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Iwein mit dem Löwen

Hartmann von Aue: Iwein mit dem Löwen - Kapitel 6
Quellenangabe
typeepos
booktitleIwein mit dem Löwen
authorHartmann von der Aue
translatorWolf Graf von Baudissin
firstpub1845
year1845
publisherVerlag von Alexander Duncker
addressBerlin
titleIwein mit dem Löwen
created20070512
sendergerd.bouillon
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    So hatte sie Urlaub genommen.
Die Leute die nun waren kommen
Zu dem äußern Fallenthor,

1260   Die fanden draußen vor
Das Roß quer durchgeschnitten.
Wer hätt' ihnen da bestritten,
Was jeder felsenfest beschworen,
Man werde zwischen beiden Thoren
1265   Den Fremden sogleich erblicken?
Sie erbrachen nach zwei Augenblicken
Die erst' und zweite Pforte,
Allein sie fanden nichts am Orte,
Als innerhalb des Eisenschlosses
1270   Die Vorderhälfte des Rosses.
Da huben sie an vor Zorn zu toben,
Wollten nicht Gott noch den Teufel loben.
Sie sprachen: »Wohin ist er entkommen?
Oder wer hat uns eingenommen
1275   Die Augen und die Sinne? –
Er ist gefangen drinne;
Wir sind mit sehenden Augen blind.
Es sehn doch Alle die hier sind!
Und wär er klein wie eine Maus,
1280   Derweil verriegelt stand das Haus,
Mochte nichts lebend draus entschleichen:
Wie konnte denn der Mann entweichen?
Wie lang' er sich mag fristen
Mit seinen Zauberlisten,
1285   Wir finden ihn noch heute.
Laßt uns ihn suchen, gute Leute,
In Winkeln und unter Banken spähn,
Er soll uns sicher nicht entgehn,
Wir ziehn ihn noch herfür!«
1290   Drauf umstellten sie ihm die Thür.

    Eins war ihm abzuwehren schwer;
Sie gingen tappend um ihn her
Mit ihren Schwertern, wie die Blinden,
Ob sie ihn möchten finden,

1295   Und hatten Alles daran gesetzt,
Durchsuchten selbst das Lager zuletzt
Unter dem Fleck wo er sich gebettet.
»– Das sehn wir klar, wenn der sich rettet
Und dem Tod nicht schon verfallen ist,
1300   So hilft ihm viel geheime List. –«
Als er in diesen Sorgen saß,
Da widerfuhr ihm Alles das,
Was seine treue Freundin die Magd
Ihm warnend erst vorausgesagt.
1305   Auf einer Bahre herausgetragen
Ward der Ritter, den er erschlagen;
Und mit Thränen ungestillt
Folgt' ihm das schönste Frauenbild
Das jemahls wohl ein Weib gebahr.
1310   Vor Jammer zerraufte sie sich das Haar,
Und zerriß sich die Kleider:
Denn ich weiß, es war nie leider
Einem Weib auf Erden geschehen,
Als da sie mußt' erschlagen sehen
1315   Einen also geliebten Mann
Als jemahls Fraue sich gewann.
Es hätt' auch nimmer ein Weib
Aus Schmerz den eignen Leib
Mißhandelt so streng und schwer,
1320   Der es nicht Ernst gewesen wär.
Sie zeigt' in allen Gebärden
Ihrer Seele Beschwerden
An Leib und an der Stimme.
In ihres Zornes Grimme
1325   Sank sie viel oft in Ohnmacht,
Der lichte Tag ward ihr zur Nacht.

    Schlug sie dann das Aug' empor
Mit stummem Mund und taubem Ohr,
Zerrissen ihre Hände

