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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Kartenspiel

Viele müssen selber handeln, um etwas zu erleben. Mancher muß eine Reise tun, damit ihm endlich ein Herz begegnet. Andern wiederum stellt sich das Schicksal ganz unerwünscht und unverrückbar in den Weg. Man hat es innen, oder man hat es außen.

Noch gegen neun Uhr abends lag die Bruthitze des Juli schwer und schwül über Venedig. Wir sahen, mein Kollege Koloman und ich, über die von Marmorwundern eingefaßte Piazzetta, die sich vom Markusplatz aus zwischen dem Haus der Dogen und dem Palast des Königs nach dem Quai der großen Meereseinfahrt öffnet. Wir saßen vor jenem von Fremden seltener besuchten Kaffeehaus unter den Arkaden der alten königlichen Bibliothek vor einem blechernen Tischchen und tranken schwarzen und körnigen Kaffee aus den kleinen Tassen. Wie zwischen den Kulissen einer Bühne glitten die Gondeln und die großen Meeresschiffe im Ausschnitt der Piazzetta zwischen den Palästen vorüber. Ein riesiger Dampfer neuester Konstruktion, in voller Beleuchtung seiner drei Stockwerke, schob eben langsam seine Spitze von rechts her über die Marmorkulisse der Libreria vor; zog mit kaum sichtbarer Bewegung seinen schwarzen Leib vorbei an den granitenen Säulen aus Syrien, auf denen der Markuslöwe und der heilige Theodor auf seinem Krokodil die Märchenstadt beschützen. Dann glitt das Schiff mit seinen Lichterreihen geheimnisvoll hinter die linke Kulisse unseres Ausblickes: den Dogenpalast.

Wir kannten das schöne Ungeheuer. Es war unsere ›Atalante‹, die von ihrer allerersten Fahrt aus Afrika zurückfuhr, und mit der wir selber eben von Tripolis über Malta und Bari zurückgekommen waren. Hier in Venedig war ein letzter Vergnügungsaufenthalt. Die ›Atalante‹ wechselte jetzt nur den Ankerplatz. Heute nacht noch – das heißt zwar morgen früh um drei Uhr – sollte sie uns nach Triest, den Ausgangshafen unserer Mittelmeerreise, zurückbringen. Dann war die Jungfernfahrt der ›Atalante‹ beendet. Wir beide, Koloman und ich, gehörten zu den eingeladenen Ehrengästen. Morgen fuhr er von Triest nach Budapest zurück; ich nach Berlin.

155 Als Journalisten hatten wir Bericht zu geben von den Schönheiten und dem Glück einer solchen Fahrt ins Blaue. Wir rühmten die Palmen Afrikas, die Tempel der Akropolis, die Inseln der Nausikaa und der Kalypso: eine freundliche Odyssee ohne Abenteuer und ohne Schicksal. Wir hatten nur das Glück der Passagiere im Auge zu behalten und mit einer fröhlich singenden Feder weiterzuleiten. Wir übersahen gerne jedes private Schicksal, das diesem oder jenem Schiffsgenossen über das Herz kriechen mochte – trotz allerschönstem Wetter und reichlichster Verpflegung. Doch bis auf den vornehmen alten Franzosen, Herrn Benoit, der sich über seine allzu junge Frau minütlich die eifersüchtigsten Sorgen machte, hatten wir unter den Passagieren nur lächelnde Gesichter gesehen. Wir hatten nicht zu klagen. Wir dienten beide der Freude, Herr Doktor Koloman vom ›Budapesti Hirlap‹ und ich von den ›Berliner Neuesten‹. Wir hatten wie fast alle andern Mitgenießer dieser Jungfernfahrt auf unserem schwimmenden Hotel zwei Wochen lang den Alltag weggespielt aus unserem Bewußtsein. Wo blieb das Schicksal? Wo rasteten in dieser Zeit die Parzen?

Nur einmal war das Spiel des lächelnden, badenden, essenden und tanzenden Müßiggangs durch ein erregendes Ereignis unterbrochen worden. Ich meine nicht, wie wir in Korfu den Anker nicht mehr hoch bekamen, weil er sich zwischen unterseeischen Riffen festgebissen hatte, was zu zwei Stunden Verspätung und vielen albernen Fragen an den Kapitän und die geduldigen Seeoffiziere Anlaß gab. O nein, die aufwühlende Szene, die mir da im Gedächtnis hochsteigt, erinnert nur an eine einzige Stunde Verspätung im Hafen von Tripolis, wobei die Seeoffiziere ihre Geduld ein wenig verloren, hastiger gingen und sich nicht ansprechen ließen. Denn das war die Sache mit dem Deserteur . . .

Aber auch dieses Erlebnis vor drei Tagen war längst wieder vom schönen Müßiggang in unserem Bewußtsein eingeschläfert, lag wie ein Traum im fernen Afrika. Was ging uns dieser Deserteur an! . . . Nun saßen wir schweigsam und träge an der nächtlichen Piazzetta; der Schweiß troff uns in dicken Tropfen in den Hals und Venedig spielte uns sein großartigstes Theater vor: das Kommen und Gehen seiner schwimmenden Meeresgäste, die lautlos zwischen Inseln, Kirchen und Palästen unter dem Mondschein dahinglitten.

Da drehte sich der dicke Koloman nach rechts hinüber und sah durch seine runde Brille auffallend lange hinter sich, was angesichts des schweren Umfangs seines Leibes für ihn doch sehr ermüdend war, und sprach dann plötzlich: »Kollege, sehen Sie den Kerl da – den müßten wir doch kennen – oder nicht?«

Ich folgte seinem Blick zum dritten Pfeiler der Arkaden hinter uns und erblickte auf wenige Meter hin den Mann in einem blauen Maschinistenanzug 156 am Boden kauern. Es war ein von der Sonne fast schwarz gebrannter Italiener, mit kleinem Schnurrbart unter der starken Nase; und seine Augen rollten in Verwirrung, wie aufgeschreckt aus einer Ekstase, wenn er gelegentlich vom Boden aufsah – so wie gerade jetzt auf uns. Aber schon bückte er sich wieder mit einem raschen Ruck vornüber und starrte auf die Steinplatten.

Aber sein Starren war nicht sinnlos. Er blickte nicht etwa vor sich hin ins Leere. Er schien sich ganz eindringlich mit einer Sache auf dem Boden zu beschäftigen. Ja, da lag vor ihm ein Kartenspiel, in Reihen ausgebreitet, auf dem er wie beim Wahrsagen oder Patiencelegen die Ordnungen hastig abzählte und neu sortierte. In seiner Hockerstellung beleuchtete die Laterne nur noch das rechte Profil des Kartenlegers, und man sah über der gebogenen Nase eine breite Narbe, die wie ein dunkler Strich von der Stirnseite zum Backenknochen lief.

Noch einmal spähte der Mann ruckartig einen kurzen Augenblick zu uns hinüber und schob dann einen breiten Strohhut, der neben ihm gelegen hatte, auf den dichtbehaarten Kopf. Dann sah er nicht mehr auf von seinem Spiel. Hier störte ihn kaum ein Mensch in diesem verlassenen Teil der marmornen Arkaden der Piazzetta. Denn alles, was Beine hatte, spazierte nebenan auf dem Markusplatz und hörte das Konzert der Militärkapelle.

Ja, wo waren wir dem Mann bereits begegnet? Denn das war mir im ersten Augenblick gewiß, daß auch ich ihn schon gesehen hatte, aber wohl in ganz anderer Gestalt. Nicht mit dem dunkeln Bartansatz am Kinn. Nicht in dem blauen Monteuranzug, nein. Auch nicht mit einem breitrandigen Knabenstrohhut, o nein. Aber die Narbe – ja, an die Narbe erinnerten wir uns beide – kam damals unter einem Tropenhut hervor, einem Helm mit militärischen Kokarden. Wo war es nur gewesen? Selbst dieses Kartenspiel am Boden – auch dieses glaubten wir zu kennen. Doch damals waren es keine Spielkarten zum Wahrsagen, o nein. Es waren andere Karten und Lose des Schicksals. Das war doch . . . Koloman und ich blickten uns wissend an. Wir wußten beide im gleichen Augenblick und nach den gleichen blitzhaften Gedanken-Reihen ganz plötzlich Ort und Zeit und Szene, wo wir den Mann da zu placieren hatten.

»In Tripolis – der Deserteur«, sagte ich.

Koloman nickte bejahend.


Es war vor drei Tagen. Wir lagen um vier Uhr nachmittags noch im Hafen von Tripolis. Unsere jungfräuliche ›Atalante‹ machte schon Dampf, um in einer guten Stunde wieder in See zu stechen. Die meisten Passagiere waren vom Landausflug an Bord zurückgekehrt und warfen sich erschöpft und zerschlagen von der afrikanischen Glut auf den nächsten besten Liegestuhl. Der junge griechische Attaché Meopolos legte ein Kissen unter den schönen Rücken der blonden Lily, während ihr angeblicher Gatte, der Professor Forest, sich leider nicht sofort in einen Sessel fallen lassen durfte, weil ihn der zapplig-nervöse Schriftsteller Gangliese in einem literarischen Zwangsgespräch festhielt. Die immer lustige Lebedame Jenny Alden-de Montujo fächelte sich Kühlung zu und vergaß trotz ihrer Ermattung nicht, auch ihrem kleinen Affen, den sie soeben von einem Araber gekauft hatte, ein frisches Lüftchen zuzuwehen. Schwerreiche, dicke Herrschaften, wie da die Willis aus Frankfurt oder die Kowalskys aus Lemberg, lagen wie tot vor Faulheit auf ihren Zelttuchbetten und schlürften Limonade. Italienisch, deutsch, französisch und ungarisch parlierte es unter den feinen Luxuspassagieren.

Aber man hörte auch Arabisch. Denn auch ›das Volk‹ war da. Dicht gedrängt und in vergnüglichem Gerede wandelten nämlich die Eingeborenen und Kolonisten aus der Stadt Tripolis an uns vorbei; eine glückliche Auswahl derer, die der Erlaubnis zur Besichtigung des neuen Dampfers zur Feier seines ersten Halts in Afrika gewürdigt worden waren und nun mit großen Augen und Gesten den Wunderbau beäugten und bestaunten. Männer im Fez, im Turban und im weißen Burnus, italienische Beamte mit ihren Frauen und mit festlich gekleideten Kindern. Kapuziner verkauften ihre Heiligenbildchen. Soldaten, weiße und schwarze, befragten eifrig die Matrosen über Takelwerk und Maschinerie. Durch alle Korridore, über alle Treppen, durch die Speisesäle, Mannschaftskabinen und Maschinenräume, überall in dieser schwimmenden Stadt spazierten die bunten Züge in feiertäglicher Entspannung. Denn es war Sonntag, und zwischen den Minaretten der Gurgi-Moschee und den Kuppeln der Dschama-el-Bâscha läutete vom Turm der Santa Maria degli Angeli eine helle Christenglocke herüber zum Schiffe, über das ultramarin gefärbte Wasser der Bai. Auf dem alten Kastell am Strand und auf dem Gouverneurpalast wehten die Fahnen Italiens zur Ehre der Jungfernfahrt der jungen ›Atalante‹ – die noch kein Schicksal in sich trug.

Der behäbige Koloman lehnte neben mir an der Reling, und wir schauten wie aus dem höchsten Stockwerk eines Hauses auf das Getriebe am Kai, sahen den schwarzen Lastträgern zu, oft greisen Negern, deren weißes Haar grotesk auf den schwarzen Köpfen leuchtete. Schlanke Araberknaben tauchten nach Münzen, die man ihnen zuwarf, und wie im Märchen riefen sie sich die Namen Mohammed oder Jussuf zu. Kinder und alte Leute mit grauen Bärten winkten und schrien zum Oberdeck hinauf, wo sie Bekannte grüßten und beneideten, 158 die glücklicher als sie, den Ausweis zur Besichtigung des Jungfernschiffes erhalten hatten.

»Sie sind wie Kinder, auch die Großen«, lächelte der gutherzige Koloman und fuhr sich über den Schnauzbart zwischen seinen dicken Backen. »Wir Vierziger aus Europa sind schon sehr würdevoll und abgestumpft wie Greise vor diesen schreienden siebzigjährigen Jünglingen.«

Ein Zug von italienischen Kolonisten jeden Alters formierte sich am Landungssteg zu irgend einem Abschied. Man sang ein lustiges Lied in raschem Rhythmus. Die Dampfsirene gab dazwischen ein erstes Zeichen der Fahrtbereitschaft. Man mußte sich sputen mit dem Feiern. Das brachte noch mehr Bewegung unter das tummelnde Volk.

Ich sagte: »Die haben noch das Paradies in sich, diese südlichen Kinder. Die leben nicht mit soviel Kopf – wie wir Nervösen zwischen Paris und Budapest. Die leben durchs Blut hindurch nur mit dem Herzen . . . Sie haben das Paradies noch nicht verloren.«

»Ja, ja, das Paradies – so zwischen Löwen, Schlangen und verbotenen Äpfeln und einem Engel mit dem Schwert«, entgegnete der kluge Koloman. »Aber dafür haben sie auch noch die ganze Hölle im Herzen

»Wir haben dafür die Hölle im Gehirn«, meinte ich.

»Aber das Gehirn mit seinen vielen klugen Windungen weicht der Gefahr des Herzens aus und ist ein Schutzmann unseres Schicksals. Wir Klugen können vor der Katastrophe immer noch umkehren.«

»Aber der Schmerz des Herzens, mein lieber Koloman, ist schließlich vom Verstand nicht wegzureden.«

»Doch er beredet unser Herz mit Logik bis zur Narkose der Empfindungslosigkeit. Er hilft zur Flucht vor dem totalen Einsatz unseres Blutes und unseres Lebens. Es gibt für uns, mein lieber Herr Kollege, keine ›Tragödie‹ mehr; jedenfalls nicht den fünften Akt der Katastrophe. Denn im vierten haben wir bereits den klügsten Kompromiß geschlossen mit dem Schicksal.«

Der Dampfer tutete ein mächtiges Signal. Die Schiffskapelle spielte. Das Geschrei der Menge wurde noch lauter vor fröhlicher Erregung.

»Aber diese im Paradies des Herzens« – und Kolomans Hand wies in das bunte Wirrsal von tausend Menschenleibern – »die da sind unbewehrt und unbeschützt vor jeder tragischen Dummheit, und sie erliegen restlos der ›Hölle ihres Herzens‹. Wir aber, wir Klugen, wir kennen das Schicksal nur noch von außen her – als den tödlichen Ziegelstein, der uns vom Dach zufällig auf den Kopf fällt – aber wir erleiden es nicht mehr aus dem Schmerz des Herzens, der tötet – so wie diese Kinder.«

159 So sprach er; beinahe mehr für sich als für mich. Und wir schwiegen. Was ging uns auf der glückseligen Insel des Luxusdampfers ›Atalante‹ das ›Schicksal‹ an? Nichts, rein gar nichts.

 

Da pochte eine Hand auf meine Schulter, und eine heisere und leise Männerstimme sagte: »Signore«.

Wir blickten beide auf. Zwei Soldaten in Kakiuniform standen vor uns; nach ihrer undienstlichen und bequemen Haltung ganz offenbar auch Schiffsbesucher aus der Stadt, die sich die ›Atalante‹ ansehen wollten. Sie waren beide von Mittelgröße, grüßten kurz und machten ernste und verlegene Gesichter.

Der eine, der mich angetippt hatte, sah mir mit seinen schwarzen Augen durchdringend ins Gesicht und blickte dann auch schräg zu Koloman hinüber, so daß bei diesem Seitenblick das Weiße seiner Augen übermäßig stark hervortrat. Unter seinem Tropenhelm zog sich eine dicke Narbe wie von einem Säbelhieb in seine Backe. Er hielt ein Päckchen von etwa zwanzig Ansichtskarten in der einen Hand, und in der anderen einen Brief, dessen letzte Seite mit der Unterschrift er mir aufdringlich vor die Augen hielt. Dabei zitterte seine magere Hand.

»Tedesco?« fragte er. Und sein Kamerad fügte mit stockendem Tonfall hinzu: »Deutscher Mann? – Vienna – Wien?« Vier Augen sahen uns flehend an.

Vor dem leidenden, tragisch gestempelten Gesicht des etwa zweiundzwanzigjährigen Soldaten wagte ich nicht, den allzu nah an meine Augen gestreckten Brief hinwegzuschieben. Diese aufdringliche Gebärde kam nicht aus Frechheit, sondern aus der kindlichsten Überzeugung dieses Mannes von der ungeheuren Wichtigkeit seines Vorhabens; oder vielleicht gar aus dem Mut der Verzweiflung. Wir beide, Koloman und ich, lasen in der übergroßen Handschrift eines im Schreiben nicht geübten Menschen den Namen: »Marischka Karpath, z. Zt. Wien. Alser-Bier-Kabarett.«

»Dove? – wo?« fragte der Soldat, und seine Stimme drang ihm vor Erregung zitternd aus dem Munde.

Ich schüttelte den Kopf, um anzudeuten, daß mir Marischka Karpath leider nicht bekannt sei. Er schien diese Antwort erwartet zu haben. Er nickte unsäglich traurig mit dem Kopfe, und seine Augen sagten vorwurfsvoll: »Ja, ja . . . ich weiß . . . niemand will Marischka kennen.« Eine kleine Gruppe von Reisenden, denen er wohl bereits den Brief vergeblich gezeigt hatte, war ihm nachgefolgt. Auch unsere Puppenfee, Jenny Alden-de Montujo, und der Schriftsteller Gangliese aus Berlin stellten die neugierigsten Fragen an den Verzweifelten. Aber eine Antwort wußten auch sie nicht. Da gab er den Zettel 160 seinem Kameraden, der die Frage ›Deutscher Mann‹? gestellt hatte, und breitete sein Ansichtskartenpaket in Fächerform vor unseren Augen auseinander. Er zeigte die Bilderreihe stumm im Kreise herum und lauerte mit seinen unseligen Augen auf das bejahende Nicken irgend eines Passagiers, der dieses Wien und damit denn wohl auch Marischka kannte.

Da sahen wir auf zwanzig Photos diese Maria Karpath in allen den charmanten Posen, mit denen die Diva eines Bierkabaretts ihre Gäste von der Bühne her entzückt. Es war ein überblondes, wellenhaariges, unschlankes Geschöpf; mit starken Busenkugeln in dem korsettierten Mieder mit den Husarenschnüren. Da stand sie auf dem einen Bild salutierend in Achtungsstellung, kniff ein Auge zu und blitzte mit dem andern. Oder sie saß als ein kleinköpfiger, stupsnasiger Kavallerist rittlings auf einem Stuhl; und man sah die Feder auf ihrer winzigen Pelzmütze wippen und hörte die Reitpeitsche sausen, mit der sie dem hölzernen Pferd den Antrieb gab. Aber Marischka trat nicht nur als uniformierte Amazone auf, sondern ihre vielseitige Weiblichkeit offenbarte sich milder im glitzernden Taffethemde eines Engels, über dessen wolligem Haarhaupt ein sechszackiger Stern sich aus einem kunstvollen Drahtgerüst erhob. In einer neuen Szene erblickte man Fräulein Karpath vor der Kulisse des rauchenden Vesuvs ein Glas Champagner trinken. Oder man sah sie mit hoch übereinandergeschlagenen Beinen in einem gemalten Palmenhaine sitzend die Mandoline meistern. Andere Bilder enthüllten reichlicher die stramme Schönheit ihres Körpers. Man überraschte sie in Dessous, die ihre Beine zwischen Babysöckchen und Höschen auf eine schöne Strecke unbekleidet ließen. Und auf einem besonders eindrucksvollen Bilde erschien sie gleichsam nackt in einem Trikot, bei dem nur eine samtene Schamhose die Lineatur der vollen Hüften unterbrach. Hier zeigte sie sich unverkennbar als die ›Liebesgöttin‹ in Person. Denn in der rechten Hand hielt sie ein goldenes Papierherz, das von einem Pfeil durchbohrt war; und auf ihrem linken fetten Arm spielten zwei ausgestopfte Tauben ein Liebesspiel. Marischkas runde Augen blickten dabei mit schwerverhaltener Sinnlichkeit seitlich auf das gefiederte Paar.

»Marischka . . . artista . . . Künstlerin«, murmelte der Soldat und wies Bewunderung heischend mit dem Finger auf die Bilder. Aber wir alle wußten es ja schon, daß diese Künstlerin mit Marischka identisch war, weil unter allen Photos ihr voller Name ›Karpath Marischka‹ stand. Die Karte mit der Liebesgöttin trug sogar die deutsch-italienische Widmung: ›Meinem geliebten carissimo Toto für jederzeit in Amore von seiner treuen Marischka.‹

»Marischka«, stöhnte der Soldat, der also Antonio hieß und von der Geliebten nur mit dem kürzeren Namen Toto gekost wurde. Er zeigte den 161 Fächer mit den arg beschmutzten und vergriffenen Bildern der Geliebten immer wieder in der Runde. Auch den Brief hielt er im Weiterschreiten neuen Menschen unter die Augen. »Vienna? – Wien?« stammelte er trostlos und verzweifelt in die Luft und blickte von einem zum andern. Koloman sagte zu ihm auf italienisch: Er solle ihr, dem Fräulein Karpath, doch an die angegebene Adresse schreiben. Toto blickte ihn nur stumm und stumpf an.

