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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Marchesa

Die beiden Jungen sahen Forest nach bis sich die Türe hinter ihm schloß. Sein wortkarger Abgang veränderte die Situation. Ihr Alleinsein machte sie verlegen. Auch die Musik überklang nicht ihr beredtes Schweigen. Lilys Mundwinkel zuckten leise. Endlich sagte Ferruccio: »Sie haben einen sehr guten Mann«.

»Aber er liebt mich nicht«, seufzte Lily mit gesenktem Kopf, als sei diese Erkenntnis wirklich ihr größter Schmerz.

»Impossibile«, rief er erstaunt. »Aber wenn es wahr ist, so kann man nichts machen. Die Liebe ist sehr stark. Aber sie vermag nichts gegen das andere Herz.«

Jetzt raffte sich Lily aus ihrer melancholischen Anwandlung auf. Sie war von jeher kühn im Umgang mit Anbetern. Sie suchte Ferruccios Hand: »Aber wenn beide Herzen wollen?«

Er ließ ihr verlegen die seine, ohne einen Gegendruck zu wagen. »Meine Tante sagt: man muß das Herz zwingen. Aber sie ist stärker als ihr Herz . . .« Seine schwarzen Augen blickten schwer.

»Ich hab's gesehen«, sagte Lily leise.

»Wo?« Seine Augen sahen erschreckt unter den starken schwarzen Brauen.

»Heute abend auf der Stadtmauer . . . über der Porta di . . . del . . .«

»Porta di Castellano . . . Sie haben die Szene gesehen? . . . gar gehört?« fragte er entsetzt und aus tiefster Scham, die seine kindliche Seele nicht verdecken konnte.

»Nicht gehört, aber verstanden.« Lily blickte ihn mit guten Augen an. »Ich habe gesehen, daß Sie gut sind und daß die Marchesa böse ist.«

»Ist das möglich? Ist das wahr?« Er schrie es beinahe. Dann griff er krampfhaft mit beiden Händen nach ihrem Arm. »O Gott, ich danke Ihnen, daß Sie gut von mir denken.« Es zuckte in seinem Gesicht; er verlor jede Fassung. Es weinte aus ihm heraus: »O Gott, o Gott, sie ist ein Teufel.« Dann ließ er den Kopf auf den Arm sinken, um die nassen Augen zu verbergen. Erhob sich aber sofort, sich seines Ausbruchs schämend, und schritt nach einer raschen Verbeugung, keines Wortes fähig, hinaus.

Lily rasch ihm nach. Er eilte über die Straße hinweg nach den dunkeln Anlagen. Sie erreichte ihn unter den ersten Bäumen. Sie redete auf ihn ein mit 211 guten dummen Worten wie zu einem Kinde. Sie wollte ihn aufhalten, faßte ihn an der Schulter. Aber starr lief er weiter durch einen finstern Baumgang, der sich parallel zur Aussichts-Ballustrade hinzog. Durch das Laub blinkten die fernen Lichter von Spello und Assisi. Vor einer Bank erreichte Lily den Jungen und drängte ihn auf den Sitz. Sie streichelte ihm übers Haar. Sie liebkoste seine Hände.

Da vertraute er ihr völlig wie seit langen Jahren keinem Menschen. »Sie schöne blonde Dame . . .«, begann er schüchtern. Und korrigierte sofort die leise Intimität der Anrede, indem er nochmals anhub: »Sie schöne gnädige Frau. Ich will weg von hier, fort aus diesem Teufelskloster. Ach, wenn sie nur sterben könnte . . . Es ist ein Frevel, das zu wünschen. Aber es wäre gut vor Gott.« Er schluchzte, und Lily fühlte zum erstenmal in ihrem nichtigen schicksalslosen Leben ein mütterliches Gefühl des Helfenwollens. Und es war nicht mehr Neugier, nicht Flirt oder kokette Werbung, sondern wahres Mit-Leid strömte aus ihr, als sie jetzt, selber unter Tränen, ihn bestürmte: »Reden Sie doch, Ferruccio. Sagen Sie mir doch alles, was Sie quält. Ich will Ihnen helfen, wenn ich kann. Wo wollen Sie denn hin?«

Da brach alles in ihm auf. Die Seele sprengte die Hemmungen des ›Ansichhaltens‹. Er sah dies fremde Mädchen, ohne jedes Wissen um ihre sonstige vom Geist verlassene Öde. Er nahm sie ernst. Wahrhaftig: zum ersten Mal nahm ein Mensch Lily ernst. Wohl sprach Forest gelegentlich auch ›Ernstes‹ zu ihr; aber wie im Monolog, als wäre sie nicht da. Jetzt aber drang etwas Wirkliches auf ihre Seele ein, so daß ihr eigenes getroffenes Herz aus ihr heraussprang – von ihr zu dem Jungen. Der spürte die seelische Umfassung, wurde weich, und ergoß sich, der wortkarge Mensch, in übersprudelnden Sätzen.