1330   Ihr schönes Haar und ihr Gebände,Gebende hieß ein Schleier oder Kopfbedeckung, die einen großen Theil des Gesichts verhüllte.
Daß ihres Halses lichten Schein
Sehen konnte der Herr Iwein.
Da waren Farb' und Locken reich
So gar dem Wunsche gleich,Grimm in seiner deutschen Mythologie sagt: »Der Inbegriff von Heil und Seligkeit, die Erfüllung aller Gaben scheint die alte Sprache mit einem einzigen Worte, dessen Bedeutung sich nachher verengerte, auszudrücken; es hieß der Wunsch, und stammt ab von Wunja, Wonne. Es bezeichnet Vollkommenheit jeder Art, das Höchste was einer wünschen kann, was wir Ideal nennen würden. Schon Odin macht die Menschen des Wunsches theilhaft. Damit hängt zusammen, daß die Dichter des dreizehnten Jahrhunderts den Wunsch gradehin personificiren, und ihn als ein gewaltiges schöpferisches Wesen darstellen. Dann ist er die übernatürliche Kraft, dem, was man sich vollkommenes denkt, wirkliches Dasein zu geben. Wir sehn dem Wunsch Hände, Gewalt, Blick, Fleiß, Kunst, Blüthe, Frucht beigelegt; er schafft, bildet, meistert, denkt, neigt sich, flucht, freut sich, zürnt. Alle solche beinahe stehende Redensarten wären schwerlich in Poesie und Sprache übergegangen, bezögen sie sich nicht auf ein höheres Wesen, von dem die Vorzeit lebendigere Vorstellung hatte. In Hartmanns Gregor heißt es: (1091–1100) Gott erlaubte dem Wunsch (also gleichsam einem Wesen zweiten Ranges, dem höheren Gott untergeordnet, der ihm gestattet, sein bildendes Geschäft zu übernehmen), »daß er ihm Leib und Sinn meistre nach seiner Würdigkeit. Und was man auf Erden irgendwo loben mag, dessen gebrach ihm nichts: der Wunsch hatte ihn so gemeistert, daß er sein als seines Kindes froh war, denn er hatte nichts an ihm vergessen und hätte ihn, wenn er es vermocht, noch vollkommner geschaffen.« Eben so spricht er im Erek von der Gewalt des Wunsches.

Wenn in der hier vorliegenden Stelle Leib, Gestalt, und Haar »dem Wunsche gleich« genannt werden, gemahnt es vollkommen an die homerischen Grazien, Schöpferinnen der Anmuth. Im Tristan kommt diese entschiedene Personification nicht vor, auch im Iwein wechselt sie mit dem abstracten Begriff. Hieher gehören noch die Stellen

3990   »ich hatte, was nur der Wunsch ersann.«
6469   »was der Wunsch an Frauen nur begehrt,«
6915   »So schön daß nie des Wunsches Gewalt
Schüfe beß're Gestalt.«
7066   »Er muß dem Wunsche fluchen.«

Ganz wie den Wunsch personificiren unsre deutschen Dichter auch die Saelde (Segensgöttin) als ein weibliches Wesen, und haben dies nicht etwa den romanischen Schriften, oder der Fortuna nachgebildet. Frau Saelde wacht für ihre Günstlinge, erscheint ihnen, und lacht ihnen zu, oder flieht, wem sie nicht hold ist. Im Iwein wird sie nicht erwähnt; desto entschiedener und in leibhaftester Gestalt unterredet sich Frau Minne mit dem Dichter. Auch die Aventiure (siehe oben) kommt in gleich persönlicher Weise vor;

(3026)  »Doch wie die Aventüre sagt.«

Von des Dichters fatalistischen Ansichten ist ein Beleg zu finden Z. 6667:

»Gehab dich wohl, sei unverzagt;
Dir geschieht, was dir geschehen soll,
Und anders nichts, das weiß ich wohl.

1335   Daß ihm zu ihr die Minne
Verkehrte Willen und Sinne,
Bis er sein selber gar vergaß,
Und nur mit Mühe ruhig saß.
Wenn sie sich wieder rauft' und schlug,
1340   Kaum daß ers anzusehn ertrug;
Aufspringen wollt' er behende
Und fassen ihre Hände,
Daß sie sich nur nicht schlage mehr.
Ihn schmerzte der Kummer also schwer
1345   An dem schönen Weibe,
Daß ers an seinem Leibe
Viel lieber hätt' ertragen.
Sein Schicksal begann er Gott zu klagen;
Es quält' ihn daß solch Wehe
1350   Durch sein Verschulden ihr geschehe:
So nahe ging ihm ihre Noth,
Ihn däuchte sein eigner Tod
Ein Unglück viel geringer,
Als daß ihr schmerze der Finger.