Aber der deutsch sprechende Kamerad zeigte auf das Datum des Briefes, das schon vier Monate zurücklag; und er erklärte auf italienisch: Toto habe schon dreimal geschrieben, aber seit März habe er nichts mehr von ihr gehört. Ob niemand den Namen Karpath kenne? Obwohl Ungarin, singe sie in allen Sprachen, aber sie spreche nur deutsch. Sie sei als Künstlerin in Tripolis aufgetreten; sechs Wochen lang. Dann mußte sie wieder mit ihrer Gesellschaft nach Venedig und Triest. Von dort, versprach sie, zu Toto nach Tripolis zurückzukehren. Aber sie sei dann, wie der Brief es ja erkläre, nach Wien gefahren – und seither verschollen. Er aber, Toto, sei Soldat und könne also nicht fort von hier. »Molto innamorato – furchtbar verliebt – il mio amico.« Und während Toto schon mit seinem Kartenpanorama zu den nächsten Fremden lief, lächelte sein Kamerad mit einem entschuldigenden Blick auf Koloman und mich und machte mit der Hand eine Gebärde nach dem Kopf, die andeutete, daß es um die Vernunft bei seinem armen herzenskranken Freunde nicht gut bestellt sei. »Was kann man machen, wenn das Herz krank ist?« Dann salutierte er kurz und lief seinem Kameraden Toto nach.

Aber was war das? In diesen, wehrloser Lethargie verfallenen, müden, stumpfen Toto war plötzlich Bewegung gefahren. Mit einem Ruck hatte er den Kreis der Zuhörer durchbrochen. Der Kamerad rief: »Toto!« Aber der hörte nicht. Da lief er wohl schon zehn Schritte vor uns her im Gedränge der vielen Schiffsbesucher, die soeben von den Matrosen zum Verlassen des Dampfers angewiesen wurden. Denn die Sirene tutete wieder ihr ohrenbetäubendes Signal. Toto folgte nicht den Gruppen zur Ausgangstreppe, die nach dem Fallreep führte. Er schob sich rasch gegen den Menschenstrom auf ein ihm ganz bewußt erstrebtes Ziel zu. Seine weit aufgerissenen Augen starrten geradeaus. Der Mund war vor Erregung geöffnet.

Da hinten an der Treppe, die zur Steuermannskabuse hinaufführte, sah man Monsieur Benoit, den immer mürrischen Franzosen, einen sehr langen eleganten Herrn von über sechzig, mit weißen Knebelbärtchen alten Stils; und neben ihm, wie immer streng behütet, stand seine neunzehnjährige zarte Frau Hélène – ein Paar, über das sehr oft gelächelt wurde, wenn man am Barbüfett die Fahrtgenossen kritisierte.

162 Auf diese junge, mehr durch ihre Eleganz als durch besondere Schönheit ausgezeichnete Person schoß Toto, alles brüsk hinwegdrängend, in gerader Linie los; und ohne einen Blick auf den empörten Gatten, ergriff er die Ahnungslose am Arm und schrie laut und grell »Sorella!«

Alles erschrak. Der alte Franzose, mit rotem Kopf vor Wut, suchte ihn vergeblich zurückzuzerren. Die Frau blieb sprachlos vor Angst. Aber bevor die heraneilenden Stewards und der Kamerad ihn packen konnten, umarmte Toto die kleine Dame brüsk mit beiden Armen und schrie ihr ins Ohr: »Vienna? . . . Kabaret? . . . Artista . . . dov'e la sorella?« . . .

Bei Gott, er rief nicht ohne Grund ›Sorella‹'. Denn Sorella heißt ›Schwester‹ – und die Französin hatte nicht nur auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit im Typus der Marischka Karpath. Feinere Unterschiede nach Ausdruck und Gehaben zwischen einer Tingeltangel-Chansonette und einer sogenannten Dame waren für die Menschenkenntnis Totos nicht vorhanden. Im Glanz ihres Husarenkostüms und des Engelhemdes war die wahre Marischka ihrer feinen ›Schwester‹ an Schönheit und göttlicher Weiblichkeit weit überlegen. Aber da hatte er nun die Sorella – Fleisch vom Fleische der Geliebten – als wär's ein Stück von ihr – hielt sie in seinen Armen – ein Pfand, die Verlorene wieder zu gewinnen.

»Vienna?« gellte es über das Schiff; und zwischen den zusammengebissenen Zähnen stöhnte Toto immer noch ›Marischka‹ – als ihn schon acht Hände von der zu Tode erschrockenen Französin zurückgerissen hatten. Aber während man den Tobenden, der sein Kartenpaket noch immer mit der einen Hand umkrampfte, zu bändigen suchte, und der erste Offizier mit zwei Matrosen heranstürmte, riß und biß sich Toto los und rannte nach dem Backbordgeländer, wohl um sich ins Meer zu stürzen. Dort aber warfen sich ihm zwei Stewards entgegen. Da zog er sein Seitengewehr und bog keuchend nach dem offenen Eingang der Bar ein; stieß den dort wild gestikulierenden Franzosen zur Seite; flog in katzenschnellen Sprüngen durch den Tanzsaal und von dort zur linken Abstiegstreppe. Ein Trupp von Uniformen ihm nach . . . Treppen hinunter . . . immer tiefer . . . Aber sie erreichten ihn nicht. Er war verschwunden – im Maschinenraum? – im Kohlenbunker? Niemand weiß es.

Alle Ausgänge wurden bewacht. Von jeder Reling verhinderten Karabiner-Posten von vornherein eine Flucht ins Meer. Signale wurden ans Land gegeben. Eine Militärabteilung erschien auf dem Schiff. Systematisch durchsuchte sie alle Gänge. Die Abfahrtszeit war da; aber man wartete noch auf den möglichen Fang des Deserteurs. Kein Mensch, außer dem alten Monsieur Benoit, wünschte ihm die Entdeckung. Die impulsive Lebedame 163 Jenny vergaß sogar für zwei Minuten ihren Affen und schlug dem Baron Holt und dem Professor Forest vor: »Wir wollen ihn retten!« Der Schriftsteller Gangliese, der immer zuhörte, wenn andere sich unterhielten, fand es aber als ›Beihilfe zur Flucht‹ viel zu gefährlich. Aber ›sonst‹ hätte er ihm gerne geholfen, meinte Gangliese. Selbst Totos eigentliches Opfer, die kleine Französin Hélène, bedauerte das Unglück ihres Attentäters und sagte zu den Umstehenden: »Ce pauvre homme«. Totos soldatischer Kamerad lief achselzuckend von Gruppe zu Gruppe und klagte: »Terribile – l'amore«. Dann las er an der Stelle des Tumultes den Brief Marischkas auf, der Toto denn doch entglitten war. Auf dem Fluchtwege zur Bar fanden sich noch drei Ansichtskarten mit dem Bilde der verlorenen Geliebten. Aber das Hauptbild mit dem durchpfeilten Herzen und den beiden Tauben war nicht dabei. Es war für Toto gerettet – das Idol.

Aber wo war er? Nach einer Stunde Wartens, es war nun sechs Uhr, verließen die Hafenpolizei und die Militärabteilung den Dampfer. Man würde den Kerl in Malta oder Bari oder spätestens in Venedig kriegen. Ja, in Venedig . . . Das Schiff stöhnte mit seiner Dampfsirene eine langgezogene Klage aus über den Mißerfolg der Häscher. Oder war es die Klage über den Verzweifelten, der irgendwo zwischen Kohlenhaufen in der Schwärze der Schiffshölle lag? Aber wer deutet die Klage und den Ton des Schicksals, wenn es aus einer Dampfsirene stöhnt? »Ce pauvre homme«, wiederholte die Französin . . . »Armer Teufel«, meinte Koloman, »sein Herz ist stärker als sein Verstand« . . . Aber der erste Steuermann stand stramm vor dem erregt parlierenden Monsieur Benoit und sagte überlegen lächelnd und begütigend: »On l'arrêtera à Venise – spätestens in Venedig.«


Aber da saßen wir nun, Koloman und ich, in eben diesem Venedig und sahen – es war kein Zweifel möglich – sahen Toto unter den Arkaden der königlichen Libreria kauern – tief gebeugt über die Lose seines Schicksals. Denn was wir als Spielkarten angesehen hatten – das war nichts anderes als die zwanzig Visionen von Marischka Karpath – der Liebesgöttin und Herrscherin über Totos unbewehrtes Herz . . . auf Leben und Tod.

 

Eben blickte Toto wieder scheu zu uns hinüber. Der Strohhut beschattet sein Gesicht vor der Laterne. Er spürt, daß wir über ihn reden. Er wirft die Karten zusammen, schlägt ein Kreuz darüber, küßt den Kartenblock, steckt ihn in die weite blaue Leinenhose und will sich erheben.

164 Da stehen wir beide auf, im gleichen Impuls. Wir wollen ihm helfen. Wie? das wissen wir nicht. Schon sind wir bei ihm. Toto rafft noch mit der einen Hand ein kariertes Plaid vom Boden auf; mit der anderen Hand greift er in die Hosentasche. Hat er dort eine Waffe? Aber seine Bewegungen sind langsam. Er will offenbar nicht auffallen durch eine rasche Flucht, denn er hält uns stand, die Hand aber fest an seiner verborgenen Waffe, und schaut von unten her, kaum kenntlich unter dem tief gezogenen Hut, in unsere Gesichter.

»Zigarette?« fragt Koloman und drückt ihm zur sofortigen Beschwichtigung der Angst gleich ein Paketchen ›Macedonia‹ in die Hand.

Die Hand nimmt mechanisch.

»Feuer?« fragt mein ungarischer Freund. Er spricht viel besser italienisch als ich und ist also naturgemäß der Wortführer. Schon hat er auch ein Streichholz angesteckt, und der Mann nimmt hastig eine Zigarette aus dem Päckchen und saugt gierig die Flamme ein. Das bißchen Tabakrauch mag wohl das erste sein, was er seit drei Tagen zu sich genommen hat. Sein Gesicht ist hohl und abgemagert bis auf die Knochen.

Koloman weist zu unserem Kaffeetischchen und sagt: »Kaffee? . . . . Essen?«

Eine hastige Gebärde des Erschreckens ist die stumme Antwort. Toto sieht mißtrauisch zum Kellner hinüber, der unseren Tisch soeben abräumt. Er nimmt sein Plaid über die eine Schulter und wendet sich von uns mit einem kaum hörbaren »Addio«. Schon ist er drei, vier Schritte weg von uns; läuft unter der Arkade in der Richtung zum Markusplatz.

Wir gehen ihm eilig nach. Koloman schnauft dabei heftig ob seiner Beleibtheit. »Sie kennen uns doch«, sagt er so gütig, als er kann.

Der Mann schreitet weiter.

»Sie sind doch Toto!« stellt Koloman fest, und sucht dann durch die Anrede mit ›Du‹ Vertrauen zu erwecken: »Wir wollen dir helfen, Toto.«

Da stutzt er, dreht den Kopf herum, winkt uns ab mit der Hand und geht bis zum Eckpfeiler der Arkade am großen Platz. Hält aber wieder an, weil ihm hier zu viel Licht und viel zu viele Leute sind. Jetzt will er quer an uns vorbei, schräg über die Piazzetta.

Da ruft ihm Koloman leise zu: »Vienna – Marischka«.

Das Zauberwort schlägt ein. Er steht. Das Gesicht hält er im Schatten gegen die Laterne. Das Plaid hat er trotz der Hitze über beide Schultern geschlagen und zieht es vorne zu mit beiden Händen. Denn die eine Hand steckt nicht mehr in der Tasche und hält die von uns vermutete Waffe nicht mehr fest.

165 »Marischka?« fragt er leise. »Wo?« Seine Augen blitzen wieder fast weiß vor Gier und Sehnsucht aus den Schattenhöhlen.

»Ich fahre auf der Rückfahrt von Triest über Wien«, erklärt ihm Koloman, »und ich werde auf der Polizei nach Marischkas Adresse fragen.«

»Polizei?« ruft Toto erschrocken. »Nein, ich werde die Sorella fragen, die Schwester. Darum bin ich hier.«

»Es ist ja nicht die Schwester, guter Toto«, sagt Koloman. »Es ist eine Französin aus Paris. Sie weiß nichts von Marischka.«

»Doch, es ist die Schwester . . . Sie hat mir viel erzählt von ihrer Schwester in Paris . . . Auch Marischka war einmal in Paris«, versetzt er mit starrem Ausdruck.

»In Paris gibt es drei Millionen Menschen – viele Marischkas – und sehr viele Schwestern.«

»Aber es gibt nur eine Marischka«, beharrt er finster.

»Sie kennt dich aber ja gar nicht, die Sorella.«

»Aber ich kenne sie!« Sein Starrsinn trotzt jeder Logik.

»Bist du ganz sicher, Toto?« Koloman fragt mit seiner wärmsten und eindringlichsten Stimme.

Toto senkt den Kopf. Seine Brauen berühren sich vor angestrengtem Denken. »Es kann nicht anders sein – ich habe ja die Bilder. Ich will sie ihr zeigen, wenn der Franzose weg ist. Dann werde ich mit ihr sprechen.«

»Aber um Gotteswillen, wo willst du sie denn sprechen? Auf dem Schiff wirst du sofort gefaßt und eingesperrt.«

Er blickt jäh um sich. Dann sagt er grimmig: »Ich werde nicht gefaßt!« Und wieder greift er mit der Hand in seine Tasche, besinnt sich aber und zeigt die Waffe nicht. »Ich spreche sie nicht auf dem Schiff.«

»Aber wo denn?«

»Alle Passagiere spazieren in Venedig. Alle fahren in der Gondel von der Piazzetta ab. Ich werde sie sehen.«

»Und der Mann? Der Franzose?«

Totos Hand zuckt wieder nach der Tasche. Aber er schweigt und senkt den Kopf vor uns.

»Wenn sie aber zuerst durch die Merceria zum Rialto spazieren, Toto, und dort die Gondel nehmen?«

»Ich bin Venezianer. Ich weiß, wie die Fremden gehen.« Es lächelt kaum merkbar aus seinem verhärmten Gesicht. »Hier, an der Ecke der Piazzetta, kommen sie alle vorbei, alle. Ich habe alle gesehen, die hier zum Molo gingen. Die Schwester muß auch kommen. Ich werde die Sorella sprechen. Sie muß . . . Ich muß.« Sein Gesicht wurde eisern.

166 Da war nicht anzugehen gegen die Gewißheit eines Mannes, der sein Schicksal will. In jedem Fremden sah er einen Boten aus Vienna und eine Brücke zu Marischka. Die vage Ähnlichkeit irgendeiner Frau mit der Geliebten ward ihm zur Illusion der Rettung aus allerhöchster Not. Sein gewollter Glaube an die ›Schwester‹ war nicht zu erschüttern.

Da gab mein guter dicker Freund die Überredung des Schicksals auf. »Willst du nicht etwas essen«, fragte er.

Toto zögerte. »Ich muß aufpassen.«

»Hast du Geld?«

Er verneinte.

»Willst du dir nicht da drüben bei dem Straßenkoch eine warme Frittura kaufen?«

Er blickte hinüber zu den Lauben des Dogenpalastes, wo der weiße Karren des Kochs stand. Der Hunger wütete in seinen Eingeweiden. Er nahm ohne hinzublicken das Geld, das wir ihm gaben, rückte das Plaid bis unter den Hut und lief schnell über die Piazzetta. Wir sahen noch, wie er in einer Tüte die Frittura empfing. Dann verschwand er im Dunkel der Bogengänge des Palastes. Aber wir wußten, daß er ganz sicher in der Nähe blieb – wegen der ›Sorella‹.

 

Koloman und ich blickten uns ratlos an. Was war hier zu tun? Einem Deserteur zur Flucht nach Wien verhelfen, das wollten und wagten wir nicht. Auch wäre die Suche nach der durch ihren Beruf wohl sehr beweglichen Maria Karpath für einen armen Teufel von Totos geringem Verstande vollkommen aussichtslos. Wir konnten ihm Geld zum Essen geben. Wir konnten ihm raten, sich doch am besten freiwillig bei seiner Truppe zu stellen, um einer schwersten Strafe vorzubeugen. Wir konnten und mußten ihn namentlich von der Verrücktheit abhalten, noch einmal die Szene mit dem Franzosen sinnlos zu wiederholen – oder durch eine wahnwitzige Tat gar noch zu steigern. Denn Totos rascher Griff nach der Waffe bei der Erwähnung des Gatten der ›Sorella‹ kam uns bedenklich vor. Hatten wir nicht die Pflicht, die Franzosen zu warnen vor diesem Wahnsinnigen aus Liebe? . . . Aber den Toto wollten wir auch nicht verraten. Denn der Franzose verstand hier keinen Spaß. Vielleicht ließ sich mit der jungen Frau etwas vernünftiger reden. Man konnte sie bewegen, sofort aufs Schiff zurückzukehren, ohne daß man von Totos Standort irgendetwas sagte. So mischten wir uns denn unter die Spazierer-Gruppen, die im ovalen Kreis um die Musikkapelle den Markusplatz umwandelten. Hier trafen wir wohl all unsere Fahrtgenossen von der ›Atalante‹, und damit auch den Monsieur Benoit und seine kleine Frau . . .

167 Dann wollten wir ein bißchen gegen das Schicksal spielen, wir Halbgötter. Doch wir begriffen nicht in unserer großen Intelligenz, daß das berühmte Schicksal ja gar nicht mit sich spielen läßt, sondern daß es mit uns spielte. Und dieses Schicksal saß mit geheimnisvoller List, vollkommen unsichtbar und unfaßbar in seiner grauenhaften Macht, im Herzen eines armen Infanteristen – dort drüben an der Piazzetta. Wir aber, Koloman und ich, wir suchten es bei der Musik am Markusplatz.


Unsagbar feierlich hallten die A-dur-Klänge des Lohengrin-Vorspiels über den Riesenraum des Platzes. Die meisten Gruppen blieben stehen unter der Andacht dieser Himmelstöne, die sich wie singende Lüfte und klingende Wolken von oben her in das marmorene Gefäß des Wunderplatzes niedersenkten. Der Mond stand hoch neben der Spitze des Campanile. Die Kuppeln des Markusdomes blinkten grell in die Nacht. Alles war Schönheit und glückseliger Ernst in dieser Märchenwelt zu dieser Stunde. Wo war hier Drohung? Wie mochte sich das sogenannte Schicksal einmischen in den Frieden der festlich gestimmten Menschen?

Die Musik verklang in höchsten Engelsstimmen. Erst nach Sekunden brach das Bravo und Klatschen der Leute los. Dann bewegte sich der Korso wieder im Kreise. Wir gingen gegen die Hauptrichtung der Spazierer, um den Gesichtern von vorne zu begegnen. Wir suchten den Franzosen. Sehr lang und hager wie er war, mußten wir ihn sofort entdecken, wenn er uns hier entgegen kam.

Aber als die ersten von unseren Schiffsbekannten sahen wir, am Arm des Baron Holt und ihren kleinen Affen auf der Schulter, unsere putzig elegante Jenny Alden-de Montujo, die überall im Schiff zu Hause war, die hundert Menschen kannte, vom Kapitän bis zum Zigarrenboy, und deren Neugier um jedes Schicksal wissen wollte – nur um ihr eigenes nicht. Sie hatte, wie wir wissen, Toto sofort retten wollen, nach jener Szene auf dem Dampfer – und später dann den gemäßigteren Plan geäußert, nach Wien zu fahren und Marischka mit allen Hilfen eines Detektivbüros zu eruieren. Jenny hatte nichts zu tun, und ihr heiteres Herz schüttete viel Geld für jedes Abenteuer so sorglos aus, als wäre es das Füllhorn der Fortuna. Am nächsten Tag aber hatte sie Toto vergessen – denn andere Schicksalsfälle drängten im Kino ihres beweglichen Herzens nach. Nun lief sie mit ihrem Baron um den Markusplatz, warf strahlende Blicke, ließ ihren Affen allgemein bewundern und grüßte Koloman und mich so freudig, als wären wir ihre allernächsten und geliebtesten Vettern.

168 Sie ahnte nicht, die gute Jenny, daß Totos Herz noch keine hundert Meter weit von ihr entfernt sein Schicksal heranrief. Sie lief vorbei an der Piazzetta und lachte laut zum Mond hinauf.

