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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Götterbote

Es war gegen elf. Die ersten zahlenden Besucher des Turms wurden in den unteren Geschossen hörbar. Der alte Wächter tauchte empor, sagte mit Handbewegung auf die Gegend: »Bella vista«, und führte einen großen Herrn und eine kleine Dame auf die Rundterrasse. Es war – man merkte es an ihrer Art des Schweigens – ganz offenbar ein Ehepaar, das zuerst einen verwunderten Blick auf die übernächtigen am Boden kauernden Gestalten warf, und sich dann wortlos die Aussicht erklären ließ. Hans und Jenny beachteten die Leute kaum, und hörten auch der Rede des Wächters nicht zu, so streng sie der Alte mit Blicken zur Aufmerksamkeit aufforderte. Aber sie verspürten einen wütenden Hunger in ihren leeren Eingeweiden. Orangen nähren wenig.

»Wie kommen wir nur wieder herunter?« fragte Jenny.

»Entsetzlich, wenn uns die Kinder wieder hochnehmen. Die halten uns für Zirkuspack.«

»Nun, in Florenz sind wir schnell wieder fein.«

»Aber bis Florenz ist es noch zum Verzweifeln. Wieviel haben wir denn noch? Ich meine Geld. Reicht's vielleicht doch für einen Wagen? Es ist wohl gar nicht so weit zum Bahnhof.«

Sie ziehen ihre Portemonnaies, suchen die Nickelstücke zusammen und gruppieren sie zu kleinen Säulchen auf dem Marmorboden. Das elende Geld klimpert erbärmlich auf dem edlen Stein. Daneben steht Hansens Zylinder.

Hans sagt: »Ich habe noch 1.40.«

Jenny sagt: »Und ich 4.80.«

Die Szene sieht sehr kläglich und blamabel aus für so mondäne Menschen aus der Herrenklasse. Und jetzt muß eben gerade auch der Wächter mit dem Ehepaar erscheinen, rechts um die Rundung herum. Der Herr spricht deutsch zu seiner Frau.

»Ei verflucht, die haben alles gehört von unserer Pleite«, flüstert Hans. Jenny rückt rasch, wenn auch zu spät, Hansens Zylinder über die 101 Nickeltürmchen. Aber der deutsche Herr sieht gerade noch die hastige Bewegung und kann ein Lächeln nicht verbergen. Der geschweifte Zylinder schaukelt tiefsinnig über den Ruinen der Reisekasse.

Der Herr ist ein stattlicher Mann an die vierzig: bartlos, dunkel, mit ausdrucksvoller Nase, die mit den Flügeln manches zu wittern scheint. Er trägt auch einen dicken Bambusstock, sei's zur Bekräftigung seines Wesens, sei's nur zum Spiel der Hand. Er hat einen weiten, flatterigen, braunkarierten Anzug an – oh, wie ihn Hans in seinem Frack darum beneidet! Die kleine, blonde Frau mag fünf oder sechs Jahre jünger sein als er. Sie spricht nicht viel, bewegt sich aber rasch und schaut mit staunenden Augen wie ein Kind. Beinahe ängstlich blickt sie von der Seite auf die vollkommen deplacierte Eleganz auf Pisas schiefem Turme. Jenny spürt, daß ihre peinliche und leider gar zu laut geführte Konversation mit Hans verstanden worden ist. Sie ruft den Kustoden an: »Ist's weit von hier zum Bahnhof?«

»Am andern Ende der Stadt, da drüben liegt er«, und der Alte weist nach Süden. »Aber keine Viertelstunde mit dem Wagen.«

»Ja, mit dem Wagen! Wir haben aber leider keinen Wagen«, klagt Jenny laut, um sich in der verlorenen Situation doch wenigstens noch interessant zu machen und ihre Abenteuerlichkeit zu erklären. »Er ist uns gestohlen worden . . . es war ein toller Mercedes . . . ja, von einem Hochstapler . . . gestern nacht . . . und darum sitzen wir hier.«

»Dio . . . darum?« denkt der Kustode. »Es sind also doch Reiche.«

Das deutsche Paar aber fühlt sich geniert, schämt sich aus Takt der Lage seiner Landsleute und verzieht sich verlegen auf die linke Seite des Rundgangs. Die kleine Dame verliert ihr Taschentuch. Hans springt auf, bringt es ihr nach. Sie dankt verwirrt und ängstlich. Hans kauert sich wieder neben Jenny. »Herrgott, ich schäme mich vor ihnen«, flüstert Hans, »du sagst auch gleich alles so . . . schamlos vor den Leuten.«

Jenny will aufbrausen. »Ach, das ist doch egal, die sind doch nicht aus unseren Kreisen. Das ist so ein Privatdozent oder ein . . .«

Aber da kommt von rechts um die Runde soeben wieder der deutsche Herr . . . zögert ein wenig . . . pendelt mit dem Bambusstock beinahe wie ein Wünschelrutengänger . . . sieht auf die beiden hin . . . will auf sie zu . . . doch seine Beine sind noch nicht entschlossen. Innerlich scheint er ein sicherer und selbstbewußter Mann, aber vor Menschen respektiert er offenbar den Menschen – selbst solch ein höchst kurioses und verdächtiges Menschentum. Weiß Gott, nun tritt er auf sie zu, lüftet ganz wenig wie nebenbei den Hut und sagt, zuerst noch etwas scheu und stockend:

102 »Entschuldigen Sie, ich hörte – bitte ganz gegen meinen Willen hörte ich einen Teil Ihrer Unterredung. Verzeihen Sie meine Anrede; aber da ich jetzt über Ihre bedauerliche und hoffentlich nur momentane Verlegenheit informiert bin – da könnte ich doch« – er sieht wie hilfesuchend seine kindliche, kleine Frau an – »ich meine eine kleine Unterstü . . . wie soll ich sagen . . .« Er bringt das Wort nicht heraus. Der große Mann hat eine scheue Seele vor der Welt. Aber sein Herz ist tätiger und auch viel lebenslistiger als sein zögerndes Wort.

Jetzt aber springen Hans und Jenny gleichzeitig auf. Denn bisher waren sie vor Verblüffung in ihrer Kauerstellung sitzen geblieben. Hans hat einen blutroten Kopf. Jenny strahlt in unbedenklichster Freude. »Ach, vielen Dank«, ruft sie mit der Brillanz, die ihr jederzeit zur Verfügung steht. »Wir wollen ja nur zum Bahnhof. Es geht aber nicht zu Fuß wegen der schrecklichen Kinder . . . Billette nach Florenz haben wir schon . . . nehmen Sie uns doch bitte in einem Taxi zum Bahnhof . . .«

»Wenn Sie sich nicht mit uns genieren«, unterbrach Hans hastig, aber sehr höflich, »in unserem Aufzug.« Und er stellte sich vor: »Mein Name ist Bell, Außenstürmer im Grün-Weiß München.« Das ist nun eben seine einzige Firma; und er klammert sich an dieses einzig ernsthaft betriebene Geschäft seines Daseins. Und da der deutsche Herr ihn fragend anblickt – sei's, daß er als ein sportsfremder Mensch weder bei ›Stürmer‹ noch ›Grün-Weiß‹ sich etwas Deutliches denken kann, sei's aber, daß er noch die Vorstellung der Dame des Herrn Bell erwartet – so gibt sich Hans einen schweren inneren Ruck und sagt: »Meine Frau.« Jenny lächelt so überrascht und glücklich über Hansens schöne Lüge, daß sich die Frau des deutschen Herrn sofort die illegitimsten Gedanken macht, was aber den Ausdruck ihrer Freundlichkeit nicht mindert.

