Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alphonse Daudet: Jack - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleJack
publisherVerlag von Neufeld & Henius
printrunZweite Auflage
yearo.J.
translatorW. Vollmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151227
projectid9d16f389
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Erstes Auftreten Belisars.

An einem Nachmittag als d'Argenton und Charlotte von jenem Bedürfnis nach Ortsveränderung getrieben, welches alle Müßiggänger befällt, nach Corbeil gefahren waren, mußte Jack, der mit Mutter Archambauld allein zurückblieb, eines drohenden Gewitters wegen auf seinen Waldspaziergang verzichten. Der dunstige Julihimmel bedeckte sich mit schwarzen, an den Rändern ins Kupferfarbige spielenden Wolken, aus denen dumpfes Rollen ertönte, und das mit einem Schlage verdüsterte, schweigende Thal zeigte jene regungslose Erwartung, welche einem Witterungswechsel voraufgeht.

Die Waldhütersfrau, welche das müßige Umherstreichen des Knaben belästigte, sah nach dem Wetter und sagte zu Jack:

»Wissen Sie, Herr Jack, es regnet noch nicht, und bis es so weit ist, könnten Sie mir wohl einen Gefallen thun, und mir von der Landstraße ein wenig Gras für meine Kaninchen holen.«

Froh, sich nützlich machen zu können, ergriff der Knabe einen Korb und trollte hastig den vom Erlenhäuschen nach der Landstraße führenden Weg hinunter und begann auf der Grabenböschung blühenden Thymian und die spärlichen Gräser zu pflücken, welche die Kaninchen so gern nagen. Soweit das Auge reichte, schlängelte sich die weiße Landstraße dahin, deren feiner, heißer Staub das dichte Laubwerk der hohen Ulmen und den ganzen Waldrand mit grauen Farbentönen überzog. Der ganze Weg lag ausgestorben da, leer an Fußgängern und Wagen, in seiner Einsamkeit noch größer erscheinend. Jack, der im Graben durch das sich nähernde Donnergrollen zu größerer Eile angespornt wurde, hörte plötzlich neben sich eine Stimme, welche in scharfen eintönigen Lauten ausrief:

»Hüte, Hüte, Hüte ...« und dann in tieferem Tonfall: »Strohhüte, Strohhüte!«

Es war einer von den Hausierern, welche mit ihren Waren beladen das Land durchwandern. Dieser trug auf seinen Schultern wie ein Gerüst einen großen mit hochaufgestapelten, gewöhnlichen Strohhüten gefüllten Korb. Er schritt mühsam vorwärts mit seinen krummen Beinen und großen einwärts gedrehten, in unförmlichen gelben Schuhen steckenden Füßen und sah wie ein Leidender aus.

Habt Ihr schon einmal einen solchen traurigen Wanderer auf der Landstraße beobachtet?

Man weiß nicht, wohin er irrt, ob ihm der Zufall ein Obdach bescheeren wird, etwa eine Scheune, um darin zu schlafen. Er scheint die Strapazen des durchmessenen Weges, die Ungewißheit der vor ihm liegenden Ferne mit sich zu bringen. Für den Landmann ist der Vorübergehende ein Landstreicher, ein Abenteurer; er verfolgt ihn mit mißtrauischem Blick, sieht ihm bis ans Ende des Dorfes nach und ist erst beruhigt, wenn die mit Gensdarmen förmlich gepflasterte Landstraße den Fremden, der nur ein Bösewicht sein kann, wieder aufgenommen hat.

»Hüte, Hüte, Hüte.«

Warum ruft denn der arme Teufel noch immer? Es ist ja kein Haus zu sehen.

Immer noch rufend setzte er sich auf einen Steinhaufen und wischte sich mit seinem Ärmel die Stirn, während Jack von der andern Seite des Weges her das häßliche, erdfahle, traurige Gesicht von unbestimmtem Alter mit entzündeten blinzelnden Augen, einem unförmlichen breiten, von gelblichem Bart bedeckten Mund betrachtete. Aber was an diesem Antlitz besonders auffiel, war der leidende Ausdruck, die stumme Klage der trüben Augen, des plumpen Mundes, dieser ganzen unfertigen, ungeheuerlichen Züge, welche eine Probe aus vorgeschichtlicher Zeit zu sein schienen. Der Unglückliche war sich ohne Zweifel seiner entsetzlichen Häßlichkeit bewußt, denn als er das Kind ihm gegenüber erblickte, welches ihn mit einiger Besorgnis betrachtete, lächelte er ihm freundlich zu. Dies Lächeln machte ihn noch häßlicher, brachte um Mund und Augen Millionen kleiner Fältchen hervor; aber er sah dabei so gutmütig aus, daß Jack sich gleich wieder sicher fühlte und weiter rupfte.

Plötzlich erschütterte nahes Donnergrollen den Himmel und das ganze Thal. Über den Weg fuhr ein Windstoß, wirbelte den Staub empor, und rauschte durch die Bäume.

