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Gutenberg > Bernhard Diebold >

Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Donatello

In einem hohen, alten Haus am Domplatz von Florenz wird Hans bereits um vier Uhr nachmittags der so innig ersehnte karierte Anzug angemessen von jenem Schneider Conti, der zum Vornamen Donatello heißt, nach dem gewaltigen Bildhauer. Ach, er ist ja selber ein Künstler, der Schneider Conti, Donatello. Meumann hat es gesagt, und diesmal hat der Götterbote nicht gelogen. Donatello hat keinen Laden, sondern sein Atelier ist eine kleine Wohnung im fünften Stock. Es sind drei Zimmer; das mittlere hinter dem Korridor ist der Empfangsraum für die Kunden. »Endlich einmal kein Hotelzimmer«, stellt Hans vergnüglich fest.

Donatello ist ein mittelgroßer Mann von sechsundzwanzig Jahren, schlank in den Hüften, mit einem bronzefarbenen, ernsten, regelschönen Kopf, als wäre er Apoll. Die Lippen sind geschwellt. Die Nasenflügel sind geschwungen. Die braunen Augen liegen unter geschweiften Stirnbögen. Das Haar sitzt in antiken, kurzen Ringellocken. »Ein schöner Kerl«, sagt Jenny. Und Hans ist angenehm berührt über die freundliche Aufnahme durch den neuen Göttermenschen. Denn Meumann – ach, dieser Freund und Retter Meumann – er war soeben hier gewesen und hat sie gut empfohlen und die nötigen Informationen gegeben, um das berechtigte Staunen Donatellos vor ihrer fatalen Erscheinung vorwegzunehmen und alles mögliche Mißtrauen in ein romantisches Interesse an ihrem Abenteuer zu verwandeln. Der schneidernde Apollo zeigt denn auch eine spontane Anteilnahme an ihrem Schicksal und ihrem Aufzug. Selbstverständlich würde prestissimo der neue Karierte in Arbeit genommen werden. Prestissimo. Er spricht vorerst fast ohne Gesten, langsam und klar, mit einem leichten Singen sein schönes Italienisch.

»Das schöne Auto!« klagt er und schnalzt bedauernd mit der Zunge an den Zähnen. Hoffentlich käme es wieder. Ja, Gauner gäbe es nicht nur in Rumänien! Auch hier müsse man sich vor vielen Fremden in acht nehmen. Die sähen manchmal sehr elegant aus, und dann verschwänden sie ohne Zahlung.

Hans errötet, und auch Jenny ruft erschrocken: »Wir geben Ihnen sofort einen Scheck – zur Anzahlung.«

121 Jetzt aber ist die Verlegenheit an Donatello. Er wehrt mit beiden Händen jeden Argwohn ab. Nein, das ginge natürlich nicht auf sie, um Gotteswillen. Denn Meumann habe sie ihm ja empfohlen, per Bacco!

Aber die jederzeit spontane Jenny läßt es sich jetzt nicht nehmen, mit ihrer Füllfeder ein Blatt aus ihrem Scheckbuch im Nu in dreihundert Lire zu verwandeln. Donatello nimmt das Papier nur mit dem höflichsten Widerstreben entgegen. Was Meumann von ihm denken werde? klagt er. Denn dieser Tedesco, dieser deutsche Herr sei ein echter Signore, ein Gentiluomo, ein Ehrenmann, ein großer Schriftsteller – ein Künstler. Das eben verbindet sie, Meumann und ihn, seit den vier Jahren, da er in Fiesole oben wohne.

Jenny horcht auf – hieß es nicht Settignano?

Die Kunst, fuhr Donatello fort, bringe die Menschen zusammen. Außer der Liebe natürlich. Liebe ist groß. Liebe und Kunst – das sei die ›Renaissance‹ – das neue Aufblühen der Menschheit – Rinascimento! Ja, das sei das alte Florenz, aus dem er stamme. Er führt sie im Empfangszimmer herum: »Hier sehen Sie an den Wänden; diese Aquarelle, den Ponte vecchio, den Signoria-Palast, diese Vedute aus dem Boboli-Garten – das ist von mir.« So sagt er, senkt bescheiden die Augen und zitiert lächelnd: »Anch' io son' pittore . . .«

Jenny bewundert sein Lächeln ebenso wie die bunten Bilder, von deren bescheidenem Wert man hier aus Takt nicht sprechen soll. Denn Donatello Conti ist zu schön für irgendwelche Kritik. »Ich male auch in Öl«, fährt der Schneider-Maler fort und zeigt auf die Kopie eines der vielen büßenden Hieronymusse des Ribera: ein vor lauter Tonigkeit fast schwarzes Bild mit vielen Verwischungen des Pinsels. Der schüttere Bart des Eremiten hatte dem Kopisten viel Mühe gemacht. Das sieht man auch.

»Großartig«, sagt Jenny, und sie findet es wirklich auch großartig. So ein Schneider! Auch Hans steht starr vor soviel Kunst, die er sonst nur in einem Museum erwartet hätte, und sagt von dem wenigen, was er auf italienisch sagen kann: »Bellissimo«.

Das habe er von seinem Vater, bekennt Donatello stolz. Die Kunst sei in der Familie. Kunst sei angeboren. In den Kindern wirke das Genie der Väter. Ist es nicht so? Es sei Blutsache. Cosa di sangue! Und er lächelt beglückt über die Begeisterung seiner Kunden, wobei er Hans in der Anrede fast häufiger bedenkt als die Signora, deren Brillanz ihn ängstlich macht. Sein Vater habe zwar nicht gemalt, fährt er fort; er habe sich gewissermaßen als Plastiker betätigt, indem er berühmte Köpfe in Gips abgoß. Zum Beispiel da oben auf dem Schrank: der König Umberto mit den zwei überlangen Schnurrbartspitzen – molto difficile. 122 Dreimal sei der Guß mißraten. Aber schließlich sei er gelungen: eine Meisterleistung der Gipsguß-Technik! Dann zeigte er die kolorierte Brustfigur des Niccolo d'Uzzano von Donatello, die neben dem Umberto von dem großen Schrank herniederschaute. »Das ist auch von meinem Vater – nach Donatello! Und aus der Verehrung für diesen Großen nannte er mich bei der Taufe eben ›Donatello‹.«

Er sei zwar auch nur ein Schneider gewesen, sein Vater. Aber schließlich sei ein Schneider in gewissem Sinne auch ein Künstler – ja ein Plastiker des Körpers. Denn er lege um die natürliche Statue des Menschen eine zweite Haut in einem zweiten Stil. Er müsse das Körpergefühl in Formen aus Stoff und Watte, in Linien und Nähte umsetzen; und wenn ein häßlicher Menschenkörper durch ihn – Conti, Conatello – in seinen Stil der Kleidung eingegangen sei, so sei er zu einer neuen Statue geworden: ein Werk der Kunst – und sei es auch nur der Schneiderkunst.

Dabei sieht Donatello auf Hansens Frack und erinnert sich endlich, daß er nun auch als Schneider wirken und reden müsse. Er holt mit Hilfe eines jungen Burschen die Stoffe vom Regal. Hans zieht den Rock aus und sieht sich immer wieder die bunten Wände an.

Jenny fingert an den Stoffen herum, schielt schräg nach Donatello hin, und sagt ganz plötzlich und mit Energie: »Er muß ihn aber morgen haben – den Anzug – prestissimo

»Morgen?« ruft der Schneider, und steht starr vor dieser Zumutung. Er wirft die drei schweren Stoffballen von seinen Armen auf die große Tischplatte, rollt die Augen, reckt die Schultern auf und nieder und beteuert die Unmöglichkeit einer so rapiden Produktion mit einem verzweifelten: »Impossibile!«

»Aber ich im Frack«, klagt Hans mit weinerlichen Tönen.

»Sie müssen ein Wunder tun, Maestro Conti – miracolo!« flötet Jenny mit allen Zaubern ihrer Weiblichkeit.

Aber Donatello versichert unter bedauernden Gebärden, daß er kein Wunder tun könne, und daß vor zwei Tagen an die Fertigstellung des Kunstwerks nicht zu denken sei. Sie müßten ja sonst die ganze Nacht durchschneidern – seine Gesellen und er – und das sei eben doch unmöglich – impossibile!

Darauf kann selbst eine Jenny nichts erwidern; und Hans stöhnt nur: »Lieber im Pyjama morgen – als noch einmal in diesen Frack!« Er blickt, ein geschlagener Mann, resigniert ins Leere, durch die Wand.

Donatello hat jetzt seine Ballen auf dem Schneidertisch ausgebreitet; aber bevor er noch die einzelnen Rollen aufwindet – da tippt Hans überraschend heftig seinen Arm an und weist zu einem Bild, das über der Tür zum linken 123 Nebenraum befestigt ist, in dem die Gesellen ihre Arbeit taten. So viele Bilder wurden ihm gezeigt, aber: »Wer ist das?«

In einem breiten Goldrahmen sieht man die vergrößerte Photographie einer engelhaft schönen Frau, scheinbar ein Mädchen von neunzehn Jahren, mit großen klaren Augen, dunklem, glatt gescheiteltem Haar, einer feinen Nase – und Lippen, die so zart und rein den lächelnden Bogen des Mundes begleiten, daß sie nur leise geöffnet schon singen könnten, aber nie küssen werden.

»Es ist meine Frau«, sagt Donatello und macht traurige Augen. Jenny sieht auch zum Bild und übersetzt.

»Ihre Frau?« fragt Hans tonlos und starrt das Bild versonnen an.

»Ach, sie liegt zu Hause – es geht ihr gar nicht gut.«

»Krank?« fragt Jenny. Donatello schaut sie nur groß an. Es ist eigentlich zum erstenmal, daß er Jenny voll ins Gesicht schaut. Die Augen sind ihm feucht geworden. Er kann kaum antworten, und zuckt mit der Stirne, um anzudeuten, daß es durchaus nicht gut um sie stehe – um diesen Engel da auf dem Bild. Dann aber wendet er sich wieder zu den Stoffen und breitet sie aus.

Hans aber sagt mit trübem Ton zu Jenny: »Ei verflucht – schau dir den Engel an – so war die tote Kreszenz . . . nur in Blond . . . kurios . . .« Und seine Rede erstirbt in einem melancholischen Gemurmel.

Jetzt suchte man die Stoffe aus. Englische Ware. Große karierte Auswahl. Ein bescheidenes, aber ein gediegenes Geschäft. Die schönsten Tuche sind nach Jenny eines in Grau mit blauem Farbfaden und eines in Gelblichbraun mit rotem Farbfaden. »Das mit dem Roten wäre mehr für Meumann, denn der ist schwarz. Aber das Graue mit dem blauen Strich, das paßt zu deinen Augen.«

Und so wurde es gemacht. Hans ist mit jedem Stoff zufrieden. Nur endlich aus diesem Frack heraus! Aus dieser Affenjacke, aus dieser Seelenschande! Und noch bis übermorgen muß er warten! »Bitte bald«, fleht Hans den Donatello an und klopft ihm auf die Schulter.

»Subito«, antwortet der Schneider; »wir lassen alles andere liegen; wir fangen heute noch an – und übermorgen ist er fertig.« Er hebt zwei Finger, um zu bedeuten: »Übermorgen – zwei Tage.« Dann zieht sich Donatello den Rock aus, mißt und gibt Befehle an den Zuschneider.

Der ist ein kleiner, alter Mann mit einem Zwergenbart und breitem Buckel. Man ruft ihn Baldassare. Er nickt mit seinem großen, guten Gesicht. Seine Glatze leuchtet. Seine Brille blitzt. Er humpelt und dienert eilfertig um den neuen Kunden herum.

Hans schaut derweilen in allen Posen der Messung durchs Fenster auf die Wand des Domes, der über der Gasse ganz nahe vom Haus des Schneiders 124 aufragt und es dämmerig beschattet. Es liegt an der Umgangstraße, hinten am Chor der Kirche: la Cattedrale di Santa Maria del Fiore – Maria von der Blume. Fiore – das ist die Wappenlilie von Florenz. Man sieht sie überall auf Mauern und Palästen. Donatello erklärt's. Die weißen Marmortafeln mit den Inkrustationen wirken im Rahmen des kleinen Fensters der Schneiderwerkstatt doppelt mächtig: als riesige Teile und Andeutungen eines noch riesenhafteren, unsichtbaren Ganzen. Sie erdrückt fast, die Wucht. Die Ahnung der marmornen Himmelshöhe da draußen macht uns besinnlich, fällt in unser Herz. Und von der Wand sieht die Kreszenz, das Engelchen, ins Dämmern dieser Schneiderstube mit den farbigen Bildern des Jünglings Donatello. Der büßende Hieronymus in der Höhle verschwimmt fast in den warmen Schatten des Raums. Er sinnt über seinem Totenschädel neben dem heiligen Buch. Alles ist still. Denn Jenny blättert in einem Journal. Donatello mißt mit ernsten Augen an Hansens Körper herum und ist in diesem Augenblick von ganzer Seele nichts als Schneider und Menschenplastiker.

