben mich beschuldigt, mich nicht um Dich zu kümmern. Oh List! ... Ich habe Dich im Gegenteil überwacht, Dich beobachtet, und Dich keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Dank dieser langen, mühsamen Arbeit, und besonders Dank der unfehlbaren Beobachtungsmethode, die ich mir, zu besitzen, schmeichle, kenne ich Dich nun. Ich weiß, wie Dein Geist, Deine Fähigkeiten, Dein Temperament ist. Ich weiß, was zu Deinem Besten geschehen mußte, und nachdem ich Deiner Mutter meine Beobachtungen unterbreitet habe, ist das Nötige geschehen.

Hier hielt d'Argenton in seiner Rede inne, um die Glückwünsche Hirschs und Labassindres entgegen zu nehmen, während der Neffe von Berzelius und die mit ihren Pfeifen beschäftigten beiden anderen die Köpfe wie Pagoden bewegten und sich damit begnügten, mit weiser Miene »sehr gut«, »sehr gut« zu wiederholen.

Jack versuchte, ganz bestürzt, irgend etwas aus diesem unverständlichen Satzgefüge zu verstehen, welches wie eine Gewitterwolke hoch über seinem Kopfe dahinzog. »Was soll denn mit mir geschehen,« fragte er sich.

Was Charlotte anbetraf, so sah sie noch immer, die Hand über die Augen gelegt, zum Fenster hinaus und beobachtete, ich weiß nicht was, dort hinten.

»Laßt uns zur Sache kommen,« sagte plötzlich der Dichter, indem er sich in seinem Stuhl zurechtsetzte, mit schneidender Stimme, die das Kind wie ein Peitschenhieb traf. »Der Brief, den Du jetzt anhören sollst, wird Dich eher aufklären, als alle Auseinandersetzungen. Fange an Labassindre.«

Ernsthaft wie der Schreiber bei einem Kriegsgericht, zog der Sänger einen Bauer- oder Bettelbrief aus der Tasche, der ungeschickt zusammengefaltet und gesiegelt war, und las nach mehrmaligem dumpfen Räuspern:

»Gießerei Indret (Untere Loire).

Mein lieber Bruder!

Wie ich Dir in meinem letzten Briefe versprach, habe ich mit dem Direktor über den jungen Mann gesprochen. Und trotzdem der junge Mann noch sehr jung und noch nicht zum Lehrling geeignet ist, so hat der Direktor doch erlaubt, daß ich ihn in die Lehre nehme. Er bekommt bei uns Wohnung und Kost, und ich verspreche Dir in vier Jahren einen guten Arbeiter aus ihm zu machen. Hier geht es allen gut. Meine Frau und Zenaide lassen Dich vielmals grüßen und der Nanteser und ich auch. –

Roudic, Hüttenwerkmeister.»

»Hörst Du, Jack,« rief d'Argenton mit blitzenden Augen und erhobenem Arm, »in vier Jahren bist Du ein tüchtiger Arbeiter, das ist das Schönste, Stolzeste, was es auf dieser geknechteten Erde giebt. In vier Jahren bist Du etwas Heiliges, ein tüchtiger Arbeiter!«

O ja, er hatte es wohl gehört, ein tüchtiger Arbeiter! Nur begriff er noch nicht recht und dachte nach.

In Paris hatte er zuweilen Arbeiter gesehen. Sie wohnten in dem Zwölfhäuser-Gäßchen, und den nahen Fabriken entströmten um sechs Uhr Scharen von Männern in fleckigen Blusen und schwarzen, groben, abgearbeiteten Händen.

Der Gedanke, daß er eine Blouse tragen würde, machte ihn anfangs stutzig. Der verächtliche Ton fiel ihm ein, in dem seine Mutter früher sagte, »es sind Arbeiter, Blousenmänner«, und die Sorgfalt, mit der sie auf der Straße die Berührung mit ihren beschmutzten Kleidern vermied. Alle die schönen Redensarten Labassindres über die Thätigkeit und den Einfluß des Arbeiters im neunzehnten Jahrhundert milderten und widerlegten diese unbestimmten Eindrücke. Was er klar begriff, war die trostlose Gewißheit, daß er fort sollte, den grünen Wald, dessen Wipfel er von hier aus sah, das Rivalssche Haus, die Mutter, die er so schwer erobert hatte und so liebte, verlassen mußte.