Der Mann erhob sich, betrachtete die Wolken mit unruhigem Blick und wandte sich an Jack, den der Donnerschlag auch in die Höhe geschnellt hatte, mit der Frage, wie weit es noch bis zum Dorfe sei.

»Ungefähr eine Viertelstunde,« antwortete der Knabe.

»Ach Du gütiger Gott,« jammerte der arme Schlucker, »vor dem Regen komme ich da nicht mehr hin. Alle meine Hüte werden naß. Ich habe zuviel aufgeladen, meine Plane ist nicht groß genug, alle zu bedecken.«

Jack empfand angesichts dieser Bestürzung eine mitleidige Regung. Überhaupt hatte ihn sein denkwürdiger Marsch mitleidig gegen alle auf der Landstraße Irrenden gemacht.

»Heda Krämer, Krämer,« schrie er dem Mann nach, der schon davon humpelte, indem er mit aller Kraft, aber ohne großen Erfolg seine Säbelbeine regte. »Unser Haus ist hier in der Nähe, wenn Sie wollen, können Sie ihre Hüte dort unterstellen.«

Der Arme nahm es mit Begierde an. Seine Sommerhüte waren so empfindlich!

Nun eilten sie beide die Straße entlang, erklommen den steinigen Pfad, um dem sie verfolgenden Unwetter zu entgehen. Der Mann schritt so schnell er konnte, machte wunderliche Anstrengungen, ging auf den Spitzen und hob die Füße bei jedem Schritt, als wenn die Kiesel Feuer gewesen wären.

»Thut Ihnen etwas weh?« fragte Jack.

»Oh ja, immer, meine Stiefel drücken mich so. Ich habe so große Füße, sehen Sie, daß ich kein passendes Schuhwerk finden kann. Das ist beim Gehen unangenehm. Wenn ich reich wäre, würde ich mir ein Paar Schuhe eigens für mich nach Maß machen lassen.«

Und er schritt stöhnend und schwitzend vorwärts und erhob von Zeit zu Zeit gewohnheitsmäßig seinen melancholischen Ruf:

»Hüte, Hüte, Hüte.«

Sie erreichten das Erlenhäuschen. Der Krämer setzte sein Gerüst mit runden Strohhüten im Flur nieder und blieb bescheiden daneben stehen. Aber Jack bestand darauf, daß er sich ins Eßzimmer setzte.

»Setzt Euch hierher, guter Freund, Ihr müßt ein Glas Wein trinken und einen Bissen essen.«

Der andere sträubte sich. Endlich gab er nach und meinte mit seinem gutmütigen Lächeln:

»Meiner Treu, junger Herr, wenn Sie darauf bestehen, will ich mich nicht weigern. Ich habe zwar vorhin in Draveil einen Bissen gegessen, aber Sie wissen, das Wandern macht hungrig.«

Mutter Archambauld, welche in ihrer Eigenschaft als Bäuerin und Waldhütersfrau einen heiligen Abscheu vor Vagabunden hatte, schnitt Gesichter, setzte aber dennoch einen Laib Brot und einen Krug Wein auf den Tisch.

»So, nun ein Stück Schinken,« kommandierte Jack in entschiedenem Ton.

»Aber Sie wissen doch, daß der Herr nicht will, daß der Schinken angerührt wird,« brummte Mutter Archambauld.

Wirklich war der Dichter ein Feinschmecker und in der Speisekammer gab es eigens für ihn bestimmte Stücke.

»Schadet nichts, geben Sie nur her,« meinte Jack, dem es schmeichelte, heute ein wenig den Hausherrn zu spielen. Die brave Frau gehorchte, zog sich aber dann stolz in ihre Küche zurück. –

Der Mann dankte und aß mit gutem Appetit. Der Kleine goß ihm ein und sah zu, wie er sein Brot in riesige Streifen schnitt und in den Mund schob.

»Das schmeckt, nicht wahr?«

»Oh ja, sehr gut.«

Draußen tobte das Gewitter, der Regen schlug gegen die Fenster. Der Mann und der Knabe plauderten in dem behaglichen Gefühl des Geborgenseins. Der Krämer erzählte, daß er Belisar hieße und der Älteste einer zahlreichen Familie sei.

Er, sein Vater, drei Brüder und vier Schwestern wohnten in der Judenstraße in Paris. Sie alle verfertigten Strohhüte für den Sommer, Mützen für den Winter, und die fertige Ware boten die einen in den Vorstädten, die andern in der Provinz zum Verkauf aus.

»Gehen Sie noch weit?« fragte Jack.