1355  

    Nun hat man schon seit ew'gen Jahren
Als sichre Wahrheit das erfahren,
Wer von Einem sei erschlagen,
Und werde zu ihm hingetragen,
Wie lang' er auch empfing die Wunde,

1360   Sie blute frisch zur selben Stunde.Wenn bei einem Todtschlag der Thäter unentdeckt, aber Verdacht gegen Einen oder Mehrere vorhanden war, ließ man sie an die Bahre treten und den Leichnam berühren, im Glauben, bei Annäherung des Schuldigen werde er zu bluten beginnen. das war das Bahrurtheil. Ganz dem entsprechend heißt es in den Nibelungen 984:
. . . . . Kriemhilde da begann:
Wer daran unschuldig, leicht ist es dargethan;
Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn,
Da mag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit versehn.

Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht:
Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht,
So bluten ihm die Wunden, wie es auch jetzt geschah.
Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah.


Nun merkt, alsbald begonnen
Des Blutes rothe Bronnen
Zu fließen als Jener ward getragen,
Zu dem der ihn im Kampf erschlagen.
1365   Als das die Fraue erschaut,
Rief sie weinend und laut:
»Er ist in Wahrheit drinnen,
Der uns allen die Sinnen
Mit seinem Zauber gefangen hält.«
1370   Die schon ihr Suchen eingestellt,
Die spürten aufs Neu nach ihrem Fund:
Das Bett ward da viel ofte wund;
Die gesteppte Decke die drüber lag,
Traf mancher Stich und mancher Schlag;
1375   Herr Iwein mußte sich schmiegen und senken.
In Winkeln und unter Bänken
Suchten sie mit den Schwerten,
Weil seines Lebens sie begehrten,
Wie es der Wolf dem Schafe thut:
1380   Vor Zorn entbrannt' ihnen der Muth.

    Zu Gott ihr Zürnen rief empor:
»Du siehst, o Herr! wie ich verlohr
Viel wundersamlich meinen Mann.
Herr, Du allein bist Schuld daran.

1385   Du hattest ihn gebenedeit
Mit Kraft und kühner Mannheit,
Daß ihm von geheuern Dingen
Nichts je mochte mißlingen:
Drum konnte sichs nur so begeben,
1390   Der ihm genommen hat das Leben,
Der ist ein unsichtbarer Geist,
Gott Herr! wie Du am Besten weißt.
Denn wär's ein Andrer gewesen
Als ein Zaubrer auserlesen,
1395   Dessen hätt' er sich leicht erwehrt,
Ihm war nun solcher Tod bescheert!
Das hört er Alles, steht nahe bei,
Da seht nun auch, wie kühn er sei!
Wenn er meinen Herrn erschlagen,
1400   Wie mag er nur daran verzagen,
Daß ihn ein Weib nicht dürfe sehn?
Was könnt' ihm auch von der geschehn?«

    Also suchten sie eifrig fort;
Der Stein war aber sein Hort,

1405   Daß ihm kein Arges geschah.
Und weil ihn Keiner ersah,
Ließen sie endlich von ihm ab.
Ihren Todten trugen sie hinab
Ins Münster, wo man das Hochamt thät,
1410   Mit vollem Allmosen und Gebet,
Und bestatteten ihn zur Erde;
Mit großer Ungebärde
Ließ man der Klage freien Lauf.

    Da machte die Jungfrau sich auf,

1415   Stahl sich von dem Gesind hindann,
Und grüßte den verborgnen Mann
Mit Trost, wie eine höfische Magd.
Auch war der Ritter nicht verzagt;
Ihm hatte die Minne hohen Muth
1420   Gegeben wie sie manchem thut,
Daß ihn der Tod nicht dünkt entsetzlich.
Doch hehlt' er das der Magd vorsätzlich,
Daß er ihrer Gebieterin
So heftige Liebe trug im Sinn:
1425   Er dachte nur, wie er sie sähe?
Nun war in solcher Nähe
Das Bett, wo er gelegen,
Daß ihm so hell entgegen
Ihr Klagen scholl und ihr Geschrei,
1430   Als ob er unter ihnen sei.
Da sprach er listig zu der Magd:
»Weh, wie dies Volk sich härmt und klagt!
Mir geht ihr Weinen zu Herzen
Mit bitterm Gram und Schmerzen:
1435   Könnt' es mit Fug geschehen,
Viel gerne möcht' ich sehen
Ihre Gebährd' und Ungehabe,
Die ich da höre bei dem Grabe.«

