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Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
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Zehntes Kapitel.
Cäcilie.

»Wohin gehen Sie denn so früh?« fragte Doktor Hirsch, langsam aus seinem Zimmer kommend, Charlotte, welche in großer Toilette, ein Gebetbuch in der Hand, von Jack gefolgt, dem sie das verlängerte, aber immer noch zu kurze Lieblingskostüm angezogen hatte, dastand.

»Wir gehen zur Messe, mein Lieber. Ich opfere heute geweihtes Brot, hat es Ihnen d'Argenton nicht gesagt? Schnell, beeilen Sie sich, heute muß jeder in der Kirche sein.«

Es war der fünfzehnte August, Mariä Himmelfahrt. Sehr geschmeichelt von der Ehre, welche ihr zuteil wurde, ging Frau d'Argenton beim letzten Glockenschlag fort und nahm mit dem Knaben in einem reservierten Stuhle nahe dem Chore Platz. Die Kirche war im Festschmuck, sonnig und mit Blumen verziert. Die Chorknaben und die Kanzel hatten frischgeplättete, weiße Überzüge. Vor dem Pult erhoben sich auf einem einfachen Tisch die vergoldeten Aufsätze mit geweihtem Brot. Um das Bild zu vervollständigen, waren alle Waldhüter in grünem Festanzug, mit Messer und Karabiner an der Seite, gekommen, um an dem Te Deum teilzunehmen, weshalb die Wilderer und Holzdiebe einen guten Tag hatten.

Sicherlich wäre Ida von Barancy vor einem Jahre sehr erstaunt gewesen, wenn man ihr gesagt hätte, daß sie eines Tages unter dem Namen einer Vicomtesse d'Argenton im Chor einer Dorfkirche sitzen und mit ihrer ehrbaren Haltung, ihren auf das Buch gesenkten Augen den Eindruck einer verheirateten Frau machen würde. Diese neue Rolle amüsierte sie. Sie beaufsichtigte Jack, wendete andächtig die Seiten seines Gebetbuches um und neigte sich mit erbaulichem Rauschen ihres Kleides.

Als der Klingelbeutel umgehen sollte, holte der Kirchendiener den kleinen Jack und flüsterte der Mutter ins Ohr, um sie zu fragen, welches kleine Mädchen er auffordern sollte, den Beutel zu halten. Charlotte zögerte einen Augenblick. Sie kannte fast niemand von dieser sonntäglichen Versammlung, welche Blumenhüte und Pariser Krinolinen statt der Alltagskittel und Kopfbedeckungen trug. Da bezeichnete ihr der Kirchendiener die Enkelin des Doktor Rivals, ein niedliches Mädchen, welches auf der anderen Seite des Chores neben einer schwarzgekleideten alten Dame saß.

Die beiden Kinder folgten der majestätischen Hellebarde, welche ihren kleinen Schritten den Takt angab; Cäcilie mit einem Samtbeutel, welcher viel zu groß für ihre kleinen Hände war, während Jack eine große, mit künstlichen Blumen und Flittern geschmückte Wachskerze hielt. Sie sahen beide reizend aus, er in seinem Schottenanzug, der ihn noch größer erscheinen ließ, sie einfach gekleidet, mit herabfallenden Zöpfen, welche ihr mattbleiches, von perlgrauen Augen belebtes Gesicht umgaben. Ein süßer Duft nach geweihtem Brod und Weihrauch umflutete sie, wie der Atem des Sonntags und des Kirchenfestes. Cäcilie sammelte mit freundlichem Lächeln ein; Jack war ernst. Die kleine Hand, welche unter dem weißseidenen Handschuh in der seinen bebte, fühlte sich wie ein noch vom Flaum bedecktes Vögelchen an. Ahnte er, daß die kleine Hand einst seine Freundin werden, daß ihm später alles Glück im Leben von ihr kommen würde?

Sie kamen und gingen durch die Bänke.

»S' ist ein hübsches Paar,« sagte die Frau des Waldhüters, als sie an ihr vorbeigingen; dann setzte sie leise, daß es keiner hören sollte, hinzu: »Arme Kleine. Sie wird noch hübscher, als ihre Mutter. Gott gebe, daß ihr nicht auch soviel zustößt.«

Als das Einsammeln beendet war, glaubte Jack, der auf seinen Platz zurückgekehrt war, noch die Berührung der kleinen, leichten Hand zu fühlen, aber sein Glück sollte damit noch nicht zu Ende sein. Beim Hinaustreten auf den kleinen Platz, wo die Helme der Feuerwehrleute, die Büchsen der Heger zwischen dem Kleidergemisch in der Sonne funkelten, näherte sich Frau Rivals d'Argenton und bat ihn um Erlaubnis, Jack zum Frühstück mit sich nehmen und den Nachmittag über bei sich behalten zu dürfen, um mit seiner Almosensammlerin zu spielen. Charlotte errötete vor Freude, zupfte die Kravatte des Knaben zurecht, strich ihm über die schönen Haare und küßte ihn:

»Sei artig!«

Und die beiden Kinder schritten wie bei dem feierlichen Marsch in der Kirche zusammen vor der Großmama her, welche ihnen kaum folgen konnte.