»Meumann«, stellt sich nun der Herr vor. Er hat eine beruhigende Stimme; aber um den Mund lächelt es ein wenig aufreizend, als ob er etwas Geheimes wüßte. »Dr. Alfred Meumann«, und mit einer kleinen Geste: »Meine Frau.« Bei Meumanns scheint es zu stimmen mit der Legitimität der Ehe. Sie geben sich alle die Hände. Jetzt verliert dieser Meumann seine Verlegenheit und wird humorig. Er wischt sich etwas Zigarettenasche vom Revers seines wolligen Braunkarierten, blinzelt mit lustigen Augen und sagt: »Eine schöne Komödie, das mit dem Wagen . . . Ein jeder hat halt immer sein bestimmtes Abenteuer . . . Ja, Sie taten uns halt leid . . . Da mußten wir schon einspringen . . . in Ihre Bezirke . . . Sie müssen mir erzählen . . . Was Sie erleben, das kann ich nicht erleben . . . Suum cuique . . . Jedem sein eigenes Pech . . . Erzählen Sie rasch . . . Und natürlich bringen wir Sie zur Bahn.«

103 Meumanns kleine Frau sprudelt auf einmal fröhlich heraus, was sie so lange in sich zurückgehalten hatte: »Wir dachten zuerst, Sie seien eine Filmaufnahme oder gar hier vom Zirkus . . . da drüben ist nämlich einer.« Man sah wahrhaftig weit draußen links vom Battistero die Zeltspitze. »Aber als Sie dann deutsch sprachen«, fährt Frau Meumann fort, »da merkten wir gleich, daß sie keine Clowns sind . . . oder so.«

»Aber Sie sind doch sicher Privatdozent?« fragt Jenny mit starker Bestimmtheit. »Sie haben nämlich so etwas« – sie sucht das Wort – »Belehrendes im Blick.«

»Wieso?« stammelt Meumann und blickt verwundert seine zierliche Frau an. »Ich trage ja nicht einmal eine Brille.«

»Aber Sie haben es in der Pupille«, sagt Jenny unbeirrbar. »Ich habe Bange vor Ihnen wie ein Schulkind. Auch tragen Sie so einen dicken Stock. Es ist um sie so etwas – wie Kontrolle.«

»Nein, so solid bin ich denn doch noch nicht. Und bei der Polizei bin ich auch nicht angestellt. Ich bin ganz ohne Amt. Ich bin ein Ausnahmefall. Nicht ganz mondän, nicht ganz bohème, und nicht ganz bürgerlich . . . Ich kämpfe mit der Tugend genau so heftig – wie mit meinem Teufel.« Meumann lüftete den Hut nochmals, als müsse er seine Persönlichkeit zum zweiten Male vorstellen: »Ich bin nämlich Schriftsteller.«

»Aber dann ist es doch auch Wissenschaft? Sie sagten doch vorhin Doktor Meumann. So Medizin oder Chemie oder Philosophie?« suchte Jenny unter den ihr bekannten Wissenschaften.

»Nein, meine Philosophie ist nicht so offiziell. Ich schreibe nur Geschichten, Schicksalsdramen, Romane und so weiter . . . erstunken und erlogen – alles Lügen.«

»Entzückend, Hans, hörst du, er lügt.« Und sie fühlt sich – infolge dieses Einblicks in die Ethik des Dichters – Herrn Meumann sehr viel näher. Denn ein Mensch, der aus Beruf zu ›lügen‹ hat – und wären es auch die Ideale in den Sternen – der hat nun mal so das gewisse Etwas, das nicht ›geschäftlich‹ zu erfassen ist: undefinierbar, romantisch, hochstaplerisch wie ein rumänischer Graf – so ganz für Jenny. Ein Ausnahmefall unter den Menschen.

Doch nun mußte Jenny erzählen, und sie tat es meisterhaft. Und Meumann lauscht entzückt und schicksalsdurstig der schwungvollen Presto-Malerei von der Flucht aus Monte Carlo, von Jenny mit verteilten Rollen und in drei Sprachen dargestellt. »Ich hatte gleich beim Wechseln der Banknote schon im Kasino einen Soupçon; aber ich unterdrückte den Verdacht, weil Manuel doch ein Revolutionär war. Doch meine Menschenkenntnis hat mich nicht enttäuscht, 104 und hätte ihn Hans in seiner Trottelei nicht mit dem Wagen allein gelassen – da wegen des Olivenöls – dann hätten wir noch seinen Koffer und unsern Wagen.«

»Nun fahrt ihr eben mit dem unsrigen, ihr Menschenkinder«, sagte Meumann verheißungsvoll wie ein Olympier; »denn ich bin jetzt – für eine Stunde lang – euer Schicksal.« Er blinzelte dem beschämten Hans einen mysteriösen, aber guten Blick zu und drückte ihm ganz heimlich hinten herum die Hand. »Wir haben ihn unten, den Wagen. Ein bescheidener Opel, kein mondäner Mercedes. Nur vier Zylinder jetzt – statt neun Zylinder.«

»Aber er hatte ja nur acht«, ruft Hans.

»Verzeihung, Sie vergessen Ihren eigenen Zylinder, der Ihrem Mercedes doch erst die wahre Weihe gab.«

Hans lacht, doch ohne Meumann ins Gesicht zu sehen, denn seine Augen blicken scheel nach unten, wo sein Zylinder auf dem Marmor schaukelt.

»Dann fahren wir wohl gleich zum Bahnhof«, sagt Meumann; fragt aber mit einer gewissen List im Auge: »Oder wollen Sie noch eine Weile lang die schöne Aussicht von diesem schiefen Turm genießen? Man kriegt ja nie genug davon.«

»O nein«, ruft Jenny, »es war für uns sehr aussichtslos da oben, bis Sie kamen.« Jenny ahnt gar nicht, daß sie geistreich wird. »Wir haben jetzt genug . . . vom schiefen Turm«, vollendet Meumann.

»Es war ein Mauseloch für unsere Blamage, und ohne Sie der reinste Kerker.«

»Ja dieser schöne Turm«, meint Meumann mit gespieltem Ernst und erhobenem Bambusstab, »er war für Sie so eine Art – Strafanstalt.«

»Strafanstalt? . . . ach so? . . . .« wundert sich Hans.

»Verzeihen Sie das Wort«, beschwichtigt Meumann. »Ich meine es nicht polizeilich, sondern metaphysisch. Das ist keine Beleidigung. Und Ihr Gefängnis ist immer noch nicht so schlimm wie jener andere Turm in Pisa, die Torre della Fame, wo vor sechshundert Jahren ein gewisser Ugolino mit seinen vier kleinen Söhnchen eingekerkert saß und eines seiner Kinder nach dem andern vor seinen Augen verhungern sehen mußte, bevor er endlich selber sterben durfte . . .«

»Schrecklich, der Hungertod«, meint Jenny, und denkt begreiflicherweise mehr an ihren eigenen Magen als an den armen Ugolino und seine toten Kinder. »Und kein Doktor Meumann erschien, um ihn zu retten.«

Der Schriftsteller verbeugt sich dankend für das Kompliment und sagt mit feierlicher Ironie: »Ja, ich bin ein Sendbote des Schicksals – ein Götterbote. Ich bin ein Ausnahmefall.«

105 »Wieso?« fragt Jenny etwas verwirrt; denn Meumann spricht so hinterhältig, so komisch, ohne daß man immer dazu lachen darf.

