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Italienische Suite

Bernhard Diebold: Italienische Suite - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleItalienische Suite
authorBernhard Diebold
year1939
firstpub1939
publisherSchweizer Bücherfreunde
addressZürich
titleItalienische Suite
pages235
created20160124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wallfahrt nach Assisi

Der neue Tag brannte schon am Morgen unter einer weißen Sonne, in Dunst und Staub und Glast. Die Erde fieberte. Auch in Lilys Körper strömte nach einer durchwachten Nacht das Blut erregend und zugleich beklemmend wie im Fieber. Aber das war nicht die Sonne, das war die Liebe.

Nach dem Frühstück stand sie zum Ausgehen fertig vor dem Hotelportal und wartete auf Forest, der das vergessene Reisehandbuch vom Zimmer holte. Sie zeichnete mit ihrem Sonnenschirmchen verträumte Hieroglyphen auf die weißen, heißen Steinplatten des Pflasters. Durch ein Fenster im ersten Stockwerk sieht's Ferruccio. Seit einer halben Stunde hat er schon auf sie gelauert. Jetzt eilt er hinunter zu ihr. Das Blut klopft ihm in den Schläfen. Tief errötend geht er auf Lily zu.

»Wird es mit Assisi?« fragt er hastig. Er wagt am lichten Tag keine Anrede, weder mit Du noch mit Sie. Der Tag ist schamlos, die Nacht ist keusch.

Auch Lily ist zuerst befangen vor dem Tage, und flüstert: »Wir fahren mittags mit dem Autobus; aber nur, wenn das Gewitter nicht wieder aufzieht – wie Forest meint. Ach immer denkt er an Gewitter und dergleichen.«

»Die Marchesa macht am Vormittag noch Einkäufe für das neue Haus. Wir fahren auch erst mittags nach Assisi; zuerst aber zur Portiuncula zum Beten.«

»Portiuncula? – aha die winzige Kapelle unter dem Riesendom – wo von den Rosen des heiligen Franz die Dornen fielen?«

»Ja, die Rosen ohne Dornen, Signora Lily.«

»So sag mir doch nicht Signora Lily oder gar gnädige Frau«, schilt sie ihn; fährt aber sofort zärtlich fort: »Hast du die Nacht denn vergessen?«

»O Lily, niemals vergesse ich diese Nacht.« Er glüht vor Gefühlen und stammelt: »Ich liebe sehr, wenn ich liebe.«

217 Lily hat nicht gleich eine Antwort. Dann finden sich die zögernden Worte: »Ich glaube – ich fange erst an.«

»Liebt er dich sehr, der Professor?«

»Er liebt ja eine andere.«

»Aber es ist unmöglich – oder sie ist ein Geist. Keine kann schöner sein als du – das weiß ich so gut, seit ich dich kenne.« Dann fragt er forschend: »Bist du nicht eifersüchtig auf die andere?«

»Auf diese nicht – sie ist weit weg – auf diese nicht mehr. Seit ich dich kenne.«

Er beherrscht sich kaum vor Glück. »Ach Gott, jetzt muß ich gehen. Die Marchesa sah mich an der Treppe und befahl mir, Zigaretten zu holen. Sieh hier.« Er öffnete die Hand und zeigte ein paar Münzen. »Sie hat mir das Geld bis auf den Centesimo vorgezählt. Es ist eine Schmach.« Er schüttete die Münzen in die Hosentasche. »Leb wohl für jetzt. Wir sehen uns bald, auf der Rocca oder irgendwo . . . Ich verliere dich nie mehr aus den Augen.«

»Nie mehr aus den Augen – ich auch«, seufzt es aus ihr.

Er möchte sie küssen; besinnt sich aber, wo er sich befindet, drückt ihr die Hand und eilt hinweg.

 

Forest kommt. Er hält das Handbuch und scherzt: »Jetzt Lily hast du wieder einen kompletten Reiseführer; denn ohne Buch bin ich ja nur ein halber Mensch und Wegweiser . . . beinahe wie der Riese Konstantin von gestern . . .«

Lily steht verwirrt. Sie hört nicht auf seinen Scherz. Doch mit dem Ausdruck eines wichtigen Entschlusses sagt sie unvermittelt: »Du, ich habe ihn gesprochen.«

»Ihn? – ach so, den Ferruccio.« Forest streicht ihr übers Gesicht. »Du gute Lily, du hast so etwas Neues in deinen Augen; so etwas, sagen wir – Nachdenkliches. Was ist's?«

Sie nimmt seinen Arm. »Ich muß dir etwas sagen, gleich, sofort, weil du gut bist, Walter. Gestern in der Bahn hätte ich dir so etwas noch nicht gebeichtet. Aber seit dem schönen Brunnen – und dem Papst mit dem Segen – hast du mich anders gemacht, und du steht mir viel näher – trotzdem du an die Erste denkst.«

»Also dann beichte nur«, lächelte Forest.

Ganz leise kommt es über ihre Lippen: »Verzeih mir – aber ich liebe ihn.«

Forest sieht sie einen Augenblick verwundert an, traut ihrem Ernst nicht ganz. Dann nickt er mehrere Male mit dem Kopf, halb fragend, halb bestätigend. »Das ist schön von dir, Lily. Die Wahrheit ist auch gelegentlich etwas Schönes. Beinah siehst du schon wie ein Mensch aus, du Engel. Ich gratuliere 218 dir.« Er wendet sich im Gehen etwas von ihr ab. Er will nicht weiter fragen. Nur kein neues Schicksal in seiner Nähe! »Aber komm jetzt, wir wollen spazieren in Perugia.«

An diesem Vormittag zeigte ihr Forest nun all die schönen Stätten, die Klöster, die Kirchen und die Promenaden; durchwanderte mit ihr gigantische Tore und enge Gassen; führte sie über steinerne Brücken und steile Stiegen von der Unterstadt in die Oberstadt. Sie hatten auch den ›Cambio‹ besucht, die alte Wechselbörse der Bankiers, deren Wände Peruginos sanfter Pinsel geschmückt hat mit den vier Kardinaltugenden in antiker Strenge und den drei christlichen Tugenden in gläubiger Milde. Alle Weisheit und Liebe wurde da gepredigt von Sokrates bis Jesus Christus – hier im Hause des Mammons. Wie sonderbar mischen sich die beiden Welten, in denen der Mensch gleichzeitig lebt: in der Gerechtigkeit und in der Ungerechtigkeit; in der Gier und in der Hingabe; gestern noch im Leicht-Sinn und heute im Tief-Sinn.

Lily hatte es erlebt – den Weg vom leichten Gestern in das schwere Heute. Sie hielt sich während dieser Wanderung in Perugia immer dicht neben Forest, trotzdem ihr weibliches Denken und Verlangen nur auf Ferruccio gerichtet war. Ob Walter alles, die ganze Verwandlung ahnte? Warum will er nicht fragen? Wie viel leichter als die selbstgewollte Aussage wäre jetzt eine erfragte Antwort. Doch als sie durch den Park vor der Porta del Frontone schritten, sagte sie plötzlich: »Wir werden uns heute auf der Rocca Maggiore treffen.«

»Wir? – auch ich womöglich?« fragte Forest mit gespielter Lustigkeit.

»Ja auch du, wenn du willst. Denn du sollst ja alles wissen.«

Forest wehrte beinahe heftig ab: »Warum alles?«

Lily aber sprudelte los und erzählte in aller Ausführlichkeit vom gestrigen Abend, von Ferruccios Ausbruch und von ihrem Mitleid.

