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Italienische Reise

Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise - Kapitel 78
Quellenangabe
typediary
booktitleItalienische Reise
authorJohann Wolfgang Goethe
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12402-4
titleItalienische Reise
pages3-556
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1786
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Moritz als Etymolog

Schon längst hat ein weiser Mann das wahre Wort ausgesprochen: »Der Mensch, dessen Kräfte zu dem Notwendigen und Nützlichen nicht hinreichen, mag sich gern mit dem Unnötigen und Unnützen beschäftigen!« Vielleicht möchte nachstehendes von manchem auf diese Weise beurteilt werden.

Unser Geselle Moritz ließ nicht ab, jetzt, in dem Kreise der höchsten Kunst und schönsten Natur, über die Innerlichkeiten des Menschen, seine Anlagen und Entwickelungen fortwährend zu sinnen und zu spinnen; deshalb er denn auch sich mit dem Allgemeinen der Sprache vorzüglich beschäftigte.

Zu jener Zeit war in Gefolg der Herderischen Preisschrift »Über den Ursprung der Sprache« und in Gemäßheit der damaligen allgemeinen Denkweise die Vorstellung herrschend: das Menschengeschlecht habe sich nicht von einem Paare aus dem hohen Orient herab über die ganze Erde verbreitet, sondern zu einer gewissen merkwürdig produktiven Zeit des Erdballs sei, nachdem die Natur die verschiedenartigsten Tiere stufenweis hervorzubringen versucht, da und dort, in mancher günstigen Lage die Menschenart mehr oder weniger vollendet hervorgetreten. Ganz im innerlichsten Bezug auf seine Organe sowohl als seine Geistesfähigkeiten sei nun dem Menschen die Sprache angeboren. Hier bedürfe es keiner natürlichen Anleitung, so wenig als einer Überlieferung. Und in diesem Sinne gebe es eine allgemeine Sprache, welche zu manifestieren ein jeder autochthonische Stamm versucht habe. Die Verwandtschaft aller Sprachen liege in der Übereinstimmung der Idee, wonach die schaffende Kraft das menschliche Geschlecht und seinen Organismus gebildet. Daher komme denn, daß teils aus innerem Grundtriebe, teils durch äußere Veranlassung die sehr beschränkte Vokal- und Konsonantenzahl zum Ausdruck von Gefühlen und Vorstellungen richtig oder unrichtig angewendet worden; da es denn natürlich, ja notwendig sei, daß die verschiedensten Autochthonen teils zusammengetroffen, teils voneinander abgewichen und sich diese oder jene Sprache in der Folge entweder verschlimmert oder verbessert habe. Was von den Stammworten gelte, gelte denn auch von den Ableitungen, wodurch die Bezüge der einzelnen Begriffe und Vorstellungen ausgedrückt und bestimmter bezeichnet werden. Dies möchte denn gut sein und als ein Unerforschliches, nie mit Gewißheit zu Bestimmendes auf sich beruhen.

Hierüber find' ich in meinen Papieren folgendes Nähere:

»Mir ist es angenehm, daß sich Moritz aus seiner brütenden Trägheit, aus dem Unmut und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Tätigkeit wendet, denn da wird er allerliebst. Seine Grillenfängereien haben alsdann eine wahre Unterlage und seine Träumereien Zweck und Sinn. Jetzt beschäftigt ihn eine Idee, in welche ich auch eingegangen bin und die uns sehr unterhält. Es ist schwer, sie mitzuteilen, weil es gleich toll klingt. Doch will ich's versuchen:

Er hat ein Verstands- und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er zeigt, daß die Buchstaben nicht willkürlich, sondern in der menschlichen Natur gegründet sind und alle gewissen Regionen des inneren Sinnes angehören, welchen sie denn auch, ausgesprochen, ausdrücken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die Sprachen beurteilen, und da findet sich, daß alle Völker versucht haben, sich dem innern Sinn gemäß auszudrücken, alle sind aber durch Willkür und Zufall vom rechten Wege abgeleitet worden. Demzufolge suchen wir in den Sprachen die Worte auf, die am glücklichsten getroffen sind, bald hat's die eine, bald die andre; dann verändern wir die Worte, bis sie uns recht dünken, machen neue u. s. w. Ja, wenn wir recht spielen wollen, machen wir Namen für Menschen, untersuchen, ob diesem oder jenem sein Name gehöre etc. etc.

Das etymologische Spiel beschäftigt schon so viele Menschen, und so gibt es auch uns auf diese heitere Weise viel zu tun. Sobald wir zusammenkommen, wird es wie ein Schachspiel vorgenommen, und hunderterlei Kombinationen werden versucht, so daß, wer uns zufällig behorchte, uns für wahnsinnig halten müßte. Auch möchte ich es nur den allernächsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste Spiel von der Welt und übt den Sprachsinn unglaublich.«

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