»Wir werden ihn sehr gut machen, Signore«, sagt er. »Ihre Figur ist eine Statue; es wird ein echter Donatello!« Er lacht mit Mund und Augen.

Beglückt nickt Hans seinen Dank, in tiefer Sympathie zu diesem naturhaften und von der Schönheit begnadeten jungen Menschen. Er vergißt jetzt, zum erstenmal seit gestern, seinen Frack. Er ist versonnen – schaut bisweilen auf das Engelchen an der Wand über der Tür, und gönnt es dem braven Donatello. Und an Jenny denkt er jetzt nicht.

Da schrillt in der Werkstatt nebenan das Telephon. Der Schneider wirft im Augenblick das Maßband hin, springt auf und eilt zum Apparat ins Nebenzimmer. Läßt in der Hast die Türe offen. Donatello fragt erregt und gibt erregte Antworten. Man hört sehr oft das Wort »Dottore«. Jenny paßt wie ein Luchs auf, was Donatello telephoniert. Sie fragt leise den in sein Buch notierenden Zuschneider Baldassare: »Was fehlt der Frau?«

Der gute Alte – er ist schon über siebzig – schaut durch die Brille vorsichtig nach dem Nebenraum, als dürfe er's aus Takt nicht sagen, obschon es kein Geheimnis bleiben kann: »Oh, sie ist kein Mensch, sie ist ein Engel«, sagt Baldassare und blinzelt wieder durch die Brille. »Sie ist so zart wie die Madonna. Es ist gefährlich für sie . . . Sie bekommt ein Kind.« Und mit erneutem Seitenblick in die Werkstatt flüstert er und zeigt zugleich auf den Kalender: »Es ist ein Unglückstag – es ist der Dreizehnte.« Er hält den Finger auf den Mund.

Denn Donatello kommt zurück; wischt sich den Schweiß von der Ephebenstirne. »Wir müssen heute länger hier bleiben«, sagte er zu dem Alten. »Der Arzt weiß noch nicht, ob sie in die Klinik muß.« Er zittert am ganzen Leibe.

125 »Ist es schlimm?« fragt Jenny teilnehmend.

Er sieht der Dame gar nicht ins Gesicht, als ob er ihrer Teilnahme nicht glaubte. »Man kann es nicht wissen – sie ist so zart – sie –.«

»Ich habe es den Herrschaften mitgeteilt«, sagt Baldassare und streicht verlegen über seinen Zwergenbart. Vor Trauer scheint sein Körperchen sich zu verkleinern. Nur der Buckel wuchtet breit.

Donatello nickt ihm zu, es sei gut so. Dann seufzt er tiefatmend, indem er alle wie hilfesuchend ansieht: »Es ist eine Katastrophe. O Gott, der Arzt befürchtet, daß es zwei Kinder sind.«

Der Alte greift sich an den Kopf vor Schrecken. »Gemelli?« ruft er.

»Ja, Zwillinge, in diesem armen, kleinen Mädchenkörper. Glauben Sie mir, sie ist ein Kind. Es wird sie sprengen, wenn es so ist.« Er läßt sich in heller Verzweiflung auf einen Stuhl fallen.

Aber bevor Jenny mitleidig etwas Nettes oder Kluges sagen kann, springt er schon wieder auf, faßt sich und sagt zu Hans mit traurigem Lächeln: »Mein Unglück ist für Sie, Signore, ein kleines Glück. Denn Sie können statt morgen früh schon heute abend Ihren karierten Anzug anprobieren; erste Anprobe.«

Hansens Gesicht strahlt einen Augenblick hell auf.

»Wir müssen in der Werkstatt bleiben«, fährt Donatello fort. »Denn zu Hause, es ist da drüben in der Via Rosselino, habe ich kein Telephon. Und darum muß jemand hier am Draht bleiben, wenn der Arzt etwas zu sagen hat. Ach, sie will nicht in die Klinik; sie hat eine Todesangst vor jedem Spital. Aber wenn es zwei Kinder sind – dann ist es wohl notwendig – ach, und dann lassen sie mich nicht dabei sein.« Er seufzte: »Dio, Dio . . . Ja, und da arbeiten wir beide hier durch – Baldassare und ich – und schneidern gleich Ihren Anzug. Und wenn Sie heute abend gegen acht oder neun Uhr schon wieder kommen wollen, so werden wir gleich die Teile an Ihnen abstecken, und Sie haben schon eine Ahnung – von Ihrem neuen Stil – und morgen stehen Sie vielleicht schon in ihrem karierten Anzug.« Er lächelt wieder über seinen Schmerz hinweg: »Es ist also doch so etwas geschehen – wie ein Wunder.«

»Grazie«, dankt Hans gerührt. Aber angesichts des traurigen Donatello wagt er sich nicht so richtig loszufreuen über die beschleunigte Befreiung aus dem Frack.

»Sie sind charmant, Herr Conti«, schmeichelt Jenny. »Ein guter Mensch und ein Künstler! Und ganz gewiß geht es gut mit Ihrer kleinen Frau.« Sie gibt ihm die Hand und zieht Hans mit sich zum Ausgang.

Aber da läßt Donatello in seiner seelischen Bewegtheit Jennys Hand nicht los und gleichzeitig faßt er Hans am Arm und schiebt die beiden zur Tür des rechten Nebenzimmers, das der Werkstatt gegenüberliegt.

126 Sie sehen hinein. Das Gemach ist klein und hat nur ein Fenster. Es ist Donatellos Malatelier. Die Wände hängen voll von ungerahmten Bildern und Skizzen. Am Boden liegen Rollen von Papier und Malgerät. Eine zerschlissene Ottomane steht an der Wand.

Aber auf einer Staffelei sieht man ein angefangenes großes Bild. Es wird kaum zur modernen Kunst gerechnet werden. Es gehört zum musealen Stilbereich von Sassoferratos zarten Marien in Rosa und Himmelblau. Man sieht erst die hellgelbe Grundierung, noch keinen fertigen Hintergrund. Aber die sitzende Frauenfigur in Madonnenhaltung hat bereits ihren Umriß, und ihr Kleid leuchtet in einem hellen Blau. Der Kopf – ja am Kopf hat er schon alles ausgemalt – man kennt ihn gleich, trotz aller Unsicherheit des Pinsels in den Schattierungen von Mund und Nase. Aber die Augen – wahrhaftig das Schwerste – hat er getroffen. Die Liebe hat hier mehr vermocht als alle Kunst des braven Donatello. Es ist seine Frau – dies Kind, das Mutter wird. Die schwarzen großen Augen schauen mit ernstem Engelsblick auf die Beschauer.

Es ist nicht Kunst – es ist Gefühl, was da gemalt ist. Die beiden empfinden es und sind kirchenstill. Hans schluckt trocken und zieht die wehe Braue hoch in seinem zarten Pierrotgesicht. Er denkt an Kreszenz. Jenny lehnt an der Wand und schaut an sich hernieder. Sie kann aus irgend einem Grund nicht allzu lange in diese Augen auf dem Bilde sehen. Sie verpflichten – diese Augen, mit dem unbeweglich langen, starr verweilenden Blick. Aber wozu – zu was verpflichten sie? Jenny weiß es nicht. Sie kann es nicht wissen, das Unbewegliche, das Dauernde, das Seiende – das, was nicht außen ist, sondern das, was innen ist.

 
Das Schicksal in der Schublade

So stumm und versonnen Hans und Jenny auf die Piazza Santa Maria Novella ins Hotel Minerva zurückfuhren und sich in ihren beiden Zimmern häuslich machten – so friedlich hatten sie noch selten harmoniert auf mehrere Stunden. Aber es war doch nicht die wahre Eintracht. Bei Jenny stimmte es gerade mit dem Frieden. Bei Hans war's einfach Windstille der Seele. Jenny packte glücklich ihren soeben angekommenen Riesenkoffer aus, badete, wusch sich, malte an sich herum, rauchte. Hans hatte seine verfluchten Hüllen der Mondänität abgestreift und lag ebenfalls gebadet und gesäubert in einem weiten Kimono von Jenny auf dem breiten Doppelbett. Sie sprachen wie auf Verabredung kein Wort über Donatellos Schicksal, auch nicht von der Frau, 127 auch nicht von ihrer Heirat. Sie waren bei aller Friedensstille in diesem Augenblick – kein Liebespaar. Jenny, die sonst ihr halbes Dutzend Puppen in jedem Hotelzimmer gleich auf der Chaiselongue gruppierte, ließ ihre ›Kinder‹ im Koffer liegen. Sie plapperte auch nicht von tausend Dingen. Sie summte nur die ›Giovinezza‹ vor sich hin. Die grünen Läden hatte sie aufgemacht.

Der Himmel zeigte sich wieder bewölkt. Man war ja im April, zudem am dreizehnten. Das Zimmer lag gegen Osten nach dem weit offenen Platz vor der Dominikanerkirche mit der großlinigen Fassade. Eine milde Abendstimmung lag im Raum und lullte das Bewußtsein und alles Denken ein.

Jenny lackierte am Fenster vor der offenen Schublade des Toilettentischchens ihre Nägel. Hans starrte an die Decke. Nach einiger Zeit meinte er: »Wir müssen morgen auf die Polizei und nach dem Wagen fragen.«

»Wenn sie ihn erwischen, den Kerl, den lausigen«, sagt Jenny, »dann kriegen sie ihn jetzt gleich oder nie.«

»Wieso?«

»Solange er kein Geld hat, kann er ja kein Benzin kaufen, und momentan hat er sicher keines, denn die Chips nimmt man ihm nur in Monte Carlo ab. Wenn er sich irgendwo aber Geld verschafft – sei es bei seiner Bande oder in irgend einem Spiellokal –, dann malt er sich einfach eine neue Nummer und verschwindet irgendwohin . . . der traurige Lump.«

»Du sprichst etwas heftig von deiner Liebe von gestern.«

»Er hat mich bestohlen und angelogen!«

»Ja, und du, Jenny, mit deiner gemeinsamen Flucht?«

»Ich? – Du bist sehr ungerecht.« Eine andere Antwort hatte sie nicht.

Hans zündet eine Zigarette an. »Jedenfalls müssen wir die Zeitung lesen, vielleicht steht schon etwas darin über den Burschen.«

Sie läuten nach einem Boy, der ihnen eine Abendzeitung bringen soll. Aber vergeblich. Die Klingel scheint nicht zu funktionieren. »Egal«, sagt Hans, »wir können damit warten bis zum Abendessen. Der Karren verläuft sich ja sowieso.«

Lange Pause. Dann sagt sie: »Du, nach dem Schneider – er tut mir übrigens so leid – da gehen wir zu Lapi in den Palazzo-Keller und schmausen bei Gesang und Makkaroni. Wir ganz allein! Freust du dich, Hans?«

»Ja.«

»Oder sollen wir Meumanns einladen als Dank – wenn sie kommen?«

»Nein.«

»Du bist so schweigsam, Jonny. Oder bist du wieder sentimental? Fehlt dir etwas?«

Hans lächelt: »Meinst du, mir fehlt mein Zylinder?«

128 Wieder Pause. Sie feilt wieder an ihren Nägeln, beugt sich über die Schublade des Toilettentischchens und ist merkwürdig lange völlig stumm.

Auf einmal ruft sie: »Hans, da lese ich eben eine tolle Sache, die auf der Insel Ischia passiert ist. Da ist so ein erloschener Vulkan, der aber noch Minerale hat und Quellen sprudelt.«

»Wo liest du denn das?« fragt Hans verwundert.

Denn Jenny manikürt sich emsig, über ihren Toilettentisch gebeugt.

Ohne aufzublicken sagt sie: »Nun, hier in der Schublade.«

»Wieso?« Hans macht ein dummes Gesicht.

»Die ist nämlich ausgelegt mit einer alten Zeitung – mir scheint vom letzten Jahr.«

»Vor einem Jahr? Ach Gott, dann ist doch alles nicht mehr wahr. Der Molina . . . der ist ja auch nicht mehr wahr . . . mit der Zeit sind wir alle nicht mehr wahr.« Hans ist sehr melancholisch.

