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Italienische Novellen - Dritter Band

: Italienische Novellen - Dritter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorVerschiedene Autoren
titleItalienische Novellen - Dritter Band
publisherVerlag Lambert Schneider
volumeDritter Band
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidf0398b13
created20070831
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Antonio Francesco Grazzini

1503 – 1584

Der Alchemist

In den Historien von Pisa steht geschrieben, daß vor alters Guglielmo Grimaldi, ein von einer Partei aus Genua vertriebener junger Mensch, sich daselbst niederließ. Er hatte wenig Geld mitgebracht, mietete sich ein Häuschen und lebte sparsam, indem er anfing auf Wucher zu leihen. Da er durch dies Gewerbe bei wenig Ausgaben viel verdiente, ward er in kurzem wohlhabend und im Verlaufe der Zeit außerordentlich reich, obgleich immer begieriger, reicher zu sein. So war er alt geworden und hatte Tausende aufgehäuft, während er aus Geiz immerdar allein und in seiner anfänglichen engen Wohnung blieb. Da er niemandem traute, hütete er seine Schätze selbst mit der äußersten Wachsamkeit und hing so völlig mit seiner Seele daran, daß er keinen Skudo gegeben hätte, um einem Menschen das Leben zu retten.

Wie nun jedermann in Pisa Guglielmo, dieses Lebens und Wandels halb, haßte und beneidete, ward er dereinst, nachdem er mit Freunden auswärts zu Abend gespeist hatte, in tiefer, stockfinsterer Nacht beim Nachhausegehen, ob aus böser Absicht oder verkannt, angefallen und mit einem Dolchstoße über der linken Brust verwundet. Der arme Teufel ergriff in dem Augenblicke die Flucht, als die dunklen Wetterwolken sich entluden und aus ihrem Schoße ein schwerer Platzregen niederfiel. Nachdem er etwa auf Armbrustschußweite gelaufen und schon ganz durchnäßt war, sah er die Tür eines Hauses offen stehen, in dem ein großes Feuer loderte. Er trat hinein. Das Haus bewohnte ein gewisser Fazio, der seines Handwerks eigentlich ein Goldschmied war, seit einiger Zeit sich aber der Alchemie ergeben und ihr schon ein gut Teil seiner Habe aufgeopfert hatte im Bemühen, aus Blei und Zinn feines Silber zu verfertigen. Auch diese Nacht hatte er ein gewaltiges Feuer angeschürt und gab sich mit Schmelzen ab, ließ aber die Haustür wegen der Hitze des Feuers und der Jahreszeit offen stehen. Beim Geräusch des Eintretenden wandte er sich rasch um und sprach, da er ihn sogleich erkannte: »Je, Guglielmo! Was machst du zu dieser Stunde bei dem gräßlichen Wetter hier?«

»O weh!« krächzte Guglielmo, »mir ist schlecht. Ich ward angefallen und verwundet, ich weiß nicht von wem und warum.« Er sprach die Worte, ließ sich zum Sitzen nieder und schied aus diesem Leben in einem Augenblicke.