»Und dann habt Ihr euch geküßt?« Forest drohte ironisch mit erhobenem Finger.

Lily hätte die Küsse aus Takt vor Walter und aus Schonung für Ferruccio verschwiegen. Auf die direkte Frage aber sagte sie mit tiefem Erröten: »Ja wir küßten uns. Aber es war kein bloßer Flirt – glaub mir es, Walter – das erste Mal kein Flirt. Es ist ganz anders.«

Forest sah sie von der Seite an. »Dann wäre es also für dich diesmal – der Erste? . . . Sie standen im Chor des Benediktinerklosters San Pietro de' Cassinensi und blickten durch eine geöffnete Türe auf das im Brand der Sommersonne zitternde Tal des Tiber und des Chiaggio. »Wenn das wahr wäre, dann wärst du, Lily, keine Lily mehr – und kein Rundreisebillett nach Berlin könnte dich sichern vor der neuen Macht, die jetzt in dir ist.«

219 »Aber es ist eine Macht«, antwortete Lily. »Ich möchte und muß ihm helfen.«

So verlief das Geständnis in der Kirche der Benediktiner. Dann sprachen sie nicht weiter über diesen Fall. Er aber dachte: Lily erwacht. Lily übernimmt die Führung. Lily spürt ein Ziel. Lily will Schicksal. Aus dem Nichts entsteht ein Etwas. Man könnte es beinahe lieben – dieses Etwas.


Es war zwei Uhr mittags. Die Sonne stach jetzt wie mit Pfeilen auf die Erde. Vor dem Portal des Hotels stand der riesige kanariengelbe Autocar und wartete auf seine Füllung von dreißig Passagieren. Der Chauffeur des Mammut-Wagens tutete ungeduldig seine Gäste herbei. Auch Lily und Forest stiegen ein. Der Hoteldirektor und der Portier grüßten tief. Dann fuhr man los zu Sankt Franziskus in allerlustigster Gesellschaft: Amerikaner, Schweden, Deutsche; doch nur zwei Italiener. Alte Engländerinnen lasen in ihren Reisehandbüchern und sahen hin und wieder in die staubige Landschaft, die unter der Sonne des frühen Nachmittags mehr grau als grün schimmerte. Bei jeder Kurve der abfallenden Straße warf es die Passagiere hart in der Schleuderrichtung. Die jungen Reisegirls und Reiseboys kreischten vor Lust an den Karambolagen und schnatterten wie kleine Kinder. »Wir sind nicht fromm genug für die Wallfahrt nach Assisi«, brüllte ein Bursche in karierter Mütze. »Darum machen wir eine Surprise-Party zum heiligen Franz«, rief ein amerikanisches Fräulein, das einen roten Haarturm über sich trug. »Er würde uns sicher nicht einladen«, sagte ein blonder Riese, der wie ein Boxer aussah.

Eine alte schottische Miß, ein großes silbernes Kreuz am Hals, blickte mißbilligend zu den Jungen hinüber, und verständigte sich durch einen sympathisierenden Blick mit dem Paar Forest und Lily, die offensichtlich das Lärmen unerträglich fanden. Was ging mit Lily vor? Noch vor vierundzwanzig Stunden hätte sie den Blick der Miß nicht aufgefangen; hätte sich ganz und gar der Truppe der Heiden zugerechnet. Was ging der heilige Franz sie an? Gar nichts. Aber noch weniger gingen sie jetzt diese bunten Lümmel etwas an. Sie dachte nur an Ferruccio und seine Not. Es mußte etwas geschehen. Die Liebe forderte hier nicht nur süße Gedanken, sondern ein Tun – vielleicht gar ein Wagnis. Der Lärm der lustigen Wallfahrer erstickte jede feinere Überlegung. Und als der Autocar bei Ponto San Giovanni das Tibertal erreicht hatte, da faßte Lily sich ein Herz und fragte Forest ohne jeden Übergang: »Hast du eigentlich viel Geld?«

Forest sah sie überrascht an. Denn Lily war nicht geldgierig. »Nein, ich lebe von meinem Gehalt und habe ein paar Zinsen von Ersparnissen. Aber was geht dich denn das an, und warum fragst du?«

220 Sie schluckte und suchte Mut für das zu Sagende: »Ich möchte Ferruccio ein Billett nach Deutschland kaufen . . . Dort bring ich ihn schon durch.«

So viel hatte Forest nicht erwartet. Bei dieser Lily wurde aus dem Gedanken sofort ein Wille zum Tun. Das ging ihm zu rasch. Das war nicht seine Sache. Gewiß, er war nicht jener Konstantin, der graue Gast von gestern, dessen Gedanken niemals und nirgends ins Leben zielten. Soweit war es ja mit ihm, Forest, noch nicht. O nein, bei ihm wurde das Leben als ernstes Experiment erprobt. Er träumte sich die Harmonie von Stoff und Geist. Damals mit Eva, der Zweiten, wurde das Gleichgewicht gesucht – der Ausgleich zwischen dem Sinnen nach innen und dem Tun nach außen. Aber man hatte damals die Extreme viel zu nahe gerückt. Eva und Forest! – sie zündeten nur im Funken; aber es gab nicht Flammen, die ruhig wärmten. Nachdenklich sein und zugleich tätig sein – das war sehr schwer. Vita passiva und Vita activa – das gab es schwerlich in einem. Das sind zwei – so wie sie Michelangelo in der Sakristei von San Lorenzo in Marmor-Medizäern gezeigt hat. Der Aktive sieht aufrecht und scharf in die Welt. Der ›Pensieroso‹ stützt grübelnd das Haupt in die Hand. Es sind Prinzipien, die geistigen Knochen der Erlebnisse. Kann man zweien Herren dienen?

Aber Lily, dieses kleine Nichts, verbindet nun in ihrem primitiven Fühlen sofort die Tat mit dem Gedanken – sobald sie anfängt aus dem Nichts herauszutreten. Bei kleinsten Größen wie bei Lily gilt eine andere Physik als im Symbol des Michelangelo. Ja sie erhält zusehends Schwere. Auf dem einzigen Wege, der ihrer Seele offen steht, begegnet ihr ein Wirkliches, ein Ding, ein Ernstzunehmendes – ein Schicksal. Bei Gott, sie will sich an den Jungen binden. Sie verliert die Freiheit – die sogenannte Freiheit, mit der sie bisher sowieso nichts anzufangen wußte. Lily vergißt sich als Lily . . . Soll er, Forest, dazu helfen – zu dieser Verwandlung?

»Also ich soll da Schicksal spielen?« Sie fuhren über das Flüßchen Chiaggio, das aber ob der Trockenheit kein Wasser zum Fließen hatte. »Nein Lily, dazu bin ich nicht bereit. Denn wie wird deine künftige Existenz in Deutschland beschaffen sein? Und gar die eines jungen Italieners, der nicht viel mehr als Autofahren kann? Was ihr da wagt, das wagt ihr auf eigene Not. Ich habe den Mut vielleicht gerade noch für mich – doch nicht für euch. Und ihr seid jung, und ich bin« – er zögerte ›alt‹ zu sagen – »und ich bin . . . einundfünfzig.«

Lily sah ihn ratlos an; sie wollte weder widersprechen, noch wollte sie bitten . . . Sie betrog sozusagen diesen Mann, als dessen Geliebte sie schließlich die Reise begonnen hatte. Aber sie zeigte ein offenes Spiel. Sie betrog ihn ja gar nicht. Eher betrog er sie. Er dachte ja zu jeder Stunde an Irene. Seine Augen 221 blickten weit in die Ferne nach jener Ersten – die nun auch sie, Lily, berührt hatte mit dem Geisterfinger auf dem Platz von Perugia . . . Das war die Trennung. Was lag ihm an ihr? Er war ihr ›Vater‹ geworden. Und er bestätigte es in seinem ganzen Verhalten. Aber zu viel wollte sie nicht von ihm fordern. Sie sagte laut: »Wenn du nicht hilfst, dann – wird etwas gedreht!« Etwas Verschmitztes kam in ihre Züge, eine lächelnde Gewährung des Satzes: Not kennt kein Gebot. »Ferruccio dient ihr jetzt zweieinhalb Jahre umsonst. Er könnte endlich einen Lohn fordern . . . Übrigens weiß er, daß sie auf dem Scheckbuch schläft . . .«

»Lily!« rief Forest erschrocken. Hier wurde ›der Film‹ bedeutend weiter entwickelt.