»Bis Nantes, wo sich eine Schwester von mir niedergelassen hat. Ich gehe über Montargis, Orleans, die Touraine und Anjou.«

»Das muß Sie sehr anstrengen, wenn Ihnen das Gehen so schwer wird.«

»Das ist wahr. Ich habe nur abends einige Erleichterung, wenn ich diese unglückseligen Schuhe ausziehen kann und mein Behagen wird dann schon wieder gestört durch den Gedanken, daß ich sie wieder anziehen muß.«

»Aber warum reisen Ihre Brüder nicht an Ihrer Stelle?«

»Sie sind noch zu jung und dann würde sich der alte Papa Belisar niemals von ihnen trennen. Mit mir ist das etwas anderes.«

Er schien es ganz natürlich zu finden, daß man ihn seinen Brüdern vorzog. Während er traurig auf seine großen, gelben Schuhe blickte, an welchen seine mißgestaltenen Füße Buckel und Beulen herausgedrängt hatten, fügte er hinzu:

»Wenn ich mir nur ein Paar nach Maß anfertigen lassen könnte!«

Unterdessen tobte das Gewitter weiter, Wind und Donner verursachten einen entsetzlichen Lärm. Man verstand sich gegenseitig nicht mehr und Belisar verzehrte schweigend seine Mahlzeit, als ein heftiger Schlag an der Thür den kleinen Jack erbleichen ließ. –

»Oh mein Gott,« sagte er, »da sind sie.«

d'Argenton und Charlotte kamen nach Hause. Sie wollten erst am Abend zurückkehren, aber die Furcht vor dem Gewitter, welches sie vermeiden wollten, hatte ihre Heimkehr beschleunigt. Sie hatten den ganzen Regen bekommen und der Dichter, welcher einen Schnupfen fürchtete, war in schrecklicher Laune.

»Schnell, schnell, Lotte! laß Feuer im Eßzimmer machen.«

»Ja, mein Lieber.«

Aber während sie die Nässe von sich schüttelten und die Regenschirme in der Vorhalle aufspannten, bemerkte d'Argenton mit Verwunderung einen großen Haufen Strohhüte.

»Was ist denn das?« fragte er.

Ach, wenn Jack mit seinem sonderbaren Gefährten und dem gedeckten Tisch hundert Fuß tief unter die Erde hätte verschwinden können! Aber dazu war keine Zeit mehr, denn der Dichter trat alsbald ein, ließ sein kaltes Auge über das Zimmer schweifen und begriff alles. Der Knabe stotterte einige Worte der Entschuldigung, der Erklärung, er hörte ihn nicht an.

»Charlotte, sieh einmal her. Du hast mir nicht erzählt, daß Herr Jack heute Gäste hat. Der junge Herr empfängt. Der junge Herr bewirtet seine Freunde.«

»O Jack, Jack,« machte die Mutter in vorwurfsvollem Tone. –

»Schelten Sie ihn nicht, gnädige Frau,« wagte Belisar zu sagen. »Ich ...«

d'Argenton öffnete wütend die Thür und zeigte sie dem Ärmsten mit vornehmer Handbewegung.

»Ihr Lump von einem Vagabunden seid so gut, zu schweigen und Euch schnellstens zu packen, sonst lasse ich Euch einstecken, damit Ihr es verlernt, Euch in die Häuser zu stehlen.«

Belisar, der durch sein Hausierergeschäft an solche Demütigungen gewöhnt war, wehrte sich nicht, huckte rasch seinen Korb auf, warf einen traurigen Blick auf die rieselnden Fensterscheiben, einen dankbaren auf den kleinen Jack, beugte sich zu einem demütigen Gruß und behielt diese gekrümmte Haltung bei, während er die regenfeuchte Schwelle überschritt. Auch draußen dachte er nicht daran, sich aufzurichten, sondern begann mit klagender Stimme seinen Ruf:

»Hüte, Hüte, Hüte!«

Im Zimmer herrschte augenblickliches Stillschweigen, während dessen die Hegerfrau in dem weiten Kamin ein Reisigfeuer aufflammen ließ und Charlotte sich mühte, die Kleider des Dichters zu trocknen, welcher in Hemdärmeln feierlich, würdevoll von heißem Zorn übermannt auf und ab schritt.

Da bemerkte er am Tisch vorbeikommend den Schinken, seinen Schinken, in welchen das von einem gesunden Appetit geführte Messer des Krämers klaffende Löcher geschnitten hatte, ähnlich den Höhlen, welche die Flut wühlt und deren Ende unabsehbar ist.

Er wurde bleich.

Man denke sich, daß dieser Schinken geheiligt war, wie der Wein, der Mostrichtopf und das Selterwasser des Dichters.

»Oh, oh, das ist mir denn doch noch nicht vorgekommen, das war ja ein richtiges Festmahl. Was, auch der Schinken?«

»Sie haben den Schinken angeschnitten?« fragte Charlotte, indem sie sich entrüstet aufrichtete.

Die Waldhütersfrau setzte hinzu:

»Ah, potztausend, ich habe es ihm wohl gesagt, daß der Herr schelten würde, daß man so einem Zigeuner solch' schönes Stück Schweinefleisch giebt. Aber das versteht's noch nicht, nicht wahr? Das ist noch so jung.«

Und Jack, der sich nun nicht mehr unter dem Zauber dieses zärtlichen, gutmütigen Lächelns befand, war vor Schrecken über das, was er begangen, wie gelähmt.

Erregt und zitternd stammelte er:

»Verzeihung.«

»Jawohl, Verzeihung!«

d'Argenton, dessen Naschhaftigkeit und Hochmut verwundet waren, sammelte allen Haß und alle Erbitterung gegen dieses Kind, die rätselhafte anklagende Vergangenheit dieser Frau, die er ein wenig liebte, ohne sie im geringsten zu achten.