Die letzte fernere Turmuhr der Stadt hatte eben die mitternächtliche Stunde angeschlagen, und die Glockentöne bebten, wellenartig vom Winde gepeitscht, durch die Stille der Finsternis. Verwundert, den fremden Mann umfallen zu sehen, und über die Maßen bestürzt, stand Fazio da; doch besann er sich, knöpfte ihm das Wams über Brust und Magen los, bemühte sich, ihn aufzurichten, und rief ihm »Guglielmo!« zu, in der Meinung, es müsse ihn eine Ohnmacht angewandelt sein. Aber da er ihn kein Glied regen sah und fühlte, daß er weder atmete, noch sein Puls mehr schlug, dann auch die Wunde in der Brust fand, aus der schlimmerweise so viel als gar kein Blut geflossen war, überzeugte er sich von Guglielmos schon erfolgtem Tode. Außer sich vor Entsetzen, rannte er dem Eingange zu, um die Nachbarschaft zu rufen; denn der Zufall wollte, daß er sich allein zu Hause befand, weil seine Frau mit seinen zwei kleinen fünfjährigen Zwillingsknaben zu ihrem todkranken Vater gegangen war. Aber wie er den Regen auf das Pflaster prasseln und den Donner hörte, auf der ganzen Straße keinen Menschen sah, der Heilmittel herbeizuschaffen vermocht hätte, und zweifeln mußte, daß man seine Stimme vernehme, stand er an und änderte seinen Entschluß. Er kehrte in das Haus um, schloß es hinter sich ab und riß vor allen Dingen die Geldtasche des Toten auf, um zu sehen, wieviel darinnen sei. Er fand vier Lire und, unter vielem alten wertlosen Plunder, ein großes Bund Schlüssel vor, das wahrscheinlich, wie er meinte, den Zugang zu den Türen, Kisten und Kasten in dem Hause Guglielmos öffnete, dessen Reichtum, besonders an barem Gelde, stadtkundig war. Mit wüsten Gedanken beschäftigt, verschmitzt und klug von Natur, fuhr es ihm wie der Blitz durch den Sinn, seinem Leben mit einem Male einen höheren Schwung zu verleihen. Er sagte zu sich selbst: »Ja, warum gehe ich mit den Schlüsseln nicht auf der Stelle nach seinem Hause, wo, wie ich gewiß bin, keine Menschenseele ist? Wer hindert es, wenn ich sein Geld nehmen und leise, leise hierher in mein Haus tragen will? Zu meinem guten Glücke regnet es, und der Donner rollt; es wird niemand herumgehen, wenn die Mitternacht vorbei ist; ein jeder bleibt gern im Trocknen unter seinem Dache und kriecht nicht aus seinem Schlafwinkel hervor. Ich bin allein in meinem Hause, und wer den Guglielmo erstochen hat, ist nach geschehener Tat sicherlich entflohen und hat sich versteckt. Sonach hat ihn schwerlich ein Menschenkind hereinkommen sehen. Wenn ich schweigen kann und keiner Seele je etwas von dem Vorfall sage, – wer wird sich einbilden, daß Guglielmo Grimaldi verwundet zu mir gekommen und auf diese Weise gestorben sei? Unser Herrgott hat mir ihn zu meinem Heile zugeschickt. Wer weiß, ob man mir glaubte, wenn ich in der Sache die reine Wahrheit aussagte? Könnten sie nicht denken, ich hätte ihn ermordet, um ihn zu berauben, wozu mir nach der Tat der Mut gefehlt habe? Wer schützt mich, wenn man mich greift und auf die Folter spannt? Und wie könnte ich mich rechtfertigen? Die Herren Diener der Gerechtigkeit sind sehr gestrenge, und ich trüge wohl zuletzt einen Ruck mit dem Stricke oder gar etwas Schlimmeres davon. Was soll ich tun? Am Ende ist es besser, ich entschließe mich, mein Glück zu machen (sie sagen ja, ›wagen gewinnt!‹), und sehe zu, ob ich mit einemmale alle Sorgen abschütteln kann.«

Gesagt, getan. Er warf sich einen tüchtigen Filzmantel über die Schultern, stülpte einen breitkrempigen Hut auf den Kopf und schlug, die Schlüssel im Busen, die Laterne in der Hand, unter Regen, Donner und Blitzen den Weg nach Guglielmos nicht sehr entferntem Hause ein. An Ort und Stelle schloß er mit den zwei größten Schlüsseln des Bundes den Eingang auf und ging vorerst nach der Schlafkammer, worin er eine große Lade fand, die er nach vielen Versuchen mit dem rechten Schlüssel öffnete. In der Lade standen zwei Geldkoffer, deren Schlösser endlich seinen wiederholten Anstrengungen wichen und sich gleichfalls auftaten. Der eine war mit Kostbarkeiten, goldenen Ringen, Ketten, Armspangen, Perlen und Juwelen von großem Werte angefüllt; der andere mit vier Beuteln vollwichtiger Dukaten, zugeschnürt und mit Zetteln versehen, auf denen geschrieben stand: dreitausend richtig abgezählte Goldskudi. Ob solchen Anblicks hocherfreut und lüstern, nahm Fazio nur diesen Koffer und ließ den anderen mit den Kostbarkeiten stehen, weil er vielleicht fürchtete, durch so leicht wiedererkennbare Dinge sich verraten zu sehen. Er schloß dann die Truhe wieder zu, brachte alles in die Ordnung, in der es vorher gewesen war, verließ, die Schlüssel im Gürtel, den Koffer auf dem Kopfe, das Haus und ging, von niemand wahrgenommen, in seine Wohnung zurück. Es glückte ihm diese Nacht alles um so vortrefflicher, da der Regen immerfort in Strömen vom Himmel floß und der Gewittersturm ärger als jemals noch in diesem Jahre wütete.

