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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Salute

Mächtig und steil ragt der Monte Epomeo über die Insel Ischia. Der alte Vulkan ist seit Jahrhunderten erloschen. Aber der Gigant Tiphoeus, vom Blitze Jupiters getroffen, stöhnt immer noch im Berge, und unter seinem keuchenden Atem werden die Quellen heiß und salzig. In diesem Wasser baden heute die kranken Rheumatiker und kümmern sich nicht um den leidenden Riesen. Denn jeder ist sich selbst der Nächste. Und gar das Schicksal ist unerbittlich wie der steinerne Berg Epomeo.

Es ist schon mehr als zwanzig Jahre her, daß die hier folgende Geschichte geschah: an einem der letzten Tage des August, an einem der herrlichsten Abende mit vielen Sternen über dem Berg des Schicksals – als um halb sieben Uhr ein gewisser Bianchi die Insel betrat und das Fatum reizte, das sich vier kurze Stunden später bereits für ihn und viele andere grausam erfüllt hatte.

 
Sorgen um Salute

Am kleinen Hafen von Casarotonda wartete Giovanni Tacca, der Wirt vom ›Paradiso‹, auf den Abenddampfer von Neapel, der um halb sieben kommen mußte. Da bog er eben in schöner Kurve ein, von Casamicciola her. Neben Tacca standen der Polizist Turini mit dem buschigen Schnurrbart und der magere Drogist Cechino. Der Wirt erhoffte dringend den Zuzug neuer Gäste. Sein rotes Gesicht blickte betrübt, als das halbleere Schiff anlegte. Seine weinerlichen kleinen Augen musterten die Passagiere, die mit ihren Handkoffern zur Bootsbrücke drängten, aber er fand keinen, der nach einem künftigen Gast des ›Paradiso‹ aussah. Da stiegen zwei Bauern aus mit zugenähten Körben, der Handlungsgehilfe der Drogerie, der alte Professor Stucchi, der hier seit fünfunddreißig Jahren sein eigenes Häuschen bewohnte und ein dickes Buch über das dunkle Gestein und die Flora von Ischia schrieb. Ein halbes Dutzend Fahrgäste, die nach Fremden aussahen, blieben auf Deck sitzen; denn sie fuhren weiter nach Mortara.

14 Zuletzt aber erschienen wirklich noch zwei Herren auf der Landungsbrücke, in großstädtisch geschnittenen Anzügen, die zwar bei näherer Schau etwas verbraucht und speckig aussahen. Aber Giovanni Tacca wußte auch ohne solche intime Beobachtung, daß diese Herren keine Gäste für ihn waren. Er kannte den einen sehr wohl, und er schätzte ihn nicht. Auch der Polizist Turini machte schärfere Augen beim Anblick der beiden Herren.

Eben kamen sie als letzte an Land. Der Ältere war ein Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren. Ziemlich beleibt, mit schwarzem Schnurrbart auf der dicken Oberlippe. Er trug eine Hornbrille mit dunkelblauen Gläsern vor den Augen, als wenn er sich unkenntlich machen wollte, wie ein flüchtiger Bankier. Sein Gesicht war hart und sprach nicht von Gefühlen.

Der Jüngere war ein Blonder, dessen ausgemergelte Züge den zweiundzwanzig Jahren widersprachen, die er zählen mochte. Sein Ausdruck wirkte gutartig und blöde, und die wasserblauen Augen zeigten vor den nebensächlichsten Dingen die größte Verwunderung. Er tänzelte im Gehen und hielt sich offenbar für schön. Ein dunkelblauer Rock war ihm von einem guten Schneider eng auf Taille angefertigt. Man hätte ihn für den verkommenen Sprößling eines guten Hauses halten können. Aber die Verkommenheit war deutlicher als das gute Haus. Kleider allein machen nicht Leute.

Der Ältere steckte in einem großkarierten englischen Anzug, der an den Schultern und am Kragen so verschoben saß, als hätte er früher einen anderen Herrn besessen. Doch seine ganze Haltung war ernster, sein Gang gesetzter, sein Bulldoggengesicht gewichtiger als das seines windigen Begleiters. Er war unheimlich, und wer ihn ansah, konnte nicht leicht mehr lächeln.

Wie gesagt, man hätte die beiden im ersten Anblick für zwei sogenannte bessere Herren gehalten, die für das bescheidene Hotel Paradiso gar wohl in Frage gekommen wären. Nur etwas unterschied sie sofort deutlich von den Reisenden, die zur Erholung nach Casarotonda kamen. Sie trugen weder eine lederne Handtasche bei sich, noch wurde ein Reisekoffer ausgeladen, dessen Beförderung dem Dienstmann Beppo zwei Lire eingetragen hätte. Ihr ganzes Gepäck bestand aus zwei mit schwarzem Wachstuch umwickelten Paketen, deren längliche Form nicht auf den üblichen Kofferinhalt eines ordentlichen Reisenden schließen ließ.

»Wieder nichts«, seufzte der Wirt Giovanni. »Es kommen keine Fremden mehr zu uns«, wandte er sich zum Drogisten. »Ich war heute geschäftehalber in Mortara. Dort blüht's, dort kommen andere Gäste als diese beiden Kavaliere da.« Und er erwiderte nur kurz und beinahe ängstlich den Gruß des Älteren der beiden Herren. Der Polizist Turini aber hielt sie an und murmelte etwas Unverständliches zu ihnen hin.

15 Der Dicke kramte ein Papier aus seiner Brusttasche. »Aber du kennst mich doch, Turini«, sagte er mit einem heiseren Baß.

»Ich muß den Stempel und das letzte Datum prüfen, das ist meine Pflicht, Bianchi. Sonst darf ich dich nicht spielen lassen«, brummte Turini und fragte dann: »Wer ist der andere?«

»Ich traf ihn vor drei Tagen in Neapel; er ist mein guter Freund, mein Kollege, mein Tenor. Den Schein bekommt er erst übermorgen in Porto auf der Polizei. Laß es für heute gut sein.«

»Aber den Personalausweis muß er mir zeigen.«

Der Blonde wies eine schmutzige, gelbe Karte vor. »Alvio Montore, Student der Rechte«, las der Gendarm und verwunderte sich. Mit einer geringschätzigen Handbewegung entließ er die Männer, die mit ihren schwarzen Futteralen in der Richtung des Cafés zur Piazza hinstrebten.

»Wieder nichts«, wiederholte Tacca, während der Dampfer schon tutend weiterfuhr mit den paar Passagieren, die nach Mortara wollten.

Der Badeort Mortara blühte auf. Casarotonda ging unter. Was war das damals noch für eine Zeit, als hier die Quelle entdeckt wurde, die Trinkquelle ›Salute‹! Sie lieferte aus dem heißen Boden Ischias das einzige Mineralwasser zum Trinken. Alle übrigen waren Badequellen: jene heißen, alkalischen und gar radioaktiven Thermen, die Porto d'Ischia und Casamicciola bekannt gemacht hatten und wohin jedes Jahr viele Gäste kamen, um gegen alle möglichen Leiden rheumatischer und gastrischer Art die Bäder zu benutzen. Es kam gutbürgerlicher Mittelstand, denn Casarotonda galt nicht für mondän. Wohl fuhren gelegentlich auch reichere Familien mit vielen Kindern aus Neapel herüber, für ein paar Wochen zur Erholung; denn die Unterkunft war gut und preiswert. Auch Ausländer, die nicht in eleganten Bars tanzen wollten, suchten diese billigen Ferienorte auf. Die Billigkeit lockte mehr als die hygienischen Vorteile.

In Porto und Casamicciola war ein Arzt. Der Arzt in Porto, Dottore Galozzi, war sogar der wissenschaftliche Spezialist für diese Thermen und hielt sich ein kleines Laboratorium. In Casamicciola waltete der alte Dottore Papini, ein praktischer Arzt, gleich erfahren in aller Art von Leiden.

In Casarotonda war kein Arzt nötig. Hier starb man nur am Alter, nicht an Krankheit. Hier verbringen die sparsamsten Leute, kleine Beamte und pensionierte Militärs, ihre vier Sommerwochen. Ein paar alte Damen schwören auf das altbewährte Mineralwasser ›Salute‹.

›Salute‹ ist ein gutes Wort, ein ausgezeichnetes und vielversprechendes Symbol. ›Salute‹ heißt Gesundheit und Heil. Es ist ein Gruß und ein Trinkspruch. Die Mineralquelle war vor dreißig Jahren vom alten Tacca hier 16 entdeckt worden, dem Vater des jetzigen Wirts vom ›Paradiso‹. Man trank das kaum merklich moussierende und etwas fade Wasser gegen schlechte Verdauung und gegen Fieber, die aus dem Magen kommen. Das Wasser milderte, das Wasser heilte. Man exportierte die Flaschen einst bis Salerno, Sorrent und Neapel. Die medizinischen Zeitschriften wiesen einige Zeit mit Nachdruck auf ›Salute‹ hin, und die Ärzte in Neapel empfahlen in den ersten Jahren oft eine Kur am Ort der Quelle. Fünf Jahre lang war ›Salute‹ Mode. Der alte Tacca baute im Hinblick auf eine enorme Entwicklung seines Heimatorts zwanzig Meter von der Quelle ein Hotel mit hundert Betten. Der Advokat Muri in Mortara lieh ihm das Geld dazu; der Drogist Cechino übernahm den Flaschenhandel.

Aber die Spekulation ging fehl; ohne Taccas Schuld und gegen Muris kluge Überlegung. Denn wer konnte damals wissen, daß fünf Jahre später in Mortara, nur eine Stunde westlicher an der Küste, eine zweite Trinkquelle aus dem Berg Epomeo ans Tageslicht sprang, die um einige Teile reicher war an heilenden Substanzen. ›Sanità‹ hieß der Brunnen zur Konkurrenz von ›Salute‹. Die Medizin und die Mode verwiesen also die Kranken nach Mortara, und Casarotonda verlor, was jenes gewann.

Nur die Billigkeit des Hotels ›Paradiso‹ sicherte dem alten Tacca und seinem Sohn noch in den letzten Jahren einen Betrieb von jeweils dreißig Gästen. Die übrigen siebzig Betten standen immer leer. Das Mobiliar wurde nach und nach versteigert. Der alte Tacca starb darüber, halb vor Gram und halb vor Alter. Das oberste Stockwerk verödete, der Kalk bröckelte von den Wänden; und nur die unteren Räume dienten noch zur Aufnahme der Fremden. Und wie der Besuch von Casarotonda sich verringerte, so ging auch der Export des Flaschenwassers erheblich zurück. Ja in den letzten Wochen stockte er völlig. Doch hatte diese Stockung Gründe, die nicht nur auf der verminderten medizinischen Geltung von ›Salute‹ beruhten. Es waren Gründe ganz besonderer Art, und sie entsprangen der persönlichen Situation des Wirts Giovanni Tacca – mit dem das Schicksal heute noch schwere und unabänderliche Dinge vorhatte.

»Wieder nichts – niente, niente!« stöhnte Giovanni zum dritten Male; und wieder sah er fragend zum Drogisten Cechino, der aber ohne jede bedauernde Geste mit hämischem Blick auf den Wirt bemerkte: »Wenn du nicht wenigstens mit dem Flaschenversand gut weitermachst, so wird dein ganzer Gesundheitssprudel in einem Jahr vergessen sein.«

Tacca nahm ihn bei der hageren Schulter: »Wenn du die Flaschen nicht lieferst, kann ich nicht exportieren.«

Cechino meinte kurz, indem er Giovannis Hand von seiner Schulter schüttelte: »Wenn du nicht zahlst, so gibt es keine Flaschen. Ich muß die Flaschen 17 auch bezahlen beim Raselli, und die Etiketten kosten mich auch Geld beim Buchdrucker.« Cechino verschwieg vorerst, daß ihm der spärliche Fluß der Quelle und ihre verminderte Ergiebigkeit an Mineralen viel größere Sorgen machte als das momentane finanzielle Versagen des Wirtes. Vom Monte Epomeo hing alles ab, nicht von der Kasse Taccas. Der Drogist hatte erst gestern eine frische Flasche ›Salute‹ ins Laboratorium des Dottore Galozzi in Porto d'Ischia geschickt. Er wollte beizeiten wissen, woran er war. Denn dieser Tage erwartete man die Gesundheitskommission aus Neapel. Die chemische Analyse konnte ihm heute oder morgen schon klarlegen, ob sich die alkalischen Gehalte derart vermindert hätten, daß sich mit ›Salute‹ überhaupt kein Geschäft mehr lohnen würde. Ja, der Berg machte das Schicksal.

Aber Tacca beargwöhnte nur Cechinos geldliche Bedenken und sagte: »Ich zahle prompt, sowie du mir sechs Wochen lang Kredit gibst auf die Flaschen. Wie soll ich Geld verdienen, wenn du gegen dein eigenes Interesse mein Geschäft ruinierst. Von den spärlichen Gästen allein kann ich nicht leben. Ich habe dieses Jahr nicht mehr als fünfzehn Betten zusammen besetzt gehabt, und die Saison ist ohnehin zu Ende. Die alten Stammgäste verschwinden immer mehr nach Mortara hin; und die paar Deutschen, die in unseren Ort kommen, weil sie hier fast umsonst leben können, machen das Haus nicht fett. Hätte ich nicht seit vier Wochen die norwegische Familie mit ihren fünf Mäulern, die einzigen, die jeden Tag und regelmäßig mein Wasser trinken, ich würde glauben, daß kein Mensch in der Welt mehr von ›Salute‹ weiß. Aber auch die Norweger und die alte Engländerin kamen nicht zuerst wegen ›Salute‹, sondern nur wegen der Billigkeit hierher – auf Muris Empfehlung, den sie auf dem Schiff getroffen haben und der ihnen eingeschwatzt hat, daß es in Mortara viel zu teuer sei. Muri ist klüger als du, Cechino. Er ist ein Advokat, und doch ein Mensch! Wenn man mir hilft, so kann ich auch alle Schulden bezahlen. Er will mir sogar die Reklametafel neu streichen lassen, damit sie vom Schiff von weitem her ›Salute‹ lesen.«

Er zeigte mit der Hand auf einen großen hölzernen Aufbau links vom Molo. Es war eine riesige Flasche, aus Brettern geschnitten, auf deren Etikette fast unkenntlich vor Alter in großen Buchstaben zu lesen war:

Salute, das Beste für den Magen

Darunter aber erkannte man zu diesem Text ein Bild, auf dem ein Athlet in roter Lendenhose mit muskulösem Arm eine Flasche ›Salute‹ gleich einer Keule gegen den aufgerissenen Rachen eines Löwen schwang. Dieser wilde Löwe war das Symbol für alle Krankheiten des Magens und der 18 Eingeweide. Aber dem Herkules war zuzutrauen, daß er mit der ›Salute‹-Keule das reißende Tier erschlagen würde. Wahrlich, dieses Tableau lud eher zu einer Zirkusvorstellung als zu einer medizinischen Kur ein. Aber die Sucht nach Vergrößerung hatte dem alten Tacca diese bunte Szene eingegeben.

Der Drogist folgte dem Blick Giovannis und bemerkte: »Dein ›Salute‹-Schwinger soll lieber den Löwen in Ruhe lassen und mit der Flasche die Quelle von Mortara auffangen, das wäre eine bessere Arbeit für den Herkules. Dann kämen wir alle wieder hoch. Aber da ist nichts zu machen.« Er hob bedauernd beide Schultern und schielte schief zum Epomeo empor. »Der Berg sprudelt nur da, wo er will – nicht wo wir gerade wollen. Ich glaube, du und Muri, ihr könnt euch den neuen Anstrich des Löwenbändigers sparen. Die streichen noch deine ganze Firma, die von der Kontrollkommission, wenn das so weiter geht.«

»Es geht auch nicht so weiter!« klagte Tacca mit verzweifeltem Ausdruck. Er war naiv und kein Geschäftsmann wie der Drogist Cechino. »Das Unglück kommt von allen Seiten auf mich zu. Meine Teresina will heiraten und ich bringe die fünftausend Lire nur mit schwerer Mühe auf, die ich ihrem Martino in bar versprochen habe. Die Saison sieht böse aus. Jetzt sind auch noch zwei Gäste krank geworden. Sie stellen sich an wegen ein bißchen Kopfweh, weil sie sich überfressen haben. Wenn ich den Doktor kommen lassen muß von Casamicciola, dann heißt es, die Gegend sei ungesund und was weiß ich. Nein, es geht nicht so weiter«, jammerte er. Dann ließ er den Drogisten stehen, ohne noch eine seiner hämischen Antworten abzuwarten, und schritt über die Piazza rechts zur Uferstraße, die zu seinem Hotel Paradiso führte. Es dämmerte bereits. Der Berg Epomeo wurde schwärzer und drohender.