Er bekam, was selten geschah, einen Zornanfall, ergriff Jack am Arm, schüttelte seinen langen Kinderkörper, hob ihn hoch, wie um ihm seine Schwäche zu zeigen.

»Wie konntest Du Dir erlauben, den Schinken anzurühren? Mit welchem Recht? Du wußtest doch, daß er Dir nicht gehört. Hier gehört Dir überhaupt nichts. Das Bett, in welchem Du schläfst, das Brot, welches Du issest, das verdankst Du meiner Güte, meinem Mitleid. Aber wahrhaftig, ich that Unrecht, mitleidig zu sein. Denn kenne ich Dich denn? Wer bist Du? Es giebt Augenblicke, in denen Deine frühzeitige Verderbtheit mich über Deine Herkunft erschrecken läßt!«

Er hielt auf ein flehendes Zeichen Charlottens inne, welche ihm die schwarzen, wißbegierigen Horcheraugen Mutter Archambaulds zeigte, welche aufsah. Im Dorfe hielt man sie für verheiratet und Jack wurde für Frau d'Argenton's Kind aus erster Ehe ausgegeben.

d'Argenton, der nun innehalten und eine erstickende Flut von Beleidigungen hinunterschlucken mußte, stieg erschöpft, naß und dampfend wie ein Omnibuspferd in sein Zimmer hinauf, dessen Thür er zuwarf. Jack stand ganz bestürzt angesichts der Verzweiflung seiner Mutter, welche ihre schönen Arme erhob und Gott immer wieder frug, was sie denn verbrochen habe, um ein solches Leben zu verdienen. Das war ihr einziges Hülfsmittel in allen schwierigen Fällen. Wie immer blieb die Frage ohne Antwort; aber man muß beinahe annehmen, daß sie sehr schwere Sünden begangen hatte, da Gott sie verdammt hatte, die blinde, unsinnig verliebte Gefährtin eines solchen Wesens zu sein und zu bleiben.

Um die an sich schon düstere Laune des Dichters zu verbittern, kam nun noch zu der Langenweile und der traurigen Einsamkeit die Krankheit.

Wie alle diejenigen, die lange Zeit kümmerlich gelebt haben, besaß d'Argenton einen schwachen Magen, und da er außerdem sehr zimperlich und ängstlich war, so verhätschelte er sich, wie man zu sagen pflegt, und in dem ruhigen Erlenhäuschen war auch nichts leichter als das. Welch' ein guter Vorwand, die Leere seines Hirns, die langen Schläfchen auf dem Divan, die Schlaffheit, die ihn überwältigte, zu erklären. Von jetzt ab wurde das famose »Der Herr arbeitet,« durch ein »Der Herr hat einen Anfall« ersetzt. Mit diesem unbestimmten Wort taufte er eine zeitweilige Krankheit, welche ihn aber nicht hinderte, einige Male täglich in die Vorratskammer zu gehen und sich große, lockere Brodscheiben zu schneiden, welche er dick mit Sahnenkäse belegte und mit vollen Backen kaute. Sonst hatte er das Aussehen eines Kranken! schlaffe Haltung, schlechte Laune und hundert Wünsche.

Die gute Charlotte beklagte, versorgte, verhätschelte ihn. Die barmherzige Schwester, welche in jeder Frau schlummert, vereinigte sich bei ihr mit einer albernen Gefühlsseligkeit, welche ihr den Dichter noch teurer werden ließ, seitdem sie ihn für schwerkrank hielt. Und diese Erfindungen, um ihn zu zerstreuen, aufzuheitern! Da legte sie eine wollene Decke unter das Tischtuch, um das Klirren der Teller und des Silbers zu mindern, der gerade Stuhl Heinrichs II. wurde mit Kissen ausgestopft und alle die Kleinigkeiten, der Flanell, die Aufgüsse!

Es ist wahr, daß die arme Frau mit ihrer ungestümen Heiterkeit, welche sie manchmal überkam, mit einem Schlage ihre Tugenden als Krankenpflegerin vernichtete, ihren Wortschwall und ihre Lebhaftigkeit wiederfand und erst verwirrt inne hielt, wenn ihr der Dichter in leidendem Tone sagte:

»Sei still, Du belästigst mich.«

Die Krankheit d'Argentons führte einen regelmäßigen Besuch ins Haus, Doktor Rivals, dem man an allen Straßen auflauerte, da sich seine Praxis mehr als zehn Meilen weit erstreckte und ihn beständig in Anspruch nahm. Er kam mit seinem guten, kupferroten, fröhlichen Gesicht, der weißen, seidenen Haarmähne, die Taschen seines langen Überziehers voller alter Scharteken, welche er stets unterwegs, zu Wagen oder zu Fuß las. Charlotte ging ihm mit wehleidiger Miene bis auf den Flur entgegen:

»Ach, Doktor, kommen Sie schnell. Wenn sie wüßten, in welchem Zustand sich unser armer Dichter befindet!«

