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Iwan der Schreckliche und sein Hund

Hans Hoffmann: Iwan der Schreckliche und sein Hund - Kapitel 1
Quellenangabe
typeXXXXXXXXX
booktitleIwan der Schreckliche und sein Hund / Lydia
authorHans Hoffmann
yearca. 1905
firstpub1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleIwan der Schreckliche und sein Hund
pages200
created20101106
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

Das neue Schuljahr nahm acht Tage nach Ostern seinen Anfang.

»Wie Kraniche, ihr Klagelied singend, ziehn –«

so wälzten sich die Gymnasiasten von Stolpenburg in endlosen Reihen heran, alle in jener trostlosen Stimmung unbestimmter Gewissensangst, wie sie nach den Ferien auch des redlichsten Schülers Brust beklemmt, nachdem die von hundert jungen Herzen liebevoll gepflegte Hoffnung wieder einmal zuschanden geworden ist, die Hoffnung, es möchte noch in der letzten Nacht das Gymnasialgebäude ein Raub der Flammen oder der Direktor eine Beute jähen Todes geworden sein, oder mindestens werde durch den Ausbruch der Cholera, der Pest oder des Schwarzen Todes, durch einen tropischen Zyklon, ein ungeheures Erdbeben, die plötzliche Erhebung eines feuerspeienden Berges mitten auf dem Marktplatz oder ein ähnliches Ereignis von öffentlichem Interesse der Beginn des Unterrichts noch um einige Tage verzögert werden.

Auch diesmal war nichts dergleichen geschehen; die breite Tür des Gymnasiums war höhnisch aufgesperrt, und nicht das kleinste Hindernis stand dem freien Eintritt in die Klassenräume entgegen.

Da waren sie wieder, die kahlen, graugetünchten Wände, die großen Fenster mit den kleinen Scheiben, die schwarze Tafel, das dräuende Katheder, die 6 nüchtern hingereckten Tische; selbst der einzige Schmuck der letzteren, die kunstvoll eingeschnittenen Buchstaben, flammende oder durchbohrte Herzen und andre Sinnbilder früher Seelenzartheit, waren durch brutales Ueberstreichen mit dicker brauner Farbe wieder zerstört worden, und es bedurfte zu ihrer Wiederherstellung voraussichtlich der mühevollen Arbeit mancher Religions- oder Mathematikstunde.

Wie alle Untertertien stand auch die von Stolpenburg in dem Ruf namenloser Verworfenheit, und wie alle Untertertien auch diese mit gutem Grunde. Heute war freilich noch nichts von ihrer sonstigen Fruchtbarkeit zu spüren; stumm und verdrossen saßen die wilden Scharen schon lange vor dem verhaßten Glockenton jeglicher auf seinem Platze, nur ein schauerliches Gähnen unterbrach häufig die Schwüle, manchmal auch wohl ein eigentümlicher, scharf klatschender Doppelschlag, der für kundige Ohren das Austeilen und Wiederempfangen einer nachbarlichen Ohrfeige bezeichnete. Doch die Grundstimmung der Klasse war trübe und friedlich, überaus friedlich. Die meisten hatten die Köpfe tief in ihre Lehrbücher versenkt; einige ganz verzweifelte Charaktere aber hatten jede Hoffnung draußen gelassen, ihre Bücher entschlossen zugeklappt und starrten blödsinnig in den regengrauen Morgenhimmel.

Da kam noch ein Halbverspäteter hereingeschossen, und seine Stimme klang hell und derb in die allgemeine Dumpfheit:

»Au, Jungens, der Neue ist draußen! Ich hab' ihn gesehen! Und wir kriegen jetzt gleich die erste 7 Stunde bei ihm! Ich weiß es von dem Primaner Butzke, der mein Freund ist!«

Das wirkte wie ein Trompetenstoß auf alte Streitrosse.

»Wer? – Wie heißt er? – Wie sieht er aus? – Was kriegen wir bei ihm?« schrie es durcheinander.

»Wie er heißt, weiß ich nicht, aber Mathematik gibt er natürlich,« antwortete der junge Wissende mit ganzer Überlegenheit.

»Donnerwetter, wie sieht er aus?«

»Eklig,« sagte jener kleinlaut, »sehr eklig!«

Auf diese knappe Personalbeschreibung hin schien die Stimmung wieder eine äußerst flaue werden zu wollen, als plötzlich aus dem Hintergrunde, wo die gefürchtetsten und bestraftesten Individuen hausten, eine entschlossene Stimme sich vernehmen ließ:

»Na, Kinder, dem wollen wir's zeigen!«

Dieser bescheidene Schlachtruf hob die Stimmung wieder mit überraschender Schnelligkeit.

Von allen Seiten klangen fröhliche Zurufe:

»Na, natürlich! – Das wollen wir auch! – Ei weih! – Mit dem wollen wir schon fertig werden! – Was will der? Bloß so'n Mathematiker! – Der soll nicht mucken!«

»Wißt ihr was, Kinder?« gellte eine herrschende Stimme durch das allgemeine Brausen. »Die letzte Bank fängt an zu trommeln, sowie er frech wird, und wenn er dahin läuft, legt die erste los, und dann –«

»Ach was, alle Bänke zugleich,« schrie ein andrer, »das flutscht besser. Daß ihm gleich Hören und Sehen vergeht!«

8 »Ach, die da vorn sind ja doch gemein und drücken sich!« scholl es hinten aus der Verbrechergegend.

»Wer gemein ist, wird verhauen!« war die prompte Antwort.

»Und wer petzt –«

»Na, so gemein ist doch keiner! Und wir würden ihn auch zu Mus keilen!«

»Famos, Jungens! Also paßt auf: wenn ich meinen Federkasten vom Tisch fallen lasse, geht's los!« Das war der Ruf des ersten Aufwieglers.

»Aber nicht gleich von Anfang an,« rief ein Besonnenerer, »vielleicht ist er überhaupt anständig –«

»Na nu! Ganz egal, getrommelt wird doch!«

»Natürlich! Eh' er übermütig wird! Erst müssen wir ihn klein kriegen; nachher können wir ihn ja besser behandeln, wenn er anständig ist.«

»Übrigens ist er doch immer bloß ein Mathematiker.«

»Na, denn also drauf!«

So hatten Kampflust und Siegesgefühl die Wolken des Trübsinns schnell verscheucht; diese jungen Germanen gingen so freudig in die Mathematikstunde wie ihre Ahnen in die Schlacht.

Jetzt ging die Tür auf, herein trat mit großen, ruhigen Schritten der neue Lehrer und stand vor der scharf beobachtenden und schweigsam lauernden Klasse.