Wenn Jack seit diesem Tag nicht zu Haus war und man fragte »wo ist er?« so lautete die Antwort nicht mehr »im Walde,« sondern ganz gewiß: »Er ist bei Rivals.«

Der Arzt bewohnte ganz am Ende des Dorfes auf der dem Erlenhäuschen entgegengesetzten Seite ein einstöckiges Haus, ähnlich den Bauernhäusern, welches sich von diesen nur durch einen neben der Thür befindlichen Klingelknopf und ein Messingschild mit dem Worte »Nachtglocke« unterschied. Es schien alt zu sein, hatte starke Fensterläden und geschwärzte Mauern, aber einige unvollendete, moderne Verzierungen bewiesen, daß man einst die Absicht hatte, es zu verjüngen und daß ein plötzlicher Zwischenfall das alte Haus bei seiner Toilette unterbrochen hatte. So wartete ein Zinkgerüst vor der Thür darauf, daß man ihm ein Glasdach auflegte. So hatte man rechts in dem kleinen, mit Bäumen bestandenen Hof den Bau eines Pavillons begonnen und dicht über dem Erdgeschoß aufgehört, sodaß Fenster und Thüren viereckige Löcher bildeten. Das Unglück der armen Leute war gerade mitten zwischen die Verbesserungen gekommen und infolge eines Aberglaubens, den alle diejenigen, welche lieben, begreifen werden, waren die Arbeiten unterbrochen, verlassen worden.

Seitdem waren acht Jahre verstrichen. Seit acht Jahren war alles in diesem Zustande verblieben und wenn sich auch jedermann im Dorfe daran gewöhnt hatte, so verlieh doch dieses Unfertige der ganzen Besitzung das entmutigte Äußere eines Menschen, dem alles gleich ist, der sich bei jeder Veranlassung sagt: Wozu? Das Aussehen der Menschen glich ihrer Umgebung. Von Frau Rivals an, welche noch nach acht Jahren um ihre Tochter trauerte, ohne ihre Kleidung durch eine weiße Haube freundlicher zu gestalten, bis auf die kleine Cäcilie, welche auf ihrem Kindergesicht einen frühreifen, ernsten Ausdruck trug, und bis auf die alte Dienerin, welche den braven Leuten schon seit dreißig Jahren diente, und einen Teil ihres Unglücks mittrug, lebten alle unter demselben Druck, derselben schweigsamen Trauer.

Der Doktor allein entzog sich diesem Einfluß. Seine Fahrten in frischer Luft, die Zerstreuung des Weges, vielleicht auch die Philosophie des Menschen, welcher oft sterben sieht, vervollständigten die natürlichen Anlagen eines nach außen lebenden beweglichen und gern fröhlichen Gemüts.

Während die fortwährende Anwesenheit Cäciliens, in welcher sie die Züge der Mutter wiederfand, Frau Rivals Trauer beständig erneuerte, gewann der Doktor seine heitere Stimmung in dem Maße wieder, als ihn die heranwachsende Kleine nach und nach an die Verlorene erinnerte. Wenn er den ganzen Tag unterwegs gewesen war, und sich nach dem Essen, während die Frau sich noch in der Wirtschaft beschäftigte, mit dem Kinde allein befand, bekam er oft Anwandlungen jugendlicher Heiterkeit, sang mit lauter Stimme Matrosenlieder und hielt erst auf einen vorwurfsvollen Blick inne, den ihm Frau Rivals beim Eintreten zuwarf und der zu sagen schien: »Denke daran,« als ob er an ihrem Unglück schuld gewesen wäre.

In dieser Umgebung verbrachte Cäcilie eine traurige Kindheit. Sie kam wenig heraus, lebte im Garten oder in einem mit Fächern, Kräuterbündeln und Wurzeln angefüllten Zimmer, welches Apotheke genannt wurde. Aus diesem Raum führte eine stets verschlossene Thür in das Zimmer der soviel beweinten, jungen Frau, in welchem alle Abschnitte ihres kurzen Lebens durch irgend ein Andenken bezeichnet waren. Spielzeug, Bücher, Bilder, Kleider. Ein ganzes Museum vergilbter Reliquien.