»Aber hör mal, das ist doch eine Gemeinheit!« Jenny übersetzte jetzt so von ungefähr und sachlich nicht genau, was sie da las: »Da hat ein Wirt auf Ischia, am Fuß des Monte Epomeo, eine Mineralquelle in seinem Garten entdeckt und dann ein Kurhotel daneben bauen lassen. Kaum aber war das Haus fertig gebaut, da ist die Quelle vertrocknet und versiegt und sprang dafür auf einmal in einem ganz andern Ort heraus, in Mortara. Nun wollte sich der arme Wirt sein Etablissement erhalten und hat in seiner Verzweiflung durch eine Röhre einen Bergbach in die Gesundheitsquelle hineingeleitet. In dem Bergwasser waren aber unglücklicherweise Typhusbazillen. Ist das nicht gemein? Da wurden alle Gäste krank von diesem Wasser, von dem sie gerade gesund werden wollten. Der Wirt wurde verhaftet und starb im Gefängnis, auch am Typhus. Aber kaum daß er tot war – was meinst du? – da sprudelte die echte Quelle wieder ganz richtig aus dem Monte Epomeo. Und in dem andern Ort, Mortara, da hörte sie auf einmal wieder auf . . . Das ist doch kaum zu glauben, so ein Zufall. Das wäre etwas für den Meumann . . . Der lügt noch was dazu . . . Aber hör noch den Schluß: Jetzt hat das Kurhaus des toten Wirtes ein anderer übernommen, ein gewisser Raselli, und der verdient sich viel Geld damit . . . Ich finde das gemein und ungerecht – vom Schicksal.«

Hans hat aufmerksam zugehört. »Ja, das sogenannte Schicksal, glaub ich, ist überhaupt sehr blind und ungerecht. Denk an den guten Donatello und seine arme Frau. Aber was kann man dagegen tun, gegen das Schicksal? Und was willst du von einem steinernen Berg und seinen Quellen? Die Menschen sind ja auch nicht immer gefühlvoller. Es geht halt mit den Menschen um, das Schicksal – wie du mit deinen Puppen, Jenny. Gestern noch auf dem Sofa als 129 Ehrengäste und Lieblingskinder, heute tot und begraben im Handkoffer . . . Ja, ja, mach nur kein mißlauniges Gesicht . . . Du wirst mich auch noch in den Handkoffer packen.« Er sagte es nicht böse, eher mit scherzhafter Resignation.

Sie merkte nur den Scherz, nicht aber die Resignation. »Ach Hans, ich bin weiß Gott nicht ungerecht. Ich liebe doch meine Puppen, und dich, Jonny, liebe ich noch viel mehr. Heute abend, Hans, im Lapi – wir allein? . . . Komm, wir ziehen uns jetzt an, es ist gleich acht Uhr. Aber vorher will ich dich noch küssen.« Sie setzt sich auf sein Bett und küßt ihn. Er erwidert ihre Zärtlichkeit mehr gutmütig als leidenschaftlich. »Du bist mau!« sagt sie lustig. Dann geht sie in ihr eigenes Zimmer hinüber zum Anziehen.

Sie wählt das Strickkleid. Für heute hat sie Abendkleid genug gehabt. Ungern kehrt Hans in seinen verfluchten Frack zurück, obschon er gebürstet und gesäubert ist. Auch der Mantel sieht wieder passabel aus. Nur das zerknitterte Hemd ist unmöglich. Er beeilt sich nicht mit dem Anziehen. Jenny ist früher fertig als er. Das ist sie wahrlich nicht gewohnt. Ungeduldig murrt sie: sie gehe voraus in die Halle und lese die Abendzeitung. Gut.

Als Hans nach zehn Minuten in die Halle hinunter kommt, den Mantel wieder hochgeschlossen und eine Baskenmütze Jennys auf dem Kopf, da eilt sie ihm aus einer Gruppe von einem halben Dutzend Menschen entgegen und ruft entzückt: »Du, Willis sind da. Alle beide und Peggy.«

»Willis?«

»Weißt du, die Willis aus Frankfurt am Main, wo ich ein Jahr in der Pension war. Sie sind mit zwei Engländern. Sie feiern heute abend hier im Hotel ein kleines Fest zu Peggys zweijährigem Hochzeitstag, obschon Egon leider nicht dabei ist. Ulkig: ›Das Fest der unverstandenen Frau.‹ Es kommen auch noch andere Deutsche aus der Porta Rossa und dem Excelsior. Achtzehn Personen im ganzen. Darunter ein Graf Holt. Den kenn ich von früher. Dann zwei Berliner Theaterdirektoren; es sind Brüder; ich glaube, sie heißen Schneller. Und der Dichter Selmar, sicher ein Pseudonym. Du, sie laden uns ein; wir sollen auch!«

»In meinem Frackhemd? Und überhaupt . . . so viel Berlin. Ich dachte, du freust dich auf uns zwei allein beim Lapi? . . . Und schließlich bist du doch keine mißverstandene Frau?«

»Doch – du verstehst mich miß. Sonst würdest du eben nicht nein sagen.«

»Wir gehen jedenfalls zuerst zum Donatello – und das mit der ›unverstandenen Frau‹, das wollen wir uns noch überlegen.«

»Aber ich muß dich jetzt vorstellen.«

130 Das geschah. Die Willis waren ein widerlich aufgetakeltes altes Ehepaar. Er mit gefärbtem schwarzem Schnurrbart zum ergrauten Haar. Sie übervoll mit Schmuck behängt, und aus dem reichlichen Decolleté quoll das ein Leben lang zu gut genährte Fleisch. Die Tochter Peggy war ein kokettes kluges Ding von achtundzwanzig Jahren, das die zwei englischen Herren stark mit sich beschäftigte. »Also, Sie kommen beide sicher?« fragt Frau Willi zum Abschied.

»Hoffentlich klappt's mit ihm«, ruft Jenny in der Drehtür zu Willis hinüber und zieht eine ärgerliche Grimasse. Zu Hans aber sagt sie: »Du bist wirklich mau. Was ist mit dir? Jetzt hast du dich geärgert und sagst nicht einmal: Ei verflucht!«

Sie schüttelt den Kopf und winkt einem Taxi.

 
Die heilige Nacht

Donatello ist nicht in der Werkstatt. Nur der Zuschneider Baldassare und der kleine Ausläufer geistern in dem wenig erhellten Raum. Eine Stehlampe brennt auf dem Mitteltisch, an dem der Alte bei der Arbeit saß, als Hans und Jenny eintraten. Sein Rücken scheint heute abend vom gebeugten Sitzen noch breiter und buckliger geworden. Er geht auch tief gebückt, der kleine Mann; nur sein grundgütiges Gesicht mit der klumpigen Nase über dem weißen Bart hebt sich empor, wenn er mit Menschen redet. Der Alte berichtet: sie hätten die Frau des Meisters vor einer halben Stunde aus der Wohnung in die Klinik abgeholt und Donatello sei natürlich mitgefahren. Aber im Spital durfte er nur bleiben, solange es gerade kritisch stand. Er werde wohl bald wieder hier erscheinen. Aber sehr glücklich werde er nicht aussehen, sein Padrone.

So erzählt der Alte und rückt seine Brille. Dann holt er die zusammengesteckten Teile des werdenden Anzugs aus dem Nebenraum, und während er sie zurechtlegt und Hans seinen Frack wieder auszieht, brummelt er – zwischen den Stecknadeln hindurch, die er nach Schneiderart im Munde hält – geheimnisvoll wie zu sich selber: »Ach leider, es sind wohl Zwillinge. Man hat die Köpfe zu tasten versucht. Aber zwei verschiedene Herztöne von den kleinen Herzen hat man noch nicht gehört. Sie müssen winzig sein, die ungeborenen Bambini. Der Arzt kam erst sehr spät auf die Vermutung. Aber nun machen sie in der Klinik eine Durchleuchtung, wenn die Signora dazu noch stark genug ist . . .«

Er wischt sich die Augen, der gute Gnom. »Die arme Frau . . . povera Signora«, murmelt er zärtlich, »poverissima ragazza«, und schüttelt den Kopf . . . 131 »poverina ... so ein Engelchen . . . poveretta.« Der Alte sang es beinahe. »Ein Kind ist sie selber . . . poverella . . . ein armes Kind . . . und muß nun selber Kinder gebären . . . rein wie die Madonna . . .« So raunte der alte Baldassare.

Der Anzug ist gesteckt. Hans steht vor dem dreifachen Spiegel und dreht und wendet sich. Der kleine Laufbote hält die Stehlampe. Er ist ein zarter Knabe von fünfzehn Jahren, schön, wie ein Engel mit der Leuchte auf einem Marmorsarkophag. Er heißt Gaspare, aber sie nennen ihn oft Sparino. Jenny findet ihn niedlich.

Baldassare trippelt bucklig um Hans herum; bald kniet er am Hosensaum, bald reckt er seinen Zwergenkörper hoch, um an den Schultern Korrekturen anzukreiden.

Jenny zupft hier etwas und da etwas zurecht. Der Karierte sieht vielversprechend aus. »Wunderbarer Stoff, so weich wie ein Mäusepelzchen. Schön sind diese Karos aus grau-blauen Linien. Hans, du bist ein Gent.«

Baldassare schnauft vom vielen Bücken. Er hat den Mund voller Nadeln. Er steckt ab, glättet und strafft und bittet gelegentlich um eine andere Haltung. »Den linken Arm hoch, gut so, bene.« Dann zieht er seine Uhr. »Wenn es nicht sehr bald gut geht, da drüben in der Klinik, so werden wir eben heute nacht noch weiter nähen . . . Denn ich kann nicht schlafen, wenn ein Engel stirbt . . . Oh, Madonna . . . das darf nicht sein . . .«

Hans sieht zum Bild empor über der Türe.

Jetzt kommt Donatello. Man hört das Haustor unten gehen und sein Schritt. Jenny ruft ihm sofort an der Tür entgegen: »Wie geht's ihr?«

Er ist blaß, und seine Lippen finden nicht einmal sofort den Gruß. »Sie hatte wieder die Wehen; dann kam sie in die Klinik . . . Ob es Zwillinge sind, weiß man noch nicht. Sie ist zu schwach für die Röntgen-Durchleuchtung. Aber um halb neun haben die Wehen wieder ganz aufgehört. Man wird sie auch noch nicht durch Einspritzungen beschleunigen, denn wir erwarteten die Geburt ja erst in zwei Wochen. Es kann womöglich noch Tage dauern.« Jedenfalls hätten ihn die Ärzte jetzt nach Hause geschickt. Aber vielleicht daure es nur noch Stunden. Dann werde man hierher telephonieren.

Donatello seufzte und stellte sich dann vor Hans in seiner werdenden Hülle hin. »Die Farbe steht gut zu Ihnen, Signore. Aber Padre Baldassare«, wandte er sich zu dem Alten, »die Schultern! Der Ärmel geht mir zu weit hinauf. Nicht zu eng; der Stoff ist keine Tapete; er darf nicht kleben; er muß fließen; er ist eine Hülle, die den Körper luftig wiederholt . . .« Und er nahm die Kreide selber in die Hand und verschob die Wattierung unter Hansens Schultern derart, daß der eine fertige Ärmel locker hing. »Ecco, und nun wird weiter 132 genäht . . . Nicht wahr, Baldassare, wir haben zu warten.« Und zu dem Jungen: »Du, Gasparino, mußt um zehn nach Hause. Wir andern bleiben hier bis zwölf. Ist bis dahin nichts geschehen, so geht einer von uns heim ins Bett . . . Aber ich lasse uns im Caféhaus zwei Espressi holen.«

Er winkte dem Ausläuferbuben und gab ihm Geld. Und als er auf Hans sah, der seinen Frack mißmutig wieder anzog, fragte er: »Wollen Sie auch Kaffee mit uns trinken?«

Jenny rief: »Nein, vielen Dank, wir sind eingeladen – und wir haben den ganzen Tag noch nichts Warmes gegessen. Wir müssen gehen.«

»Ach wieder im Frack – und mit dem Hemd – und zu diesen Willis womöglich. Ich habe es satt, schon wieder in der Narrenhaut herumzulaufen.«

»Wir hätten zur Not einen Konfektionsanzug kaufen können«, fällt es Jenny ein. »Aber erstens waren wir nach unseren allerwichtigsten Gängen schon zu abgespannt (sie dachte an Molina), und zweitens denkt unsereins natürlich nie an Konfektion.« Sie sprach deutsch, damit der Schneider das beschämende Wort ›Konfektion‹ um Himmels Willen nicht verstehen könne.