Weshalb um Gotteswillen stand sie noch immer am Fenster, unbekümmert um das, was vorging? Nein, jetzt war ihre gleichgiltige Regungslosigkeit vorbei. Ein krampfhaftes Zittern schüttelte sie und die Hand, die sie über die Augen hielt, sank herab, um Thränen zu verbergen. Sie mußte wohl etwas Trauriges dort hinten am Horizont sehen, wo der Tag sich neigt und soviel Träume, Hoffnungen und Zärtlichkeiten verschwinden.

»Ich muß also fort?« fragte der Knabe mit erloschener Stimme, ganz mechanisch, als ließ er seinen Gedanken, den einzigen Gedanken, der ihn beherrschte, sprechen. Bei dieser naiven Frage sahen sich alle Mitglieder der Gerichtssitzung mit mitleidigem Lächeln an; aber vom Fenster her vernahm man heftiges Schluchzen.

»Wir reisen in acht Tagen, mein Junge,« versetzte Labassindre kurz und bündig; »ich habe meinen Bruder lange nicht gesehen. Das wird mir Gelegenheit geben, mich am Feuer meiner alten Schmiede zu erholen, potztausend.«

Mit diesen Worten streifte er den Ärmel hoch und dehnte die Muskeln seiner dicken, tätowierten haarigen Arme.

»Er ist köstlich,« bemerkte Doktor Hirsch.

Aber d'Argenton, der die Weinende am Fenster nicht aus den Augen ließ, sah zerstreut aus und hatte die Brauen finster zusammengezogen.

»Du kannst Dich zurückziehen, Jack, und Dich bereit halten, in acht Tagen abzureisen.«

Jack stieg bestürzt und fassungslos hinab und wiederholte beständig »in acht Tagen, in acht Tagen.« Die Pforte nach der Straße war offen. Er stürzte wie er war, mit bloßem Kopf hinaus, rannte durch Etiolles bis zur Thür seiner Freunde, und da ihm der Doktor begegnete, so unterrichtete er ihn in wenigen Worten von dem Vorgefallenen.

Herr Rivals war empört.

»Einen Arbeiter! Sie wollten einen Arbeiter aus Dir machen! Das nennen sie für Deine Zukunft sorgen! Warte, warte! Ich selbst werde mit Deinem Herrn Stiefvater reden.«

Wer den braven Doktor laut redend und gestikulierend durch das Dorf laufen sah, den kleinen Jack ohne Hut und außer Atem an seiner Seite, der sagte, »es muß jemand im Erlenhäuschen krank sein.«

Aber es war niemand krank, gewiß nicht. Als der Arzt eintrat, ging man zu Tisch, denn infolge des anspruchsvollen Magens des Dichters, und der Langeweile, aß man immer früher.

Alle Gesichter waren heiter und selbst Charlotte hörte man trällernd die Treppe herabkommen.

»Ich möchte ein Wort mit Ihnen sprechen, Herr d'Argenton,« sagte der alte Rivals mit bebenden Lippen.

Der Dichter streichelte seinen langen Schnurrbart.

»Schön, Doktor, setzen Sie sich dahin. Sie sollen gleich einen Teller bekommen und können uns Ihr Wort beim Frühstück sagen.«

»Nein, danke, ich habe keinen Hunger und dann ist das, was ich Ihnen und der gnädigen Frau,« damit grüßte er die eintretende Charlotte, »zu sagen habe, eine vertrauliche Mitteilung.«

»Ich ahne wohl, was sie hergeführt hat,« sagte d'Argenton, der ein Alleinsein mit dem Doktor scheute. »Sie kommen des Knaben wegen.«

»Ganz recht.«

»In diesem Falle können Sie ruhig sprechen. Die Herren wissen, worum es sich handelt und meine Handlungen sind ehrenhaft und uneigennützig genug, sodaß sie das Licht nicht scheuen brauchen.«

»Aber mein Lieber,« wagte Charlotte einzuwenden, welche diese Auseinandersetzung vor allen Zeugen aus mehreren Gründen fürchtete.

»Sprechen Sie, Doktor,« sagte d'Argenton frostig.