Allein keine Hand regte sich, kein Fuß ward gerückt, keine Lippe murrte, kaum daß eine Wimper zu zucken wagte; still, wie in Erz gegossen, kerzengerade in musterhafter Haltung saß die gefährliche Untertertia vom ersten bis zum letzten Glied ohne Ausnahme und 9 ohne Unterbrechung. Wie ein unhörbarer Seufzer ging es durch ihre Reihen, ein Seufzer der Entsagung und hoffnungslosen Unterwerfung. Aller Augen hingen wie gebannt, voll heimlichen Schreckens an den Zügen des Lehrers, die eben noch hell entbrannten Wangen waren bleich, schlaff, entnervt. Es war, wie wenn in ein junges Bataillon die erste Granate einschlägt und eine fürchterliche Lücke reißt.

So schreckhaft niederschmetternd wirkte die bloße Erscheinung dieses Mannes. Er hatte einen vollständigen Sieg errungen, ehe die Feindseligkeiten noch eröffnet waren, ja, ehe er die ihm drohende Gefahr vielleicht auch nur ahnte.

Und in der Tat, der Sieger sah unbeschreiblich furchterweckend aus. Schwarze, borstige Haare und ein kurzer, aber bedrohlich gesträubter Bart umrahmten das finstere Gesicht, die starken Lippen waren fest zusammengekniffen, die Nase gleich dem Schnabel eines Raubvogels, die Stirn immer gerunzelt, die buschigen Brauen unheimlich in der Mitte zusammengewachsen, und vor allem die Augen – die dunkeln, tiefliegenden Augen waren unwiderstehlich furchtbar, ihr Blick durchbohrend, vernichtend. Diesem Menschen stand es mit entsetzlicher Deutlichkeit im Gesicht geschrieben, er war ein Wüterich, ein Tyrann, ein Schreckensmann von eherner Unnahbarkeit.

Und nun begann er den Unterricht. Seine Stimme war herb und heiser; jedes Wort, schroff herausgestoßen, klang wie ein Befehl zur Hinrichtung. Alles zitterte und schwieg, bis ins Mark von Ehrfurcht durchschauert; nie hat ein Sterblicher eine so 10 lammfromme Tertia gesehen. So begann die Stunde, und so schloß sie.

Am selben Tag noch erhielt »der Neue« von der ganzen Schule den Beinamen, welchen ein historisch gelehrter Knabe mit glücklichem Griff gefunden hatte: »Iwan der Schreckliche«.

Der Mathematiker, mit seinem bürgerlichen Namen Gotthold Belling geheißen, hielt an diesem Tag noch einen ähnlichen Triumphzug durch die Ober- und Unterquarta und verließ dann ziemlich erschöpft, wie es schien, das Gymnasium.

Der Direktor Wenzlaff, ein kleiner, rundlicher Herr mit leidlich humanem Gesicht, stand neben dem alten Professor Heding am Flurfenster und blickte ihm nach.

»Ein vortrefflicher Pädagoge allem Anschein nach,« sagte er, »dieser junge Kollege; er hält musterhafte Disziplin, musterhaft, sage ich –«

»Woher wissen Sie das denn schon so sicher, Herr Direktor?« fragte der Professor etwas scharf.

Der Direktor, welcher nicht gern sagen mochte, daß er wieder einmal nach seiner löblichen Gewohnheit an der Tür gelauscht und nachher einige Schüler über die Art des Lehrers ausgehorcht hatte, erwiderte:

»Dem Anschein nach, lieber Kollege. Aber Sie wissen, ich täusche mich nicht leicht in meinem physiognomischen Urteil. Und ich behaupte, seinem ganzen Auftreten nach hält dieser Mann eine eiserne Disziplin; und man mag sagen, was man will, Disziplin ist und bleibt das Alpha und Omega aller Pädagogik.«

»Disziplin – o ja!« sagte etwas gedehnt der alte 11 Heding, von dem allgemein bekannt war, daß er seine Schüler nur sehr mangelhaft im Zügel hielt. »Es ist freilich ein großer Unterschied, durch welche Mittel die Zucht gehandhabt wird. Ein Regiment durch eitel Furcht und Schrecken ist am Ende keine Kunst. Und ich gestehe, der junge Herr sieht ein wenig danach aus, als ob er dem Grundsatz huldigte: Oderint, dum metuant

»Tut nichts! Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang. Wir bedürfen einer Stärkung der Zucht an unsrer Anstalt,« sagte der Direktor mit Bedeutung.

»Und die Furcht vor dem Schulrat ist für manchen der Weisheit Vollendung,« sagte der geärgerte Professor mit einer sehr durchsichtigen Anspielung auf eine wohlbekannte Eigentümlichkeit seines Vorgesetzten.

»Zügellosigkeit nach oben,« versetzte dieser, »verbindet sich sehr leicht mit schwächlicher Laxheit nach unten.«

»Vielleicht noch öfter Despotismus nach unten mit Unterwürfigkeit nach oben.«

»Ich habe nichts von der letzteren Eigenschaft bei dem neuen Kollegen bemerkt,« sagte der Direktor mit erzwungener Unbefangenheit.

»Von dem sprach ich auch eigentlich nicht gerade,« versetzte der alte Heding, »indessen glaube ich allerdings ein gewisses scheues Wesen an ihm bemerkt zu haben, eine auffallende Schüchternheit uns Älteren gegenüber –«

»Die mir uns Älteren gegenüber durchaus nur am rechten Platz zu sein scheint.«

»Ganz schön. Aber doch ist mir der Mann nicht 12 sympathisch. Er hat ein Tierbändigergesicht. Ein unheimlicher Mensch! Ein Mensch, dem ich weder Herz noch Phantasie zutrauen könnte, sondern nur Rechnen und herrisches Wollen.«

»Ein Mann, der sich in Respekt zu setzen weiß, ein Pädagoge, dem ich eine Zukunft prophezeie.«

»Er wird Sie doch nicht noch einmal vom Thron stoßen, Herr Direktor?« fragte der Professor höhnisch.

Jener seufzte:

»Jedenfalls würde er es besser verstehen als ich, die unruhigen Elemente und bösen Zungen im Zaum zu halten. Ich wollte, mir wäre etwas mehr von der Natur eines Tierbändigers gegeben.«

Während diese Wechselrede der beiden erfahrenen Pädagogen stattfand, legte der besprochene Doktor Gotthold Belling seinen Weg nach Hause zurück. Da er sich bereits seit vierzehn Tagen im Städtchen aufhielt, so war er selbstverständlich jedermann der Persönlichkeit nach vollkommen bekannt, jedoch immer noch neu genug, um das öffentliche Interesse in starker Spannung zu erhalten. So ward er denn auf seinem Gang von allen Seiten und aus allen Fenstern von neugierigen Blicken wie von einem Fliegenschwarm verfolgt; allein auch die zudringlichste Neugier verwandelte sich bei seinem Näherkommen sogleich in augenniederschlagende Bescheidenheit; hochmütige Vollbürger wichen dem Einwanderer mit unwillkürlicher Höflichkeit aus, und nicht nur der vielgefürchtete Polizeiwachtmeister Biestemann griff mit fast untere würfiger Miene an seine Mütze, sondern selbst der Bürgermeister Bumcke, der erste und gröbste Mann 13 seiner Stadt, zog den Hut so tief wie vor den reichsten Leuten und zeigte ein wahrhaft verbindliches Lächeln. Vielleicht noch merkwürdiger aber war, daß der Bankier Karfunkelstein, der an die Huldigungen der adeligsten Gutsbesitzer der Umgegend gewöhnt war, ihm mit einer geradezu gemäßigten Dreistigkeit ins Gesicht starrte. Zwei junge Backfischchen endlich, die ihn erst aus unmittelbarer Nähe bemerkten, fielen vor Schreck beinahe in eine offen stehende Haustür und blickten dem finster Weiterschreitenden bebend nach.

