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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Flucht nach oben

Seit neun Uhr vormittags saß Hans mit Jenny auf dem schiefen Turm von Pisa. Zwei Stunden bald. Die Sonne brannte wie im nördlichen Sommer vom blauesten Himmel. Und nun warteten sie auf die Bahn und hockten zusammengekuschelt wahrhaftig auf dem zweitobersten Geschoß des schiefen Turmes . . . Ja, des schiefen Turmes.

Wo sollten sie auch hin? Jenny im Pelz mit dem breiten rosa Seidenstreifen am hellen Tag! Hans im matten Zylinder, in Lackschuhen und Frack, verknittert und von oben bis unten mit Kot bespritzt! Die Kinder Pisas liefen ihnen nach. Der Brotwagen hatte sie zur Bahn gebracht, wo Jennys Handkoffer ins Depot geschafft wurde. Dann gab sie die fünf Lire Trinkgeld an den Brot-Chauffeur. Dazu kamen, als enorme Ausgabe, die Billette dritter Klasse Personenzug Florenz – macht zweimal fünfzehn Lire, siebzig Centesimi, in Summa 31.40. Bleiben als Rest zwölf Lire, zwanzig Centesimi. Das ist das Ende.

Gegenüber dem Bahnhof ist die Filiale der Banca d'Italia. Der untersetzte Herr am Schalter betrachtet Jenny und ihr Scheckbuch durch seinen schwarzgeränderten Kneifer mit besonderer Vorsicht. Man könne leider, sagt er, nicht sofort auszahlen. Man müsse leider an das Hauptbureau in Firenze telephonieren. Leider – er sagt immer: leider. Vor dem Nachmittag sei leider ein Bescheid unmöglich zu erwarten. Man bedaure. Aber um vier Uhr oder morgen früh, da werde man ganz sicher so einen guten Scheck einlösen. Wie gesagt aber: für den Moment müsse er leider bedauern . . . Leider! Und der Herr rückte an seinem Zwickerschnürchen und sah die beiden nicht mehr an.

Also das ging nicht mit der Bank. Sie fragen sich nach der Questura durch und gehen dort zur Fremdenpolizei. Bringen ihre Sache mit dem gestohlenen Auto vor und zeigen die Papiere. Jenny lächelt alle Beamten an, die aber der Eleganz des Paares mit einiger Verblüffung gegenüberstehen. Sie sind auch 89 nicht empfänglich für Koketterie am Vormittag von acht bis neun. Ja, der Bericht von Torrevecchio liege vor. Es sei auch telegraphiert worden, nach Genua, Florenz und Mailand; von dort her würden auch die Grenzen avisiert. Oh, die italienische Polizei würde es schon machen. Ganz sicher sei es ja nicht, daß man ihn kriege, den Wagen. Denn der Räuber würde natürlich die Nummer fälschen. Aber ziemlich sicher werde man ihn fassen; ziemlich sicher. Die Beamten sind nicht unhöflich; denn ein noch so verdächtiger Zylinder verpflichtet in jedem Falle zu einem feinen Ton. Aber sie reden mit einer so beamtenhaften Sachlichkeit und Vorsicht, wie zu Leuten, denen man nicht gerade alles glauben muß. Eine Dame im Abendkleid und ein matter Zylinder vormittags um halb neun in einem Polizeibureau in Pisa – das ist nun einmal keine moralische Empfehlung.

Jennys muntere Reden wurden lahmer; sie fühlt sich machtlos und ohne Glanz. Sie wird bei Gott ein bißchen angesteckt von Hansens melancholischer Gedrücktheit – von seiner oft gerügten ›Sentimentalität‹. Sie hat auch nicht genügend Bargeld im Täschchen, keinen Mammon, keinen Betriebsstoff für das Selbstgefühl. Der Götze fehlt, der ihr sonst diesen ewig lachenden Mut zum Leichtsinn liefert. Sie spürte es schon auf der Bank. Ja, schon früher, als sie dem Brotwagenmann das Trinkgeld gab. Der Junge dankte nämlich nicht, und sagte nicht einmal Addio. Fünf Lire – gewiß, es ist nicht zu wenig, das heißt für ordentliche Leute. Aber von so außerordentlichen Menschen in Frack und Seidentoilette erwartet man eben mehr, mindestens das Doppelte. Jenny merkt genau: die Macht liegt nicht allein in ihren schönen Augen. Denn die schönen Augen, ach Gott, sind vielleicht nicht mehr jung genug zur Macht. Ihre Puppen, ja, die merken es nicht, über die bleibt ihr die Gewalt; ja und die bleiben ewig jung . . . die sind halt nicht lebendig. Doch ihr Jonny, der ist lebendig und jung. Ob er es merkt, das mit den Augen? So grübelt Jenny.