Da kam uns auch der verrückte Gangliese entgegen, der ältliche und völlig unbekannte Schriftsteller, mit seiner Hornbrille und der großen Nase; der Mann, der immer von der ›eisernen Arbeit‹ sprach und selber keine Arbeit kannte. »Ich fahre nicht mehr nach Triest. Ich fahre gleich von hier direkt Berlin. Meine Arbeit wartet. Mein Roman will mich haben.« Und er nahm gleich Abschied von uns Brüdern seiner Fahrt und schoß auf andere Gruppen los, um weitere kurze Abschiedsfeste dieser Art zu feiern. »Arbeit . . . Arbeit . . .« hörte man sein Organ über dem Markusplatz. Sein Roman war sein papierenes Schicksal. Er lebte vom Klang der Worte, nicht von ihrer Wirklichkeit . . .

Doch drüben an der Ecke des Dogenpalastes pochte ein wirkliches Herz, das weder klingen noch denken – nur leben oder sterben konnte. Gangliese ahnte es nicht. Er war ein Schriftsteller . . .

Ha, natürlich waren auch Willis aus Frankfurt am Main auf dem Korso. Ein Potpourri aus dem ›Troubadour‹ begleitete ihr Lustwandeln. Auf welchem Korso der Welt war dieses fette Ehepaar nicht anzutreffen. Sie reisten immer. »Wir haben unseren ›Rolls‹ in Mestre eingestellt vor vierzehn Tagen«, sagten sie zu jedermann. Hin und wieder variierten sie, indem sie statt ›Rolls‹ einmal ›Royce‹ sagten. Sie fanden die Abkürzung vornehmer. Man soll nicht mit dem ganzen Reichtum prunken. Eine Andeutung genügt. Man sieht ja auch gleich, wen man vor sich hat, wenn man im ›Rolls‹ fährt. Der Lebensweg besteht aus Kilometern. Das Herz mit seinen braven Schlägen kommt nimmer einem Achtzylindermotor nach. Wir leben mit der Technik. Panne heißt das Schicksal . . .

Aber das blutige Herz der Menschheit pocht einsam da drüben am Molo.

 

Aber wo ist Monsieur Benoit? Wir sind schon viermal um den Platz herum. Fast alle haben wir schon getroffen, auch die Offiziere, den Kapitän, den Commissario. Da kommt Professor Forest mit seiner schönen Lily. Er – wie gewöhnlich, milde versonnen. Sie – zu jedem lustigen Schabernack bereit.

»Haben Sie die Franzosen gesehen, die Benoit?« frage ich die beiden.

»O nein«, lacht Forest. »Der Alte scheint sich nicht aufs Festland zu wagen, aus Angst, daß man ihm seine junge Dame schließlich doch entführt. Sie saßen noch im Speisesaal, als wir abzogen.«

»Sie bleiben auf dem Schiff!« atme ich auf. Auch Koloman schaut mich erleichtert an.

169 Die blonde Lily aber kicherte: »Ach, die kleine Frau, die will Venedig gesehen haben. Sonst gibt es Krach auf Leben und Sterben.« Sie sah mit ihren lustigen Emailaugen suchend um sich. »Ich wette, daß sie ihn hier irgendwo an der Nase herumzieht – vielleicht gerade über die Seufzerbrücke.«

»Die Damen kennen sich aus mit den Damen«, verneigte sich der dicke Koloman galant.

Man war wieder am Eingang der Piazzetta angelangt. Man gab sich die Hände zum Adieusagen. Man lachte und war in voller Heiterkeit . . . Aber plötzlich brach sie ab.

Denn in diesem Augenblick tönte ein greller Schrei vom Molo herüber. Eine Frau hatte ihn ausgestoßen. Laute Männerstimmen folgten. Ein heiseres hohes Organ hob sich daraus hervor mit unverständlichen wilden Rufen. Wir blickten alle nach der Richtung. Koloman und ich eilten sofort in das Menschgetümmel, das sich am Ufer ballte. Was war das? Wir witterten Gewußtes und Geahntes. Wo aber war Toto? – den wir als Hauptperson der Szene erwarteten? . . . Wir sehen über die Lagune.

Da schwimmt eine Gondel mit zwei Ruderern, fünf Schiffslängen schon von der Ufertreppe entfernt. Darin sitzt die Pariserin Hélène und kreischt um Hilfe. Sie hält ihre beiden Hände mit gespreizten Fingern wie zum Schutz vor ihr Gesicht. Der alte Franzose steht wankend hinter ihr, weist mit seiner langen Knochenhand auf einen Punkt im Wasser und schreit mit hysterisch überschlagender Stimme: »Schlagt ihn tot!« Die Gondolieri halten die Ruder schräg vor gegen den schwimmenden Kopf, der da gegen die Gondel schießt, und aus dessen vor Wasser gurgelnden Munde es brüllt: »Sorella . . . dove? . . .«

Zwei andere Schiffe sind hinter dem Schwimmer her. Er merkt es. Er schnellt mit einem Ruck empor – keine vier Meter von der Franzosengondel. Seine Hand reckt sich aus dem Wasser und schwingt zum Wurf ein kurzes Bajonett; schleudert es ab. Die Menge schreit auf. Der Franzose faßt nach seinem Arm und fällt. Die Ruderer stoßen und schlagen mit den Stangen auf den Rasenden im Wasser. Er kommt noch einmal hoch, klammert sich zäh wie ein Tier mit einer Hand an den schwarzen Schnabel des Schiffes. Der eine Ruderer stampft ihm mit dem Schuh auf die Finger. Von einer hinteren Gondel haut ihm ein Zweiter das Ruder schräg gegen den Kopf. Der weite schwarze Mund schreit noch »Marisch . . .« Füllt sich mit Wasser. Blut schießt über die Stirne. Der Kopf versinkt.


Eine halbe Stunde später liegt der triefende Leichnam des Soldaten Toto auf dem Marmor-Quai unter einem Zelttuch. Die Sanitäter werden ihn gleich 170 fortschaffen, damit der Tod ja nicht das Glück der Mondscheinnacht beschatte. Denn der Tote war ein Störenfried. Da hatte er scheinbar ganz friedlich am Eckpfeiler drüben seine Karten gelegt, war plötzlich rasend aufgeschossen und zum Quai gerannt, sprang dann der Gondel mit jener schönen Französin nach . . . Nun jeder hat's gesehen, wie er zum Mörder wurde und die Strafe gleich empfangen hatte. Es war wie billig und gerecht die Todesstrafe. Da lag er nun. »Spätestens in Venedig werden wir ihn haben« – so hatte es der erste Steuermann ja Monsieur Benoit versprochen. Und schon war er gerichtet. Fort mit dem Kadaver . . .

»Aber die guten Schächer kommen ins Paradies«, lächelte Koloman . . .

 

Totos Opfer, der alte Franzose, fährt mit einem verbundenen Arm, von seiner kleinen Frau gestützt, im Dämpferchen soeben von der Stätte seiner Aufregung zum Luxusdampfer ›Atalante‹ zurück. Die Dame weint in ihr Taschentuch . . . Buben lesen die vielen Ansichtskarten mit dem Bilde eines knallig schönen und zum Teil spärlich bekleideten Fräuleins vom Boden auf und kichern fröhlich über den Fund. Ein Polizist reißt ihnen die Karten aus der Hand. Die Herzenskönigin von Totos Orakelspiel wird amtlich beschlagnahmt und unwirksam gemacht . . . Frau Willi aus Frankfurt läßt sich von ihrem Mann bedauern über die Aufregung, die ihr die Szene mit dem Deserteur jetzt schon zum zweiten Male verursacht habe. Mit Tripolis wäre es doch Schicksals genug gewesen, meint Frau Willi. Zu viel sei zu viel auf einer Vergnügungsfahrt . . .

Der Mond scheint immer greller auf die Piazzetta. Der Leichnam Totos wird eben auf einer Bahre in die Rettungsgondel hineingerollt. Beim Aufheben des Toten kluckst ihm das Wasser der Lagune aus dem Munde, der nicht mehr nach Marischka ruft.

»Es ist nicht mehr das Herz, das aus der Hölle schreit«, sagte der gute Koloman und wischte sich die Augen. »Der Tod ist weiser als wir.« 171

 


 

Die Erste

 
Brief in die Ewigkeit

Auf dem Hauptpostamt in Palermo lag seit Tagen ein Brief aus Deutschland, der niemals abgeholt wurde. Mit steiler hoher Damenschrift aus einer anderen Zeit lautete die Anschrift: ›Professor Walter Forest, Keithstraße 9, Berlin‹. Links oben stand: ›Bitte nachsenden‹. Von der ungelenken Hand eines Dienstboten war die obige Adresse durchgestrichen und man las: postlagernd Palermo.

Der Brief lautete:

Mein Walter. Ich habe Dich zwölf Jahre nicht mehr gesehen und Dir zwölf Jahre nicht mehr geschrieben. Aber jetzt muß ich sterben – ja sterben, auch wenn's die Ärzte mir nicht sagen mögen; und da will ich ein letztes Mal zu Dir noch sprechen und Abschied nehmen. Denn Du warst der Mann meines Lebens und ich habe als Frau niemanden so geliebt wie Dich.

Das wußtest Du Dein Leben lang, mein Walter, seitdem wir uns als halbe Kinder erstmals sahen. Ich war Deine Jugendliebe, Deine Eheliebe und ich wäre auch die Mutter Deiner Kinder geworden. Aber Du hattest Angst vor dem sogenannten Kampf des Lebens und wolltest Dich nicht belasten mit neuen jungen Schicksalen, und glaubtest den Ungeborenen ein großes Glück zu schenken, daß sie nicht hinauf ins grelle Dasein mußten. Ach, ich verstand Dich nur zu gut aus meiner eigenen Unbeholfenheit in Lebensdingen. Auch ich hätte ja nur aus Liebe zu Dir ein Kind gewollt, damit es Deine und meine Züge vereint getragen hätte. Nicht einen neuen Menschen wünschte ich, der aus sich selber in sein Eigenes wachsen würde, sondern ein lebendes Denkmal unserer glückseligen Zweiheit. Neunzehn Jahre hat sie gedauert, bis sie zerbrach, o Walter.

Für mich ist sie trotz äußerlicher Trennung nie zerbrochen. Trotz Deinem Willen gegen meine Bindung. Trotz Deiner zweiten Frau, die Dir die äußere, die glänzende und mobile Welt versprach. Denn Du warst und bliebst in mir, in meiner inneren Welt, die Du ja kennst in ihrer Stille. Und als wir Abschied nahmen, damals vor dem backsteinroten Gerichtsgebäude in München, fünf 172 Minuten nach der Scheidung, da sah ich ganz genau aus Deinen nassen Augen, daß Du mich ja liebtest und daß Dein lahmer Händedruck nur eine gewollte Geste war, die Du dem amtlichen Vorgang und Deinem Willen zur Trennung schuldig schienst. Ach, diese Trennung unserer Einheit! Mein Leben wurde halb und Dein Leben wurde halb. Denn wir waren ja zwei Hälften, die nur zusammen ein Ganzes, aber ein seltenes und unbeschreiblich wunderbares Ganzes werden konnten. Ach Gott, das war das Leben. Ob der Tod jetzt das Ganze wirklich zu töten vermag? – oder es erst für immer und ewig bindet! Ob ich so viel vom Tod erwarten kann! Denn ich muß ja jetzt sterben.

Weißt Du noch damals im Garten bei den Eltern in Egisheim – die ersten Küsse unter der Buche. Und ich fand gleich darauf im Gras dreimal vierblättrigen Klee, den Du in Deinen kleinen Nietzsche-Band vom ›Zarathustra‹ einlegtest. Dreimal vier sind zwölf! sagtest Du, und meintest es nicht als Student der Mathematik, sondern als Zahlenmagier wie Pythagoras. Das sei die dreifache Garantie des Glückes. Drei sei die glückliche Zahl alles Geistes, weil jeder Spruch und jeder Widerspruch sich unter einem dritten Sinn vereinigten, zu jener Dreieinigkeit, die Körper, Geist und Seele bindet. Und zwölf sei die glückliche Zahl der lebendigen Wirklichkeit: der zwölf Stunden des Tages, der zwölf irdischen Götter des Olymps und der zwölf Apostel mit ihren vor Liebe feurigen Zungen. Dreimal vier Küsse müßten das besiegeln. So sprachst Du aus Deiner lieben dummen Zahlenweisheit und schlossest lustig mit dem Spruch aus Deinem Lieblingsbuch: ›Also sprach Zarathustra‹.

Ach Walter, dieser neunmal weise Zarathustra war nicht unser Freund. Er war unser Schicksal. Denn Du teiltest die große Sehnsucht des Denker-Dichters, der die Kraft und die Macht predigte, weil er sich selber so schwach und ohnmächtig fühlte! Der Übermensch sollte entstehen wie ein Messias; und Ihr alle wolltet mitleidslose Bestien werden, die Herdenmenschen verachten und als wilde Männer der Tat jenseits von Gut und Böse leben. Ach Walter, Du mit Deinem Sinn für Recht und Güte, Du könntest niemals aus Deinem Innenreich heraustreten in das brutale Außenreich der Weltgeschäfte, der Intrigen, Transaktionen und der Kämpfe.

Weißt Du noch?– es sind jetzt fünfzehn Jahre her – drei Jahre vor der Trennung, die uns zwölf Jahre schied – damals in Perugia: wie wir auf dem Rand des schönen Brunnens saßen, wie der bronzene Papst von der Kirchenwand herab uns segnete, und Du mir die Ketten des Stadttors von Siena zeigtest, die von den Siegern als Trophäe über dem Portal des Stadtpalastes aufgehängt worden waren. Und nicht nur Ketten wurden hier ausgestellt. Von den Schießscharten des Mauerkranzes hingen an Stricken die toten Feinde, 173 reihenweise zur Freude der Sieger. Diese Freude und grandiose Unbefangenheit vor Not und Tod der anderen – das nanntest Du mir als die wahre Kraft des Lebens. Das sei der Weg aus dem falschen Mitleid, aus der Jenseits-Krankheit unseres Kirchentums – zum Diesseits. Jene verwegenen Geschlechter, die Perugia mit Gefahr und Tod erfüllten, jene Baglioni und jene Oddi, sie seien die Vollmenschen, die nicht nur auf der Lebenswaage wogen wie die ›Bürger‹, sondern Wagnisse wagten; und für den blutigen Tod, den sie alltäglich reizten, das volle Leben schöpften. Ja, das seien die Richtigen, denn alle Unterscheidung von Gut und Böse zeuge nur für schwächliche Moral . . .

Aber ich wußte es, daß Du in Deiner Seele so ganz anders fühltest, als Dein Verstand im Kopfe dachte. Ach, wie wärest Du zurückgeschaudert, wenn Du mit eigenen Augen die Gehenkten an den blutigen Mauern hättest sehen müssen und die Leichen der Gemordeten auf dem Pflaster . . . So aber an jenem milden Abend sahst Du nur die Schönheit einer vergangenen Tyrannei der ›Herrenmenschen‹. Das Blut war weggewaschen und die ehemalige Wirklichkeit war eine ferne Poesie für Dich geworden . . . Du aber wolltest es nicht wissen. Du glaubtest Deinem Denken und Dichten von einer Welt, die nicht die Deine war. Du verließest gegen Deine Seele die Stille unserer Innenwelt, in der wir überglücklich waren. Du zerbrachst unsere Zweisamkeit. Du hieltest mich für die Fessel und Hemmung Deines äußeren Lebens. Du hast mir eingeredet, daß Eva die wahre Lebenskünstlerin und Herrscherin im Glanz der bösen Welt sein würde. Nun, sie war beim Theater. Du gingst von mir und nahmst sie als Deine zweite Frau. Vielleicht hat sie Dich nun ertüchtigt für die Brutalität des Handelns und des Genusses.

Ich glaube es nicht. Du bist nicht zu verwandeln. Auch wenn Du Dich mit leichten Leuten vertändelst und Dich in eine Gegenwelt verlierst. Du bleibst ein Innenmensch, der sich nach innen lebt wie ich, und Deine Mathematik ist Deine wahre Welt. Ich weiß auch, daß Eva tot ist; ich erfuhr das Unglück aus der Zeitung. Aber ich wollte Dir nicht schreiben. Ich wußte nicht, auf wieviel Abwehr ich in Deinem Herzen treffen würde. Denn vielleicht hieltest Du sie doch für die Fortuna Deines äußeren Glückes; und meine Beileidsworte hättest Du als Hohn empfunden. Jetzt aber, wo ich selber sterben muß (ich sage Dir nicht den gräßlichen Namen meiner Krankheit; ich weiß nur, daß ich die Operation nicht überstehen werde) – jetzt darf ich Dich, mein Walter, nochmals anrufen. Wir haben uns ja nie ein böses Wort gesagt in unserem Leben. Wir wollten uns nur nie mehr sehen, weil wir die Schicksale unserer beiden Leben nicht mehr ›vermischen‹ sollten. Aber dieser Brief, an dem ich seit fünf Tagen satzweise an Dich schreibe, wird Dich nur 174 erfreuen – weil keine Schicksalsmischung mehr zu fürchten ist, weil ich jetzt weniger als je zur Fessel Deines Daseins werden kann – weil ich sterbe und Du weiterlebst.

Und weil Du weiterlebst, so sollst Du mein kleines Vermögen von mir haben. Niemand hat sonst Anspruch; und Du hast immer und immer vor mir das größte Seelenrecht auf alles, was mir gehörte. Ich habe mit dem Notar gesprochen und die Formalitäten sind erfüllt. Nimm es an. Du brauchst es vielleicht einmal, wenn Du den Kampf im Alltag doch nicht so leicht und so robust erträgst wie jene blutigen Baglioni von Perugia oder wie die allzu sichere Eva, die jetzt auch tot ist und ruhen muß von ihrem Wettlauf mit dem Glück – da wo ich auch ruhen werde. Aber ich werde ihr nicht begegnen in der Ewigkeit. Ich glaube nicht an solche Geister im Totenreich, die schon im Leben keine Seele hatten. Ich aber wünsche, fern von allen Verheißungen der Pfarrer, daß all das seelische Leben unseres Diesseits im Jenseits sich erhalten möchte, und auferstände nur zu dem einen einzigen Sinn: Dir, Walter, drüben zu begegnen. Nicht als ein Körper, sondern als ein Hauch, als eine Ahnung, daß Du's bist – als jene Seele, die Du unvergänglich warst und die nur mir gehört hat. Das ist mein letzter Wunsch, mein letzter Gedanke bevor ich einschlafen werde . . . Ich liebe Dich Walter. In Ewigkeit.

Irene.

Wie am Anfang gesagt wurde, blieb dieser Brief mit seinem schweifenden Gefühl und fernen Tonfall in einem Postfach zu Palermo liegen – und verschwand nach einiger Zeit des Wartens für alle Ewigkeit.

 
Begegnung

Zur selben Zeit, da dieser Brief sich in Palermo einfand, saß der Adressat, Professor Walter Forest, ein mittelgroßer hagerer Herr von einundfünfzig Jahren mit dunkelm Haar, in dem nichts Graues flimmerte, im Schnellzug, der von Rom über Terni, Foligno und Arezzo nach Florenz fährt. Erst vor drei Tagen hatte er Palermo zu Schiff verlassen mit jener hochbeinigen, sehr jungen, sehr blonden und sehr flotten Dame, die jetzt neben ihm im Coupé saß. Man war ziemlich planlos durch die Welt gefahren . . . Man hatte ein Streifchen Afrika berührt und den Zauber Venedigs wachend geträumt . . . Es war eine Art Hochzeitsreise, von der die beiden nun zurück nach Deutschland fuhren. Aber sie ließen sich Zeit; sie wollten hier und dort am Wege noch eines jener 175 hochgelegenen Städtchen sehen, die seit den Etruskern wie Kastelle auf die Bergkuppen gesetzt worden waren; angeklebt am Felsen, in den das Mauerwerk der Häuser und Fortifikationen wie eingewachsen war. Da stieg der natürliche Berg empor und endete ohne merklichen Übergang in einer steinernen Mauerkrone. Uralte Dauer hatte Natur und Menschgeschaffenes verbunden.

Das Paar, das also eine Art von Hochzeitsreise machte, sah bald hinaus in die Landschaft und bald auf eine ausgebreitete Karte, um sich die Namen der pittoresken Burgberge zu merken und zu beraten, welche Station für diesen Abend zum Übernachten zu wählen sei. Es mußte eines der hochgelegenen Etruskernester sein; man würde beim Sonnenuntergang noch auf den Mauern promenieren und in das Blau der Berge sehen; vielleicht auch auf den Trasimenischen See, der zu Hannibals Zeit so viel Blut getrunken hatte.