Dieser begann, dem Tische gegenüberstehend:

»Jack teilte mir soeben mit, daß Sie ihn als Lehrling nach dem Hüttenwerk von Indret schicken wollen, ist das wahr?«

»Sehr wahr, lieber Doktor.«

»Nehmen Sie sich in Acht,« rief Herr Rivals an sich haltend, »dies Kind ist nicht für ein so schweres Handwerk erzogen. Mitten in seiner Entwickelung wollen Sie es in eine neue Umgebung hineinschleudern? Sie setzen seine Gesundheit, sein Leben aufs Spiel. Er ist nicht stark genug dazu.«

»O erlauben Sie, lieber Kollege,« unterbrach ihn Doktor Hirsch feierlich.

Herr Rivals zuckte die Achseln und fuhr, ohne ihn auch nur anzusehen, fort:

»Ich sage es Ihnen, gnädige Frau« (er mühte sich, Charlotte anzureden, welche dieser Appell an ihre gebändigten Gefühle eigentümlich verwirrte), »Ihr Kind ist einem solchen Leben unmöglich gewachsen; Sie als Mutter kennen es doch. Sie wissen, daß es eine feine, zarte, widerstandslose Natur ist. Und ich spreche nur von der physischen Anstrengung. Aber glauben Sie nicht, daß ein so begabtes Kind, dessen reger Geist schon für das Studium vorbereitet ist, tödlich unter dieser erzwungenen Erniedrigung und dem Brachliegen all' seiner geistigen Kräfte, zu dem Sie es verdammen wollen, leiden muß?«

»Sie täuschen sich, Doktor,« sagte d'Argenton, der sich ärgerte. »Ich kenne den Betreffenden besser, als irgend jemand. Ich habe ihn arbeiten lassen. Er taugt nur zur Handarbeit; dazu ist die Fähigkeit vorhanden, nur dazu. Und wenn ich ihm die Hand dazu biete, diese Fähigkeit zu entwickeln, ihm ein goldenes Handwerk anbiete, so läuft der Bursche, anstatt mir zu danken, und beklagt sich und sucht außerhalb des Hauses bei Freunden Schutz.«

Jack versuchte zu widersprechen. Sein Freund überhob ihn der Mühe. »Er hat sich nicht beklagt, sondern mir nur Ihren Entschluß mitgeteilt. Und ich habe ihm gesagt und wiederhole es noch einmal vor Ihnen: »Jack, mein Junge, laß Dir's nicht gefallen. Falle Deinen Eltern um den Hals, Deiner Mutter, die Dich liebt, dem Gatten Deiner Mutter, der Dich um ihretwillen lieben muß. Bitte, beschwöre sie. Frage sie, was Du ihnen zugefügt hast, daß sie Dich so erniedrigen, so tief herabsetzen wollen.«

»Doktor,« bemerkte Labassindre mit einem Faustschlag, der den Tisch erschütterte. »Arbeit erniedrigt den Menschen nicht, sondern veredelt ihn. Christus handhabte den Hobel schon mit zehn Jahren.«

»Das ist allerdings wahr,« murmelte Charlotte, welche im Geiste ihren Jack als kleinen Jesus mit seiner kleinen Hobel in der Fronleichnamsprozession vorüberziehen sah.

»Lassen Sie sich doch nicht mit solchen Alfanzereien fangen, gnädige Frau,« schrie der Doktor hitzig. »Aus dem Knaben einen Arbeiter machen, heißt ihn für immer von sich entfernen. Sie können ihn ans Ende der Welt schicken und er wird Ihrem Geist und Herzen näher sein, denn es besteht eine geistige Verbindung zwischen Ihnen, welche die Entfernung nicht hindert, welche aber ein gesellschaftlicher Unterschied auf immer vernichtet. Sie werden sehen! Ein Tag wird kommen, wo Sie über ihn erröten werden, wo Sie finden werden, daß er grobe Hände, eine plumpe Ausdrucksweise, andere Gefühle, als Sie hat; ein Tag, wo er vor Ihnen, seiner Mutter, wie vor einer Fremden höheren Standes, nicht nur gedemütigt, sondern zu Grunde gerichtet stehen wird.«

Jack, der noch kein Wort gesprochen hatte, sondern, in eine Ecke gedrückt, aufmerksam zuhörte, wurde durch den bloßen Gedanken an eine Entfremdung zwischen sich und seiner Mutter erregt. Er that einen Schritt ins Zimmer hinein und sagte mit fester, entschlossener Stimme:

»Ich will kein Arbeiter werden.«

»O Jack,« murmelte Charlotte matt.