Der Polizeimann entreißt sie ihrer Betrachtung: »Ist erledigt, wird alles gemacht«, und er entläßt sie mit einem kaum merklichen Ruck des geschorenen Kopfes. Sie schleichen geduckt und gedrückt wortlos davon, hinaus aus den strengen, steinernen Korridoren der Quästur, in die Luft, auf die Straße.

Da schwirren die Kinder Pisas schon heran und schreien wieder. Das Paar flüchtet ins Portal zurück. Sollen sie einen Wagen nehmen? Aber das kostet vielleicht mehr, als was sie in der Tasche haben. Wer kennt die Taxipreise, wenn man selber einen Wagen hat – und jetzt allerdings nicht mehr hat. Und dann wohin? Der Personenzug fährt erst um 12 Uhr 32. Noch dreieinhalb Stunden müssen irgendwie und irgendwo verwartet werden. Im Bahnhofwartesaal werden sie angestarrt wie Meerwunder, und offen oder heimlich 90 ausgelacht. Also, es gibt nur den Weg ins Freie, vor die Stadt, die ja nicht groß ist. Man muß spazieren. Spazieren ist ein Gebot der Not. Zwar bis man ins Grüne kommt, muß man Spießruten laufen. Nur nicht auf der großen Via Santa Maria. Man eilt am besten rasch, prestissimo, durch diese schmalen Sträßchen, die sich rechts da öffnen; einfach geradeaus, bis die Stadt eben aufhört. Hinaus aus dem Portal! Abstoßen wie die Schiffer in den Strudel.

Sofort trubeln die Kinder nach. In den Gäßchen fällt das bunte Paar noch greller auf als auf der Hauptstraße. Aus den kleinen Läden rufen ihnen die Leute Worte nach, die sie zum Glück gar nicht verstehen. Sie blicken nicht rechts und blicken nicht links. Die Kinder johlen und einige halten die Hand zum Betteln hin. Ein finsterer Polizeimann winkt ihnen drohend zu; denn das dürfen sie nicht. Aber sie folgen weiter dem Paar.

»Ei verflucht«, jammert Hans, »diese Babies bringen mich um.«

»Nur 'raus ins Grüne, schnell«, zischt Jenny, »aber da vorne, Gott sei Dank, wird es schon weit und heller. Dort sind wir sie los.« Sie eilen am erzbischöflichen Palast vorbei. Links öffnet sich ein freier Platz.

Mitten im Laufen halten sie ein. Für einen Augenblick vergessen sie selbst ihre lächerliche Situation und ihre Flucht. Ein Weltwunder – es ist nichts Geringeres – vermag sie aufzuhalten. Ein grandioser Anblick tut sich auf: es ist der Domplatz. Wahrhaftig, ein Weltwunder! Grüner weiter Rasen. Darauf wie Riesenspielzeug hingesetzt die himmelhohe Kuppelkathedrale, der wuchtige Zylinder des Baptisteriums; und da, vor ihnen, über ihnen – der weltberühmte Turm von Pisa.

Piazza del Duomo! schreien die Kinder, jedes ein geborener Fremdenführer. La torre pendente! kreischt es vielstimmig mit Fisteltönen. Der Trupp umkreist sie wie junge Hunde. Die Scham steigt wieder auf in ihren Köpfen.

»Wir flüchten auf den Turm!« ruft Jenny, »das ist die einzige Rettung.«

»Die klettern ja nach, die sind wie Ungeziefer.«

»Nein, denn es kostet wohl Eintritt.«

»Wir haben ja kein Geld«, ruft Hans; aber schon eilt er mit Jenny quer hinüber zum Turm.

Herrlich! Sechs Stockwerke mit runden Säulengalerien aus kolossalem Filigran, und darüber als Abschluß noch ein siebentes Geschoß: ein Turm auf dem Turme. Marmorweiß, ein Spielzeug für Götter und Erzbischöfe. Und er ist schief, bei Gott, er neigt sich vor gegen die Ankommenden. Nicht aus Ehrfurcht, nicht zur Begrüßung. Er will sie erschlagen.

Sie eilen zum Eingang. Der Kustode öffnet das Gitter, denn es ist eben neun Uhr, und sie sind offenbar die allerersten Gäste dieses Tages. Er ist ein kleiner 91 Mann von über sechzig Jahren, mit Orden auf der Jacke und militärisch aufgedrehtem grauem Schnurrbart. »Zwei Lire pro Person«, verlangt das Mädchen an der Kasse. Der Wächter knipst die Billette, schaut die Herrschaften von oben bis unten an und fragt dann schmunzelnd: »Hochzeitsreise?« Sie antworten nicht. Selbst Jenny macht keinen Witz. Zweimal zwei Lire Eintritt – das ist für ihre Kasse nicht mehr lustig. Bleiben acht Lire zwanzig Centesimi. Aber es muß ja sein. Die Schande tötet. Nachmittags hat man wieder Geld; in Florenz legt man seinen Scheck vor bei Cook & Sons oder auf der Banca d'Italia.