Die kleine Cäcilie stand oft nachdenklich vor dieser wie eine Gruft verschlossenen Thür. Sie grübelte überhaupt zuviel. Man hatte sie niemals in die Schule geschickt, als fürchte man die Berührung mit den Dorfkindern, und diese Einsamkeit bekam ihr nicht. Es fehlte ihr jene ungestüme Lebenskraft, dieses Schreien ohne Ursache, das tolle Quietschen, wie man es von unbeobachteten Kindern hört.

»Sie muß Zerstreuung haben,« sagte Herr Rivals zu seiner Frau. »Der kleine d'Argenton ist ein reizender, verständiger Junge, ungefähr in ihrem Alter.«

»Ja, aber weißt Du denn, was das für Leute sind? Woher sind sie? Keiner kennt sie,« erwiderte die stets mißtrauische Frau Rivals.

»Die besten Menschen, meine Liebe. Er ist allerdings sehr absonderlich, aber die Künstler ... Du weißt schon. Die Frau ist ein wenig beschränkt, aber sonst gutmütig. Und was die Rechtschaffenheit anbelangt, so stehe ich dafür.«

Frau Rivals schüttelte den Kopf, sie traute dem Scharfblick ihres Gatten nicht besonders.

»Ach ja. Du!«

Und sie seufzte vorwurfsvoll.

Der alte Rivals senkte den Kopf wie ein Sünder, aber er hielt an seiner Idee fest.

»Du sollst sehen, die Kleine langweilt sich. Sie wird uns schließlich noch krank werden. Und dann ... Der kleine Jack ist ein Kind, Cäcilie auch. Was soll den passieren?«

Endlich ließ sich die Großmutter bestimmen und Jack wurde Cäciliens Spielgefährte.

Ein neues Leben begann für ihn. Er kam anfangs selten, dann öfter, schließlich alle Tage.

Frau Rivals gewann das freundliche, zartfühlende, durch Gleichgültigkeit bedrückte Kindergemüt sehr bald lieb. Sie merkte, daß der Kleine vernachlässigt wurde, daß ihm stets Knöpfe an der Jacke fehlten und daß er den ganzen Tag frei von Unterricht und Schularbeiten war.

»Gehst Du nicht zur Schule, mein kleiner Jack?«

»Nein Madame.«

Er fügte hinzu, denn Kinderherzen besitzen oft einen Schatz von Zartgefühl:

»Mama lehrt mich.«

Es wäre der armen Charlotte mit ihrem Vogelhirn wohl sehr schwer geworden; auch war es sehr wohl zu merken, daß seine Eltern sich nicht mit ihm beschäftigten.

»Es ist unglaublich,« sagte Frau Rivals zu ihrem Manne, »sie lassen das Kind den ganzen Tag müßig gehen.«

»Was willst Du?« antwortete der Doktor entschuldigend, »ich glaube, er will nicht arbeiten, oder kann es wenigstens nicht, er hat einen schwachen Kopf!«

»Jawohl, einen schwachen Kopf, und dann will es sein Stiefvater nicht haben. Die Kinder erster Ehe sind stets die Unterdrückten.«

Jack fand wahre Freunde in diesem Hause. Cäcilie betete ihn an und konnte nicht ohne ihn fertig werden. Sie spielten bei schönem Wetter im Garten oder stiegen zur Apotheke hinauf. Frau Rivals war stets dort. Da es in Etiolles keinen Apotheker gab, so führte sie die einfacheren Verordnungen ihres Mannes aus, bereitete beruhigende Tränkchen, Pulver und Säfte. Während ihrer zwanzigjährigen Thätigkeit hatte die brave Frau manche Erfahrung gesammelt, und in des Doktors Abwesenheit holten viele ihren Rat ein. Die Kinder freuten sich über diese Besuche buchstabierten die auf den undurchsichtigen Gläsern stehenden, fremdartigen lateinischen Worte » sirupus gummi,« oder schnitten Etiketten zurecht und klebten Tüten; er, ungeschickt wie ein Knabe, Cäcilie mit der ernsthaften Sorgfalt eines Mädchens, welches einmal eine tüchtige, auf alle Anforderungen eines häuslichen, arbeitsvollen Lebens vorbereitete Hausfrau werden wird. Das Beispiel der Großmama stand ihr vor Augen. Diese besorgte nicht nur die Apotheke, sondern führte auch die Bücher ihres Mannes, schrieb die Bestellungen ein, buchte die Einkünfte und die im Laufe des Tages gemachten Besuche.