»Herrgott, sieht der aber böse aus!« flüsterte die eine.

»Das ist der neue Lehrer vom Gymnasium,« hauchte die andre.

»Ach, mein armer Bruder!« seufzte die erste.

So hielt Iwan der Schreckliche seinen Triumphzug durch die Stadt.

Zur nämlichen Stunde waren vier eifrige Frauenhände noch beschäftigt, das Wohnzimmer des Triumphators zu seinem Einzug vorzubereiten. Es war die verwitwete Frau Rechnungsrätin Gehrke, die ihm die zwei möblierten Zimmer vermietet hatte, und ihre zwanzigjährige Tochter Helene.

»Mutter,« sagte diese, den schon für abgestaubt geltenden alten Schreibsekretär noch einmal musternd, »hier in den Fugen sitzt noch eine Menge Staub; ich bitte dich, tu uns nicht die Schande an! Wenn er das gemerkt hätte!«

»Aber, Lenchen, das merkt doch solch Herr nicht! Und dann – das nennst du noch Staub? Das sind ja höchstens drei Fusselchen noch –«

14 »Daumendick, Mutter!«

»Lächerlich! Wenn wir bei uns so abstauben wollten, kämen wir den ganzen Tag zu keiner andern Arbeit und du zum Lesen erst gar nicht.«

»Ja, bei uns, das ist auch etwas andres. Bei sich selbst kann es jeder halten, wie er will, bei andern aber, wie es sich schickt. Und denke nur, wenn er den Staub doch einmal merkte und dich dafür ansähe, so . . . so . . . na, du weißt schon!«

»Barmherziger Himmel, ja, Lenchen, das ist wahr, der Schreck wäre grausam! Erbarme dich, was kann der Mensch für entsetzliche Augen machen!«

»Aber so sage doch bloß nicht immer ›der Mensch‹, Mutter! Ich kann das nicht hören.«

»Und du sagst immer bloß ›Er‹, liebes Lenchen, das finde ich erst recht unschicklich; ich sage doch meist ›der Herr Doktor‹, außer wenn ich gerade so einen Schauder vor ihm ausdrücken will.«

»Du hast aber gar keinen Schauder vor ihm zu haben, Mutter; ich habe dir zehnmal gesagt, er ist ein ganz guter, stiller, bescheidener und sogar schüchterner Mensch –«

»Aber er sieht doch aus wie ein Menschenfresser! Das kannst du nicht leugnen, Lenchen; denke doch, wenn er seine Augen macht! Auf dem Gewissen muß er jedenfalls etwas haben, dabei bleibe ich.«

»Tu mir den einzigen Gefallen, Mutter, solchen Unsinn nicht zu glauben. Stelle dir nur immer vor, wie höflich er zu dir ist und wie er den Kindern im Keller nebenan immer Bonbons mitbringt und ihnen dann Augen macht, selbst die reinen Bonbons, und wie er freundlich mit seinem Hündchen umgeht –«

15 »Ja, das weiß Gott, das greuliche Tier verwöhnt er schon mehr, als erlaubt ist. Das mußt du selbst sagen, Lenchen, so darf man eigentlich ein Vieh nicht behandeln, reinweg wie ein Kind! Ich habe sogar gesehen, daß der Köter eine ganze Weile auf des Herrn Doktors Bauch gelegen hat, als beide ihren Mittagsschlaf hielten. Das ist doch nicht recht! Das nenne ich Verhätscheln! So etwas habe ich doch dir nicht einmal gestattet, und du warst immer mein Kind und nicht mein Hund.«

»Das ist nun einmal eine Eigenheit von ihm – Molly! Komm doch mal heraus, Mollychen!« rief Helene.

Doch der sanfte Lockruf verhallte erfolglos.

»Siehst du, Lenchen,« sagte die Rechnungsrätin, das Sofakissen geradestellend, »parieren tut er auch nicht, ganz und gar nicht. Aber auch seinem eignen Herrn pariert er nicht. Und das muß ich sagen, das ist mir wirklich merkwürdig. Denn man sollte meinen, diesem Mann müßte jeder Mensch gleich aufs Wort gehorchen; ja, wahrhaftig, wenn er mir etwas befehlen wollte, ich flöge nur so, solche Furcht hätt' ich vor seinen Augen – und so ein Vieh nimmt sich's heraus und ist obstinat! Siehst du, das begreife ich einfach nicht!«

»Ich begreife das sehr leicht: ich sage dir ja, weil er viel zu gut ist. Ihm braucht niemand zu gehorchen, wer's nicht freiwillig tut, zwingen wird er niemand mit Gewalt. Darum ist ihm der Hund über.«

»Lenchen, Lenchen, du hörst wieder das Gras wachsen und willst klüger sein als deine alte Mutter und die 16 andern Leute, die alle vor dem Herrn Doktor Respekt und die richtigste Angst haben! Ich will dir aber sagen, woran das liegt, das mit dem Hund: weil er Molly heißt! Daran liegt's. So ein scheußliches Vieh Molly zu nennen! Jeder Christenmensch möcht' es lieber Satan nennen oder Nathan oder so was Ekliges, bloß nicht Molly; Molliges ist an dem doch ganz und gar nichts!«

Als ob er gesonnen wäre, dieses herbe Urteil der Frau Rechnungsrätin durch seine Erscheinung entweder zu bestätigen oder zu widerlegen, kam der Hund Molly plötzlich unter dem Sofa hervorgekrochen, reckte kräftig seine vier Beine, gähnte und wandelte dann mit gemütlichem Wedeln auf die alte Dame zu.