Wieder lächelte sie listig, als wüßte sie etwas Besonderes. »Warum rühmst du mir denn so heftig die Seelen und die Taten der Baglione? Alles nur für die Phantasie? Und wenn du's mal in der Nähe hast, das Wirkliche oder gar eine Möglichkeit zur Tat – dann bist du gar nicht mehr begeistert . . . Und die Säulen in Rom müssen kaputt sein, bevor sie dir gefallen . . .« Sie wurde gehässig im Ton. »Du bist mit allem so. Da saßest du gestern Arm in Arm mit mir am schönsten Brunnen der Welt – und dachtest an die Erste. Und als du bei der Irene warst, da wolltest du zur Eva. Und die hast du überhaupt vergessen, sowie die Erste wieder in dir spukt. Jede war dir schließlich zu nah. Und jetzt bin sogar ich dir zu nahe gekommen mit meinem eigenen kleinen Schicksal. Denn bisher hast du mich ertragen, weil du mich überhaupt nicht spürtest – weil ich für dich ja gar kein richtiger Mensch war – aber jetzt . . .« Sie weinte, und erschrocken über ihre eigene Heftigkeit, packte sie sofort seinen Arm und klagte: »Ach, es ist alles wahr, was ich sage. Aber sei mir nicht böse. Ich habe dich so gern.«

Sie nahten sich der Straßenkreuzung vor Bastia, wo der eine Weg links hinauf zum Berge nach der Oberstadt Assisi führt, der andere rechts zur Station Assisi unten in der Talebene. Die lustige Autogesellschaft entdeckte soeben einen großen Barockdom, der mit seiner Kuppel überraschend aus der Wildnis herauswuchs. Alle schauten hin. »Wie die Peterskirche!« schrie der Junge mit der karierten Mütze. »Aber stark deplaciert in dieser Langeweile von Gegend.«

Da also lag der Dom der heiligen Maria unter den Engeln: Santa Maria degli Angeli. Über den elenden Häusern der kleinen Ansiedlung, die eine Stunde Wegs unterhalb von Assisi in der Ebene liegt, erhob sich der Prunkbau der triumphierenden Päpste, die ihn als protzende Umschalung über das schlichteste Kirchlein der Welt gebaut hatten: das uralte Bethaus des mildesten und rührendsten von allen Heiligen des Mittelalters. Hier betete er, büßte er und 222 hegte seine Rosen. Hier starb er, Franziskus. Und wo er starb, da blühten seine Lehre und sein Orden auf zum lebendigen Wald mit hunderttausend Stämmen. Seine Sterbezelle wurde zur Keimzelle der armen Barfüßer, der braunen Kuttenmänner mit dem Bettelsack und der seraphischen Brüder – denn Er hatte ja den göttlichen Seraph erblickt. Hier in diesem Kapellchen, in der Portiuncula, hatte sein Herz gepulst. Und das alte schlichte Gemäuer, von einem goldenen Gitter im Rund umschlossen, wurde zum Herd der Liebesflamme für die Armen und die Schwachen. Diese heilige Hütte aus Stein, ist sie nicht selber ein Herz, das unter dem Pomp des stolzen Kuppeltempels begraben ward? Ein begrabenes Herz . . .

Lily wies mit der Hand zum Dom hinüber: »Dort ist die Kuppel, wo die Marchesa beten will.«

»Dort also will sie den Seraph schauen mit allen Wunden seines Kreuzes; gewissermaßen schmerzlos wie im Theater«, spottete Forest. »Das kann ihr so passen.«

»Was ist das eigentlich mit dem Seraph«, fragte Lily mit neugierigen Augen. »Warum wünscht man sich Wunden?«

»Damit der Körper aufschreit und sich deutlich spürt als Corpo miserabile in seiner Armut und Elendigkeit – vor der Seele.«

»Und der Seraph?«

»Ja, mach nur große Augen, Lily. Im Seraph – da wird das Unsichtbare sichtbar und körperlich. Franziskus litt in seinem Körper die Leiden Christi nach. Er wollte es nicht besser haben als der Herr – in nichts. Er hielt nicht nur die Gelübde des Ordens – in Armut, Keuschheit und Gehorsam – sondern er sehnte sich, die Wunden des Gekreuzigten auf seinem eigenen Leib zu spüren. Da erschien ihm Christus in der Gestalt eines geflügelten Seraphs, der die Wunden trug. Und in der Verzückung erbat und erbetete sie der Heilige auf seine eigenen Hände und Füße.«

»Also wie bei der Heiligen von Konnersreuth?«

»Ja, wie bei diesem Mädchen – das aber nur erleidet und nicht tut wie der große Heilige. Weil es nur Seligkeit empfängt, aber keine vergibt.«

»Warum wollte er denn arm und keusch sein?«

»Weil jedes Eigentum Neid und Streit erregt, und nur die Armut den Frieden sichert. Denn Besitz heißt Krieg.«

»Und die Keuschheit? Sind denn die Frauen auch Besitz?«

»Als Körper sicherlich, denn um eine gewisse Helena gabs zehn Jahre Krieg um Troja.«

»Und als Seele?« fragte Lily schüchtern vor innerer Scham.

223 »Als Seele?« Forest lag der Name Irenes auf der Zunge. »Als Seele stehen sie jenseits des Besitzes. Als Seele leuchten sie wie der Seraph, und ihre Wunden sind unsere Wunden. Als Seele – da sind wir alle im Frieden.«

 

In diesem Augenblick ertönte ein lautes Hupen hinter ihnen auf der Straße. Ein paar Fuhrleute, die ihren schweren Wagen durch den Staub peitschten, fluchten und schrien. »Il auto rosso . . . il rosso diavolo.« Sie trieben erregt die Pferde an den Straßenrand. In furchtbarer Fahrt sauste der rote Lancia mit flacher Ausbiegung an dem Lastwagen vorbei.

Vorne am Steuer, vollkommen aufrecht, die Marchesa Penna, schlank und elegant wie beim Paradefahren mit dem Dogcart. Sie saß allein am Vordersitz. Aber da auf den beiden Hinterplätzen – was türmte sich da für ein merkwürdiger und geheimnisvoller Aufbau! Da zwischen länglichen und runden Paketen, zwischen Messingstangen und Draperien für das neue Haus, erhoben sich gespenstige Gestalten – da ragten die drei Heiligen vom Altar der Marchesa aus dem Chaos – zwei aus Gips und einer aus Holz – mit Tüchern lose umwunden, aber an Hals und Hüften eng verschnürt, so daß man ihre Form erkannte. Und zwischen dem heiligen Franz und dem heiligen Dominikus, dessen Segensarm sich aus der Verschnürung herausstreckte – saß Ferruccio als Hüter und Ordner der stoßenden und wankenden Fracht. Und vor sich hielt er auf dem Schoß mit beiden Armen das hohe hölzerne Gespenst des heiligen Bernardino, dem der rapide Fahrwind von über hundert Kilometern das Packtuch vom Haupt geweht hatte, so daß der schreckenerregende Asket mit seinem Kalkgesicht und den todbösen Augen laut gegen den Wind zu predigen schien – gegen den Höllensturm, den die Marchesa entfachte – und gegen den Starrsinn ihres Totenkopfs, der durch das schwarzblaue Gitter des Schleiers über die Landschaft äugte.