»Nun, wo bist Du heute gewesen?« fragte sie den Doktor bei seiner Ankunft.

Der gute Mann vergaß unterwegs die Hälfte und verschwieg teils absichtlich, teils unabsichtlich einen Teil, denn er war ebenso großmütig, als zerstreut. Rechnungen standen schon seit zwanzig Jahren aus. O, die Unordnung, wenn seine Frau nicht gewesen wäre! Sie schalt ihn sanft, maß ihm seinen Grog zu, sorgte für die geringsten Einzelheiten seiner Toilette und wenn er eben im Begriff war, fortzufahren, rief ihn die Kleine noch einmal und sagte ernsthaft:

»Laß sehen, Großpapa, ob Dir auch nichts fehlt.«

Die Güte dieses Mannes hatte etwas Göttliches an sich.

Man las sie in seinem kindlich klaren, unschuldigen, von kindischer Bosheit freien Blick. Obgleich er in der Welt herumgekommen war und sehr viel Länder und Menschen kannte, hatte ihm doch die Wissenschaft seine Unbefangenheit erhalten. Er glaubte nicht an das Böse und übertrug diese Nachsicht auf alles Lebendige, Menschen wie Tiere. So geschah es, daß er, um sein Pferd, einen alten Gefährten, der ihm schon seit zwanzig Jahren diente, nicht anzustrengen, abstieg, sobald der Weg steil wurde und mit unbedecktem Kopf im Sonnenschein, Wind und Regen neben dem Tiere dahinschritt.

Das Pferd paßte zu seinem Herrn, wie der Herr zu ihm; es wußte, daß der Doktor sich oft auf seinen Besuchen verspätete und wußte daher vor den Thüren der Kranken auf ganz besondere Art an den Zügeln zu zerren. Oder wenn es gerade um die Mittags- oder Frühstücksstunde war, so blieb es mitten auf der Landstraße stehen und wendete sich eigensinnig nach Hause.

»Halt, Du hast Recht,« sagte Rivals.

Dann machten sie rasch Kehrt, oder stritten sich.

»Ach, Du belästigst mich,« brummte der gutmütige Doktor, »hat man je so ein Tier gesehen? Ich habe doch noch einen Besuch zu machen, geh' allein, wenn Du Lust hast.«

Darauf lief er wütend zu seinem Kranken, während das ebenso dickköpfige Pferd ruhig den Heimweg einschlug und den erleichterten, nur noch Bücher und Zeitungen enthaltenden Wagen hinter sich herzog, was die ihm begegnenden Bauern zu der Bemerkung veranlaßte:

»Hoho! Herr Rivals wird wieder einen Streit mit seinem Gaul gehabt haben.«

Von jetzt ab war es ein Vergnügen für den Doktor, die Kinder auf seinen Fahrten mitzunehmen. Das Kabriolet war breit und faßte drei Personen mit Leichtigkeit und zwischen diesen beiden lachenden Gesichtern fühlte der brave Mann die traurigen Gedanken schwinden. Er vergnügte sich wie ein Kind mit den beiden Kindern.

Jack war entzückt, niemals hatte er soviel Wiesen, Wasser und Weinberge gesehen.

»Rate einmal, was dort gesäet ist,« sagte Cäcilie angesichts der weiten, grünen Abhänge, welche wellenartig zur Seine hinabführen, Gerste, Roggen oder Weizen?«

Stets irrte sich Jack. Nun gab es ein Gelächter!

»Begreifst Du das, Großpapa? Er hält das für Roggen.«

Dann lehrte sie ihn, die vollen Ähren des Weizens, die borstigen der Gerste, die wogenden Rispen des Hafers, das Rot des Süßklees, das Violett der Wicken und das Goldgelb der Rapsfelder unterscheiden.

Überall, wohin der Doktor gerufen wurde, nahm man auch die Kinder freundlich auf, ja man verwöhnte sie. Es gab für sie stets Kuchen, auserlesenen Hafer für das Pferd und einen Korb Obst für die Großmutter zum Mitnehmen.

Der Doktor war so gut, so uneigennützig ...

Die Bauern verehrten und betrogen ihn gleichzeitig.

»Das ist ein sehr mitleidiger Mann,« sagten sie von ihm.

»Ja, wenn er wollte, könnte er jetzt ein reicher Mann sein!« –

Aber in demselben Augenblick suchten sie es auch so einzurichten, daß sie keine Rechnung bezahlen brauchten, und das war bei einem Charakter, wie der seinige, nicht schwer. Wenn er nach beendetem Besuch aus einem Hause trat, war er von einer aufdringlichen, lärmenden Schar umgeben. Keines Fürsten Karosse war so umgeben, wie das schlichte Kabriolet des Doktors bei der Abfahrt.