Sie wich erschrocken einen Schritt zurück. Und das Tier konnte wirklich trotz seiner Winzigkeit selbst einen beherzten Menschen erschrecken, eine so ungeheure Böswilligkeit stand ihm im Gesicht geschrieben. Der vorstehende Unterkiefer mit den ewig gefletschten Zähnen schien beständig von frischem Blut zu triefen, und die umbuschten Augen funkelten wie von unstillbarer Mordbegier. Diesen unsympathischen Ausdruck behielt das kleine Ungeheuer selbst dann, wenn es sich unter den streichelnden Händen seines Herrn im zärtlichsten Wohlbehagen krümmte.

»Lenchen,« flüsterte die Frau Rechnungsrätin wie immer ängstlich und geheimnisvoll, »Lenchen, Lenchen!«

»Was ist, Mutter, um Gottes willen, was ist dir?«

»Sieh doch bloß das Tier – findest du nicht auch?«

»Was denn, Mutterchen?«

»Ganz wahrhaftig aber! Nein, zu auffallend!«

17 »Was hast du denn bloß? Man könnte sich ja ordentlich ängstigen, so aufgeregt bist du!«

»Nein, aber auch so was! Wie aus dem Gesicht geschnitten!«

»Wem denn? Wer denn? Der Hund doch nicht?«

»Nu natürlich, der Hund! Und wem denn anders!«

»Ja, aber wem denn?«

»Siehst du, ich habe das so oft im Leben gefunden: Eheleute, die sich gut sind, werden zuletzt untereinander so ähnlich wie Geschwister, und ganz dasselbe findet man oft bei einem Hund und seinem Herrn – ich weiß bloß nicht, wer dabei zuerst ähnlich ist. Sieh ihn dir jetzt bloß wieder an, gerade in diesem Augenblick, nicht wahr? Der Herr Doktor, wie er leibt und lebt, oder doch wie sein Bruder!«

»Aber Mutter!«

Es klang durch diesen Ausruf eine tiefe sittliche Entrüstung.

»Ich werde es dem Herrn Doktor ja auch nicht gerade sagen,« begütigte die Mutter, »aber unter uns, was wahr ist, muß wahr bleiben. Übrigens, sieh doch schnell einmal aus dem Fenster, ob der Herr Doktor auch nicht schon kommt. Wahrhaftig, es ist zwölf Uhr, und dich darf er doch auf keinen Fall hier finden.«

»Warum nicht mich so gut wie dich?« fragte Helene kühl.

»In seinem Zimmer! Lenchen, bedenke doch!«

»Ich?«

»Du bist zwanzig Jahre alt – der Herr Doktor könnte doch denken –«

18 »Was soll er denken?«

»Du interessierst dich mehr für ihn, als – ich meine ja nur beispielsweise.«

»Mutter,« sagte Helene mit großer Ruhe und Sanftmut, »du weißt, darüber bin ich hinaus. Das kann mir nichts mehr anhaben.«

»Ach, Kind –«

»Es bleibt unwiderruflich. Ich sage mit Thekla:

›Du, Heilige, rufe dein Kind zurück;
Ich habe genossen das irdische Glück,
Ich habe gelebt und geliebet!‹«

»Ach, unglückseliges Kind!« seufzte die Mutter; doch ein Blick auf das lebensfrische und von gleichmütiger Heiterkeit strahlende Gesicht ihrer Tochter beruhigte sie einigermaßen. Und zum Überfluß tröstete diese noch selbst:

»Aber natürlich, Mutterchen, so schlimm wird's nicht! Ein Leid tue ich mir nicht an, dazu habe ich dich viel zu lieb, und dazu gefällt es mir auch viel zu gut in der Welt. Die nächsten sechzig Jahre hindurch denke ich es auf Erden noch auszuhalten. Aber freilich, mit solchen Gedanken, wie du sie immer für mich noch hast, ist es ein für allemal vorüber; tue mir die Schande nicht an, solchen Verrat an dem Heiligsten von mir zu verlangen. Ein Mädchen, das einen Herbert von Bodungen geliebt hat, kann niemals das Weib eines andern werden! Nur einmal blüht die Rose –«

»Ist schon nicht wahr, sie blüht jedes Jahr wieder, und die edeln Sorten sogar zweimal im Jahr.«

»Aber nicht das Herz des echten Weibes. Denke 19 an Friederike Brion, die ihr Leben lang dem einen Goethe die Treue bewahrte, denn

›Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie . . .‹«

»Sie wird nachher eben keinen andern ordentlichen Menschen mehr gefunden haben. Und von dir möchte ich schon gar nicht, daß die Leute sagten: ›Ein Strahl der Leutnantssonne fiel auf sie!‹ Dazu bist du mir viel zu schade, um so einem aufgeblasenen Prinzen länger als ein paar Wochen nachzuschmachten. Das kann bei einem jungen Ding schon vorkommen und ist sehr verzeihlich; aber an so einer Simpelei jahrelang festzukleben, das geht denn doch über den Spaß.«

»Mutter, du wirst verletzend!« sagte Helene mit Würde.

»Ach, Lenchen, wer hätte das von dir auch gedacht, daß du je in solche Gefühle versinken würdest! Du warst immer ein so gesundes Kind.«

»Ich denke, das bin ich heute noch. Du weißt, wie ich arbeiten kann, und essen kann ich für zwei, wenn's nötig ist, und schlafen auch, und beim Tanzen bin ich schon gar nicht totzukriegen.«

»Das war auch immer meine beste Hoffnung, daß du so gern tanzest und so guten Appetit hast; ich dachte, da kann es mit dem Liebeskummer nicht gar so arg sein.«

»O Mutter, man kann fröhlichen Herzens durchs Leben gehen und doch die heilige Flamme der Treue fest im Busen tragen.«

Die Frau Rechnungsrätin seufzte schwer.

»Übrigens,« fiel sie, sich besinnend, ein, »was nutzt denn das alles? Der Herr Doktor könnte doch von 20 deiner unglücklichen Idee nichts wissen und könnte also immer noch denken –«

»Wie sollte er darauf kommen?« rief Helene heftig; dann warf sie schnell einen musternden Blick in den Spiegel. »Es ist wahr,« seufzte sie, »ich sehe jetzt wieder entsetzlich jung aus.«

Diese Bemerkung enthielt eine Wahrheit, an der kein Skeptiker zu rütteln gewagt hätte.

»Ich glaube aber, das liegt hauptsächlich an der Frisur,« fuhr sie fort, »ich werde künftig wieder den glatten Scheitel tragen wie früher –«

»Ehe Herr von Bodungen die krausen Härchen über den Schläfen so hübsch fand; aber darin hatte er recht, sein Geschmack in solchen Dingen war gut. Ihm verdankst du diese Frisur.«

»Dann bleibt sie geweiht für alle Zeiten,« sagte Helene entschlossen und ließ die Hand wieder sinken, die bereits einige übermütige Löckchen an der Stirn glattzudrücken versucht hatte.