»Bah, lassen Sie doch, er braucht weiter nichts als Zerstreuung.«

Wirklich war d'Argenton, welcher den Arzt mit schwacher, weinerlicher Stimme empfing, so erfreut, ein neues Gesicht, ein fremdes Element auftauchen zu sehen, daß er sein Leiden vergaß, von Politik und Litteratur plauderte und den guten Doktor mit Schilderungen des Pariser Lebens blendete, von hervorragenden Personen erzählte, die er kennen wollte, und denen er irgend ein grausames Wort gesagt hatte. Der naive, freimütige Doktor hatte keine Veranlassung, an diesen kühlen Worten zu zweifeln, welche selbst bei eitlen Übertreibungen gemessen klangen und dann war der alte Rivals kein guter Beobachter.

Er gefiel sich in dem Hause, fand den Dichter geistreich originell, die Frau hübsch, das Kind reizend und fühlte nicht, wie es ein feinerer Verstand wohl gethan hätte, welche Bande des Zufalls sie zusammenhielten, und daß es ihnen nur mit Hülfe spitzer Stecknadeln gelang, eine Familie zu bilden.

Wie oft verspätete sich der würdige Mann bei den Parisern, schlürfte den Grog, welchen Charlotte ihm selbst zurecht machte, und erzählte von seinen Reisen nach Indien und China an Bord der Bayonnaise, während sein Pferd draußen am Zaun angebunden stand. Jack saß still und aufmerksam in einer Ecke von jener kindlichen Lust nach Abenteuern ergriffen, welche das Leben bald demütigt und beschränkt.

»Jack,« sagte d'Argenton rauh, nach der Thür weisend.

Aber der Doktor erhob Einsprache:

»Lassen Sie ihn doch. Ich habe gern Kinder um mich, sie haben eine erstaunliche Frische. Ich bin sicher, daß Ihr Kleiner es mir schon angesehen hat, daß ich Kinder närrisch gern habe und Großpapa bin.«

Dann sprach er von seiner Enkelin Cäcilie, welche zwei Jahre jünger war als Jack, und wenn er dies Kapitel anfing, wurde er noch weitschweifiger als bei seinen Reisen.

»Warum bringen Sie sie nicht mit Doktor?« sagte Charlotte, »sie könnten zusammen spielen.«

»O nein, gnädige Frau, die Großmutter würde es nicht zugeben. Sie vertraut das Kind niemand an, und sie selbst geht seit unserem Unglück nicht mehr aus.«

Dieses Unglück, welches Doktor Rivals oft erwähnte, war der Verlust seiner Tochter und seines Schwiegersohnes, welche beide im ersten Jahre ihrer Ehe kurz nach Cäciliens Geburt gestorben waren. Ein Geheimnis umgab diesen Unglücksfall.

Den Argentons gegenüber beschränkte sich das Vertrauen des Doktors stets auf die Worte: »seit unserem Unglück« und Mutter Archambauld, welche von der Geschichte wußte, drückte sich in den unbestimmten Worten aus:

»Ja, ja, die Leute haben viel durchgemacht.«

Man merkte nichts davon, wenn man die Lebhaftigkeit und Heiterkeit des Doktors sah, wenn er ins Erlenhäuschen kam. Vielleicht war Charlottens Grog schuld daran, ein dunkler, steifer Grog, welchen Frau Rivals, wenn sie ihn gesehen, mit sehr viel Wasser entfärbt hätte. Jedenfalls langweilte sich der brave Mann bei den Parisern nicht, erhob sich sehr oft mit den Worten:

»Ich muß nach Ris, Tigery, Morsang,« und setzte die begonnene Unterhaltung so lange fort, bis das ungeduldige Stampfen seines Pferdes ihn aufspringen, dem Dichter ein »Guten Abend« und der mit ihrem Kranken beschäftigten Charlotte die sich stets gleichbleibende Verordnung: »Verschaffen Sie ihm Zerstreuung,« zurufen ließ.

Zerstreuung!

Sie wußte nicht mehr, wie sie es anfangen sollte, ihm welche zu verschaffen. Sie beschäftigten sich stundenlang damit, Mahlzeiten zusammenzustellen, oder sie fuhren in den Wald, nahmen ihr Frühstück, ein Schmetterlingsnetz und Stöße von Büchern und Zeitungen mit. Er langweilte sich.

Er kaufte einen Kahn, aber das war noch schlimmer. Dieses gezwungene Zusammensein mitten auf der Seine war unerträglich für die beiden Menschen, welche kein Wort sprachen und ihre Leine auswarfen, um sich zu beschäftigen und im Angeln einen Vorwand zu besitzen, der ihr Stillschweigen entschuldigte. Bald lag die Barke zwischen den Binsen angebunden und füllte sich mit Wasser und welken Blättern.

Dann kamen andere Beschäftigungen einfacherer Art; Ausbesserungen der Mauer des Turmes, der Bau einer Außentreppe und einer italienischen Terrasse, von der der Dichter seit langem träumte. Aber er langweilte sich genau so, wie früher, trotz der Terrasse.