Der Wärter schimpft die gröhlenden Kinder aus. Dann lacht er das Paar mit offensichtlicher Belustigung an und weist mit der Hand nach der Treppe. Jenny zieht die Brauen böse zusammen. Da stellt der Kustode sein Grinsen sofort ein. Die meinen es offenbar gar nicht so lustig, wie sie angezogen sind, denkt sich der Wächter. Die Kinder schreien aber weiter: »Commedianti!« Das Paar flüchtet in den Rundgang der Spiralentreppe . . . ist gerettet!

Aber der Wächter flüstert dem Kassenmädchen ein paar hastige Worte zu, deutet erregt auf die kuriosen Reisenden und folgt ihnen mit einigem Abstand sofort nach.

Sie steigen die flachen Stufen empor, sehen nicht zurück in die Welt, die sie ausstieß, und halten zum erstenmal hochatmend an auf dem dritten Geschoß des runden Turmes. Zwischen den Säulen der Galerie erblicken sie in mächtig wuchtender Nähe die Steinmassen des Domes. Schon sind sie auf der Höhe des Daches der Seitenschiffe. Von da baut es sich weiter hinauf in die spitz zulaufende Kuppel. Es kann einen schwindeln, namentlich bei leerem Magen, mit keinem andern Frühstück als heißem Zuckerwasser mit Wermut di Torino. Hans hat eine Orange im Mantel. Er hat sie einem Kind in Monte abgekauft. Ach so, gestern nacht, da waren wir noch in Monte Carlo, feine Leute – Herrenklasse.

»Du, ich habe eine Orange.«

»Wir essen sie, wenn wir oben sind.«

Der Kustode kommt nach und will zu erklären anfangen. Sie winken ihm brüsk ab, so daß er keineswegs erfreut ist. Aber sie haben innerlich noch nicht die Sammlung, um sich die Wunder von Pisa erläutern zu lassen. Sie sind jetzt keiner Erklärung zugänglich. Sie verstehen sich ja selber nicht. Denn ohne Auto, gepflegte Eleganz und Geld –ja da verzweifelt man so leicht am ganzen Dasein und kennt sich selbst nicht mehr. Man verliert ganz offenbar das Souveräne, das Spielerische, die ewig burschikose Heiterkeit, die stete Lachbereitschaft zum Amüsement – und Puppenspiel mit andern Menschen.

»Nur nicht arm werden!« denkt Hans.

»Nur nicht alt werden!« denkt Jenny.

92 Sie steigen weiter bis zum obersten Geschoß; es sind im ganzen wohl dreihundert Stufen. Aber sie treten nicht auf die allerhöchste Plattform, sie recken nur die Köpfe über die Aufstiegsöffnung. Denn bei solch leerem Magen und bei solch ausgeleertem Selbstgefühl packt einen der Schwindel vor der gewaltigen Weite der Welt. Sie steigen an zwanzig Stufen hinunter auf das sechste Geschoß: auf jenen freien Rundgang um den Turmzylinder, auf einen olympischen Balkon ohne Überdachung, aber im Rücken immerhin geschützt durch etwas Festes, das nicht freie Luft ist.

Da stehen sie nun und sehen sich nicht an, und schauen auf die mächtigen Baublöcke des Domes und der runden Taufkirche, die man um das uralte achteckige Taufbecken als Umschalung gebaut hat. Alles ist kindlich klar geordnet in diesem Mauerviereck um die grüne Fläche; fast primitiv wie aus dem Steinbaukasten. Es ist so einfach, ist so rein, und dennoch groß und überlegt vom Geist. Sie sehen ihn nicht, den Geist; sie ahnen ihn nur in der ungeheuren Masse. Ein Weltwunder ohne praktischen Sinn und Zweck! Warum denn eigentlich? Keine Pomadefabrik zum Geldverdienen. Kein Geldpalast wie der in Monte Carlo zum Geldgewinnen. Zweckloses Gestein als Denkmal für – Gott. Warum denn Gott? Man versteht das nicht. Was das gekostet haben mag? Und wer hat es bezahlt? Ein Wunder der Willenskräfte, die ein Ziel wollen, das hier auf Erden nicht zu sehen ist. Nicht Fels, nicht Berg, nicht Schöpfung der Natur, sondern Quadersteine, Hunderte von Säulen, Massen, getürmt von Menschenhand – von Menschen . . . wie du, Mensch und Hans – wie du, Mensch und Jenny . . . Ach nein, eben nicht wie Ich und Du . . . nicht wie Hans und Jenny. Man ist verlegen. Man ist betroffen. Man schweigt am besten einige Zeit.