So sauste der rote Schrecken an dem Autocar vorbei, so daß sogar die ausgelassene Gesellschaft vor Staunen die Sprache verlor. Lily winkte Ferruccio zu. Aber trotzdem seine Augen mit raschem Blick nach dem Omnibus hinspähten, entdeckte er Lily unter den dreißig Menschen zu spät, um einen Gegengruß zu nicken oder gar zu winken. Seine Hände umklammerten den heiligen Bernardino, der wie ein böser Geist aus ihm herauswuchs. In zwei Sekunden war der Lancia außer Sicht. Denn Massen von Staub warfen sich hinter ihm auf. Nur die wankenden Köpfe der Heiligen sah man zu oberst aus dem Gewölk der Straße ragen . . . Sie schüttelten die Häupter.

Die jungen Amerikaner fanden ihre Sprache wieder; und die Scherze betrafen das Heilige wie das Profane der Erscheinung. Das rote Auto mit seinem 224 bizarren Personal reizte zu starken Bemerkungen. Etwa dreihundert Meter weiter tauchte der Lancia wieder auf. Man sah ihn rechts abbiegen in der Richtung des heiligen Doms. Dann verschwand der Wagen endgültig in Wolken irdischen Staubes.

Der Autobus der fröhlichen Reisenden fuhr schon in leichten Steigungen den Berghang zur Oberstadt empor. Unten leuchtete prahlerisch die Kuppel. ›Hier betet also der Teufel‹, dachte Forest. ›Da fährt er hin mit seinen gipsernen Hausgöttern und wünscht sich die Rosen ohne Dornen.‹ Hier lag ja auch kein Grab. Der heilige Leichnam ruhte oben zu Assisi in San Francesco. Hier unten aber traf die lebensbrünstige Marchesa auf das arme Herz des Heiligen mitten im Reichtum seiner Kirche. Hier schien ihr Zwiespalt vor dem Zwiespalt der eigenen Kirche gerechtfertigt. Hier schwelgten ihre Sinne wollüstig in gespielter Armut und tranken in körperhafter Verzückung Glanz und Weihrauch. Hier sehnte sie sich nach dem Seraph des Gekreuzigten. Oh, dürfte sie die Wunden des vierfach Geflügelten erhalten – dann wüßte sie endlich, daß ihr die Qual im Jenseits erspart würde. Das wäre ein körperlicher Beweis an Händen und Füßen. Das wäre Tröstung. Denn, was man sieht, das kann man leichter glauben. Das Unsichtbare hatte keinen Trost – für die Marchesa.

Nun lag sie in der dunkeln Herzkammer der Portiuncula auf den Knien und stöhnte vor Todesangst und Lebenssucht. Vor dem Dom wartete der rote Lancia; und Ferruccio mußte den Hausrat und die Heiligen bewachen, damit kein Dieb von der Fracht des Segens auch nur ein einziges geweihtes Kerzenstümpfchen stehle – geschweige die Handtasche der brünstig betenden Marchesa . . .


Es stieg steiler an. Der Omnibus nahm die Kurvenstraße nach Assisi auf. Es türmt sich wie über Terrassen nach oben. Da thront die Klosterburg von San Francesco, der Gral der Demütigen, eine Festung auf dreißig oder vierzig kirchturmhohen Bogenpfeilern, wie auf einen Aquädukt gebaut, der die ganze 225 Flanke des Berges stützt und einmauert. Eine Mönchskaserne, ein Zucht-Haus der Sünde. Hoch hoben sich das Dach der Oberkirche und der starke Vierecksturm über die steinernen Fortifikationen.

Sie schwatzen nicht mehr, die Leute im Omnibus. Die Augen haben Gewaltiges zu schauen. Das graue offene Viereck des romanischen Vorhofs bringt auch den frechsten und zerstreutesten Blick zur Sammlung. Man stieg zuerst die hohe Steintreppe zur Oberkirche hinauf. Von hier aus sah man zur Höhe der Rocca und zum Zypressenhügel des Friedhofs, vor der Einöde des Gebirges. Hier lag die Natur zur mystischen Betrachtung des Heiligen bereit. So harrte sie einst – wie jetzt die trockene Erde auf das Naß des Regens – auf die Beseelung durch den Pater seraphicus . . .

Die Reisenden traten in die Kühle des gotisch hohen Raumes. Die Visionen Giottos und seiner Malerjünger strahlen aus den hellen Wänden der Oberkirche. Ohne ein Wort predigt der Heilige aus den Bildern. Er tut Wunder und erfährt Wunder. Er erscheint im feurigen Wagen als Triumphator. Er empfängt die Wundmale. Er kann Ungeheures: er läßt eine tote Frau noch zur Beichte. Der Heilige spricht zu jeglicher Kreatur. Er hat den wilden Wolf bekehrt. Die Vögel verstanden ihn sogleich; nicht aus den Worten, aber aus dem Hauch. Und wenn er zur Sonne sang, wie er es tat von der blumenbesäten Terrasse von San Damiano, der Heilige, dann sang er mitten in Gott hinein.

Jetzt steigt der Trupp zum dunkeln Keller der Unterkirche hinab, deren breite, massige Gewölbe die obere Kirche tragen. Hier wird die Luft des Raumes dicht, man atmet schwer. Lily fürchtet sich, und hält sich näher an Forest. Die Fresken der Gewölbe lassen die Gestalten aus sich heraus, los in die Luft. Sie quellen aus den Mauern; sie setzen sich auf unsere Häupter; wir werden ›besessen‹ von ihnen. Wir sehen allzu nah das Uralte, das uns in Furcht setzt.

Forest murmelt: »Das Geistige wird sichtbar. Das Sichtbare bedrückt. Das Kreuz ist Schmerz. Aber der Schmerz wird hier bejaht.«

Lily grübelt: »Wunden werden hier ersehnt. Der Tod wird hier begrüßt. Das scheint so unverständlich. Wer will den Tod?«

Im engsten, alleruntersten Geschoß liegt der große Tote, der sich bereits im Leben nach Auflösung sehnte. Der Tod hörte sein Ja. Vor dem Tode ist die Armut noch eine sanfte Braut. Da oben, sieh im Gewölbe: der heilige Franz vermählte sich mit dem Gespenst. . . Und drüben in Santa Chiara liegt die wohlerhaltene Mumie der heiligen Klara, die für Franziskus ihren Reichtum verließ, und viele ihrer Schwestern in die selige Armut lockte. Sie starben alle gern. Ihr Leichnam wird mehr bewundert als ihr Lebenskörper. Die heilige Klara – das ist der schöne Tod von Assisi.