Als er eines Tages den Klavierstimmer hatte kommen lassen, um das Instrument, auf welchem er einige Polkas spielte, nachzusehen, schlug ihm dieser, ein verschrobener Erfinder, vor, eine Äolsharfe auf dem Dache aufzustellen; eine fünf Fuß hohe Schachtel ohne Deckel mit darin ausgespannten Saiten von verschiedener Länge, welchen der Wind harmonische, klagende Akkorde entlocken sollte. d'Argenton ging voll Entzücken darauf ein. Doch kaum war der Apparat aufgestellt, so begann das Verhängnis. Beim geringsten Windhauch hörte man Stöhnen, schrille Mißtöne, Jammerlaute:

»Huuuch!«

Jack fürchtete sich in seinem Bett entsetzlich und kroch unter die Decke, um nichts zu hören.

»Sie quält mich, ... diese entsetzliche Harfe, genug ... genug!« –

Man mußte den ganzen Apparat herabnehmen, die Harfe hinten in den Garten bringen und sie eingraben, um sie zum Schweigen zu veranlassen. Aber selbst unter der Erde tönte sie noch fort; bis man endlich die Saiten zerbrach und sie mit Fußtritten tötete wie ein tolles Tier, welches nicht sterben will.

Da hatte Charlotte, welche nichts mehr erfinden konnte, um den Unglücklichen zu zerstreuen, einen großmütigen Einfall:

»Wenn ich einige seiner Freunde einlüde.«

Es war ein Opfer, denn sie wollte ihn ganz für sich allein haben, aber die Freude des Dichters, als er erfuhr, daß Labessindre und Doktor Hirsch kämen, belohnte sie für ihren Entschluß. –

Er hatte schon lange an eine Zerstreuung von außerhalb gedacht, aber nach seinen Deklamationen über das Glück der Einsamkeit zu zweien nichts zu sagen gewagt.

Als Jack einige Tage später zum Essen nach Hause kam, bemerkte er in der Umgebung des Hauses ungewöhnliches Leben, Gelächter und Gläserklirren, welches auf der neuen Terrasse ertönte, während in der großen Küche im Erdgeschoß Töpfe gerückt und Holz gespalten wurde. Näherkommend erkannte er die Stimmen und die Redeweise seiner ehemaligen Lehrer und dazwischen d'Argentons jetzt nicht mehr matte, weinerliche, sondern im Eifer des Gesprächs lebhafte Worte. Der Knabe empfand ein Gefühl des Entsetzens bei dem Gedanken, diesen Gesichtern wieder zu begegnen, welche ihn an so böse Stunden erinnerten und schlüpfte zitternd in den Garten, um das Mittagessen abzuwarten.

»Meine Herren, darf ich zu Tisch bitten,« sagte Charlotte, frisch und heiter auf die Terrasse tretend, in großer weißer, bis zum Kinn reichenden Latzschürze, gleich einer Hausfrau, welche, wenn es notthut, es auch versteht, die Spitzenärmel hochzustreifen und den Teig zu kneten.

Man begab sich rasch in das Eßzimmer, wo die beiden Professoren dem kleinen Jack einen ziemlich günstigen Empfang zuteil werden ließen und die ganze Gesellschaft setzte sich zu einer jener ausgezeichneten, ländlichen Mahlzeiten zu Tisch, welche infolge der hastigen Zubereitung noch einen würzigen Kräuter- und Bratgeruch behalten.

Durch die beiden nach dem Grasplatz zu offenen Thüren erblickte man den Garten, hinter welchem sich der Wald in unbegrenzte Ferne ausdehnte. Die Lockrufe der Rebhühner und das Zwitschern der einschlummernden Vögel drang mit den letzten schrägen flammenden Sonnenstrahlen zu den Tafelnden hinein.

»Alle Wetter, Kinder, Ihr habts gut hier,« bemerkte plötzlich Labassindre, als nach der mit großem Appetit verzehrten Suppe jeder seinen Gedanken freien Lauf ließ.

»In der That, wir sind sehr glücklich,« sagte d'Argenton, indem er die Hand seiner Charlotte, welche er außerordentlich hübsch und verführerisch fand, seit er sie nicht mehr allein ansah, drückte; und er begann ihr Glück zu schildern.

Er erzählte von Waldspaziergängen, Kahnfahrten, dem Rasten in den alten Wirtshäusern am Ufer; von den langen Arbeitsstunden an stillen Sommernachmittagen und den Abendstunden am Kamin, wenn es draußen kühl wird und die von Wurzeln und Reisig genährte Flamme knistert und aufflackert.

Er sprach, was er in diesem Augenblick dachte, und auch sie bildete sich ein, dieses ideale Leben geführt zu haben, statt jener Zeit voll tödlicher Langeweile, welche sie mühsam durchlebt hatten. Die Beiden lauschten mit einem unbeschreiblichen Grinsen der Bewunderung, des Neides und des Vergnügens und einem bitteren, faden Lächeln, welchem die liebenswürdigen Blicke widersprachen.