Gestern, ja da hätten sie sofort losgeplappert und alles gleich mit ›fabelhaft‹ und ›zauberhaft‹ ganz laut beschrien. Aber heute, in ihrer beschmutzten Eleganz und ohne Geld, da verschlägt es ihnen irgendwie das Maul. Es denkt etwas in ihnen, was sie nicht denken wollen. Und dennoch: ›Nur nicht arm werden!‹ ist das Thema ihres Kleingefühls. Sie reden also nicht vom fehlenden Geld oder vom Brotchauffeur oder gar vom Posthalter in Torrevecchio, dem Drecknest, das aber immer noch nicht Drecknest genug war, um sie darin vor einen Menschen hinzustellen, der sie ganz ohne jeden bösen Willen demütigen konnte . . . Auch redet man nicht von den Polizisten, die nicht flirten wollten, weil die Dame sich schon viel zu viel Jugend aufgeschminkt hat . . . Weg damit. Man versteckt sich am besten vor solchen allerpeinlichsten Gedanken. Aber es pocht doch unablässig in Jennys Gehirn: ›Nur nicht alt werden!‹

Laut aber sagt sie und bricht das Schweigen mit einer gemachten Unbekümmertheit: »Wunderbar hier oben – und schau, wie tief.« Sie beugt sich 93 weit über das Geländer vor, ein wenig unvorsichtig, und sieht über die schräg überhängende Wand des Turmes direkt in die Tiefe. Mehr als vier Meter ragt die Neigung ins Leere. Sie schaudert . . . da unten ist der Tod. Und dennoch pocht's unablässig im Gehirn: ›Nur nicht alt werden!‹

Da packt sie schroff der Arm des alten Wächters. Der war soeben schnaufend nachgekommen. »Attenzione, das geht nicht!« Der Alte spricht es im Befehlston. »Es sind fünfzig Meter und zwanzig Zentimeter! Wenn man hinunterfällt, dann ist man tot.« Der Wächter hebt einen drohenden Finger. »Das ist verboten! – das geht hier nicht.«

Jenny ist schwer erschrocken über das Anpacken. Was geht hier nicht? denkt sie. Laut aber fragt sie: »Sind denn schon Menschen hinuntergefallen?« Und sie blickt noch einmal vorsichtiger über das Geländer.

»Jawohl, Signora«, sagt der Alte streng. »Es sind sogar schon Menschen hinuntergesprungen, jawohl, Signora – verzweifelte Liebespaare – ganz freiwillig – weil die Eltern nicht wollten – oder weil sie kein Geld hatten, Signora. Aber ich passe auf, Signora!«

»Kein Geld – das ist schlimm«, sagte Jenny.

»Ich bin jetzt einundvierzig Jahre hier im Dienst«, fährt der Alte fort. »Ich habe das achtmal erlebt. Immer junge Menschen! Bis auf einen alten verrückten Engländer. Dann zwölf Jahre lang geschah nichts mehr. Bis vor vierzehn Tagen, da sprangen zwei junge Leute hinunter; aber sehr arme Leute – poveretti – ein arbeitsloser Schreiner und eine Wirtstochter. Nicht elegant wie Sie und Ihr Signore. Aber es gibt auch Reiche, die nicht glücklich sind.« Und er blickte auf den kotbespritzten Saum des rosa Seidenkleides und auf Hansens schmutzigen Mantel und den Zylinder.

»Waren sie tot?« fragte Jenny.

»Ja, zerbrochen, zerquetscht, und die Köpfe ganz flach.« Der Wächter legte die Handteller flach aufeinander, um anzudeuten, wie furchtbar dünn die Köpfe geworden waren. »Da unten, auf den Platten da, gerade unter der Neigung des Turmes, da lagen sie übers Kreuz. Es war scheußlich . . . und ich verlor beinahe meinen Posten . . . Sie kamen in einen einzigen Sarg . . . Sie waren sehr unglücklich.« Der Wächter machte wieder große, beziehungsvolle Augen, als ob er ein Geheimnis über Hans und Jenny wisse, zeigte mit ausgestrecktem Finger fast feierlich in die Tiefe und hob ihn nochmals warnend hoch. Seine buschigen weißen Augenbrauen zogen sich streng zusammen: »Aber ich passe auf! Signora, ich passe auf!«