»Dafür ist es zu spät«, sagt Hans. »Ich komme nicht.«

»Aber Hans, wir sind doch eingeladen.« Und sie wiederholt auf italienisch, daß sie eingeladen seien und daß sie essen müßten.

Donatello fühlt instinktiv, daß Hansens Wünsche gegen Jennys Wünsche stehen. Sein Herz – das Herz ist undeutbar und souverän – es fühlt viel mehr auf Hansens Seite. Er spürt wohl auch Hansens ›Herz fürs Volk‹, das Jenny ihrerseits so komisch findet. Er sagt: »Ich kann Ihnen im Ristorante etwas holen lassen. Es ist unten im Haus. Sie lasen es wohl beim Eingange: ›Ai tre Re‹ – ,Zu den drei Königen'. Der kleine Sparino wird Ihnen irgend etwas holen . . . Spaghetti . . . eine Frittura . . . und etwas Wein . . . Ich esse mit . . . Ja, wollen Sie?«

Hans lächelt unentschieden. Aber es wäre ihm das liebste, hier zu bleiben. »Willst du Jenny?«

»Nein, ich will sicher nicht«, sagt sie sehr kurz. »Ich bin nicht nach Florenz gekommen, um in der Einsamkeit zu sterben. Du kannst ja machen, was du willst . . . Ich gehe zu den Willis.«

»Und ich bleibe beim Donatello«, erklärt Hans ebenso bestimmt.

»Und ißt bei den ›Drei Königen‹ Makkaroni.« Sie dreht sich energisch auf dem Absatz und läuft zur Türe; besinnt sich aber und sucht ihn zu beschwichtigen mit freundlichem Gesicht: »Ich gehe ja nur wegen der Willis, um sie nicht zu verstimmen. Ich bin in einer Stunde wieder da und hole dich. Ich pfeife unten dann die Giovinezza . . . ja?«

133 Und sie geht. Ihr folgt der Knabe Gaspare, der Hansens Essen und den Kaffee holen soll. Der bärtige Baldassare, buckelnd vor Höflichkeit, hält die Türe in der Hand und macht sie sachte wieder zu.

Hans schaut auf die geschlossene Tür, durch die seine Braut entschwunden ist. Baldassare hat die Anzugteile aufgenommen und ist in die Werkstatt zum Nähen abgezogen. Dort ist er auch näher am Telephon, der gute Geist. Donatello steht abgewandt am Fenster. Seine Schultern und sein Nacken zucken. Bei Gott, er weint.

Hans scheut sich, ihn jetzt anzureden. Aber er stellt sich ans Fenster neben ihn. Unten im Abgrund der Straße steigt Jenny soeben unter lauten Erklärungen an den Chauffeur gestikulierend in ein Taxi. Das Minerva-Hotel ist zwar nicht fünf Minuten weit, aber sie ist noch nie fünfhundert Meter ohne Not zu Fuß gegangen, außer beim Shopping, beim Läden-Sehen und Einkaufen . . .

. . . Jetzt rollt das Taxi . . . Jenny ist weg.

Die Straße liegt dunkel in der Schlucht zwischen dem Hause und dem Dom. Da steht Hans, hoch oben im fünften Stock – und es ist noch nicht die Hälfte von der Domeshöhe. Schräg über ihm schaut ihn riesengroß ein rundes Fenster an, wie ein gewaltiges Auge, unheimlich nahe in seiner erschreckenden Dimension. Darüber verliert sich in der Nacht, mächtig und hoch hinauf, die breite Kuppel. Man sieht die Spitze nicht, denn sie liegt hinter der Wölbung. Unheimlich dieser Berg aus Marmor. Unglaublich dieser Zug nach oben . . .

Aber am Himmel fegt fliehendes Gewölk über die wenigen Sterne. Wir sind im wetterwendischen April. Jedoch ganz dunkel ist es nicht in dieser stillen Nacht. Über die Straße unten läuft ein Lichtschein vom Wirtshaus der ›Drei Könige‹ – und oben leuchtet zwischen den Wolkenfetzen auf einmal ein besonders großer und schöner Stern auf – ganz oben im Zenith, als strahlte er senkrecht über die Kuppel und Donatellos Haus. So sieht es Hans und er findet den Himmel in Ordnung . . . Aber neben ihm steht ein Mensch und weint.

Hans legt Donatello die Hand auf die Schulter. Er sucht sein spärliches Französisch zusammen zu einem tröstenden Gespräch. Jennys Spott über seine Sprachkünste braucht er jetzt nicht zu fürchten. »Parlez-vous français?«

»Si, ein wenig, un peu . . .« In der Handelsschule habe er ein wenig gelernt.

Hans mischt Vokabeln zusammen und beginnt: »Signor Donatello, Sie glauben jetzt nur an ein Unglück. Es kann ja schließlich auch ein Glück werden.« Der Schneider zuckt die Schultern und schaut ihn einen Augenblick sehr traurig lächelnd von der Seite an,

»Aber man muß auch an das Glück glauben. C'est la chance.« Hans kennt das Wort besonders gut aus Monte Carlo. »La chance, sie ist nicht immer unser 134 Feind. Sie glauben doch an die Familie, wie Ihr Vater an das gute Blut. Sie sagten, glaube ich: cosa di sangue. Und Ihr Vater hat wahrscheinlich auch gezittert, als Sie geboren wurden. Und Sie waren doch ein Glück für Ihren Vater, sonst hätte er Sie nicht ›Donatello‹ genannt, sondern Ihnen irgendeinen gewöhnlichen Taufnamen gegeben. Ist es nicht so?«

»Ja, das ist wahr«, sagt Donatello; »aber meine Mutter ist sehr stark gewesen und heute noch sehr rüstig; und sie war dreiundzwanzig Jahre alt bei der Geburt. Da ging es leicht, obschon ich der erste war . . . Aber Sie haben recht. Wenn sie es übersteht – dann wäre es ein großes Glück für uns.«

»Es wird ganz sicher ein Glück«, log Hans gegen seine traurige Ahnung und vermied es scheu, auf das zarte Bild über der Türe zu schauen. Ach, die Kreszenz war ja auch gestorben mit neunzehn Jahren; aber nicht an dem Kind, das ihn nichts anging, sondern an ihm, an dem verlorenen Vater, war sie gestorben. Dennoch wiederholte Hans: »Natürlich ist es ein Glück, Herr Donatello!«

»Auch meine Mutter – ich traf sie eben noch in der Klinik – sprach so wie Sie, Signore«, fährt Donatello fort, »und sie wäre sogar sehr froh, wenn es gleich zwei wären. Das ist ihr Stolz als Großmutter. Nur müßten es Knaben sein«, lächelt er.

»Sie sollen dann wohl nach großen Künstlern heißen? . . .« Hans wollte Namen nennen, aber da versagten seine Kenntnisse in der Kunstgeschichte.

»Nein«, sagte Donatello und schien einen kurzen Augenblick den Schmerz zu vergessen. »Dann nenne ich sie nach den Zwillingsbrüdern unter den Göttern, die heute in den Sternen sind: Castore und Polluce.«

»Kastor und Pollux«, lachte Hans. Ach ja, so hatte man ihn und Molina einmal genannt. Aber die Macht des Blutes, die kam da nicht in Frage. Und die seelische Brüderschaft hatte auch nicht gehalten. Und gar in den Sternen stand über Hans und Molina nichts mehr geschrieben.

»Wenn es aber nun Mädchen sind?«

»Mädchen? Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Dann müssen es zarte Namen sein.« Donatellos Stimme singt es beinahe. »Ach, Mädchen sind Engel.«

Hans schüttelt skeptisch den Kopf. Bei Jenny findet er es zweifelhaft.

»Nicht alle natürlich, es gibt auch Teufel unter den Damen«, berichtet Donatello. Dann blickt er wie verklärt durchs Fenster in die Nacht. »Aber die Mädchen, die von ihr geboren werden, von Fiore – das müssen Engel sein.«

»Sie heißt – Fiore?«

»Ja – Fiore – la fleur – oh, sie ist eine Blume.«

Der Junge, Gaspare, kam mit dem Kellner aus den ›Drei Königen‹. Sie brachten den Kaffee, das Essen und den Wein auf zwei Tabletten. Hans will 135 zahlen; er hat von Jenny einen Hundertlireschein. Aber Donatello wehrt ab: »Nein, Sie sind hier mein Freund, Sie sind mein Gast.« Hans sträubt sich vergeblich. Nun, er wird sich schon einmal revanchieren. Vielleicht Blumen für – Fiore? . . . So ein Name! . . . So ein zartes Wort.

»Du gehst jetzt heim, Sparino«, sagt Donatello zu dem Knaben. »Es ist jetzt zehn.«

Er zögert noch, der schöne Engelsknabe. Er macht sehr große schwarze Augen: »Ich möchte noch wissen, wie es der Signora geht.«

»Du wirst es morgen wissen, Sparino . . . Ach morgen? . . . Gute Nacht.« Der Junge erwidert den Gruß betrübt und geht sehr langsam nach der Türe.

Baldassare und der Kellner haben mit weißem Packpapier den Tisch gedeckt. Es ist alles bereit. Der Zuschneider geht in seine Werkstatt, der Kellner kehrt in sein Wirtshaus zurück.

Nun sitzen der Meister und sein feiner Kunde unter der Lampe; sie essen und schweigen. Donatello denkt an Fiore – den Engel. Hans denkt an Jenny – den Teufel. Nein, ein Teufel ist sie auch nicht. Sie ist weder gut noch böse. Was ist sie denn? Sie ist überhaupt nicht. Man hat sie nicht. Man faßt sie nicht. Wenn man nicht gerade mit ihr spielt, so ist sie wie ›nicht mehr da‹ – wie wenn man eine Puppe weglegt. Er kennt sie jetzt drei Wochen. Er liebt sie in der Nähe. Aber sowie sie zum Zimmer hinausgeht – beinahe vergißt er sie dann. Aber sie will ihn ja heiraten . . . Heiraten? Ach, es ist ein Wahnsinn . . . es ist unmöglich . . . Hans geht ans Fenster. Soll er Jenny einen Brief schreiben? Er überlegt . . . Er sieht in die Nacht.

Donatello hat seinen Rock ausgezogen und sich zu Baldassare zur Arbeit in die Werkstatt gesetzt. Die Nähmaschine surrt gemütlich in die Stille. Hans schaut in einem Modeheft die Bilder an. Er muß ja auf Jenny warten. Hin und wieder geht er ans Fenster, um nach ihr auszusehen. Sie wollte in einer Stunde zurück sein. Jetzt sind bald deren zwei vergangen. Es ist elf . . . Das Aprilgewölk hat über dem Dom wieder einen Fleck vom Himmel reingefegt. Der riesengroße Stern steht über Donatellos Haus. Er leuchtet wie ein Wunder.

Da läutet schrill das Telephon. Sofort hört die Nähmaschine drüben auf. Donatello saust an den Apparat. »Gott im Himmel! . . . soll ich kommen?« Jetzt hört er eine längere Erklärung und unterbricht sie nur gelegentlich mit »Dio, Dio«. Hans eilt auch in die Werkstatt. Baldassare, einen angefangenen Rockärmel in der krampfigen mageren Greisenhand, steht dicht bei seinem jungen Meister, so nahe wie möglich an dem Draht des Schicksals. Hans hebt gespannt den Kopf, als könne er dann besser hören, was nur der arme Donatello hören kann.

136 Aber noch ein anderer Laut wird plötzlich durchs offene Fenster für alle hörbar. Es ist Jennys Pfiff: die Giovinezza. Hans läuft zum Fenster. Unten im Licht des Restaurants zu den ›Drei Königen‹ sieht er sie stehen vor einem mit Menschen überfüllten Auto: zwei Damen und drei Herren. Die Gesellschaft ruft ›Hallo‹, als Hans erscheint. Er hält den Finger an den Mund, um anzudeuten, daß sie schweigen sollen. Aber sie sehen oder verstehen die Geste nicht. Er ruft: »Ich komme hinunter.« Nur jetzt nicht Jenny hier herauf – in dieser Stimmung eines heiligsten Schmerzes.

Er wendet sich vom Fenster. Donatello hat den Hörer fallen lassen. Baldassare nimmt ihn auf und hängt ihn ein. »Was ist geschehen?« fragt er zitternd.