Niedergeschlagen sah Giovanni vor sich hin. Er wandte sich auch nicht, als ihn der Ältere der beiden Männer anrief, die heute abend mit ihren Wachstuchpaketen ans Land gestiegen waren. Er hörte den Anruf wohl; aber er wollte ihn nicht hören. Dieser Bianchi, der mit der blauen Brille vor dem bösen Blick, kam nicht zur besten Zeit nach Casarotonda. Der hat noch niemandem Glück gebracht. Der ist sich selbst ein Unglück. Der hat mir noch gefehlt, dachte Giovanni Tacca.

 
Die Kunst geht nach Brot

Die beiden Männer kamen eben aus dem Nebeneingang des Cafés Al Porto, das rechts vom Molo an der Piazza lag und wo nur wenige Gäste in den Abend schauten. Drei Autoreisende: ein Herr mit bunter Weste, eine Dame mit vielen Schleiern und ein ungezogenes Kind, das Steinchen auf 19 Silvios alten Droschkengaul warf. Der Kutscher Silvio selber saß auch an einem Tischchen; aber er brauchte nichts zu bestellen, denn sein Wagen stand schon seit einem Vierteljahrhundert neben der ersten Tischreihe. Dann sah man ein altes italienisches Ehepaar, zwei schweizerische Damen mit kräftiger Aussprache; und auch den Doktor Papini, einen kleinen, dicken Mann mit gutmütigem Gesicht, der heute zu einem Fall nach Casarotonda gerufen worden war und der mit seinem Pferdewägelchen noch abends nach Casamicciola heimfahren wollte. Er hatte sich mit dem alten Kellner Tonio unterhalten müssen, da es begreiflicherweise jedermann interessierte, warum der Doktor jeweilen aus Casamicciola hierher kam.

»So, sie waren im ›Paradiso‹?« fragte Tonio. »Der Tacca hat mir nichts gesagt.«

»Vielleicht weiß es der Tacca selber nicht, da er den ganzen Nachmittag drüben in Mortara zu tun gehabt hat. Die norwegischen Gäste haben mich telephonisch kommen lassen. Nun, die haben alle Kopfweh und ein wenig Fieber. Die Nordländer vertragen die Hitze nicht und legen sich doch stundenlang an die Sonne. Da würde es auch unsereinem übel. Nun, ich verordnete Bettruhe, das beruhigt den gereizten Magen.«

Der Doktor sprach zwar ruhig; aber während er unaufhörlich und sinnlos seine spiegelblanke Brille weiter putzte, zuckte es doch nervös um seine Nasenflügel. Seine Gedanken waren nicht bei Tonios Unterhaltung.

»Sie sollen brav ihr ›Salute‹ trinken«, schwatzte der Kellner. »Mir hat es früher immer genützt, wenn ich schlapp war. Aber es kommt schon wieder weniger aus dem Boden, wie seinerzeit vor zwei Jahren, als der Brunnen halb trocken lag. Unser Monte Epomeo hat seine Launen. Tacca exportiert seit vier Wochen überhaupt nicht mehr. Es langt kaum für die Hiesigen. Dazu kommt, daß Herr Raselli, der mit der Glasfabrik, dem Drogisten keine Flaschen mehr liefert. Und Cechino steht nun da mit seinem Vorrat von Pfropfen und Etiketten dazu. Man weiß da nicht recht, was los ist.«

Der Doktor fragte: »Warum aber verhandelt Tacca nicht direkt mit dem reichen Raselli?«

»Oh, das ist eine alte Feindschaft vom alten Tacca her. Raselli hoffte damals ein großes Geschäft mit ›Salute‹ zu machen und wollte dem Wirt für zwei Jahre die ganzen Flaschen auf Kredit liefern. Aber Tacca hatte Angst vor dem alten Wucherer, der hier schon manche Existenz erledigt hat – Sie wissen ja, Dottore. Er nahm lieber das Geld vom Advokaten Muri und ließ sich vom Drogisten die fertig etikettierten Flaschen liefern, obschon es etwas teurer kam. Aber sicher ist sicher, dachte der alte Tacca.«

20 »So, so«, sagte der Doktor Papini, der in seiner Versonnenheit dem beredten Kellner kaum zugehört hatte. »Ja, der Raselli rückt nicht so leicht mit Geld heraus«, murmelte er vor sich hin. Dann erhob er sich plötzlich, als hätte er einem spontanen Einfall Folge zu leisten. »Ich muß zum Telephon!« Er zahlte zerstreut und ging zum Fernsprecher im Korridor des hinteren Eingangs. Dort verlangte er den Doktor Galozzi in Porto. Der Kellner Tonio hörte, wie er die Verbindung bestellte und dachte: Kurios, was braucht er den Galozzi anzurufen, diesen Wichtigmacher mit seinem dreckigen Laboratorium? Was ist denn da wohl los im ›Paradiso‹? Oder gibt der Epomeo endgültig kein ›Salute‹ mehr her? Sind wir schon trockengelegt? Und Tonio winkte dem Cechino, der unter der Tür seines Drogenladens stand, und sprach erregte Sätze in sein Ohr.

Als dann Papini mit rotem Kopf auf seinen kurzen Beinchen wieder aus dem Hause trippelte, lief der Drogist auf den Doktor zu mit der Miene eines Mannes, der etwas Wichtiges zu sagen hat. »Keine Zeit, Cechino, keine Zeit«, rief Papini eilig und verwirrt. Er hob die Decke vom Wagensitz und schob ganz rasch und heimlich zwei in Zeitungspapier eingewickelte bauchige Flaschen derart in die Falten des Filztuchs, daß sie beim Fahren nicht kullern konnten. Dann bestieg er hastig sein Wägelchen und fuhr davon in der Richtung nach Casamicciola.

»Es waren ›Salute‹-Flaschen«, sagte Cechino zum Kellner, mit bedeutungsvoll gehobenen Brauen.

»Warum hat er sie nur so schnell versteckt?« wunderte sich Tonio.

 

Auf den Aufbruch des Dottore hatten die Herren mit den Wachstuchpaketen nur gewartet. Sie lehnten an der Mauer am Nebeneingang des Cafes. Sie wollten nicht stören. Sie standen bescheiden und fast ängstlich da, was gar nicht passen wollte zu der energischen Statur des Dicken und der nichtstuerischen Geckerei des Jungen. Aber als Tonio den Tisch des Doktors abwischte, rief ihn der Ältere an und sprach dann leise auf ihn ein. »Also dann macht los, aber nur einmal diesen Abend«, sagte der alte Kellner.

Da schnürten die beiden ihre schwarzen Säcke auf und entnahmen ihnen in Zeitungspapier gehüllte Gegenstände; es waren Socken und ein zusammengerolltes Hemd. Auch ein großes Stück Brot kam zum Vorschein aus der schwarzen Hülle des Dicken. Sie legten alle diese Objekte auf eines der Eisentischchen, gerade beim Nebeneingang. Endlich zogen sie sorgfältig den Hauptinhalt aus ihren Futteralen: der Alte eine Gitarre und der Junge eine Mandoline. In die leeren Wachstuchhüllen wurden die ärmlichen Lumpen auf 21 dem Blechtisch wieder hineingestopft. Dann nahmen sie ihre Instrumente und stellten sich vor die Tischreihen am Kaffeehaus auf, und mitten auf dem Pflaster begannen sie ein zirpendes Vorspiel, worauf der Junge zu singen anhub.

Es war ein jammervolles Konzert, das die beiden besseren Herren auf der Piazza zum besten gaben. Der dünne Tenor Alvios schwankte in jeder Lage, und man wußte nie, ob er tremolieren wollte oder mußte. Bianchi kratzte mechanisch seine Akkorde und merkte nicht, daß die tiefe Saite um einen halben Ton gesunken war. Aber die unfreiwillige Komik dieser Szene stimmte durchaus nicht heiter. Denn Bianchis brutale dicke, dicht und schwarz behaarte Hand schlug böse Hiebe auf das Instrument. Seine dunklen Brillenaugen starrten blicklos aufs Meer oder zum Monte Epomeo – oder einfach ins Nichts. Nur seine harte Hand tat ihren Beruf. Aber seine nicht minder harte Seele flog ganz wo anders hin.

Bianchi war ein kalter Rechner und gleichzeitig ein Phantast. Er wollte stärker sein als das Schicksal, mächtiger als der Monte Epomeo und als der liebe Gott. Er hatte seinen kleinen Größenwahn, aber im Maßstab der Ansprüche von Casarotonda. Er baute einen festen Plan, den durchzudenken ihm viel wichtiger war als die Vollendung der erbärmlichen Musik, die er da machte. Seine Gedanken waren zwiegespalten: die einen liefen zu seiner verlassenen Frau, mit der er hier viele Jahre in Casarotonda gelebt hatte und die er heute noch besuchen wollte, ganz gewiß nicht zu ihrer Freude. Und die andere Gedankengruppe zog den Weg zum Wirt des ›Paradiso‹, den er heute oder spätestens morgen früh zu sprechen hatte, auch wenn ihm dieser Tacca nicht Rede stehen wollte und ihm nicht einmal den Gutenabendgruß nach der Ordnung erwidert hatte. Aber Tacca mit seinem roten erregten Kopf und den spitzigen Blicken wird ihn anhören müssen; wenn nicht als Freund, sodann als Feind. Er wird mit ihm reden. Und Bianchi überdachte seine Rede, während er seines jungen Kollegen erbärmlichen Gesang begleitete.

Dieser Alvio hatte keine solchen Sorgen wie Bianchi, und er hegte auch keine finsteren Gedanken. In seinem blöden Hirn erwog er nur, ob er den Frauen gefiele. Er schaute unentwegt auf die Autodame mit dem Schleier und tremolierte sein ›Sole mio‹. Aber die Dame kümmerte sich nicht um die Musik, sondern schalt ihren ungezogenen Jungen laut und deutlich aus. Auch das alte italienische Ehepaar, das übrigens in Taccas ›Paradiso‹ wohnte, ließ sich in seinem Gespräch mit dem Kellner Tonio nicht stören; denn selbst die Unterhaltung über das Wetter gab immer noch die angenehmere Anregung als der Belcanto des heiseren Alvio. Auch teilte der Kellner den beiden Alten etwas sehr Interessantes mit: daß Dottore Papini nach Casarotonda gekommen sei 22 und daß er an Dottore Galozzi telephoniert habe. Ob denn die Kranken im ›Paradiso‹ so übel dran seien? »Ja, diese Nordländer! Sie legen sich wie die Hunde in die Sonne statt in den Schatten wie die richtigen katholischen Christen. Da wird es ihnen dann übel im Bauch. Sie haben keine Religion; darum rösten sie sich in der Sonne, um sich fürs Fegefeuer vorzubereiten. Da kann auch unser Dottore nicht viel helfen. Denn das ist eine Krankheit für den Pfarrer.«

Eben spazierte er vorbei, der riesige Pfarrer von Casarotonda, Don Gasparo; in der schwarzen Sutane und ein dünnes Stöckchen mit Silbergriff in der großen Hand. Er stand mit seiner Hakennase wie ein Dante gegen den dunkelnden Himmel, wandte sich einen Augenblick gegen die Musikanten und schaute die verlorenen Kerle an, wie sie da nutzlos in die Luft sangen und niemand auf sie hörte – außer den zwei alten Schweizer Damen, die in dieser rauhen Kunst hier Volksgesang zu hören meinten, und aus Mitleid mit den armen Teufeln schon ihre Geldtäschchen zogen, um unter den Münzen nach einem angemessenen Honorar zu suchen. Aber noch sammelte Alvio nicht ein nach der ersten Nummer, die ohne jede Beachtung zu Ende gegangen war. Er mußte die Leute erst in Stimmung bringen, damit sie freudiger zahlten. Zwei Gassenjungen, die sich fangen wollten, rannten um die Konzertgeber und benutzten sie als Hindernis und Mittelpunkt für ihre wilden Kurven. Bianchi herrschte sie böse an.

Alvio aber fing eben neu zu präludieren an, als Don Gasparo, der Pfarrer, rasch zu Bianchi hintrat und gar nicht allzu leise zu ihm sagte: »Sie sollten sich hier nicht sehen lassen, Cesare. Man kennt sie hier auch mit der blauen Brille. Denken Sie an Ihre Frau, der Sie genug angetan haben. Machen Sie sich so schnell wie möglich fort. Vergessen Sie nicht, was Sie hier gewesen sind. Sie machen sich lächerlich mit Ihrer Gitarre. Erzwingen Sie nichts Böses vom Teufel mit Ihrem harten Schädel. Man kann nicht Berge versetzen ohne Gott. Denn Gott ist immer der Stärkere, Bianchi.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er seinen Abendspaziergang fort und ging auf den Molo.

Aber Bianchi murmelte: »Nicht stärker ist Gott, als ich es will.«

»Warum sollen wir weg, Bianchi?« fragte Alvio. »Du sagtest doch, daß du hier Beziehungen hättest, und daß gerade hier in Casarotonda unser Glück zu machen sei.«

»Gewiß, gewiß«, erwiderte sein Mentor, »mit deiner Stimme wirst du alle Weiber hier erobern. Mir genügte meine alte Signora Nina. Schau die alten Hühner dort«, und er wies auf die Schweizerinnen, »die wollen ihr Geld schon jetzt an dich loswerden und wühlen im Portemonnaie.«

23 Bianchi nahm den Alvio ganz offenbar nicht ernst, aber der Junge merkte es nicht. »Glaubst du, daß ich gefalle?«

Der Dicke bestätigte kurz: »Ja, du gefällst; aber sing jetzt rasch das Peperoni-Lied, was Lustiges, sonst gehen uns alle davon.«

Und Alvio brachte unter tänzelnden Bewegungen das Peperoni-Lied und hielt die Hand auf den Bauch, wenn die Stelle kam, wo es dem Bauern Pedrolino schlecht wird von dem vielen Pfeffer und er Wein darauf gießen muß, bis er torkelt. Das alles machte der Dumme mit Armen und Händen vor, wie er es in Neapel von weit besseren Musikanten oft gesehen hatte. Aber sein Gesicht und seine Augen hatten keine Lustigkeit in sich. Sein Lachen saß nur auf den Lippen. Er sah im Grunde seiner Eitelkeit sehr traurig aus, wie der dumme Junker Bleichenwang in Shakespeares Narrenreich. Kam er doch wirklich aus gutem Hause. Sein Vater war Advokat in Civitavecchia. Auch der Sohn sollte die Rechte studieren; aber er verbrauchte und vertat selbst das Universitätsgeld. Er hörte nur eine einzige Stunde Kolleg, um sich den Professor einmal anzusehen. Dann verschwand er aus Rom, zog nach Neapel und vagabundierte durch die Hafenkneipen. Da traf er vor drei Tagen den Bianchi.

