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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wächter von Vicenza

Es ist so viele Jahre her, daß meine Erzählung von jenem Wächter, der kein wahrer Wächter war, dem Manne nicht mehr schaden kann. Denn der Greis mit der kommunalen Mütze und dem amtlichen Abzeichen im Knopfloch war damals beinahe schon ein Siebziger, und er müßte heute gegen die hundert Jahre zählen. Er wird nach menschlicher Wahrscheinlichkeit gestorben sein; und falls er noch unter den Lebenden weilen sollte, so wird sein Dienst wohl längst von einem anderen ausgeübt, da ja das kleinste Amt an der behördlich festgesetzten Altersgrenze endigt. Es ist zudem nicht anzunehmen, daß meine persönliche Entlarvung dieses Mannes auch den Kontrollorganen der Stadt Vicenza im Lauf der Jahre nicht leicht gelungen wäre; nämlich: daß dieser Wächter einer ehrwürdigen und kostbaren Stätte nicht wachte – sondern träumte.

Es war ein glühend heißer Julitag, so daß man der Sonne des Südens lieber fluchte, als daß man sie pries. Auf brennenden Füßen wanderte ich durch das alte Vicenza, wandelte über die offene Galerie der einzigartigen Basilika und sah mit gereizten Augen in die von der Hitze staubig verschleierte Landschaft hinter und über den Dächern. Ich schleppte mich durch jene schmale Straße mit den vielen großgeschossigen Palastfassaden im Stile des Palladio. Mein Körper war elend, aber die Augen bewunderten immer noch die schönen Maße der riesigen Halbpfeiler und der Portale, und über mir sah ich einen langen Streifen blauen Himmels zwischen den Häuserkronen der Straßenschlucht. Doch die Erde, auf der ich lief, war heiß und grausam.

So kam ich gegen sechs Uhr abends kurz vor Schluß der Sehenswürdigkeiten zum Teatro Olimpico, jenem eigenartigen Renaissance-Bau, der von Palladio selber noch begonnen und nach Vitruvs architektonischer Regel als ein antikes Theater frisch in die Neuzeit gezaubert worden war. Ein römischer 8 Triumphbogen mit Säulen und Figuren umrahmt den Durchblick auf die Bühne. Die Szene selber zeigt ein Wunderwerk der perspektivischen Künste. Ein ganzes Palastviertel, aus Holz geschnitzt, ist auf den Brettern aufgebaut: eine plastische Dekoration. Eine hölzerne Stadt. Davor im Halbkreis unten das Auditorium. Auf dreizehn Stufenreihen im Oval saßen hier einst zur Einweihung zwölfhundert Zuschauer und sahen den »König Oedipus« des Sophokles – hörten auf die Tragödie jenes Königs, der vor Qual der Welt die blutige Erde nicht mehr sehen wollte und sich die Augen blendete. Denn die Schönheit der sichtbaren Welt beschämt mit ihrem Glanz die schwarzen Frevel, die eine unbarmherzige Sonne an den Tag gebracht hat. Oedipus war blind.

Aus der entsetzlichen Sonne des Julibrandes trat ich in das von Kunst und großem Sinn geheiligte Gebäude, das eingebaut ist in die Festungswerke der einstigen venezianischen Machthaber. Das Gehäuse und der Spielplatz der Musen ist hier sonderbarerweise eingefriedet von Mars, dem Krieger unter den Göttern. Aus dem grellsten Licht trat ich nun in den Schattenraum des Olympischen Theaters wie in den Trichter der Unterwelt. Zuerst sahen die gequälten Augen wie in die Dämmerung einer Höhle, wo statt felsiger Wände schön profilierte Flächen, Säulen und Pilaster einer klaren Raumkunst allmählich deutlich wurden. Aber bevor ich den ganzen Anblick in mir gesammelt hatte, tönte neben mir eine schrille Frauenstimme; und ich sah am Zählrad im Durchgang an der Kasse ein junges Mädchen, das mir den Eintrittsschein entgegenhielt, den ich bezahlte.

Aber hinter dem Mädchen erschien im halben Licht die Statue eines Mannes. Ich sage: die Statue. Denn dieser hagere Mensch stand völlig unbeweglich: die Füße geschlossen; die eine Hand auf einen Stock gestützt, obschon der Körper groß und ohne jede Bewegung aufragte. Es war . . . War er es wirklich? War es Oedipus? War es Don Quichote?