»Es sind doch Zwillinge«, stammelt Donatello. »Man hat die Herztöne von beiden gehört.«

Er sucht nach seinem Rock. Baldassare hilft ihm hinein. »Ich muß sofort hin, sie hat auf einmal die großen Wehen bekommen. Es sind Preßwehen. Jeden Augenblick kann es so weit sein. Oh, Madonna!« Er eilt hinaus. Hans mit ihm. Baldassare, immer noch mit dem Rockärmel am Arm, schaut ihnen kopfschüttelnd nach und geht dann ans Fenster.

Unten wird Hans von Jenny – sie hat wahrhaftig wieder ihr etwas aufgeputztes altrosa Seidenes angezogen! – sofort stürmisch umarmt. »Mein Jonny, ich bin schon total beschwipst, ich bin eine unverstandene Frau, ich bin . . .«

Hans windet sich brüsk aus ihrer Umarmung. Sie will böse werden: »Du verstehst eine Frau nicht . . .«

Aber er unterbricht sie erregt: »Donatello muß in die Klinik. Es sind Zwillinge. Ihr müßt ihn sofort hinfahren.«

Jenny kann sich unmöglich gleich ernüchtern; aber sie sieht Donatello zehn Schritte weit von sich nach einem Taxi winken. Da versteht sie und sagt: »Aber natürlich müssen wir ihn hinfahren, weil er so schön und traurig ist. Wir sind zwar komplett, aber er kann sich mir auf die Knie setzen.« Und sie ruft: »Hallo, Donatello«, und schüttelt sich vor Lachen.

Aber Donatello sitzt bereits in einer Autodroschke. Im Vorbeifahren grüßt er stumm.

»Ach, schade«, klagt Jenny, und »Viel Glück, Donatello«, lacht sie ihm nach. Dann faßt sie Hans am Arm: »Komm, Baby, komm; wir haben nämlich zuerst im ›Lapi‹ gegessen und fahren jetzt zum Fest der unverstandenen . . .« Sie kichert wieder und schiebt Hans zum Auto. »Hier sind schon unsere Trauzeugen ; ich stelle vor: Baron Holt und Madame Brasdefer . . . und wir heiraten uns alle . . .«

137 Hans ist aber durchaus nicht gesinnt, hier alle mitzuheiraten; und als er in die Droschke steigen soll, behauptet er: »Es geht nicht, ich nehme mit Jenny einen anderen Wagen.« Aber da wird laut protestiert, und Jenny selber reklamiert am lautesten: »Auf meine Knie, sonst laß ich mich gleich scheiden, bevor wir uns heiraten.«

»Meinetwegen – aber laß mich in einen anderen Wagen.«

Ein blonder Herr – es ist der flotte Baron Holt – ruft: »Aber Sie geben ihr damit einen gesetzlichen Scheidungsgrund.«

»Trennung von Tisch und Auto!« schreit eine kleine Hexe zwischen zwei englisch redenden Herren, die wahrhaftig mit ›Pitt‹ und ›Fox‹ angeredet werden.

Hans aber sucht nach einem Wagen. Es ist keiner in Sicht. Da sagt er: »Ich habe meinen Mantel oben vergessen. Fahrt voraus! Wohin übrigens?«

»Zuerst ins Minerva, zu Willis. Aber komm nach, sonst ist es aus mit uns.« Und zur Gesellschaft sagt sie: »Er will halt immer seinen Willen haben. Ich darf nur machen, was er will. Und ich bin seine Sklavin.«

»Sie sind die unverstandenste Frau von uns allen«, sagt der lange Holt.

Der Wagen fährt. »Ja, er ist ein typischer Tyrann«, beendet Jenny Hansens Charakterzeichnung. Sie sausen los. Hans sieht sie fahren.

Der große Stern strahlt über der Kuppel des Domes der Santa Maria del Fiore. Den müßte Donatello sehen – und Fiore. Er leuchtet jedem neuen Erdenkind, das heute nacht geboren wird.

 
Der Brief

Hans ist wieder in seinem Asyl, in Donatellos Raum, bei Baldassare. Der Alte scheint es für ganz selbstverständlich zu halten, daß man zusammen bleibt und sich im Unglück nicht allein läßt. »Sie, Signore, kamen in Ihrer Not zu uns; wir wissen es von Signor Meumann, dem Scrittore. Jetzt aber sind wir in der Not und da teilen sie unseren Schmerz, und wollen nicht Feste feiern, obwohl Sie ja im Frack sind.«

Hans versteht zwar die italienischen Worte nicht. Er ist tief verstimmt und traurig; aber er hört des Alten guten Ton. Da fällt ihm etwas ein: »Baldassare, Signor Baldassare, haben Sie nicht ein Stück Papier? . . . Ich muß einen Brief schreiben.«

Der Alte begreift nicht.

»Papiro!« sagt Hans. Er glaubt, so etwa könne es auf italienisch heißen. »Schreibpapier oder Packpapier, es ist alles eins . . .« Und er wiederholt: 138 »Papiro!« Und als Baldassare das eigentümliche Wort noch immer nicht versteht, da macht Hans die Bewegung des Schreibens, sagt dazu ›Meumann‹, und erinnert sich des Wortes ›Scrittore‹.

Da ahnt Baldassare das Richtige und sagt: »Ah – della carta!« Er trippelt auf das Geschäftspult zu, da vorne am Fenster, und öffnet eine Schublade. Da gibt's ›Papiro‹ in Hülle und Fülle. Und was sieht Hans auf dem Briefkopf von Donatellos Geschäftsformular? Da ist wahrhaftig als Schmuck der Firma wieder einmal ein ›Merkur‹ gedruckt – der Götterbote. Wahrlich, ein guter Gott. Hans nimmt sich ein paar Bogen, holt Tintenfaß und Federhalter vom Pult an den Tisch unter die Lampe. »Scrittore«, sagt er, auf sich selber deutend, zu dem Alten, bevor der wieder nebenan an seine Nähmaschine schleicht.

Ja; ein ›Schriftsteller‹ ist jetzt Hans; aber nicht wie der gute Götterbote Meumann mit seinen sehr schön erfundenen Romanen, sondern er, Hans, wird jetzt eine leider ganz unschöne Wahrheit zu Papier bringen. Es muß heraus! Und er legt den durch Merkur geheiligten Bogen vor sich hin mit der Firma: »Conti, Donatello, Sarto« – und schreibt unter diesem guten und schönen Namen das folgende Bekenntnis:

Liebe Jenny!

Da bin ich nun wieder allein, ohne Dich, statt daß wir zu zweit bei ›Lapi‹ sitzen und uns gern haben. Verzeih, daß ich nicht mitkam, aber es waren mir zu viele, und du warst mir zu fröhlich für meine Stimmung. Ich schreibe Dir hier zum erstenmal einen Brief. Aber ich muß Dir etwas sagen, was mich schon lange bedrückt, und seit gestern noch viel mehr als sonst. Wenn ich es Dir mündlich sagte, so würde ich gehemmt sein und nicht recht reden können. Denn ich schäme mich, es Dir so direkt zu sagen, weil Du es Quatsch findest; und ich schäme mich seit gestern überhaupt.

Diese Fahrt im Frack werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr los. Denn das war scheußlich, so als Zirkuspack herumzulaufen. Als ich mich dann bei unserem Gespräch auf dem Turm an mein Kind im Medaillon erinnerte und dabei auch an meine Mutter dachte, weil sie mir das Bild einmal gegeben hat – da kam ich mir gar nicht mehr als Herrenklasse vor (wie Du ja immer von uns sagst), sondern wie ein richtiger Lump; der nur von der Hand in den Mund lebt. Und noch viel windiger als der rumänische Graf von gestern, der immerhin ein ganz echter Hochstapler ist, mit einer Art von Beruf, auch wenn es ein schändlicher Beruf ist. Aber ich selber bin ja überhaupt nichts als ein Fußballklubmitglied. Ich lebe zwar von der kleinen Rente, die ich vom Vater habe, seit ich majorenn bin. Aber das reicht ja nur für die Zigaretten und 139 Cocktails, und sonst lebe ich großartig vom Pokern und den Einladungen bei Freunden und Damen, damit ich um Gotteswillen ein feiner Mann bleiben kann. Und es ist alles kein Ziel und alles nur Zufall. Und ich habe daher keinen Willen mehr, und das sogenannte Schicksal spielt mit meinem Leben wie mit einem Hampelmann. So behandelst Du mich ja auch. Ich bin nur ein Dreck. Aber Du merkst es nicht einmal; das ist das Allerschlimmste.

Das sogenannte Schicksal, das Du mir da heute aus der Toilettentischschublade vorgelesen hast (das mit dem Mineralwasserberg auf der Insel Ischia), das fandest Du gemein und ungerecht gegen die armen Menschen. Und da sagte ich Dir gleich, daß gerade Du mit der Gerechtigkeit nicht kommen dürftest. Und der arme Donatello mit seiner Frau ist Dir ja auch vollkommen schnuppe, wenn Du nicht gerade mit ihm flirten kannst. Denn Du behandelst alle Menschen ja nur nach Deiner Laune, ganz so, als wären sie wie Deine Puppen, nur zum Spielen und zum Weglegen. Denn Du denkst ja immer nur an Dein Vergnügen und nimmst ja auch mich nur zum Zeitvertreib. Du bist ja sofort nicht mehr für mich da, sowie irgend ein Graf oder eine Bekanntschaft aus Frankfurt am Main aufzutreiben ist. Und jetzt sitze ich auch wieder allein da und komme mir vor wie eines Deiner abgelegten Babies im Handkoffer. Und wenn Du manchmal auch sehr gut und lieb zu mir bist (und das bist Du oft und gern, das gebe ich zu), so bist Du es eben doch nur zum eigenen Vergnügen, weil Du gerade an der Liebe Spaß hast und im Moment nichts anderes los ist. Aber das ist die Wahrheit, und ich muß sie Dir jetzt sagen. Ich meine es nicht einmal böse gegen Dich, trotz dieser nichtsnutzigen und grausamen Flucht von gestern, bei der Du nicht wußtest, ob Du mich mehr hassest oder liebst. Und der Rumäne wußte es auch nicht.

Du kannst natürlich auch nicht anders, als Du bist, und bald sprudelst Du vor lauter Liebe und bald versiegst Du ganz wie die Quelle auf der Insel Ischia. Und merkst nicht einmal, ob einer dabei kaputt geht. Denn den Rumänen hast Du ja auch schließlich mit falschen Liebestönen angelockt, sonst wäre er gar nicht auf die Flucht mit Dir gekommen. Und wenn er auch nur ein lumpiger Hochstapler ist, so ist er doch schließlich auch ein Mensch und hatte nach allem ein Recht, an Dich zu glauben, weil Du ihm etwas Echtes vorgeschauspielert hast, und mir etwas Unechtes mit diesem Blödsinn in Monte Carlo. Und seit heute früh in Pisa auf dem schiefen Turm, da wolltest Du mit mir grad wieder einmal echt sein, und willst mich jetzt heiraten, und mein Baby, das ich ja ganz vergessen habe, soll Dein lebendiges Puppenkind sein, und brauchst es nicht einmal selber zu gebären, und die andere ist dafür gestorben, und Du willst Dein Vergnügen daran haben, und ich selber muß dazu den Puppenpapa 140 spielen und Dein Hofnarr im Zylinder sein. Denn ohne Deine Spielerei mit dem Rumänen und so weiter wäre ich ja niemals am hellen Tage wie ein Affe im Frack herumgelaufen vor den Leuten, vor dem Posthalter, dem Chauffeur und den fürchterlichen Kindern von Pisa, vor den guten Meumanns und meinem versauerten Molina, diesem stehengebliebenen und traurigen Pomadekamel. Ich habe mich in meinem Frack seit gestern mehr geschämt als in meinem ganzen übrigen Leben, ausgenommen bei dem Unglück mit der Kreszenz. Und daran bist Du schuld. Und eigentlich müßte ich Dir dafür noch dankbar sein, weil ich nach dieser Nacht und diesem Tag dieses Lumpenleben nicht mehr mitmache und einfach nicht mehr aushalte.