Der hielt ihn gleich für etwas Besseres und witterte das Geld des Vaters. Er versprach ihm, mit seiner Familie zu vermitteln, sobald er sich wieder in seine frühere Stellung aufgearbeitet habe. Oh, er habe bis Civitavecchia exportiert, die besten Weine. Vielleicht habe sein Vater, der Advokat, von seinem Wein getrunken. Oh, er habe den Wein von Casano berühmt gemacht. Vielleicht komme alles wieder wie früher. Vorläufig aber müßten sie sich leider noch ein bißchen durchsingen. Er sei zu müde, um allein zu reisen; zu verstimmt über den ewigen Wechsel; er brauche einen Freund. Und ein Tenor sei mehr als ein Baß. Gewiß, Alvio sei kein Caruso. Aber für fünfzig Centesimi pro Standkonzert dürfe man keinen Maestro illustrissimo verlangen. In einem halben Jahr bringe er ihn zu seinem Vater zurück. »Ziehn wir fröhlich durch die Welt«, meinte er grimmig, »soweit wir die Fröhlichkeit eben aufbringen. Auf Ischia ist nie viel los. Da ist keine Konkurrenz. Da gehen wir hin. Da empfangen sie uns freudig.«

Alvio hatte vom freudigen Empfang durch Polizist und Priester nichts gemerkt. Nur dachte er, daß Kirche und Polizei von jeher gegen die leichte Kunst der Freude eingenommen sind. Aber daß auch der Wirt vom ›Paradiso‹, der doch die Fremdenindustrie vertrat, und Tonio, der Kellner, so wenig über Bianchis Kommen erfreut waren, ja im Gegenteil sich abweisend verhalten hatten, das gab zu denken, wie auch jene Bemerkung des Priesters über die Frau Bianchis, die dieser nicht stören solle. Ja, diese Gedanken durchschwirrten 24 undeutlich den schwachen Kopf des Sängers während seiner mit falscher Lustigkeit betriebenen Gesangsproduktion.

Kaum daß das Peperoni-Lied beendet war, brachen die alten Damen auf, nicht ohne im Vorbeigehen Bianchi eine Münze hinzustrecken. Der nahm sie ohne Dank, als ob er beleidigt wäre. Alvio stimmte die Mandoline zum dritten Gesang: ›Addio‹ von Tosi, eine traurige Melodie, die er viel lieber sang als die lustigen Lieder, in denen er sich zum Spaßmacher entwürdigt vorkam. Aber der Kellner Tonio trat dazwischen. »Einsammeln und gehen! Es ist genug. Sonst dreh' ich das Radio an. Ihr vertreibt mir noch die letzten Gäste. Los!«

Auf einen Wink Bianchis tänzelte Alvio mit dem Kupferteller zu den Autofahrern und dem Ehepaar. Bianchi aber fragte den Kellner mit düsterem Vorwurf: »Wo sollen wir hin? Ist Konkurrenz da?«

»Nur weg aus meinem Cafe mit eurer dreckigen Musik. Natürlich ist Konkurrenz da. Die beiden Nicolos spielen in der Pensione ›Bellavista‹, und da sie dort nur zehn Gäste haben, kommt nicht viel ein und sie werden also noch in die ›Miramare‹ gehen, um Tischmusik zu machen; und schließlich ins ›Paradiso‹ nach der Essenszeit.«

Alvio kam zurück und brachte eine Lira von dem alten Paar und ganze zwanzig Centesimi von der Autofamilie. Der ungezogene Junge hatte sie in den Teller gelegt. Das war nicht viel. Damit konnte man nicht essen und nicht übernachten. Nun war es sieben Uhr. Die Konkurrenz der Brüder Nicolo wurde bedrohlich. Jetzt waren sie noch auf der Höhe, wo die beiden Pensionen lagen. Um halb acht Uhr konnten sie schon wieder hier unten am Hafen sein und eine Viertelstunde später im Hotel Paradiso, das rechts vom Hafen auf der Küstenhöhe lag. Es galt den Nicolos zuvorzukommen. Nur im ›Paradiso‹ war heute noch ein Geschäft zu machen und vielleicht Unterkunft zu erhalten. Tacca muß mit sich reden lassen. So dachte Bianchi, und er sprach auch so zu Alvio.

»Aber zuerst, vor allem anderen, zu meiner Frau! Du kommst mit auf den runden Platz bei den oberen alten Bädern. Dort schicke ich dich in den Laden, wo sie ihr Papier und ihre Zeitungen verkauft, und du holst sie mir heraus hinter die Mauer an der Rocca. Ich zeige dir alles. Komm!«

Sie gaben die Instrumente und die Wachstuchbündel dem Kellner in Verwahrung und schritten über die Piazza, an der Drogerie vorbei um die Ecke, die steile, enge Hauptstraße hinan. Bianchi grüßte niemanden. Es war dämmerig geworden zwischen den Mauern.

»Warum willst du nicht selber zu deiner Frau?« fragte Alvio.

25 »Weil sie vor Überraschung sterben könnte über das Wiedersehen«, erwiderte Bianchi mit rauhem Lachen.

»Warum hast du ihr nicht geschrieben, daß du kommst?«

»Vor meinem letzten heimlichen Besuch vor einem Jahr, ach, da habe ich ihr leider geschrieben. Daraufhin war sie vor mir ausgerückt und blieb, wie ich nachher erfuhr, zwei ganze Tage bei ihrer Schwester in Forio. Sie fürchtet mich; aber sie liebt mich doch. Denn ich bin ihr Glück! Sie war arm. Ich aber betrieb, wie jedermann hier weiß, den größten Weinhandel auf der Insel.« Bianchi geriet ins Schwadronieren, wenn er von seiner winzigen Firma sprach. »Ich sagte dir schon, ich habe den Wein von Casano berühmt gemacht. Elf Abnehmer hatte ich in Neapel während der Glanzzeit meines Unternehmens. Ich wollte die Ausbreitung der Firma nach Norden. Durch mich wurde Nina reich und glücklich. Ich habe ihr ein Grammophon geschenkt. Und als mich das Unglück wieder arm machte, da wurde sie auch nicht viel weniger als sie vorher war, als arme Gärtnerstochter. Gewiß, ich habe sie mit den Mägden betrogen, aber sie hatte ein gutes Leben und sie weiß, daß ich am ganzen Bankerott zuerst nicht schuld war. Der alte Raselli, der Flaschenfabrikant, hat mich hineingelegt. Ich konnte die Zinsen nicht herausbringen. Ich hätte sie ihm später bezahlt. Aber er wollte nicht warten. Er wollte meine Firma. Da fälschte ich dann die Fakturen und die Bücher, und als ich dennoch alles verlor und den Prozeß dazu, sprang ich ihm an den Hals. Ich habe ihn fast totgeschlagen. So kam ich ins Zuchthaus.«

Bianchi atmete schwer auf dem steilen Weg. »Als ich herauskam, wollte mich niemand mehr kennen. Ich mußte fort. Meine Frau war von den Verwandten verhetzt. Die hatten eine kleine Erbschaft gemacht und richteten ihr den Laden ein. Hätte sie sich mit mir versöhnt, so hätten sie ihr die Bude wieder genommen und die Schwester aus Forio hineingesetzt. Das wollte sie nicht und konnte sie nicht . . . Als ich aus dem Gefängnis kam, am ersten Abend, da stand ich vor einer verschlossenen Tür. Ich wußte nicht, wo ich schlafen sollte. Da ging ich zu meinem alten Freunde Tacca vom ›Paradiso‹, zu diesem selben Tacca, der mich heute nicht mehr kennen will, und blieb dort heimlich noch drei Tage. Er tat es nicht ohne Gegendienst, bei Gott nicht. Dann mußte ich von der Insel.« Die breite Brust Bianchis arbeitete in schweren Stößen. »Jetzt sind's zwei Jahre her. Dazu zweieinhalb Jahre Gefängnis. Das macht viereinhalb Jahre. So lange habe ich auch meine Frau nicht mehr gesehen. Sie ist der einzige Mensch, den ich noch habe . . .« Dann fügte er fast unhörbar hinzu, als ob er mit sich selber spräche ». . . und den ich vielleicht noch zu verlieren habe.« Dabei zuckte sein Mund. Er hatte Mitleid mit sich selber.

26 Bianchi war kein Gefühlsmensch, und seine Frau war es offenbar auch nicht. Aber wenn der Mensch nicht viel zu lieben hat, so muß er dafür etwas zum Rechten und zum Streiten haben. Denn ein so harter Mensch kann sich in seine eigene Seele nicht versenken und braucht dafür die Seele eines andern. Bianchi fand bei seiner herrischen Art nicht leicht Gesellschaft, in der er sich eingebettet fühlen konnte. Er besaß nicht einen einzigen wahren Freund. So hatte er diesen gleichgültigen Alvio aufgelesen. Und so klammerte er sich verzweifelt an die Idee, mit seiner alten Frau sein altes Glück wieder zu versuchen; und jeder Zweifel an dieser Erfüllung machte ihn rasend.

Alvio hörte zu und schüttelte den Kopf. Es dunkelte bereits. Sie waren auf der halbrunden Piazza angelangt, deren Häuser auf dem Unterbau eines antiken Amphitheaters im Kreis gebaut waren. Daher hieß wohl die ganze Stadt Casa rotonda – das runde Haus. Eine Baumreihe schloß den Platz und führte weiter zur Rocca, der alten Burg.

Alvio blickte Bianchi fragend an. »Ja, aber wird sie dich denn jetzt empfangen? Wird sie mich überhaupt zu Ende anhören, wenn ich dich anmelde?«

»Ich habe diesmal ein Zaubermittel bei mir«, flüsterte Bianchi mit einem vielversprechenden Lächeln: »Aber komm hinter den Baum da, damit sie uns nicht zu früh erblickt.« Er zog ein schmutziges Notizbuch aus der Tasche und schrieb mit einem Bleistiftstummel zwei kurze Zeilen, riß das Blatt heraus und reichte es Alvio. Der las:

Liebe Nina.

Ich bringe Geld!

Dein Cesare.

Alvio gab es einen Ruck. Er riß die dummen Augen auf: »Geld – du hast Geld?«

»Ich werde es haben! Du kennst ja meine Beziehungen in Casarotonda.«

Aber als Alvio diese ›Beziehungen‹ trotz seines schwachen Geistes kritisieren und auch über die spezielle Beziehung zu Tacca etwas Näheres erfahren wollte, schnitt ihm Bianchi rasch die Rede ab. Drei Tage seien sie erst zusammen und für so wenig Zeit wisse er, Alvio, nun genug. Zuviel könne man keinem vertrauen. Aber Alvio werde wahrscheinlich noch genug erfahren; er 27 habe noch eine große Rolle zu spielen in diesen Tagen. Er werde noch Geld zu sehen bekommen in Casarotonda. Und hier müsse nun gehandelt werden. Dort sei das Haus, das zweite vom Brunnen. Er solle den Zettel bringen und sagen: er, Cesare Bianchi, warte bei der alten Eiche an der Rocca; da links, da oben hinter der Krümmung. Keine drei Minuten weit. Da treffe sie ihn.

Alvio ging zu dem Laden, vor dem ein Pferdekarren stand und den Eingang verdeckte. Bianchi schritt hinter den Bäumen des Plätzchens zu der Erhöhung, wo einst die Rocca, eine Festung aus der spanischen Herrschaftszeit, gestanden hatte. Er schnaufte erregt. Er nahm sich die Brille herunter und schaute mit glasigen Augen über die Mauerbrüstung auf den Golf und die Häuser am Hafen. Die leuchteten rötlich in der späten Sonne, die noch nicht völlig im Meer versunken war. Auch Taccas riesige Reklameflasche sah man am Hafen; allerdings von hinten, wo sie nicht bemalt war; und die nackten Bretter zeigten ein entzaubertes Symbol. In der Ferne blies der Vesuv seinen Rauch als eine gerade Säule in die Luft. Die ersten Schifferboote fuhren ins Meer, das grau und grauer wurde vor der nahenden Nacht. Doch drüben am Monte Vestio lag ein längliches Gebäude, dessen Scheiben glitzerten. Das war Bianchis Magazin gewesen. Darunter die Keller. Da hatten die Fuhrwerke für seine Fässer gestanden. Das war einmal sein Schloß und seine Macht. Ach, eine falsche Macht. Raselli, der Wucherer, war der wahre König. Die Flaschenfabrik verdiente mehr als der Weinhändler. Die Verpackung war teurer als der Inhalt. Der Geldgeber war stärker als der Produzent. »Nun, war ich denn besser als jener?« fragte sich in dieser dämmerigen Stunde Bianchi. »Auch ich wollte nur Geld und nochmals Geld. Aber ich habe nicht andere damit ruinieren wollen. Zu Nina war ich am Anfang gut. Dann redete sie mir immer in meine Geschäfte und war gegen die Vergrößerung der Firma. Und Kinder konnte sie auch keine kriegen. Auch war sie böse, wenn ich zu lange am Hafen blieb. Eifersüchtig war sie, wenn ich eine Magd anblinzelte. Sie plagte mich grundlos und dumm. So kam es denn, daß ich nicht mehr nur blinzelte, sondern verführte. Dann haßte sie mich vor lauter Liebe. Jetzt denkt sie nur an ihre Existenz. Aber wenn ich ihr jetzt Geld bringe und es in den Laden stecke, dann staunen die Verwandten, diese Bande, die mich nicht leiden mochte, weil ich zu reich war und sie nicht nötig hatte; und weil sie mit dem Pfarrer verwandt waren, und ich doch nicht zur Kirche ging . . . Aber der Raselli ging zur Kirche, der alte Halsabschneider. Auch der Tacca geht zur Kirche, obschon er das ›Paradiso‹ im Hause hat, und betet für sein ›Salute‹, und denkt dabei mehr an seinen Quellbetrieb als an das Heil seiner Seele. 28 Ach, was reden sie alle von ihrer Seele, die sie in ihrem Geldsack haben . . .« So phantasierte Bianchi und verlor sich in ganz entlegene und seit der Kindheit selten mehr betretene Abwege seines Wesens. »Ich habe meine Seele nie gespürt. Erst im Gefängnis merkte ich, daß sie sehr traurig war. Und heute brauche ich dringend eine zweite Seele in meiner gottverlassenen Einsamkeit. Ich halte diese Wanderschaft nicht länger aus. Ich will und muß bei Nina unterkommen. Sie verachten mich jetzt, aber die Zeit läßt Gras wachsen. Ich weiß es. Auch der Barino, der fünf Jahre im Zuchthaus saß, lebt wieder hier, und ist beim Raselli als Kutscher angestellt. Bei ihm war's Totschlag – bei mir ist es nur Betrug an einem Betrüger und ein kleines handgreifliches Strafgericht auf eigene Faust. Alle haben es dem Raselli gegönnt. Und wenn ich mit Geld komme – oh, Geld kann den Berg Epomeo versetzen! – dann sind sie alle klein und lassen mit sich reden.«

Der Monte Epomeo schien es nicht zu hören. Stumm und dunkel ragte er hoch. Die Sonne verschwand eben in der Richtung der Ponza-Inseln. Der Himmel war gelb und rot. Bianchi schritt auf und nieder unter den dunkeln Bäumen vor der Rocca. Er schaute in der Richtung des oberen Bäderplatzes, wo Alvio und Nina herkommen mußten. Hoffentlich hatte er sie zu Hause angetroffen. Natürlich mußte sie zu Hause sein zur Abendmahlzeit. Und Geld mußte sie locken. Schon aus Neugierde mußte sie herkommen. Er schlich bis zur Mauerecke und spähte auf den Platz.

Da eben kam Alvio. Bianchi wollte auf ihn zu, doch jener winkte ab. In einer Minute war er da.

»Wo bleibt sie?« fragte Bianchi.

»Sie bleibt zu Hause.«

»Und der Zettel?«

»Den hat sie behalten.«

»Was hat sie zu dem Geld gesagt?«

»Sie glaubt kein Wort. Sie will das Geld erst sehen. Ein Papier sei noch keine Banknote.«

Bianchi setzte sich auf einen Stein. Der Kopf fiel ihm vorne über. Alvio hielt ihm die Hand auf die Schulter. Da sprang Cesare rasch auf. »Also, holen wir Banknoten. Andiamo! Komm, komm rasch!«

»Ja, aber wo?« fragte Alvio.

»Im Paradies, beim Tacca«, tönte es wie ein Befehl.

Dann liefen die beiden rasch und wortlos den steilen Weg zurück zum Hafen, holten beim Kellner Tonio ihre Bündel und schritten den Küstenweg hinauf zum Hotel Paradiso. 29

 
Das Tafelkonzert

Das ›Paradiso‹ lag hoch am Steilhang über zwei Terrassen, die mit breiten Steintreppen verbunden waren. Oben stand man vor dem weißen, dreistöckigen Gebäude, dessen Parterre sich gleich einer großen Loggia nach außen öffnete: das war der Speisesaal. Von hier aus sah man weit über das Meer; und wenn das Essen gegen neun Uhr jeweils beendet war, leuchteten die Lampen der Fischerboote in langen Reihen, als ob ein Sternenkranz ins Meer gefallen wäre. Von ferne blinkte das Drehlicht des Leuchtturms von Procida.