226 Auch die göttliche Minerva der Antike hatte hier Dienst und Tempel. Der antike Tod ist schwarz. Er weiß nicht um die Auferstehung. Nur der Tempel bleibt unsterblicher Stein. Der Geist aber bedeutet alles in dem neuen heiligen Namen: Santa Maria della Minerva. Die mütterliche Jungfrau wohnt jetzt im Säulenhause der klugen, aber unfruchtbaren Jungfrau.

Vor diesem Tempel stehen nun, abseits von der Touristengruppe, Forest und Lily. Die zierliche Vollendung des antiken Gotteshauses entzückt das Auge und läßt die Seele unbewegt in Ruhe. Ja, Vollendung ist Ruhe. Aber Forests und Lilys Seelen sind keineswegs in Ruhe. Zerstreut schauen ihre Augen, als ob nur die Netzhaut das Bild des Tempels an ihr Inneres wiedergäbe. Nur um das tieferfüllte Schweigen aufzustören, sagt Forest, ganz wie nebenbei: »Hier sind die Säulen nicht kaputt, Lily.«

Sie sagt wie träumend: »In Rom aber waren sie schöner . . . kurios.«

»Vielleicht gerade, weil sie kaputt waren«, lächelt Forest mit kaum sichtbarem Zucken um die Augen.

Da sieht ihn Lily groß an. »Vielleicht . . .«, flüstert sie. Auch in Assisi kann man nachdenklich werden wie in Perugia. Dann schüttelt sie fast unmerkbar den schönen Kopf, als ob sie etwas in der Welt oder gar an sich selber nicht begreifen könnte. Ist das die Luft von Assisi, die so betäubt und zerstreut und so nachdenklich stimmt?

Schweigend wandern die beiden weiter durch die Stadt. Assisi ist ein einziger Sarkophag aus Stein. Die rauhen Burgmauern, die hohlen Straßenschluchten, die kalkigen Pflaster, die brüchigen Kirchenwände, die Giebel und Mauerkrönungen – es ist ohne Farbe, es ist toter Stein. Der Tod hat hier die Macht. Und doch ist er nicht schrecklich; denn er versöhnt sich mit der Sonne. Alle die schmalen Bänder der Häuserzeilen und der Gassen ziehen in der Sonnenlinie von Ost nach West, schattenlos den ganzen Tag bestrahlt. Die Sonne ist Glut. Es gibt keine Schattenplätze in Assisi. Auch der Tod ist hier nicht Schatten, sondern Licht. Der Heilige selber ist ein Sonnengott . . . nacque al mondo un sole . . . pries ihn Dante.

Von einer Höhe aus blickt Forest nach Perugia zurück. Dort ruht der Tod in Schwarz und Rot; dort heißt er Mord, denn die Baglioni wollen leben! Hier in Assisi winkt der Tod aus goldenen Strahlen; hier heißt er Friede . . . Ach, auch Irene heißt Friede . . . Die Franziskaner sind keine Baglioni. Sie wollen nicht den Tod der anderen. Sie wollen selber sterben.


Nur wenige unter den Reisenden wurden so nachdenklich. Was kümmert uns der Tod mitten im Leben? Man will als heutiger Mensch weder Franziskus 227 noch Baglione sein. Man soll mit Augen sehen und nicht denken . . . Man nimmt auch ein fröhliches Mahl ein in Assisi; ißt Spaghetti, trinkt Chianti. Gegen fünf Uhr sammelt man sich vor San Rufino mit der romanischen Fassade aus goldig braunem Stein. Von dort gelangt man leicht zum Hochweg nach dem Burgberg von Assisi: der Rocca Maggiore. Lily hat sich erkundigt. Sie sieht auf die Armbanduhr.

Forest weiß, daß die Stunde gekommen ist; daß jetzt gehandelt wird.

Lily fragt hastig: »Kommst du mit . . . auf die Rocca?«

»Nein, ich komme nicht«, sagt er hart. »Ich gehe zur Marchesa.«

Sie prallt zurück. Wird blutrot vor Schrecken. »Wegen des Scheckbuchs?«

»Nein wegen allem – wegen euch!«

»Sprich doch zuerst mit ihm«, ruft sie in größter Erregung. »Er soll ja nur den Lohn fordern, Walter. Er wird das Scheckbuch nicht nehmen, glaub mir. Er tut ihr nichts – wenn sie ihm nur nichts tut . . .«

Forest will antworten, aber in diesem Augenblick sehen die beiden, wie Ferruccio atemlos aus der Via San Rufino zu ihnen hinauf auf den Kirchplatz rennt. »Gott sei Dank, daß ich Sie noch treffe«, ruft er mit verzweifeltem Ausdruck. »Entschuldigen Sie, Professore, ich bin so erregt.« Er sucht hastig die Worte: »Die Marchesa ist wahnsinnig geworden. Darf ich mit Ihrer Dame reden? Sie hat Ihnen erzählt von meinem Unglück. Ich bitte Sie mir zu verzeihen, daß alles so ist. Bitte, hören Sie nur an, mein Herr.«

Aber Forest trat weg zum Kirchenportal. Er wollte nichts wissen. Lily, mit feuchten Augen, sucht ihn an der Hand zurückzuhalten. Aber er entzog sich ihr. Er sah das Mädchen einen Augenblick mit tiefem Ernst an wie zum Abschied. Sie spürte es und weinte. Er aber trat mit der Gesellschaft in die Kirche . . . Es war sein Abschied.

Ferruccio aber bemerkte in seiner Erregung Forests Weggang nur mit den Augen, doch nicht im Bewußtsein. Er sprach auf Lily hastig ein: »Sie will mich verleumden bei meinem römischen Verwandten, dem mit dem Papiergeschäft. Ich bin damals als Kadett schon verleumdet worden. Sie will sagen, daß ich ihr Geld stehle und auf ihren Tod lauere, um sie zu beerben. Jetzt ruft sie immer: ›Ich enterbe dich, wenn du davon gehst. Denn du bist mein letztes Blut.‹ Dabei weiß ich genau, daß sie mir keinen Soldo vermacht, sondern alles den Franziskanern für ihre Seele . . . ›Aber ich brauche dich gar nicht zu enterben‹, schrie sie noch in furchtbarer Wut, ›denn meine Heiligen sind für mich und du wirst vor mir sterben.‹ Dann verlor sie den Atem und fiel zusammen in entsetzlichen Krämpfen. Dem gipsernen Dominikus ist auf der Fahrt der segnende Arm abgebrochen. Jetzt glaubt sie, ich hätte ihr den Segen gestohlen. 228 ›Ich will den Seraph sehen‹, kreischte sie noch verzweifelt. Sie flucht auf alles . . . auch auf dich, Lily. Denn sie hat bemerkt, daß ich mit dir zusammen war . . . und wittert, daß ich dich liebe . . .«

»Aber was weiß sie denn?« sagte Lily hastig. »Weiß sie denn, daß wir uns küßten?«

Ferruccio erschrak, im plötzlichen Gedanken, daß Forest noch bei ihnen stände. Nein, der war ja mit der Reisegesellschaft in den Dom getreten. »Ja, weiß er denn alles, der Professore, daß er uns allein so reden läßt?«

»Er weiß genug . . . er weiß, daß ich dich liebe . . . und nicht ihn . . . Er liebt weit weg . . . Aber was sollen wir beide tun?«

Ferruccio blickte rasch zur Kirche hinüber, in der Forest verschwunden war. »Wir müssen weg, wir beide.« Dann flüsterte er heiser: »Ich habe . . . ich habe das Scheckbuch.«

»Gott im Himmel, das Scheckbuch«, schrie Lily vor Angst auf.