»Wieso?« wiederholt Meumann und zieht das Fragewort vor Verwunderung in die Länge. »Aber, meine Gnädigste«, sagt er zu Jenny mit gespieltem Vorwurf in der Stimme. Er schaut sie nicht an, blickt schräg nach oben in die ziehenden Wolken. »Vom Himmel hoch, da komm ich her.«

Die kleine Frau Meumann kichert; sie kennt ja seine Lust am Spiel; sie weiß um seine ›lügenhafte‹ Sendung.

Und Meumann spricht: »Sie kennen doch die alten Götter aus der Schule. Die schicken hin und wieder einen Götterboten vom Olymp herab. Hermes, den Gott des Zauberns, der feinen Lügen und der Seelenführung. Aber Sie kennen ihn noch besser unter anderem Namen und populäreren Qualitäten: als Merkur, den Gott des Handels, des ewigen Reisens und der Tagediebe. Sie kennen ihn genau von jedem Bankkuvert, mit Flügeln auf dem Hut und an den Fersen, und mit dem Zauberstab.« Meumann hebt seinen Stock mahnend empor: »Erkennt ihr mich noch immer nicht?«

»Mon dieu, Sie sind ein Lügner«, ruft Jenny, die sich aus ihrer Verwirrung in ein Lachen zurückfindet, »und Sie machen sich einfach über uns lustig, Sie Schriftsteller, Sie.«

Dann drückt sie ihm die Hand, und Hans tut es ebenfalls sehr herzlich. Ach, sie fühlen sich wie neu geboren, oder zum mindesten wie frisch gewaschen nach der Ausstoßung aus dem Paradies der Herrenklasse. Und Jenny ruft: »Avanti! Wir wollen am liebsten gleich zum Bahnhof – nach Florenz.«

Sie brechen auf, sie wenden sich zur Treppe. Aber noch vor dem ersten Schritt zum Abstieg stocken sie und die Damen kreischen auf. Denn was schießt da auf sie zu? Ein schwarzes Untier springt die Stufen herauf, zwischen ihren Beinen hindurch, und schnell wie der Teufel weiter hinauf auf die oberste Plattform.

»Eine Katze über den Weg!« kreischt Jenny, »das bedeutet Unglück.«

»Nein, Katzen sind doch lieb«, sagt Frau Meumann. »Es kommt doch immer nur auf die Menschen an, nicht auf die Katzen, beim Glauben an Glück oder Unglück.«

»Suum cuique«, wiederholt Meumann seinen Preußenspruch, und meint es gar nicht so preußisch.

Auch Hans scheint das Tier optimistisch aufzufassen; und wie von einem großen Gedanken durchblitzt, rennt er der schwarzen Bestie nach auf die oberste Turmhöhe. »Geht nur, ich komme nach«, ruft er im Verschwinden.

106 Er kehrt auch gleich zurück: »Es ist verschwunden, das Teufelsvieh – restlos verschwunden – aber immerhin – ich war doch noch mal oben, ganz oben; diesmal ohne Schwindel, nicht wie noch vorhin . . .« Und sein ganzes Gesicht grinst wie über das Glück einer Erleuchtung.

»Was hast du nur?« fragt Jenny. »Du lachst so hinterlistig, als wärst du der Herr Meumann.«

Aber Meumann raunt: »Die schwarze Katze scheint ihn inspiriert zu haben.«

Hans grinst nur weiter mysteriös und sagt kein Wort.

Nun steigen sie hinab vom Turm – vom Turm der Ironie, der Schwermut und des Todes – nicht ohne einen letzten Blick auf die Kuppel des Domes und auf den Block der Taufkirche – da, wo die neugeborenen Bambini angeblich erst eine ›richtige Seele‹ erhalten sollen. So sagte doch der Wächter, der alte Mann, der keinen Selbstmord dulden wollte auf seinem Turm und die Tragödien endlich satt hatte. Denn schließlich ging es ja um seinen Posten . . . Und als die glückliche Jenny, im Moment gesichert, am Ausgang an dem alten Mahner vorüberging, da holte sie zu Hansens grellem Entsetzen aus ihrem Täschchen wahrhaftig ihre letzten Nickelstücke – und gab ihr Letztes. So war nun Jenny – alles im Moment.

»Hans, gib mir einen Kuß.«

Hans gibt ihn . . . Er steht übrigens mit bloßem Kopf.

»Aber, mein Jonny«, ruft Jenny, »wo hast du deinen Zylinder?«

Hans schielt schräg empor zum schiefen Turm von Pisa. »Oben!« sagt er. »Der bleibt oben!« und er weist mit der Hand zur Höhe.

Alle blicken mit starrer Verwunderung zum Turm hinauf und treten zurück, um besser zu sehen. Bei Gott, da auf der kurzen Fahnenstange am allerobersten Geländer, da ist er aufgesteckt – Hansens Zylinder! – ein schwarzer Punkt, eine Vogelscheuche, ein winziger Kopfschmuck auf dem schiefen Riesen.

Zu komisch: ein Clown aus Marmor. Aber verdient er nicht diese kleine Entwürdigung? Denn er ist schief, gegen jeden Sinn einer anständigen Baugesinnung! Ein bißchen schief, so wie Hans Bell in Monte Carlo noch den Zylinder schick und schief auf seinem Haupte trug. Er ist ein Kunststück, ein Artist und Equilibrist unter den Türmen dieser Welt. Meumann zum Beispiel weiß es genau, was mit ihm los ist. Er kennt das Gerade und das Schiefe – wie Hermes und Merkur, ein Seher und ein Deuter. Er ist ein Götterbote und weiß Bescheid . . . Ein lautes Gelächter bestätigt die Richtigkeit von Hansens Akt der Selbstenteignung.

107 »Die schwarze Katze hat es vollbracht«, sagt Meumann mit dem Ernst des Kenners der Dämonen. »Herr Bell, Sie haben keinen schiefen Turm mehr auf dem Kopfe. Herr Bell, Sie sind erlöst.«

»Dann war die Katze also doch kein Unglück«, bestätigt Frau Meumann im Hinblick auf die Erlösung von dem Mal der Schande.

»Das kann man immer noch nicht wissen«, meint Jenny etwas benommen. »Es ist immerhin ein wenig schade um ihn, denn er stand ihm so ausgezeichnet.«

»Er bleibt aber oben!« sagt Hans mit ungewohnter Energie.