Nun ergriff d'Argenton das Wort.

»So, Du willst nicht Arbeiter werden? Seht einmal an! Der junge Herr will eine von mir beschlossene Sache nicht annehmen! Du willst also kein Arbeiter werden? aber Du willst essen, nicht wahr? Und Du willst Dich kleiden, schlafen, spazieren gehen! Nun, ich erkläre, daß ich Deiner müde bin, abscheulicher, kleiner Schmarotzer, und wenn Du nicht arbeiten willst, so will ich auch nicht länger der Gefoppte sein.«

Er hielt plötzlich inne und ging vom wahnsinnigen Zorn in jene Kälte über, welche sein Benehmen kennzeichnete.

»Geh' in Dein Zimmer,« befahl er, »ich weiß, was ich zu thun habe.«

»Was Sie, lieber d'Argenton zu thun haben, werde ich Ihnen sagen ...«

Aber Jack hörte das Ende von Herrn Rivals Satz nicht mehr, eine Bewegung d'Argentons hatte ihn hinausgewiesen.

In sein Zimmer drang der Lärm des Streites wie einzelne Partien eines Orchesters. Er unterschied und erkannte alle Stimmen, aber sie gingen in einander und das verursachte einen mißtönenden Lärm, über welchen nur einzelne, abgerissene Sätze schwebten.

»Da haben Sie gelogen.«

»Meine Herren, meine Herren ...«

»Das Leben ist kein Kinderspiel.«

»Der Arbeiterkittel, buh, buh!«

Endlich ertönte die Donnerstimme des alten Rivals auf der Schwelle. »Ich will hängen, wenn ich jemals wieder einen Fuß in dies Haus setze.«

Dann wurde die Thür heftig zugeschlagen und im Eßzimmer herrschte tiefes, nur von dem geschäftigen Geräusch der Messer und Gabeln unterbrochenes Stillschweigen.

Sie frühstückten.

»Sie wollen ihn erniedrigen, ihn tief herabsetzen,« der Knabe hatte diesen Satz behalten und fühlte ganz genau, daß das wirklich die Absicht seines Feindes war.

»Nein, tausendmal nein, er wollte kein Arbeiter werden.«

Die Thür öffnete sich, seine Mutter trat ein.

Sie hatte heftig geweint und zwar wirkliche Thränen; welche Spuren zurücklassen. Zum erstenmal erschien auf diesem jungen, hübschen Frauengesicht der schmerzliche, gequälte Ausdruck einer Mutter.

»Höre, Jack,« sagte sie, indem sie streng zu sein versuchte, »ich muß ernsthaft mit Dir reden. Du verursachst mir viele Sorge, indem Du Dich offen gegen Deine Freunde auflehnst und die Stellung, welche sie Dir bieten, anzunehmen Dich weigerst. Ich weiß wohl, daß der neue Lebensberuf ...«

Während sie so sprach, vermied sie den Blick des Knaben, einen so schmerzlichen, vorwurfsvollen, flehenden Blick, daß sie ihm nicht widerstanden hätte.

»Daß dieser neue Lebensberuf, welchen wir für Dich herbeisehnen, im Widerspruch zu dem Leben steht, welches Du bis auf den heutigen Tag geführt hast. Ich gestehe, daß ich selbst im ersten Augenblick entsetzt war, aber Du hast doch gehört, was Dir gesagt wurde, nicht wahr? Die Stellung des Arbeiters ist nicht mehr so wie früher, oh nein, keineswegs. Du weißt doch, daß der Arbeiter jetzt an der Reihe ist. Das Bürgertum hat sich überlebt, der Adel auch. Obgleich indessen der Adel ... Und schließlich ist es doch in Deinem Alter viel richtiger, sich von Personen leiten zu lassen, die Dich lieben und Erfahrung besitzen.«

Ein Schluchzen ihres Kindes unterbrach sie.