Über dem langen Gesicht mit spitzem grauschwarzem Knebelbart schob sich fahl und weiß die Stirn, die in die kahle Glatze überging. Greco hätte dieses Mannes Schädel gemalt. Aber nicht nur den Schädel mit seiner ovalen Lineatur. Er hätte in die Augen dieses ekstatischen Gespenstes geschaut – in riesige Augen, die in viel zu weiten Höhlen schwammen. Augen, deren graue Pupillen nur in den Augenwinkeln ein Fleckchen Weiß noch duldeten. Augen, die sich nicht verkleinerten zur Scharfsicht der Blicke auf das Einzelne, sondern die weit und unnatürlich offen den Raum nur als ein Ganzes sahen. Augen, die durch die Mauern hindurch ins Ganze der Welt zu schauen schienen. Augen, die nicht äugten und nicht blickten, sondern Augen der Vision. Auf jeden Fall die Augen eines, der mehr sieht als wir. Sei's, daß er weiter zielt mit 9 seinen Blicken in unendliche Entfernung unseres Raumes; sei's, daß er umgekehrten Blickes nach innen sieht – nach innen in unendliche Entfernung.

So stand die Statue des Mannes mit sanft emporgewandtem Antlitz. So verharrte er in seinem schäbigen, dunklen Anzug mit der Kustodenmütze in der Hand, während die andere den Stock umkrampfte. Doch als das Zählrad an der Kasse knirschte und ich das Innere des Theatersaals betrat, bewegte sich die Statue, schritt mit langsam schlürfenden, kurzen Schritten mir voran – hob die Hand und hub zu reden an.

Er sprach mit tiefer, hohler Stimme; er sprach mit Pathos. Die Statue sprach antikisch. »Noch keine vier Jahrhunderte steht dieser Bau«, sagte sie, »aber zwei Jahrtausende früher hat ihn der Geist schon in antiken Formen vorgebaut. Ja, mein Herr, die ewigen Ideen der Vorfahren sind neu erwacht in Holz und Stein. Sehen Sie diese Wände, wie sie klar geteilt sind, wie geordnete Gedanken, die eine Idee beweisen, die man nicht sehen kann, nur glauben kann. Beachten Sie diese geschwungenen Reihen der Sitze für die Frommen – denn man muß fromm sein vor dem Wort der Tragiker. In diesen Reihen saßen der Fürst, der Principe und die gelehrten Signori in Gleichheit mit allen anderen Menschen. Hier schieden keine Ränge und Logen die Stände der Hohen und der Niedrigen. Denn vor dem Schauspiel des Lebens und des Todes sind alle Menschen nur Geschöpfe des gleichen Schicksals. ›Oedipus‹ wurde hier gespielt. Er war ein König – aber er war so arm, daß die Ärmsten im Volk über sein Elend weinten, als er mit dem Stab in die Fremde zog, und ihn ein Kind führen mußte, damit er den Weg zu den Göttern fände – ohne Augen.«

Er stand, der Rhetor, unbeweglich bis auf die Gesten seiner linken mageren Hand. Diese Hand deutete hinauf zur Decke oder hinunter zur Orchestra vor der Bühne. Aber sonderbar: sein Kopf folgte mit keiner Wendung den zeigenden Bewegungen der Arme. Sein Haupt war entrückt dem Raum wie seine Sprache.

Wir stiegen über ein paar Stufen zur Orchestra hinunter. Des Alten Schritte gingen stockig, und auf jeder Stufe zog er den einen Fuß dem andern nach, bevor er zur nächsten hinabschritt, ganz so wie Hinkende über Treppen schreiten. Aber ich achtete genau auf seine Füße. Er hinkte nicht. Sein Oberkörper blieb gerade und steif. Die Statue wandelte.