Noch vor zwei Jahren gab es hier allabendlich einen weiteren, allerdings künstlich und kunstvoll arrangierten Lichteffekt. Das war ein zweites Exemplar der riesigen Reklameflasche des ›Salute‹-Wassers, wie sie am Hafen stand. Dies bretterne Ungetüm war hier oben, rechts vom Hause, mit Eisenstäben am Abhang befestigt, und seine Umrisse und das Wort ›Salute‹ wurden durch einen Kranz elektrischer Birnen illuminiert. Die Flasche erschien in grünem Licht. Das Wort des Heils, ›Salute‹, aber prangte in Rot. So sah man weit vom Meere her wie ein Fanal das Zeichen der einstigen Blüte von Casarotonda, als Stätte der Gesundheit und der Kraft. Aber nach jener Krise vor zwei Jahren, als die Wasserfülle zu stocken begann, da fürchtete man für die Existenz des ganzen Badeorts. Gegen alle Erwartung brach dann die Quelle wunderbarerweise noch einmal mit verstärkter Vehemenz hervor. Aber trotz dieser Wiederbelebung des Exports sparte Tacca die Illumination.

Er hatte seither all seine Frische und Festigkeit verloren. Vom Vater her besaß er den kurzen gedrungenen Körper, die rasche Art und eine gewisse, wenn auch sehr ungeschäftliche Geschäftigkeit. Aber der Alte hatte eben Glück gehabt, bis kurz vor dem Umschwung, den er dann allerdings nicht mehr ertrug, so daß er willig sterben konnte. Er aber, der ›junge Tacca‹, wie man ihn trotz seiner sechsundvierzig Jahre nannte, er mußte weiterleben und weiterblühen. Doch wurde sein volles Gesicht immer röter, nicht vor Gesundheit oder gar vom Wein, sondern von der Unrast seines labilen Temperaments, das nach heftigsten Impulsen leicht in ein trübseliges und hoffnungsloses Phlegma zurücksank. Es starb ihm dann an einer Blutvergiftung die Frau, die er geliebt hatte, und die im Geschäft unentbehrlich geworden war. In der Küche waltete seither die dicke Pepina, eine Witwe aus entfernter Verwandtschaft. 30 Die sechzehnjährige Tochter Teresina war seit zwei Jahren schon zum Service zu verwenden. Sonst hatte er zwei Mägde im Betrieb sowie zwei Hausknechte, die als Portiers, Kutscher und Gärtner dienten; die zugleich auch den Brunnen versahen und unter des Drogisten Cechino nicht allzu häufiger Aufsicht die Flaschen füllten. Wenn Teresina durch die bevorstehende Heirat aus dem Hause kam, dann hatte Tacca nur noch Angestellte. Ach, er fühlte sich sehr einsam. Nun kamen über ihn die neuen schweren Sorgen mit der Quelle; und er versank darin. Nur fünfzehn Gäste; und die Norweger waren auf übermorgen abgemeldet, nachdem sie schon vier Wochen im ›Paradiso‹ gewohnt hatten. Dazu drückten die fünftausend Lire, die Tacca dem künftigen Schwiegersohn Martino versprochen hatte – fünftausend, die er nicht besaß. Den weitaus größten Teil der Schulden an den Geldgeber Muri hatte gottlob sein Vater in der guten Zeit noch abgetragen. Aber das halbe Haus war schon an den Drogisten verpfändet.

Noch blieb die Hoffnung, alles zu erhalten. Es war noch nicht das Ende. Wenn Gäste kamen, und wenn der gute Advokat Muri noch einmal, ein letztes Mal, 10 000 Lire zuschösse, dann konnte alles weiter gehen trotz der Konkurrenz von Mortara mit seinem ›Sanità‹, das eben mehr alkalische Substanzen hatte und auch mehr Kohlensäure heraussprudelte als Taccas stilles ›Salute‹. Aber die Menschen sind auf Äußerlichkeiten aus. Wenn es nur sprudelt, dann glauben sie an die innere Kraft. Als wenn man nicht etwas Kohlensäure künstlich zusetzen könnte wie in der Siphonfabrik, die auch dem Raselli gehört. Wenn die Quelle an diesen reichen Schuft gekommen wäre, der hätte längst den Trick gemacht. Mit Geld kann man viel Unrechtes machen. Und wenn man in der Not ist, so kann man auch ohne Geld auf dreckige Gedanken kommen. Ja, Tacca kannte diese Not und die unrechten Gedanken. Damals, vor zwei Jahren, kamen sie in ihm auf und plagten ihn. Oh, er war einsam, und Teresina heiratete jetzt und ließ ihn ganz allein. Seit zwei Jahren war es aus mit seinem Leben. Seit da leuchtete auch seine große Flasche nicht mehr elektrisch.

Als er an diesem Abend vom Hafen heimkam, dachte er über den heutigen Nachmittag nach: wie er in Mortara herumgelaufen war und dort die Gäste gezählt, die am ›Sanità‹-Brunnen getrunken hatten; und wie er schließlich den Muri wegen der Anleihe gesprochen, aber von dem vorsichtigen Advokaten keine sehr aussichtsvolle Antwort erhalten hatte. »Es hängt alles von der chemischen Qualität des Wassers ab. Die Ärzte müssen für uns Reklame machen; und die Kur und die Heilung der Kranken werden für ›Salute‹ von selber sprechen. Warten wir die Gesundheitskommission aus Neapel ab. In vierzehn 31 Tagen kommt sie zur Kontrolle auf die Insel. Einen Tag in Porto, einen in Casamicciola, einen hier und einen in Mortara . . . Sie wissen, Tacca«, des alten Muri Stimme sprach sehr gütig, »daß der Monte Epomeo die Chemie macht. Wenn der Titan im Bauch des Berges sich einmal umdreht in seiner Höllenqual – denken Sie an unser Erdbeben von anno dreiundachtzig! – dann verstopft er die einen Röhren, aber die anderen sprengt er auf und schwitzt in sie seine chemischen Säfte aus. Wer weiß, vielleicht öffnet er wieder einmal auf friedliche Weise die Röhren von ›Salute‹. Und dann lasse ich die Reklameflasche am Hafen neu streichen, damit man den Athleten und den Löwen wieder sieht. Dann wird auch die Flasche am ›Paradiso‹ wieder elektrisch leuchten. Und dann wollen wir noch einmal über die 10 000 Lire reden.« So sprach, zum Trost – und ohne eigene Zuversicht für seinen Anteil an ›Salute‹ – der gute alte Muri mit dem Napoleonspitzbart. »Glauben Sie an den Mythus unserer schönen Insel, Tacca. Hoffen Sie auf den Titanen im Epomeo, mein Lieber.«

Aber Tacca glaubte nicht an den Titanen. Das Abendschiff war wieder ohne Gäste gekommen. Statt ihrer tauchte dieser unnütze Bianchi auf, wie ein Gespenst des Unheils. Und als der Wirt des ›Paradiso‹ zu Hause auch noch erfuhr, daß Doktor Papini dagewesen sei, da schlug seine Melancholie plötzlich in Wut um, und er fuhr die Teresina an, wer den Arzt gerufen habe, gegen sein Verbot?

Die kleine Teresina war noch ein halbes Kind: ein schmächtiges Figürchen, mit einem braunen Kopf, auf dem der Scheitel eine weiße schnurgerade Linie durch die Mitte des schwarzen mit Wasser glatt gekämmten Haares zog. Verschüchtert stand sie in ihrem blaubeblümten Kleidchen vor dem Vater da und gab bald stockend und bald hastend mit leiser Stimme zu: Ja, sie selber habe schließlich telephonieren müssen, zehn Minuten nachdem der Vater nach Mortara gefahren sei auf Martinos Wagen, der dort Gemüse hinzuschaffen hatte. »Die Frau des Norwegers hat mich hinaufgeläutet. Sie saß im Schlafrock sehr blaß und sehr krank auf dem Lehnstuhl; und im Bett lag der alte Herr Holsson und hatte einen roten Kopf und sah mich gar nicht an. Die Dame sagte, es müsse nun wohl doch der Arzt kommen. Herr Holsson aber stöhnte nur leise im Fieber. Ich sagte dann nach deiner Vorschrift, daß mein Vater diese Krankheit sehr gut kenne; es käme nur von der Sonne und der Doktor werde sich nur wichtig machen und viel Geld kosten. Aber da führte mich Frau Holsson in Nr. 28 zu den Kindern. Die Kleinen, die Zwölfjährige und die Vierzehnjährige, saßen munter im Bett. Aber der Student lag traurig da und murmelte: ›Ich bin wie zerschlagen; ich werde noch verrückt vor Kopfweh; ich kann es nicht mehr aushalten.‹ Ich sagte nochmals, was du gesagt hättest von 32 der Sonne und daß der Doktor teuer wäre. Da nahm er den Aschenbecher vom Nachttisch und warf ihn auf den Boden. Frau Holsson aber sagte: ›Jetzt müssen wir den Arzt kommen lassen, Teresina, telephoniere sofort dem Doktor‹.« So erzählte Taccas Tochter.

»Du konntest doch so tun, als ob du telephoniert hättest, und dann sagen, der Dottore sei nicht zu Hause gewesen. Wenn der Arzt auftritt bei uns, dann geht es schief im ›Paradiso‹.«

»Das konnte ich nicht«, stotterte Teresina ängstlich, »denn der Student war so unglücklich und sah sehr krank aus. Dann ist es doch besser, daß der Doktor kommt, damit es nicht schlimmer wird. Und als ich die Treppe hinunterging zum Telephonieren, da machte die alte Miß Curzon die Türe auf, rief mich hinein und sagte: ›Schlecht im Magen, heiß im Kopf, Doktor holen.‹ Und dann fiel sie auf mich vor Schwäche und ich setzte sie in den Stuhl. Da habe ich sofort telephoniert.«

»Wann kam der Doktor?«

»Vor zwei Stunden.«

»Was hat er gesagt?«

»›Nur Magenfieber‹, sagte er; aber er komme morgen wieder.«

»Verfluchte Wehleidigkeit. Sie ruinieren mir mein Renommee. Wie läuft die Quelle heute?«

»Nicht weniger als gestern; schwach, aber sie läuft.«

»Wir müssen Regen haben, sonst setzt sich zu viel Schlamm nieder.« Dann zog Tacca die Uhr. »Es ist ja acht Uhr. Wo bleibt das Essen. Man muß läuten!« Und er lief aus dem Haus zur Küche. Er nahm den Weg um die vordere Terrasse am offenen Speisesaal vorbei. Er begrüßte mit gespielter Kordialität ein paar Gäste, die in den Korbstühlen auf die Eßglocke warteten. Eben will er an der Treppe vorbei zur Küche – da prallt er zurück: denn da keuchen die beiden Musikanten-Herren die Steintreppe hinauf.

Der Junge macht seine ungeduldigen großen Augen, die ohne Anlaß sehr verwundert auf das Haus, die Flaschenreklame und den hastigen Herrn Tacca sehen. Bianchi schwitzt und hustet vom langen Steigen und seine Haltung ist nicht so sicher, wie als er abends vom Schiff ans Land trat. Er wälzt schwere Gedanken und Entschlüsse in sich.

»Was wollt Ihr hier?« rief Tacca mit rotem Kopf und blieb stehen.

»Spielen wollen wir bei dir, und deine Gäste erfreuen«, sagte Bianchi.

»Nichts da, eure verteufelte Musik hab ich noch heute abend vom Hafen nachklingen hören. Damit macht Ihr meine Gäste krank. Ich kann keine Musik brauchen«, meinte Giovanni.

33 »Aber wir, wir Musikanten brauchen Musik, damit wir etwas zu fressen verdienen, Tacca. Denn wir haben Hunger, nicht wahr, Alvio?«

»Ich habe Kranke im Haus«, flüsterte Tacca heiser, mit einem scheuen raschen Blick auf die Fenster der Norweger.

»Dann singen wir eben zur Gesundheit deiner kranken Gäste. Unser Gesang ist immer noch so gut für den Magen wie dein lahmes Gurgelwasser. Ich meine ›Salute‹. Verstehst du, Giovanni?«

Tacca schien zu verstehen. Seine kleinen schwarzen Augen sahen irr. »Gut, dann sollt ihr etwas bekommen«, stieß er hastig hervor. »Nur müßt ihr jetzt von der Terrasse weg, schon wegen der Gäste. Rasch in die Küche. Aber gesungen wird nicht!« Er drohte böse mit dem Finger.

Dann wies er in die Richtung des Hinterhauses, wo der Stall und das Flaschenmagazin lagen, schritt um die Ecke voran und klatschte vor der Küchentüre in die Hände. »Rasch, fertig, die Gäste warten. Teresina soll läuten. Tragt die Suppe auf!« Damit trat er in die Küche.

Aber Bianchi zog ihn an der Schulter zurück. »Ich muß dir etwas sagen, etwas sehr Wichtiges, Tacca, das viel wichtiger ist, als wenn deine Makkaroni fünf Minuten später auf den Tisch kommen.«

»Ich habe jetzt keine Zeit, ich muß die Bedienung überwachen. Und von dir, Bianchi, will ich überhaupt nichts Wichtiges wissen.«

»Du wirst es erfahren müssen; wenn nicht von mir, dann von der Behörde.«

Tacca wurde noch röter im Gesicht. Er nahm Bianchi zur Seite. »Was heißt das?« zischte er ihn an.

»Das heißt«, sagte Bianchi laut, »daß wir bei dir essen, schlafen und singen wollen. Und nachher will ich mit dir reden.«

»Bei mir ist kein Dach für euch. Ihr kriegt euren Teller Polenta und euer Glas Wein; und dann fort mit euch, wohin ihr wollt. Ich habe keine Zeit für euch.« Rasch wandte er sich ab, und wies die Köchin Pepina an, den beiden auf den Abwaschtisch zwei Teller hinzustellen. Bianchi ließ seinen schweren Leib sofort auf einen Stuhl fallen, und löffelte sich gierig und finster, ohne ein einziges Mal vom Teller aufzusehen, die Maisklösse in den Mund. Alvio aß ohne Hast; er sah und lächelte nach den Küchenmädchen hin und schwatzte mit der dicken Pepina. Tacca aber eilte verwirrten Blickes in den Speisesaal zum Büffet.

 

Hier saßen die Gäste an kleinen Tischen. Auf jedem stand neben dem Wein eine Flasche ›Salute‹. Die mineralische Köstlichkeit kostete hier nichts. 34 An der Tafel des ›Paradiso‹ trank man dieses Heilmittel wie Brunnenwasser. An jeder Flasche prangte auf der Etikette der Athlet im Kampfe mit dem Löwen. Teresina und die zwei anderen Mädchen trugen die Suppe auf. Der runde Tisch der Norweger in der Ecke unter dem großen ›Salute‹-Plakat war leer; ebenso das dritte Einzeltischchen, wo sonst die alte Miß Curzon saß. Und von den übrigen Gästen – zwei deutschen Malern mit ihren Damen, die den ganzen Tag in der Sonne schmorten, und dem halben Dutzend Italienern – fehlte der alte Herr Spichi, der Versicherungsbeamte von der ›Assicurazione Napolitana‹, der hier schon seit fünf Wochen die Kur gebrauchte.

»Wo ist Herr Spichi, Teresina? Er ist immer so pünktlich. Läute noch einmal oder schicke den kleinen Tino auf sein Zimmer.«

Aber Teresina, die zwei Teller Suppe hielt, blickte zu Boden und sagte leise: »Herr Spichi ist auch krank. Er habe keinen Appetit. Er ließ sich nur eine Flasche ›Salute‹ aufs Zimmer stellen.«

»Spichi auch krank?« Tacca erschrak. »Das ist ein Unglückstag. Dieser alte, zähe Spichi lag doch nie in der Sonne wie die verrückten alten Norweger und die Deutschen. Gerade seine ältesten Gäste, die hier bereits seit Wochen ihre Gesundheit renovierten und sich also doppelt wohl zu fühlen hatten, gerade diese wurden krank und elend.« So überlegte Tacca.