Jenny begriff. Sie fühlte sich gescholten wie ein Kind und sagte mit einem scheuen Aufbegehren: »Aber wir sind doch gar nicht unglücklich.«

94 »Aber Sie sind ein Liebespaar!« entgegnete der Wächter sachlich und schielte wieder auf den beschmutzten Glanz der beiden. »Die Liebe ist verrückt. Ich weiß Bescheid.«

»Ja gewiß, wir sind ein Liebespaar! Das weiß der Himmel.« Sie lachte den Alten plötzlich an mit allen Zähnen, und: »Du, Hans, er hat gemerkt, daß wir ein Liebespaar sind! . . . Du, er glaubt, wir seien unglücklich und könnten uns da hinunterstürzen . . . Du, wir müssen jetzt furchtbar glücklich tun, damit er uns endlich allein läßt . . . Komm!« Und sie sprang Hans an den Hals und schauspielerte einen siebzehnjährigen Backfisch vor. »Du, wir verspeisen jetzt die Orange, dann sieht er gleich, daß wir essen und nicht sterben wollen. Man ißt doch keine Südfrüchte vor dem Tod.«

Hans lachte mit, obschon er innerlich für diese heitere Liebesszene noch nicht so ganz bereit war. Er zog die Orange aus dem Mantel.

»Hast du ein Messer?«

Hans verneint.

Da bittet Jenny den Kustoden. »Un coltello?«

»Wozu ein Messer?« erschrickt der Alte. Wieder hebt er mit drohendem Argwohn seinen langen, knöchernen Zeigefinger. »Ein Messer? Das gefällt mir gar nicht . . . Was wollen Sie denn, bitte sehr, mit einem Messer tun?«

»Nur fürs Obst, my dear old Daddy«, witzelt Jenny und hält ihm die Orange unter die Nase. »Allerdings – es ist eine Blutorange!«

Langsam begreift der Wächter. Und sein Gewissen erlaubt ihm endlich, das gefährliche Instrument aus seiner Tasche hervorzuholen und es mit einer kleinen, stummen Reverenz der Dame zu überreichen. Es ist ein winziges Federmesserchen.

Jenny amüsiert sich prachtvoll über die Angst dieser wahrhaft vollkommenen Aufsichtsbehörde. Sie schneidet die Frucht, schält sie umständlich, und plappert weiter. »Du Hans, er hat geglaubt, daß wir uns mit seinem lächerlichen Dingsda von Schwert – an Stelle des amtlich verbotenen Absturzes vom schiefen Turm – erstechen wollten; mitten ins Herz!« . . . In Jennys Seele geht es wieder hoch. Spaß muß sein in dieser Welt.

Der Wächter beruhigt sich endlich über die ›Selbstmörder‹. Nein, vor dem Tode schält man keine Orangen mit solcher Finesse und macht sich keine gelbe Blume aus der Schale, wie Jenny es eben tut. Das sind verrückte Reiche. Die reisen zum Spaß im Zylinder . . .

Jenny gibt ihm das Messer zurück. »Wir müssen ihm natürlich ein Trinkgeld geben.«

»Ei verflucht!« knurrt Hans und holt langsam zwei Lire aus der Weste.

95 Der Mann nimmt und dankt. »Ich komme wieder. Ich erkläre Ihnen dann noch ganz genau die Aussicht. Vorläufig: das da ist der Dom. Aber das wissen Sie wohl. Dort drüben hinter der hohen Mauer, das ist der weltberühmte Campo Santo für die Toten. Da vorne das Runde, das ist das Battistero für die Lebendigen. Da werden die Kinder getauft, damit sie eine Seele bekommen, die Neugeborenen, ja, ja . . . A rivederla.« Er grüßt militärisch und verschwindet im Treppenaufgang.


»Wir haben noch 6 Lire 20 Centesimi«, sagt Hans sinnend vor sich hin.

»Das ist ganz gleich, denn wir lieben uns. Heute nachmittag haben wir wieder Geld und abends wieder Liebe.«

Sie kauern sich auf den Boden nieder, eines neben das andere, sehen zur Taufkirche hinüber und essen langsam die Orange, Schnittchen für Schnittchen.

»Damit sie eine Seele bekommen . . . hat der Mann gesagt, da drüben in der Taufkirche – zu komisch«, findet Jenny. »Jeder Mensch hat doch ganz sowieso eine Seele.«

Hans aber fragt scheinbar sehr unvermittelt – und dennoch ahnen wir, warum er fragt: »Sag, Jenny, warum spielst du eigentlich mit Puppen?«

»Wie kommst du jetzt auf Puppen?« Jenny hebt überrascht und ärgerlich den Kopf. »Puppen ärgern einen nicht wie du.«

»Weil sie halt keine Menschen sind. Sonst würden sie dich ärgern.«

»Es gibt auch Kavaliere, die mich nicht ärgern«, entgegnet Jenny spitz.