In der Orchestra, jenem Halbrund vor der Bühne, blieb er stehen. Er zeigte und pochte mit dem Stock auf den geweihten Boden. »Hier schritt in langsamem Tanz der Chor der Weisen. Hier sangen sie das tiefere Wissen, das die da oben, die Kämpfer auf der Szene, nicht erahnten: jene Könige und 10 Prinzen und die hohen Weiber, die sich in Leidenschaft der Welt bemächtigten, und in so blinder Gier sich ihres Nächsten Glück und also auch ihr eigenes Glück zerstörten, ohne Augen fürs Ganze ihres Schicksals sich belogen; sich blendeten in ihrem Wissen; sich erschlugen oder sich selber schändeten: ohne Blick sich gierig ins Schicksal stürzend. Agamemnon, Klytämnestra, Oedipus und Jokaste, getrieben vom Fluch, der über alle kommt, die begehren und nicht wissen. Das sind die da oben . . . Aber hier unten im Vorraum der Tragödie, in der Orchestra, sangen die Weisen, die wahrhaft Sehenden. Was ist der Mensch? fragte der Chorus. Ach, er ist das Oberste und das Tiefste. Er ist ein Gott im Wissen, und er ist ein Wurm in seiner Blindheit des Willens. Dort oben auf der leuchtenden Szene, mein Herr, dort war die Nacht der Seele. Aber hier unten im Chor erklang das Licht der Weisheit.«

Der Rhetor hob den Stock, um auf die Bühne zu zeigen: dahin, wo trotz des Lichtes und der Lampen das Schicksal dumpf und blind gewütet hatte. Da entfiel die Mütze seiner schlaffen Hand. Ein Zucken ging durch seine Schultern. Er erregte sich. Er bückte sich, die Mütze aufzuheben. Er tastete und drehte sich. Dann hob er wieder den Stock. Aber diesmal, sonderbar, höchst sonderbar – war es nicht die Richtung der Bühne. Sein Stab irrte zur Seite, da wo das Mädchen am Kassentischchen saß vor einem schmutzigen Heft, in dem es las. Meine Augen folgten dem Stock, und sie sahen nicht Oedipus und Jokaste auf düsterem Schauplatz, sondern nur ein Mädchen, arme verdrängte Jugend, vielleicht die Enkelin des greisen Wächters.

Wir drei waren die einzigen in diesem tragischen Raum.

Der Alte schritt zur vorderen Rampe hin. »Folgen Sie mir auf die Bühne, mein Herr.« Aber er tappte nicht auf die hölzerne Hilfstreppe zu, die zum Podium führte. Er traf zwei Schritte links von den Stufen an die Bühnenrampe und stieß mit dem Fuß an die Mauer. Das Mädchen an der Kasse blickte unwillig, schrie zwei Worte und kam dann rasch zu uns in die Orchestra. Sie stellte sich nahe an den Führer hin, sprach laut und rasch mir unverständliche Sätze und schritt dann auf dem Treppchen vor. Da langte er nach dem Geländer, stieg mit den Vorsichtsschritten eines Hinkenden zur Höhe des Podiums und trat nun seinerseits auf jenen Schauplatz des blendenden Lichtes, das den Feuern und Kämpfen der blinden Leidenschaft entbrennt.

»Da, hier, mein Herr, geschieht es, das Unglück; hier rasen die Verblendeten. Von hier aus sprechen sie nur mit sich und gegen sich. Von hier aus sehen sie nicht mehr die weisen Ratgeber des Chores da unten. Die Welt der Sinne ist viel zu schön, um Weisheit zu dulden. Sehen Sie die herrlichen Paläste. Das große Gesims, wie es vorragt. Dahinten der kleine Campanile mit seinen zarten, 11 feinen Geschossen. Sehen Sie genau! Nichts ist hier gemalt und vorgetäuscht. Die Palazzi rechts und links sind hölzerne Architekturen; die Straße, die aus der Mitte nach hinten führt, täuscht eine tiefe Perspektive vor. Aber es ist nur Täuschung. Ihre Augen glauben: es sind hundert Meter. Aber die Bühne ist nicht tief. Die hinteren Modelle dieser Häuserstraßen sind nur viel kleiner gemacht als die vorderen Fassaden. Wenn Sie die Straße nach hinten schreiten, so werden Sie erkennen, daß jener letzte hohe Turm Ihnen nur bis zur Hüfte reicht, mein Herr. Aber es ist Täuschung. Hier vorne vor dem Chor sind Sie wieder klein geworden, so klein wie eben ein Mensch ist. Die Perspektive ist eine Augentäuschung. Der Mensch sieht das Mannigfaltige. Nur das Denken zeigt uns den Zusammenhang der wahren Maße. Wie die da unten im Chor . . .«

Er bewegte den Stock und wies wie schon einmal in falscher Richtung, zeigte auf den Bühnenboden statt in die Orchestra . . . Er spürte seinen Irrtum nicht. Der Raum war ihm gleichgültig.