Die Rede meint' er mit nichten so:

1440   Denn er gäbe d'rum noch nicht ein Stroh,
Ob ihre ganze Zahl
Zur selben Stunde allzumahl
Da liegen möcht' auf Todtenbahren,
Die dort Gesinde waren,
1445   Ausgenommen die Frau allein:
Die Noth dünkt' ihn nicht klein,
Daß er sie hört' und nicht ersach. –
Nun stillte die Magd sein Ungemach,
Weil er so gar beweglich bat;
1450   Ein Fenster droben sie aufthat,
Und ließ dadurch ihn schauen.
Da sah er seine Frauen
Von Jammer leiden höchste Noth.
Sie sprach: »Gesell', an Dir ist todt
1455   Der aller tapferste Mann,
Der Rittersnahmen je gewann,
An Mannheit herrlich und an Milde.
Es reitet nie mehr mit Schilde
Ein Ritter so vollkommen!
1460   Wie bist Du mir entnommen,
Ohne daß ich weiß warum und wie?
Wenn doch büßt' an mir allhie
Der Tod all' sein Begehren,
Und wollte die Bitt' erhören,
1465   Daß er mich ließe fahren mit Dir!
Seit ich Dich nicht habe, was soll ich hier?
Was soll mir Gut und Leib?
Was soll ich unglückselges Weib?
Weh mir daß ich je ward gebohren!
1470   Weh mir, wie hab' ich Dich verlohren!
Weh mir, mein trauter Geselle!
Gott verschließe Dir die Hölle,
Und gebe Dir durch seine Kraft
Der Engel Genossenschaft:
1475   Denn Du warst der Beste auf Erden.«
Mit heftigen Gebährden
Zerrauft' und schlug sie sich aufs Neue:
Herr Iwein der Getreue
Sprang auf und rannte nach der Thür;
1480   Er dachte nur, wie er herfür
Zu der schönen Fraue käme,
Und bei der Hand sie nähme.
Die Jungfrau aber, als sie's ersieht,
Ihn hastig wieder zu sich zieht,
1485   Und spricht: »Um Gott, wo wollt ihr hin?
Oder wo habt Ihr den Sinn,
Und thut was Euch ins Unheil bringt?
Von Volk ist noch die Pfort' umringt,
Das wüthet und schnaubend droht;
1490   Und folgt Ihr jetzt nicht meinem Gebot,
Ist Euer Leben für Nichts verschenkt.« –
So hat ihr Zorn ihn zurück gedrängt;
Sie sprach: »Wohin habt Ihr gedacht?
Hättet Ihr Euern Gang vollbracht,
1495   Ihr wärt dabei nicht wohl gefahren.
Ich getrau' mir nicht Euch zu bewahren,
Es sey denn Euer Wille,
Daß ihr mit Gott Euch haltet stille.
Den acht' ich einen klugen Mann,
1500   Der thörichte Gedanken kann
Durch weisliche That umlenken:
Weß Sinn aber nur will denken
In allen eiteln Dingen
Müsse sein Werk gelingen
1505   Durch That und trotzigen Muth,
Der vollbringts nicht halb so gut.
Ihr dürft jetzt keine Thorheit hegen,
Müßt Eure Kühnheit bei Seite legen,
Doch habt Ihr Weises Euch erdacht,
1510   Das ist gut, das werde vollbracht.

    Herr, jetzt muß ich Euch lassen allein,
Und hurtig wieder gehn hinein
Zu meiner Frauen Gesinde:
Ich fürchte schon, man finde

1515   Daß ich zu Euch mich stahl.
Vermissen sie mich im Saal,
Sie möchten Argwohn fassen
Drum muß ich gehn, und Euch verlassen.«