»Ich nahm's ihr aus der Handtasche, als sie in der Portiuncula betete. Hinterher ist sie immer verwirrt. Ihre Andacht benimmt ihr die Vorsicht. Sie hat es erst vorhin bemerkt, in der Wohnung; und der Fluch ging los. Vor dem Professor konnte ich es doch nicht sagen. Höre Lily«, er zitterte und der Mund zuckte, »ich habe den Wagen geholt . . . Wir können nicht auf die Bahn . . . Wir fahren sofort über die Berge nach Ancona, und von dort . . . nach Dalmatien . . . nach Venedig . . . nach Deutschland . . . nur fort . . .«

»Aber meine Sachen im Hotel in Perugia?« Das war mehr ein Reflex als eine Überlegung.

»Die sind doch gleichgültig. Vielleicht auch holen wir sie vorher noch. Nur schnell zum Wagen, solange sie im Bett liegt in ihren Krämpfen . . . Sie darf dich nicht mehr sehen.«

»Also sofort? . . . gleich jetzt? . . . Aber ich muß – ihm Lebewohl sagen.« Sie wollte zur Kirche.

Er hielt sie ungestüm zurück. »Nein, Lily, schreibe ihm später. Sie droht dich umzubringen. Auch der Gabriela wünschte sie den Tod, weil sie so jung war. Sie hat damals ein Fläschchen gekauft . . . Sie hat es dann doch nicht getan. Aber diesmal . . . oh, sie ist böse, sie ist aus einer teuflischen Sippe. Die Pennas waren ja verwandt mit den Baglioni . . . Diesmal glaubt sie alles zu verlieren, weil ich gehen will . . . Wir müssen fort, gleich, jetzt« – er packte sie erregt – »wenn du mich liebst?«

Lily sah seine Entschlossenheit, seine Liebe und seine Not. Noch einen Augenblick dachte sie an Forest. ›Bei dem ist meine Ruhe, bei dem ist die Vernunft. Wenn ich ihn jetzt verliere – dann verliere ich wirklich das 229 nachdenkliche Spiel von Perugia, von dem wir gestern in der Bahn noch sprachen. Aber ich gewinne für den Verlust ja so viel mehr als Sicherheit und Ruhe. Und auf die schnelle Rückkehr nach Berlin kann ich jetzt auch verzichten . . . und von meinem Rundreisebillett werde ich mir nichts vorschreiben lassen . . .‹ Blitzschnell folgten sich Lilys Überlegungen, während sie auf Ferruccios schweißbedeckte Stirn und in seine verzweifelten Augen sah, und sagte: »Ja Ferruccio, ich liebe dich!« Sie küßte ihn rasch. »Ich komme gleich mit dir.«

»Oh, du Geliebteste, du Engel und Himmel, du kommst! Ich habe den Wagen geholt, in der Garage vom Hotel Croce. Denn sie hat noch keine eigene. Sie ließen ihn mir. Sie ahnen ja nichts. Dann fuhr ich sofort zum Hügel am Camposanto. Dort steht er jetzt. Denn hier vor San Rufino kann ich dich nicht holen . . . wegen der Gesellschaft . . . wegen Forest . . . Ach er ist gut und wir sind häßlich zu ihm . . . Lily, Geliebte, du triffst mich vor dem Camposanto – da oben, der herrliche Friedhof auf der Höhe zwischen der Rocca und dem Tescio-Tal. Komm, ich begleite dich bis zur Piazza. Dann eilst du geradeaus und fragst nach dem Camposanto. Das fällt nicht auf, da gehen viele hin wegen der Aussicht und wegen der riesigen Zypressen . . . Komm!«

Noch ein letztes Mal sah Lily nach der Kirche. Forest war nicht zu sehen. Da nahm auch sie Abschied von ihm im Innern. Dann floh sie mit Ferruccio hinweg.

 

Über dem Monte Subasio hatten sich Wolken geballt, wie am gestrigen Abend, als Forest das Gewitter kommen sah, das sich dann offenbar für einen Tag verzogen hatte. Aber es mußte ja herunter auf die glühende Erde, auf diesen Staub, in den die Welt zerbröckelte. Die Entladung wurde erwartet. Und der Himmel schien das Schreien der verdurstenden Kreatur, von Mensch und Vieh, von Blume und Acker, erhören zu wollen. Denn als Forest als erster von der Reisegruppe aus der Kirche heraustrat, da sah er Lily nicht mehr – aber er hörte vom Subasio her das erste ferne Donnern. 230

 
Campo Santo

Die Marchesa aber lag nicht mehr in Krämpfen, so wie Ferruccio sie zuletzt gesehen hatte, elend gekrümmt vor Schmerz im Schlafzimmer ihres unfertigen Hauses an der Via Properzio. Es war ein graues Bauwerk mit einer Arkade vor der schmalen Fassade; aber es zog sich tief nach hinten, wo es einen Hof und ein Gärtchen umschloß. Die wenigen Räume des ehemaligen Klösterchens von Sant' Anacleto waren gotisch gewölbt. Es roch nach Kalk und frisch angekleisterten Tapeten. Im Hof wurde genagelt und im oberen Stockwerk strich der Tüncher. Kaum ein Möbel stand schon richtig auf seinem Platz. Gardinen lagen über den Stühlen. Aber aus dieser Unordnung sollte eine gemessene Schönheit erstehen für die gewollte Armut der Marchesa – für dieses kümmerliche Leben ohne Lancia. Hier würde die Büßerzelle ihrer Seele sein. Hier hoffte sie einmal die Gnade zu erleben, den Seraph mit den Wunden zu erblicken.

Aber heute lag sie mit eingebundenem Schleierkopf über dem Bett, halbausgezogen, und wand sich in Zuckungen. Doch als Ferruccio der widerlichen Szene entflohen war, da hielt sie die Schwäche nicht mehr. Da raste die Kraft wieder in sie. Als sie das wütende Zuschlagen der Türe hörte, da reckte sie sich unter Verwünschungen auf, und schrie der alten Vettel zu, die als einzige ihr Schlafzimmer betreten durfte: »Gina, den Wagen, rasch den Wagen.« Die häßliche Dienerin drückte sie aufs Bett zurück und jammerte mit heuchlerischen Tönen: die gnädige Frau sei viel zu krank zum Fahren und müsse ruhen. Aber die zähe und vor Raserei zu neuem Willen hochgetriebene Marchesa rief: »Du meinst wohl, daß ich sterbe, du Tier, du alte Katze; du willst nur dem Dieb helfen, dem Verbrecher, dem Lumpen, der da mit seiner blonden Hure davon will . . . Gib mir den Stock . . . hole schleunigst den Wagen!«

»Lassen Sie mich doch helfen beim Anziehen«, widersprach die Magd, die zitternd am Bett stand. »Die Frau Marchesa finden ja nichts in dieser Unordnung.«

»Du sollst den Wagen holen«, fauchte die Kranke. »Und den Rufino, den Hausknecht. Der muß ihn mir jetzt fahren, daß wir den undankbaren Hund noch fassen.«

Da ging die Magd. Die Marchesa aber riß sich auf, doch nicht zur Höhe ihrer großen Haltung. Mit tief gekrümmtem Rücken stützte sie sich auf die Krücke und stapfte mit krampfigen kleinen Schritten durch das wüste Durcheinander des unfertigen Haushalts zum Kleiderschrank. Die Heiligen standen 231 noch in ihren Tüchern auf dem Waschtisch. Die Geige, deren Hals über eine Kommode vorragte, stieß die Marchesa hart zurück, so daß die Quinten klirrten. Jetzt suchte sie in aller Hast ein Kleid; denn sie hatte zu Schuhen und Strümpfen nur ein Hemd und eine Schlafjacke an. Aber sie fand mit den zuckenden Händen nur eine lange schwarze, seidene Mantille, die sie schnell überwerfen konnte. Und unter Keuchen und grauenhaften Flüchen humpelte sie jetzt am Stock die Treppe hinunter, auf der noch die Kalkspritzer vom Umbau hafteten. Die Türe vergaß sie zu schließen. Sie stellt sich unter die Straßenarkade, um auf Gina und den Wagen mit Rufino zu warten. Der Himmel bewölkte sich. Es dunkelte vor dem Gewitter. Eine neue Schwäche befiel die Marchesa, als sie die erwarteten Helfer noch nicht kommen sah. Sie ließ sich auf die Steinfliesen fallen und umklammerte mit beiden Händen die Krücke. Zwei Frauen eilten vom Nebenhaus der schmalen Straße herzu, um sie zu stützen. Aber da schnellte sie schon wieder auf, denn sie sah Gina die Gasse heraufeilen.