»Herr Rivals, was soll ich meiner Kleinen geben?«

»Kann ich denn garnichts für meinen armen Mann thun, Herr Rivals?«

»Ist das Pulver, was Sie mir gegeben haben, zum Einnehmen oder Einreiben? Haben Sie noch eine Prise davon? Meines ist alle.«

Der Doktor antwortete allen, ließ den einen die Zunge zeigen, fühlte dem andern den Puls, verteilte Pulverpackete, Chinawein, alles, was er bei sich hatte, und fuhr endlich von den Segenswünschen dieser braven Leute begleitet davon, welche sich mit dem Ausruf:

»Welch' würdiger Mann!« Das eine Auge gerührt abwischten und mit dem andern boshaft zwinkerten, als wollten sie sagen: »Der Unschuldige!«

Bei solchen gemeinsamen Fahrten kam Herr Rivals bald zu der Überzeugung, daß der kleine d'Argenton einen offenen, scharfen Verstand besaß, dem man den wenigen genossenen Unterricht wohl anmerkte. Er begriff bald, wie sehr man das arme Kind vernachlässigte und beschloß dieser Gleichgiltigkeit zu Hilfe zu kommen.

Es wurde ihm zur Gewohnheit, ihn alle Tage nach dem Frühstück eine Stunde bei sich arbeiten zu lassen, in der Zeit, die er sonst seinem Mittagsschläfchen opferte.

Wer da weiß, was es mit einem solchen Schlummerstündchen nach dem Essen für eine Bewandtnis hat, wird verstehen, wieviel Mut und Eifer nötig war, um darauf zu verzichten.

Jack seinerseits gab sich alle Mühe. Die Arbeit wurde ihm in der geschäftigen Ruhe des Rivals'schen Hauses leicht.

Cäcilie wohnte fast immer der Stunde bei, hörte andächtig zu, wenn ihr Freund seinen Abschnitt hersagte, heftete ihre feurigen, gedankenvollen Augen auf ihn, wie um ihm das Verstehen zu erleichtern und war glücklich und stolz, wenn der Großvater nach dem Frühstück das Aufgabenheft auf den Tisch legte und halb erstaunt, halb zufrieden sagte:

»Sehr gut.«

Zu seiner Mutter sprach Jack niemals über seine Arbeit. Er freute sich darauf, ihr triumphierend beweisen zu können, daß der Dichter sich mit seiner unfehlbaren, schrecklichen Voraussetzung getäuscht habe; und die kleine Verschwörung zwischen dem guten Doktor und ihm blieb leicht verborgen, denn die Bewohner von Parva domus beschäftigten sich immer weniger mit ihrem Kinde. Es kam und ging nach Belieben wohin es wollte, stellte sich nur zu den Mahlzeiten ein, und setzte sich unten an den Tisch, welcher jeden Tag von neuen Kostgängern umgeben war.

Um seine Einsamkeit zu beleben, sich mit dem Trubel zu umgeben, den er einen »geistvollen Umgang« nannte, hatte d'Argenton sein Haus jenen zweifelhaften Freunden ganz geöffnet. –

Allerdings liebte es der Dichter nicht, sein Geld zum Fenster hinauszuwerfen, er war geradezu geizig und wenn Charlotte schüchtern sagte: »Ich habe kein Geld mehr, mein Lieber,« so antwortete er mit einem scharfen »Schon?« und einem sehr entmutigenden Gesicht. Aber die Eitelkeit trug bei ihm über alles andere den Sieg davon, und das Vergnügen, sein Glück zu zeigen, den Hausherrn zu spielen, den Neid aller jener armen Teufel zu erwecken, triumphierte über seine genauen Rechnungen.

Man wußte in der Welt der Bassermann'schen Gestalten, daß es dort in freier Luft, in köstlicher Gegend einen guten Tisch und genügend Obdach gab, wenn man den Zug verpaßte.

Das sprach sich in allen Bierstuben herum.

»Wer kommt mit zu d'Argenton?«

Und wenn das Reisegeld mit Mühe und Not beisammen war, kam man in großer Gesellschaft unangemeldet.

Charlotte war todmüde.

»Schnell, Frau Archambauld, da kommt Besuch! Drehen Sie einem, zwei Kaninchen den Hals um ... Schnell, einen Eierkuchen, zwei Eierkuchen, drei Eierkuchen.«

»Holla, gütiger Gott! Da sind aber Gesichter drunter!« sagte die Hegerfrau, entsetzt, denn es waren stets neue Gesichter mit Haaren, Bärten und einer Haltung!?

d'Argenton empfand stets dieselbe Genugthuung, die Angekommenen durch das ganze Haus zu führen und alle seine Verschönerungen bewundern zu lassen. Darauf zerstreuten sich die Trupps von alten Bummlern in den Wald, auf die Wege, an das Ufer mit dem Freudengewieher und den absonderlichen Kapriolen alter Pferde, die auf die Weide kommen.