»Ich werde dem Herrn Doktor selbst meine Lebenstragödie mitteilen,« erklärte sie feierlich, »um jede Gefahr zwischen uns zu beseitigen. Er wird mich verstehen, er liest ja immer Jean Paul. Ich werde mich ihm ganz vertrauen, und dann kann vielleicht eine ungetrübte, unentweihte Freundschaft zwischen uns erblühen.«

Sie schwang über die lange Reihe der Werke Jean Pauls auf dem Bücherregal mit besonderer Sorgfalt den Staubwedel. Plötzlich aber nach einem zufälligen Blick aus dem Fenster rief sie laut: »Mutter, er kommt!« und entfloh, wie von einem Wirbelwind 21 entrafft; die Frau Rechnungsrätin folgte ihr langsam, nachdem sie noch einen befriedigenden Blick auf die Früchte ihrer Tätigkeit zurückgeworfen hatte.

Wenige Minuten nach ihrem Abgang betrat Iwan der Schreckliche sein Gebiet. Sein Tun hatte jedoch gar nichts Schreckenerregendes oder Menschenfeindliches an sich. Zunächst begrüßte er den an ihm emporjubelnden Hund mit außergewöhnlicher Zärtlichkeit, dann nahm er ein Buch aus dem Regal – es war diesmal der »Don Quichotte« – und streckte sich der Länge nach auf das Sofa. Da dieses jedoch wie alle Mietsofas anscheinend für ein vorweltliches Pygmäengeschlecht hergestellt war, so reichten seine Beine über die Seitenlehne hinaus bis auf den Fußboden, woselbst sie ein leises Trommeln vollführten, das Molly für einen kriegerischen Marsch halten mochte, denn er fuhr alsbald wie wahnsinnig im Zimmer umher und hatte binnen wenigen Minuten die letzten Spuren von Frau und Fräulein Gehrkes Morgenarbeit vernichtet.

Da sein Herr ihn jedoch durch kein einziges Wort des Tadels ermunterte, so ward ihm diese Arbeit bald langweilig; er sprang ohne Anfrage auf das Sofa und legte sich gerade auf den Bauch Iwan des Schrecklichen, behaglich schnurrend wie ein Kater, ohne daß sich der blutdürstige Ausdruck seines Gesichts irgendwie veränderte. Sein Herr aber lag und las und lachte von Zeit zu Zeit so kräftig auf, daß Molly heftig auf und nieder geschleudert wurde, als ob er den Sancho Pansa auf dem Prelltuch darzustellen berufen wäre.

*

22 Nach dem Mittagessen begaben sich die beiden Damen – zum erstenmal in diesem Frühling – in die Laube hinter dem Hause, woselbst sie während der guten Jahreszeit ihren Kaffee zu nehmen pflegten. Beide saßen schweigend und stickten; auf dem Holztischchen standen drei goldgeränderte Tassen, die sich in ihrer steifen Würde vollkommen dessen bewußt zu sein schienen, daß ihr Erscheinen im Sonnenlicht etwas Besonderes bedeutete; darunter spreizte sich ein Linnen von einer fast unbegreiflichen Sauberkeit.

Fräulein Helene förderte ihre Arbeit allerdings bedenklich wenig, denn sie war vollauf in Anspruch genommen durch einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Fliegen, die den Zucker umschwirrten und im Taumel des ersten Frühlingsrausches dessen unbeflecktes Weiß in unehrerbietiger Weise zu schädigen drohten. Außerdem aber trippelten ihre Füße sehr unruhig hin und her, als ob sie entweder einen ähnlichen Kampf gegen etwelches kriechende Geschmeiß ausföchten, um den Glanz ihrer feinen Sonntagsschuhe gegen dessen Wut zu verteidigen, oder aber irgend jemand mit aufgeregten Gedanken erwartete. Ihre Wangen zeigten ein kräftigeres Rot, als es die angenehme Wärme des Tages erzeugen konnte, und in ihren grauen, großen Augen schimmerte eine festliche Unruhe.

»Jetzt könnte er eigentlich kommen,« sagte sie, nach der Uhr sehend.

»Ja,« sagte die Frau Rechnungsrätin, »meinetwegen kann der Herr Doktor jetzt kommen.«

Und als wenn er hinter der Tür auf diese Zitation gelauert hätte, trat der Herr Doktor Gotthold Belling 23 im selben Augenblick aus dem Hause und bewegte sich in ganzer Feierlichkeit auf die Damen zu. Helene begrüßte ihn zurückhaltend, die Mutter sehr wohlwollend.

»Setzen Sie sich, lieber Herr Doktor,« sagte die letztere, »und erzählen Sie uns, wie es Ihnen heute morgen ergangen ist. Helene, den Kaffee!«

Beide gehorchten, der Doktor mit gemessener Ruhe, während das junge Mädchen verschwunden und wiedergekehrt war mit einer Hast, als ob sie fürchtete, die Fliegen könnten in ihrer Abwesenheit doch die so lange verhinderte Ungebühr vollenden. Sie goß ein und kredenzte den Kaffee, der von so unerhörter Schwärze war, daß man kaum noch den Boden der Tasse durchschimmern sah.

Jetzt endlich fand der Doktor seine Antwort.

»Gut,« sagte er, »über Erwarten gut. Alle Klassen waren musterhaft.«

Er machte zu diesen frohen Worten ein Gesicht, als ob er von einem Mordversuch auf seine Person berichtet hätte.

»Das freut mich,« sagte die Frau Rechnungsrätin, »freut mich wirklich recht sehr. Das wird eine gute Empfehlung für unsre Stadt bei Ihnen sein. Ich hätte es zwar kaum anders erwartet –«

»Warum nicht?« fragte er. »Sind die Knaben hier so besonders wohlerzogen?«

»I, wo denken Sie hin! Ganz abscheuliche Rangen sind es natürlich! Und sind es immer gewesen! Was mein Lenchen von den bösen Jungen hat ausstehen müssen! Erst, wie sie klein war, geneckt und an den 24 Zöpfen gezupft und geschneeballt und selbst geschlagen, und nachher umgekehrt, wie sie größer wurde und . . .«

»Mutter!« warnte Helene.

»Nun ja, nun ja, da hat sie eben andre Anfechtungen gehabt – doch lassen wir das; kurzum, von Wohlerzogenheit hat man nie viel spüren können. Ich meinte vielmehr – und so ist's ja nun auch gewesen – vor Ihnen, Herr Doktor, mußten sie doch Respekt haben.«

Doktor Belling lächelte düster.

»Sie meinen wegen meines Gesichts?« fragte er.

Die Frau Rechnungsrätin räusperte sich verlegen.