Denn Du hast es ja auch gefühlt, da oben auf dem schiefen Turm, daß wir ein gottverlorenes Pack sind und keine Herrenklasse. Und die Meumanns haben es auch gemerkt. Aber das ist ihnen gleich, weil sie jeden leben lassen, wie er eben ist. Sie haben uns aus der Not geholfen. Aber ohne die Not wollen sie nichts mit uns zu tun haben. Darum haben sie ihre Adresse nicht gegeben. Ich hab's schon gemerkt. Du nicht. Denn Du merkst nie, mit wem Du es zu tun hast, sonst würdest Du mich auch nicht heiraten wollen. Aber zum Heiraten, dafür sind wir beide ja viel zu lächerlich und werden auch daraus nur eine Spielerei machen, mit einem falschen Kind von einer andern Mutter, und nach drei Monaten hast Du es satt und spielst wieder mal Flucht mit irgend einem Grafen, und ich werde älter, und dann ist es aus mit mir.

Aber dafür bin ich heute noch zu jung, liebe Jenny. Jetzt kann ich vielleicht noch etwas mit mir anfangen, und wäre es nur in der Versicherungsanstalt, bei dem Professor Forest, von dem mir meine Mama geschrieben hat, vorgestern vor der Flucht. Obschon ich etwas Angst vor dem Versuch habe. Aber wenn es auch nur eine kleine Stellung ist, so füllt sie doch meine ewige Faulenzerei und Langeweile mit irgend einem Zweck aus, so daß ich mich nicht mehr schämen muß wie gestern vor einem armen Posthalter in dem Drecknest Torrevecchio und heute vor diesem Schneider Donatello, der viel mehr ist als nur so ein Schneider, weil er ein ganzer Mensch ist und ein Künstler und für andere Menschen ein Herz hat. Ja, wenn man sich verwandeln könnte, so möchte ich genau wie dieser Donatello sein. Und ich wünsche nur aus meinem ganzen Herzen, daß ihm dieser Engel von einer Frau nicht stirbt. Denn das wäre eine grenzenlose Gemeinheit vom Schicksal. Aber gegen die äußeren Mächte kann man nichts machen. Das ist wie bei dem launenhaften Berg auf Ischia. Wo man sich aber selber noch beizeiten wehren kann gegen die bloßen Zufälle in unserem Leben, da muß halt etwas von uns aus geschehen. Und darum sage ich Dir jetzt, daß wir uns lieber nicht heiraten wollen. Denn das ist nur ein Zufall. Und ich 141 geh daran kaputt. Sei mir nicht böse, Jenny. Ich habe Dich sehr gern, aber es geht nicht. Und Du mußt es verstehen, liebe Jenny. Ich lege Dir diesen Brief auf den Nachttisch. Und morgen kannst Du mir dann sagen, ob wir noch Freunde bleiben können.«

Dein Hans.

So einen langen Brief hatte Hans in seinem ganzen Leben noch nie geschrieben. Aber er hatte auch noch nie so viel erlebt, wie an diesem zwölften und dreizehnten April. Inzwischen war es soeben der Vierzehnte geworden. Es schlug Mitternacht. Hans ging hinüber zu Baldassare, der mit der Hand an den Säumen nähte. »Es wird! Signore, morgen mittag ist er vielleicht schon fertig, wenn Signor Donatello hilft und der Geselle – der Melchiore, der heute dummerweise seinen freien Tag hat – morgen noch die Knopflöcher und das Futter macht.« Er erhob sich, probierte Hans den halbgenähten ärmellosen Rock noch einmal an, um die Schultern und den Kragen nachzuprüfen. Er wackelte mit seinem bärtigen Gnomenhaupt und raunte leise und geheimnisvoll: »Es ist schon nach Mitternacht, Signore. Und der Dreizehnte ist vorbei. Jetzt kann sich viel entschieden haben, da drüben bei Signora Fiore. Wir wollen anfragen.«

Er huschte zum Apparat und verlangte die Nummer des Spitals. Es ging sehr lange bis zur Gegenmeldung. Hans zog den Mantel an, um sofort nach der Nachricht wegzugehen. Er faltete den großen Brief zusammen und steckte ihn ohne Umschlag ein. Von der Straße, da unten in der Nacht, tönte ein lauter Streit herauf. Baldassare verlangte von Zeit zu Zeit die Verbindung. Hans sah am Fenster wieder in die Nacht. Der große Stern stand hinter einer Wolke verborgen. Der Lärm unten verscholl. Jetzt redete auch Baldassare. Man gab ihm Auskunft.

»Triste, sehr traurig«, sagte er. Dann hing er den Hörer ein. Und auf Hansens fragenden Blick erwiderte er langsam und beinahe feierlich: »Uno.« Er hob dabei einen Finger. Mit der anderen Hand deutete er die Größe eines kleinen Kindes an. Dann hob er zwei Finger, um zu sagen, daß ein zweites erwartet würde.

»Und Fiore?« fragte Hans und wies auf das Bild über der Türe.

Baldassare sah auch hinauf. Da kamen Tränen in seine alten Augen, und er hielt die magere Hand auf sein Herz. Dann zeigte er mit einem Finger auf Hansens Herz; endlich nahm er den langen Maßstock, hob ihn hoch zu dem Bilde und wies auf die Brust des Engels da oben. Und sagte: »Sta male, male . . . das Herz ist schwach; la perdita di sangue . . . sehr schwach. Oh, Madonna santissima, rette sie, damit sie nicht sterben muß.«

142 Hans schwieg. Er war bewegt. Dann schrieb er auf einen Bogen vom Geschäftspapier mit Bleistift:

Lieber Herr Donatello! Gute Nacht und möge es gut gehen bis zum Morgen. Ich komme um Mittag. Ich danke Ihnen von Herzen für alles. Ich denke an Sie und Signora Fiore. Ihr H. B.

Das war nun schon sein zweiter Brief in dieser Nacht, gestempelt mit dem Bild Merkurs, des Götterboten. Dann gab er dem guten Gnomen Baldassare die Hand. Der begleitete ihn mit einer Kerze hinunter, schloß die Riegel des schweren Haustors auf und verbeugte sich mit seinem runden Buckel wie ein dienender Geist vor einem Prinzen im Märchenschloß. Die Tür fiel hinter ihm zu. Hans stand in der schwarzen Schlucht der Straße. Die ›Drei Könige‹ hatten geschlossen.

Aber der Stern war wieder da.

Hans ging nicht zum Hotel. Nein, schlafen konnte er nicht; und Jenny treffen, das konnte er wahrhaftig jetzt noch weniger. Mit offenem Mantel schritt er durch die leeren Straßen. Wer sah jetzt schon den Frack? Er kam über phantastische Plätze, wanderte zwischen finsteren Mauern durch abgrundtiefe Gassen. Verlief sich in der Richtung. Gelangte schließlich an den Fluß, der schwarz vorüberfloß, unter einer Brücke. Setzte sich auf die steinerne Brüstung. Vergaß Jenny; vergaß seinen Frack; verlor die Zeit um sich, in sich. Dachte an seine Mutter, an Kreszenz und an Fiore.

Als Hans um drei Uhr morgens in sein Hotelzimmer kam, war Jenny noch nicht da. Aber auf seinem Bett lag eines ihrer koketten, ganz kleinformatigen blauen Briefchen mit einer flüchtigen Bleistiftnotiz:

L. H. Warum bist Du nicht gekommen? Wir machen eine Nachtfahrt nach Fiesole und warten auf die Sonne. Wir haben Chianti mit. Ich wollte Dich holen und war im Hotel, und dann um zwei Uhr noch beim Donatello. Nur der Alte war da. Du aber nicht. Wo treibst Du Dich herum? Das erste Kind kam um elf, das zweite um halb eins. Es geht sehr schlecht mit der Frau, der Ärmsten. Der Anzug wird fein. Wiedersehen morgen. Hab mich lieb. In Eile!

Immer Deine J.

Ja, ja, es ging sehr schlecht mit Fiores armem kleinem Herzen. Aber Jenny ging es offenbar ganz gut. Ja, ja – ›immer Deine J.‹ Hans legte nunmehr 143 seinen eigenen nächtlichen Brief in Jennys Zimmer auf das Bettkissen. Dann wankte er in sein Bett und fiel, keines Gedankens mehr fähig vor tiefster Müdigkeit, sofort in einen schweren Schlaf.

Um halb acht Uhr stürmte Jenny durch die Korridortür, noch im Pelz und Abendkleid und eine Morgenzeitung schwingend und schrie: »Hans, sie haben es!« Sie kommt direkt von unten. Sie war noch nicht auf ihrem Zimmer.

»Wen?« murmelt Hans noch halb im Schlaf. »Das Kind?«

»Nein doch, unser Auto. Bei Livorno. Lies nur hier!« Sie setzt sich auf sein Bett und zeigt ihm die Notiz. »Wir frühstückten in den Cascine und suchten alle sechs in der Morgenzeitung.« Und Jenny las:

»Livorno, 13. April. Auf der Landstraße bei Viareggio fand ein Gendarm ein herrenloses Auto mit vollkommen leerem Tank, deutsche Marke Mercedes; aber mit französischer Nummer 18027. Darin befand sich nur ein gewaltsam aufgebrochener Koffer mit einiger Herrenunterwäsche. Im Straßengraben lagen ein schwarzer Rock, eine Weste und eine gestreifte Hose, sowie eine Krawatte von grellgelber Farbe. Es wird ein Verbrechen vermutet. Vom Täter fehlt jede Spur.«

Hans jammerte spontan: »Und mein schöner hellgrauer Anzug mit den Streifen!«

»Ja, lieber Hans, den hat er wohl gegen seine Gesellschaftskluft ausgetauscht, der miese Hochstapler. Wir waren um sieben Uhr schon auf der Polizei. Die suchten unter den Telegrammen und fanden's gleich. Ich habe ihnen das Verbrechen – Blödsinn Verbrechen! – auch gleich ausgeredet, obschon er schließlich ein Dieb ist. Sonst kriegen wir den Wagen von der Staatsanwaltschaft nicht gleich heraus. Und jetzt fahren wir um neun Uhr gleich nach Livorno – über Pisa, Hans! – und holen ihn! Es ist nur hundertundfünfzig Kilometer. Um elf sind wir schon dort.«

»Wie kommen wir aber hin?«

»Nun, doch mit Holts Wagen. Er fährt uns natürlich.«

»Ach so?« Hans wird nachdenklich.

»Und dann sehen wir unser schönes Pisa wieder – in völlig neuer Beleuchtung, mit Geld und Wagen. Der alte Wärter kriegt von mir hundert Lire, weil er uns doch das Leben retten wollte.«

»Pisa?« seufzt Hans. »Ich fahre nicht über Pisa. Ich will den schönen, schiefen Turm im ganzen Leben nie mehr sehen und nicht mal an ihn denken. . . . Da oben, das war die schiefste Lage meines Lebens.« Und als Jenny komisch 144 die Nase rümpft über eine so unbegreifliche ›Sentimentalität‹, die nach vierundzwanzig Stunden noch immer nicht überwunden ist, sagt Hans: »Hast du den Brief denn nicht gelesen?«

»Welchen Brief?«

»Ich habe dir nämlich heute nacht einen langen Brief geschrieben. Er liegt auf deinem Bett.«

»Du hast mir einen Brief geschrieben? Bist du denn krank? Was fällt dir denn ein?«

»Du hast mir heute nacht auch einen blauen Brief aufs Bett gelegt und bist ja auch nicht krank, wie ich sehe . . . Wir korrespondieren jetzt. Vielleicht ist das für uns gesünder.«

»Was steht in dem Brief?« fragt Jenny gereizt.

»Das kann ich dir nicht sagen, das mußt du halt lesen. Jedenfalls wirst du dann wahrscheinlich lieber ohne mich nach Livorno fahren.«

»Ich verstehe dich nicht – wir wollen doch heiraten.«

»Lies den Brief – und laß mich schlafen.« Hans dreht sich zur Wand. Jenny geht wortlos in ihr Zimmer und schlägt empört die Türe zu. So ein Idiot, denkt sie. Der reinste Molina!

Hans aber, in einer tödlichen und seelenschweren Lethargie, schläft wirklich wieder ein.

Drüben am Toilettentisch liest Jenny den Brief – vor der von gestern her noch offenen Schublade, aus deren zeitungsausgelegten Grunde ihr zwischen Lippenstift und Nagelcreme das ungerechte Schicksal von Ischia erschienen war. Und sie liest den Brief – und heult vor Wut und Schmerz über Hansens namenloses Unrecht.

 
Der Heiligenschein

Um zwölf Uhr ist Hans aufgestanden. Auf sein Klopfen an Jennys Türe rührt sich nichts. Also denn nicht. Vielleicht ist sie bereits in Pisa und sitzt diesmal mit Holt auf dem schiefen Turm. Hans geht in die Halle und läßt durch den Portier, einen gemütlichen, breit gebauten Mann, bei Donatello nach Fiore fragen, und ob und wann er kommen dürfe.