In der frischen Landschaft erschienen die kahlen Hüte, die abgeschabten schwarzen Röcke, die von allen möglichen Entbehrungen gefurchten Gesichter noch schmutziger, hagerer, welker. Dann vereinigte das Mittagsmahl all' diese Menschen an einem Tisch, der von einer Mahlzeit zur andern kaum Zeit fand, die Krumen abzuschütteln.

Man blieb den ganzen Nachmittag über trinkend, rauchend, plaudernd sitzen.

Eine Bierstube mitten im Walde!

d'Argenton triumphierte. Er konnte sein unsterbliches Gedicht durchhecheln, zehnmal dieselben Pläne wiederholen und bei jeder Gelegenheit sein »Ich, ich« mit dem Nachdruck des Hausherrn anbringen, dem der gute Wein und das ganze Haus gehört. Auch Charlotte fühlte sich glücklich. Auf ihre veränderliche Zigeunernatur wirkte dieses Kommen und Gehen belebend und verjüngend, man verehrte und bewunderte sie; und wenn sie auch ihrer Liebe treu blieb, so kokettierte sie doch gerade genug, um den Dichter aufzumuntern und ihm sein Glück zum Bewußtsein kommen zu lassen.

Sonntags empfing sie die Frauen ihrer zweifelhaften Freunde, jene mutigen Wesen, welche die ganze Woche fieberhaft arbeiten und denen ihre Gatten von Zeit zu Zeit den Luxus eines Ausflugs gewähren. Diesen gegenüber spielte man ein wenig die Schloßherrin, nannte sie, »mein liebes Kind« und breitete Morgenkleider à la Ludwig XV. neben ihren bescheidenen Anzügen aus.

Aber unter all' den dunklen Existenzen waren Labassindre und Doktor Hirsch die seßhaftesten. Letzterer, der anfangs nur einige Tage bleiben wollte, war seit Monaten nicht gewichen und das Haus war das Seine geworden. Er machte den Gästen gegenüber den Wirt, trug des Dichters Wäsche und Hüte, in deren Kopf er sich einen Streifen Papier einlegte, denn der Kopf dieses Phantasten war außerordentlich klein, so klein, daß man sich fragte, wie es möglich sei, daß soviel Bekanntschaften darin Platz hätten und daß man sich nicht mehr über den unerhörten Wirrwarr in diesem kleinen Lagerraum wunderte.

d'Argenton konnte nicht mehr ohne ihn fertig werden. Er besaß in ihm einen Vertrauten für alle seine vermeintlichen Krankheiten, und obgleich er von Hirsch's Wissenschaft nicht viel hielt und sich wohl hütete, irgend eine seiner Vorschriften zu befolgen, so beruhigte ihn seine Gegenwart doch.

»Ich habe ihm wieder auf die Beine geholfen,« sagte dieser prahlerisch.

So hatte Doktor Rivals in diesem Hause sehr viel an Ansehen eingebüßt.

Indessen verstrichen Tage und Monate. Der Herbst hüllte Parva domus in seine düsteren Nebel, dann deckte der Schnee das Dach; Aprilschauer prasselten auf seine Schiefer und dann bekränzte es ein neuer Frühling mit blühendem Flieder. Sonst hatte sich nichts verändert. Der Dichter trug sich mit neuen Plänen und neuen Krankheiten, welche der unvermeidliche Hirsch mit einigen neuen, absonderlichen Namen belegte.

Charlotte war noch immer unbedeutend, hübsch, sentimental.

Jack war gewachsen und hatte fleißig gearbeitet. In zehn Monaten hatte er ohne System und Tageseinteilung erstaunliche Fortschritte gemacht und wußte mehr, als viele Gymnasiasten seines Alters.