Der Professor schlug das winzige Spello vor, oder Cortona, oder Assisi mit dem mächtigen Monte Subasio im Rücken. Aber Lily, sehr kokett mit jedem Augenaufschlag und überbeweglich wie ein ungeduldiges Kind, wies mit dem rotlackierten Nagel ihres Zeigefingers auf Perugia. Denn dieser Ort war auf der Karte unterstrichen und mit einem doppelten Kreis gezeichnet, so daß hier eine größere Stadtanlage zu vermuten war. »Da gibt es sicher eine Bar, weißt du, mit einem kleinen Dancing-Room.«

Der Professor aber schüttelte den Kopf mit einem kaum hörbaren: »Nein, nicht Perugia.« Und er legte beschwichtigend seine schmale unfleischige Hand mit dem steinlosen Goldring auf die Schulter seiner Begleiterin. »Ach gute Lily«, sagte er mit verschleierter Stimme, »auch Perugia ist immer noch ein kleines Nest und ist nicht Rom mit seiner Eldorado-Diele, oder wie die teure Tanz-Spelunke hieß, da hinterm Trajansforum. Du wirst dich wundern über den Luxus einer alten Etrusker-Metropole.«

»Rom war fabelhaft!« seufzte Lily, »trotzdem die schönen Säulen alle kaputt sind.«

»Ach Lily, du sprichst so namenlos vernünftig über kaputte Säulen.«

»Ganz wären sie aber doch viel schöner, Walter. Es ist doch schade, daß sie kaputt sind. Das mußt du zugeben«. Und Lily erwartete eine ernsthafte Zustimmung.

Forest zögerte mit einer Antwort. Oh, sie war gar nicht so leicht zu geben. War Lily nicht in vollem Recht? Warum fand man Ruinen schön? Was soll man dazu sagen? Kein anderer Mensch in seiner sonst gebildeteren Umgebung vermochte jemals so etwas zu fragen wie seine Lily da. Ja, warum fand man ›kaputte‹ Säulen schön? . . . Und als ihn Lily nochmals dringend um eine Antwort bat, sprach er verlegen vor den eigenen Phrasen: »Spürst du denn nicht 176 den Zauber des Vergänglichen?« Forest fand keine realere Ausdrucksweise und suchte neue Worte: »Ich meine die Erhabenheit des Todes . . . in dem Gedanken, daß dieses alte Rom für uns nur in Ruinen sichtbar blieb – als letzte Denksteine eines gewaltigen Lebens – und ebenso gewaltigen Sterbens . . .« Er bricht ab. Wieder empfindet Forest die Phrasenhaftigkeit seiner Erklärung. Hält er da nicht eine Grabrede vor diesem blonden Leben? Er fühlt sich lächerlich.

Lily aber hat ernsthaft zugehört. Sie weiß, daß ihre Aufmerksamkeit ihn freut. »Das verstehe ich schon«, sagt sie. »Aber das wirkliche Leben ist doch wichtiger für uns als das Leben aus der Weltgeschichte. Das mußt du doch zugeben.«

Forest mußte es widerwillig zugeben.

»Denn in der Weltgeschichte kenne ich mich doch nicht so aus.«

Forest nickte.

»Und wenn du meine Freude an den Bars und Tanzdielen so komisch findest, ach Walter, das gehört doch schließlich auch zum Leben – wenn man nicht gerade so wie du bist und in der Weltgeschichte so genau Bescheid weiß.«

Forest meinte: »Die Bars hast du doch überall. Die ›kaputten‹ Säulen aber sind nur hier. Du kannst doch in Berlin wieder tanzen. Du fährst doch schließlich nicht nach Rom, um das Alltägliche zu suchen. Oder, Lily?«

»Das Alltägliche?« Lily dachte nach. »Man ißt auch alle Tage Brot, und es wird einem doch nicht langweilig oder entbehrlich, lieber Walter. Und ich für meine Person muß eben hin und wieder einmal tanzen.«

»Lily, das ist doch Spielerei! Das ist doch kein Bedürfnis wie das liebe Brot für alle Tage – das ist doch nicht dein Lebenszweck!«

»Nein, sicher nicht«, gab Lily zu. »Da hast du recht. Aber wenn du nach Rom fährst, Walter, und die kaputten Tempel anschaust, so ist das ja auch nicht dein Lebenszweck. Und neben deinem wirklichen Beruf ist diese ganze Kunstgeschichte, verzeih mir Walter, auch eine schöne Spielerei für dich, und nicht der Ernst des Lebens.« Lily lachte.

Bei Gott, das stimmte so ungefähr. Lily sprach mit vollkommener Logik aus ihrer Lebenswelt heraus. Warum sollten die ihr bekannten Lebenswerte von vornherein weniger gelten als die von ihm erkannten Lebenswerte? . . . Es gab dazu schon eine Antwort – aber nicht für Lily . . . Was wußte aber er vom Glück eines neuen Tango-Schrittes? oder von der Wonne eines ganz neu erfundenen Drinks? So wenig wie sie vom Zauber des ›kaputten‹ Kastor-Tempels. Wer bestimmt endgültig den Wert der Ruinen? . . . das Leben? oder gar 177 der Tod? Keine geistige Diskussion reichte hier aus. Das war nicht zu beantworten. Und er zog Lilys dummen, schönen, naseweisen Kopf zu sich herüber, küßte rasch ihre Wange und sagte: »Lily, ich bin geschlagen – du hast recht mit der Bar.«

»Siehst du, Walter, ich bin gar nicht so dumm, wie du immer glaubst«, scherzte sie. »Aber jetzt müssen wir eine nächtliche Unterkunft suchen.« Und sie klappte das Reisehandbuch in ihrer Hand an jener Stelle wieder auf, wo sie den Finger als Merkzeichen hineingesteckt hatte, und las fröhlich vor:

»Schau, Walter, in Spello, 2800 Einwohner, da ist nun wirklich gar nichts los; da gibt es nicht einmal ein Albergo mit Stern. Und in Assisi, 9800 Einwohner, da langweilt man sich auch zu Tode; das ist so etwas wie ein Wallfahrtsort mit Rosenkranzgetue und nichts als Kirchen.« Sie blätterte hastig im Buch weiter. »Aber Perugia, sieh mal selber her: ›Perugia, 493 m . . . Hauptstadt von Umbrien, mit 37 700 Einwohnern‹, das ist schon Sache . . . ›Sitz des Präfekten‹, siehst du, Walter, ›und eines Erzbischofs‹ . . . da muß es doch was sein, denn die Pfaffen wissen alle, was sie wollen . . . ›Universität . . . Militärkommando‹ . . . Und dann für dich speziell Walter: ›Die Stadt ist altertümlich gebaut‹ . . .« Sie erhob den Zeigefinger und machte wichtige Augen. ›Zahlreiche Bauten aus dem XIV. und XV. Jahrhundert‹, hörst du? . . . ›300 m über dem Tiber‹ . . . gottvoll die Aussicht . . . Tiber? Das ist doch der Fluß in Rom, nicht wahr? Oder ist das der bekannte Kaiser?«

»Nein, der Fluß«, berichtigte Forest ganz ernsthaft.

»Die Unterkunft ist fabelhaft: ›Grandhotel . . . Betten von 30 Lire an‹ . . . nein, zu teuer für dich . . . Aber ›Central . . . Zimmer von 22 Lire an‹ . . . das geht auch für einen Versicherungsmathematiker . . . ›mit Aussicht, Restaurant und Bar‹. Hast du gehört, sie haben eine Bar! Ich hab's ja gewußt, Walter, ich hab's der Karte abgerochen . . . Aber du siehst mich ja gar nicht an.« Sie wandte ihren schönen Kopf mit den blauen Puppenaugen zu ihm hin.

Nein, Walter sah sie gar nicht an. Sein bartloses, ernstes Gesicht verharrte unbeweglich. Er starrte vor sich hin, das eine Auge etwas zugekniffen und angespannter als das andere, wie immer, wenn er etwas Fernes dachte. Man gab ihm keine einundfünfzig; er sah zehn Jahre jünger aus. Die Haut war gebräunt von der Sonne in Sizilien; die Augen blickten stahlblau. Die feste, hagere Maske des Gesichts versprach Energie. Der Ton der Stimme klang bei allem Ernst nach einem humorigen Temperament. Aber man mußte die Maske beim Reden in Bewegung sehen. Erst das Mimische entlarvt das wahre Gesicht. Nein, diese Augen hatten keine Schärfe. Das Kinn war klein und trat schwächlich zurück. 178 Die dünne feine Nase und der lange Schnitt des Mundes, das waren die Herrscher in diesem Antlitz. Das waren die Zeichen des nach innen Denkens und zugleich auch eines überfeinen, Lust witternden Begehrens. Nein, dieser Professor der Mathematik war keine akademische Figur, sondern ein Mann mit immer noch jungen Wünschen. Er trug sich auch nicht wie ein würdevoller Mann der Wissenschaft. In seiner grauen weiten Homespone-Jacke mit der hellgestreiften breiten Hose hielt man ihn leicht für einen Architekten oder Musiker. Und damit riet man auch nicht ganz daneben, denn im Bauen und im Komponieren lebt etwas von der denkerischen Phantasie im Zahlenkreis des Mathematikers.

Schon lange stand er nicht mehr auf dem Katheder. Der Professortitel stammte aus der früheren Lehrtätigkeit an der Bonner Universität. Mit sechsunddreißig Jahren gab er die akademische Karriere mit ihren Verpflichtungen zur äußeren Würde auf und wurde Versicherungsmathematiker. Fünf Jahre später erhielt er auf seinen Wunsch die stille und ganz ungeschäftliche Position eines Unterdirektors in der statistischen Abteilung seiner Firma, die ›Aurora‹ hieß. Ja, da rechnete er, und half auf indirektem Wege den Menschen zur Versicherung ihres Lebens auf Invalidität und Todesfall. Denn das Leben ist gefährlich – und die Gefahr sei schön, sagt Nietzsche. Aber Forests Berufstätigkeit – diese Versicherung gegen die ›schöne Gefahr des Daseins‹ – wurde von ihm nur äußerlich und fast mechanisch ausgeübt. Sein Inneres empfand das Leben völlig unversichert und unversicherbar vor jeglicher Gefahr des Schicksals. Wer nicht an den Tod dachte, der hatte eben Mut, der sah sie nicht, die fahlen Schatten hinter jedem Licht . . . Auch das helle Licht Italiens warf seine Schatten in die umbrische Landschaft . . . ›Nein nicht Perugia‹ . . . grübelte es in Forests Hirn.

Lily arbeitete mit dem Lippenstift an ihrem vollen Mund herum. »Du mußt dich entscheiden. In einer halben Stunde sind wir in Perugia.«

Ja, die Entscheidung wird sich von selbst ergeben, denn Lily wird entscheiden. Sie war es auch gewesen, die vor zwei Monaten über diese Verbindung mit Forest entschieden hatte, kurz nach der Bekanntschaft an einem Kaffeehaustisch nach Mitternacht . . . Es war nach ihrem Selbstmordversuch. Am gleichen Tage hatte man sie aus dem Spital entlassen und sie fühlte sich sehr elend. Aber noch in der Rekonvaleszenz war sie schon wieder voller Unternehmungen. Diese Frische, die gefiel Forest, die brauchte er. Lily, die süße plappernde Figur, die hatte offenbar den Mut zur Selbstversicherung des Lebens. Die dachte niemals an den Tod, trotzdem sie sich vor einem Vierteljahr aus Liebesschmerz ›ganz schnell‹ mit Veronal vergiftet hatte. Erfolglos 179 vergiftet hatte, weil ihr der Lebenstrieb eine ungenügende Dosis des Giftes, ganz unbewußt für sie, vorgeschrieben hatte. Das war Selbstversicherung. So ein Versuch zum Selbstmord geschah nur im Impuls: um den Tod als nächstes Mittel zur vorläufigen Veränderung eines seelischen Unbehagens zu mißbrauchen; weil eben der Tod für jene unglücklichen fünf Minuten des Liebesschmerzes der weitaus angenehmere und (sagen wir es nur in Lilys Geist) auch ›lebenswertere‹ Zustand schien als das wache Leben. Er wird schon nicht so schlimm sein, der Tod. So war denn Lily trotz der Todesangst in ihrem halben Sterben dem Tod als Geist und Weltmacht nicht begegnet.

Sie dachte nie. Sie hatte Mut – den Mut des Nichtwissens und der Ahnungslosigkeit. Sie wechselte den Beruf von Jahr zu Jahr. Sie tippte oder manikürte oder zog als Mannequin schöne Kleider an. Sie legte sich nicht fest auf irgend eine Dauer. Sie lebte nach Tagen und Stunden . . . Sie lebte ›schlechthin‹ – lebte froh in ihrem schönen Körper. Dieses ›Schlechthinleben‹ ohne Ziel, das war es ja, was dem Professor an ihrer Nichtigkeit gefiel. Er liebte sie nicht. Sie war ein Zufall für eine Hochzeitsreise ohne Ehe. Sie war ein gutartiges Mannequin nach Leben und Beruf, trug schöne Kleider auf der Haut, und die gute Haut trug sie zu Markte. So nahm er sie und war ein wenig verliebt in ihren schmalen Hals und in die hellen Haare. Aber ihre Augen glänzten wie aus Glas, so sinnlos strahlend und so ohne Tiefe. Sie spielte einen angenehmen Zwischenfall in seiner denkenden Notwendigkeit, eine willkommene Störung und Trübung seiner strengen Innenwelt. Er war sehr gut zu ihr und wußte, daß sie jung war.

»Nun, wird es mit Perugia, Walter?« fragte Lily, nahm Forests Gesicht in die Hände und drehte es in ihre Richtung. »Du siehst ja wieder in den Himmel und versicherst die Sterne gegen den Weltuntergang in dreitausend Jahren.«

»Das könnte die ›Aurora‹ schwerlich bezahlen«, lächelte er hintersinnig. »Wir versichern nur den Einzelnen und die juristische Person. Mit der Schöpfung gibt es keinen Pakt. Der Himmel bricht jede Abmachung. Sieh nur, da drüben gibt es ein Gewitter.« Und er wies nach der Höhe des Monte Subasio, der hinter Assisi herauswuchs. »Gewitter ist Vertragsbruch in der Fremdenindustrie. Italienreisende haben ein göttliches Recht auf blauen Himmel und blauen Dunst.«

»In zwanzig Minuten halten wir in Perugia. Bitte ja, Walterchen.« Sie geriet in ein kindisches Bitten und Betteln. »Sag doch ja. Sei ein guter Onkel. Wir gehen ins Central, weißt du, mit Balkon.« Sie zupfte ihm die Propeller der Krawatte zurecht und schmollte: »Warum willst du denn eigentlich à tout prix nicht nach Perugia?«

180 »Nicht nach Perugia?« kam es wie ein leises Echo. Er starrte wieder vor sich hin. »Ich kenne die Stadt sehr gut; sie ist sehr stimmungsvoll und poesievoll und hat eine Bar und einen Erzbischof und eine Piazza, auf der der schönste Brunnen der ganzen Epoche steht . . . ja dieser Brunnen. Aber Lily, ich muß dich warnen; es kann für dich sehr langweilig werden, denn man wird – so nachdenklich in Perugia.«

»Warum? Warum soll ich nachdenklich werden in Perugia?«

»Nicht du, Lily. Aber ich . . . Ich war das erste Mal auch nicht allein in Perugia.«

»Also mit Eva, deiner Frau?«

»Nein nicht mit Eva, meiner Frau.«

»Die ist doch überfahren worden und war gleich tot? Das hast du mir ja erzählt. Wenn's nur schnell geht, dann ist's ja gleich. Übrigens bist du ja ein Witwer. Das habe ich noch gar nicht überlegt. Ich finde es komisch, daß ich mit einem Witwer reise. Zu komisch.«

Forest übersprang ihren letzten Satz. »Ja, ja, sie war gleich tot und hatte ihren Willen . . . Aber sie war es ja gar nicht, damals in Perugia.«

»Dann war es die Geschiedene, wie heißt sie doch – die Erste? . . . Du redest nie von ihr.«

»Nein, ich rede nie von ihr . . . Aber Lily, warum muß es denn eine meiner richtigen Ehefrauen gewesen sein? Es gibt auch andere Lebensbegleiterinnen, Lily.«

»Gewiß, ich weiß schon, wen du meinst mit den Begleiterinnen. Aber die in Perugia, das war nicht so eine. Das sehe ich dir an den Augen an. Das eine ist ganz schief, weil du die Braue wieder hängen läßt. Dann denkst du immer etwas, was dich ärgert oder quält. Habt Ihr denn Krach bekommen in Perugia, du und die Erste? . . . Wie heißt sie nur schon?«

»Nein«, sagte Forest leise erheitert über die Schematik des ›Schlechthinlebens‹ seiner Lily, »nein, was du ›Krach‹ nennst, das kam erst drei Jahre später. Aber in Perugia war das Glück schon überreif und viel zu groß für Menschen . . . wenn du das verstehst. Übrigens heißt sie Irene – und ›Irene‹ deutet nie auf Krach . . .«

»Warum?« fragte Lily höchst erstaunt.

»Irene heißt: der Frieden«, sagte Forest.

 

Der Schaffner meldete im D-Zug-Korridor: die nächste Haltestelle sei Perugia. Da sah man durch das Coupéfenster den dicht überbauten Berg der Stadt in scharfer Plastik gegen den hellblauen Abendhimmel. Es war wohl 181 gegen halb sieben. Das Gewitter über dem Subasio hatte sich verzogen. »Siehst du, wie schön sie da oben über den Hügeln liegt!« freute sich Lily. Wie auf dem Stadtplan breitete sich Perugia sternförmig über den schmalgratigen Ausläufern aus; wie ein vielarmiger Polyp, der sich am Felsen ansaugt. »Ach bitte, steig doch aus. Du wirst ganz sicher nicht traurig werden, Walter. Denn ich bin ja da.« Sie küßte ihn auf den Hals, stand auf und holte ihr Köfferchen herunter. »Nicht wahr, aussteigen?«

»Auf deine Verantwortung, wenn es langweilig wird.« Zwar zog er die Stirne zusammen, aber er lachte sie an: »Wenn du stärker bist als die Vergangenheit, dann werden wir beide hier glücklich.« Er erhob sich ebenfalls und nahm die beiden Handtaschen von oben aus dem Netz. Dann sagte er mit merkwürdigem Ernst: »Lily, es ist nicht so leicht für dich, wie du dir's denkst. Du könntest diesmal verlieren. Ich könnte dich doch einmal satt bekommen.«

»Wenn schon!« Lily nahm es scherzhaft. »Wenn du mich sitzen läßt, so habe ich ja das Rundreisebillett. Ich komme immer wieder nach Berlin.«

»Aber zuerst also nach Perugia.«

 

Der Zug fuhr in die Station ein. Er hielt. Ein Gepäckträger nahm die Koffer durchs Fenster entgegen. Man stieg beschwerlich aus mit den Mänteln überm linken Arm und dem Kleingepäck in der rechten Hand. Lily hielt noch eine kleine Chiantiflasche aus dem Proviantkörbchen. Sie wollte sie als Andenken behalten. Der Junge, der sie ihr in Terni an der Bahn verkauft hatte, der war sehr hübsch gewesen. Sehr braun, fast schwarz im Gesicht; sehr netter Boy, dachte Lily. »Aber was schaust du denn immer da rückwärts, Walter?« Ihre Stimme wird spitz. »Ist es die Dame dort?«

Wirklich, Walter war plötzlich stehen geblieben auf dem Bahnsteig und sah hinter sich, da wo die Leute zu einem rückwärtigen Unterführungsgang die Treppe hinunterstiegen. »Was siehst du denn der dicken blonden Person nach, mit ihrem Busen?«

Aber Forest wehrte ab. »Ich sehe etwas ganz anderes.« Er stellte die Handtasche hin, hielt Lily mit der einen Hand fest am Gelenk und blickte mit erschreckten Augen.

»Du siehst ja ins Leere.«

»Nein nicht ganz ins Leere . . . Aber jetzt sind sie weg.« Er nahm die Handtasche und schritt weiter.

»Wer ist weg?« fragte Lily.

182 »Ich weiß nicht. Es war eine Täuschung. Es ist nichts.« Und alle weiteren Fragen Lilys schnitt er mit steinernem Gesicht kurz ab mit »Es ist nichts.«

Vorne am Bahnhof schiebt der Facchino die Koffer in den Omnibus des ›Central‹. Lily sitzt schon auf dem verbrauchten roten Sammt der Bänke. Forest will einsteigen – stutzt aber wieder wie vorhin in der Bahnhofhalle. Der Mund entspannt sich wie bei einem Menschen, der völlig wehrlos von einem unerwarteten Ereignis überrumpelt wird. Er glotzt auf ein rotes Auto, großer Lancia-Wagen mit acht Zylindern. »Es ist nicht möglich«, murmelt Forest. Lily wird aufmerksam und sieht in der Blickrichtung Forests.