Er sei Kadett gewesen, in Turin; sei wegen Verleumdungen und Mädchensachen von der Militärschule geflogen. Die Marchesa, die seine Erziehung bezahlte – denn er sei Waise – sie tobte und strafte ihn nun für die Unehre, die er der Familie angetan, mit der Behandlung eines Domestiken. »Ich besitze ja nichts und sie ernährt mich. Und dann habe ich ja auch den Wagen. Und dennoch bin ich ein geprügelter Hund.« Denn es sei ja nicht allein dieses Paket-Tragen und Chauffeur-Spielen und der Befehlston vor den Leuten. Nein, sie sei neidisch auf seine Jugend; sie betrachte ihn als das einzige, junge, wachsende Glied ihrer morschen Familie, mit deren letzten alten Leuten sie seit der amerikanischen Heirat zerfallen sei. Und er, Ferruccio, müsse ihr nun dafür sein Leben opfern. Sie liebe ihn eigensüchtig und sei eifersüchtig auf ihn wie eine hysterische Geliebte. Eine süße Freundin von ihm – dolcissima! – habe sie vor seinen Augen ins Gesicht geschlagen. »Weil sie selber alt ist und sehr 212 krank . . . oh, furchtbar krank. Sie trägt doch den blauen Schleier. Heute abend auf der Bastion – da löste er sich vom Hut. Oh, ihr Gesicht, oh, es ist entsetzlich. Ein Haupt der Gorgo. Die Wangen sind weg. Die Nase schrumpft. Der Hals ist ein Loch. Seit einem halben Jahr kennt niemand mehr ihr Gesicht. Man sieht fast nichts durch den fatalen Schleier. Sie schminkt sich ganz rot, damit es rosa durch die Hülle schimmert. Nur wo die Augen sind, ahnt man manchmal zwei glitzernde Punkte in den dunkeln Löchern . . . Sie schläft auf dem Rücken. Wie eine Leiche, die Arme gerade über der Decke. Sie läßt niemanden in ihr Zimmer. Ich sah's nur einmal, als sie ohnmächtig geworden war. Ich hörte ihr Stöhnen. Dann wurde es still. Der dicke Portier, die Cameriera, der Doktor und ich, wir brachen das Schloß auf. Da sahen wir sie. Aber sie hatte den Schleier um, selbst in der Ohnmacht . . . Auf dem Marmorwaschtisch hat sie einen Altar gebaut. Keine Madonna steht da – denn sie liebt die Madonna nicht, weil sie ein Weib ist! – sondern der heilige Franz, der heilige Dominikus und der heilige Bernardino von Siena; der schwarze mit dem gipsweißen Gesicht und den stechenden Augen. Er könnte ihr Bruder sein, der fürchterliche. Er war im Heiligen so schrecklich wie die Baglioni in der Sünde. Siebenundsechzig Kerzen hat sie auf der Marmorplatte aufgestellt; für jedes ihrer Jahre eine . . . Sie betet nie ein vorgeschriebenes Gebet. Sie klagt nur und fleht, daß sie nicht sterben müsse. Sie baut sich ein Haus in Assisi, aber kein Grabmal auf dem Campo Santo wie alle anderen Familien von Adel. Sie hat nur einen einzelnen Begräbnisplatz gekauft. Der steht voller Rosen aus dem Gärtchen des heiligen Franz, damit sie keine Dornen tragen sollen. Aber nie geht sie dahin. Vor lauter Beten um die Seligkeit fürchtet sie ihr Grab. Die Angst ist ihr Wahnsinn. Sie lügt sich vor: die Seligkeit des Paradieses sei ja viel zu groß für ihre grauenhaften Sünden. Sie brauche daher noch sehr viel Zeit auf Erden zur Säuberung ihrer Seele. Niemand weiß genau, wie Mr. Mill gestorben ist. Sie brauchte viel Geld für ihr Leben, ihre Reisen, ihre Verschwendung. Nun will sie den Tod verschieben . . . Sie rast mit dem Wagen allein oft hundertzwanzig Kilometer; es ist wie eine Flucht, ein Wettlauf mit dem Tode. Der rote Wagen muß siegen. Sie sitzt darin aufrecht wie aus Stahl, wenn sie der Anfall nicht gerade schwächt und krümmt. Jetzt, heute setzte es wieder ein; die Schwäche kam, der Krampf; sie fiel zusammen . . . Aber sie zwingt sich wieder hoch. Haben Sie die Geige gehört? Dann hält sie's nicht mehr aus. Damit spielt sie sich aus der Welt. Dann verliert sie die Angst vor der Nacht ihres Sterbens und vor dem Tag von morgen. Denn der Gedanke, sich nun endgültig in Assisi zu begraben, ist ihr Schrecken . . . Aber sie muß dahin – weil ihr die Franziskaner sonst die Hölle versprechen. Die erben ja doch ihr ganzes Geld, und fürchten jetzt, daß sie zu 213 Lebzeiten schon alles verschwende. Nun will sie lieber noch das freie Leben entbehren, als die Aussicht auf den Himmel verlieren . . . Arm will sie werden wie der heilige Franz sich arm gemacht hat. Kennen Sie das Bild in der Chiesa inferiore in Assisi: ›Die Hochzeit des heiligen Franziskus mit der Armut?‹ Nicht alle seine Jünger vermählen sich heute mit der Armut. Das Bild hat sie sich kopieren lassen für ihren Betsaal im kleinen Kloster an der Via Properzio. Riesengroß an der Wand in dem kleinen Raum. Sie würden sich fürchten vor dem Gespenst der Armut. Aber die Marchesa ist noch sehr reich, und fürchtet sich darum nicht vor dem Anblick. Die Reichen können die Armut gut vertragen. Sie verkauft ihren Lancia und glaubt, nun sei sie bettelarm und hätte getan wie die heilige Klara, oder wie er selber, der heilige Franziskus, als er die Kleider und die Schuhe auszog, um ärmer als der Ärmste zu sein . . . Aber sie will die Ärmsten noch beherrschen. Sie besticht ihre gipsernen Heiligen mit ihren Kerzen. Sie macht ihre Seele käuflich mit Musik, die aus dem Leibe kommt. Nur vor der Kirche duckt sie sich. Aber mir gibt sie keinen Soldo unberechnet für mein Leben. Die Zeche in der Bar läßt sie für mich auf Rechnung setzen. Sie schläft auf dem Scheckbuch und dem Kassettenschlüssel unter dem Kissen. Ich soll ihr Diener sein, ihr Lieblingssklave, ihr Hund zum Rufen, zum Streicheln, zum Schlagen . . . Oh, ich will nicht mehr – nein, ich will fort.«