»Sehen Sie, was ich in einem Jahre aus ihm gemacht habe,« sagte Herr Rivals stolz zu d'Argenton's. »Jetzt schicken Sie ihn in ein Gymnasium und ich stehe dafür, der Kleine wird es zu etwas bringen.«

»Ach Doktor ... Doktor, wie gut sind Sie ...« rief Charlotte ein wenig beschämt von dem Vorwurf, welchen die Fürsorge eines Fremden ihr, der gleichgiltigen Mutter machte.

d'Argenton hingegen hörte kalt zu, sagte, er wolle sehen, sich alles überlegen, die Gymnasialbildung habe große Schattenseiten. Als er mit Charlotte allein war, ließ er seiner Mißlaune die Zügel:

»Was geht ihn das an? Jeder weiß, was er zu thun hat? Will er es mich noch lehren? Er thäte besser, sich mit seiner Medizin zu beschäftigen, dieser Dorfdoktor!«

Im Grunde war sein Selbstgefühl dadurch rege geworden, denn von diesem Augenblick an geschah es öfter, daß er mit ernster Miene sagte:

»Der Doktor hat Recht, ich muß mich um den Jungen kümmern.«

Und er kümmerte sich um ihn, leider!

»Komm her, Schlingel,« schrie eines Tages der Sänger Labassindre, welcher mit Hirsch und d'Argenton in eifrigem Gespräch im Garten auf und abschritt, dem kleinen Jack zu. Der Knabe näherte sich zaghaft, denn für gewöhnlich richteten weder der Dichter noch seine Freunde ein Wort an ihn.

»Wer hat, buh, buh, die Eichhörnchenfalle im großen Nußbaum aufgestellt, buh, buh, dahinten im Garten?«

Jack erbleichte und erwartete, gescholten zu werden. Aber da er nicht lügen konnte, so antwortete er:

»Ich war es.«

Da Cäcilie sich ein lebendiges Eichhörnchen wünschte, so hatte er, indem er Eisendraht nach Art der Mäusefallen zwischen die Zweige flocht, eine Falle zurechtgemacht, welche, wenn sie auch noch kein Eichhörnchen gefangen hatte, doch sehr wohl eins fangen konnte.

»Und Du hast das ganz allein, ohne Modell gemacht?«

Er antwortete schüchtern:

»Gewiß, Herr Labassindre, ohne Modell.«

»s'ist erstaunlich, erstaunlich,« wiederholte der dicke Sänger, indem er sich zu den anderen wandte ... »Dieser Knabe ist ein geborener Mechaniker, das ist sicher. Das liegt ihm in den Fingern. Was wollen Sie mehr? Das ist Instinkt, Begabung« ...

»Ja richtig, Begabung,« sagte der Dichter, indem er den Kopf stolz in die Höhe reckte.

Auch Doktor Hirsch ließ sich vernehmen:

»Alles ist vorhanden, wahrhaftig!«

Ohne sich weiter um den Knaben zu kümmern, setzten sie ihren Spaziergang in der Allee ernsthaft und langsam mit feierlichen Bewegungen fort und machten dann und wann Halt, wenn einer von ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen hatte.

Am Abend nach dem Essen gab es großen Streit auf der Terrasse.

»Ja, Gräfin,« sagte Labassindre, indem er sich an Charlotte wandte, als wolle er sie von einer schon vorhin mit den anderen besprochenen Wahrheit überzeugen, »der Zukunftsmensch, das ist der Arbeiter. Der Adel hat sich überlebt, das Bürgertum hat nur noch wenige Jahre im Leibe. Nun ist der Arbeiter an der Reihe. Verachten Sie seine schwieligen Hände und seinen gemeinen Kittel. In zwanzig Jahren beherrscht dieser Kittel die Welt.«

»Er hat Recht,« meinte d'Argenton ernst, und der kleine Kopf des Doktor Hirsch nickte energisch.

Sonderbar, Jack, der seit seinem Aufenthalt im Gymnasium an das Geschwätz des Sängers über die soziale Frage gewöhnt war und nie zuhörte, da er es langweilig fand, empfand heute bei diesen Worten ein durchdringendes Gefühl, als wüßte er, wohin alle diese Worte zielten und wessen Dasein sie bedrohten.

Labassindre entwarf ein verführerisches Bild des Arbeiterlebens.

»O, das schöne, unabhängige Leben! Wenn ich daran denke, daß ich thöricht genug war, es zu verlassen! O, wenn sich das wieder gut machen ließe!«

Und er erzählte aus seinem Leben als Schmied in der Hütte in Indret, als er noch schlechtweg Roudic hieß, denn der Name, welchen er jetzt führe, sei der seines Dorfes: »la basse Indre,« ein großer, bretonischer Flecken am Ufer der Loire. Er erinnerte sich der schönen, am Schmiedefeuer verbrachten Stunden, wenn er, bis zum Gürtel nackt, im Kreise braver Genossen taktmäßig das Eisen hämmerte.

»Ja,« sagte er, »Ihr wißt, welche Erfolge ich im Theater hatte?«

»Ja,« antwortete Doktor Hirsch unverschämt.