    Ob ihm nun zwar die Minne

1520   Durch ihre Gewalt die Sinne
Mit Leid und Schwere beladen,
Doch dacht' er an Einen Schaden:
Was sollt' er sich erfinden
Den Spott zu überwinden,
1525   Sollt' es ihm nicht gelingen
Ein sichtlich Pfand zu bringen
Zum Trotz der bösen Zungen?
Was hätt' er sonst errungen
Durch allen Kampf und alles Leid?
1530   Er fürchtet' ihren Neid,
Und wußte sicher daß Herr Key,
Ihn nimmer lasse frey
Vor Spott und Hohn geborgen.
Die zwey verschiednen Sorgen
1535   Quälten zu Anfang ihn gleich schwer:
Viel bald ward doch der Einen mehr.
Frau Minne behielt die Oberhand,
Daß sie ihn fing und band.
Sie bekämpft' ihn mit übergroßerKraft,
1540   Und zwang durch ihre Meisterschaft
Ihn also, daß er Herzensminne
Für seine Feindin trug im Sinne,
Die ihn verfolgte mit tödlichem Haß.
Auch ward die Frau am Ritter baß
1545   Gerochen als sie hatte Kunde,
Denn tödtlich traf ihn die Wunde
Die ihm schlug der Minne Hand.
Mit solchen Wunden ists so bewandt:
Man sagt, sie schmerzen länger und mehr,
1550   Als von Schwert oder Speer.
Ward Einer von Waffenschärfe wund,
Der werd' alsbalde gesund,
Wenn ihm der Arzt nur nahe;
Wer aber diese Wund' empfahe,
1555   Dem bringe des Arztes Nähe Tod,
Oder stets wachsende Noth.

    Viel oftmahls hat sich Minne
Zu schwachem Gewinne
Vertheilt auf mancherlei Pfaden,

1560   Wohin sie Niemand geladen:
Von denen rafft sie nun sich auf,
Und in vollem, stürmenden Lauf
Richtet sie alle Kraft
Darauf, daß ihre Meisterschaft
1565   Desto gewalt'ger kundbar sei.
Eines klag' ich, und sag' es frei:
Da Minne so sicher trifft ihr Ziel,
Und Jeden bewältigt den sie will,
Alle Könige die da sind
1570   Noch leichter zwinget als ein Kind,
Sollte sie trachten nach bessern Siegen,
Und nicht so ruhmlos sich begnügen;
Nicht so demüthig nur sich wagen
An Jeden Geringen und Zagen,
1575   Der sie nach Fug und Recht nicht ehrt,
Ihren Gewinn in Schmach verkehrt.
Sie ist mit ihrer Süße
Gar oft schon unter die Füße
Der Thorheit gefallen:
1580   Wie Einer der zur Gallen
Seinen Honig wollte gießen
Oder den Balsam ließ' entfließen
In die Asche aus seiner Hand:
Da hätt' er alles schlecht verwandt.
1585   Hier aber hat sie's nicht verfehlt,
Und diesmahl sei sie nicht geschmält;
Sie suchte hier sich einen Wirth,
Um den sie gewiß von Keinem wird
Getadelt noch des Ruhms entbehrt:
1590   Hier ist sie weislich vorgekehrt,
Und mag mit Ehren sich einquartieren:
Solche Herberg' sollte sie immer kühren.

    Als nun der Ritter begraben war,
Zerstreute sich die trauernde Schaar.

1595   Laien und Pfaffen,
Gingen heim ihre Arbeit zu schaffen.
Die Frau in ihrer Sorg' und Pein
Blieb an der Grabesstätt' allein.
Als Herr Iwein ihr Weinen da,
1600   Und ihren mächt'gen Kummer sah,
Den Schmerz in ihrem Gemüthe,
Und Ihre stete Güte,
Ihr weibliches treues Herz,
Und ihren sehnenden Schmerz,
1605   Da minnt' er heftiger sie als je,
Und es ward ihm nach ihr so weh,
Daß Minne nimmer gewann
Größre Gewalt an keinem Mann.

    Er gedacht' in seinem Muthe:

1610   Eia, Herr Gott der Gute,
Wie lenkst Du meine Sinnen,
Daß ich so sehr muß minnen
Die mich verfolgt mit tödtlichem Groll?
Ich weiß nicht wie sichs fügen soll
1615   Daß sie mir gnädig würde,
Der ich so schwere Bürde
Auflud durch mein Verschulden?
Ich sehe daß ich ihre Hulden
Nun und nimmer gewinnen kann;
1620   Ich erschlug ja doch ihren Mann.