Das Mädchen blickte rasch vom Buche auf, zu ihm hinüber. Er schaute leicht emporgeneigt zur Höhe . . . Er sprach von Statuen und Säulen, von Fassaden, von Maßen, von Rhythmen der Architektur. Er erzählte und beschrieb alles Sichtbare in diesem Raum der tragischen Schönheit. Er begeisterte sich an einer Vision mit inneren Augen. Er sah den Geist der Dinge. Aber bei Gott: der Mann war blind. Die Statue sah nicht, was sie vorgab. Dieser Mensch dachte nur, was meine Augen sahen. Er sprach von der Blindheit der Leidenschaften jener sehenden Heroen um Oedipus. Er sah nur aus dem Wissen von der Welt. Der Führer und Wächter des Olympischen Theaters von Vicenza – er war blind.

Es war kein Zweifel mehr. Seine Augen richteten sich unverwandt zur Decke, als er gewisse Teile der einstigen Maschinerie beschrieb. Auch diese technischen Behelfe besprach er mit dem Pathos seiner Rede.

Mitten im Satz unterbrach ihn das grelle Rufen des Mädchens. Es sei sechs Uhr. Das Theater müsse geschlossen werden. Sie klirrte mit einem Schlüsselbund und schloß die Kasse. Da zog der Wächter eine enorme Nickeluhr aus der Tasche seiner Hose. Doch er warf keinen Blick darauf, auch nicht zum Schein, und hielt sie vor mich hin. Und ohne auch nur den Kopf hinabzubeugen, verbarg er sie wieder. Nach diesem Zeremoniell wandte er sich und schritt in der Richtung des Mädchens.

Ein etwa siebzehnjähriger zerlumpter Mensch mit idiotischem Gehaben kam durch die Ausgangstür. Er trug eine Kantinenkanne mit Essen. Er sprach gutmütig-kindisch mit dem Alten. Der stand wie ein Gespenst antiker Würde mit den hippokratischen Zügen, die der Tod auf die Gesichter legt.

12 Und da, als ich an ihm vorbei hinaustrat, geschah das Nichtzuglaubende. Das erhabene Gespenst hob die Hand, die offene Hand mechanisch vor sich hin und wartete auf eine kleine Münze. Eine erstorbene Knochenhand erbat den Obolus für das gemeine Leben. Es war ein Betteln ohne Willen, es war ein toter Gestus ohne Freundlichkeit und ohne Lächeln. Es war die angewöhnte Geste des Kustoden dieses geweihten Platzes, der die Fremden in die dunkeln Mysterien eingeweiht hat, und sich und ihn am Ausgang in das gemeine Leben wieder alltäglich macht – und ihn entläßt in die Sonne, die nichts Dunkles duldet.

Sie brannte nicht mehr, diese Sonne des Tages. Schatten fielen. Ich wandte mich noch einmal um nach dem Portal des verwunschenen Tragödienraumes. Da schloß das Mädchen eben mit dem schweren Schlüssel ab. Der junge Idiot hing seinen Arm in den des Alten und führte ihn so, wie man Blinde führt. Das Mädchen trug die Kanne und die Kassentruhe. Der Alte hatte die Dienstmütze tief in die Stirn gezogen, aber hochragend tappte er mit seinen kurzen Schritten über die Erde; sein Haupt sah tot in den Himmel. Armut des Lebens ihm zur Rechten und zur Linken. Kleinlichste Armut des Alltags, dem seine Seele entrückt schien. Eine Tragödie ohne die Kulisse des antiken Theaters. Ein Mann mit der Dienstmütze. Ein Statist aus jenem Chorus der Weisheit.

Ein Spiel war hier gespielt worden. Kein Spiel vom großen Sophokles. Und dennoch unter tragischem Aspekt. Ein blinder Mann erhielt sich seinen kleinen Posten. Die Kollegen merkten nichts oder sie wollten es nicht merken. Man drückte über seiner Blindheit die eigenen sehenden Augen barmherzig zu. Oder war er nicht ganz blind? War dieses kleinste Amt der Stadt Vicenza nicht auch von einem Dämmerblinden zu versehen? Oh, er versah es meisterhaft. Der blinde Wächter zeigte dem Besucher des Olympischen Theaters nicht nur die Bühne, sondern er ließ ihn die Tragödie selber schauen. 13

 


 

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