»Und weil sie tot sind«, fährt Hans in seiner Begründung von den Puppen fort.

»Die Kavaliere sind doch nicht tot, du Esel.«

»Aber es kommt für dich auf das gleiche heraus – mit deiner Puppenspielerei mit Menschen und Rumänen. Du schläfst ja nicht einmal mit ihnen, aus Heidenangst, es könnte einmal eine lebendige Puppe daraus werden, die auch mal schreit, wenn du dich drüber ärgerst – wie jetzt über mich. Ein Mensch ist eben keine Puppe . . .«

»Ach so, du meinst die Puppen . . .« Jenny ist ganz verwirrt ob Hansens Doppelsinnigkeiten. »Nein, Hans, die liebe ich wie meine Kinder . . . Die Klara mit dem blauen Schlauf, du weißt, das ist mein Lieblingskind. Mit der wird jede Nacht gebetet; und mit Billy . . .«

»Hat dich deine Mutter auch so geliebt? Du hast ihr doch sicher nicht so stumm pariert wie dir deine Klara oder dein Billy?«

96 »Meine Mutter ist lustig, aber böse. Wir sind immer im Streit, wenn wir zusammen reisen.«

»Sie ist halt keine Puppe. Sie ist halt auch ein Mensch.«

»Wenn ich ein richtiges Kind hätte, das würde es besser bei mir haben – als ich bei meiner Mutter.«

»Ach was«, sagt Hans, »was sollen wir mit Kindern machen, wir von der Herrenklasse, wie du immer sagst. Denk dir ich wäre Vater, einfach lächerlich. Aber du als Frau – warum hast du denn nicht geheiratet – und hast ein Kind?«

»Weil ich . . .«, sie stockte in der Rede, fing aber nochmals an, »weil ich bis jetzt zu jung war.«

»Zu jung? . . .«

Hans wagte nicht ihre Jugend zu bezweifeln. Er war im Grunde zart und seine Seele hatte Takt. Doch meinte er mit einem fast sarkastischen Lächeln seines Pierrotgesichts: »Was mich betrifft – ich bin auf jeden Fall schon alt genug dafür.«

»Wieso?« fragt Jenny, und merkt in keiner Weise den indirekten Vorwurf. »Du, Hans, wir beide können schließlich doch ein Kind haben, wenn wir bald heiraten und es so blaue Augen kriegt wie du; und deine fabelhafte Frackfigur dazu. Natürlich ein Knabe.«

Hans dachte nach. »Wenn er mal groß wird und einen Frack trägt, dann wirst du sofort eifersüchtig sein und verleidest ihm das ganze Leben – wenn er dich ärgert.«

»Ach, dann bin ich alt. Lieber möchte ich vorher sterben . . .« Sie stand auf und beugte sich wieder über das Geländer vor: »Ja, ja – wer da hinunterfällt, ist hin.« Sie wirft die Orangenschale vom Turm und guckt ihr nach. »Scheußlich tief.«

Hans zieht an seiner deformierten Frackkrawatte, um sie in annehmbare Form zu bringen, und scherzt trübsinnig: »Unkraut verdirbt nicht. Ich auch nicht. Und du auch nicht, Jenny. Du fällst auf keinen Fall hinunter; dafür bist du noch viel zu jung – viel zu jung – und mußt auch deiner Familie erhalten werden, du Puppenfee und Puppenmutter.«

»Fee–ja das ist nett. Aber Mutter – das tönt so banal, wie wenn man ein Säugetier wäre. Du mußt schon Puppenmama sagen. Mama klingt weniger wichtig.«

»Und wie tönt Vater?« fragt Hans, indem er auf den Marmorboden starrt. Und seine Stimme klingt nach einer bei ihm ungewohnten, fernen Ironie.

»Nun – Vater, das geht viel eher. Der hat auch nicht so viel zu tun damit. Und übrigens: zu ›Vater‹ gehört auch ›Kind‹.«

97 »Wohl möglich«, sagt Hans. Sein Gesicht wird ernst; sein Lächeln hintergründig. »Sieh mal, Jenny« – er steckt die Hand in die Tasche, zieht sein Portemonnaie heraus, entnimmt ihm ein kleines silbernes Medaillon, öffnet es und hält es vor Jennys Augen hin.

Sie reißt ihm das Bildchen aus der Hand: »Was ist das für ein Kind?« ruft sie heftig. Es ist der Kopf eines auffallend schönen, etwa zehnjährigen Knaben.