Da reißt ein junger Herr in weißer Leinenmütze den Schlag des Wagens auf. Eine sehr große und sehr schlanke Dame steigt ein. Man sieht sie nur von hinten; so bleibt ihr Alter unbestimmbar; aber ihr blaues Schneiderkleid mit dem langen Schoß ist Mode vor zwanzig Jahren. Sie kann auch nicht mehr jung sein nach der großen Vorsicht, mit der sie die Beine beugt beim Eintritt in den Wagen. Jetzt sitzt sie. Sie blickt zur Seite nach dem Bahnhof. Ah, das Profil! Aber man erkennt es nicht. Ein schwarzblauer Schleier ist über den Hut hinweg über das ganze Gesicht gebunden. Wie kopflos sitzt sie da, die große Dame. Sie lehnt sich nicht an. Sie hält sich gerade. Ihr Arm streckt sich vor; die Hand tippt dem jungen Herrn mit der weißen Mütze, der den Chauffeur macht, energisch auf die Schulter. Es ist ein Befehl. Der Junge hupt. Sie fahren bergaufwärts.

»Wer war das?« fragt Lily.

Aber Forest, der in den Wagen stolpert, bevor er sich vollkommen abwesend auf die Polster wirft – erschrickt zum dritten Male wie vor einem Geist. Nicht vor einer Dame – Lily braucht nicht eifersüchtig zu werden – er erschrickt vor sich selbst. Denn er erblickt seine eigene Person – in dem großen Spiegel, mit dem der Hotelautobus an der Hinterwand aufprunkt. Herrgott, da sieht er sich leibhaftig, bleich wie ein Toter, rückkehrend nach Perugia, fünfzehn Jahre später . . . Und draußen fährt in einem roten Prunkwagen das Phantom seiner innersten Seele – jener Seele, die nicht nur wünscht, sondern die Flamme ist, das Fünkchen, das unserem Herzen erst ein Ziel zum Leben gibt; ein Ziel, das nicht gedacht ist, sondern im Blut erlebt wird, ein Ziel im Bewußtsein: warum du lebst! Da draußen fuhr sie – die Erste – ein Gespenst – Irene.

»Was siehst du?« fragt Lily, und wird selber bleich vor dem Anblick seiner Totenblässe.

»Schon ist sie da«, stammelt Forest.

»Wer denn?«

»Die Erste.« 183

 

 
Blick aus dem Fenster

Der Omnibus fuhr langsam die großen Schleifen des breiten Fahrwegs hinan. Zwischen Wein und Öl und öden Steinhalden schob sich das rumpelige Fahrzeug über die Schräge des Abhangs. Zypressen standen vereinzelt in der Landschaft wie schwarze Mahnzeichen. Je höher man gelangte, desto weiter sah man in das Tal von Foligno, beherrscht vom großen Monte Subasio, zu dessen Füßen langgestreckt Assisi, die Stadt des heiligen Franz, hell in der sinkenden Sonne lag. Ja, das Gewitter über dem Berge hatte sich nach Süden treiben lassen. Aber die grauenhafte Hitze der letzten Wochen forderte dennoch eine Entladung, heute oder morgen, damit die rissige Erde wieder trinken konnte. Staub lag fußhoch auf dem Weg. Der verbrauchte Motor des Autobus ratterte mit seltsamen Tönen bei jeder Kurve. Jede Straßenbiegung erschloß einen neuen Blick auf die sich immer deutlicher aufreckende Stadtburg mit den rötlichen Steinbastionen, mit den hohen schmalen Toren als schwarzen Löchern in dem sonnengrellen Mauerwerk, durch die einst siegende Römer eingedrungen waren, die von siegenden Goten wiederum besiegt wurden. Totila war in Perugia. Und jeder Sieg der einen war eine blutige Niederlage für die anderen. Man gelangte zwischen das Häusergewimmel der Vorstädte, welche die Ausläufer des Berges wie mit steinernen Krusten überdeckten. Klöster und Kirchen reckten ihre Türme in die Luft. Mit jeder neuen Höhe tauchten neue Giebel aus dem Berg. Und endlich wurde in zwei letzten engen Kurven die Oberstadt erreicht: fast jedes Haus wie ein Kastell, ein Belvedere, eine Aussichtswarte, ein Blick auf ganz Umbrien.

Forest hatte kaum ein Wort mehr geantwortet auf Lilys Fragen. »Vielleicht war sie es ja gar nicht«, meinte sie kleinlaut. »Nur die Figur wurde ja deutlich; und der Schleier ließ kein Gesicht sehen . . . So ein bißchen Ähnlichkeit, das hat man doch schon oft erlebt . . . Und wenn sie es schon ist! Gott, diese Sache ist doch schon lang vorbei. Du hast ja auch inzwischen schon eine andere geheiratet und wieder begraben. Übrigens sprichst du ja nie von ihr, ich meine von Irene, und hast sie halb vergessen. Und schließlich ist die ganze Begegnung nur ein dummer Zufall . . .«

»Zufall?« unterbrach Forest hastig. Ja, vielleicht sei es eben Zufall, fuhr er dann ruhiger fort. »An sich spielt solche Ähnlichkeit ja keine Rolle. Aber für mich ist es leider kein Zufall. Schon viele Jahre fürchte ich mich vor diesem Zufall. Ich rede nie von ihr, aber aus Angst, daß ich an sie denken könnte . . . Lily, ich habe dich gewarnt vor meiner zu erwartenden ›Nachdenklichkeit‹ in Perugia. Nun hat sie sich bereits Gestalt geschaffen; und der Gedanke läuft als 184 Körper hier sichtlich und außerhalb meines Gehirns in dieser Stadt herum.« Er nahm ihre Hand und sie spürte bei dem festen Druck ihr Zittern: »Lily, wir können ja noch umkehren. Meinst du nicht, daß wir beide in bessere Stimmung geraten, wenn wir im Nachtzug nach Cortona fahren?« Und mit noch leiserer Stimme: » . . . auch wenn es wirklich nur eine Täuschung war, auch wenn ich nur eine Falsche sah – und niemals die Erste.«

Da hielt das Gefährt am Hotel Central und wurde von den Hoteldienern sogleich umzingelt. Ohne langwierige Verhandlung gab es da keine Flucht. Die Energie zu Entschlüssen lag in beiden nicht bereit. Lily konnte sich zwar nichts Unbequemeres als eine schleunige Rückfahrt zum Bahnhof denken; aber ihr zwar leichtsinniges, aber gutmütiges Herz nahm doch ein wenig teil an der quälenden Verwirrung des Mannes. Sie sagte nichts auf seine Frage; und da er sie nur hilflos ansah, so nahm sie ihn behutsam bei der Hand und zog ihn aus dem Wagen. Er aber sieht mit seitwärts schielendem Blick: da drüben bei den Bäumen der Anlage, da steht das rote Auto. ›Nun besser, wir vergewissern uns über das wahre Wesen des Phantoms‹, dachte Forest. Und Lily meinte sofort in ihrer Art das gleiche: »Vielleicht wohnen sie hier im Hotel, und du weißt dann gleich, woran du bist, nicht wahr, mein Lieber. Und morgen früh sind wir schon in der Bahn und der Spuk ist weg.«

»Das kann man nicht so genau wissen, fürchte ich, was so ein Spuk mit uns vorhat«, murmelte Forest, und er ließ sich von dem höflichen Empfangsdirektor in die Eingangshalle geleiten. Das Hotel war ein großes Bauwerk aus dem achtzehnten Jahrhundert, das nach den nahe aneinanderliegenden Fenstern zu schließen vielleicht einmal als Kaserne gedient hatte. Im Innern erschien es konventionell modernisiert im spiegelfreudigen Stil der achtziger Jahre. Im Vorraum standen die üblichen Palmen zwischen Polstersesseln und Sitzrondellen.

»Erwarten Sie Briefe, Signore, und auf welchen werten Namen?« fragte der breite Hauptportier.

Nein, er erwarte wirklich keine Briefe in Perugia, murmelte Forest undeutlich vor sich hin. Er wählte unter Lilys Beratung zwei Zimmer mit schmalen Tür-Balkonen, wie sie im zweiten Stock durchgängig angebracht waren. Zwei Meldezettel wurden ausgefüllt, als ob man offiziell auf zwei getrennte Konten reiste. Die Portiers wußten immer gleich Bescheid bei diesem Vorgang und warfen sich listige Blicke zu, während sie mit der größten Selbstverständlichkeit und Ehrfurcht die zwei Personalzettel für ein einziges Paar in Empfang nahmen. »Also im zweiten, mein Herr«, sagte der Geschäftsführer mit einer zum Lift weisenden Geste. Und der Portier rief den Gepäckdienern zu: »Nummer 43 und 44.«

185 Man wartete einen Augenblick am Aufzug, der gerade von oben kam. Das Gitter wurde aufgerissen, die Klapptüren drehten sich auf – da steht der junge Mann vom roten Auto, mit der weißen Leinenmütze auf dem schmalen Kopf. Er hält ein halbes Dutzend Pakete zum Teil an den Schnüren, zum Teil unter die Arme geklemmt. Auch einen Sonnenschirm und einen schwarzen Krückstock preßt er mühsam zwischen Brust und Oberarm. Er kann sich vor lauter Gepäck kaum aus der schmalen Kabine winden. Als er die blonde Lily sieht, wird er verlegen, stößt mit der rechten Schulter an die Türe, so daß der Krückstock sich verschiebt und ein Paket zu Boden fällt. Er stottert: »Scusi, entschuldigen Sie.« Er will sich bücken, um das gefallene Päckchen aufzuheben; aber mit seiner Beladenheit gelingt ihm keine Bewegung ohne Gefahr, die ganze übrige Fracht noch fallen zu lassen.

Lily sieht seine entsetzlich verlegenen schwarzen Augen. Sie bückt sich nach dem Paket, das aber ein kleiner Liftboy schon gefaßt hat. »Danke, mille grazie«, sagt der junge Mann und neigt den Kopf sehr stark, um mit der großen Verneigung das ihm unmögliche Grüßen mit der Mütze reichlich zu ersetzen. Lily dankt freundlich und laut mit: »Gern geschehen.«

Forest hatte den Jungen nicht so rasch erkannt wie seine heller in die Welt blickende Dame. Aber im Augenblick, als er mit seinen Paketen abzog, so daß ihn Forest vom Rücken sah, da schoß die Wiedererkennung dieses Rückens – da unten im roten Auto vor der Station – blitzhaft in sein Gedächtnis. Und während er noch dachte: ›Wo ist sie?‹ – rief eine tiefe, aber heiser verschleierte Frauenstimme vom Eingang her aus einem Nebenraum: »Ferruccio, wo bleibst du? Avanti Ferruccio!« Da setzte sich der Aufzug in Bewegung.

»Das war nicht ihre Stimme«, atmete Forest auf.

»Also viel Lärm um nichts«, zitierte Lily und küßte Walter auf die Backe, was ihm peinlich war vor den Hausdienern.

»Nein, das kann nicht ihre Stimme sein . . . zwar auch Irenens Stimme klang so tief, aber nie befehlend . . . Ach, was hab ich nur gesehen? Mein Ohr verneint jetzt, was mein Auge sah . . . Ist sie es doch? Nicht einmal das Gesicht war zu erkennen, und ich war doch so sicher, daß ich sie wirklich sah – wie mir in diesem Augenblick gewiß ist, daß ich sie nicht hörte . . . Ach Lily, wem glaubt man mehr: dem Ohr? oder dem Auge? Sag's!«

»Ach Unsinn«, tröstete Lily, »dich quält nur die dicke Luft von Perugia. Es ist so unerträglich schwül, weil das Gewitter nicht herunter kam. Ich will lieb zu dir sein, Walterchen.«

Sie nahm jetzt seinen Arm und zog ihn in das vom Kellner zuerst geöffnete Zimmer. »Soll ich die Durchgangstüre aufmachen?« fragte der Boy. »Nein«, 186 erwiderte Forest, der sich der offenen Türe zwischen zwei getrennten Meldezetteln schämte, was Lily nicht begriff.

Ja zwischen den Sitten ihrer Generation lagen dreißig Jahre mit einem Weltkrieg und einer moralischen Weltwende. Die Seele war anders geworden, unsichtbarer. Auch die Liebe war anders geworden: sie war nicht mehr privat, sie war sichtbarer, selbstverständlicher. Ein Mann, eine Frau und eine offene Türe zwischen ihnen, das war ganz richtig. Denn jede geschlossene Tür zwischen zwei Liebenden ist eine unpraktische Hemmung und erzeugt eine ganz und gar nicht nötige Spannung. Das ist eine unsachliche Verlängerung des Weges, ein romanhaft kitschiger Umweg um die Notwendigkeit. Und welch ein Zeitverlust in unserem Tempo! Wie viele amüsante Abenteuer und ›Begegnungen‹ gehen uns verloren, wenn wir die Liebe auf Umwegen suchen. Da müßten wir uns gar auf Dauerliebe einstellen, wie Großpapa und Großmama, die sich bei der Verlobung schon auf den diamantenen Hochzeitstag freuten. Warum also Türen zu, wo sie offen sein könnten? . . . Aber zwischen Walter und Lily ist diese Frage nicht mehr brennend. Man sieht sich oft genug. Und man denkt nicht ans Heiraten.

»Übrigens können wir uns von Balkon zu Balkon Gutnacht sagen«, ruft Lily aus ihrem Zimmer durch die Fenstertür zu Forest hinüber. »Komm doch mal aufs Balkönchen.« Sie steht schon draußen. Walter kommt auf den seinen. »Schön sieht man da den Berg hinunter . . . Und hier die Anlagen . . . und sieh mal dort der rote Wagen.«

»Was geht mich der rote Wagen mehr an?« wehrt Forest ab und scheut sich vorerst, nach ihm hinzusehen.

»Oh, er ist teuflisch schön.«

»Warum sagst du ›teuflisch‹?« fragt er wie erschreckt.

»Gott – weil er halt so höllisch rot ist«, wirft sie hin. »Und der Junge war so nett, als er wie ein Kamel beladen dastand. Du, Walter, der hat mich gleich geliebt. Ich merke das sofort an den Augen.«

»Ach er war verlegen wegen der Kuli-Pakete.«

»Nein, meinetwegen. Wenn die Augen so schräg nach unten sehen, ohne daß sich die Augendeckel dabei senken, das ist immer die Liebe.«

»Willst du dich in einen Privatchauffeur verlieben?«

»Wenn er gut fährt und hübsch ist, sehe ich keinen Gegengrund. Du, der ist übrigens kein Angestellter. Ich weiß nicht, warum ich es weiß. Aber er sieht aus wie ein Student oder eine Art Sohn oder so etwas«, plapperte sie.

»Da machst du vielleicht in Perugia noch eine große Partie mit einem roten Auto . . . Aber halt, da kommen sie aus dem Hotel . . . Herrgott im Himmel, 187 diese verteufelte Ähnlichkeit! Lily, sie ist es ja doch! Dieser etwas stockende Gang, diese gerade Kopfhaltung, diese lange Figur . . . und sogar das blaue Kleid . . . das trug sie auch . . . dazu die große weiße Blume im Revers . . . es war noch vor dem Krieg . . . Die Silhouette, das ist Irene . . . Aber die Stimme? . . . Aber der Kopf?«

»Warum trägt sie ihn wohl in den dunkeln Schleier eingebunden? Und warum diese uralte Mode? Denn mit dem Achtzylinder-Wagen hat man doch Geld.«

Die Dame und der Junge, der Ferruccio gerufen worden war, verstauten viele Pakete unter den Sitzen des Autos. Während die Dame noch in gebückter Haltung die Päckchen ordnete, schaute Ferruccio zur Hotelfront hinauf und entdeckte das Paar auf den Balkonen. Jetzt hatte er die Möglichkeit, seinen respektlosen Gruß von vorhin mit der Mütze nachzuholen. Er tat es und wurde rot dabei. Lily winkte mit der Hand als Gegengruß; und wahrhaftig: auch sie wurde ein kleines bißchen rot.

Die Dame am Wagen bemerkte den Gruß ihres Begleiters und wandte einen Augenblick den Kopf hinauf zu den Begrüßten. Wie ein Dreieck deckte der schwarzblaue Schleier, von beiden Seiten des breiten Hutrands zum Kinn gebunden, ihr Gesicht. Nur die runde Kopfform schimmerte durch die Hülle. Es war nicht zu ahnen, was für ein Menschenangesicht sich hier verbarg. Denn hier, ganz sicher, hier verbarg sich etwas. Das spürte man. Das ahnte man . . . Oh, es war nicht so unangebracht und schwächlich, vor dieser Erscheinung ein wenig zu erschrecken, dachte Forest, auch wenn man keine ›Erste‹ zu erkennen glaubt. Da spukte etwas Undeutbares. Sah nur er, Forest, diese unglaubhafte Ähnlichkeit der Körper? oder gab es gar Magie in der Wirklichkeit?

Wie um sich selbst aus einem Traum zu stören, fragt er laut: »Nun Lily, ist sie es wirklich nicht?«

»Jetzt laß doch den Unsinn. Die Stimme mußte dich doch überzeugen. Es ist also nicht die Erste . . . nicht die Richtige.«

»Ob es ›die Richtige‹ war? Kommt es darauf an? Ach Lily, was ist richtig? Das Schicksal spielt mit Blendwerk. Es läßt teuflische Verwechslungen mit uns geschehen. Wir glauben das eine – und sehen und denken das andere. Was ist da Hauptsache, was ist Nebensache? Was ist das Erste, was ist das Letzte im Inneren – im unteren Prozeß unseres Bewußtseins . . . Das sind fatale Verwechslungen . . . Verrückungen . . .«

Lily hört gar nicht auf den Sinn seiner Reflexionen. Sie sagt nur: »Nun ja, eben Verwechslung.«

188 »O Lily, erinnerst du dich in Venedig an jenen armen Teufel, jenen Deserteur, der seine Geliebte suchte, die ihm davon gegangen war – weißt du noch wie er herzzerreißend ›Marischka‹ brüllte, als er die kleine Französin sah, die er um Gottes und Teufels willen für seiner Marischka Schwester halten wollte? Ob einer lächerlichen Ähnlichkeit mußte sie seiner Verzweiflung zum mindesten als ihre Schwester gelten. Und er glaubte es in seinem Wahnsinn und wollte wenigstens das Phantom packen, das Gespenst seiner Liebe . . . du weißt es doch, Lily . . . Toto hieß er . . .«

»Der war aber doch verrückt«, unterbricht Lily ungeduldig.

»Ja, verrückt, das war er«, stieß Forest atmend hervor. »Mit solchen Verrückungen müssen wir rechnen. Die Seele ergreift den Leib – und irrt. Bis sie vom Leibe selber ergriffen wird wie von Teufelskrallen. Was ist das Richtige und Wirkliche im unsichtbaren Reich? Ach, das Richtige entscheidet nicht!«

»Doch«, sagt Lily bestimmt, »natürlich entscheidet es . . . Und auch jetzt, diesmal: denn sie ist es nicht, deine Irene.«

»Und das Phantom da unten?« Es kicherte wie Hohn aus seinem Mund. Er deutet mit zitternder Hand zum Platz hinab und schüttelt langsam den Kopf wie vor einem Rätsel, das ewig nicht zu lösen ist.

Die Dame redet auf den Jungen lebhaft ein. Man sieht es; aber man hört es nicht auf dreißig Meter. Sie befiehlt mit jeder Geste. Sie verlangt den Stock mit der Krücke, den er ihr gibt. Aber sie stützt sich nicht darauf, sondern hängt ihren dünnen Arm in den des Jungen. Dann schreiten sie langsam nach dem Corso Vanucci hin, in der Richtung der alten Piazza.

»Wie Mutter und Sohn – ich hab's ja gewußt«, stellte Lily fest.

»Wie Tod und Leben«, meinte Forest.

 

Die beiden traten in ihre Zimmer zurück. Lily zog sich vollkommen um, da sie sich für den Abend, womöglich in der Bar, besonders schön machen wollte. Forest blieb in seinem Reiseanzug, wusch nur Gesicht und Hände. Er raunte vor sich hin: ›Sie gleichen sich wie Engel und Teufel in einem Leib. Wie Lucifer – vor dem Fall ein Gott, und nach dem Himmelssturz ein Teufel. Anders ist es nicht. Der Leib ist Täuschung. Aber man lebt von dieser Täuschung.‹

Er ging ans Fenster und sah nach Assisi hinüber. ›Ach Irene, wenn du das wüßtest, daß ich hier hinüber sehe zum heiligen Franz und daß ich in Perugia bin – in der Stadt der glücklichsten Nacht meines ganzen Lebens. Das war die Höhe, der Gipfel, das Oberste, die Summa. Und damit war der Befehl zum Abstieg gegeben. Denn weiter hinauf ging es nicht. Also mußten wir hinunter. Das war ganz logisch und geometrisch richtig. Aber innerlich blieb doch das 189 stille Glück. Da glaubte ich auf einmal, diese Stille bedeute eine künstliche Ferne vom Leben. Ich war damals sechsunddreißig. Ich sah das losgelassene Leben der neuen Europäer, die sich wie Neger aufführten und diese Aufführung den élan vital nannten. Ich bekam einen Haß auf die Hinterweltler des Denkens, so wie ich selber einer bin. Ich war mir nicht mehr primitiv genug. Ich glaubte den Negern etwas schuldig zu sein im Untergang des Abendlandes. Du, Irene, wolltest tapfer auf dem sinkenden Schiff Europa bleiben. Ich stieg ans Neuland – und nahm dann diese Eva aus der neuen beweglichen Welt.