Er schnellte mit einem Ruck von der Bank auf. Lily erhob sich auch und umfaßte ihn.

»Ich will fort«, wiederholte er.

Sie aber nahm sein Gesicht in beide Hände und küßte ihn. »Wohin willst du?«

Er stutzte. »Heute noch wollte ich nach Rom. Ich habe dort einen Paten. Er ist verarmt. Er hat ein Papiergeschäft, und man verachtet ihn deshalb. Vielleicht stellt er mich an. Auch habe ich dort eine kleine Freundin . . . Aber das gilt jetzt nicht mehr wie vorhin . . .«

»Warum?« fragte Lily und erwartete die einzige Antwort, die er schlüssig geben konnte und die er sofort gab: er küßte sie. Küßte sie viele Male. Und sie erwiderte mit ihren Lippen.

Nach langem Schweigen mahnte er ganz leise: »Was wird dein Mann sagen, wenn du so lange wegbleibst?«

Lily besann sich einen Augenblick, bevor sie bekannte: »Er ist ja gar nicht mein Mann; wir sind nur so . . .«

Er errötete vor Glück. Dann stammelte er: »Er darf es aber doch nicht wissen.«

»Er liebt mich ja nicht«, klagte Lily fast ohne Ton und Ausdruck. »Seit heute glaubte auch ich, ihn ein wenig lieben zu können; als er so sprach auf der 214 Piazza. Aber ich merkte: er sprach in weite Ferne hin zu seiner ersten Frau – während ich da saß, ohne daß er mich spürte. Da wurde ich traurig und neidisch auf die andere. Aber das gilt jetzt auch nicht mehr . . . wie bei dir.«

»Komm morgen nach Assisi«, bat er sie. »Rede mit dem Professor, damit Ihr kommt. Die Führungen sind um sechs zu Ende. Ich will um fünf Uhr – wenn der übliche Rundgang nur noch eine Stunde dauert – auf der Rocca maggiore sein, auf der Burg über Assisi. Da ist kein Mensch. Du mußt es machen können. Ich bitte dich, daß du den Trupp verläßt, oder schlimmstenfalls kommst du mit dem Professor – und sagst: ich wolle Euch die Burg zeigen; denn dort hinauf wird man sonst nie geführt. Ich will dich sehen in Assisi. Auf jeden Fall.« Und mit einer fast soldatischen Energie im Ton fügte er hinzu: »Bis morgen weiß ich, was ich tue.«

»Ich auch – ich werde es morgen wissen!« lächelte Lily und küßte ihn wieder.