Ihre raschen Augen vergleichen sofort mit Hansens Gesicht. »Ist es dein Bruder? Er sieht genau so aus wie du.«

»Nein, Jenny«, sagt Hans mit einer vielsagenden Langsamkeit im Ton, »du kannst dir jetzt eins lachen . . . es ist . . . mein Sohn.«

»Dein Sohn?« Jenny springt auf. »Da warst du ja – du bist jetzt achtundzwanzig, gehst ins neunundzwanzigste – da warst du ja – um Gottes willen – mit neunzehn Jahren Vater?« Sie muß sich wieder setzen. Eifersucht kocht in ihr auf. »Von wem ist dieses Kind?«

Hans steigt zurück in eine ferne Erinnerung, die ihn nur selten ankommt, und erzählt.

 

Von einem Dienstmädchen war das Kind. Es stand im Dienst bei Hansens Freunde Molina, dessen Vater ja Konsul in München gewesen war. Das blutjunge neunzehnjährige Ding, genau so alt wie der Primanervater, war völlig unerfahren und merkte erst im vierten Monat, wie's mit ihm stand. Dann kam Molinas Mutter hinter die Sache; aber das Mädchen verriet den Knaben-Vater nicht, und fuhr heim zu seinen Eltern, Bauern in Schwanau. Nur der junge Molina kannte die Vaterschaft und fand sie ärgerlich. Auch Hansens Mutter erfuhr es bald. Denn er hielt es nicht aus, vor ihr zu schweigen. Seine Seele war zart, und die Mutter war sein Gewissen. Nach ihres Mannes Tode, eines höheren Beamten im Ministerium, wurde Hans ihr Schmerzenskind; und so streng sie war in ihren erzieherischen Forderungen, so verzieh sie ihm doch jeden Leichtsinn. Und ihr mußte er das Unglück beichten. Sie wollte auch sofort dem armen Mädchen helfen. Damals war die Mama noch wohlhabend, damals. »Und dann haben wir in der Familie ja das ›Herz fürs Volk‹ und den ›Hang für kleine Leute‹, wie du immer spottest, Jenny – aus der Distanz der Herrenklasse.«

Ach, Hans hatte das Mädchen geliebt . . . Sie hieß Kreszenz. Trotz aller Angst wollte er zu ihren Eltern nach Schwanau fahren und gegen Kreszenz' Willen sich als Vater bekennen; oder gar mit ihr flüchten, nur um sie nicht zu verlieren. Aber dann wäre er vor der Matura von der Schule geflogen; und diese 98 Bauern, was hätten die von ihm gedacht und verlangt. Die Mutter war ratlos wie er. Zwei Monate nach der Geburt schrieb ihm die Kreszenz heimlich, es sei ein Junge. Auch müsse sie bald heiraten, einen entfernten Vetter. Aber sie werde vorher noch einmal nach München kommen. Sie wolle Frau Molina, den Pfarrer Hofer und den Spitalprofessor noch einmal besuchen. Aber sie komme doch eigentlich nur wegen ihm . . . wegen ihrem Hans.

Nach einem Jahr sei Kreszenz wirklich gekommen. Bei Hansens Mutter hätten sie Kaffee getrunken, und man habe über das Kind gesprochen. Nur Kreszenz selber sagte vor Schüchternheit kein Wort. Als man erwog, später einmal den Vater zu nennen, wurde sie plötzlich heftig und schrie: »Nein, nein, sonst muß es weg in eine Anstalt oder auf eine Schule, und ich habe dann sonst nichts mehr von dir, Hans.« Aber eine gute Schule sei doch ein Glück für das Kind, warf man ein. »Ja, wenn ich tot bin.« Die Mama sagte: »Aber Kreszenz, Sie wollen jetzt doch heiraten.«

»Ja schon«, antwortete Kreszenz, und aus ihrem blonden Kindergesicht weinte es so herzerbärmlich, daß sie den Kopf auf den Tisch legen mußte. Die Mama wollte ihr Geld geben und ein geheimes Sparbüchelchen für das Kind anlegen. Aber sie rief immer »Nein«, stand dann auf und holte wortlos schluchzend ihren Mantel . . .