»Also auch Du, Du ... jagst mich fort?«

Diesmal hielt sich die Mutter nicht länger. Sie nahm ihn in die Arme und preßte ihn leidenschaftlich an sich.

»Ich Dich fortjagen? Glaubst Du das? Ist das möglich? Nun beruhige Dich, zittere nicht, rege Dich nicht so auf. Du weißt, daß ich Dich lieb habe und daß, wenn es von mir abhinge, wir uns niemals trennen würden. Aber wir müssen vernünftig sein und ein wenig an die Zukunft denken ... Ach, die Gegenwart ist schon traurig genug für uns.«

Und in einem Wortschwall, der ihr zuweilen in Abwesenheit des Gebieters entströmte, versuchte sie, Jack mit allerhand Pausen und Gedankenstrichen ihre schiefe Lebensstellung auseinanderzusetzen. »Siehst Du, mein Schatz, Du bist noch sehr jung; es giebt Sachen, die Du noch nicht verstehen kannst. Eines Tages, wenn Du erst größer bist, werde ich Dir das Geheimniß Deiner Herkunft enthüllen, ein wahrer Roman, mein Lieber; ich werde Dir den Namen Deines Vaters nennen und Dir erzählen, wie Deine Mutter das Opfer eines schweren Geschickes wurde. Aber heute mußt Du wissen und begreifen, daß uns nichts gehört, mein armes Kind, und daß wir ganz und gar von »Ihm« abhängen. Wie soll ich mich Deiner Abreise widersetzen, besonders da ich weiß, daß er Dich nur zu Deinem Besten reisen läßt? Ich kann nichts von ihm fordern, er hat schon soviel für uns gethan. Und dann ist er selbst nicht sehr reich und dieses schreckliche Künstlerleben ist so kostspielig. Er kann nicht auch noch die Kosten Deiner Erziehung tragen. Wie soll ich zwischen Euch beiden stehen? Ja, wenn ich an Deiner Stelle nach diesem Indret gehen könnte! Denke daran, daß Du nun ein Handwerk ergreifen kannst. Wirst Du nicht stolz sein, von keinem Menschen mehr abzuhängen, Dir Dein Brot selbst zu verdienen, Dein eigener Herr zu sein?«

An dem Aufleuchten seiner Augen merkte sie, daß sie das Richtige getroffen hatte und mit der einschmeichelnden, kosenden Stimme, welche alle Mütter haben, murmelte sie leise:

»Thue es für mich, Jack. Willst Du? Sei bald imstande, Deinen Lebensunterhalt zu erwerben. Wer weiß, ob ich nicht eines Tages genötigt sein werde, bei Dir, meiner einzigen Stütze, meinem einzigen Freunde, Zuflucht zu suchen!«

Glaubte sie wirklich, was sie sagte?

War es eine Ahnung? einer jener plötzlichen Ausblicke in die Zukunft, welche ihr das Schicksal und den Unstern ihres eigenen Daseins zeigte.

Jedenfalls konnte sie nichts besseres finden, um diese edelmütige, kleine Seele zu rühren. Er sah ihr fest in die Augen:

»Versprich mir, daß Du mich immer lieben und Dich meiner niemals schämen wirst, wenn ich schwarze Hände habe.«

Statt aller Antwort bedeckte sie ihn mit Liebkosungen und verbarg ihre Gewissensbisse unter stürmischen Küssen. Aber er entzog sich ihnen und wandte sich der Treppe zu.

»Schnell, Mama, ich will Ihnen sagen, daß ich einwillige.«

Unten saß man noch bei Tische.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Jack eintretend zu d'Argenton. »Ich that Unrecht, Ihr Anerbieten zurückzuweisen, ich nehme es jetzt an.«

»Gut, mein Kind,« sagte der Dichter feierlich, »ich zweifelte nicht, daß Nachdenken Deinen Widerstand überwinden würde. Danke unserm Freund Labassindre, denn ihm verdankst Du Dein Glück.«

Der Sänger hielt Jack seine breite Tatze hin.

»Topp, mein Alter,« sagte er wie zu einem alten Kameraden, der mit ihm in einer Werkstatt arbeitet, und seit diesem Augenblick redete er ihn nur noch mit diesem familiären Arbeiterausdruck an.