»In Ewigkeit, Amen«, nickt Meumann weise bejahend. »Der Wächter wird ihn tragen zum Begräbnis für die nächsten Selbstmörder . . . Suum cuique

Jetzt fahren sie los, zu vieren, in großer Fröhlichkeit zur Stazione – nicht mehr den Weg der Schande und zwischen den Spießruten, sondern durch die breite Via Santa Maria über den Arno mit seinen Brücken. Auf der Fahrt bekennt Jenny wieder laut und mehrfach ihren grenzenlosen Hunger, so daß sie Meumann herzlos die ›Contessa Ugolina‹ nennt. Die gute Frau Meumann bedauert, daß sie keine Sandwichs bei sich habe. Hans geniert sich innerlich, daß man kaum Geld hat für ein Butterbrot. Und als gar Meumann zögernd von »Aushelfen mit einer Kleinigkeit« spricht, ruft Hans entsetzt: »Um Gotteswillen nein!« während Jenny über diese innere Empfindlichkeit der Herrenklasse die Schultern zuckt. Auch möchte ihre Neugier über diesen Schriftsteller einiges wissen, und sie fragt ihn mutig, wo er wohne. Auf Meumanns zögernde Erwiderung: »Im Winter in Deutschland, im Sommer in Italien, bei Florenz« – da fällt Jenny etwas sehr Wichtiges ein; eine Sache von aktueller Bedeutung, die sofort geregelt werden muß:

»Da wissen Sie doch sicher die Adresse eines Schneiders in Florenz. Denn Sie sehen ja, Jonny muß schleunigst einen Anzug haben, einen karierten wie Sie. Also wo um Gotteswillen gibt es einen Schneider?«

»Ja, es ist eine Lebensfrage«, bestätigt Meumann. »Es zielt hier in den Kern der Existenz. Denn Kleider machen – bisweilen – Leute.« Und ob er einen Schneider wisse? fährt Meumann fort mit vielversprechenden Augen. »Ha, allerdings. Ein Schneider mit der Inspiration von oben. Er ist ein Künstler; ein Bildhauer in Stoff; ein Menschenformer, ein Original. Zwar sein Geschäft ist nicht mondän, es schwebt im fünften Stock, beinahe schon im Himmel. Ich werde Sie bei ihm anmelden.« Und Meumanns Frau fällt ein: »Wir fahren in Florenz gleich dran vorbei; es liegt an unserem Weg am Domplatz.«

»Am Dom – ein Schneider?« lacht Jenny.

»Oh, der paßt dahin«, sagt Meumann, »das ist ein Priester seiner Kunst. Er heißt auch Donatello zum Vornamen – nach dem berühmten Bildhauer 108 der Renaissance-Kunst. Conti, Donatello – ist sein Name. Der Mensch, den er einkleidet, wird von ihm geheiligt – ein Geschöpf Gottes und der Kunst. Renaissance heißt Wiedergeburt. Kleider machen Leute – und Leute machen Kleider. Donatello aber formt Menschen nach seinem Bilde. Diese Empfehlung ist das Beste, was ich Ihnen zu geben habe; eine besondere Gunst des Schicksals- und des Götterboten.« Und der Dichter Meumann zeigt wieder sein Lächeln um die Mundwinkel; den Zug geheimen Wissens um die besonderen Dinge der Menschen.

Jenny denkt: was der zusammenschwindelt! Man weiß nicht recht, woran man ist mit ihm. »Wir werden Ihnen einen Dankesbesuch abstatten«, sagt sie dann laut und überströmend, »aber ohne den Frack, sondern im neuen Anzug, im Karierten!«

Meumann nickt höflich, nennt aber immer noch keine Adresse.

»Wo wohnen Sie denn eigentlich?« fragt Jenny nochmals dringlicher.

»In Settignano«, lügt Meumann, so daß ihn seine Frau verwundert in die Seite pufft; denn sie wohnen nämlich in Fiesole.

»In Settignano?« Jenny notiert den Ort sofort in ihrem Notizbuch und wartet mit dem Blick auf genauere Angaben.

»In Settignano«, wiederholt Meumann, »es ist das Haus, vor dem die vielen schwarzen Katzen auf der Mauer und der Lauer liegen. Denn meine Frau ist die Katzenkönigin – und das sind ihre Kinder.« Er verschwieg, daß es weder in Settignano noch in Fiesole wohl nicht ein einziges Haus gibt, auf dessen Gartenmauer keine Katzen liegen.

»Sie spielen also mit Katzen, Frau Meumann? Ich meinerseits spiele mit Puppen«, sagt Jenny und freut sich über die vermeintliche Ähnlichkeit ihrer Vergnügungen mit kleinen willenlosen Kreaturen.

»Ach, Puppen sind doch tot«, sagt Frau Meumann; »aber Katzen, ach die armen hungrigen Katzen! – sind lebendig. Ich füttere sie jeden Tag – wenn man schon keine eigenen Kinder hat zum Füttern.« Die kleine Frau sagt's mit einiger Melancholie.

Da erzählte Jenny wichtig: »Ich wollte auch einmal einen Hund kaufen, nicht wahr, Jonny, weißt du den süßen winzigen Fox in Nizza. Doch sie bellen zuviel, und man muß sie immer ausführen. Aber Puppen sind still und sauber . . .« Jenny unterbricht sich, denn sie fahren über die Arnobrücke. Das Stadtbild wird weit. »Da hinten, sieh mal Hans«, und sie deutet zurück: »Sieh doch nochmals den schiefen Turm.«

»Gott Lob und Dank – der trägt jetzt meinen Zylinder.« Hans winkt ihm zu: »Addio.« Alle lachen.

109 Meumann blickt schnell vom Steuer in die Richtung: »Die Schicksalsquittung ist beglichen. Der schiefe Turm von Hans sitzt auf dem schiefen Turm von Pisa . . . Die Götter sind versöhnt, Herr Bell. Die Menschen aber wissen es noch nicht und werden Sie noch höllisch plagen . . . Noch kommt das Fegefeuer vor dem Paradies.«

Sie sind am Bahnhof und steigen aus. Das Lachen vergeht ihnen. Da steht das ganze Publikum und starrt den Frackherrn ohne Hut und die rosaseidene Dame an; und schon schwirrt auch die wilde Rotte der Kinder heran. Hans wird wütend: »Ei verflucht, was dies Italien so grauenhaft viel Kinder produziert! Aus allen Löchern strömen sie heraus wie Ratten. Zu viel ist zu viel.« Er denkt es nicht als Vater. Jetzt hat man seinen Zylinder geopfert! Aber das genügt halt offenbar noch nicht, um seiner Schande zu entgehen. Das Schicksal will mehr. Zu viel ist zu viel. Da wimmeln sie, die jungen Pisaner vom dritten bis zum zehnten Lebensjahr, und gröhlen.

Auch Meumanns ist es gräßlich peinlich. Mitleidig fragt die Frau in ihres Mannes Ohr ganz leise: »Mitnehmen nach Florenz?« Aber spontan winkt Meumann ab: »Unmöglicher Aspekt.« Es klingt geheimnisvoll. Und wie für sich raunt Meumann: »Hermes erlöst, aber entfleucht . . .« Dann laut und gut und menschlich sagt er zu seinen Schützlingen: »Sie flüchten so rasch wie möglich durch die Sperre in den Zug. Ich hole Ihre Handtasche im Depot und bringe sie an den Wagen.« Hans gibt ihm den Gepäckschein. Hermes, der Götterbote, fliegt davon.

Hans und Jenny nehmen herzlichen Abschied von der Frau: »Auf Wiedersehen bei den Katzen in Settignano.« Dann eilen sie durch das Gejohle der Kinder zur Sperre, durch die Unterführung auf Geleise 3 und in die dritte Klasse des Personenzuges – wo das bäuerliche Publikum – Marktleute mit Körben und Ballen – die feinen Passagiere in seiner unfeinen Umgebung staunend und stumm empfängt. Es ist sehr peinlich, denn auch die stille Verachtung wird genau gespürt und ist nicht schön. Ein Fegefeuer für die eitle Seele.