Baldassare ist am Telephon.

»Die Kinder sind sehr klein und schwach, aber sie leben«, gibt der Portier auf deutsch an Hans weiter.

»Und die Mutter, Signora Fiore?«

145 »Ach, die Mutter – sie liegt zwischen Leben und Sterben«, sagt der Portier leise. »Povera mamma.«

»Darf ich kommen?«

Der Meister Donatello schlafe in seinem Malatelier. Er sei um fünf Uhr morgens heimgekommen, bleich und halbtot. Aber um acht Uhr habe er schon wieder auf dem Schneidertisch gesessen, mit Hansens Anzug. Um neun Uhr sei er wieder in die Klinik gelaufen. Aber Signor Bell solle nur kommen, der Anzug sei fast fertig, bis auf das Futter und ein paar Knopflöcher.

Ja, der karierte Anzug, die Rettung vor der Schande des Fracks. Er hat ihn ja noch immer an, das letztemal hoffentlich auf dieser Reise. Addio – Frack! Addio –Jenny! . . . Es wird so frei um Hansens Herz . . . Immerhin geht er ja schon vierundzwanzig Stunden ohne den Zylinder.

Baldassare, der gute Zwerg, öffnet selber die Tür. Über dem Arm hängt ihm die fast fertige Hose des Karierten, an der er noch eben gefüttert hat. Er hält zwei Finger an die Lippen: »Er schläft.« Und er weist zu Donatellos Malatelier hinüber.

Der Knabe Gaspare wiederholt die Geste des Alten; leise wie eine Katze läuft er auf den Zehen.

In der Werkstatt sitzt auf dem Schneidertisch neben Baldassares Platz eine für Hans ganz neue Person: es ist der Geselle, der gestern seinen freien Tag hatte. Er präsentiert sich nur in Hose und Hemd, und unter affenhaft flinken Bewegungen säumt er seit acht Uhr früh die Knopflöcher und setzt Futter ein. Er heißt Melchiore, und ist ein etwa vierzigjähriger, schwarzer Sizilianer, ein halber Mohr, mit aufgetürmtem Haarwuchs und kugeligen Augen, die sich lustig drehen. Denn der wild grimassierende und rasche Mensch hat ein fröhliches und gutes Temperament. Er spricht in einem rauhen Idiom, das fast mehr nach Arabisch als nach Italienisch ihm aus der heiteren Kehle krächzt. Aber kurios: der wilde Mann spricht ein paar Worte deutsch. Er hat sie in seiner Kriegsgefangenschaft gelernt, im Mannheimer Lager. Jetzt will er seine Sprachkenntnis vor dem deutschen Kunden zeigen und begrüßt ihn daher lustig und unter vielen komischen Bücklingen mit »Guten Tagen, Herr«.

Hans wundert sich über seine, wie er höflich sagt, ganz ausgezeichnete Aussprache, und vernimmt aus einem rasch holpernden Gemisch von Deutsch und Italienisch, wo er das gelernt habe.

»Und wie geht's Signora Fiore?«

Baldassare versteht sofort die Frage bei diesem geliebten Namen, hebt schmerzlich die Brauen hoch und sein Kopf zieht sich noch tiefer in den Buckel. Der dunkle Melchiore aber haspelt rasch die Worte heraus: »Nicht gute, die 146 Frau. Viele Blut weg. Schlechte Krankheit, male, male, wenig Blut. Das Herzen ist nicht gute«, und er zeigt mit dem Finger auf sein eigenes.

»Kann ich ihn sprechen?«

»Er schläft . . . Wir wollen lieber erst anprobieren.« Sie holen die Kleidungsstücke.

Es telephoniert. Zwei Männer und ein Knabe stürzen zugleich zum Apparat. Aber es ist nur ein Kunde, der sich nach seiner Tennishose erkundigt. Nichts von Fiore.

Hans zieht den Frack aus, und den neuen Karierten zieht er an. Schön, die Farbe. Sie steht ihm auch am Tag. Die blauen Augen und der blaue Streifen – es ist eine Augenweide. Die Karos bilden ein heiteres Schachfeld für ein geordnetes und wohlbedachtes Spiel. Die Hosen hängen in schöner Breite von der Taille bis unten zum doppelten Umschlag. Die Weste ist weit ausgeschnitten, sommerlich und heiter. Der Rock – der linke Arm ist schon darin – aber, was ist nur mit dem Rock? – da oben an der rechten Schulter? Da staut es sich, reißt in dicken Stoffzügen den Revers nach oben. Und hinten – eine Katastrophe – der Rücken bauscht sich in schrägen Falten. Ja, eine Katastrophe!

Entsetzen steht auf dem Gesicht Baldassares. »Melchiore«, ruft er, »was ist hier geschehen?« Der Sizilianer rollt die Augen, springt behend vom Tisch, so daß man im offenen flatternden Hemd die behaarte Brust sieht, und kommt vor den Spiegel, vor dem der vor Schrecken verstummte Hans sich reckt und beugt.

»Das hat der Herr gemacht, nicht ich«, sprudelt Melchiore heraus. »Zwischen acht und neun hat er es genäht. Denn ich selber war ja an der Weste.«

»Der Meister, der maestro? Unmöglich«, wundert sich Baldassare. »Unmöglich, aber leider wahr.« Sie prüfen beide mit den Fingern die Schulternaht am rechten Ärmel. Auch der kleine Gaspare steht dicht dabei mit tragischer Anteilnahme in den Augen. Da sagt Baldassare: »Unbegreiflich, er hat den Ärmel verkehrt an das Schulterloch genäht; die Innenseite oben und die Außenseite unten. Da hat sich alles verzogen. Unbegreiflich bei einem solchen Meister – aber . . .«

»Er ist dabei eingeschlafen«, erklärt Melchiore. »Aber ich habe ihn um neun geweckt für die Klinik.«

»Ja, es ist doch nicht unbegreiflich«, ergänzte Baldassare kopfschüttelnd und geheimnisvoll seine Rede über den Meister. »Aber wenn er nichts zerschnitten hat, am Ärmel, so ist es gar nicht schlimm.« Und er streichelt tröstend den unglücklichen Kunden Hans. »Denn der Zuschnitt, Signore, ist alles. Die Anatomie des Schneiders. Die Komposition des Künstlers. Darin ist Donatello Meister. Das Nähen – das gibt sich von selber. Das ist nur Gesellenkunst.«

147 Hans versteht nur ›Anatomie‹ und ›Komposition‹; er nickt, und Melchiore beruhigt ihn und grinst mit Lippen und Zähnen: »Balde, Signore, schnell wieder gute, Ärmel subito.« Und er reißt mit Fingern und Schere den fehlerhaften Ärmel von der Schulter los. Es ist nichts zerschnitten. Die Schneider sind beruhigt. Hans zieht Rock und Weste wieder aus; steht aber noch eine Weile in den neuen Hosen vor dem Spiegel und macht Schrittproben; freut sich am Fall des Stoffes.

Da, wieder ein Telephon. Melchiore hüpft behend wie ein Tier vom Tisch zum Telephon. Baldassare reckt den Kopf aus seinem Buckel wie eine Schildkröte aus der Schale. Gaspare eilt vom Korridor in die Werkstatt. »Es ist die Klinik. Dio, Dio«, klagt Melchiore mit bedenklichem Gesicht.

»Ist sie tot?« ruft in höchster Angst Baldassare und hält sich, alle Devotion vor dem Kunden vergessend, krampfhaft an Hansens Gelenk.

»Nein, nein«, wehrt Melchiore den Einwurf hastig ab; man stört ihn, denn er muß hören. Jetzt schließt er das Gespräch ab. »Dank, Dank der allerheiligsten Madonna«, atmet der Schwarze auf. »Ringrazio Iddio e tutti Santi«, jubelt er.

»Was ist?« rufen Baldassare und Hans in einem Atem.

Melchiore sagt: »Sie lebt, Gott sei gelobt. Sie lebt noch!« Dann wird sein schwarzes Gesicht ganz trübe und glanzlos, und er stottert: »Aber das erste Kind – ist tot.« Er sagt es erst italienisch und dann deutsch in seiner Weise. »Es war ein Mädchen.«

»Wir müssen ihn wecken«, sagt Baldassare. Tieftraurig hängt sein Zwergenhaupt über dem Bart. Er geht zur Türe des Ateliers und öffnet sehr behutsam, sehr leise.

Sie treten alle drei heran und sehen in den nur wenig hellen Raum. Die Ottomane ist leer. Aber da, vor der Staffelei mit Fiores Bild, da sitzt der Meister, nur in Hemd und Hose, tief vorgebeugt über der auf den Knien liegenden Palette. Die rechte Hand hängt wie tot von der Schulter; darunter liegt der den Fingern entfallene gelbfarbene, dünne Pinsel am Boden . . . Er schlummert. Ja, er schläft, bei allem Schmerz. Er ist jung, und die Natur ist gut zur Jugend und gibt – ganz anders als den Alten – dem Schmerz die Gnade des Schlafes.

»Maestro«, will Melchiore rufen und ihn aufrütteln. Aber Baldassare hält ihn rasch zurück und weist mit aufgeregten Augen auf das Bild. Sie alle sehen – und sie staunen und erschrecken.

Ja, auf dem Bilde war etwas ganz Besonderes geschehen – etwas Unbegreifliches – etwas Uebermenschliches – und fast Erschreckendes. Die heilige Kirche dürfte es nie erfahren. Man hätte ihn verbrannt für diesen Frevel, den 148 Meister Donatello, noch vor zweihundert Jahren. Denn um das schöne, sanfte Haupt Fiores war mit goldgelbem, feinem Strich ein weiter, zarter Kreis gezogen – der Nimbus der Madonna – ein Heiligenschein.

»Oh, la Santissima – la vera Madonna!« ruft Baldassare leise und bekreuzigt sich. Der kleine Gaspare ahmt das Zeichen sofort nach. Signora Fiore – sie war ja die Madonna . . . Auch Melchiore schaute fromm und stumm.

Die irdische Liebe Donatellos hatte sich verirrt auf die Pfade des Paradieses. Ein Engel dieser Erde, wie Fiore, war von der himmlischen Liebe des Geliebten emporgetragen worden in die Göttlichkeit. Oh, Donatello, du Mensch der Güte und der Seele, was hast du getan mit deinem vermessenen Pinsel? Aus deiner Liebe ist Anbetung geworden. Aus deiner Angst um ihren Tod hast du ihr vor der Zeit bereits die Seligkeit bereitet. Mit deinem Fluge über den sterbenden Leib und über das schwarze Grab hinweg hast du sie – Künstler, Liebender und Priester deiner Liebe – hinaufgeführt in den Himmel der Heiligen. Du süßer Frevler aus Schmerz und aus Liebe. Und nun sitzest du da, ermattet von der Ekstase deiner frommen Sünde, und träumst auf deinem Stuhl von deiner Göttlichen – und möchtest gleich hinsterben zu ihr – hinauf in die reinste Seligkeit der Seelen . . .

Die Männer stehen wie in frommer Andacht vor dem heiligen Schlaf des Meisters und staunen die Madonna an: der greise Balthasar; der Jüngling Kaspar und Melchior, der Mohr.

Hans will sich leise zurückziehen. Aber jetzt spürt Donatello im Schlaf die vielen Augen. Er regt sich; es zuckt schmerzhaft über seine Stirne, als hätte er soeben nicht den Himmel, sondern das dunkle Grab geträumt. Baldassare legt ihm die Hand auf den Kopf. Da, mit einem Ruck fährt Donatello auf: »Lebt sie noch?« ruft er fast stammelnd noch im halben Schlaf.

»Sie lebt!« antwortete Melchiore schnell und fröhlich.

Donatello sieht sie nach der Reihe forschend an. »Aber ihr habt etwas, das ihr mir nicht sagt!« wittert er aus ihren Mienen.

Da zieht ihm Baldassare den Kopf an seine Brust, streichelt ihm mit den dünnen Fingern über das Haar und flüstert ihm es fast ins Ohr: »Das eine Kind, das Mädchen, ist gestorben . . .«

»E morta . . .«, wiederholt Donatello mechanisch, als ob er nicht verstanden hätte.

»Ist ein kleiner Engel«, tröstet der Alte und schließt die Augen hinter der Brille.

Der kleine Gasparino schluckt und weint.

Der Mohr Melchiore senkt den Kopf.

»Aber Fiore?« stöhnt Donatello.