Die war ja überall und nirgendwo, und raste im Tempo von ihrer eigenen Seele weg, wenn sie nicht gerade Theater spielte und die Seele der Rolle für ihre eigene nahm. Da lernte ich jeden Tag ein Dutzend neue Menschen kennen, die Eva alle samt und sonders ›nett‹ fand. Sie fand ja alles ›nett‹. Mozart und Pitigrilli, Lenin und Chaplin, alle fand sie nett. Denn es war ihr alles gleichgültig, was nicht Rolle war. Sie hat mir die Welt zum Theater gemacht. Eine bunte Bühne! Sie hat mich sogar geliebt als ihren ›ersten Liebhaber‹. Eva hat nur verführt. Eva hat nur gespielt. Sie stürzte sich in ein künstliches Erleben – aus panischer Angst vor dem Alter und dem Tod. Als sich die Chancen des Theaters für sie verminderten, da war es auch aus mit ihrer Lebensrolle. Was sollte sie spielen? Sich selber? Für sich allein spielt man nicht lange Theater. Sie hatte ihr Publikum verloren. Da trank sie Absinth und Whisky bis sie keinen Durst mehr hatte – auch keinen Lebensdurst – und legte sich auf die Schienen. ›Die bekannte Künstlerin Eva K . . . hat sich ganz offenbar in geistiger Umnachtung unter den D-805 geworfen . . .‹ So las man's überall.

Das war das Lebensglück, das ich eintauschte für das leise Glück Irenens – das ich einst für den Tod des Glücks gehalten hatte . . . Ich schäme mich vor dir, Irene. Ich habe mich zwölf Jahre lang geschämt. Denn ich habe seither ein ›fröhliches Weltkind‹ gespielt, das das Leben ›meistert‹. Nun reise ich mit einer jungen süßen Gans und bilde mir bisweilen ein, sie sei ein Schwan im Park von Alcasadar. Nun spiele ich den flotten Kerl und sinke um vor deinem heutigen Phantom . . . das mir der Teufel vorgegaukelt hat. Es war dein sterblicher Körper meiner Sinne – nicht deine ewige Seele. Nein, du bist es nicht, Irene. Du bist die Güte und die Liebe und der Geist. Du bist es nicht, nicht jene mit der bösen Stimme und dem Körper ohne Kopf.'

Forest blickte nach oben in das rosige leichte Gewölk über dem Berg von Assisi. ›Aber . . . aber . . . bist du überhaupt noch für mich da? Lebst du auch außerhalb des Kreises meiner Liebe noch in der Welt, Irene? Was will das Phantom mit dem blauen Schleier? Ist es eine Mahnung? Ist es ein Zeichen? Soll ich kommen, Irene? Darf ich kommen, Irene? Heute ist meine Scham 190 von mir abgefallen, und ich stehe so ohne Stolz und in so trauriger Armut da, daß du mir helfen würdest – wie die Madonna. Daß du zu mir kämest, ich weiß es, trotzdem ich dich ausgetrieben habe. Der Teufel hat mich von dir weggezogen. Du warst das Leben in der Seele. Eva war nur ein Spiel. Dieses Spiel ist durchschaut. Dieses Spiel ist aus. Irene, Irene! wenn du nicht mehr bist – dann ist die Welt nicht mehr.‹

 

Die Piazza

Der Grübler solcher Fragen und sehnsüchtige Erwecker seiner geheimsten Tiefe – er wandte sich nun ab vom Fensterausblick auf das Paradies von Umbrien. Setzte den Hut auf und ergriff den Stock. Er ertrug das Zimmer nicht mehr. Drüben plätscherte Lily mit Wasser und trällerte irgendeinen Song von Love und sweet Boys. Er klopfte an: »Du, ich gehe voraus. Ich warte unten. Ich setze mich vors Portal.«

Sie rief zurück: »Du willst ja nur mit deiner Ersten . . .« Sie wollte ›flirten‹ sagen, aber sie unterdrückte immerhin das Wort, das hier nicht ganz zu passen schien. »Also ich komme nach.«

Forest klingelte nicht dem Aufzug. Er schritt die Treppen hinunter und ging durch die Hall ins Freie. Rechts und links vor dem palastartigen Portal war je eine Steinbank an die Mauer gebaut. Ein Hotelbursche, ein Kerlchen von achtzehn Jahren, mit schlauen Augen, lehnte an einem Pfeiler und steckte die eben gelesene Zeitung in die Tasche – besann sich aber, und reichte sie Forest: »Vuole?«

Nein, danke, er wolle in den schönen Abend sehen und nicht in die Zeitung. Er setzte sich auf die eine Steinbank. »Ein wunderbarer Wagen, dieser rote, der heute da drüben an den Bäumen steht«, plauderte er, und vermied die Frageform, um desto mehr zu erfahren.

»Ja eine herrliche Maschine.« Der kleine Hausdiener unterhielt sich gern. »Der junge Signore hat sich einmal einen Herrenfahrer-Preis mit ihr errungen, auf der Dauerfahrt ›Rund um Italien‹. Er fährt sehr gut.«

191 »Ist es der Sohn der Dame?«

»Nein, es ist ein junger Verwandter aus der Familie.«

»Eine reiche Familie – bei diesem Wagen?« forschte Forest.

»Ja, die Marchesa wurde sehr reich durch den Amerikaner. Sie ist hier geboren in Perugia. Sie hat Musik studiert im Ausland. Sie hieß dann später Mrs. Mill. Aber als Mr. Mill starb, bekam sie nicht das ganze Vermögen. Das wissen hier alle«, lächelte er verschmitzt, »und freuen sich darüber.«

»Warum? Aus Schadenfreude?«

»Ach nein, aber weil die Marchesa Mill so böse ist.«

»Böse?«

Der bewegliche Bursche sah sich mit einer schnellen Kopfbewegung nach Lauschern um, bevor er mit leiserer Stimme weitere Auskunft gab: »Sehen Sie nur wie sie den jungen Herrn behandelt, wie einen Angestellten, wie einen Chauffeur, wie einen Krankenwärter. Er muß Pakete tragen wie ein Facchino. Auch zu Mr. Mill soll sie nicht gut gewesen sein. Er lebte in Chicago. Aber sie reiste ihm immer weg, nach Indien und Ägypten und Deutschland. Sie hat auch Verwandte dort. Auf einmal wurde sie sehr krank. Sie war schon fast tot. Aber sie hatte Ärzte aus Rom und Berlin. Sie ist sehr vornehm und kennt viele Prinzen.«

»Wo lebt sie denn?«

»Hier im Hotel hält sie seit einem halben Jahr zwei Zimmer für sich und Herrn Ferruccio – nachdem sie ihren Peruginer Palazzo verkauft hat. Aber in acht Tagen zieht sie weg nach Assisi.«

»Nach Assisi zum heiligen Franz?«

Der Junge lachte. »Nein, in ihr eigenes Haus. Sie hat ein kleines altes Klösterchen gekauft und das läßt sie jetzt renovieren, weil es sonst zusammen gefallen wäre. Ein Architekt aus Florenz richtet es ein. Jeden Tag fährt sie im Auto hinüber. Später will sie den roten Wagen aufgeben. Er ist ihr zu teuer. In Assisi kann sie von ihrem Gelde sehr gut leben, und zur Kirche ist es auch zu Fuß nicht weit.«

»Warum zur Kirche?«

»Weil sie sehr fromm ist.«

»Fromm und böse?« fragte Forest mit einem Schmunzeln. »Ist das möglich?«

Die Antwort des Burschen fiel aus, denn eben kam Lily.

 

Sie hatte sich mit aller Kunst geschmückt. Sie trug ein seidenes Blüschen mit kleinen roten Karos; dazu den blauen Rock und eine enge, weiß-blau gestreifte Smoking-Jacke. Der Hals stieg hoch und gerade aus dem Seidenkragen. 192 Die Brauen waren nachgezogen, die Lippen hellrot aufgefrischt. Sie fühlte sich. Man sah's an ihrem Lächeln und den Seitenblicken ihrer hellblauen Email-Augen. »Da bist du ja. Es hat etwas länger gedauert. Aber der alte Stift ist mir abgebrochen und ich habe mir mit einem Ruck das ganze Kinn verschmiert, ›wie von Blut gerötet‹, weißt du am Schluß in der ›Carmen‹. Da mußte ich nochmals anfangen mit der blutigen Malerei.«

Forest hing seinen Arm in den ihren. »Und das Blutbad werde ich dir auch gleich zeigen, das die Baglionen hier angerichtet haben«, sagte er und streckte dem redelustigen Boy ein paar Zigaretten hin.

»Aber doch keine Ruinen und kaputten Säulen?« fragte sie scherzend.

»Nein, hier ist alles noch verflucht lebendig«, entgegnete er. Dann setzte er sich mit Lily in Gang. »Jetzt wirst du die Piazza sehen, auf der's jeweils auf Tod und Leben ging.«

»Das waren halt diese historischen Zeiten«, meinte Lily. »Da hat man immer gern geköpft und gehängt.«

»Die Zeiten sind immer historisch, liebe Lily – wie wir selber in unserer Umgebung ›historisch‹ festgenagelt sind. Das heißt: du, Lily, bist vielleicht eine Ausnahme. Die Lilys nämlich bleiben ewig jung und reifen nicht ins Alter und fallen zu allen schweren Zeiten aus der Zeit.«

»Das glaube ich nicht, denn ich bin zeitgemäß in allem und modern.«

»Aber du bist leicht und flüchtig wie ein Irrlicht, und wenn das Schicksal auf deine Seele Pfeile schießen will, dann können sie nicht treffen . . . Denn – wie schon von dir selbst gesagt – du hast ein Rundreisebillett und kommst immer wieder nach Berlin.«

»Komm ich auch«, lachte Lily. »Aber sieh die wunderbare Straße!«

 

Sie waren um die Ecke des Hotels den Anlagen entlang geschritten und bogen in den Corso Vanucci ein, der nach dem Familiennamen des großen Perugino heißt, des Lehrers von Raffael. Die Häuser rechts und links ließen sie gleichgültig; aber im Abschluß der leicht geschweiften Straße sah man die Kathedrale mit den schief gestellten farbigen Viereckplatten, die wie ein Netz die Seitenwand vor der Piazza überzogen. Als linke Kulisse ragte turmhoch der festungsartige Palazzo Communale auf. Sie näherten sich; der Platz ging auf vor ihnen. Selbst die so zeitgemäße Lily rief: »Zauberhaft!«

Da stand man im Viereck des Gemäuers wie in einem riesigen Burghof, beschattet von der Stirnwand des Palastes, zu dessen hochgelegtem Eingang die sich verjüngende Freitreppe empor steigt. Ein mächtiger Würfel, ein drohender Block, nur gemildert durch den gelbrötlich warmen Ton der Mauer und 193 die ins harte Steinwerk gleichsam eingefeilten dreigeteilten Fenster. »Da an den Schießscharten haben die Baglionen die Hundertunddreißig aufgehängt, die der Familie Oddi anhingen. Keiner gönnte dem andern die Macht; aber nicht nur aus Machtgier, sondern aus Angst. Denn wer die Macht besaß, der nutzte sie entsetzlich aus und kannte kein Gesetz mehr. Selbst den Dom da drüben haben sie zur Kaserne gemacht und ihre Bravi darin versammelt. Und wenn dann vom Pflaster, von den Treppen und den Häusermauern das Blut ablief und die Toten weggeschleppt waren, dann wuschen sie die Kathedralenwand mit Wein ab und lasen drei Tage lang die Messen.«

Lily sah zum Dom. Seine riesige Seitenwand begrenzt im großen Maß die Piazza gegenüber dem Palast. Eine niedere Treppe begleitet gleich einer Estrade die ganze Länge des Gotteshauses. Von einem Postament herab spendet ein bronzener Papst seinen Segen. Rechts von dem Renaissanceportal der Kirche klebt eine kleine steinerne Kanzel. »Hier hat der heilige Bernardino von Siena gepredigt: gegen den Übermut des Blutes und die Elendigkeit des sich in Todesangst verzehrenden Leibes – des Corpo miserabile! Ein unheimlicher Kuttenmann, entfleischt wie ein Gespenst. Aber er hatte den größten Zulauf in seiner Zeit.«

»Es hat aber nichts genützt«, sagte Lily mit leiserer als der gewohnten hellen Stimme. »Denn die Baglionen haben sich bei ihrem ewigen Morden wohl nicht besonders viel aus ihm gemacht.« Dann wandte sie rasch die Augen nach der Mitte des Platzes: »Aber sieh doch den herrlichen Brunnen, so einen gibt es in ganz Rom nicht.« Und sie lief hin zu dem unsagbar schönen Rundbau der Fonte maggiore, die in drei wie Terrassen übereinander ragenden Becken ihr umbrisches Wasser sprudelt. Ein Meisterwerk der überlegten Maße, ein unbegreifliches Werk der geistigen Ruhe in einer ruhelosen bösen Sturmzeit.

Auf dem vierstufigen Treppenkreis liegt das unterste Bronze-Becken mit seinen von Säulchen flankierten fünfundzwanzig Seitenflächen, deren Reliefs vom Tierkreis der Sterne, von den Monatssymbolen und von den sieben freien Künsten, von heidnischen Fabeln und biblischen Mythen erzählen. Und an den Ecken des zweiten höheren Beckens stehen die Heiligen des Christentums neben den allegorischen Weibern, die alle lateinischen Tugenden verkörpern, die das wüste Zeitalter hier wenigstens in Bronze sah. Wie ein stiller Schwan ruht das Brunnenwerk auf dem Pflaster der Piazza. Forest erklärt: »Siehst du den Schwanenhals: das dritte oberste Becken, das wie eine Blume herauswächst aus dem zweiten. Die blüht nun schon bald siebenhundert Jahre. Wahrlich, es ist eine lange lange Zeit her.«

Forests Augen schwimmen vom Trunk der Schönheit, und seine Rede tönt wie ein geheimes Raunen: »Hier am Becken hat mancher Baglione seine 194 Wunden ausgewaschen. Hier auf den schönen Stufen hat mancher noch einem schmutzigen Mönch schnell seine Morde gestanden, während ihm das Blut über die Augen lief, so daß er wie in einer roten Wolke das Kruzifix zum letzten Male sah. Hierher auf die Piazza rief die wundertätige Nonne Suor Colomba dem Guido und Ridolfo die Drohung des Himmels entgegen; predigte eifrig und vergeblich den Frieden unter die Blutigen. Hier sprengte der achtzehnjährige Simonetto Baglione mit einer kleinen Schar gegen Hunderte der Gegner. Was die wagten! Fürs Leben immer gleich den Tod. Er stürzt mit zwanzig Wunden. Aber sein Bruder Astorre eilt ihm zu Hilfe; in goldener Rüstung, hoch zu Roß, den Falken auf dem Helm – wie der himmlische Reiter in Raffaels Heliodorbild, dort im Vatikan.«

Lily erinnert sich. Die Szene spielt vor ihr und erfüllt sie. Sie hört Forest zu wie im Theater. Sie sitzen auf dem Brunnenrand, und sie hält ihren Arm in seinem. Sie mag ihn jetzt schon sehr gut leiden, wie er da erzählt. Ganz kindlich fragt sie: »Aber wie kommen diese wilden Kerle denn zu so schönen und klugen Dingen, wie sie da auf dem Brunnen alle abgebildet sind? – diese Heiligen, diese Weisheit, diese Gerechtigkeit, die Keuschheit und solche geistigen Sachen. So wie die waren, die Baglioni, da hätten sie doch zu Götzenbilder beten müssen.« Sie wickelt sich fröstelnd in ein Seidentuch. Denn der umbrische Bergwind wird frisch am Abend.

»Weiß Gott, die Heiligen waren eben ihre Götzenbilder. Die irdischen Götter waren sie ja selber. Sie hatten den völlig ungebrochenen Willen zur Macht. Und waren doch mehr als Raubtiere. So wie sie mordeten, so zeugten sie Leben. So wie sie Mut hatten in der Welt, so hatten sie Angst vor der Hölle. Denn die wußten ganz genau wie die Hölle aussah; und wie man quälen und foltern kann, hatten sie selbst gelernt. Sie waren rechte Teufel. Aber aus grauenhafter Angst vor der Ewigkeit brauchten sie auch die Engel im Himmel und die Heiligen auf der Erde. In ihren Sünden riefen sie nach Reinheit. Errichteten nach dem Blutbad hier auf der Piazza zu Dutzenden Altäre, um noch in blutbefleckten Kleidern die himmlischen Dämonen zu versöhnen. Bauten mit ihrem mörderischen Geld die frommen Kirchen. Hier in dem kleinen Perugia standen den reuigen Briganten weit über dreißig Klöster offen. Sie hatten mehr Angst vor dem Tode als wir. Aber wir Heutigen haben mehr Angst vor dem Leben . . .« Forest hält ein, atmet tief, und wiederholt: »Ja, vor dem Leben . . . ohne Himmel.«

Dann dämpft seine Rede sich zum Flüstern: »Ihre Angst betete nach oben. Da drüben in Assisi, wo das Gewitter über dem Berg stand, von da her wirkte das Gegenspiel aus der andern Welt. Mit nackten Füßen und im schlechtesten 195 Tuch der Kutte zeigten die Jünger des heiligen Franz die Verachtung allen Besitzes, weil er nach Raub und Blut roch. Und wer da glaubt, daß dieses Beispiel der bettelarmen Mönche nichts wirkte bei den Unholden, der vergißt die gewaltige Angst ihrer Seele. Denn so unglaublich es erscheinen mag – es ist doch so: diese Teufel hatten mehr Seele als wir.«

»Mehr Seele als wir?« wiederholt Lilys Mund, fragend und zweifelnd.

Forest hört sie nicht. »Als die Baglioni die Hochzeitsnacht des Astorre mit Lavinia Colonna in eine gräßliche Mordnacht verwandelten – Baglione gegen Baglione! – da erschraken sie nach dem Blutfest vor sich selber. Und die Männer konnten dann im Anblick der auf der Piazza reihenweise ausgestreckten Leiber ebenso blutige Tränen heulen, wie sie blutige Wunden ausfließen ließen. Ihre Seelen wurden da so groß im Leid wie ihre Sünden. Und als des ermordeten Grifone schöne Mutter, Atalante, herbeigerufen wurde zu ihrem an vielen Wunden sterbenden Sohn, den der Vetter Gianpaolo erschlagen hatte – da fürchteten sich alle auf der Piazza vor dem Blick der langsam Heranschreitenden und schauderten vor ihrem Fluch. Aber da geschah das Unbegreifliche: daß diese Mutter, die Bestien in Menschgestalt geboren hatte, sich zu dem verwehenden Grifone niederbeugte und ihn beschwor: den Mördern zu verzeihen . . . Ja, das war das Heilige, das von den Bildern und aus den Kirchen zu ihnen drang. Die Seelen hatten Angst vor der Hölle und einem göttlichen Gericht.

Wir Heutigen haben nur Angst vor der Polizei und dem Zuchthaus. Wir haben sogar Angst vor der wirklichen Tat. Es wird heute wenig gemordet gegenüber den Zeiten der Baglionen. Es wird mehr geschoben, gedreht, verleumdet, gelogen und gestohlen. Aber mit voller Verantwortung des bösen Willens zu rauben, zu schänden und zu töten – das können unsere Seelen nicht. Denn die Seele, die haben wir dressiert und eingesperrt – und viel zu viel versichert. Wir sündigen fast nur mit dem Verstand. Jene aber, Ungetüme im Heiligen und im Gemeinen – sie sündigten aus dem Blute, aus dem Geblüt, aus der Wut des Herzens, aus der Not der furchtbaren, steten, unablässigen Nähe des Todes – gegen den es keine Sicherung gibt als die Versicherung des Himmels.«

Er schwieg. Und sie schwieg auch, und hielt ihn fester. Denn sie liebte ihn in diesem Augenblick. So glaubte sie. Aber sein Arm gab keinen Gegendruck. Er spürte sie nicht.