Da kommt schon Meumann wieder und schiebt den Koffer mit den bunten Hotelplakaten aus der weiten Welt durchs enge Fenster der dritten Klasse. Aber zugleich hat er zwei reizende Proviantkörbchen mit ihren Schnürchen an seinen Bambusstock gehängt und reicht die Gabe wie die Frucht am Palmzweig den Hungernden hinauf. »Zum Essen auf der Fahrt . . . erst auf der Fahrt!« mahnt der Götterbote.

Aber Jenny wartet die Abfahrt nicht ab, sondern beißt sofort in ein Stück kalten Braten und packt aus Neugier gleich die anderen guten Dinge alle aus 110 dem Körbchen. Und da findet sie, während Hans sich noch in verlegenen Dankesworten an Meumann ergeht – ja, was findet Jenny auf dem Grund des Körbchens? Einen Zwanziglireschein! Nicht mehr, nicht weniger. Zwanzig Lire.

»Meumann?« ruft sie entzückt, bevor Hans noch begriffen hat.

»Nur für ein Taxi in Florenz; zur Bank und zum Schneider«, sagt Meumann rasch. Er ist wieder verlegen, blöde, linkisch wie bei der ersten Aussprache da oben auf dem Turm. Er wartet auch nicht eine Sekunde länger und flieht davon.

»Wohin das Geld nachschicken?« ruft Hans ihm nach.

»Auf die Mauer zu den Katzen legen!« lacht Meumann zurück und verschwindet mit einem letzten Winken des Bambus-Zauberstabes in der Unterführung.

»Er ist halt doch ein richtiger Lügner«, meint Jenny, »der gute Kerl. Er hat sich davongelogen.«

Hans aber sagt: »Er war unsere Rettung. Jetzt hat er uns noch ein Almosen gegeben – und wir haben's genommen – und jetzt hat er genug von uns – der Götterbote.«

»Zwanzig Lire!« jubelt Jenny, »zu den 1 Lire 40, die du noch hast, mein Jonny.« Jennys Selbstgefühl hebt sich genau um einundzwanzig Lire vierzig Centesimi. So ist das mit dem Selbstgefühl von Jennys Herrenklasse . . . Vorläufig aber sitzt man demütig unter dem ›Volk‹ in der Dritten. Wahrlich, es ist ein Fegefeuer der Schande: diese Fahrt von zweiundeinerhalben Stunde.

 

Die Landschaft wird hügelig. Wein, Schlösser, Zypressen – die Toscana. Glanzvolle Sonne darüber. Endlich fahren sie in Florenz ein. Durch die Coupéfenster sehen sie die Türme: den von der Signoria wie eine Blume; den Glockenturm von Giotto und alle Dächer überragend die Kuppel des Doms. Sie steigen aus, und Hans schleppt den Koffer durch das Gewirr des Bahnhofs. Wohin mit ihnen?

»Zu Molina«, sagt Hans.

»Nein, auf die Bank«, sagt Jenny.

Sie nehmen ein Taxi und fahren zur Bank. Sie ist geschlossen; der Feiertag irgend eines Heiligen ist der Grund der Schließung. Auf dem Bankpalast steht wie so oft auf Bankpalästen der geflügelte Hermes-Merkur, der Gott des Handels, des Reisens und der Lügen – der Götterbote mit dem Zauberstab. Aber er hat ein Herz aus Erz. Es ist nicht Meumann.

Also zu Freund Molina. Jenny liest aus dem kleinen Notizbuch Via del Condottiere 21. Das Taxi fährt über den von Kunst und Schönheit blühenden 111 Platz der Signoria. Das Auge verwirrt sich. Aus der von Statuen starrenden Loggia dei Lanzi streckt ihnen der bronzene Perseus des Benvenuto Cellini den abgehauenen Kopf der Gorgo hin. Das Blut strömt aus dem leeren Hals.

Der lustige Taximann weist grinsend auf den Töter der bösen Mächte hin und macht mit der flachen Hand den Gestus des Kopfabschneidens. »Schauderhaft«, sagt Jenny. Und Hans erkennt mit einem leichten Gruseln, daß dieser brutale Perseus da – mit seinen Flügelchen an Helm und Fuß – aufs Haar seinem Merkur gleicht – dem bisher ihm so wohlgesinnten Götterboten. Welche Wandlung! Welch böses Omen! Ei verflucht! Und dazu leistet sich der Chauffeur auch noch Witze.

Man hat jetzt – nach dem Fegefeuer in der dritten Klasse und ohne Meumanns Götternähe – auch nicht den mindesten Humor für irgend welche tragische Kunst. Es geht einem ja selber an den Kragen. Drum auf in Molinas Asyl.

Da ist das Haus. Man klopft am großen Messingring, rechts vom Portal. Darüber steht auf einer Glastafel: »Molina & Co. – Profumeria

»Ecco«, ruft Jenny, »da duftet er schon.« Hans ist heiter. Er freut sich auf Molina. Sie steigen die Treppe zum ersten Stock empor.

»Diese Meumanns, Hans, die waren unser Trost. Wir wären da oben in Pisa sonst verzweifelt. Na, wenn ich nicht so schamlos gewesen wäre auf dem schiefen Turm . . .«

»Höre mal, Jenny, wenn das kein Schriftsteller oder so etwas Komisches mit Dichten oder Lügen gewesen wäre, dann hätte er uns so wenig getraut wie der Postmeister, oder die Bank, oder die Polizei . . . und hätte uns nicht geholfen . . . nicht einmal für den Augenblick, der Götterbote. Du hast halt einfach Glück gehabt.«

»Das ist nicht Glück«, sagt Jenny, »sondern Menschenkenntnis.«

 
Ein Wiedersehen

Jenny kann nichts dafür, daß Hansens Menschenkennerschaft schon wieder einmal gründlich versagt hat: nämlich in bezug auf seinen Schulkameraden Molina.

Jenny wartet im Vorzimmer. Hans will den Jugendfreund zuerst allein ans Herz drücken; will unter freundschaftlichen Schulterschlägen und Boxern in die Lenden ›Du altes Huhn‹ zu ihm sagen, oder ›Du bist halt doch mein Molina geblieben, old Boy und Back.‹ Zwar warst du immer ein wenig zu viel Primus und Pedant, denkt Hans, und hast ein bißchen sehr ›gestrebt‹. Wir 112 haben auch ehrlich unsere Meinungsdifferenzen ausgekämpft, mein Lieber, und uns gelegentlich herzhaft verhauen. Aber du hast mir dafür auch alles Schriftliche in Mathematik und im Lateinischen gemacht – und warst halt doch mein Pollux. Denn hatte man sie, die Unzertrennlichen, nicht einst Kastor und Pollux genannt? Und Hans war Kastor. Er erinnert sich daran, als ob's noch gestern wäre.

Ja gestern – vor zehn Jahren. Für Hansens Leben hatte es bisher noch keine ›Zeit‹ gegeben – keine Zeit, die wächst und wandelt und älter macht. Hans ist Kastor geblieben, trotzdem die spätere Korrespondenz der Freunde schon nach zwei Jahren ihrer Trennung völlig versiegt war. Jetzt in Florenz wird Kastor seinen Pollux wiederfinden.