Ein Schatten huschte an ihnen vorbei . . . lief an der Ballustrade weiter: verschwand im Schwarz der Büsche. Sie sahen erschrocken hin. Nein, es war nicht die Marchesa. Gottlob, es war nur irgend ein Mensch, der hier spazieren mochte . . . nur eine Täuschung . . .

»Ich gehe voraus ins Hotel«, entschloß sich Lily und drückte Ferruccio zum Abschied an sich. Der kniete nieder, umfaßte ihre Knie, küßte ihre Hand und flüsterte: »Morgen!«

Sie nickte und eilte rasch aus den Anlagen hinweg zum Hotel.

 

Lily fand Forest im Schreibzimmer. »Hast du geschrieben?« fragte sie scheu.

»Nein.« Er sah sie nicht an.

»Warum nicht?«

»Ich schrieb drei Anfänge – und fand keinen einzigen Schluß. Auch störte mich die Barmusik . . . Da zerriß ich alle drei . . .«

»Aber . . . hast du gedacht – an sie?«

»Ich sagte dir ja: man wird so nachdenklich in Perugia . . . Und du, Lily?« Bei dieser Frage erhob er den Kopf und blickte sie an.

Da senkte sie die Augen: »Ich auch.«

»Und er – der Junge?«

»Ich glaube – er auch . . . Aber wir wollen hinauf. Ich bin so müde.«

Sie schritten langsam die Treppe hinauf, denn der Liftboy war nicht zu sehen. »Hat er dir erzählt von der Marchesa?« Er faßte ihre Hand. »Warum sagst du mir nichts?«

»Ich sag's dir morgen«, lehnte sie müde ab.

215 »Was ist mit dir, Lily?« Er empfand deutlich, daß jetzt ein völlig neues Spiel begonnen hatte. Er spürte sie anders als je, die junge Frau, als hätte sie plötzlich eine Schwere.

Aber Lily brauchte nicht zu antworten.

Denn auf dem ersten Stockwerk, das sie soeben erreicht hatten, öffnete sich links im spärlich erleuchteten Korridor die hinterste Tür vor der Biegung des Ganges, und es erschien aus dem Dunkel, im weißen Nachthemd, mit rotseidenen Boudoirschuhen an den knochigen Füßen und den runden Kopf im blauen Schleier eingebunden – die Marchesa. Tief gebückt umkrampfte sie mit ihren Spinnenfingern den Krückstock, hielt die Hand vor die Stirne gegen das düstere Deckenlicht, und rief armselig hohl und fragend: »Ferruccio?« . . . Dann erkannte sie den Irrtum. Sie sah das Paar.

Er aber kam noch immer nicht. Er hatte den unbegreiflichen Mut, zu trotzen; sie zu verlassen; sie dem Tode zu verraten – er, das Leben. Sie fühlte sich elend und allein, die Nachfahrin der Penna und Baglione . . . Nur dieser Junge da blieb noch als letzte Hoffnung ihres Blutes. Aber das Leben verließ sie. Ferruccio wollte kein Teil sein von ihr. Ja, er verriet sie der Nacht und dem Tode. Er kam nicht . . . Ferruccio . . . Er gehörte einer anderen Macht . . . Sie war entrechtet . . . verlassen . . . aufgegeben . . .

Sie umklammerte fester den Krückstock. Sie wandte sich, schielte noch einmal seitwärts zu den Störern, schüttelte hin und her den Totenkopf . . . über das Unbegreifliche . . . und verschwand im Dunkel des Korridors.

Die beiden schauderten. Verzogen sich nach kurzem ›Gutenacht‹ auf ihre Zimmer . . . »Nein, es ist nicht der Engel«, atmete Forest auf. »Nein, bei Gott, sie ist es nicht.« Er legte sich aufs Bett.

Von unten klangen auf einmal wild und schrill die Quinten der Geige. 216

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