»Wo hast du den Wagen, du Scheusal«, rief sie kreischend.

Die Magd rief im Laufen: »Der Wagen ist weg.«

Der Hausknecht vom Croce, Rufino, kam nach: »Herr Ferruccio hat ihn geholt vor einer Viertelstunde.«

»Er ist davon, der Dieb!« wimmerte die Marchesa. »Rufino, hole sofort euren Fiat; wir müssen ihn abfangen.«

»Aber der Fiat kommt ja Ihrem Lancia gar nicht nach«, wandte der Knecht ein. »Auch ist der Padrone vor einer Stunde mit ihm nach Spello gefahren.«

»Diavolo! dann einen anderen; sofort holst du den großen Wagen in der Fuhrhalterei beim Sarto, der hat hier die stärkste Maschine.«

Aber da rannte der kleine Piccolo vom Croce herbei und berichtete wichtig: man habe den roten Lancia gesehen. Er stehe beim Camposanto.

»Am Friedhof?« Sie erbleichte. Sie hörte das Wort nicht gern. Das war kein Ort für sie. Sie betrat ihn nie, obschon dort viele Pennas lagen und auch ein Baglione – und sogar ein Grab für sie selber mit vielen Rosen.

»Und Ferruccio?« keuchte die Marchesa.

Man habe den jungen Herrn nicht gesehen, antwortete der Piccolo. Der Wagen stehe allein. Hinter der Mauerecke, nach dem Tescio-Tal zu.

Da raffte die Alte zitternd und flatternd wie ein Vogel ihre Mantille um ihr Skelett. »Stütze mich, Gina, rasch; ich gehe; ich hole ihn, den Bravo! Und du, Rufino, rennst voraus und hältst ihn fest . . .« Schon holperte sie mit zuckenden Bewegungen an Ginas Arm die Gasse hinunter. Die Rechte stieß den 232 Krückstock hart auf das heiße Pflaster. Die Schwüle vor dem Gewitterausbruch benahm den Atem. Ein paar schwere Tropfen fielen aus den Wolken. »Die Carabinieri müssen kommen«, schimpfte sie laut vor sich hin im Gehen. »Er ist ein Räuber, ein Dieb . . . Der Himmel muß helfen.«

Der Himmel antwortete mit einem leisen dumpfen Donner. Es blitzte über dem Tescio-Tal. Der Berg Subasio stand schon im Wetter. Leute liefen hinter der Gruppe her. Einige aufgeregt; andere heimlich lachend. Sie aber, die Marchesa Penna, die dem Tod schon halb verfallen schien, sie war allen voran. Die Krücke klapperte auf den Steinen. Und der blauschwarze Kopf auf dem verkrümmten Leibe streckte sich zielend vor wie bei einer Schlange, die angreift.


Der Camposanto, wo die Toten ruhen und die schwarzen Zypresssen die Stille hüten, liegt hoch auf einem Kamm zwischen dem Burghügel der Rocca und dem Apennin. Er bildet die Brücke hin zum Gebirge, eine natürliche Terrasse, von der man den weitesten Blick genießt: im Westen auf die Klosterburg von San Francesco, und im Osten auf das dem Subasio und Caprile vorgelegte Tal des vielgewundenen Flusses Tescio. Es ist ein düsteres, unfruchtbares Tal, nach dem die kleine Fahrstraße steil hinunterführt; in eine tote Mulde, in der das Gras nicht richtig grünen will und fast kein Baum sich aus der Erde wagt. Nur Strauch und Stein gibt diese Landschaft her; und ein paar wenige finstere Zypressen mahnen als drohende Finger vor dem Betreten der farblosen Öde. Nur in der Sonne wird die Farbe heller, und aus dem toten Grau wird freundlicher ein Braun. Dann sieht auch der waldlose runde Kopf des Monte Subasio gütig über das schweigende Tal.

Aber an jenem Tage, da die Marchesa, stöhnend vor Atemnot, gestützt von Gina und einem Mädchen in Wind und Regen und im Geflatter des schwarzen Seidenmantels zum Camposanto emporstieg, um die fliehende Jugend mit aller Böse ihres alten Blutes aufzuhalten und zu fangen – da grollte die Landschaft mit schwarzem Gesicht im Tal der Öde und des Todes. Die Wolken senkten sich tief bis zum Hügel des Friedhofs, so daß der Subasio verschwunden und selbst die nahe Rocca nicht zu sehen war. Unten im Abgrund lag das Tescio-Tal verwunschen in gräßlicher Stille. Denn eben als die Marchesa, röchelnd im Aufstieg, in Sicht der Friedhofmauer kam, schwieg der Wind und der Regen stockte. Der Fluß lag wasserlos in seinem Bett wie eine steinerne Schlange, eine sinnlose Straße aus Geröll. Blauschwarz wie der Schleier der Marchesa lastete die dicke Luft. Ihr Kopf schien sich im Dunst der Atmosphäre 233 aufzulösen. Aber dieser Kopf war noch da; und er sah scharf empor zur Mauer des Friedhofs und zum Eingang zwischen den schwarzen Zypressen.

Aber hier stand niemand. Nur hinten im fernen Ausblick der Allee, vor einer Mauerbuchtung gegen den Tescio-Abgrund hin, da standen ein paar Menschen, die erregt zu reden schienen mit anderen, die hinter der Friedhofmauer stehen mußten. Man hörte ein lautes Rufen und Entgegnen.

»Rufino!« krächzte die Alte, denn sie glaubte seine Stimme erkannt zu haben. Bei Gott und San Francesco, Rufino hatte ihn noch erwischt, den Dieb, den ungetreuen Diener, die Familienschande, den Gottlosen, der mit ihr nicht beten wollte. ›Rufino!‹ wollte sie noch einmal rufen. Aber schon erschien der Hausknecht mit rotem Gesicht um die Mauerecke, winkte und schrie: »Sie fahren!«

Da riß sich die Marchesa von den sie haltenden Weibern los, um sich mit krampfigen Rucken ihrer Beine noch schneller vorzuschnellen. Gefährlich glitt ihr Krückstock auf den nassen Steinen aus. »Halt! Halte sie, Rufino. Tausend Lire, Rufino, wenn du sie fängst, die Mörder . . .«

Aber Rufino hörte die Versprechung nicht. Motorgeräusch dröhnte auf. Er sprang erschreckt zur Seite und fiel hin. Denn geradewegs auf ihn zu fuhr um die Mauerbuchtung der rote Lancia.