Fazios erstes Geschäft zu Hause bestand darin, daß er den Koffer in seine Kammer stellte und sich ganz umkleidete. Stark und rüstig wie er war, bürdete er sich den Toten nachher behende auf und trug ihn in den Keller, wo er mit Hacke und Spaten in einem Winkel ein langes, vier Ellen tiefes Loch eingrub. Dahinein legte er Guglielmo mit Kleidern und Schlüsselbund und scharrte ihn wieder mit der Erde zu, die er ebnete, fest zusammentrat und mit einem im Keller liegenden Haufen Schutt und Kalk beschaufelte, so daß es schien, als könne der Fleck niemals berührt worden sein. Sobald er in seine Kammer zurückgekommen war und den Koffer geöffnet hatte, schüttete er einen der Säcke auf den Tisch aus und überzeugte sich, daß er wirklich lauter blanke, ihm die Augen fast verblendende Goldgulden enthielt. Ebenso prüfte und überschaute er den Inhalt der anderen Beutel und fand in jedem richtig dreitausend Stück Dukaten vor. Freudeberauscht band er die Beutel wieder zu und stellte sie in seiner Schreibstube in einen verschlossenen Schrank; den Koffer warf er ins Feuer und gab acht, bis er ihn gänzlich zu Asche gebrannt sah. Seine Schmelzöfen, sein Blei und seine Destilliergläser aber ließ er von ungefähr stehen und legte sich schlafen, als es eben zu regnen aufgehört hatte und zu tagen anfing.

Die durchwachte Nacht wieder einbringend, schlief er bis zur nächsten Vesper ununterbrochen fort, stand hiernach auf und ging zuvörderst auf den Marktplatz in einige Läden, um an den Orten seiner täglichen Geschäfte zu hören, ob nichts über Guglielmo verlautete. Man sprach weder diesen noch den folgenden Tag von ihm. Als Guglielmo aber auch am dritten Tage seiner gewöhnlichen Bedürfnisse wegen nicht erschien, so fingen die Leute an zu munkeln und zu glauben, da sie in seinem Hause Fenster und Türen verschlossen sahen, es möge ihm etwas zugestoßen sein. Die Freunde Guglielmos, mit denen er zuletzt zu Abend gegessen hatte, sagten bis dahin, wo er von ihnen geschieden war, die Wahrheit über ihn aus. Von der Zeit an wußte aber niemand, was er weiter getan hatte noch wo er gewesen war. Es ließen also die Gerichte aus diesem Grunde, und weil von Guglielmo gar keine Spur ersichtlich ward, in der natürlichen Befürchtung, er möge in seiner Wohnung gestorben sein, durch Beamte die Türen aufbrechen und das Haus untersuchen, in dem sich alles in der gehörigen Ordnung befand und nur der Besitzer selbst nicht zum Vorschein kam. Erstaunt über diese unerwartete Lage der Dinge, brach man in Ermangelung der Schlüssel vor Zeugen alle vorhandenen Türen, Kisten und Kasten mit Hilfe von Schlossern auf, brachte alle Kostbarkeiten und Sachen genau zu Papier und schaffte sie nebst den Büchern aus dem leer stehenbleibenden Hause in gutes Gewahrsam aufs Gericht. Zu gleicher Zeit ergingen strenge Aufforderungen, der Obrigkeit etwaige Nachricht von dem Vermißten zu geben, und man sicherte demjenigen eine große Belohnung zu, der ihn lebendig oder tot zur Stelle schaffe oder Kunde von seinem Aufenthalt erteile. Es blieb alles vergebens. Und wie nach Verlauf dreier Monate noch nichts von ihm verlautete, gerade damals aber die Genueser mit den Pisanern in Feindschaft und Fehde lebten und Guglielmos Verwandte sich deshalb nicht wegen der Erbschaft meldeten, so zogen die Gerichte sein ganzes Vermögen ein. Es verwunderte sich allerdings jedermann, daß gar nicht von vorhandenem barem Gelde die Rede gewesen war; einige glaubten, daß er damit in die Hölle gefahren, andere, daß es vergraben oder von ihm an geheimen Orten verborgen sei; viele wohl auch, die Gerichte hätten es vertuscht.