149 »Fiore, die Signora, lebt!« jubelt Melchiore. »Und der Junge, das zweite Kind, lebt auch!«

»Per l'amor' di Dio . . . ich danke Gott und allen Heiligen«, ruft Donatello und springt auf. Besinnt sich aber plötzlich und stellt sich hastig vor das Bild, als ob er es verdecken wollte, und ruft in schreckhafter Erregung: »Hinaus, bitte alle schnell hinaus! . . .«

In diesem Augenblick geht im Empfangszimmer die Türe, und alle hören den heiseren Gruß einer alten Frauenstimme. Es ist Donatellos Mutter. Das hohe Oval des Gesichtes mit den tiefen Augen offenbart den Sohn. Die schwere Frau stellt keuchend einen Korb mit Flaschen und Gemüse auf den Boden. Sie kommt soeben aus der Klinik. Sie ist in aller Hast mit einer Pferdedroschke hergefahren – denn in ein Auto steigt sie nicht, so wenig als sie jemals telephonieren würde – und will sofort berichten.

»Donatello«, ruft sie, und Mutter und Sohn fallen sich in die Arme.

»Was ist mit ihr?« weint Donatello laut auf.

»Oh, es ist gut, carissimo figliolo – es geht ihr besser, viel besser. Das Herz schlägt wieder in ihr. Es hat fast aufgehört vor einer Stunde. Jetzt pocht es wieder. Sie ist bei vollen Sinnen und fragt nach dir, mein Donatello . . .« Ihre Stimme erstickt in Tränen. Dafür streicheln die alten magern Hände den Kopf des Sohnes.

Donatellos Herz zerbricht beinahe, er kann nicht reden. Er küßt die Mutter immer wieder auf die Wangen. Und alle Männer schweigen und spüren ihre eingeschnürten Kehlen. Baldassare sucht stumm Hansens Kleidungsstücke zusammen. Dann winkt er alle in die Werkstatt hinüber und schließt die Türe.

Sie gehen sofort an die Arbeit. Die beiden Schneider klettern auf den Tisch. Gaspare muß den Boden wischen. Hans sitzt im Unterzeug auf einem Sessel und raucht sich Ringe in die Luft. Er soll nun nicht mehr in den Frack. Er wartet auf die neue Vollendung.

Er wartet, bis draußen das Schluchzen und die zärtlichen Stimmen von Mutter und Sohn verstummen, und Donatello, mit geröteten, aber beruhigteren Augen, sachte die Türe öffnet und leise »Signor Giovanni« ruft.

Hans springt vom Sessel auf und läuft eilig zu ihm in die Mittelstube.

»Sie haben es gehört – sie wird vielleicht leben. Sie haben recht gehabt; es kann ein Glück sein.«

Hans nickt und drückt ihm lange die Hand.

»Sie haben auch gesehen?« Der junge Meister weist zum Atelier, da wo das Bild Fiores wie die Madonna blickt, und senkt in tiefer Scham den Kopf. Es klang geheimnisvoll, als Donatello mit hauchender Stimme diese Frage tat.

150 Hans nickt zum zweitenmal, und seine Augen irren verlegen weg aus Donatellos Blick.

»Sie werden nichts sagen – niemandem!« bittet Donatello dringlich und leise. »Wenn sie leben wird, gehört sie mir und der Erde . . . und ich Frevler habe sie schon in den Himmel versetzt. Aber ich werde Fiore hier unten lieben. Und das Bild . . .« Er macht eine Gebärde über den Augen, als wische er ein inneres Gesicht hinweg. »Hier mit dem Heiligenschein – da war sie schon tot für mich. Ich habe den Tod gemalt. Aber es ist nicht mehr sie. – O Gott, ich danke dir. Es ist jetzt wirklich und wahrhaftig die allerheiligste Madonna. Aber ich werde es . . .«, er wollte sagen ›vernichten‹ – doch er flüsterte: »Ich werde es nie mehr ansehen – ob sie nun leben wird, oder ob sie stirbt – wie die kleine Fiore.«

»Das Engelchen, das tote Mädchen . . .«, sagt Hans. »Sie sollte also auch ›Fiore‹ heißen?«

»Ja, auch Fiore. Ich habe es mir heute nacht überlegt, damit ich wenigstens eine Fiore von beiden behalte. Aber für zwei Fiores ist offenbar kein Platz auf dieser Welt. Eine mußte sterben«. . . . Und Donatello murmelt einen Dichtervers: »Tu dell' inutil vita estremo unico fior . . .«

»Und wie soll der Junge heißen?«

Donatello lächelt auf; zum erstenmal seit gestern nacht kommt wieder etwas Strahlendes in seine guten und feurigen Augen und seine Rede gewinnt einen hellen Ton. »Ich kann ihn jetzt weder Kastor noch Pollux nennen, o nein; sonst fehlt der andere – und man denkt an die tote kleine Fioretta. Oh, ich will ihn Raffaele nennen, oder Benvenuto – denn mein Vater liebte so sehr den Benvenuto Cellini, den Meister des Perseus, Sie wissen, den mit dem abgeschlagenen Haupt der Gorgo.«

»Ach so – der falsche Götterbote?« Hans erinnert sich sehr wohl an jenen tragischen Aspekt bei seiner Einfahrt in Florenz – als der verflixte Taximann die Geste des Halsabschneidens machte und dazu lachte, als wär's nur so ein Spaß – und nicht ein Wink und Urteilsspruch der bösen Mächte. »Ei verflucht!« murmelt Hans im Gedanken an das Gestrige. Gottlob, dem Unheil wären wir für diesmal noch entwischt. Wenigstens ich! Aber für Jennys arme Seele gibt's keine Garantie im Fegefeuer.

Aber der gute Donatello ahnt nichts von den symbolischen Vorgängen in Hansens Innenleben und fährt begeistert fort: »Mein guter Vater würde sich darüber freuen, wenn mein Sohn und sein Enkel nach dem Cellini heißen würde. Denn die Kunst liegt unserer Familie im Blute. Sie wissen: cosa di sangue . . . Aber er lebt nicht mehr, mein Vater. Doch ›Benvenuto‹ ist ein sehr 151 schöner Name; er bedeutet ›der zur rechten Zeit Gekommene‹. Ja, und er ist uns der Willkommene.«

Er hielt seinen Arm um Hansens Schulter. »Aber jetzt wollen wir auch an Sie denken, Signor Giovanni – auch Sie sollen ein neuer Mensch werden. Der große Donatello – das ist der alte Meister der Renaissance – der Wiedergeburt der Schönheit und der Seele. Aber jetzt werden wir die neue Statue des kleinen Donatello vollenden: den neuen Anzug. Denn das ist meine Kunst.«

Ein Wink des Meisters! Und Baldassare trippelt buckelnd und wackelnd sofort an mit dem Rock. Der leichte Melchiore hüpft herbei (ein Schneider von Geblüt) mit der prachtvoll steif gebügelten Karo-Hose. Und der kleine Sparino, vorschnell und naseweis wie er schon ist, hält bereits die Weste zum Einschlüpfen bereit.

Der Ärmel saß vollendet in der Schulter. Keiner der Schneider, auch nicht der plappernde Knabe Gasparino, berichtete von dem unbegreiflichen Versehen ihres ahnungslosen Meisters. Denn war er heute früh, in jener Stunde der Qualen, nicht in der Ekstase der Liebenden versunken? Era fuori di sè – und alles andere als ein Schneider war er, als er an Hansens Ärmel nähte . . .

Hans schlüpfte in Hose, Weste und Rock. Ecco! Es saß. Der Meister glättete und zog. Meisterhaft – vollendet – ein neuer Mensch steht da!

»Renaissance« – lacht der junge Donatello.

»Und den Frack ins Hotel?« fragt Melchiore und fletscht die Zähne vor Heiterkeit. Er hält das elegante Kleidungsstück der Herrenklasse ganz ohne jeden Respekt verkehrt an einem seiner Schwalbenschwänze in die Luft. Es war ein Frack – ein entthronter Würdenträger. Schon eilt Gaspare mit Packpapier herbei und will ihn dienstbeflissen sofort einpacken.

152 »Aber nein«, wehrt Hans entschieden ab. »Er war mein Tyrann, und ich war sein Sklave. Verschenkt ihn . . . Aber . . . ei verflucht . . . Wem kann man schon in dieser Welt einen Frack schenken?« Alle lachen, und Melchiore schleudert ihn im Bogen auf den Nebentisch. »Also vermacht ihn einem armen Kellner – oder einem Wanderzirkus.«


Hans ist selig. Er schlendert in der Sonne durch Florenz. An Jenny denkt er nicht. Sie ist vergangen. Abgelegt wie eine Puppe – und wie sein Frack. Er hat ihn abgestreift, so wie ein junger Schmetterling die Puppenhülle. Er fühlt sich neu in seiner neuen Haut. Sie prickelt ihn. Er muß sich rühren, und auf dem Platz der Signoria winkt er aus lauter Lust am schönen Leben dem Bronze-Perseus des Cellini zu, der da schon wieder das bluttriefende Haupt der bösen Schicksalsgöttin als ein Sieger Hans entgegenstreckte. Aber heute schreckt ihn der Gorgotöter nicht mehr. Jetzt ist's ein Götterbote wie der gute Doktor Meumann – der die Dämonen niederzwingt und die Gefangenen befreit unter dem Zauber seiner geflügelten Worte. Und voller Vergnügen am tragischen Gegenstande grüßt Hans ihn lachend, den Bronze-Gott, mit seines Schöpfers Namen: »Hallo, Benvenuto!«

Benvenuto? So hieß ja auch der neue Bürger dieser Welt, der kleine Sohn des Schneiders, seines Freundes. Dem wünscht er Glück ein Leben lang. Blumen will er jetzt bringen, einen ganzen Garten voll, für Donatello und Fiore. Er kauft am Weg für fünfzig Lire. Daß er kaum mehr als hundert in der Tasche hat, bedenkt er nicht; so wenig, wie daß er noch Geld für Schneider und Hotel benötigt. Auch für die Reise: Rückfahrt nach München, zur Mutter – vielleicht sogar in den Versicherungsberuf. Ob es wohl klappt? Hans ist in bürgerlichen Angelegenheiten bekanntlich noch ein Neuling und sehr mit Recht ein wenig ängstlich. Aber die ›höhere Arbeitslosigkeit‹ seines bisherigen Herrenklassendaseins, die muß ein Ende nehmen. Zum Molina wird er's allerdings nicht bringen. Das ist Talentsache – Anlage – cosa di sangue, sagt Donatello. Und Molina ist eben eine Übertreibung. Aber ein Leben mit Jenny – auch das wäre eine Übertreibung.

Ja, Jenny – und endlich fällt sie ihm wieder ein – mit Jenny kann er nicht mehr rechnen. Da ist zuviel geschehen in sechsunddreißig Stunden. Zwei Nächte und ein Tag – rund um den Dreizehnten. Aus der Hölle des Mammons von Monte Carlo – durchs Fegefeuer der Schande von Pisa – und mit dem Götterboten endlich ins Paradies der heiligen Fiore.

153 Jenny ist weg, auf dem Wege über Pisa nach Livorno. Und bei Livorno liegt Viareggio – hochelegantes Seebad. In Holts schönem Wagen fährt sich's gut. Hoffentlich ist er bezahlt. Denn Jenny hat Talent zum Lumpensammler. Wir wissen ja Bescheid seit dem Rumänen. Sie selber hat am Vormittag – ach, was ist Geld bei Jenny! – die volle Rechnung auch für Hans beglichen. Der Portier sagt's und reicht ihm einen Brief. Keinen von den blauen, koketten im Minimalformat, sondern ein Hotelkuvert mit Firma. Nun, er hat ihr auch nur auf Schneiderpapier geschrieben. Was kümmert das die seelische Korrespondenz? Man kann sich auf jedem Papier, zumal mit Donatellos reiner Firma, sehr Wesentliches sagen; vielleicht in diesem Falle mehr als mündlich. Aber Jennys Brief aus dem Hotel ist nur sehr kurz und gar nicht seelisch:

»Hier ist ein Scheck, weil Du ihn brauchst. Dein Koffer geht direkt Chiasso. Es ist natürlich aus. Du hast kein Herz. Du kannst nicht lieben. Leider habe ich den neuen Karierten nicht mehr gesehen. Hoffentlich sitzt er.«

Immer Deine Jenny.

Hans las, lächelte, jubelte innerlich auf. Nahm den gewaltigen Blumenstrauß in beide Arme und ging zum Donatello. 154

 


 

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