»Ich brachte sie zur Bahn«, fuhr Hans leise fort, während Jenny mit aufmerksamen Ohren hörte und vor Erregung ihr kleines Taschentuch zerbiß. »Auf dem Bahnhof hat sie mich noch ganz wild umfaßt und meine Hände so fest gepackt, daß sich die Nägel einbohrten und, ohne an die Leute zu denken, mich immer wieder geküßt. Sie hat kein Wort gesprochen. Nicht eines außer meinem Namen, immer wieder. Dann riß sie sich schnell los und stieg in den Wagen. Aber schon vor der nächsten Station – wir erfuhren es erst acht Tage später von Frau Molina – da sprang sie aus dem fahrenden Zug . . . Ich habe sie noch im Spital besucht, aber es waren ganz schwere Schädelbrüche. Und sie kam nicht mehr ins Bewußtsein. Ach, ich sehe sie noch, das bißchen weißes Gesicht, soweit es die Bandagen frei ließen . . . wirklich wie ein Engel, glaub mir's, Jenny. Ach, ich dachte damals als dummer Junge, ich könnte nicht mehr weiterleben . . . Ja«, seufzte Hans, »ich bin ein lächerlicher Vater . . .«

»Und das Kind?« fragt Jenny in größter Spannung. »Wie heißt es? Wo lebt es?«

»Es heißt wie ich. Für die kleine Kreszenz konnte es natürlich nur Hans heißen, nach seinem Lümmel von Vater . . . Meine Mutter hatte dann ihren Eltern geschrieben. Nach ihrem Tod konnte man es wagen. Sie hat das Kind in ein Heim nach München gebracht und sie besucht es dreimal die Woche . . . 99 Und seit ich durchs Examen fiel . . . und als dann, na du weißt ja, mein jetziges mondänes Leben anfing . . . und ich nicht mehr bei meiner Mutter wohnen wollte – nun, da dachte sie in ihrer Einsamkeit sogar eine Zeitlang daran, es ganz zu sich zu nehmen. Sie lebt ja jetzt außerhalb von München . . . Sie tat es dann doch nicht; sie fürchtete das Geschwätz der Leute. Aber sie sorgt sich immer um sein Wohlergehen und der kleine Hans bleibt sozusagen ein Ersatz für . . . ja lach du nur . . . für den verlorenen Sohn.«

Er hielt inne, steckte sich eine Zigarette an und sagte nach einer Pause, ohne Jenny anzublicken: »Jetzt hältst du mich wieder für sentimental.«

Jenny lachte ausnahmsweise einmal nicht. Sie hatte das Medaillon nicht aus der Hand gelassen. »Süß ist es, süß wie mein Teddy, mein Puppenboy. Weißt du, der in Dunkelrot mit den Goldborten.«

»Ist aber halt lebendig und ein Mensch.«

»Ja, ein kleiner Hans wie du, nur noch viel niedlicher. Ein kleiner Jonny.« Sie packte ihn bei der Hand. »Du, wir heiraten also ja richtig, und dann adoptieren wir ihn.«

»Und meine Mutter? Die ist nicht so einfach.«

»Die ist doch froh, wenn du eine gute Partie machst und endlich in feste Hände kommst. Alle Mütter sind so – wenn viel Geld da ist.«

»Ja, hast du denn feste Hände, Jenny?« Hans lächelte. »Denn du triffst ja immer wieder einen rumänischen Grafen oder einen Revolutionär, und wenn du dann nicht meinen Autoschlüssel brauchst zur Flucht – dann wirst du wieder polygam.«

»Ach was«, winkt Jenny ab. »So lange man einen Mann so richtig liebt, wird man nicht polygam. Der Rumäne? Pah! Beweis: Hier ist der Autoschlüssel.«

Sie kramte ihn wahrhaftig aus dem Täschchen. »Ich hatte ihn ja gar nicht verloren. Ich log nur so, um einen Grund zu haben, daß du mit mußtest auf die Flucht. Weil ich dich wollte, Jonny-Boy. Flirt ist noch lange nicht Polygamie, du Kindskopf.«

»Das gilt aber nur für dich. Denn wenn der Kindskopf mit blonden Lilys nur auf einem Sofa sitzt, dann ist's bei dir ja gleich schon Exhibi . . .«

Sie schließt ihm den Mund mit der Hand: »Aber jetzt haben wir ja ein Kind! Das bindet; das macht uns solid – und wir spielen mal Papa und Mama und führen ein Familienleben.«

»In Monte Carlo – mit Weib und Kind?«

»Nein, Monte lenkt zu viel ab von der Familie. Es ist nicht intim. Aber in Kopenhagen, wo ich her bin; oder vielleicht gerade in München, wo du her 100 bist, da mieten wir eine Villa. Und der Kleine kriegt einen eigenen Sportwagen . . . und ein eigenes Scheckbuch . . . und ein . . .«

»Das hat noch Zeit«, winkt Hans nervös ab. »Vorläufig sitzen wir jetzt ohne Geld, und dreckig und hungrig wie das internationale Proletariat, hier oben auf dem schiefen Turm von Pisa.«

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