»Hm, hm – nun ja, nun ja – das heißt, ich meinte – ich glaube, Sie können ein sehr strenges Gesicht machen, wenn Sie wollen.«

Sie warf einen halb scheuen Seitenblick auf den Gast und bemerkte mit Erstaunen, daß in dessen Zügen eine bedeutsame Wandlung vor sich gegangen war; dieselben zeigten einen gelösten, gutmütigen, fast weichen Ausdruck, besonders hatten die Augen völlig das Starre und Stechende verloren und blickten eher wehmütig träumerisch; nur die sich sträubenden Haare und der Despotenbart hielten ihren Charakter fest.

»Sie drücken sich sehr schonend aus, Frau Rechnungsrätin,« sagte er, »ich verstehe ungefähr, was Sie sagen wollen – und was die Meinung aller ist – und mit Recht – das heißt –«

Er wollte noch mehr sagen, biß sich aber plötzlich auf die Lippen und schwieg. Die gute Frau war ganz rot geworden, als sie ihre Gedanken durchschaut sah, und ward durch sein Schweigen sehr beängstigt, 25 so daß sie ihre ganze Tasse Kaffee, heiß, wie sie war, in unzähligen kleinen Schlucken hinuntergoß und dabei sogar vergaß, den kleinen Finger edler Sitte gemäß zierlich von dem Henkel abzuspreizen.

Dagegen sah der Doktor, daß Helenens Augen jetzt hell und heiter auf ihm ruhten, mit einem Ausdruck frohen Verständnisses, der deutlich genug sagte: ›Ich weiß schon, Sie sind nicht so schlimm, wie Sie aussehen!‹

Das schien ihn überaus wohltuend zu berühren, seine Mienen klärten sich noch ein wenig mehr auf, und er vermochte sein Schweigen nicht zu bewahren.

»Das heißt,« sagte er, nun ganz zu Helenen gewendet, »gewissermaßen doch nicht mit Recht – Sie müssen nämlich wissen – es ist mir bewußt, daß ich ein sehr böses Gesicht habe –«

»Oh, bitte, bitte!« stotterte die Frau Rechnungsrätin. Helene aber nickte unbefangen bestätigend.

»Es ist aber nicht so arg gemeint,« fuhr er fort.

»Das wissen wir, lieber Herr Doktor, oh, das wissen wir!« rief die alte Dame gerührt.

»Vielmehr, wenn die Leute immer geneigt sind, aus meiner Physiognomie auf einen sehr starken Charakter zu schließen und mir ohne Schwanken eine trotzige Willenskraft, eine furchtlose Energie oder gar eine ungezähmte Leidenschaftlichkeit zuzuschreiben, so irren sie leider ganz und gar. Es ist alles nur ein zufälliges Spiel der Muskeln, ohne innere Bedeutung. Was haben auch dicke Haare und ein starker Bart mit dem Charakter und der unsterblichen Seele zu tun? Und das andre – ich habe einen Mann 26 gekannt, der sich viel Haß und Feindschaft zuzog dadurch, daß sein Gesicht immerfort einen lachenden Ausdruck zeigte, mochte es ihm noch so bitter ernst zumute sein; es war nichts als eine abnorme Stellung der Wangenmuskeln, und doch meinte jeder, er werde von ihm verspottet, und der arme Mensch hatte viel darunter zu leiden. Sehen Sie, und so ähnlich ergeht es mir auch. Ich hatte schon als Kind die Eigentümlichkeit, daß ich immer böser und schrecklicher aussah, je mehr ich mich innerlich ängstigte; man sah natürlich Trotz und Tücke darin, und es ist leicht zu denken, wieviel Schläge mir das eintrug. Bei meinen Mitschülern und Spielkameraden freilich setzte es mich auch wieder in Respekt; gerade wenn ich selbst mich recht kläglich vor einem Angriff derselben fürchtete, wichen sie unvermutet, erschrocken zurück und machten sich sachte aus dem Staub, so greulich sah ich dann aus. Das merkte ich denn mit der Zeit und lernte meine eigne Furchtsamkeit als Verteidigungswaffe gebrauchen. Ich machte es wie der Igel, der in jeder Angst sich alsbald mit grimmigen Stacheln umgibt und seine Feinde schreckt. Und so mache ich es im Grunde noch heute, wenn auch unwillkürlich, so doch mit Bewußtsein: meine finstere Maske schreckt die Leute am meisten, vor denen ich mich selbst am meisten fürchte.«

»Ei, da müssen Sie sich aber vorhin vor uns ganz entsetzlich gefürchtet haben,« sagte Helene lächelnd.

Er errötete und sah plötzlich wieder ganz böse aus.

»Verzeihen Sie,« stotterte er, »gewissermaßen – 27 tat ich das auch – das heißt – ich bin schüchtern und ungelenk – und vor Damen besonders –«

»Fürchten Sie sich? Oh, das ist aber prächtig! Da brauchen wir uns ja gar nicht mehr vor Ihnen zu fürchten!«

»Nein, liebes Fräulein, das sollen Sie nicht,« rief er mit weicher Stimme, »nein, nein, Sie nicht, Sie am wenigsten!«

Helene schlug ein wenig die Augen nieder.

»Wie merkwürdig!« sagte die Mutter.

»Ja, merkwürdig ist es,« entgegnete er, »daß ich sogar die besten Physiognomiker der Welt damit täuschen konnte – ich meine die Kinder, die Schüler, die sonst die Eigenart ihrer Lehrer mit erstaunlich sicherem Instinkt herauszuwittern vermögen. Allein auch sie habe ich heute überlistet. Wenn sie geahnt hätten, wie ich mich vor ihnen fürchtete!«

»Sie – vor den dummen Jungen?« fragte die Rechnungsrätin verwundert.

»In der Tat! Leider! Ich habe schon schlimme Erfahrungen gemacht.«

»Sie haben schon früher unterrichtet?« fragte Helene.

»Ja, vor Jahren schon, als ganz junger Mensch, ehe ich noch meinen großen Bart hatte. Aber es war kein erfolgreicher Anfang. Ein tüchtiger Pädagoge muß etwas vom Despoten in sich tragen, er muß vor allem ein überzeugtes Selbstbewußtsein besitzen, ja, er muß ein Stück Zelot sein, den es gewaltsam drängt, sein eignes Wollen und Wissen auf die Welt um ihn her überzupflanzen, es ihr auch wider ihren 28 Willen aufzuzwingen. Eroberer, Bekehrer und Erzieher werden im Grund aus demselben Holz geschnitzt: in ihnen allen herrscht der treibende Wille, die Außenwelt nach sich selbst zu gestalten und damit sich unterzuordnen. ›Seid wie ich!‹ rufen sie den Menschen zu, ›denn ich bin stärker und klüger als ihr!‹ Und wenn die Menschen und Schüler sich sträuben, so beweisen sie es ihnen mit dem Schwert, dem Scheiterhaufen und dem Rohrstock. Solche Naturen stehen aber im geradesten Gegensatz zum Gelehrten, und auch, wenn Sie wollen, zum Künstler. Diese sagen zu den Erscheinungen der Welt: ›Ich will mich euch hingeben, ihr sollt auf mich wirken und mich leise umgestalten, ich will mich in euch verwandeln und mein bescheidenes Selbst zu euerm Selbst erweitern; ich bin nichts durch mich, sondern alles durch euch, durch die Bereicherung, die ihr mir gebt, indem ich euch mit großen Augen ansehe, euch verstehe, mich an euch entzücke, eins werde mit euch, und zu allerletzt das unendliche Empfangene in stillem Bilden zu einem geringen Teil ruhig wieder von mir ausstrahle. Ich liebe euch, wie ihr seid und weil ihr seid, nicht weil ihr so oder so seid und ich euch vielleicht noch besser machen kann; ich kenne nichts Gutes und nichts Böses, sondern ich sehe die fertige Welt mit Freuden und sage in meinem Herzen: ›Siehe, es ist alles sehr gut.‹