»Ihr wißt, daß man mir Gold, Tabaksdosen und Medaillen dargebracht hat. Nun, alle diese Andenken sind mir keinen Pfifferling wert, ich rühme mich nur eines einzigen.«

Indem er den Hemdsärmel von seinem starken, wie eine Bärentatze behaarten Arm streifte, zeigte der Sänger eine große rot und blaue Tätowierung, welche zwei gekreuzte Schmiedehämmer, von einem Eichenkranz und der Inschrift: »Arbeit und Freiheit« umgeben darstellte. Von weitem glich es den unvertilgbaren Folgen eines Faustschlages und der Unglückliche verschwieg, daß diese Tätowirung, welche allen Einreibungen und Pomaden widerstand, die Vernichtung seiner theatralischen Laufbahn bedeutete, da sie ihm verbot, die Ärmel zurückzustreifen, um in der »Stummen« und »Herkulanum« die Helden des Südens zu singen, welche die wallenden Draperien von ihren nackten Armen zurückfallen lassen.

Da er nun seine Tätowierung nicht vernichten konnte, so schwang sie Labassindre wie eine Fahne. O Fluch dem Direktor aus Nantes, welcher ihn eines Tages in der Hütte hörte, als er zum Besten eines verunglückten Kameraden sang. Fluch dem unvergleichlichen Ton, den die Natur ihm in die Kehle gelegt hatte, hätte man ihn seinen Weg verfolgen lassen, so wäre er heute wie sein Bruder Roudic Werkmeister im Hüttenwerk von Indret mit gutem Gehalt, freier Wohnung, Heizung, Beleuchtung und Altersversorgung.

»Ohne Zweifel ist das sehr schön,« sagte Charlotte schüchtern, aber man muß auch Kräfte haben, um ein solches Leben zu ertragen. Ich habe Sie doch selbst sagen hören, daß es ein schweres, mühseliges Handwerk sei.«

»Mühselig für einen Schwächling, aber das scheint mir hier nicht der Fall zu sein, denn die in Frage kommende Person ist vollkommen gesund.«

»Außerordentlich gesund,« versetzte Doktor Hirsch, »dafür stehe ich.«

Sobald er dafür stand, war die Sache entschieden.

Dennoch versuchte Charlotte einige Einwendungen zu machen:

»Ihrer Meinung nach waren sich die Naturen nicht alle gleich, es gab zarte, aristokratische, welchen gewisse Arbeiten widerstrebten.«

Nun erhob sich d'Argenton wütend:

»Alle Frauen sind sich gleich,« schrie er grob, »da ist eine, die mich inständig bittet, mich um diesen Burschen zu kümmern, und Gott weiß, daß das kein Vergnügen ist, denn er ist ein trauriger Kerl. Dennoch sorge ich für ihn, bringe meine Freunde her und nun thut man, als hätte ich mich überhaupt nicht hineinmischen sollen.«

»Aber das habe ich doch garnicht gesagt,« rief Charlotte in Thränen gebadet bei dem Gedanken, ihren Gebieter gekränkt zu haben.

»Nein, das hat sie nicht gesagt,« wiederholten die anderen und nun sie sich unterstützt sah, überließ sich die arme Frau ihrer Rührung, wie gestrafte Kinder, die erst anfangen zu weinen, wenn man sie bedauert. Jack verließ plötzlich die Terrasse. Es ging über seine Kräfte, seine Mutter weinen zu sehen, ohne dem bösen Menschen, der sie so quälte, an die Kehle zu springen.

Während der folgenden Tage sprach man nicht mehr davon. Nur glaubte der Knabe im Benehmen seiner Mutter gegen ihn eine Veränderung zu bemerken. Sie sah ihn an, küßte ihn öfter als sonst, ließ ihn bei sich bleiben und ihn bei ihren Umarmungen die Leidenschaft fühlen, welche man Menschen, die man bald verläßt, gegenüber empfindet. Dies beunruhigte ihn umsomehr, als er d'Argenton zu Herrn Rivals mit bitterem Lächeln sagen hörte:

»Doktor, man sorgt für ihren Schüler. Sie sollen nächstens darüber hören. Ich glaube. Sie werden zufrieden sein.«

Worauf der brave Doktor entzückt nach Hause ging.

»Siehst Du,« sagte er zu seiner Frau, »ich habe Recht gethan, ihnen die Augen zu öffnen.«

Frau Rivals schüttelte den Kopf:

»Wer weiß, ich traue dem toten Blick nicht, er sagt mir für das Kind nichts Gutes voraus, wenn unsere Feinde für uns sorgen wollten, so wäre es besser, sie kreuzten die Arme und thäten nichts.«

Jack war auch dieser Meinung. – –

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