Da klirrte ein Glas auf den Steinboden. Die Signora de Nittis, eine Dame mit zwei Kindern, hatte es fallen lassen. Sie zuckte mit der Hand dem fallenden Glase nach; dann wurde ihr schwindlig und sie neigte sich über den Tisch. Teresina eilte hinzu. Aber Frau de Nittis wollte sich nicht aufrichten lassen. Sie habe den Schwindel; sie fühle einen Stich im Kopf, stöhnte sie. Teresina und eine Dame vom Nebentisch führten sie hinaus.

Die übrigen Gäste blickten in verlegenem Schweigen. Tacca klatschte in die Hände zum Auftragen des Fleischganges, den er selber mit den Mädchen zu servieren anfing. Aber die Gäste hatten das Essen vergessen und schauten immer noch durch die offene Türe, durch die man Signora de Nittis abgeführt hatte und wohin ihr die Kinder nachliefen. Der sechsjährige Vittorio weinte laut. Tacca schloß hinter ihm heftig die Türe. Da ward es ganz stille im Saal. Den Gästen des Paradiso war nicht wohl zumute. Niemand sprach.

Da plötzlich zerriß die Stille ein grausames Geräusch, das die Seelen peitschte. Vom Eingang her drang laut, scharf und störend, eine widrige Musik von mißgestimmten Instrumenten. Wer machte da zur Unzeit Musik? Es war die Gitarre Bianchis und die Mandoline Alvios. »Sole mio«, krähte er in die Verwirrung. »Sole mio . . .« und er grinste blöde in den halbleeren Speisesaal.

35 Ungesehen waren die Musikanten von außen herangeschlichen. Da standen sie an zwei Pfeilern der offenen Terrasse, zwei kümmerliche Statisten der Fröhlichkeit, als frivole Verzierung eines düsteren Schauplatzes.

Alles erschrak über diese Töne. Nervös zwinkernde Augen blickten unwillig auf die beiden Kerle, die wie Herren aussahen und unbekümmert um die üble Stimmung ihre erbärmliche Muse springen ließen. Wie tot der starre Kopf des blaubebrillten Bianchi. Leer die Larve des mit dem Munde lächelnden Alvio, der bei jedem hohen Ton die Stirne über den Augen schmerzlich runzelte.

Tacca hörte in der Küche das grausame Konzert. Dieser Bianchi wollte ihn vergewaltigen. Was tun? Wenn er die Halunken wegholte, machten sie womöglich offenen Skandal. Die Gäste waren schon genug verschüchtert und herabgestimmt. Er mußte jetzt die Burschen singen lassen. Wenigstens das ›Sole mio‹ mußte vorerst ertragen werden. Er brüllte die Köchin Pepina an, weil die Teller nicht warmgestellt seien. Er übertönte mit seinem Schimpfen die Musik.

Drinnen im Speisesaal aber gab es nichts zum Übertönen der musikalischen Seelenquälerei. Nur der alte pensionierte Oberst Boni, der zunächst den Spielern saß, blickte sie wütend an, während er ein Stück Brot auseinanderzerrte. »Aufhören«, knirschte er sie nach der ersten Strophe an. Aber Bianchi wollte nichts merken. Und die Gäste unterstützten die Abwehr des immer knurrigen und unfreundlichen Herrn Boni nicht und ertrugen aus Mitleid mit den armen Musikanten das entsetzliche Konzert.

Eben hatte Alvio sein ›Sole mio‹ ausgekrächzt; die Gäste atmeten auf, und Tacca eilte aus der Küche in die Dunkelheit, um von der Terrasse her von hinten an die Kerle heranzukommen; um sich jetzt jede weitere musikalische Erheiterung zu verbitten. Aber Bianchi zischte Alvio an: »Keine Pause! Sofort das Peperonilied.« Und wie ein Automat setzte Alvio seinen Körper in tänzelnde Bewegung und sang: »Piccola, piccola, piccola Maddalena . . .« und wand den Bauch dabei und gröhlte den Refrain mit den Lachstellen, daß die Scheiben klirrten . . . Aber trotz dieses Lärms hörte man plötzlich, wie oben aus dem Hause ein Mensch wie wahnsinnig in langgezogenen Tönen »Ruhe! . . . Ruhe! . . . Ruhe!« brüllte.

Da droben lagen die Kranken und ächzten unter rasenden Kopfschmerzen. Auf Nr. 28 und 29 die fünf Norweger, auf Nr. 12 Miß Curzon, auf Nr. 19 der alte Spichi und auf Nr. 4 Signora de Nittis. Aus Nr. 29 flog ein Gegenstand durch die Scheibe auf die Terrasse hinunter, ein Wurf aus Wut und Verzweiflung. Der Täter war Niels, der Student. »Ruhe«, schrie er, »Silenzio! Silenzio!«

36 Tacca, ungesehen von den Gästen, lief an Bianchi heran. »Sofort aufhören!«

Bianchi schlug unbeirrt mit seiner schweren Pranke weiter auf die Saiten.

»Aufhören, du Schuft.«

»Wenn wir hier schlafen dürfen.«

Tacca verlor jede Fassung und schrie heiser: »Ja, ja, ja, ja – aber aufhören nach dieser Strophe.«

Aber so weit kam es nicht. Der Oberst Boni war aufgestanden, trat böse auf Alvio zu und riß ihm mit einem raschen Griff die Mandoline weg. »Aufhören!« kommandierte er. Alvio stutzte und ließ das Maul offen; die letzte Note blieb ihm im Halse stecken.

»Ruhe! . . . Ruhe! . . . Ruhe! . . .« heulten die Rufe des tobenden Studenten.

Tacca drängte die Musikanten auf die Terrasse. »Weg mit euch. Wir sprechen uns nach dem Essen beim Stall, ihr Schufte.« Da gingen sie. Ans Einsammeln dachten sie nicht.

 

Teresina war mit dem Hausknecht Pietro nach oben ins Zimmer des jungen Norwegers geeilt. Der lag am Boden und schrie. Sie legten ihn ins Bett. »Wir sind ein Spital geworden«, sagte Pietro langsam mit ganz tiefer Stimme. »Das Paradiso ist verrückt.«

Tacca kam die Treppe hinauf.

»Müssen wir nicht den Arzt noch einmal holen?« fragte Teresina zitternd den Vater. »Auch die Italiener werden krank, nicht nur die Nordländer. Es ist das Fieber.«

Tacca sah auf den röchelnden Niels. Dann dachte er an die Signora de Nittis, wie sie zusammengebrochen war. »Ja, hol den Papini, hol ihn; telephoniere! Ich werde ihm sogar den Wagen schicken, weil sein Pferdchen müde ist vom Nachmittag. Der Teufel ist hier sowieso schon los. Der Bianchi, der hat ihn an die Wand gemalt . . . Und auch noch der Papini, das ist der Tod . . . Tod und Teufel! Oh, diese Schufte, diese Schufte.«

Dann lief er laut schnaufend in den Speisesaal zurück. »Meine Damen, meine Herren«, rief er mit künstlicher Heiterkeit und ließ die schwarzen, runden Augen rollen. »Die Herrschaften sind jetzt alle ruhig auf den Zimmern. Der norwegische Herr verträgt halt die Sonne nicht. Und bei Signora de Nittis ist es eine kleine Ohnmacht gewesen. Sie ist wieder ganz wohl.«

Kein Mensch erwiderte Taccas gespieltes Lächeln. Da glaubte sich Giovanni zu etwas Besonderem verpflichtet: »Wir wollen etwas gute Musik machen, nachdem die schlechten Musikanten vertrieben sind aus dem Paradies. Dreh das Grammophon an, Teresina.«

37 Aber alle Gäste verbaten sich jetzt energisch jegliche Art von Tafelmusik. Nicht etwa weil es die alten, abgespielten Platten waren, sondern weil sie ganz unmusikalische Sorgen hatten. Sie waren keineswegs beruhigt über den Fall des Studenten und der Signora de Nittis. Und dazu der alte Spichi und die Engländerin! Sollte im Essen etwas Unbekömmliches gewesen sein? Verdorbene Wurst? Nein, es hatte alles frisch gerochen. Auch der Fisch von gestern abend war gesund aus dem Meer in den Magen geschwommen. Aber wie stand es mit der Frittura mista von vorgestern? Vielleicht die Frittura? Man unterhielt sich darüber, achtete genau auf jede Regung seines Magens, und trank zur Gesundheit der Eingeweide statt Wein ein Glas mehr vom ›Salute‹.

 
Das Geheimnis der Quelle

Draußen aber ging Bianchi mit dem verwirrten Alvio hinter das Haus. Der Mond ging hoch am Horizont als ein riesiges Rund.

»In einer Viertelstunde ist die Mahlzeit um. Dann kommt Tacca, um mit mir zu reden.« Bianchis Baß klang heiser und gedämpft. »Vorher will ich dir etwas zeigen, Alvio. Hast du schon eine Quelle gesehen? Eine Mineralquelle?« Der Junge zog fragend die Brauen hoch. »Nicht? Dann sollst du sehen, wie das ›Salute‹ aus dem Berge kommt.«

Er führte Alvio hinter den Stall; dann zwanzig Schritte aufwärts über Steinstufen durch eine kleine Weinpflanzung hinter dem Albergo. Da wo die Reben aufhörten, stieg eine Felsenmauer jäh empor. Der Monte Epomeo sah schwarz in den Himmel. Der große Mond warf zwischen den Obstbäumen weißgrüne Flecken auf den Weg und man kam leicht an die Bergwand heran. Hier machte der Pfad eine Kurve um eine scharfe Einbuchtung des Abhanges. Man stand in einem kleinen Bergkessel. Und da sprudelte in einem quadratischen Bassin von ein und einem halben Meter Seitenlänge die berühmte Quelle ›Salute‹. Aber es war übertrieben, hier von ›Sprudeln‹ zu reden. Das Wasser leuchtete als glatte faule Fläche wie in einem Teich. Nur beim Abfluß in das breite Kupferrohr, das mit den Sieben und Filtern zu dem eisernen Reservoir führte, in dem das Wasser zur Flaschenfüllung gesammelt wurde, war eine gewisse langsame Strömung sichtbar. Die Schatten der beiden falschen Musikanten fielen schwarz an die Felswand.

»Das ist der Brunnen des ›Salute‹, mein Lieber«, sagte Bianchi mit einem zynischen Grinsen. »Hier kommt die Gesundheit unserer lieben Gäste vom ›Paradiso‹ her.«

38 Alvio glotzte in das Bassin, tauchte den Zeigefinger hinein und steckte ihn in den Mund, als wollte er die Güte des Wassers prüfen. »Es ist nicht heiß und ist nicht kalt«, sagte er, »es ist ganz lau.«

»Nun, wenn es nicht regnet, steht es zu lange, und wenn es so langsam fließt, so setzt sich all der Dreck hier nieder von der oberen Pratoweide.«

»Aber das Wasser kommt doch von unten aus dem Steingrund, hat mir der Drogist gesagt, weil dort die Minerale im Berg liegen.« Alvio gab wie ein kleiner Schüler sein Wissen von sich.

»Dieses nicht«, entgegnete Bianchi grimmig. »Schau dir den Dreck an am Grund des Bassins; das ist kein Mineral, das ist eben nur Dreck. Der kommt nicht von unten, der kommt von oben, von der Pratowiese, wo sie die Ziegen weiden.«

Alvio machte wieder ein dummes Gesicht. Bianchi nahm ihn bei der Hand und führte ihn ein halbes Dutzend Schritte den Abhang empor, etwa drei Meter höher als die Quelle. Sie standen mitten im Gebüsch. »Bück dich, Alvio, und leg das Ohr auf den Boden, dann hörst du etwas.«

Alvio tat, wie ihm geheißen und vernahm ein leises Gurgeln. »Ich höre die Quelle.«

»Ja, aber du hörst nicht den ›Salute‹-Sprudel, du hörst nur die Wasserleitung.«

»Was für eine Wasserleitung?«

Da hob Bianchi zwei große plattenartige Steine weg und beim Wegschieben eines dritten größeren mußte ihm Alvio helfen. Es kam feuchter Kies von mittlerem Format zum Vorschein. »Greif mit der Hand ins Geröll und suche die Eisenröhre.«

Alvio suchte und fand.

»Hörst du, wie sie gluckst; sie hat im Sommer zu wenig Wasser und zuviel Luft.«

»Woher kriegt sie denn Luft in der Erde?«

»Ich sage dir ja: es ist nicht die ›Salute‹ selber. Das ist die Regenquelle von der Pratoweide. Die ganze Röhre ist nur acht Meter lang, komm mit nach rechts, zum Bach hinüber; da zeig ich dir den Schwindel.«

Er sah um sich. Ein Vogel hatte sich geregt. Beim Stall war kein Mensch. Öde lag auch die alte Baracke da, in der früher, noch vor vier Jahren, wohl ein Dutzend Arbeiter das berühmte ›Salute‹ in Flaschen gefüllt hatten. Später genügten die beiden Hausknechte vollauf für den Export . . . Nein, es war alles ruhig. Bianchi kroch mit Alvio durchs Gebüsch bis an eine Rinne am Berg, wo ein dünnes Wässerchen über den schrägen Fels herunter plätscherte und sich in einem Becken mit Geröll verlor.

39 »Bück dich und greife die Röhre. Hier fängt sie das Wasser vom kleinen Pratobach, der früher hier unterirdisch versank und dreißig Meter weiter unten am Strand ins Meer lief. Früher war dort eine trübe Stelle, und die Kinder verstopften das Loch unter Wasser zum Scherz mit der Hand. Seit zwei Jahren suchen die Kinder vergeblich die trübe Stelle. Das Loch ist zwar noch da. Aber es gurgelt nicht mehr. Denn das Wasser läuft eben nicht mehr ins Meer, sondern hier in die Röhre. Und diese Röhre, deren Anfang du hier siehst, führt acht Meter weiter über die Mineralquelle an die Stelle, wo du es gurgeln hörtest. Verstehst du, Alvio? Dort liefert der Pratobach dem ›Salute‹ die nötige Wassermasse zur Flaschenfüllung – zum Export in die Welt und zur Gesundheit der Gäste im Paradiso.«

Alvio blickte stur vor dieser Eröffnung. »Aber das wäre doch Betrug, denn dann ist es doch kein richtiges Mineralwasser.«

»Weiß Gott, es ist Betrug.«

»Hat denn der alte Tacca schon den Bach hineingeleitet?«

»Nein, der Alte hatte es noch nicht nötig; dem war der Berg noch gnädig. Aber der Junge hat's geschafft, vor zwei Jahren, als ›Salute‹ nichts mehr hergab.«

Nach einer nachdenklichen Pause, während welcher sein Gehirn gewaltige Arbeit tat, fragte Alvio: »Woher weißt du denn das alles?«

Da neigte sich Bianchi zum Ohr seines Kollegen und raunte: »Ich habe ihm geholfen. Ich habe mit Tacca die Leitung gelegt. In jenen drei Nächten, als ich aus dem Zuchthaus kam und Nina mich nicht eine Nacht mehr aufnehmen wollte, da ging ich zu unserem Giovanni. Der verzweifelte eben an seinem ›Salute‹. Da saß er auf dem Trockenen. Da nahm er mich drei Tage auf, bevor ich von der Insel verschwinden mußte. Da hatte ich drei Nächte zu graben . . . Und weil ich das weiß, drum will er mich nicht mehr kennen, verstehst du?«

Da dämmerte in Alvio etwas auf: »Aha, nun soll er dir den Lohn dafür bezahlen und dir das Geld geben?«

»Jawohl, mein Freund, du hast verstanden. Benissimo. Nun soll er mir Geld geben. 5000 Lire muß ich von ihm haben für Ninas Laden, und 1000 Lire für dich als Schweigegeld. Sonst weiß morgen früh ganz Casarotonda und ganz Ischia und ganz Neapel, daß ›Salute‹ ein Schwindel war.«

»Hat er denn soviel Geld?«

»Er hat es, denn seine Tochter soll damit heiraten. Die Köchin hat's mir gesagt. Da hat jeder etwas Geld.«

40 Alvio war es nicht gut zumute. Er sah sich in eine kriminelle Sache verwickelt. Er dachte an seinen Vater, den Advokaten. Das Vertrauen des Signor Bianchi, den er erst drei Tage kannte, wurde ihm unheimlich. »Und warum sagst du mir das alles?« fragte er.