 

Der Platz sah aus wie ein Kerker. Es dunkelte in diesem Mauerviereck früher als draußen in der Landschaft. Ein rötlicher Abendschein färbte das Oberste der Steinwände. Der schöne Brunnen mit seinen Tugenden sprach 196 Hohn den roten Greueln. Lily war benommen; mehr von den Bildern als von ihrem Sinn. Ihre Seele wachte ja nicht. Ihr Leben spielte Leben. Kein eigenes Schicksal kam noch an ihr Herz. Sie hatte einen Geliebten im Gefängnis; er saß wegen Betrugs. Sie glaubte auch ihn zu lieben, aber sie vergaß ihn tagelang. Jetzt aber dachte sie an ihn. Er war kein Baglione; er war ein Schieber. Hier war Größeres. Sie fühlte es. Oh, sie spürte auch Forests menschliches Fernsein von ihr. Wo war er jetzt? Sie witterte eine seelische, eine ungreifbare, eine unsichtbare Macht. Eifersucht kam über sie.

»Hat sie denn alles das verstanden?«

Forest wußte sofort, wen sie beschwor. »Ja, sie hat verstanden, und hat's gelitten. Sie wußte, daß uns die Kraft fehlt. Daß wir Heutigen die Seele sehr zart behüten müssen, weil sie eben keine Kraft und keinen Gott mehr hat – weder zum großen Frevel, noch zur großen Liebe.«

Lily spottete nicht. Bei Gott – sie, Lily, war nachdenklich geworden. Nach langem Schweigen fragte sie scheu: »Habt ihr auch hier am Brunnen gesessen, damals, du und Irene?«

»Nein, wir saßen auf der Kirchentreppe vor dem Papste dort. Siehst du links vom Portal, wie er da thront, Julius III., wie er die bronzene Hand zum Segen ausstreckt. Da saßen wir auf den Stufen unter der Segenshand und erlebten noch einmal eine Trauung vom Heiligen Vater persönlich. Hier saßen wir wie Neuvermählte, verliebt und warm im Blut, und küßten uns – wie nie wieder.«

»Wir wollen uns auch dorthin setzen, Walter«, flüsterte Lily, so heimlich, als ob es die andere nicht hören dürfte. Und sie will Forest mit einem Ruck am Arm zum Aufstehen zwingen.

»Wohin?« fragte er laut und hart.

»Dort unter den Papst!« sagte Lily mit einem verkniffenen Mund, der wohl wußte, daß er gerade das nicht wünschen durfte.

»O nein, mein süßes Girl«, lachte er sie sarkastisch an, »nicht unter den Segen. Der wirkt nicht auf uns.« Forest sprach ablehnend, wurde aber wieder freundlich im Ton: »Schau dort drüben an der Ecke den Laden; dort haben wir am nächsten Tag noch einen Hut für mich gekauft, einen breiten Borsalino . . . weiß Gott, ich habe ihn noch; ich konnte ihn nie wegwerfen oder verschenken.«

Aber Lily, in ihrem Neid auf jene andere Seele, ging auf die Ablenkung nicht ein. »Warum sollen wir nicht auch uns beide segnen lassen? Man muß eine Photo von uns knipsen als Paar unter dem Papst? . . . Nur zum Spaß . . .«

»Zum Spaß? . . . Dazu sind wir heute zu nachdenklich.« Forest lenkte ab von dem ihn peinigenden Thema. »Mit Päpsten ist nicht zu spassen, Lily. Hier in Perugia jedenfalls nicht. Hier sind sie besonders schlechter Laune. Sie sterben 197 hier zu schnell. Der Tod ist tapfer und schnell in Perugia und fürchtet die heiligsten Herren nicht.« Lily sieht vor sich hin zu Boden; sie will nicht mehr von Tod und Grab und von Ruinen hören. Er spürt's; und wie zum Trotz erzählt er weiter: »Da hinter uns im Dom liegen allein drei Päpste zusammen in ein und demselben Marmorsarkophag: ein Urban, ein Martinus und ein Innocenz. Der Martin hat zu viele Aale aus dem trasimenischen See verschlungen, und zwar am heiligen Fasttag; daran ist er gestorben. Die Knochen vom Innocenz hat man inzwischen herausgenommen und nach Rom gebracht. Es kommt offenbar doch darauf an, wohin man wandert nach dem Tode. Mit den Knochen jedenfalls . . .« Mit einem zynisch kichernden Lachen beendet Forest seine Erklärung.

Lily steht auf. Sie ist verstimmt. »Ich friere auf den kalten Steinen . . . Wir wollen gehen.« Noch einmal sieht sie zum Papst hinüber und zur Regentenburg der weltlichen Herren Perugias, dieser Baglione, Bracceschi, Donini, Penna, Conestabili und Cenci, deren Privatpaläste ja wohl in dauerhaftem Stein immer noch standen, aber deren starke, schöne Körper längst vermodert waren . . . Moderne Menschen liefen jetzt in Perugia herum. Die bisher stille Piazza wurde lebendig. Leute schwatzten in Gruppen. Der Huthändler an der Ecke zog den Laden herunter. Junge Offiziere liefen Arm in Arm. Ganze Trupps von Familien mit vielen Kindern kamen vom Corso Vanucci, machten die Runde um die Fonte Maggiore und verschwanden in irgend einem Seitengäßchen. Der Lärm nahm zu. Perugia feierte den Abend.

 

Forest schritt mit Lily die steile Via vecchia zum Augustusbogen hinunter: uraltes hochgetürmtes Etrusker-Steinwerk, viel düsterer und menschenferner als selbst die harten Paläste der Mittelalterlichen. Dann suchte man sich durch ein backsteinernes Gewirr von steigenden und fallenden Gassen, über schmale Treppen und durch mächtige Tore nach der westlichen Stadtmauer hin, die hoch über dem Abhang die Burgstadt umzog und krönte. Ein gigantisches Gemäuer. Seit dreitausend Jahren standen die Fundamente wie ein Felsenberg. In stumpfen Dreiecken schoben sich die einzelnen Bastionen mit den Ecktürmen vor.

In glasiger Klarheit lag die Landschaft unter ihnen mit Fluß und Baum und Berg – und dort der Lago Trasimeno. Noch brannten keine Lichter in den Dörfern. Nur am Bahnhof flimmerte es wie von Leuchttieren in grünen und roten Signalen. Ein Zug sauste daher von Süden. Der fuhr schon nach Norden – fuhr in der Richtung Deutschland, wo man bald wieder ganz alltäglich leben, arbeiten, essen und schlafen würde. Wo man sich plagt mit dem 198 allernächsten Ziel, und keine Zeit hat, fortwährend an den Sinn des Lebens oder gar des Todes zu denken – an den Tod als Steigerung der Lebenswerte, als Kontrast der Nacht zum schönen Licht . . . Herrlich wie der Tag dort drüben über den Höhen von Montepulciano noch gelb und golden ist; und da hinten sind die Berge von Assisi schon fast schwarz geworden aus ihrem tiefen frommen Blau.

Das Paar stand auf einer der südwestlich vorspringenden Mauerzinnen, einer Ausbuchtung des Festungsrings, nahe der Porta del Castellano. Über eine tief eingeschnittene Schlucht hinweg sah man von hier aus zu einer zweiten hohen Bastion hinüber, die wie eine Sternzacke weit hinausragte und ihren dunkeln Umriß scharf von dem letzten Tagesstreifen am Horizont abhob: ein herrischer Thron und Turm über der Tiefe.

Forest und Lily lehnten sich auf die steinerne Brüstung und blickten schweigend in der Richtung jener finsteren Bastion. Gelegentlich warf Lily Steinchen in den Abgrund; aber sie dachte weniger an dieses Spiel als an ihr Herz. Sie fühlte sich vor Forest gleichgültig.

»Warum hast du mich eigentlich mitgenommen?«

»Ich wollte nicht allein sein.«

»Da hättest du dir ja deinen Kollegen Roby mitnehmen können, mit dem du immer Schach spielst und stundenlang Zahlen zusammenzählst.«

»Gerade darum habe ich ihn nicht gebeten. Und übrigens ist Roby keine Frau.«

»Aber du liebst mich nicht im geringsten, das merke ich aus jedem Wort. Du bist ja auch nicht mehr eifersüchtig.«

»Na, in Palermo, bei den Offizieren im Bristol, als du mit dem Marinehelden auf einmal weg warst – weißt du noch? eine Stunde lang im Park verschwunden warst?«

»Das ist schon lange her.«

»Fünf Tage.«

»Und wenn ich mich jetzt in den jungen Kerl im roten Lancia verliebe?«

»Ich sagte dir ja schon: vielleicht eine Partie.«

»Aber wenn die Alte nicht will? Die ist natürlich eifersüchtig auf jede Junge.«

»Ja, da kann ich nicht raten. Wenn du eine Baglione wärst, dann brächtest du sie eben um . . . Aber du bist eben eine Lily Schulz – und hast ein Rundreisebillett zur Rückfahrt nach Berlin.«

»Du bist so spöttisch.«

»Und du siehst nichts.« Forest wies zur Bastion hinüber. »Da läuft dein Bräutigam.«

199 Wirklich sah man den jungen Herrn Ferruccio mit der weißen Mütze gegen die äußerste Brüstung schlendern. Und aus den Bäumen der dahinter liegenden Anlage folgte auch schon die Marchesa. Man sah die beiden nur als schwarze Silhouetten vor dem Horizont. Ein widriger Wind hatte sich plötzlich erhoben, lautlos und scheinbar ohne Richtung, wie von oben. Die Bäume nickten traurig mit den Kronen.

Forest starrte wie im Traum: Irene, ganz wie der Schatten von Irene. Nein, die Gestalt bewegt sich jetzt, verändert sich, verschiebt sich ins Bizarre. Nein, es ist nicht Irene. Selbst das Leibliche verlor die ferne Erinnerung; wurde alt, lemurenhaft, und starb aus dem Gedächtnis. Denn die Marchesa hatte ihre große Haltung nicht mehr wie noch vor einer Stunde, als sie mit Ferruccio zur Stadt geschritten war, befehlerisch wie eine Fürstin. Denn sie ging jetzt am Krückstock und der Rücken war etwas gebeugt – oh corpo miserabile. Der plötzliche Wind hatte ihr offenbar den Schleier gelöst, so daß er wirr nach hinten flatterte. Es war zu dunkel und zu weit, um ein Gesicht genau zu sehen. Aber der Kopf, so wie man ihn für einen Augenblick als schwarze Kugel sah, schien eigentümlich klein, und streckte sich auf dem vorgeneigten Hals krampfartig vor. Jetzt raffte die Marchesa hastig den Schleier wieder um ihr Haupt. Mit heftigen Bewegungen der Arme, die eine von Forests Punkt aus unhörbare Rede begleiteten, bedrängte sie den Jungen. Der stand respektlos mit einer Hand in der Tasche da und hörte sie nur von der Seite an.

Hier war Unfrieden, hier war Trotz, hier war Krieg. Die Marchesa fuchtelte mit der Krücke bald rückwärts nach der Stadt, bald südlich nach der Dämmerung von Assisi. Sie packte gewaltsam Ferruccios Schulter und suchte ihm mit ausgestrecktem Stock etwas zu zeigen, was er nicht sehen wollte. Da hob sie mit dem langen mageren Arm die Krücke hoch, wie eine Drohung, daß sie schlagen würde. Er riß sich unwillig los von ihrem Arm, und schritt langsam zurück von der Brüstungsmauer nach der Anlage. Da schrie die Marchesa seinen Namen so laut, daß ihn Forest und Lily auf ihrer Zinne deutlich hörten. Die Alte eilte zur Brüstung zurück; suchte den einen Fuß auf die Mauer zu setzen. Ihr Rock flatterte. Der rasche Wind verstärkte sich. Wieder löste sich der dunkle Schleier in der Hast ihrer Bewegung. Wollte sie sich hinunterstürzen? Der Abgrund drohte in schwarz violetten Schatten . . . Sie starrte hinab . . . Sie wankte zurück. Verharrte in geduckter Haltung.

Ein Grauen ging von dieser Spinne aus. Sie fluchte mit erhobenem Kopf nach oben zum Himmel. Ein Böses tobte aus ihr. Ichsucht und Habsucht war jede Geste. Den Schleier festigte sie wieder und verhüllte sich. Noch einmal reckte sie sich auf in ihre gebietende Haltung, sank aber gleich in ihre Schwäche 200 zurück. Gierig spähte der Kopf noch seitwärts in die Landschaft, als sie sich schon zur Stadtmauer wandte, schwer sich mit krummem Leib auf ihre Krücke stützend. Sie verschwand in den Bäumen der Anlage . . .

Jetzt legte sich der Wind. Die Landschaft grünte auf – noch einmal lebte sie auf im letzten Tagesschimmer, als die Marchesa sie nicht mehr segnete, nicht mehr verfluchte.

 
Das Gespenst

Es war nach acht. Es wurde dunkel. Sie kamen ins Hotel. Der Geschäftsführer wies mit dienernder Hand zum Speisesaal . . . Da stutzte Forest. Man hörte plötzlich kräftig und schneidend die Quintenstriche einer Geige. Von oben kam's aus einem der Zimmer. Es waren die unverkennbaren Doppeltöne, mit denen die Stimmung des Instruments zu Anfang jeden Spieles geprüft wird. Auch der Tod in der Danse macabre stimmt genau so. Eine brutale Hand mochte diese reißenden Töne aus den Saiten kratzen: G–D–A–E.

Forest hob den Kopf und lauschte. Der Hotelherr erklärt mit Bedeutung: »Es ist die Marchesa, ein Gast von uns. Sie ist eine Künstlerin.«

Lily fragte hastig: »Die alte Dame mit dem Schleier?«

Der Geschäftsführer nickte: »Ja gewiß, die Marchesa Mill.« Und er fügte als Höflichkeit für die deutschen Gäste hinzu: »Sie hat in Deutschland Musik studiert.«

»Eine Marchesa? Das ist doch eine Marquise?« flüsterte Lily. Walter hatte ihr nichts über seine Erkundigungen gesagt. Droben fing ein teuflisches Üben an von Gängen über alle vier Saiten. Es raste auf und ab. Forest stand unbeweglich. Auch Lily horchte so angespannt, daß ihr Mund sich öffnete.

Die Läufe begannen jeweils in dicken Kantilenen von drei oder vier Tönen celloartig auf der G-Saite und schnellten dann schlangenhaft auf bis zu den gläsernen Vögeln des Flageoletts. Schließlich beruhigen sich die Gänge in der sangbaren Mitte eines Alt-Umfangs. Die Raserei des Tempos nimmt ab, wütet sich aus, findet sich aus dem Gewirr der Zweiunddreißigstel-Figuren zu 201 Achteln – nun zu ruhigen Vierteln. Aus dem Furioso wird ein Largo, bald Bachscher Prägung, bald altitalienischer Form. Doppelgriffe singen zweistimmig, dreistimmig; es wird religioso im Ton; einige Vorschläge sind die einzige weltliche Entzückung vor den Hauptnoten der breitfließenden Melodie. Noch einmal verwirrt sich das Melos und wirft sich auf in einer freien Kadenz gegen die schwer gewonnene Ruhe der Grundstimme. Dann ermüdet der Lauf; ergießt sich in eine Coda, um abzuschließen. Aber noch wird dem Drängen zur Tonica nicht nachgegeben. Ein harter Triller hält sich aufreizend lange drei, vier Takte über wechselnden Unterstimmen . . . dauert weiter . . . verstärkt sich durch einen zweiten Triller . . . Dann ein böser plötzlicher Abriß aller Spannung. Die Quinten der Grundstimmung zerstören wieder mit grausamen Strichen die Musik . . . Man hört ein lautes grollendes Schelten . . . Dann ist es still.

Dieses ganze Konzert ging keine drei Minuten. Auch andere Gäste waren im Vorraum stehen geblieben. Der dicke Hauptportier rühmte: »Ja, hätte die Frau Marchesa nicht geheiratet, bevor sie das Konservatorium verließ, so wäre ihr Name in allen Städten der Welt berühmt geworden. Sie sagt es selber.«

»Wie ist doch ihr Name?« fragte Forest.

»Mrs. Mill«, sagte der Hoteldirektor. »Aber Mill, das ist ja nur der Name ihres Gatten. Für uns Peruginer bleibt sie die Marchesa – die Marchesa di Penna – Cosima di Penna. Eine alte, sehr alte Familie von hier . . . ganz ferne sogar verwandt mit den Baglioni.«

»Mit den Baglioni? Ist das möglich?« rief Lily.

»Nur von der Frauenseite her. Aber die Frau Marchesa ist sehr stolz auf diese Erinnerung in ihrem Blute. Doch die Zeiten der Baglioni«, der Hoteldirektor lächelte diskret, »das ist vorbei, gottlob schon lange vorbei.«

Forest dankte für die Erklärung und ging mit Lily zum Speisesaal. »Eine Marchesa?« wiederholte sie. »Eigentlich sieht man ihr's an. Aber wie kommt die zum Geigenspielen?«

Er erklärte es so: daß die Töchter verarmter Adelsfamilien, falls sie sich nicht schon früh eine gute Partie erheirateten, am ehesten einen sogenannten ›schönen‹ Beruf erwählten, und dann eben malten oder Musik machten. Immerhin sei es in Italien selten. Und hier bei der Marchesa scheine der Sonderfall eines einzigartigen Talentes vorzuliegen, das nicht nur aus praktischer Nötigung zum Geigenspielen kam. »Hast du denn auch gehört, wie sie die Teufel durch die Kirche heulen ließ?«

»Ja«, nickte Lily versonnen. »Sie spielt genau so, wie sie aussieht; bald fein wie eine Königin und bald wie eine Hexe. Es ist zum Fürchten, wie sie spielt. Der arme Ferruccio . . .«

202 Jetzt sah sie sich von ihrem Tischchen aus die Gäste an: schematische Statisten eines Speisesaals, die das blonde Mädchen anglotzten. Lily aber hielt die Türe im Auge: ob der junge Mann und seine Tyrannin zur Abendtafel erschienen. Aber sie kamen nicht. Als alte Hausgäste ließen sie sich wohl im Zimmer bedienen. Lily und Forest vermieden in seltsamer Verhaltenheit des weitern von der Marchesa oder der Szene auf der Bastion zu reden. Die Worte faßten hier ja keinen Sinn. Man aß jenes charakterlose Hotelessen, mit dem so viele gute italienische Köche ihre rezenten Nationalspeisen so lange mildern und entwürzen, bis sie genügend à la Paris und Mitteleuropa verfeinert scheinen. So speiste man weder italienisch noch französisch. Nur der Vino santo, der heilige goldene Wein von Orvieto, blieb rein und gut, und nebelte den Kopf ein wenig ein, so daß Gefühl ins Denken kam. Während des Nachtischs überflog Forest eine italienische Abendzeitung und Lily blätterte im Baedeker. Sie las keinen Text; aber sie sah sich gern die Stadtpläne an, und träumte Häuser und Menschen hinein. Die Gäste verließen nach und nach den Raum. Ein affenhaft geputztes Kind mit drei blauen Schleifen im Haar brüllte fürchterlich und wurde von seinen um so stolzeren Eltern schließlich abgeführt.

»Wir nehmen den Kaffee an den kleinen Blechtischchen, da bei den Steinbänken am Portal«, sagte Forest, indem er sich erhob.

»Nicht in der . . .« fragte Lily entsetzt.

»Ach so, die Bar . . .«, unterbrach er sie humorig, »wo ist sie nur?« Lily zeigte in der Hall auf ein erleuchtetes Schild, das die Hotelgäste zum Hintereingang der Bar hinwies. Forest nickte. »Aber vorher etwas Luft. Du kannst ja nachher hin.«

Wie sie sich dann zum Hotelausgang begaben – da schrillten von oben die bösen Quinten wieder und die Läufe begannen von neuem. Sie wandten sich unwillkürlich – und sahen den jungen Ferruccio mit rotem Gesicht und offenbar in stummer Wut die Hoteltreppe heruntereilen, und ohne sich umzublicken, unempfänglich für jede Umgebung, mit raschem Schritt im Hintereingang der Bar verschwinden. Die Türe ließ er offen. In diesem Augenblick setzte die Jazz-Kapelle ein und überklang die Teufelsstriche der Marchesa. Da kam Lily wieder zu sich. Ihre Augen starrten immer noch auf die Tür der Bar. »Da ist etwas los mit den beiden. Aber nicht nur so ein Krach; da ist etwas Besonderes. Heute abend auf der Mauer – das war schon Film.«

»Wohl möglich«, bestätigte Forest. »Der Junge sieht offen und gutartig aus, und wagt kaum einen Krawall, wenn's nicht aufs Ganze geht.«

»Du, Walterchen, ich tanze mit ihm und frage ihn aus. Dann wissen wir noch mehr vom Film. Dich interessiert's doch auch?«

203 »Auf meine Weise schon. Obgleich . . .« Er unterbrach sich. »Jetzt aber Kaffee!« Und er bestellte durch den jungen geschwätzigen Burschen, der schon wieder an der Portalecke lehnte.