Während der letzten acht Tage lief Jack durch den ganzen Wald. Er war sehr traurig, aber am meisten betrübte es ihn, daß er nicht zu Rivals gehen und Cäcilie Adieu sagen konnte.

»Siehst Du, Jack, nach der Szene, welche die Herren miteinander gehabt haben, würde es nicht passend sein,« erwiderte Charlotte auf alle Bitten ihres Sohnes.

Endlich am Vorabend der Abreise erlaubte d'Argenton, daß der Knabe von seinen Freunden Abschied nähme. Er ging am Abend hin. Niemand war im Vorzimmer oder in der Apotheke. Nur aus der Bibliothek fiel ein Lichtstrahl. Der Doktor war da, sehr beschäftigt, eine Kiste mit Büchern zu packen.

»Da bist Du ja,« sagte er, »ich war sicher, daß Du nicht abreisen würdest, ohne mir Adieu zu sagen. Sie wollten Dich nicht her lassen, was? Ich bin ein wenig zu lebhaft gewesen, meine Frau hat mich schön gescholten! Sie ist übrigens gestern mit der Kleinen in die Pyrenäen gereist, die Kleine ist nicht ganz wohl. Ich habe die Unvorsichtigkeit begangen, ihr Deine Abreise plötzlich ohne Schonung mitzuteilen ... Oh diese Kinder, man glaubt, sie empfinden nicht und dabei ist ihr Kummer heftiger, als der unsere.«

Er sprach jetzt zu Jack, wie zu einem Erwachsenen, und dennoch fühlte sich der alte Jack bei dem Gedanken, daß seine kleine Freundin seinetwegen krank sei und er sie nicht wiedersehen sollte, zu Thränen gerührt.

Er betrachtete die ringsumher gestreuten Bücher, die der alte Doktor in die Kiste packte und infolgedessen schon einen Teil seiner Bibliothek ausgeräumt hatte.

»Weißt Du, was ich mache, Kleiner?«

»Nein, Herr Rivals.«

»Ich suche Bücher für Dich aus, gute, alte Schwarten, die Du mitnehmen und lesen sollst, verstehst Du mich, so oft Du Zeit hast. Denke wohl daran, mein Kind, Bücher sind die besten Freunde. Du wirst sie vielleicht nicht alle gleich verstehen, aber das schadet nichts, Du mußt sie immer wieder lesen, versprichst Du es mir?«

»Ja, Herr Rivals.«

»So, nun ist der Koffer voll. Ich werde ihn Dir morgen schicken. So, nun will ich Dir Lebewohl sagen.«

Und der brave Mann nahm seinen Kopf zwischen seine beiden großen Hände und küßte ihn herzlich.

»Für mich und Cäcilie,« sagte er mit gütigem Lächeln und während er die Thür schloß, hörte ihn Jack murmeln: »Armes Kind, armes Kind.« Das war wie in Vaugirard bei den Priestern, nur wußte er heute, weshalb man ihn beklagte.

Am nächsten Morgen versetzte die Abreise das Erlenhäuschen in große Aufregung.

Man lud das Gepäck auf einen Karren. Labassindre, der in hohen Gamaschen, Samtjacke, Sombrero und Ledergürtel aussah, als wolle er eine Expedition in die Pampas unternehmen, ging ab und zu und sang seinen Ton. Der Dichter sah ernst und freudestrahlend zugleich aus und Charlotte umarmte Jack immer wieder und sah nach, ob es ihm an nichts fehlte.

Nein, es fehlte nichts, er war sogar für einen Arbeiter viel zu gut gekleidet in seinem schottischen Kostüm.

»Achten Sie recht auf ihn, Herr Labassindre.«

»Wie auf meinen Ton, gnädige Frau.«

»Jack ...« »Mama« –

Noch eine letzte Umarmung. Charlotte schluchzte, während der Knabe seine Bewegung unterdrückte; der Gedanke, daß er für seine Mutter arbeiten würde, stärkte den alten Jack. An der Biegung des Weges wandte er sich um, sich das Bild des Hauses, des Waldes und des unter Thränen lächelnden Frauenantlitzes einzuprägen.

»Schreibe recht oft, Jack,« rief ihm die Mutter zu und der Dichter setzte feierlich hinzu:

»Jack, denke daran, das Leben ist kein Kinderspiel!«

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