Bianchi nahm ihn an der Hand: »Weil ich dein Freund bin und dein Bestes will. Weil ich vielleicht auch einen Zeugen brauche und sogar einen Aufpasser: damit die Röhre nicht auf einmal ›verschwindet‹. Verstehst du? Denn sie ist wohl schwer unter die Steine zu kriegen und zu verlöten. Aber herausziehen aus dem Geröll, das schafft man in zwei oder drei Stunden. Wenn ich vielleicht ins Dorf zum Carabinieri muß – ja, wer kann das wissen? – dann hast du aufzupassen, daß da hinten an der Röhre nichts geschieht, und wenn der Tacca . . . aber halt . . . ich höre Schritte . . . wir müssen zum Stall.«

Tacca kam um die Küchenecke und blickte suchend nach Bianchi. »Du kommst mit«, befahl dieser dem schwachen Gefährten. »Er soll Angst haben, der Tacca.« Dann schritten sie aus dem Gebüsch zum Stall hinunter.

 

Tacca stand überrascht. »Was treibt ihr da am Brunnen?« Seine Stimme zitterte.

»Ich zeigte meinem Freunde deine schöne Anlage.«

»Die kann er auch am Tage sehen.«

»O nein, wir haben es eilig. Morgen ist vielleicht keine Zeit mehr dazu.«

»Warum? Was willst du von mir? Ich habe dir Wohltaten erwiesen und dich aufgenommen, als kein Mensch dich haben wollte, nicht einmal deine Frau. Und nun willst du mich ruinieren.« Und mit einem Blick auf den verlegenen Alvio: »Und was soll dieser Mensch?«

»Dieser Mensch hat sich nur für deine Brunnenarbeit interessiert. Er findet, daß du ein hervorragender Ingenieur seist«, sagte Bianchi mit gemeinem Lachen.

»Ich verstehe dich nicht«, log Tacca.

»Höre Giovanni«, mahnte Bianchi, »wir wollen uns verstehen lernen. Ich will dich ja gar nicht ruinieren. Aber sieh: es geht mir schlecht. Ganz miserabel geht's.« Er sagte es mit bitterem Vorwurf; und etwas Erbarmungswürdiges klang in seinem harten Ton. »Deine paar früheren Wohltaten sind durch meine Gegendienste weit überzahlt. Und ich will den fälligen Lohn. Wenn du zahlst, so passiert dir nichts, bei der Madonna! – und ›Salute‹ bleibt ›Salute‹.«

41 »Ich bin dir nichts schuldig. Ich habe auch kein Geld.«

»Ich weiß von Pepina, daß deine Tochter heiratet. Du willst dem Martino fünftausend Lire als Mitgift ins Geschäft stecken.«

»Das habe ich zwar versprochen; aber ich schwöre dir, daß ich das Geld nicht habe.« Er verschwieg, daß er immerhin zweitausend auf der Seite hatte. Die Wochenrechnungen waren gestern, am Sonntag, eingegangen. Und es war erst Montag.

»Und ich schwöre dir«, erklärte Bianchi, »wenn du mir meinen Lohn nicht bezahlst, dann wird man morgen in Casarotonda so viel hübsche Dinge über dich erzählen, daß Teresina in ihrem ganzen Leben keinen Mann mehr kriegt. Nicht wahr Alvio?«

Der Junge machte eine verlegene Geste. Tacca schaute bestürzt auf den Zeugen.

Da rief vom Hause her Teresinas aufgeregte Stimme: »Vater, Vater!«

Tacca rief nicht zurück. »Wieviel willst du?« fragte er hastig.

»Fünftausend Lire«, warf Bianchi hin, als ob es eine Kleinigkeit wäre. »Fünftausend Lire als Anleihe.«

»Corpo di Baccho e tutti santi! Als Anleihe? Das ist ein Vermögen. Das ist unmöglich. Wozu brauchst du solch einen Haufen Geld?«

»Du erhältst es ja wieder. Ich will zur Nina zurückziehen. Ich muß ein Dach über dem Kopf haben. Ich will nicht mehr wandern wie der ewige Jude.«

»Die Nina wird sich bedanken für deine Wiederkehr. Du hast sie genug geprügelt und betrogen.«

»Du kennst die Nina nicht«, rief Bianchi in Verzweiflung. »Sie liebt mich noch immer, du Dummkopf.« Er erregte sich gewaltig und zählte in sich überspringende Redehast die altbekannten Wohltaten auf. »Denn sie war reich durch mich und hatte alles. Ich habe ihr Parfüms von Neapel mitgebracht und zu ihrem letzten Namenstag das Grammophon, das einzige in ganz Casarotonda. Oh, sie kennt meine Energie. Darum wird sie wieder mit mir arbeiten. Ich werde den Weinhandel wieder hochkriegen, oder ich werde – beim heiligen Nicola! – sogar dein ›Salute‹ vertreiben, wenn dir schon diese finanzielle Anlage immer noch günstig erscheint. Du weißt, ich bin ein Geschäftsmann. Aus fünftausend Lire mache ich fünfzigtausend. Du hast den Profit. Du erhältst zehntausend zurück für Teresina und Martino.«

»Vater, Vater«, schallte Teresinas Stimme wieder von der Terrasse.

»Ja, ich komme«, rief Tacca laut zurück.

»Du gehst nicht, bevor ich Geld sehe«, drohte Bianchi.

42 »Ich gebe dir tausend, mehr habe ich nicht. Tausend Lire und du verschwindest.«

»Nein fünftausend, oder ich rede. Nicht wahr, Alvio, dann reden wir.« Alvio wiederholte seine verlorene Geste.

»Du gemeiner Schuft, du Teufel«, rief Tacca. Wut und Verzweiflung schossen ihm in den roten Kopf. Er sprang vor und fuhr mit den Händen nach Bianchis Hals. Alvio warf sich dazwischen und wisperte: »Hört auf, das Mädchen kommt, sonst schreit sie um Hilfe, und der Skandal ist da.«

Tacca hielt ein. Er sah Teresina kommen. Sie sprach stockend: »Vater ich muß dir etwas sagen.« Sie hatte das kurze Ringen nicht gesehen, aber sie witterte die Feindschaft unter den Männern. Sie nahm ihren Vater hastig bei Seite und sagte ihm ins Ohr mit heißem Atem: »Herr Spichi sagt, er habe kleine rote Flecken am Leib.«

Tacca schwindelte es; er faßte Teresinas Arm. »Kommt der Doktor?«

Aber Bianchi fuhr zwischen Frage und Antwort: »In einer Stunde muß alles in Ordnung sein. Wir warten bei der Quelle. Wenn du nicht kommst und wir uns langweilen müssen, so singt uns Alvio noch das Peperonilied zu Ende. Dann weißt du, was es geschlagen hat im Mondschein.«

Tacca blickte verzweifelt nach oben. Der Berg Epomeo stand ungerührt in seiner Düsternis. Und der Titan und Herr der Quellen reckte sich nicht im steinernen Bauch des Berges.

 

Bianchi schritt mit Alvio durch den Weinberg zurück. Aber zur Quelle gingen sie nicht, sondern bogen weitaus um den Stall und die Baracke, um ungesehen am Abhang unterhalb des Hauses auf die zweite Terrasse zu gelangen. Da setzten sie sich im Dunkel auf die oberste Stufe der langen Treppe, die nach unten auf die Straße führte. Das Meer lag glatt und silbern. Kein Lüftchen ging. Und sie hörten die Konversation der Gäste auf der Plattform über ihnen.

»Abscheulich, diese Musikanten«, beklagte sich eine grelle Damenstimme.

»Ach, es sind arme Leute; und sie konnten ja nichts wissen von dem Unglücksfall«, erwiderte eine sanftere zweite Stimme.

»Aber sie spielten so miserabel, als ob sie gar keine Musikanten wären. Sie sahen auch nicht so aus.«

»Nein«, sagte ein Baß, »sie sahen aus wie Gespenster, als sie auf einmal aus der Nacht auftauchten mit ihrer höllischen Saitenschlägerei. Der Oberst Boni wollte seinen Schlachtenmut an ihnen erweisen und hat sie verscheucht. Der junge Norweger ist auch wieder still geworden. Der Spuk ist mit den beiden 43 Halunken verschwunden. Sind die Raben weg, so ist die Beute gerettet, und die Luft wird frei.«

Aber in diesem Augenblick tönten durch das Fenster des Studenten wieder die langgezogenen Hilferufe so schrecklich und erbärmlich durch die Nacht, daß der Hund im Stall zu heulen anfing. Der Baß des poetischen Herrn schwieg und auch die andern Stimmen verstummten.

»Die Raben sind noch nicht weg«, raunte Bianchi. »Die Raben wollen gar keine Seele, sondern nur ein bißchen Geld.«

»Glaubst du, daß er es wirklich hat? . . . Ich glaube es nicht«, flüsterte Alvio.

»Hat er schon tausend, so hat er auch fünftausend.«

Alvios Gedanken machten einen Sprung: »Aber deine Frau liebt dich wirklich gar nicht mehr. Sie ist sehr böse und sehr häßlich. Ich war höflich und fein zu ihr. Aber sie schrie mich an: du seist ein Lumpenhund, und wer mit dir zu tun habe, sei auch ein Lumpenhund.«

Bianchi zischte ihn wütend an: »Aber sie liebt den Lumpenhund, du Idiot, das weiß ich. Und ich will's! Und damit Schluß und Basta.«

Dann schwiegen beide und starrten lange in das ruhende Meer mit den hundert Lichtern, die die Fischer auf ihren Schiffen angezündet hatten. Der Student hatte sich beruhigt. Die wenigen Gäste auf der Terrasse blieben stumm. Die meisten hatten sich in die Zimmer zurückgezogen. Es war bald zehn Uhr. Man ging hier früh zu Bett. Man lebte ja hier nur für seine Gesundheit. Man schlief und aß und trank ›Salute‹.

 

Aber nur die Stille der Natur täuschte Ruhe vor. Die Kranken jammerten in den Betten; und zwischen Tacca und Teresina ging in der leeren Küche ein leises, aber sehr erregtes Gespräch.

»Also wie war das mit Spichi?«

Ja, Signor Spichi habe geläutet; er habe im Bett gelegen und sehr ärgerlich gesagt, in der Frittura seien faule Polypen gewesen. Daher seien alle krank. Das sei kein Sonnenfieber. Vom Sonnenfieber bekomme man keine roten Flecken. Der Doktor müsse morgen früh zur Stelle sein.

»Er muß heute abend schon da sein. Schon zu meiner eigenen Beruhigung. Diese musizierenden Schurken und die kranken Nichtstuer machen mich verrückt. Hast du ihn selber gesprochen am Telephon?«

»Nein, die Frau Papini. Sie sagte, Dottore Papini sei schon unterwegs zum ›Paradiso‹.«

Der Wirt riß die Augen auf. »Was, von selber kommt er heute zum zweiten Mal und mitten in der Nacht zum ›Paradiso‹?«

44 »Ja, er sei noch zu Dr. Galozzi nach Porto gefahren, aber er käme sicher, sagte Frau Papini, schon wegen dem Norweger.«

Tacca ging ins Haus. Warum kommt der Papini von selber? fragte er sich. Er stieg zum zweiten Stock empor. Er wollte das Unheil mit eigenen Augen prüfen. Klopfte am Zimmer des Studenten. Ein schluchzendes Kind machte auf.

»Wo ist deine Mama?« fragte Tacca.

»Die Mama ist nebenan und weint.«

Der Student lag schlafend im Bett mit glühend rotem Kopf; ein Arm fiel über den Bettrand. Er röchelte mit jedem Atemzug. Das andere Kind schien zu schlafen. Keines kümmerte sich um das andere. Vater und Mutter lagen besinnungslos nebenan im Zimmer. Das Küchenmädchen war zwar hier gewesen, mußte aber dann zu Miß Curzon, die im Fieber laut vor sich hinredete. Teresina half bei Frau de Nittis, der es besser ging.

Tacca hob den hängenden Arm des Studenten und legte ihn auf die Matratze. Dann sah er sich scheu um, hob rasch das Hemd des Schlafenden, um zu sehen, ob er rote Flecken auf der Brust habe wie Herr Spichi. Gott sei Dank, er sah keine Flecken; und er deckte den Kranken wieder zu. Er wankte bei diesem Geschäft. Die Knie waren ihm weich vor Angst. »Dio, Dio«, stöhnte er. Er taumelte wie trunken aus dem Zimmer.

Auf der Treppe ließ er sich auf die Stufen fallen. Gott, was für ein Schicksal lag da über seinem Hause. Die Frittura war ausgezeichnet gewesen. Die kleinen Meertiere waren lebendig aus dem Wasser gekommen. Nein, die Frittura war es nicht. Aber was war denn los? Es war vielleicht doch die Sonne, die Hitze, das viele Essen. Die Nordländer essen alle zu viel. Es ist eine Magensache. Auch die Italiener, Herr Spichi und Frau de Nittis, können einmal am Magen leiden. Allerdings die roten Flecken. Wenn noch andere Gäste rote Flecken bekämen, dann war es vielleicht eine Epidemie. Aber der junge Herr Niels hatte gottlob keine Flecken. Doch war er sehr krank, der Junge. Und sein Vater, der Staatsrat Holsson, lag seit drei Stunden wie tot. Fast alle alten Gäste Taccas, die schon drei oder vier Wochen bei ihm wohnten, gerade die schlug die Krankheit; ob jung oder alt. Gerade die besten Gäste. Oh, es war zum Verzweifeln.

Er erhob sich schwach, stieg die Treppe hinunter und wankte in den verlassenen Speisesaal, wo von den Mädchen bereits die Tische zum Morgenkaffee gedeckt worden waren. Er setzte sich an den Tisch am Eingang, an dem der Oberst Boni gesessen hatte – starrte auf das schweigende Meer und wartete auf den Doktor Papini. 45

 
Die Ärzte wundern sich

Doktor Papini war wirklich schon auf dem Wege zum ›Paradiso‹, trotzdem er einen schweren Tag hinter sich hatte und bei seinen dreiundsechzig Jahren eigentlich einen frühen Schlaf verdient hätte. Aber an Schlafen war jetzt nicht zu denken. Es galt das öffentliche Wohl. Eine entsetzliche Ahnung war an diesem Abend in ihm aufgestiegen, als er an den Betten des Herrn Holsson und des jungen Niels gestanden hatte und kurz darauf die gleichen Symptome des Fiebers, des dünnen Stuhlgangs und der rasenden Kopfschmerzen auch bei der alten Miß Curzon auf Nr. 12 festgestellt hatte. Am meisten beunruhigte ihn die Schwellung der Milz, die er bei allen Kranken festgestellt hatte. Das war offenbar nicht das übliche gastrische Fieber, das sich die Ausländer vom vielen Trinken in der Hitze holen. Auch sah er bei einem der Kinder, die übrigens im Gegensatz zu den älteren Patienten trotz des Fiebers ganz munter blieben, kleine blaßrote Flecken am Rumpf, die Papini aber noch nicht zu deuten wagte. Herrn Spichis Krankheit zeigte sich in deutlicheren Symptomen; doch davon wußte er noch nichts. Solche punktförmige Färbungen kamen gelegentlich ja vor bei Kindern, die beim Spielen allerhand schmutzige Dinge anrühren. Aber das ganze Krankheitsbild im ›Paradiso‹ sah bedenklich aus. Er hatte die alte Pepina in der Küche gefragt, ob alles Essen frisch gewesen sei in den letzten zwei Tagen. Die Fische? Das Fleisch? Pepina schwur hoch und heilig, daß alles jeden Tag frisch aus dem Meere oder aus der Schlächterei gekommen sei.