Aber es wurde alles ganz anders. Denn für diesen Molina hatte es inzwischen sehr wohl eine ›Zeit‹ gegeben – und ein Schicksal. Er war nach zehn verflossenen Jahren der sogenannten Mannesreifung eben durchaus kein ›Schulkamerad‹ mehr; nicht mehr der Fußball-Back mit der den Backs so eigenen Neigung zu impulsiven Handlungen. Nein, dieser Signor Molina, der da in seinem peinlich geordneten Büro sich vom Schreibtisch erhob und Hans die kräftige Hand hinstreckte – jedoch sich keineswegs auf Schulterschlag und Freundschaftsboxen einließ – das war kein schlanker Jüngling mehr, kein wildes Füllen, kein altes Huhn, kein old Boy und scheinbar auch kein Pollux, sondern ein stark in die Breite geratener dickhalsiger und energischer Herr mit bürstenartig empordressierten Haaren und einem erhitzt geröteten Gesicht. Auch eine sorgenvolle tiefe Falte zog von der Nasenwurzel über die Stirne. Aber was Hans am meisten verwunderte, das war sein ganz merkwürdig kurzer und freudloser Tonfall. Deutsch konnte er auch nicht mehr in fließender Form, trotz seiner dreijährigen Münchner Zeit. Und an der Hand trug er zwei Eheringe. Denn schon mit siebenundzwanzig Jahren, wie er es Hans mit trübem Augenaufschlag im ersten Reden schon erzählte, war er Witwer geworden und hatte aus sechsjähriger früher Ehe nicht weniger als vier nun mutterlose Kinder – und eine Parfümeriefabrik.

Zehn Jahre! Da hatte sich eben einiges verändert bei diesem Pollux, während Kastor offenbar in seiner goldenen Kindheit stehengeblieben war. Molina war ein Apparat seiner Geschäfte geworden; ein Mann, der sich wohl seiner Jugendkameraden gern erinnerte und von dieser Erinnerung geradezu zehrte, weil eben die Jugend bereits verloren war. Bei Gott, das Schulbild aus der Unterprima hing golden eingerahmt hier im Bureau an der Wand. Ja, ja, da hing die Jugend an der Wand! Aber für die andauernde Pflege der lebendigen Freundschaft hatte Molina nun wirklich und wahrhaftig keine Zeit zu 113 opfern. Gewiß, er wäre gern als alter Herr des Fußballklubs nach Genua gekommen, zum Match Weiß-Grün-München kontra Sport-Genova – ja, die alten Zeiten! Aber da seien eben Dinge dazwischen gekommen, geschäftliche Dinge, sehr wichtige Dinge: eine Mustersendung von neuen Flakons mit Patentverschlüssen; und der Verwaltungsrat hätte sofort entscheiden müssen. Da habe er eben abtelegraphieren müssen. »Leider!« lächelte Molina beinahe etwas melancholisch. Aber später habe ihm das nicht einmal leid getan. Molinas Lächeln verschwand plötzlich, und er sagte hart: »Nein, denn das war eine Schweinerei.«

»Warum?« fragt Hans erschrocken über diesen Ton und hat sich aus seiner lebhaft gestikulierenden Freude in eine höfliche Korrektheit zurückgeschraubt. Gottlob, daß er vor diesem neuen Molina – vor dessen Mannesreife und vier Kindern er keineswegs als Kastor noch bestehen kann – gottlob, daß er seine Jenny vorläufig draußen gelassen und seinen derangierten Sommermantel so dicht und fest geschlossen hat, daß sich der ominöse Frack nicht ohne weiteres präsentiert. Auf die Lackschuhe senkt der strenge Molina sein Auge nicht; denn sein Auge hat einfach keine Zeit für solche Kleinigkeiten. »Aber bitte nimm immerhin Platz«, sagt Molina und rückt zwei Stühle her. »Aber es war eine Schweinerei.«

Endlich begreift Hans: »Ach so, das mit dem Schröter.« Molina denkt an den unfairen Fußtritt des Mittelstürmers, der den Giannini fast kampfunfähig gemacht hat. »Traurige Sache, gewiß . . .«

Molina nickt ernst. Woraufhin sich Hans kleinlaut entschuldigt: »Aber da kann ich doch nichts dafür.«

»Da ist der ganze Klub verantwortlich«, sagt Molina mit der Miene eines Staatsanwalts. »Du also auch.«

»Aber wir haben ihn doch hinterher verhauen.«

»Ihr hättet ihn vorher verhauen sollen«, erwiderte er rauh. »Ihr Deutschen seid nicht gut erzogen.«

»Ihr Deutschen? . . . Wie du nur redest. Wir sind doch beide jahrelang ganz gleich erzogen worden, und zwar auf deutsch. Was hast du denn nur gegen mich? Du telegraphiertest mir doch: ›Auf Wiedersehen‹.«

»Ja, das war vorher«, sagte Molina ganz trocken, »und ist ja auch nur eine höfliche Redensart, bekanntlich. Der Castro hat mir da Dinge von euch erzählt, blamable Geschichten, auch von dir. So immer in Bars und mit Weibern – das ist Tennismoral, nicht männliche Fußballwürde. Das wäre im Grün-Weiß von früher ganz unmöglich gewesen. Der hielt noch auf frische Mannschaft.«

114 »Aber da irrst du dich gewaltig, Molina«, rief Hans. »Du bist halt immer schon um elf Uhr heimgegangen – weil dein Papa so lächerlich auf Sitten hielt.«

»Den Klub in Ehren, Hans! Jetzt sprichst du gegen deine Überzeugung. Unser Panier war rein.« Molina ärgert sich wirklich und sein Kopf wird immer röter. »Das mit der Kreszenz war schon eine faule Sache, das wäre einem andern vom Grün-Weiß nicht leicht passiert. Und vom Bankett in Genua bist du mit einer weggelaufen, bevor der Präsident vom Klub den Toast auf die Regierung ausgebracht hat. So etwas geht halt einfach nicht.« Molina schüttelte den Kopf und wurde traurig über die Verfehlung. Doch als Hans ihm zur Beschwichtigung die Hand auf die seine legte, beruhigte er sich und meinte: »Aber das geht mich schließlich gar nichts an; wir sind jetzt beide Erwachsene, und jeder hat sein eigenes Geschäft und seine eigene Verantwortung – als reife Männer.« Molina, wahrhaftig, er klopft auf Hansens Schulter. »Wir wollen lieber vom alten München reden.« Er bringt den ersten gemütlichen Ton hervor. »Willst du heut abend bei mir essen? . . . Aber ganz wie du willst?« Immerhin lächelte Molina kordial, als wäre er ein weithin in die Ferne gerückter Pollux.

Hans wurde es dennoch nicht ganz wohl mit seinem alten Freunde Molina. Da war die ganze Jugend weg. Man hatte sich's so ganz anders gedacht, viel weniger seriös. In seiner unglückseligen Aufmachung im Frack glaubte sich Hans eine heitere Ouvertüre ihres Wiedersehens zu sichern, um dann den ganzen Film der lächerlichen Flucht von Monte Carlo bis Pisa und Florenz mit muntern Lichtern vorzuspielen und endlich Jenny, seine Braut und Hauptdarstellerin, als Steigerung hereinzurufen. Und endlich als letzter Clou und glanzvolles Finale nach all den Katastrophen kommt gleich wie vom Himmel als Erlöser: Freund Molina.