Fazio hatte sich mittlerweile ganz still verhalten und lebte, wie die Sachen so gut und immer besser gingen, munter und vergnügt. Seine Frau war schon seit lange mit den Kindern zu ihm zurückgekehrt. Er hatte ihr von jener Nacht kein Wort gesagt, und es würde sein Glück gewesen sein, hätte er es nie getan, derweil das Gegenteil schuld an seinem, seiner Frau und Kinder Verderben war. Als Guglielmos Geschichte nach und nach aufhörte besprochen zu werden, sprengte Fazio in der Stadt aus, er habe eine Anzahl Brote Silber gemacht und wolle nach Frankreich gehen, um sie zu verkaufen. Die meisten Menschen lachten ihn aus, weil er schon zweimal vorher sich vergebens abgearbeitet und Zeit, Mühe und Geld an ein Produkt weggeworfen hatte, das keinmal die Probe aushielt. Seine Freunde und Verwandten rieten ihm von seinem Vorhaben ab mit dem Bedeuten, er könne ja auch in Pisa die Probe anstellen und, schlüge es gut aus, sein Silber so gut da verkaufen wie in Paris. Im unglücklichen Falle erspare er so wenigstens die Kosten der Reise und das Ungemach. Aber es half alles nichts. Fazio war auf jeden Fall entschlossen, zu reisen und nirgend anders als in Paris die Probe anzustellen, weil er diesmal der Güte und Vortrefflichkeit seines Silbers vollkommen versichert sei. Er stellte sich darauf an, als habe er das Geld zum Reisebedarf nicht, verpfändete ein Gütchen, das er besaß, für hundert Gulden, von denen er fünfzig zur Bestreitung seiner Ausgaben nahm und fünfzig seiner Frau, zu ihrem und der Kinder Unterhalte, bis zu seiner Rückkehr ließ, und traf, unbekümmert um das Gerede der Leute, Abmachungen mit einem Ragusanischen Schiff, das im Hafen segelfertig nach Marseille lag.

Wie die Frau dies hörte, erhub sie ein großes Lärmen und Weinen und sagte zum Manne: »So läßt du mich denn allein mit zwei kleinen Kindern, du böser Mensch, und bringst auch das Wenige noch durch, was uns geblieben ist, auf daß ich mit den armen Würmern Hungers sterben soll? Verwünscht sei die Alchemie, und wer sie dir in den Kopf gesetzt hat! Wann werden wir doch einmal bessere Tage sehen, und wann kehrst du, als ein fleißiger Mann, zu deinem Handwerke zurück?«

Fazio ließ nicht ab, sie zu trösten und aufzurichten, und versprach ihr goldene Berge von seiner Wiederkunft. Sie entgegnete auf alles nur: »Wenn dein Silber gut und echt ist, so ist es hier so echt und gut, wie es in Frankreich nur sein kann, und du verkaufst es überall wie dort. Aber ich weiß wohl, du gehst, weil du nicht wiederkehren willst. Und wenn die fünfzig Dukaten, die du mir läßt, alle sind, so bleibt mir armem Weibe nichts übrig, als mit den Kinderchen betteln zu gehen.«

Die betrübte Frau hörte Tag und Nacht nicht auf zu weinen und zu jammern, worüber denn Fazio, der sie liebte wie seinen Augapfel, ja wie sein Leben teuer hielt, so gerührt und mitleidig ward, daß er sie eines Tages nach Tische allein mit in seine Kammer nahm und, um sie zu trösten und zu ermutigen, ihr genau vom Anfang an erzählte, was ihm mit Guglielmo geschehen war. Darauf nahm er sie bei der Hand und führte sie in seine Schreibstube, wo er sie die mit Gold angefüllten Beutel sehen ließ.