»Ja, Du hast Glück,« sagte Labassindre; »wenn ich daran denke, daß ich morgen um diese Zeit, während Ihr hier speist, mich zu einer siedendheißen Brühe bei Duval an den Tisch setze, wo die Luft, welche man atmet, die angelaufenen Fensterscheiben, das Essen, welches einem vorgesetzt wird, nach Dampf und Backofen riecht.«

»Ja, wenn man nur sicher wäre, bei Duval etwas Gutes zu bekommen,« brummte Doktor Hirsch.

d'Argenton hatte einen Gedanken:

»Nun, wer hindert Euch, eine Weile hier zu bleiben? Das Haus ist groß, der Keller wohlversorgt ...?«

»Gewiß,« fügte Charlotte dringend hinzu, »bleiben Sie doch ... es wird hübsch werden, wir unternehmen Ausflüge ...«

»Und die Oper?« meinte Labassindre, welcher alle Tage übte.

»Aber Sie, Doktor Hirsch, Sie treten doch nicht in der Oper auf.«

»Meiner Treu, Gräfin, ich habe große Lust, Ihre Einladung anzunehmen. Ich habe augenblicklich sehr wenig zu thun, da meine sämmtlichen Patienten auf dem Lande sind.«

Die Patienten des Doktor Hirsch auf dem Lande! Das war außerordentlich possenhaft. Dennoch lachte niemand, denn diese Würdigen waren daran gewöhnt, sich in solche Übertreibungen zu ergehen.

»Nun, entscheide Dich,« drängte d'Argenton, »Du erweist mir einen Dienst. Bei meinem jetzigen Gesundheitszustand könntest Du mir wohl einige Rathschläge geben.«

»Nun, das entscheidet! Du weißt, was ich Dir gesagt habe. Rivals versteht von der ganzen Sache nichts. Ich übernehme es, Dich in einem Monat wieder auf die Beine zu bringen.«

»So? Und das Gymnasium und Moronval?« schrie Labassindre, wütend, daß jener ein Vergnügen genießen sollte, welches er nicht teilen konnte.

»Ach was, ich habe genug von dem Gymnasium, von Moronval und der Decostère'schen Methode.«

Nun brach Doktor Hirsch, dem Obdach und Nahrung für einige Zeit sicher waren, in Klagen und Verwünschungen gegen das Institut aus, welches ihn ernährte. Moronval war ein Schwindler, er hatte keinen Sou, er zahlte nicht, alle Welt verließ ihn, denn die Geschichte mit Maduh hatte ihm sehr geschadet.

Die anderen überboten ihn noch, und so wurde es ein förmliches Gemetzel. Man ging sogar soweit, Jack zu seiner Flucht zu beglückwünschen, welche augenscheinlich den Mulatten in einen solchen galligen Zorn versetzt hatte, daß er davon die Gelbsucht bekam.

Nachdem sie einmal auf das Gebiet geraten waren, hielten die drei Freunde nicht mehr inne, sondern verbrachten den Abend damit, zu lästern, wie sie es in ihrem Kauderwelsch nannten.

Labassindre lästerte über die hervorragendsten Mitglieder der Oper, elende Coulissenreißer ohne Stimme und Talent. Er schimpfte auf seinen Direktor, welcher ihn absichtlich in Nebenrollen zu Grunde gehen ließ. Weshalb? Weil man seine sozialistischen Gesinnungen kannte, weil man wußte, daß er Arbeiter gewesen war, dem Volke entstammte und es liebte.

»Ja, ich liebe das Volk,« sagte der Sänger mit wachsender Begeisterung, indem er mit seinen groben Fäusten auf den Tisch schlug.

»Nun, was thut denn das zur Sache? Hindert mich das etwa, meinen Ton zu singen? Ich glaube, ich habe ihn noch, was? Hört meine Kinder?« Er stimmte seinen Ton an, liebkoste ihn und gurgelte ihn mit Entzücken.

Nun kam die Reihe an d'Argenton. Dieser lästerte methodisch kalt und trocken. Die Theaterdirektoren, die Buchhändler, Schriftsteller, das Publikum, jeder bekam sein Teil; und während Charlotte mit Hilfe des kleinen Jack den Kaffee bereitete, saßen die Drei mit aufgestemmten Ellbogen an diesem wundervollen Sommerabend um den Tisch und geiferten behaglich wie Schlangen, wenn sie verdauen.

Die Ankunft Doktor Rivals belebte die Sitzung. Entzückt, eine zahlreiche Gesellschaft zu finden, nahm der würdige Mann am Tische Platz.

»Sehen Sie, Frau d'Argenton, unserm Patienten fehlte nichts als Zerstreuung.«

Hinter den vorstehenden Brillengläsern funkelten die Augen des Doktor Hirsch.

»Ich bin nicht Ihrer Meinung, Doktor,« sagte er sehr bestimmt und stützte kampfbereit das Kinn in die Hand.

Der alte Rivals betrachtete nicht ohne Verblüffung diese sonderbare schmierige Persönlichkeit mit der weißen Halsbinde, den rasierten Wangen und dem grauen Kopf, welche, um ihren Gegner im Auge zu behalten, den Kopf seitwärts drehte und im Profil sprach.