Sie saßen an der Hotelwand und schauten über die Anlage und die Balustrade weg auf die Lichter von Assisi. Sterne, unendlich viele Sterne flimmerten über den Bäumen. Forest blickte ruhig und versonnen. Lily hörte nervös nach der Tanzmusik, soweit sie nicht vom Lärm der Omnibusse, der Autos und der lauten Menschen verschluckt wurde. Denn das südliche Blut schreit mit dem Munde so laut wie möglich über die tiefe Melancholie der Augen hinweg. Im Körper sitzt die Seele oft ohne Glück.

 

In diesem Augenblick erschien ein Riese. Lily tippte Walter erschrocken am Arm. An den Nebentisch setzte sich soeben ein hellgrau gewandeter Herr; ein sonderbarer und trotz seiner Abgewandtheit und Stille auffallender Mensch. Sein Alter war schwer bestimmbar zwischen fünfunddreißig und sechzig. Denn auf einem überlangen Körper, der über zwei Meter maß und sich bei aller Magerkeit des Leibes und der Beine am Brustkorb und am Rücken unnatürlich verdickte, saß ein sehr kleiner Kopf mit embryonenhaften Zügen. Nur die knochige Nase gab dem Gesicht den Ausdruck eines Erwachsenen. Trotz der Zeichen des Alters – der vielen Fältchen um die Augen und des gelichteten dünnflaumigen Haares – schien auf den blutlosen Wangen und dem winzigen Kinn niemals ein Barthaar gewachsen zu sein. Die Augen unter den rot entzündeten Lidern sahen gelblich-grau und fast verschwimmend aus dem müden Gesicht des unheimlichen Menschen. Aber sein Ausdruck war gutartig und weckte eher Bedauern als Abscheu. Er hatte ein dickes Buch mit fest gebundetem Lederrücken auf den Tisch gelegt. Als der Kellner kam, zog er einen kleinen Dictionnaire aus einer seiner weiten Taschen, suchte eine Vokabel, und bestellte mit einer überhohen und belegten Stimme: ›latte‹. Und als man ihm die Milch in einem hohen Glase brachte, formte er wieder mit Hilfe des Wörterbuchs mühevoll einen italienischen Satz, mittels dessen er den Fahrplan verlangte. In der Folge beschäftigte er sich mit großer Emsigkeit damit, die ihm wichtigen und offenbar sehr zahlreichen Zugverbindungen nach Abfahrten und Ankünften in ein winziges Notizheft mit einem goldenen Crayon einzutragen. Ein grauer Sonnenschirm, wie ihn Botaniker gebrauchen, lehnte am Nebenstuhl.

Erstaunt und halb beängstigt flüstert Lily: »Du, sieh mal den an. Das ist ein Riese für Entrée. Aber er sieht ganz zahm aus und tut uns hoffentlich nichts mit dem Schirm . . . Sieh mal die toten Augen.«

204 Forest blickte prüfend nach dem Riesen hin: »Der Mann ist krank, wohl von Geburt an; ein Degenerations-Produkt von alten Eltern und noch ältern Ureltern, die verspätete Kinder zeugen. Ich sah einmal in Hamburg einen sehr weisen und sehr müden Schimpansen, der dann an Schwermut starb. Daran erinnert mich der arme Mensch. Sehr glücklich scheint er nicht zu sein . . . Mit Schimpansen habe ich immer Mitleid. Es kommt mir vor, als wären sie vom Schöpfer zum Menschen bestimmt gewesen, aber im letzten Augenblick vor der Vollendung hätte die werdende Seele Nein gesagt, aus Angst und Feigheit vor allem bewußten Tun und der furchtbaren Selbständigkeit des Menschen, dem Gott heute nicht mehr hilft.«

»Aber den Tieren hilft er wohl?«

»Sicher hilft er den Tieren; denn die denken ja nicht aus sich heraus – wie wir es tun.«

»Aber sterben müssen sie doch!«

»Aber sie wissen's nicht und leben immer im Paradies. Doch der da drüben, der weiß es offenbar sehr gut. Er erhielt einen Körper, der gegen seinen Willen aufschoß und nicht leben will; und eine Seele, die nicht im Frieden sterben kann.«

»Woher weißt du denn das vom bloßen Sehen?«

Ohne sie anzublicken, sprach Forest vor sich hin: »Das Sichtbare ist ja nur ein Zeichen für das unsichtbare Ganze. Gelegentlich kann man die Zeichen deutlich lesen.« Dann sah er seitlich nach ihr hin. »Du weißt ja auch vom bloßen Sehen, daß dein Ferruccio mit seiner Marchesa einen schweren Film zu drehen hat . . .«

Er schloß die Augen. »Und mich selber blufft ja die Marchesa auch mit unsichtbaren Dingen . . . Das liegt so in der Luft und man denkt durch die Nase.«

Lily zupfte ihren Seidenkragen zurecht. »Ach der Ferruccio tut mir leid. Wir gehen jetzt in die Bar und sehen nach ihm.«

»Geh vorerst nur allein. Ich bin noch nicht empfänglich für die Jazzmusik.«

Lily stand eilig auf und schritt zum Straßeneingang der Bar. Im Vorbeigehen stieß sie versehentlich an den Stuhl, an dem der Schirm des grauen Mannes lehnte. Ohne daß Lily es beachtete, fiel der Schirm zu Boden. Forest bückte sich sofort danach und reichte ihn mit einer Entschuldigung dem langen Herrn. Der blickte überrascht von seinem Fahrplan auf, schob die Lesebrille auf die winzige Stirn und schaute Forest mit einem fragenden Lächeln ins Gesicht. Er hatte von dem Fall des Schirmes nichts bemerkt und begriff in tiefer Zerstreutheit erst nach und nach den Sinn der Anrede.

205 »Ach so«, erwiderte er endlich in einem rauhen Deutsch, » . . . ja, es war nur der Schirm . . . Ich danke Ihnen . . . sehr freundlich von Ihnen. Es fällt hier auf; man ist nicht sehr höflich zu mir in diesem Lande; da ist man dankbar für eine Höflichkeit.« Er hustete nach jedem halben Satz.

»Sie sind aber der erste, der hier die Gentilezza vermißt«, wandte Forest scherzhaft ein.

»Ja, die Gentilezza, sehr geehrter Herr . . .« Der Graue holte einen tiefen Atemzug aus seiner rasselnden Brust. »Sehen Sie, wir Holländer sind auch nicht höflich mit jedem Hergelaufenen, aber wir sind dafür solid. Doch die Gentilezza dieser Italiener, die steht nur im ›Cortegiano‹, ihrem Anstandsbuch vor vierhundert Jahren. Da waren sie noch echt; und sie führten sich innerlich so schlecht auf, daß sie äußerlich nicht fein genug tun konnten, um sich ins Gleichgewicht zu bringen. Da wußten sie genau, wie man die Knöpfe auf die Jacke setzt und ob es feiner sei, einem das Stilett zwischen dem zweiten und dritten oder zwischen dem fünften und sechsten Knopf in den Bauch zu stechen. Das ist die höchste Vernunft und Sachlichkeit bei diesen Bestien von dazumal. Ich lese es im Macchiavelli, im Castiglione, im Giucciardin, im Burckhardt und im Taine. Da steht sie, die Italia grandissima, so wie ich sie liebe. Aber mit denen von heute – mit denen komme ich nicht zurecht.«

»Und das neue Italien Mussolinis?«

»Das geht mich nichts an. Aber rein gar nichts! Das ist spröde Gegenwart. Mich interessiert nur der Mensch, nicht das System. Das ist politisch, aber nicht geschichtlich. Das fließt, das steht noch nicht. Das ist für die Zeitung, nicht für das Werk.« Und er schlug mit der Hand auf das dicke Buch auf dem Tische. »Ich will Giganten sehen, den Cäsar und den Borgia; nicht Mitbürger und Zeitgenossen. Heute weiß ich: nur in der Starre seiner Unsterblichkeit erscheint der Mensch. Ich habe mich mein Leben lang auf diese Reise gefreut. Ich habe Bibliotheken dafür durchgelesen, zu Hause, allein unter der Lampe.« Er sprach unendlich traurig. »Man hat ja nicht viel Verkehr; man hat ja abends Zeit. Man liest sich sein Leben so zusammen. Dafür weiß ich alles, vom Kaisergrab in Palermo bis zur eisernen Krone in Monza. Ich kann hier Fremdenführer werden für Fortgeschrittene. Aber es ist alles zu hart, zu hell, zu wirklich. Es lebt so infam. Ich halte diese grelle Schönheit so wenig aus wie den Dreck auf den Parkbänken; wo sie ihre Exkremente harmlos hinsetzen . . . Ich fahre wieder zurück.« Er hustete kläglich.

»Sie vertragen den Staub wohl nicht.«

»Ich vertrage überhaupt nichts. Mein Geist verbietet mir das Leibliche. Ich bin ein Riese der Schwäche. Im Norden ist es mir zu kalt für meine Lunge. 206 Und im Süden ist es mir zu trocken für meine Nieren. Ich vertrage nur, was ich lese – das was ich nicht erlebe. Zum Erleben fehlt mir die Gesundheit, verehrter Herr in besten Jahren. Das sehen Sie mir doch an, nicht wahr? . . . Hier blicken alle auf mich, als wäre ich der Teufel und schlagen gleich ein Kreuz . . . Die Alten, die Baglione e tutti quanti, die hätten mich wenigstens sofort totgeschlagen . . . Aber heute schlagen sie nur ein Kreuz!«

Forest war tief verlegen. Der Mann da sprach sich von einer Bedrückung los, als hätte er wochenlang nicht geredet. »Ein Kreuz? . . . Das ist doch wohl nur bildlich zu verstehen?«

»O nein, mein Herr die abergläubische Bande hat Angst vor mir, der keiner Fliege etwas tut. Aber«, er senkte die heisere Stimme bis fast ins Unhörbare: »Ich habe . . . wenn Sie nicht abergläubisch sind, Verehrtester, so sag ich's Ihnen gern . . . ich habe offenbar den ›bösen Blick‹.« Er sah mit bitterem Triumph seiner Erkenntnis von unten her auf Forest.

Der suchte nun in den gelbgrauen Pupillen zwischen den rot entzündeten Lidern etwas Stechendes, etwas Befehlendes, etwas Dämonisches. Aber er fand nichts als zwei todmüde Augen von seltsam unbestimmtem, richtungslosem, nichtigem Blick. War es das unbegreifliche Nicht-Sehen-Wollen dieser sterbenden Augen, was dem sinnlichen Volk hier furchtbar schien – weil dieser Blick die Körper übersah, oder womöglich durch die Körper hindurchging und als unsichtbarer Strahl das Herz tötete?

»Sie – und den bösen Blick? Unmöglich.«

»Ein Pfarrer hat's mir gesagt in Parma«, erzählte der Fremde eifrig. »Der Küster von San Geronimo weigerte sich, mir die Krypta zu zeigen. Der Pfarrer kam dazu und erklärte mir mit höflichen und scheuen Worten: es sei halt leider Aberglaube – heidnische Erinnerung aus dem Altertum. Dabei sah er selber schief an mir vorbei . . . Sehen Sie den kleinen Kellner da am Türpfosten. Wenn ich ihn rufe, er soll mir das Milchglas wegnehmen, dann erschrickt er. Passen Sie auf.« Und unter einem ruckartigen Winken seiner Knochenhand krächzte er: »Piccolo«.

Der Kleine erschrak, wischte sich mit der Serviette am Gesicht herum, als sei ihm etwas ins Auge gekommen und nahm mit abgewandtem Kopf das Tablett weg.

»Zahlen!« rief der Lange. Der Hauptkellner kam, sah starr auf den Tisch, auf dem er die Münzen herausgab gegen die Fünflirenote des grauen Herrn. Blickte ihn nicht an.

»Ecco! Da haben Sie die Variété-Vorstellung gesehen mit der Suggestions-Nummer. Ich schwöre Ihnen, ich kann nicht hypnotisieren. Aber die Kerle 207 riechen wie die Tiere irgend etwas an mir; was ihnen zu sterblich ist. Es modert halt im Leibe. Aber ich bin ein Pfarrerssohn. Da habe ich von Jugend auf vom Modern rühmen hören. Mein Vater nannte mich mit Vornamen Konstantin, weil das der erste Kaiser war mit Seelen-Christentum. Aber ich bin ein Letzter. Und das Fleisch ist schwach, und der Geist . . . o ich bin mir keineswegs mehr so gewiß, ob der Geist so stark wird – vom Lesen.«

»Sie sind wohl Akademiker, Historiker? Sie schreiben Bücher?«

»Nein, nicht einmal das! Ich schreibe keine. Ich lese sie nur.« Der Riese an Schwäche, Konstantin, erhob sich in seiner ganzen Größe und warf sich den weiten Mantel um die Schultern. »Aber immerhin lebe ich von Büchern. Ich bin nämlich Buchhändler und stehe seit fünfunddreißig Jahren persönlich im Laden unter dem gesunden Volk. Aber ich selber bin mein bester Kunde. Ich bin Toussaint und Langenscheidt, ich bin Spengler und Buddha, ich bin sogar der Casanova . . . wenn Sie wollen . . . sozusagen . . . Aber ich fahre zurück . . .«

Er grüßte, gab Forest die dünne harte Hand, sah ihn von oben forschend an und sagte: »Auch Sie sind hier nicht ganz so heimisch . . . scheint mir . . . sozusagen . . . Sie gehören auch eher ins nördliche Klima . . . Ein bißchen Nebel ist gut, blendet ab. Treibt uns ins Haus . . . Adjö . . . Guten Abend.«

Aber er ging nicht ins Hotel zurück. Der Direktor trat ihm entgegen, verbeugte sich, sprach einige Worte, sah ihn sogar an; ein aufgeklärter Mann.

Der Herr, der zum Vornamen Konstantin hieß, stieg in den Forest so wohlbekannten Hotelomnibus, der jenseits der Straße für den Nachtzug nach Mailand bereit stand. Die Hausdiener stellten zwei Handtaschen neben die Polsterbank, auf der der graue Riese saß. Er rückte an die Petroleumlaterne, die im Fond des Wagens befestigt war. Dann schlug er sein enormes Buch auf, beugte sich schwer darüber, zusammengekrümmt wie in Embryonenstellung. Und las – las. Fuhr ab von Perugia, ohne einen Blick des Abschieds vom Ort, von den Menschen. Verschwand . . . wie ein Nichts. Die Jazzmusik aus der Bar wischte ihn weg. Selbst die Jazzmusik . . .

Forest sah's und dachte: ›Er ergreift die Flucht, der Schatten. Ich aber bleibe hier, ein Mann ohne Schatten . . . und muß sie ausfressen – die Wirklichkeit.‹

 

Auch Lily sah ihn abfahren, diesen Konstantin. Sie hatte schon einige Minuten scheu in der Nähe gestanden, und die letzten Sätze der Unterredung 208 mitangehört. Doch sie wagte nicht zu unterbrechen. Jetzt aber plapperte sie los: »Gottlob ist das Gespenst da weg. Aber dafür ist Ferruccio da. Ich habe getanzt mit ihm. Er kam sofort. Ich sagte ihm, ich würde ihn dir vorstellen. Da war er verlegen. Denn natürlich ist er verliebt in mich. Ich habe schon viel heraus aus ihm. Ich sag dir dann alles. Schauderhaft. Denk dir, sie schminkt sich im Bett. Das aber habe ich nur vom Zimmermädchen. Er spricht deutsch, weil er in Deutschland auf der Handelsschule war. Sie haben viele deutsche Verwandte. Sie lieben Deutschland. Auch die Marchesa liebt Deutschland sehr.«

Sie nahm nun Forest am Arm und zog ihn in die Bar, einen rötlich erhellten – oder viel mehr verdunkelten Salon mit Plüschfauteuils und glasbedeckten Tischen. Hinter der Bar stand ein derbes Fräulein in schwarzer Bluse. Vier Musiker machten ihren Lärm. Die Nachtwelt bestand zunächst aus einem Tisch von ebenfalls vier Personen: zwei Leutnants, einem dicken Herrn mit Brille und einer besonders stark gemalten Dame in ausgeschnittenem Tanzkleid. Sie aßen alle Eis. In einer anderen Ecke saß eine zweite Tanzdame ganz allein und las den ›Corriere‹, während sie die Orangeade durch einen Strohhalm sog.

Beim Eingang, in der Extra-Nische am verhängten Straßenfenster, erhob sich der junge Ferruccio bei Forests Eintritt, stand verlegen, aber stramm, beinahe militärisch in der Haltung. Ja, er sprach ganz gut deutsch, obschon man aus jedem Wort den Italiener hörte. Er nannte seinen Namen: ›Donini‹.

Ein schwarzes Röckchen zu grell gestreiften Hosen umkleidete seine mittelgroße geschmeidige Figur. Der Mund strahlte vor weißen Zähnen. Die Haare, kraus und störrisch, schienen mit Mühe glatt nach hinten gebürstet. Die Augen sahen weich und melancholisch.

Forest fragte aus Höflichkeit einiges über Ferruccios deutsche Studien. Er antwortete korrekt, aber ohne jeden eigenen Einfall. Wenn Lily zu ihm sprach, lächelte er galant und sagte mit namenloser Unbeholfenheit im Ton ›Gnädige Frau‹. Forest fand den Jungen sympathisch. Aber Lily bemerkte auch, daß er ihn langweilte. Da schob sie das Gespräch auf die morgigen Projekte.

»Du, Walter, Herr Donini hat mir erzählt, daß jeden Dienstag und Freitag ein Ausflugswagen nach Assisi fährt. Morgen ist gerade Freitag. Man geht um zwei Uhr los und ist um acht Uhr zurück. Das wäre fein. Und dann überspringen wir eben Arezzo. Herr Donini sagt, Assisi sei viel schöner.«

209 »Viel schöner, die Lage, das Kloster, Giotto, der Minervatempel, sehr viel schöner«, bestätigte Ferruccio mit Verbeugung.

»Herr Donini ist nämlich sehr oft in Assisi mit seiner Tante, und kennt es sehr gut.«

»Die Dame ist Ihre Tante?«

»Kein richtige Tante, sehr weit verwandt, aber ich nenne sie Tante. Sie war auch die Freundin meiner verstorbenen Mutter.«

Lily warf ein, geschwätzig wie ein Kind: »Denk dir, sie betet jeden Tag in einer winzigen Kapelle vom heiligen Franz, über der man viel später eine riesengroße Kirchenkuppel gebaut hat. Ist das nicht ulkig?«

»Das ist wohl die Portiuncula?« wandte sich Forest an den jungen Herrn, der es mit aufmerksamer Miene bejahte.

»Du, und da gibt es auch Rosen vom heiligen Franz, die keine Dornen tragen«, sprudelte Lily weiter. Forest nickte freundlich und fragte dann, nur um ein freundliches Interesse zu bekunden: »Wo werden Sie weiter studieren?«

Der junge Mann zauderte einen Augenblick mit der Antwort. »Ich weiß noch nicht recht . . . Vielleicht in Rom . . .«

»Aber Sie werden doch in Assisi wohnen?« unterbrach ihn Lily. »Sie sagten doch, daß die Frau Marchesa dort ein Haus hat.«

Er errötete. »Ja, das ist möglich«, sagte er langsam. »Aber es ist für mich noch nicht bestimmt.«

Forest erhob sich. »Ich muß noch einen Brief schreiben, Lily. Ich gehe ins Schreibzimmer. Sie werden mich entschuldigen, Herr Donini. Laßt Euch nicht stören.«

»Und morgen Assisi?« bat Lily.

»Wir werden ja morgen sehen – je nach dem Wetter. Es gewittert ja bisweilen hinter dem Subasio.« Er sagte es sehr leise. Dann wollte er gehen. Aber da stand Ferruccio hastig auf, in der verlegenen Beflissenheit, dem Mann, von dessen Frau er sich bereits verzaubert fühlte, zu zeigen, daß er das Alleinsein mit der Dame durchaus nicht dem Zusammensein mit ihm, Herrn Forest, vorziehe. Er war so gar nicht frech. Seine Stirne zuckte nervös über den Augen, und widersprach der beherrschten Haltung von Kopf und Körper. Aber Lily zog ihn burschikos auf die Plüschbank zurück. »Bleiben Sie nur zum Plaudern bei mir, wenn der Herr Professor schreiben muß . . .« Und zu Forest: »Du verziehst dich und verschwindest geheimnisvoll wie der lange Konstantin. An wen schreibst du denn noch um zehn Uhr nachts?«

Er überhörte den spitzen Ton ihrer Frage. Antwortete nur: »Irgendwohin nach Deutschland«, und ging. 210

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