»Und das Wasser?« fragte Papini.

Kein Mensch trinke hier Wasser, sagte Pepina. Die meisten tränken weißen Wein und dazu natürlich ›Salute‹, das aber ja kein gewöhnliches Wasser sei, und das unentgeltlich auf jedem Tisch stehe. Auch draußen auf der Terrasse stehe neben jeder Bank eine Flasche ›Salute‹. Die sparsamen Norweger hätten übrigens nie Wein bestellt, sondern immer nur ›Salute‹ getrunken. Und gerade diese seien nun so schwer erkrankt.

Der Doktor murmelte etwas Unverständliches und sagte nach einem kurzen Schweigen: »Gib mir eine Flasche ›Salute‹ mit, Pepina. Meine Frau hat den ganzen Tag schon Magenweh. Ich will ihr eine frische Flasche von der Quelle bringen.«

Pepina wollte in den Keller, wo die heutige Tagesfüllung in etwa dreißig Flaschen bereitstand.

»Nein, ich will es direkt vom Epomeo haben, Pepina. Spüle mir eine von den leeren Flaschen mit heißem Wasser aus. Ich hole mir den Trunk dann selber am Brunnen hinten.«

46 Papini war zur Quelle gegangen, sah ihren trägen Zustrom und die Schlammflecken auf dem Steinboden. Er beugte sich mit seinem dicken Bauch schnaubend über das Bassin und rührte mit der Hand das Wasser auf, das sich sofort leicht trübte. Erst dann füllte er die Flasche aus dem Bassin. Er hielt sie gegen das Licht und schüttelte dazu den weißen Kopf. Dann ging er nochmals zu Pepina zurück und verlangte eine zweite Flasche. Diese füllte er nicht aus dem Bassinwasser, sondern direkt von der Quellenmündung.

»Nichts davon erzählen«, sagte er zu Pepina, die beim zweiten Gang zum Brunnen mitgekommen war. »Es regt nur die Leute auf, wenn meine Frau an Magenweh leidet«, meinte er mit gespieltem Scherz. »Doktorsleute müssen immer gesund sein, sonst taugt der ganze Doktor nichts vor der Welt. Mediziner dürfen nur sterben, aber nicht krank sein.« Dann wickelte er die Flaschen in Zeitungspapier und schritt rasch zum Hafen hinunter, wo sein Wägelchen stand.

Solange sein Pferd noch futterte, trank er seinen Kaffee und unterhielt sich, wie wir wissen, mit Tonio, dem Kellner. Dann ging er nachdenklich und bedenklich ans Telephon und verlangte den Doktor Galozzi in Porto, den Spezialisten für alle wissenschaftlichen Fragen über die Thermen und Mineralien von Ischia.

»Kann ich Sie heute noch sprechen, Dottore? Es ist zwar schon halb sieben; aber es ist wichtig. Sehr wichtig. Ich habe hier ein paar Krankheitsfälle. Ich möchte von Ihnen wissen, ob Sie ähnliche Symptome in Ihrer dortigen Klientel vorgefunden haben . . . So, so . . . Nein, nicht am Telephon . . . Wir sprechen in einer Stunde darüber . . . Am besten gleich im Laboratorium . . . Ich bringe Material für eine Analyse . . . Ja, eine Blutprobe habe ich für alle Fälle gemacht . . . Gewiß, wir werden sehen . . . vielen Dank.«

Dann fuhr Papini los, hielt zwei Straßen weiter an seinem Hause und klopfte mit dem Messingring. Oben erschien seine Frau. »Ich komme erst um neun zurück. Ich muß nach Porto zu Galozzi und nachher noch einmal ins ›Paradiso‹. Von den Ausländern sind ein paar erkrankt. Da ist ein alter Norweger. Der gefällt mir nicht. Ich bin eilig.« Schon stieg er wieder in sein Wägelchen. »Gut«, nickte die Frau mit stiller Resignation. Sie war es gewohnt, daß ihr Doktor nie zur Zeit zum Essen kam.

Papini trieb sein altes Pferdchen grimmig an. Um die Ecke bei San Nicola stand das Auto des alten Raselli. Damit wäre ich in der halben Zeit in Porto drüben, dachte der Dottore. Aber Raselli ist gerade der letzte, der mich sehen darf, wenn ich mit zwei Flaschen ›Salute‹ zu Galozzis Laboratorium fahre. Nein, Rasellis Schwätzerei wäre die halbe Stunde Zeitgewinn nicht wert. Und 47 vielleicht war ja doch alles ganz harmlos; vielleicht handelte es sich wirklich nur um gastrische Fieber, und ›Salute‹ war und blieb das Wasser des Heils.

Aber diese Hoffnung hielt leider nicht lange stand. Der hagere Doktor Galozzi mit seinem kegelförmigen Kahlkopf empfing den guten Papini gleich bei der Türe und grüßte mit einem sarkastischen ›Salute‹. Er war ein trockener und hämischer Junggeselle von etwa fünfzig Jahren, den man nie ohne seinen verschlissenen langen, schwarzen Gehrock sah; immer in der Pose seiner Würde. Er kam sofort in einen raschen Redefluß. Nein, in Porto sei kein Fieberfall dieser Art, sagte er. »Hier trinkt man übrigens kaum mehr von eurem Brunnen da oben am ›Paradiso‹. Mortara liefert ›Sanità‹. Ich bin für ›Sanità‹. Vor zwei Jahren, als der ›Salute‹-Brunnen schwach wurde, habe ich ein paarmal kontrolliert. Er hat seither enorm an Erdsalzen verloren. Das wissen alle; das weiß vor allem der Drogist Cechino. Wenn das nicht besser wird, so muß die Kontrolle von Neapel den Export überhaupt verbieten, sollten sich auch dafür noch Kunden finden. Es ist ein Unglück für Tacca. Der Berg macht die Chemie und kümmert sich nicht um unseren menschlichen Flohzirkus. Aber Tacca hat ja noch sein Hotel . . .«

Papini unterbrach erregt den unaufhörlichen Vortrag des Kollegen. »Wir müssen an unsere Krankheitsfälle denken, Verehrtester; es hängt für mich jetzt alles von der Analyse ab, und wenn . . .«

Galozzi fiel rasch ein: »Was soll denn die Verminderung der Minerale im ›Salute‹ mit Ihren Kranken zu tun haben? Übrigens kann ich aus Ihren Flaschenproben doch erst morgen etwas herausbekommen. Das dauert seine vierundzwanzig Stunden, wenn ich auch gleich an die Präparation gehe. Gut Ding will Weile haben. Aber da hat mir schon gestern der Drogist Cechino eine ›Salute‹-Probe ins Haus geschickt, damit er vor dem Eintreffen der Gesundheitskommission bereits weiß, was er zu tun hat. Wenn wieder weniger Salz in der Suppe ist, so gibt er von sich aus diesen lächerlichen Handel auf. Ich habe noch gestern nacht die Wasserprobe vorbereitet.«

»Aber der Schlamm . . .«, wollte Papini einwenden.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach Galozzi die Frage und ließ seinen Vortrag nicht stören. »Ich fand auch Schlammflocken, die ja beim Stocken der Quelle im Sommer immer mitgehen, und habe sie pflichtschuldigst auch auf Erkennung von Bakterien präpariert.«

»Ja, auf Bakterien«, seufzte Papini.

»Oh, ich denke an alles«, rühmte sich Galozzi. »Ich habe zur Kontrolle immer einige Kulturen vorrätig im Brutschrank. Bei mir ist Cholera und Typhus in Bouillon zu haben, wie Sie wissen, lieber Papini. Ich bin ein 48 Liebhaber der Wissenschaft. Wir werden vielleicht heute abend noch einen aufschlußreichen Blick ins Mikroskop tun . . . Bella vista auf das kleine Leben der Natur . . . Aber jedenfalls nehmen wir mal die Blutprobe unter die Lupe und zählen dann ein bißchen Leukozyten.«

Während Galozzi redete, hantierte er auch schon im Laboratorium; untersuchte das ›Salute‹-Wasser zunächst auf organische Beimengungen; hielt Reagens-Röhren über den Bunsenbrenner und strich kleine Schlammteilchen auf Glasplatten; erhitzte, mischte, färbte, mikroskopierte. Und Papini saß mit breitgespreizten Beinen auf einem Stuhl und las endlich die Abendzeitung, die das Schiff um halb sieben von Neapel gebracht hatte, und die ihm schon zwei Stunden in der Rocktasche steckte.

Nach einer Weile erhob sich Galozzi; er müsse seine Präparate eine halbe Stunde liegen lassen; die Färbung werde deutlicher. Papini solle doch zum Abendessen mit ihm ins Haus hinüberkommen. Er sei zwar nur ein alter Junggeselle, aber seine Haushälterin lasse die Gäste nicht verhungern. Da steckte Papini die Zeitung wieder ein. Sie gingen und unterhielten sich über Rasellis Aktienkauf bei der ›Navigazione‹. Die ganze Küstenschiffahrt gehöre ihm schon. Er sei der heimliche Herrscher der Insel, und bei Gott kein guter Herrscher. Aber ihn, Galozzi, kümmere es wenig bei seiner Chemie und seiner Praxis. Er habe ja auch die Staatssubvention für das Laboratorium. Er fühle sich gewissermaßen als Beamter. Andere als er hätten den Raselli zu fürchten. Herr Galozzi sprach sehr objektiv und sarkastisch über die Sorgen anderer Leute.

Da schrillte um neun Uhr scharf das Telephon. Frau Papini meldete Teresinas Anruf; es seien neue Krankheitsfälle aufgetreten: Herr Spichi und die Signora de Nittis; und der junge Holsson schreie besinnungslos um Hilfe.

»Da haben wir's«, seufzte Papini in tiefer Bestürzung. Ja, er käme gleich, in einer guten Stunde sei er im ›Paradiso‹. »Jetzt aber rasch, Galozzi, ins Laboratorium, es gibt zwei neue Fälle bei Tacca. Es sieht ganz epidemisch aus.«

Die beiden Ärzte eilten zu ihren Petri-Schalen und -Röhren zurück. Zunächst die Blutprobe – oh, die versprach nichts Gutes. »Nun die Drigalsky-Präparate, die werden uns den beau reste geben«, scherzte Galozzi. Gespannt äugten sie durch das Mikroskop. Schon nach wenigen Augenblicken rief Galozzi: »Che Diavolo! Die Probe vom Cechino ist ja höchst erfreulich. Der Gehalt von ›Salute‹ hat sich auf ungeahnte Weise vermehrt! Den Teufel auch – che diavolo!« wiederholte er mit dem Ausdruck wissenschaftlicher Genugtuung, während der erblassende Papini nur schmerzlich nickte. Dann erhob sich Galozzi vom Mikroskoptischchen, stellte sich vor den zitternden Kollegen 49 hin und sagte mit unbekümmerter Sachlichkeit: »Sie haben die beweglichen Stäbchen gesehen, Papini, und die kleinen Härchen daran. Sie wissen Bescheid. Wir haben Glück gehabt mit der raschen Analyse. Es hätte länger dauern können bis zur Erkennung. Aber dieses Wässerchen ist so reich gesegnet wie selten eines. Die Diagnose ist sonnenklar. Da muß ein schöner Dreck vom Himmel gefallen sein in euer ›Salute‹. Das ist kein Magenfieber . . .«

»Typhus?« fragte Papini heiser, obschon er es genau wußte.

»Natürlich Typhus«, gab Galozzi mit kalter Selbstverständlichkeit zurück.

Papini schlug sich an die Stirn. »Aber wie kommt der Bazillus in das Mineralwasser?«

»Die Kinder haben wohl Erde ins Bassin geworfen; und die war infiziert.«

»Ja, das Bassin ist zweifellos der Herd der Krankheit. Man muß aber noch die zweite Flasche von der Quellenröhre analysieren, bevor man alle Folgerungen zieht.«

»Da liegt das Resultat der Analyse erst morgen vor. Auf alle Fälle haben wir im ›Paradiso‹ den Typhus. Das ist eine vollendete Tatsache – mit ›Salute‹ oder ohne ›Salute‹. Wenn nun auch die Quelle höchstselber noch Bazillen spuckt, dann stehen wir allerdings vor einem geologischen Rätsel, das uns der alte Monte Epomeo zu knacken gibt. Aber wir werden es lösen«, meinte Galozzi bestimmt.

»Galozzi«, flehte Papini mit feuchten Augen und faßte den Kollegen an beiden Schultern an, »kann man es verheimlichen? Seit mehr als dreißig Jahren sorge ich hier als Arzt. Wenn es herauskommt und in der Zeitung steht, ist ganz Casarotonda morgen leer, und die aus Mortara ziehen womöglich auch weg. Denn was mit ›Salute‹ geschah, kann auch mit ›Sanità‹ passieren . . . Es ist der gleiche Berg, der beide Quellen ausspuckt. Kann man es nicht verheimlichen, Galozzi?«

Der aber stand ungerührt und schüttelte den Kopf.

»Mein guter Papini, der Bazillus ist in voller Tätigkeit; und nach allen Symptomen wissen Sie ja so gut wie ich, daß die Inkubationszeit vorbei sein muß, zumal gerade die dauerhaftesten Gäste des ›Paradiso‹, die etwa drei oder vier Wochen lang schon ihr ›Salute‹ trinken, soeben in die Krise kommen. Diese Analyse habe ich als staatlich subventionierter Laborant als offiziell und amtlich zu betrachten. Wir haben Anzeigepflicht. Angeklagter ist der Signor Epomeo, der Alte vom Berge. Wir müssen den ganzen Fall sofort auf dem Stadthaus melden.«

»Ich weiß, ich weiß«, jammerte der brave Papini, »ein Skandal für ganz Ischia. Morgen wird hier kein einziger Kurgast mehr zu sehen sein.«

50 »Sie irren, Papini. Die aus Casarotonda sind Ihnen sicher. Die entwischen uns nicht. Der Bürgermeister muß jedenfalls das ›Paradiso‹ unter Quarantäne setzen. Es gibt Gefangene. Los Papini, zum Stadthaus und zur ›Misericordia‹, damit wir Krankenträger, Wagen und Bahren haben. Ein großer Tag für uns Papini! Ja, ja, es eilt. Wir nehmen mein Auto.«

 
Der Berg will seine Rache

Inzwischen saßen Bianchi und Alvio auf der dunklen Steintreppe wie die Raben, die auf die Leichen warten. Aber sie kannten ihre eigene Symbolik nicht. Das Leben ist prosaisch. Nur der Geist wittert im Stoff die Poesie. Aber kein Geist beschwerte die Seele der beiden Vagabunden. Sie warteten einfach die Stunde ab, bis der Geizhals Tacca sich endlich entschlossen hatte, die Tausendlirescheine aus jenem Couvert zu nehmen, auf dem geschrieben stand: »Für meine liebe Teresina und Martino.« Wenn es auch nur dreitausend oder zweitausend sein mochten, so nahm Bianchi vorläufig gerade so viel, als er erhalten konnte. Noch war die Stunde nicht um. Aber Bianchi erhob sich. Sie konnten ja schon zum Stall nach hinten gehen, oder zur Quelle, um Tacca zu erwarten.

Da hupte Galozzis kleines Auto in der Kurve zur ›Paradiso‹-Höhe.

»Sieh da, ein Auto. So spät kommen keine Fremden. Wart mal ab, Alvio, ob's nach Mortara weiterfährt.«

Da standen die Lichter des Autos plötzlich still und das Motorgeräusch verstummte. Jetzt hörte man auch Pferdegetrappel. Es rollten zwei Fuhrwerke langsam vom Hafen her. Das Auto hatte gerade vor der Treppe gehalten, die zu den Terrassen führt. Bianchi und Alvio sahen im Dunkel vier Gestalten aussteigen. Den Papini kannten sie gleich am dicken Bauch, am steifen Hut und am Bambusstöckchen. Galozzi kannten sie nicht, wohl aber den vierschrötigen Bürgermeister von Casarotonda. Der Vierte, ja, warum trug denn der Vierte so eine sonderbare Kopfbedeckung wie einen Zweispitzer? Und blinkten da an seinem Rock nicht Metallknöpfe? Das war ja Polizei; das war Turini, der Gendarm.