»Sie sind Arzt?« fragte er.

d'Argenton ersparte seinem Freunde die Lüge.

»Doktor Hirsch, – Doktor Rivals,« sagte er vorstellend.

Sie grüßten sich wie zwei Gegner, welche erst Blicke und dann Säbel kreuzen.

Der gute Rivals glaubte es mit einem berühmten Praktikus aus Paris, einem geistreichen Original, zu thun zu haben und nahm eine bescheidene Haltung an, aber bald bemerkte er den Wirrwarr in diesem Kopfe. Nun erhob auch er die Stimme, um auf den höhnischen, verächtlichen Ton des Doktor Hirsch, welcher ihm allmählich die schon von Natur roten Ohren warm machte, zu antworten.

»Mein lieber Kollege, ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken ...«

»Ah, verzeihen Sie, lieber Kollege.«

Eine Molière'sche Szene, nur mit dem Unterschied, daß es zu Molières Zeiten diese heruntergekommenen Existenzen, wie Doktor Hirsch, noch nicht gab, welche erst unser überhitztes, lärmendes, ideenreiches, neunzehntes Jahrhundert hervorbrachte.

d'Argentons Krankheit war der Gegenstand dieses Streites und es war komisch, den Gesichtsausdruck des Dichters zu sehen, welcher einesteils fand, daß Doktor Rivals ihn zu sehr als eingebildeten Kranken behandelte, während er andrerseits ein Grinsen über diesen Namenschwall von Krankheiten, mit denen er nach Doktor Hirschs Behauptung behaftet sein sollte, nicht zurückhalten konnte.

»Aber nun genug davon,« sagte dieser, indem er sich plötzlich erhob. »Gebt mir ein Stück Papier und einen Bleistift. So, jetzt werde ich Ihnen mit Hilfe des Plessimeters die Krankheit unseres armen Freundes aufzeichnen.«

Er zog aus seiner weiten Weste jenes kleine Buchsbaumtäfelchen, welches man Plessimeter nennt.

»Komm,« sagte er zu d'Argenton, der ganz blaß geworden war. Indem er ungestüm seinen Rock öffnete, breitete er ihm das Stück Papier über die Brust, legte seinen Plessimeter darauf, klopfte und zog dann mit seinem Bleistift Linien. Endlich breitete er sein mit Hieroglyphen bedecktes Papier auf den Tisch.

»Richtet selbst,« sagte er. »Dies ist die genau nach der Natur gezeichnete Leber unseres Freundes. Sieht das, aufrichtig gesagt, wie eine Leber aus? Hier müßte sie sein und hier ist sie. Bemerkt Ihr, daß ihr riesiger Umfang den übrigen Organen zum Schaden gereicht? Denkt Euch, welche Störungen infolgedessen, welcher Wirrwarr!«

»Das ist entsetzlich,« murmelte d'Argenton, welcher bestürzt und noch gelber, als sonst, zusah.

Charlottens Augen füllten sich mit Thränen.

»Und Ihr glaubt das wirklich?« schrie der alte Rivals in Wut ausbrechend. »Das ist ja die Heilkunde eines Wilden.«

»Oh, erlauben Sie, lieber Kollege.«

Aber der Alte hörte nicht mehr. Er hatte seinen Grog stärker, als sonst getrunken und ein schrecklicher Kampf entspann sich. Aufrecht, mit geschwungenen Fäusten sich gegenüberstehend, warfen sie sich die Namen von Ärzten, die Titel von griechischen, lateinischen, skandinavischen, hindostanischen, chinesischen, chochin-chinesischen Büchern ins Gesicht. Hirsch gewann durch seine ellenlangen Citate, deren Richtigkeit niemand nachweisen konnte, die Oberhand, während Rivals mit seiner Trompetenstimme und seiner energischen Redeweise siegte, welche alle Gründe durch die Drohung ersetzte: seinen Gegner über Bord zu werfen.

Weder Jack noch Charlotte entsetzten sich über diesen heftigen Streit. Sie hatten dergleichen im Gymnasium sehr oft gehört. Was Labassindre anbetraf, so ärgerte er sich, daß er kein Wort dazwischenwerfen konnte, und lehnte sich nun träumerisch an die Brüstung der Terrasse, um seinen tiefen, hallenden Ton in den schlafenden Wald zu schleudern. Die ganze Umgegend ward davon wach. Man hörte im Gehölz Flügelschläge und vom nahen Schlosse her den nervösen, furchtsamen Angstruf, welchen die Pfauen beim Gewitter ausstoßen. Auch die Bewohner der benachbarten Bauernhäuser erwachten. Die alte Salé und ihr Mann wagten einen neugierigen Blick auf die erleuchteten Fenster der Pariser, während der Mond den kleinen, weißen Bau bestrahlte, von welchem sich in goldenen Buchstaben der Wahlspruch des Hauses abhob. » Parva domus, magna quies. Kleines Haus, großer Friede.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.