    Und dennoch wär' ich zu verzagt,
Hätt' ich aller Hoffnung entsagt:
Ich will auf Ein Ding vertrauen,
Und sichern Trost drauf bauen:

1625   Wenn Frau Minne so wahr und echt
Ihre Meisterin werden möcht'
Als sie mir's geworden ist, –
Ich wette, daß sie in kurzer Frist
Eine unbillige Sache
1630   Wohl zur billigen mache.
Ich acht' es möglichen Gewinn,
Wenn Lieb' ihr nimmt gefangen den Sinn
Wie mir, und mir entgegenleitet
Die jetzt mit Haß mir widerstreitet, –
1635   Und hätte sie noch mehr zu klagen,
Sie müss' all' ihrem Zorn entsagen,
Und mich in ihr Herze legen:
Frau Minne muß sie mir bewegen.
Ich traue mit meiner Tapferkeit
1640   Sie zu schirmen vor allem Leid.
Wüßte sie selbst nur, welche Noth
Mich zwang zu ihres Herren Tod,
Es stimmte sie wohl ehr zur Güte:
Und ach! erkennte sie mein Gemüthe,
1645   Daß ich als Buß' ihr will ergeben
Mich selber und mein ganzes Leben!
Weil nun der Minne Gedank' und Rath
Mich so gar überwältigt hat,
So hat sie großes Recht dazu
1650   Daß sie der beiden Eines thu:
Entweder lenke sie jene zu mir,
Oder wende mein Gemüth von ihr,
Denn sonst bin ich verlohren.
Daß ich zur Liebsten hab' erkohren
1655   Meine tödtliche Feindin,
Das ist nicht aus meinem Sinn,
Es ist auf ihr Gebot geschehn:
Drum soll sie mich nicht lassen stehn
Rathlos und irr' auf Scheidewegen.
1660   Ach! Käme Minne mir entgegen
Wie sie's vermag, nach ihrer Güte!
Freude und hold Gemüthe
Die ziemten meiner Frauen baß,
Als daß sie selbst sich quält mit Haß.
1665   Die Marter und das Leid
Die sie allstündlich erneut,
Die sollt' Ich billiger empfah'n.
O weh! was hat ihr gethan
Ihr Antlitz und ihre Farbe so klar,
1670   Daß nie schönre auf Erden war?
Ich weiß es nicht, fürwahr,
Was sie an ihrem goldnen Haar,
Und an ihr selber zu rächen meint
In ihrem Zorn, so grimm und feind;
1675   Sie ist ja ganz unschuldig dran!
Ich war's der ihr erschlug den Mann.
So harte Züchtigung, solch Gebahren
Müßt' ich billig selbst erfahren:
Gott thäte besser, ließ' er von ihr
1680   Die Rach' erfüllen an mir.
Weh mir, daß die viel Gute
In ihrem Zornesmuthe
So gar schön ist und wonnereich!
Wem wäre sie erst gleich,
1685   Wenn kein Leid sie bewegte?
Wahr ist's, Gott der Herre legte
All' seine Kunst und seine Kraft,
Seinen Fleiß und seine Meisterschaft
An diesen wonniglichen Leib:
1690   Es ist ein Engel und nicht ein Weib.

    Herr Iwein saß verborgen
In Freuden und in Sorgen.
Ihm schuf das Fenster gut Gemach,
Deß er genoß, wenn er sie sach;

1695   Dagegen fürchtet' er den Tod.
So hatt' er beides, Freude und Noth.
Er saß da, und schaute sie an,
Bis zur Zeit wo sie hindann
Wieder durch die Halle kam.
1700   O weh! wie faßt ihn Schmerz und Gram,
Als er sie fortgehn sah,
Daß er nicht sprechen durfte da;
Doch wehrt' ihm noch die Furcht daran.
Die Pforten wurden zugethan
1705   Durch die sie war gegangen,
Und er war also gefangen.
Daß ihm aber die Ausfahrt
Diesmahl wieder verschlossen ward,
Das kümmert' ihn nicht minder noch mehr,
1710   Als ob jede der Pforten wär'
Angelweit vor ihm aufgesperrt,
Und er selber quitt erklärt
Aller seiner Schulden,
Also daß er mit Hulden
1715   Fahre wohin ihn dünke gut.
Denn wohin wohl strebte sein Muth
Anders, als zu bleiben dort?
Und wär' er schon von dannen fort,
Er hätte sich wieder gesehnt dahin.
1720   Sein Herz begehrt' auch Nirgend wohin
Als wo er ihren Anblick hätte:
Das dünkt' ihn die allerbeste Stätte.
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