Aber diese schöne Szene wäre jetzt verfehlt. Hans sieht es ein und sagt beinahe schüchtern: »Ja, alter Freund, ich möchte furchtbar gerne mit dir essen. Aber lieber in einem Lokal; denn verzeih, ich bin mit einer Dame da; sie sitzt im Vorzimmer, sie ist auch meine Braut. Die kann ich abends doch nicht gut allein lassen, was du wohl einsiehst. Und übrigens« – Hans wurde rot, ließ vor Verlegenheit die Zigarette auf die Hose fallen und stockte merklich in der Rede – »ich möchte dich um etwas bitten – weil uns etwas passiert ist.«

Molina hob die Brauen hoch. Er zeigte keineswegs den höflichen Drang, die Braut hereinzurufen. Er witterte die Forderung eines vielleicht übergroßen Freundschaftsdienstes. Und hatte er nicht genug an seinen eigenen Sorgen? Hans aber erzählt. Erzählt mit gesenktem Kopf. Nicht mit der flotten Verve 115 des Erlebers, sondern in kürzesten und sachlichsten Zügen. Auch kontrolliert er von Zeit zu Zeit sehr ängstlich die Knöpfe seines Sommermantels, um ja den Frack um keinen Preis zu zeigen. Zwar ist ja Molina über das Unglück informiert; aber mit Augen sehen soll er es nicht. Die Augen sind grausamer als das Gehirn, in diesem Falle. Hansens Schilderung hält sich objektiv. Nur den Götterboten Meumann hob der Erzähler begeistert hervor, um in Molina den Ehrgeiz der Freundschaft zu wecken. »Und so war denn unsere Hoffnung ganz auf dich gestellt, mein lieber alter Molina; und darum leih mir für heute einen Anzug und gib mir bis morgen, sagen wir . . . 500 Lire.«

Molina hört; wartet noch einen Augenblick, ob Hansens Rede auch wirklich zu Ende sei, und stellt mit sachlicher Ruhe fest: »Meine Anzüge passen dir nicht. Du bist zu dünn und zu lang für meine Garderobe. Du siehst ja: ich bin untersetzt.«

»Aber einer vom Klub? Du bist doch Alter Herr?«

»Vom Klub gibt dir keiner etwas, wegen dem Schröter.«

»Und die 500?«

»Das ist keine Kleinigkeit. Ich bin Witwer und habe es schwer. Hast du auch Kinder? Ach so, ich weiß ja, das von der Kreszenz. Aber ich meinte: richtige. Das heißt: warst du vor deiner jetzigen Verlobung – du bist doch auch schon an die dreißig – schon einmal verheiratet? Wo nicht, so kennst du eben die Sorgen eines Vaters und Geschäftsmannes nicht.« Er seufzte grämlich. »Was ist denn dein Beruf?«

Hans zögerte und sagte schließlich blöde lächelnd: »Außenstürmer.«

»Und sonst?«

»Nichts.«

Da stand Molina auf: »Und da soll ich dir eine solche Summe . . . Denn bei mir ist alles redlich und solid.«

Hans möchte sich in ein Mauseloch verkriechen. Dieser Molina war ein ›rocher de bronce‹ der bürgerlichen Weisheit. Er unterbricht ihn mit einem Einfall: »Wir geben dir einen Scheck dafür . . . ja, einen Scheck!«

Und ohne Molinas irgendwie empörte Antwort abzuwarten, flüchtet er an die Tür, öffnet sie und ruft wie um Hilfe: »Jenny! – komm doch herein, Jenny!« Sie muß der Fahrt den Bogen geben. In letzter Not hilft nur der strahlende Leichtsinn einer Jenny.

Da trippelt sie schon heran und strahlt wie auf Befehl. Molina erhebt sich und ist vor soviel Blenden der Erscheinung befangen wie ein Münchener Primaner. Er verbeugt sich tief. Jenny gießt in flüssigem Italienisch ihre sämtlichen Begrüßungsformeln über den wehrlosen Molina, spricht von dem 116 großen Tag des Wiedersehens; und daß Herr Molina von Anfang an als der ›erlösende Leuchtturm ihrer Irrfahrt‹ vor ihnen gestanden und gestrahlt habe. Ja, das sagte sie. Und während sie den breiten Holzklotz von Signore enttäuscht betrachtete, sprach sie vom Charme seines Berufs: eine Parfümeriefabrik, das sei gewissermaßen das Paradies der Frauen. Und da sie selber eine Frau sei – nichts als Frau! – so könne er sich denken, was ihr das bedeute – ihr als Frau.

Molina war erschlagen. Er sagte nur befangen: »Die Parfümeriefabrik habe ich von meinem Vater selig auf einmal übernehmen müssen. Ich kann nichts dafür. Ursprünglich machten wir Wachsartikel, Kerzen und so weiter; das hätte mir als Objekt viel näher gelegen.« Dann schleppte er als Großtat seiner Höflichkeit den schweren Klubsessel für die Signora heran und erging sich in verlegenen ›Prego‹ und ›Grazie‹ auf Jennys weitere Ergüsse. Bis Hans die Szene unterbrach: »Gib ihm einen Scheck auf fünfhundert!«

»Einen Scheck?« Nur einen Augenblick schaute Jenny auf Hans und mit einem zweiten Blick auf Herrn Molina. Dann begriff sie schon alles. »Natürlich einen Scheck.« Sie zog das Scheckbuch, füllte sofort ein Blatt aus und überreichte Molina den Abriß. Das konnte sie sehr schnell.

Freund Molina las langsam die Unterschrift: Jenny Alden-de Montujo. Der Name kam ihm abenteuerlich vor, wie seinerzeit dem Posthalter in Torrevecchio – obschon die beiden wahrlich grundverschiedene Figuren waren. Aber er ging zu einer Nebentür, öffnete und rief zur Kasse: »Cinque Cento«.

Die Unterhaltung verstummte, obschon kein Engel durchs Zimmer ging. Bis das Geld kam, betrachteten sie alle drei das Schulbild aus der Unterprima. »Ach Jonny, du siehst heute noch genau so aus wie siebzehnjährig . . . Aber Sie, Herr Molina, sind eben ein richtiger Mann geworden. Nur das Energische – das sieht man bereits im Kinde.«

»Man wird halt älter«, sagte Molina bekümmert.

Ein Mädchen brachte aus dem Kassenraum vier Hunderter und für einhundert Lire kleine Noten. »Es freut mich, Ihnen helfen zu können, gnädige Frau«, sagte Molina, nachdem er nun schon in den sauren Apfel beißen mußte. Und mit einem Blick auf das ihn sichernde Papier und im Bewußtsein seiner Freundschaftstat zählte er das Geld auf dem Tische vor. Denn war es nicht Freundschaft, daß er auf den Scheck einer ihm unbekannten Alden-de Montujo sein bares Geld herausgab? Ein Risiko – aber für einen Freund. Ja, schließlich war es eben doch sein Kastor, der da vom Schulbild an der Wand – bedachte er mit einiger Wehmut. Und da ihm die Dame mit dem kuriosen Namen immerhin interessant vorkam, so wiederholte er wahrhaftig die Einladung zum Abend. Es ist eben doch ein Jugendfreund, und die Jugend, la giovinezza – die ist dahin.

117 »Nein, das ginge nicht«, rief Jenny schmerzlich. »Erstens muß er zum Schneider, und zweitens müssen wir doch zu . . .«, ja, da fiel ihr Meumann ein – »wir müssen zu Meumanns nach . . . Settignano; du weißt ja, Jonny, zu den vielen Katzen.« Denn mit diesem Molina, denkt Jenny, nicht eine Viertelstunde länger! Und Hans ist völlig ihrer Meinung. Nur weg von hier. Das ist kein Pollux mehr, der dicke Kerl. Auch seine Anzüge passen mir nicht. Gottlob, daß sie mir nicht passen! O Molina, Molina . . . wie die Zeit vergeht.