»So stellt sich der Gelehrte und der Künstler vor die Dinge. Beide mögen gute Lehrer sein, aber nicht gute Erzieher. So war meine Natur, und so war ich ein schlechter Pädagoge. Es lag nicht in mir, auf Welt und Menschen eingreifend, umgestaltend, 29 beherrschend zu wirken, auch nicht auf die kleine Welt der Schüler. Als ich das erstemal vor meiner Klasse stand, hatte ich meine Herzensfreude an den prächtigen Kerlchen. Nichts Holderes, Frischeres, Vollkommeneres als so ein wilder Junge mit seiner täppischen Kraft, seiner trotzigen Eigenart, seiner sprudelnden Unart. Und so ein wackeres Gebilde soll man ändern, in seinem heiligen Wachstum verbiegen und beschneiden wollen, statt die freudig wuchernde Natur in ihm staunend zu verehren? Ich ließ die schöne Natur freudig wuchern, bis sie mir gründlich über den Kopf gewachsen war. Ich verlor den Zügel aus den Händen, da ich ihn von vornherein nicht fest ergriffen hatte. Es war unmöglich, die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen. Eine entfesselte Schülerschar ist wie ein durchgehendes Pferd, wenn es das Gebiß einmal zwischen die Zähne bekommen hat – an ein Halten ist nicht mehr zu denken. Ich merkte, daß dieses Roß für mich ein für allemal verdorben war; ich mußte mir ein andres zuzureiten suchen.

»Ich verließ mein erstes unglückliches Versuchsfeld und ging in eine andre Stadt, an ein andres Gymnasium. Meinen Fehler hatte ich klar erkannt, ich hoffte ihn künftig vermeiden zu können. Allein es ist nicht wahr, daß die Erkenntnis eines Fehlers der erste Schritt zur Besserung ist, oder: der erste mag es sein, aber es bleibt gewöhnlich auch der letzte. Denn unsre wahren Fehler, die nicht bloß äußere Angewohnheiten sind, wurzeln in uns unausrottbar, und wenn wir sie ablegen wollten, müßten wir uns selbst vernichten und mit dem Unkraut zugleich unsre 30 besten Fruchtähren ausreißen. Nehmt einem Menschen seine Fehler, und ihr nehmt ihm seine Tugenden, deren andre nur beschattete Seite sie sind, und es bleibt nichts übrig als ein stygischer Schatten ohne Mark, ohne Blut, ohne Farbe.

»Ich verlor zum zweitenmal die Herrschaft über meine Klasse, weil sie mich nicht fürchtete, weil die klugen Schlingel meine Gleichgültigkeit gegen ihre Sünden fühlten. Ueber meine Strafen lachten sie, denn sie witterten es, daß sie eine Heuchelei waren, daß ich im Herzen mit ihnen fühlte und heimlich mit ihnen lachte. Ich gewann nicht den Gehorsam, aber auch nicht einmal die rechte Liebe meiner Schüler. Denn Kinder sind wie Hunde und Menschen: sie müssen geprügelt werden, um recht mit Begeisterung zu lieben. Kein Sterblicher hat je so glühend hingegebene Anhänger gefunden als der große Massenmörder Napoleon. Von den Hunderttausenden, die sich für ihn schlachten ließen, starben viele Tausende freiwillig und freudig. Jesus von Nazareth fand statt der Tausende zwölf Jünger, und von den zwölfen verriet ihn der eine und der beste verleugnete ihn; von der Masse aber ward er gekreuzigt. Hätte sie Furcht vor ihm gehabt, sie würde begeistert für ihn in den Tod gegangen sein. Die Menschen können nicht lieben, ohne zu fürchten.

»Diese Erkenntnis war die Frucht meines zweimaligen Mißlingens – leider eine unfruchtbare Frucht. Ich verzichtete auf die Lehrtätigkeit, denn ein Beharren in derselben glich einer Verurteilung zu lebenslänglichem Martyrium; es gibt in der Welt für einen 31 Mann keine so entblätternde, so entsittlichende Not als das Bewußtsein, seinem Berufe nicht zu genügen. Ich wandte mich ganz der Gelehrtenlaufbahn zu. Ein paar tausend Mark, die meine Eltern mir hinterlassen, ermöglichten es mir, meine Studien zu vertiefen und zu vollenden. Doch als ich mich allenfalls reif fühlte, eine Dozentenstelle an einer Hochschule zu bekleiden, war ich mit der Hauptsache zu Ende – mit dem Gelde. Es ist ja in Deutschland nicht möglich, diese edelste Laufbahn zu beginnen, ohne daß man sich einige Jahre lang selbst zu ernähren vermag. Auch zum Tempel der Wissenschaft ist der unentbehrlichste Schlüssel das Geld. Ich aber stand dem Nichts gegenüber.

»So blieb mir nichts übrig, als mich nach Jahren zum drittenmal in das verhaßte und gefürchtete Lehramt zu retten. So bin ich hierher gekommen und stand heute vor einer Entscheidung über Sein und Nichtsein. Aber zum Glück, ich hatte sie fürchten gelernt, die zarten Knaben; ich sah in ihnen die überlegenen Feinde, denen es bestimmt sein sollte, nach grausamem Kampf mein Leben völlig zu vernichten. Darum zitterte und bebte ich, als ich vor sie trat – und diese meine Angst war es, die mich heute zum Sieger gemacht hat. Sie hat meine Züge schrecklich gemacht, ich sah es in allen Mienen, wie sie erschraken über mein grimmiges Gesicht und wie sie sich beugten und duckten in zitternder Demut. Ich konnte unangefochten über sie herrschen in gelassener Milde; ich bedurfte keiner Strafe, um mir Gehorsam zu erzwingen. Mit meinem Igelpanzer gerüstet, hoffe ich mich nun 32 so lange gegen ihre Pfeile halten zu können, bis die Gewohnheit mir ein festerer Schild geworden ist. Es ist also möglich, daß ich doch noch einmal Wurzel schlage im Leben. Das ist die Geschichte meines bösen Gesichtes, meine Damen, urteilen sie selbst, welch hohen Wert dasselbe für mich haben muß.«

»Oh, wie merkwürdig!« sagte die Frau Rechnungsrätin.