Die Marchesa stöhnt laut auf. Sie erblickt Ferruccio am Steuer und neben ihm das blonde Weib, das ihn ihr stiehlt. Die Leute rennen mit dem Wagen. »Eine Entführung!« rufen sie. Auch Rufino läuft mit, um sich auf das Trittbrett zu schwingen. Aber der Wagen kommt in rasche Fahrt.

Plötzlich erkennt Ferruccio am Portal die Hexe. Und Lily sieht sie auch und schreit zur gleichen Sekunde wie die Alte. Die weicht nicht von der Straßenmitte und schwingt die schwarze Krücke in der Luft . . . Herrgott! will sie den Tod heraufbeschwören?

»Wir müssen wenden!« ruft Lily und faßt Ferruccios Hand.

»Nein, ich überfahre sie! – den Teufel, das Gespenst – den Tod da!« keucht er mit verbissenem Mund und wilden Augen. Der letzte Tropfen Baglioneblut treibt jetzt auch aus ihm. Er gibt Vollgas.

»Nein!« kreischt Lily, klammert sich entsetzt an seine Arme, und reißt sie mit aller Kraft zu sich hin. Da dreht sich das Steuer gewaltsam nach der Seite hin. Der Junge schreit Flüche. Der Wagen rollt vom Weg. Rufino, der das Trittbrett erreicht hat, springt schleunigst ab. Ferruccio sucht rückwärts zu drehen über dem flachen Grasbord zwischen Straße und Talwand. Aber der schwere Wagen leistet die Wendung nach der Böschung nicht. Er rutscht nach dem Abhang. Er holpert und will kippen. Die Zuschauer schreien auf. Ferruccio 234 drückt das Steuer mit verzweifelter Kraft nach rechts, um die Straße zu fassen. Aber es ist zu spät; der Wagen gehorcht nicht mehr; rollt geradeaus über die Schräge; stolpert über der steinigen Bodenwelle. Er muß kippen! Die beiden, Ferruccio und Lily . . . man sieht es . . . sie öffnen die Türen, um abzuspringen . . . ah zu spät . . . da überschlägt er sich . . . einmal . . . und noch einmal . . . Ein Körper fliegt heraus . . . den zweiten reißt der rote Lancia mit in den Abgrund.

Die Marchesa bricht zusammen. Verkrampft die Spinnenhände zum Gebet. »O santissimo Francesco«, schluchzt sie laut, »adesso sono povera com' una Santa . . . jetzt bin ich arm wie die heilige Klara . . . o corpo miserabile . . . jetzt will ich . . .« Aber sie konnte nicht mehr ›wollen‹ und den Seraph schauen; denn die Ohnmacht des Leibes war stärker als ihre Gier und ließ sie hinfallen auf die Erde. Gina öffnete ihr die Mantille. Ein Mann band ihr den Schleier los – aber er prallte zurück und ließ ihn sofort wieder fallen. Er war bleich und sprach kein Wort. Er sah die Verwesung.

 

Brief in die Ewigkeit

In dieser Stunde starb Irene. Forest wußte es nicht. Er sah Lilys Leiche. Man fand sie zuerst, fünfzig Schritte von der Straße. Das Rückgrat war gebrochen. Sie war nicht verstümmelt. Sie blieb schön. Vollendet im Tode . . . ach, warum sind Ruinen schön? . . . Forest begrub sie auf dem Friedhof von Assisi in der Ecke für die Protestanten. Auch Ferruccio wurde gefunden: verbrannt, verkohlt im Wagen des Teufels. Die Marchesa lebte, aber sie kam nicht zum Begräbnis seiner Reste im Familiengrab. Zwar: Baglioneblut zieht den roten Tod an – und tötet. Aber die Marchesa, sie liebte ihn immer noch nicht – den schwarzen Tod.

Und Lily fuhr nun nicht mehr nach Berlin. Sie hatte sich vom Leben packen lassen, und war dem Zugriff willig gefolgt. Sie, dieses Nichts in der Welt, war eine Seele geworden. Eine Begegnung hatte entschieden: ein kleiner Italiener wurde ihr erster Gott. Aus Zufall wurde Schicksal. Sie hatte sich hingegeben an das Herz. Sie lebte das Ganze – und starb daran. Auch die Marchesa hatte das Ganze getan – und lebte.

Nur er, Forest, war ein Mischling des Geistes und des Blutes. Kein ganz Verlorener wie jener Konstantin, der durch die Welt nachtwandelte. Aber er war ein ewig Wägender, niemals ein Wagender. Darüber verlor er die halbe Kraft und gewann dafür auch nur das halbe Leben. Der das Gewitter vorzeitig 235 kommen sah, der Wissende, der konnte sich ›versichern‹ – der blieb immerhin am Leben. Immerhin. Aber was will das Leben von ihm? Das Paradies von einst ist ihm verloren. Kann er es wiederfinden? In Lilys Todesnacht schrieb er Briefe, Briefe, Briefe – und vernichtete sie immer wieder aus Scham und Zweifel. Denn sie waren an Irene.

Aber als er nach Perugia zurückfuhr, um die Koffer zu holen, und abends noch einmal über die Piazza schritt, zwischen dem Dom der Frommen und dem Palast der blutigen Herren des weltlichen Regiments – da kam es noch einmal furchtbar und übermächtig über ihn – wie damals, als er im Körper der Marchesa die Heilige seines Lebens zu erkennen glaubte: die Erste – Irene. Ja, da setzte er sich auf die Kirchentreppe unter die Bronzehand des Papstes und schrieb auf Notizblätter endlich den Brief, den er so lange nicht gewagt hatte:

Meine Irene, Du staunst, daß ich Dir schreibe. Denn unser Schweigen lag zwischen uns wie der Tod. Aber wir leben! Heute weißt Du es nicht, Irene, daß ich Dich liebe, immer noch und mehr als jemals. Denn ich habe das Glück nun viele Jahre außer mir und außer Dir gesucht – und nichts gefunden, das mehr war als Du und Ich. Die Leiber sind überall des Teufels und die Seelen sind überall des Himmels. Aber die Himmelshöhe ist zu hoch für uns Lebende, und die Gier des Blutes ist zu tief und grausam für uns Menschliche mit dem Herzen – und mit den Augen, die in die Sterne sehen. Wir sind nun nicht mehr jung, Irene. Aber wir leben noch! Ich habe nur noch einen Wunsch: den letzten Akt, den Abend, ganz mit Dir zu leben. Ich komme zu Dir. Ich fahre nach Berlin. Ich bitte Dich um einen Brief dahin . . . als Antwort. O Gott, ein Brief von Dir! Ich weiß, Geliebte, daß Du seit vielen Jahren auf meinen Brief gewartet hast. Es war ein Frevel, daß ich ihn nicht früher schrieb. Aber ich wollte kein künstlich wiederholtes Schicksal. Jetzt fühle ich, daß für uns keine Wiederholung gilt, sondern erneutes Leben. Vita nuova . . . Du wirst mir schreiben, Irene. Dein Brief wird mein Schicksal sein. Mich trennt jetzt nichts von Dir, Irene. Nichts als der Raum, das bißchen Ferne. Aber was gilt der Raum, und wäre er himmelweit in seinen Maßen – da Du doch in mir bist, wie ich in Dir. . . . Ich werde Dich sehen. Ich komme. Ich liebe Dich in Ewigkeit.

Dein Walter.

Dann reiste Professor Walter Forest ab von Perugia, wo er so nachdenklich geworden war – und fuhr nach Deutschland.

 


 

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