»Sehen wir uns noch?« fragt der herbe Freund mit einem möglichst galanten und dennoch etwas schmerzlichen Lächeln zu der Dame. Er hat sich trotz allen peinlichen Reden in das Erinnerungsbild des Freundes inzwischen etwas inniger eingelebt zu dieser Stunde; und er will, als Hans nun etwas plötzlich auf den Abschied drängte, in sich noch etwas Jugendzeit auffrischen. Denn ach, das Leben ist ja nicht sehr schön in seiner Reife. Ein bißchen Jugend hätte man im Grunde seiner armen Seele bitter nötig. »Also Hans?«

Doch Hans sagt nur sehr höflich und sehr freundlich: »Wir wohnen im Hotel Minerva.«

Jenny ging voran.

»Du willst sie heiraten?« flüstert Molina zu Hans. »Gefährliches Weib.«

»Vorläufig sind wir nur verlobt.«

»Hat sie – viel Geld?«

Hans nickt.

»Dann tu's – ha, ha – und laß dich eben nachher scheiden.« Er lachte zum ersten Male laut. Er hatte einen Witz gemacht. Er fühlte – einen kurzen Augenblick – sich wieder jung, der traurige Witwer von neunundzwanzig Jahren. »Aber keine Kinder, Hans!« meinte er noch beim letzten Händedruck und glaubte einen ehrlichen Freundschaftsrat zu geben. »Kinder sind Sorgen!«

»Warum hast du nicht wieder geheiratet, Molina? . . . schon wegen der Babies?«

»Ich bin zu selbständig – und mein Geschäft geht allem andern vor. Du verstehst . . . Also auf Wiedersehen.«

So schieden die Freunde vom Gymnasium in München. Auf Wiedersehen? dachte Hans, indem er die Treppe hinunterschritt zu Jenny, die schon auf der Straße wartete und soeben ein Taxi herbeiwinkte. Auf Wiedersehen? . . . Das stand auch schon im Telegramm. Ist aber ja bekanntlich nur eine höfliche Redensart. Wir wissen Bescheid im Leben. Nein – nicht auf Wiedersehen. Sie brauchten es nicht mehr; völlig entfremdet, wie sie waren, durch zehn kurze – und doch so lange Jahre.

118 Hans ahnt zum erstenmal: Das ist die Zeit – die Zeit, die wächst und wandelt und älter macht. Es ist ein Unglück. Kastor und Pollux – das ist gewesen. Der eine gereift zum Philister in der Pflicht. Der andere ein ungereifter Taugenichts in Schönheit . . . Hans hat zwar ein schlechtes Gewissen vor Molinas ›Geschäft‹. Doch ist's ihm freier in der Seele als heute morgen noch vor jenem undeutbaren Meumann. Er weiß nicht recht, warum. Aber soviel weiß er: lieber ein Lump als ein Molina.

»Der dicke Ochse«, sagt Jenny, als sie im Taxi sitzen. »Da war mir der Lügner aber doch viel lieber, weißt du, der Meumann, unser Freund vom schiefen Turm.«

»Wir werden vielleicht alle einmal dicke Ochsen«, meint Hans so vor sich hin, »wenn wir vier Kinder zu versorgen haben.«

»Ja, Kinder machen alt«, sagt Jenny.

»Es kommt aber auf die Eltern an«, lächelt Hans.

»Von einem Molina möchte ich jedenfalls kein Baby – bei der Figur«, sagt sie und schüttelt sich vor Grauen.

»Und ich keinen gepumpten Anzug – bei der Figur«, gibt Hans wie ein Echo zurück, schaut aber gleich an seinem Frack herunter und poltert plötzlich wütend los: »Der Schneider muß ihn morgen fertig haben, den Karierten – allerspätestens morgen mittag. Sonst schlag ich ihn tot.«

»Bis morgen? – dann muß der Donatello zaubern können«, seufzt Jenny betrübt.

»Er muß ein Wunder tun, der Schneidermeister«, brüllt Hans sinnlos. In dieser Wut macht sich der ganze unbewußte Schmerz über den Molina und die verlorene Jugend frei. »Wozu hat ihn der Meumann denn empfohlen wie eine Verheißung! Der ist auch so ein Zauberkünstler.«

»Ach Jonny, vielleicht geschieht ja wirklich auch ein Wunder«, meint Jenny tröstend. »Bei den Katholischen ist es manchmal möglich. Meine Mama hat's hin und wieder einmal erlebt in Buenos Aires. Auch hat der Meumann so betont gesagt, daß er direkt ›am Dom‹ und beinah schon ›im Himmel‹ wohne – der Donatello. Man kann's nie wissen, wie er das so meint, der Götterbote. Mirakel hin – Mirakel her – bis morgen muß er's einfach schaffen!« erklärt Jenny sehr bestimmt. »Geschwindigkeit ist schließlich keine Hexerei für einen Götterboten-Schneider! Ich werd's ihm schon einreden. Denn es ist eine Lebensfrage.«

»Ich glaube nicht mehr an die Menschheit – seit dem Molina«, klagt Hans.

»So glaub' doch an den neuen Anzug, Jonny, süßer. In dem Karierten wird dir sicher wieder wohl.«

119 Hans nickt in tiefer Schwermut, während er aus der Taxidroschke wunschsüchtige Blicke auf die wimmelnden Passanten wirft: denn keiner von diesen Glücklichen trägt einen Frack. Er sah die Menschen in Blau und Gelb, in Grau und Braun – sah solche mit Streifen und glückselig Karierte. Und jeden dieser Alltagsmenschen beneidete er um so tiefer, je greller seine Hülle zu der anmaßenden Schwärze eines Frackes kontrastierte – mit Streifen seine schicke Glätte verneinte – oder gar mit den kreuz und quer gezogenen Linien eines Karierten die unerträgliche Feierlichkeit schlechthin durchstrich und brutal annullierte. Ja, ein Karierter – so wie ihn der götterhaft wissende Meumann, gewiß nicht nur aus Zufall trug – der bildete den wahrsten Gegenpol und Antipoden zur schwarzen Uniform der Herren-Mannequins in einer nichts als eleganten Welt. Und darum grade: es mußte ein Karierter sein. Das Leben für einen Karierten! . . . Und Hans schloß trotz der schwülen Luft den Mantel enger um den Hals und schob sogar den Kragen hoch.

Das Taxi hält. Sie treten ins Hotel Minerva. Vor ihrer korrumpierten Abendeleganz läuft im Foyer das ganze Personal zusammen. Würde Jenny den Gepäckschein für den großen Koffer nicht sofort dem Portier übergeben haben, man hätte bedauernd mit den Schultern gezuckt: »Besetzt – completo!« Hans spürt's, schämt sich wieder einmal. Denkt aber – wie zur Rettung vor sich selbst – sofort an Molina. Und der Kontrast erhebt ihn. Lieber ein Lump als so ein Molina. Denn Molina – das ist das Alter. Molina – das ist ein Unglück.

Aber das war offenbar nur eine Art ›Philosophie‹, was Hans da dachte. Fürs Leben kann jetzt nur ein Schneider helfen. 120

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