Helene sah ein Weilchen nachdenklich vor sich nieder. Dann sagte sie, mit verdeckter Schalkheit aufblickend:

»Ist es aber nicht ein bißchen unvorsichtig, Herr Doktor, daß sie uns ein so gefährliches Geheimnis in die Hände legen? Denken sie doch, wenn Ihre Schüler auch nur eine Ahnung bekämen von der inneren Ursache Ihrer Furchtbarkeit! Da würde es mit Ihrer Herrschaft ein schnelles Ende haben! Sie müssen nämlich wissen, wir haben morgen einen Damenkaffee.«

Doktor Belling erschrak wirklich, vielleicht nicht minder über das Wort Damenkaffee überhaupt, als über seine Unvorsichtigkeit. Gleich darauf aber hafteten seine Blicke mit einem innigen Ausdruck an Helenens lachenden Augen, und er sagte, ihrer Mutter die Hand reichend:

»Ich muß es wohl getan haben, weil ich Vertrauen zu Ihnen hatte.«

Die Frau Rechnungsrätin zerdrückte eine Träne in ihrem Auge und machte ein Gesicht, als ob sie in ihrem Herzen ein ungeheures Gelübde täte. Ihre Tochter aber war merklich rot geworden und goß dem 33 Gast eilig neuen Kaffee ein, obgleich seine Tasse noch halb voll war. Auch sie mußte einen Schreck bekommen haben, denn ihre Augen suchten ängstlich auffordernd den Blick ihrer Mutter; doch die winkte ärgerlich den Kopf schüttelnd und blinzelnd ab.

Plötzlich richtete Helene sich trotzig empor und sagte mit bewundernswerter Feierlichkeit:

»Herr Doktor, wir werden Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen. Zum Zeichen dessen will ich es sogleich mit einem Vertrauen erwidern. Sie sind ein erfahrener Mann; bitte, sagen Sie mir, was würden Sie von einem Mädchen halten, das in ihrer Jugend eine hohe, ideale Liebe gehabt hat und später in vorgerückten Jahren einen andern Mann heiratet?«

Die Frau Rechnungsrätin machte verzweifelte Anstrengungen, dem Doktor einen abratenden Blick zu geben; er sah nichts, sondern hielt den Blick verlegen in die Kaffeetasse gesenkt.

»Würden Sie ein solches Mädchen nicht für wankelmütig, oberflächlich, niedrig erklären müssen?« drängte Helene.

»O ja,« brachte er endlich hervor, rot und ängstlich, »gewissermaßen – das heißt – vorausgesetzt, daß der erste Geliebte jenes Mädchens würdig war, und –«

»Zweifeln Sie daran?« fuhr sie heftig auf.

Er sah sie erschrocken und fast traurig an und fuhr unsicher fort:

»Gewiß, wenigstens ist es erhaben und edel, einer einzigen Liebe sein Leben lang treu zu bleiben –«

»Nicht wahr, auch wenn sie unglücklich war?« rief Helene begeistert.

34 »Dann ist es sicher am erhabensten.«

Sie machte ein ganz entzücktes und triumphierendes Gesicht. Die Mutter rang still die Hände.

»Ich selbst entbehre zwar der Erfahrung in solchen Dingen,« setzte der Doktor hinzu, »auch ist es nicht mein eigentliches Fachstudium; mit mathematischer Strenge zu beweisen dürfte es ohnehin nicht sein; jedoch scheint nach den Lehren der Dichter, die hierin offenbar die kompetenten Richter sind, genugsam festzustehen, daß ein festes und tiefes Gemüt nur einmal im Leben wahrhaft zu lieben vermag. Freilich wird man so hochgestimmte Seelen nur selten finden –«

Er blickte mit dem Ausdruck innerer Verehrung und tiefen Verständnisses auf das junge Mädchen, das mit dem Anstand einer gottentzückten Märtyrerin dasaß.

»Um des Himmels willen, Helene,« rief die Rechnungsrätin in ausbrechender Verzweiflung, »das ist ja entsetzlich – der Kaffee ist ja ganz kalt geworden, sofort holst du eine neue Kanne; der Herr Doktor –«

»Danke verbindlichst, Frau Rechnungsrätin, danke tausendmal, es wäre mir wirklich nicht mehr möglich, beim besten Willen – Ihr Kaffee ist so kräftig –«

»Oh, bitte, bitte –«

»Ich bin nicht daran gewöhnt und habe schon drei Tassen –«

»Behüte, Herr Doktor, erst dritthalb!«

»Aber sehr voll gerechnet – es ist wahrhaftig keine Möglichkeit –«

Endlich überzeugte sich die gute Dame, daß der Starrsinn ihres Gastes unbeugsam sei, und ergab sich 35 in ihr Schicksal, den Rest des Getränkes für morgen und übermorgen beiseitesetzen zu müssen. Um einen Abschluß des Gelages zu gewinnen, schlug sie einen gemeinsamen Spaziergang vor.

»Aber dann kommt auch Molly mit,« sagte Helene. Belling warf ihr einen dankbaren Blick zu und eilte ins Haus, seinen Hund zu befreien.

»Ein so lieber Herr!« sprach die Frau Rechnungsrätin gerührt hinter ihm her.

»Das ist er,« bestätigte Helene feierlich. »Ja, wäre nicht ein Herbert von Bodungen ihm zuvorgekommen –« Sie warf einen Dulderblick zum Himmel.

»Ich glaube, er hält ziemlich viel von dir,« sagte die Mutter mit Versucherstimme.

»Mutter,« rief Helene mit einem strafenden Blick. »Übrigens – ich habe meine Pflicht getan, und ich weiß, dieser Mann wird meine Gefühle zu ehren verstehen.«

Jetzt kam der Doktor zurück mit seinem abscheulichen Hündchen, das sich sofort mit unbezähmbarer Wut auf die am Boden harmlos hüpfenden Sperlinge stürzte und sie schwirrend aufjagte.

»Er macht die Vögel darauf aufmerksam, daß ihr Reich die Luft ist und nicht die Erde,« sagte Belling scherzend.

»Wie das Reich unglücklich Liebender,« sagte Helene leise.

Der Doktor machte ein etwas betroffenes und fast betrübtes Gesicht und redete während des Spazierganges sehr wenig. Am Abend dieses Tages las er »Werthers Leiden«, Helene Lenaus Gedichte und die 36 Frau Rechnungsrätin eine Abhandlung über rationelle Hundeerziehung, die sie gerade in der Hausfrauenzeitung fand.

 

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