»Der Teufel auch, da ist was los!« flüsterte Bianchi. »Komm zur Seite, sie sehen uns noch früh genug.«

 

Oben stand Tacca, schweißtriefend und mit offenem Hemdkragen, im Zimmer des alten Norwegers, der still war und nicht mehr zu atmen schien. 51 Seine Frau wälzte sich ohne Besinnung auf ihrem Bett. Nebenan weinten die Kinder. Teresina war bei ihnen. Aus des alten Spichis Zimmer läutete in langen Tönen unaufhörlich die Schelle, weil man ihn fünf Minuten allein gelassen hatte. Die beiden Hausmädchen und Pepina waren bei den übrigen Kranken, bei Miß Curzon, bei Frau de Nittis und bei deren Kindern. Da schellte es wieder grell von Nr. 16, wo Herr und Frau Casinelli wohnten, jene alten Eheleute, die am Abend noch im Hafencafé an der Piazza das erste Konzert Bianchis und Alvios mitangehört hatten. Die Frau rief durch die Tür, ob denn der Doktor nicht endlich da sei; auch sie hätten Fieber und schreckliches Kopfweh.

»Herrgott«, stöhnte Tacca. Er eilte zu Casinellis hinunter, um sie zu beruhigen. Auf der Treppe kam ihm der Kutscher entgegen. Es seien vier Herren da. Der Doktor sei dabei. Und der Gendarm Turini.

Tacca erbleichte. Die Polizei war da. »Oh, dieser Bianchi, dieser Hund. Er hat schon geschwatzt. Er hat mich verraten. Ich werde ihn totschlagen, wenn ich den Teufel sehe . . .«

So dachte das schlechte Gewissen die Sühne voraus, die vom Menschen noch nicht vollzogen war. So glaubte Tacca voreilig schon an Bianchis ungetane Tat. So ahnte er noch nicht, daß alles Schicksal von allem Anfang an im Berge Epomeo längst beschlossen war: ›Salute‹ – einst ein Glück und nun ein Unheil.

 

Die vier nächtlichen Männer standen unten am Eingang zum Speisesaal.

»Was ist los?« fragte Tacca, ohne in seiner Aufregung die Respektspersonen zu grüßen.

»Absperrung! Tacca«, sagte Papini. »Mit deinem ›Salute‹ ist etwas nicht in Ordnung. Weck alle Gäste. Mach alle Zimmer auf. Gleich kommt die ›Misericordia‹ mit den Krankenwagen. Da unten fahren sie eben an.«

Galozzi winkte dem Gendarm: »Sie sollen die Bahren gleich auf die Terrasse schaffen. Es gibt jetzt nichts mehr zu verheimlichen.«

Tacca fiel auf einen Stuhl und schrie: »Es ist nicht wahr, was der Schuft gesagt hat, es ist Verleumdung.«

»Sei still«, begütigte ihn Papini, »der Doktor Galozzi ist kein Verleumder. Er muß dich aber jetzt ins Verhör nehmen, und der Bürgermeister wird zuhören wegen des Protokolls.«

»Aber die Röhre ist ja zum Abfluß da«, rief Tacca mit kreischender Stimme; »nur zum Ablassen, wenn es zu viel regnet, weil man sonst nicht füllen kann.«

»Welche Röhre«, fragte Galozzi rasch, mit einer ruckartigen Kopfbewegung wie ein Vogel.

52 Aber gellende Hilferufe aus dem Fenster des im Fieber rasenden Studenten übertönten Galozzis Frage. Und im gleichen Augenblick erschienen über der Steintreppe sechs gespenstisch verhüllte Männer mit Bahren. Das waren die Krankenträger des Rettungsdienstes, der ›Misericordia‹. Sie trugen seit dem Mittelalter noch die schwarzen Pestmäntel mit der spitzen Kapuze, die den ganzen Kopf verhüllt und nur durch runde Löcher die Augen sehen läßt – wie bei den Richtern der heiligen Feme.

Galozzi war dieser Anblick weder neu noch romantisch. »Welche Röhre?« rief er noch einmal scharf zu Tacca hin. Aber bevor der unselige Wirt des ›Paradiso‹ seine Lüge von der Abflußrohre wiederholen konnte – tauchte Bianchi aus dem Dunkel.

Er schnaufte dröhnend. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Die Brille saß schwarz vor seinen Augenlöchern. »Meine Herren, ich will sie euch zeigen, die Röhre!« rief Bianchi überlaut mit seinem polternden Baß. Jetzt wollte er reden, denn er hatte nichts mehr zu verlieren. Es wütete in seinem Inneren, daß ihm das Geheimnis offenbar von anderen vorweg genommen worden war. Vielleicht vom Drogisten Cechino? Jedenfalls sein Spiel war aus. Jetzt galt es nur noch, die Wut auszutoben und Rache zu nehmen – weniger an diesem lächerlichen Tacca, als an dem ganzen Schicksal seines eigenen verfehlten Lebens. »Kommt zum Brunnen! Kommt zum ›Salute‹! Ich zeige euch die Röhre.«

»Was weißt denn du, du Bankrotteur und Landstreicher!« herrschte ihn der Gendarm Turini böse an.

»Ich weiß mehr als ihr alle über unseren guten Giovanni, den Stolz der Fremdenindustrie . . .« Und Bianchis schwarze Brillenaugen richteten sich auf den Wirt vom ›Paradiso‹.

»Nichts weißt du«, keuchte Tacca, der drohend von seinem Stuhl aufsprang und ihn so jäh zurückstieß, daß das Tischchen wankte und die darauf stehende ›Salute‹-Flasche umfiel.

»Da wankt dein ›Salute‹ in der Flasche«, höhnte Bianchi, »und auch dein Reklame-Ungetüm am Hafen ist schon längst kein ehrbarer Leuchtturm mehr für Casarotonda . . .«

Da ging Tacca auf Bianchi los. Man trat ihm in den Weg. Aber er brüllte: »Geld will das Schwein von mir erpressen! Er ist nur ein Erpresser. Er lügt. Die Röhre ist ein Abfluß.«

»Jawohl, ein Abfluß«, schrie Bianchi, »ein Abfluß vom Pratobach, der den Mist von der Kuhweide in dein ›Salute‹ hineinkackt!« Aus seinem Gesicht grinste der Satan.

53 Da riß sich Tacca mit einem Ruck von den ihn haltenden Männern los, taumelte zunächst nach rückwärts, stieß nochmals an das Tischchen; sah sich um, hob die Hand wie suchend nach einer Keule, um diesem Teufel den Schädel einzuschlagen . . . da hier . . . da . . . auf dem Nebentisch . . . die volle ›Salute‹-Flasche – die packte er wie der nackte Herkules auf der Reklame . . . Rot stand ihm das Blut vor den Augen – und er schlug los auf den fauchenden Löwen.

Bianchi fiel mit zerschmettertem Kopf.


Der Fall fand schnelle Klärung. Tacca, völlig zusammengebrochen, gestand alles über sich und Bianchis Mittäterschaft. Gestützt von Papini und einem Gendarm führte er die Herren zur Quelle und zeigte ihnen die armseligen Machenschaften seiner Verzweiflung.

»Wir haben immer aus dem Pratobach getrunken, bevor der Salutebrunnen heraussprang«, weinte er wie ein Kind, »und nie ist jemand krank geworden. Mein Vater selig hat immer gesagt: ›Es ist klares Quellwasser; es ist reiner als die Regenzisterne; es kommt direkt vom Epomeo‹.«

»Jedenfalls kam es nicht vom Himmel«, meinte Galozzi erbarmungslos. »Und wenn dir der Prozeß gemacht wird, Tacca, so ist der Betrug noch das allerwenigste. Denn du hast fahrlässige Tötung an deinen Gästen begangen. Das ist noch schlimmer, als daß du den Halunken Bianchi totgeschlagen hast.«

»Ich will keine Gnade. Ich will nur die Todesstrafe«, stöhnte Tacca. »Ich werde die Richter bitten um die Todesstrafe. Ich kann ja nicht mehr leben.«

Niemand antwortete. Aber der wortkarge Bürgermeister winkte dem Gendarm Turini. Der trat mit den Eisenfesseln auf Tacca zu. Teresina schrie laut auf. Der gute Doktor Papini wollte wehren und schob Turinis Hände zurück. Aber der Bürgermeister sagte hart: »Er hat die ganze Stadt ruiniert. Er ist ein Verbrecher am Wohl des Volkes.«

Da fesselte Turini den alten Freund, mit dem er mehr als zwanzig Jahre die Abendschiffe von Neapel am Hafen schwatzend abgewartet hatte. Aber Beruf ist Beruf.


Als der Morgen über dieser unheilvollen Nacht endlich hereinbrach, hatte der Engel des Todes ein tiefes Schweigen über die Stätte des Unheils gelegt. Das Weinen Teresinas war erstickt im Schlafe der Erschöpfung. Man hörte nur die 54 Schritte der zwei Gendarmen, die aufzupassen hatten, daß niemand das Haus verließ. Tacca war ausgestoßen aus seinem ›Paradiso‹. Turini hatte ihn noch in der Nacht ins Stadthaus abgeführt.

Der Berg Epomeo hatte seine Opfer einberufen. Und was die Menschen gegen seinen Willen versucht hatten, das war mit Gift gerächt worden. Nutzlos war alles: Taccas verzweifelter Betrug an der Quelle des Berges; Cechinos geschäftliche Betriebsamkeit; Papinis vorsichtige Flaschenproben und Galozzis amtliche Wichtigtuerei. Zu spät kam Bianchis Erpressung und Entlarvung. Zu spät erschien auch die Kontrollkommission, die ja das Schicksal nicht mehr kontrollieren konnte. Der reine Berg, geschändet und verleumdet, jetzt hatte er Sühne gefordert und nach zweijähriger Bewährungsfrist, die Taccas dumpfe Seele nicht zu nutzen wußte, in einer einzigen Nacht das Menschenopfer eingelöst.

Im Stall lag unter Tüchern Bianchis toter Körper neben der Leiche des alten Norwegers, dessen Herzkraft den Fiebern nicht widerstanden hatte. Die Kranken waren zur Isolierung in die alte Baracke getragen worden, in der man zur Blütezeit ›Salutes‹ die Exportfüllung besorgt hatte. Jetzt lagen da neun Menschen und rangen im Todeskampf mit dem Gift, das sie unter dem Namen des Heils getrunken. Am Tage sollten die Leichen ins Totenhaus und die Kranken über Casarotonda in das Spital von Casamicciola gebracht werden. Die übrigen fünf Gäste, die ihr Schicksal noch nicht kannten, blieben auf ihren Zimmern als Gefangene, jedenfalls so lange, bis die Kommission aus Neapel angekommen war und Weiteres verordnete.

Der Tag lag hell in der Sonne. Die Pyramide des Berges Epomeo strahlte in grüner Freude. Um sechs Uhr schritt der Pfarrer Don Gasparo langsam die steinerne Treppe hinauf. Er fragte den patrouillierenden Posten: »Sind die Ausländer katholisch?«

»Ich weiß nicht«, sagte der Gendarm und wies nach der Baracke. Don Gasparo ging furchtlos in die Zelle des Todes, um Seelen zu retten, wo der Leib verloren war.

Galozzi kam um sieben. Er machte sich wichtig. Er wollte an alle Kunden von ›Salute‹ telegraphieren: »Salute infiziert. Flaschen in amtlichem Auftrag vernichten. Galozzi.« Aber als er sich vom Hausdiener die auswärtige Lieferungsliste des letzten Vierteljahres geben ließ, fand er nur einen einzigen Abnehmer: den Wirt vom Albergo del Sole in Procida. Das war ein alter Freund Taccas, der ihm aus Freundschaft noch die letzten Flaschen ›Salute‹ bestellt hatte. Nach dem nahen Procida brauchte man nicht zu telegraphieren. Denn schon mit dem Morgenschiff, das früh um halb sieben abgefahren war, mußte 55 die Unglücksbotschaft überall herumgeschrien sein. Trotzdem telegraphierte Galozzi.

 

Für die Gerichte lag der ›Fall Salute‹ völlig klar, dank Papinis Eifer und Taccas rückhaltlosem Geständnis. Galozzi und der Bürgermeister konnten ein geradezu wundervolles Protokoll aufsetzen, aus dessen Darstellung die Behörde erkennen mußte, was für hervorragende Männer sie in Galozzi und dem Podestà besaß; Männer, die die Gesundheit des Volkes peinlich überwachten und rasch und prompt die Schuldigen zur Strafe zogen. Papini wurde nebenbei erwähnt. Daß Herr Galozzi sich schon seit längerer Zeit und wiederholt um die ›Salute‹-Quelle hätte kümmern dürfen, damals, vor vier Wochen, als der Versand schon wieder einmal ins Stocken gekommen war – davon stand nichts in dem Bericht. Taccas Schuld war ja eindeutig. Bianchi war tot.

Ja, Cesare Bianchis Schicksal hatte sich erfüllt in den kurzen vier Stunden, seitdem er mit großen Plänen die Insel betreten hatte. Sein harter Glaube an sich selbst konnte den Berg nicht versetzen. »Der Lumpenhund, der mich mein Leben lang betrogen hat«, keifte seine Frau Nina, als sie den Todesfall erfuhr. Aber sie bekreuzte sich immerhin: »Gott hab ihn selig, den Lumpenhund.« So sprach auf dieser Welt die letzte Seele, auf die Bianchi noch gehofft hatte.

Alvios Zeugenschaft wurde kaum benötigt. Als der arme Mensch seinen selbstbewußten Führer und Kollegen mit offenem Gehirn am Boden liegen sah, genau an der Stelle, an der er noch vor einer guten Stunde die Gitarre geschlagen hatte zum lustigen Peperoni-Lied – da packte ihn jäh die Angst im Genick und er floh ungesehen ums Haus herum, den Berg hinauf. Nach zwei Tagen kam er halb verhungert zum ›Paradiso‹ zurück, schlich zur Küche und fragte durchs Fenster: »Wo ist meine Mandoline?«

Der Gendarm kam hinzu und verhaftete ihn. »Die Mandoline liegt neben der Gitarre vom Bianchi im Stadthaus. Da will ich sie dir zeigen.« Alvio wurde nicht lange verhört. Er berichtete verworren; aber was er sagte, stimmte zu Taccas Geständnis. Man ließ ihn laufen.

»Man wird dich nach Civitavecchia abschieben, in deine Heimatgemeinde«, sagte der Untersuchungsrichter. Alvio verbeugte sich wie ein gut erzogenes Schulkind: »Dann gehe ich zu meinem Papa.« Nach solch grauenhaften Aufregungen glaubte Alvio, wieder ein Recht auf die Gnade seiner Familie erlangt zu haben.

 

Der Berg Epomeo blieb unerschüttert vor all dem kleinen Geschehen. Der Gigant Tiphoeus in seinem Innern hatte sich nicht gedreht und den Lauf der Quellen nicht geändert.

56 Am ›Salute‹-Wasser spielten die zwei kleinen Kinder des Kutschers Pietro. Der Gendarm, der den unheilvollen Brunnen zu bewachen hatte, schäkerte in der Küche mit Fina, der jüngeren der zwei Mägde. Das Bassin war auf Galozzis Anordnung mit Sand zugeschüttet worden. Die Röhre war entfernt. Der Sand war noch feucht, weil er das alte Wasser aufgesogen hatte, so daß die Kinder mit den Händen wunderschöne Berge bauen und Höhlen graben konnten. Man bewarf sich auch lustig mit dem nassen Schlamm, und griff sich dann mit den Fingern an den Mund und an die Nase. Der Gendarm kam bald zurück und vertrieb die Kleinen. Er trat den aufgewühlten Sand mit seinen Schuhen wieder glatt, und dachte sich dabei nichts weiter. Aber die Kinder liefen hinüber zum Pratobach, netzten die schmutzigen Händchen darin, und tranken in der furchtbar heißen Sonne wohl auch einmal von jenem Wasser, das der alte Tacca so gerühmt hatte, weil es so klar und rein vom Monte Epomeo kam. 57

 


 

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