Es läßt sich nicht mit Worten beschreiben, nicht mit Gedanken ermessen, in wie freudiges Erstaunen die Frau über das geriet, was sie hörte und sah. Tausendmal umarmte und küßte sie, aus überströmendem Entzücken, den geliebten Mann, der ihr mit umständlichen Worten dartat, wie notwendig es sei, über diese Dinge zu schweigen, und ihr fernerhin auseinandersetzte, was er im Sinne habe zu tun, und wie ruhig und glückselig ihr Leben nach seiner Wiederkunft sein werde. Der Frau gefiel alles über die Maßen, und sie gab ihrem Manne gern die Erlaubnis, so bald als möglich abzureisen, damit er nur desto eher wieder bei ihr sei. Fazio ordnete mit seiner Pippa alles an, ließ des andern Tages einen starken Kasten mit festem Doppelschloß machen, tat zuunterst drei seiner Goldsäcke, indem er für alle möglichen Fälle den vierten seiner Frau zur Aufbewahrung einhändigte, legte zwölf bis vierzehn aus einer Mischung von Blei, Zinn, Quecksilber und anderen Materien gemachte Brote darauf und ließ die wohlverwahrte Kiste zu Schiffe bringen, gegen den Willen seines Schwiegervaters, seiner Verwandten und Freunde, ja, anscheinend seiner Gattin auch, die ihm mit verstellten Tränen nachging. Ganz Pisa lachte und spottete über den Törichten, und manche, die ihn vorher als schlau und erfinderisch gekannt hatten, glaubten nicht anders, als daß er, wie schon so viele, übergeschnappt und zugrunde gegangen sei über die vermaledeite Alchemie.

Die Pippa blieb vor den Leuten schwerbetrübt daheim, besorgte ihre Wirtschaft und erzog ihre Kinder. Das Schiff aber spannte mit günstigem Winde seine Segel auf, fuhr von dannen und langte zu guter Zeit in Marseille an, wo Fazio, nachdem er eines Nachts zuvor alle seine alchemischen Brote in die See geworfen hatte, mit seinem Kasten landete. Er reiste mit Mauleseltreibern sofort weiter nach Lyon, trug einige Tage nach seiner Ankunft seine Beutel in eine der ersten Banken dieser Stadt und nahm dafür zwei Wechselbriefe auf Pisa, einen an die Firma Lanfranchi, den andern auf das Haus der Gualandi ausgestellt. Dann schrieb er einen Brief an seine zurückgebliebene Frau, worin er sie benachrichtigte, er habe sein Silber gut verkauft und werde bald als reicher Mann wieder in Pisa sein. Verwandte und Freunde, die die wohlunterrichtete Pippa diesen Brief lesen ließ, glaubten freilich von seinem Inhalte nichts und erwarteten geradezu das Gegenteil. Fazio selbst verließ aber wirklich nach einiger Zeit Lyon wieder, reiste nach Marseille, bestieg ein mit Getreide beladenes Biskayisches Schiff und fuhr mit ihm nach Livorno, von wo er vollends zu Lande nach Pisa ging. Dort angekommen, eilte er zuerst zu seiner Frau und zu seinen Kindern, küßte und umhalste vor Freude und Fröhlichkeit jeden, der ihm auf der Straße begegnete, und sagte, er sei mit Gottes Hilfe reich zurückgekehrt, indem sich sein Silber bei jeder Probe gut und echt erwiesen habe. Dann begab er sich mit seinen Wechselbriefen nach den Banken der Gualandi und Lanfranchi und erhielt neuntausend Dukaten dafür ausgezahlt, die er zum Erstaunen und zur Freude seiner Verwandten und Bekannten nach Hause tragen ließ, während ihn alles liebkoste und ihm schöntat und seine Fähigkeiten unerhört pries.

Fazio, der sich nunmehr der reichste unter seinesgleichen sah und bei ganz Pisa festen Glauben fand, daß sein Reichtum aus der Alchemie entstanden sei, dachte daran, ihn geltend zu machen und zu vertun. Er löste zuvörderst sein Gütchen ein, kaufte ein sehr schönes Haus, dem seinigen gegenüber, sowie vier der fettesten Meiereien, die es in der Grafschaft gab, nahm ferner für zweitausend Skudi Schuldverschreibungen des römischen Stuhls und lieh zweitausend in einen Tuchladen, auf zehn vom hundert Zinsen, so daß er sich wie ein Fürst befand. Als er in das neue große Haus gezogen war, hatte er zwei Mägde und zwei Bediente angenommen, hielt zwei Reitpferde, eines für sich, das andre für seine Frau, und kleidete seine Kinder anständig und reich. Die Pippa aber, ungewohnt solcher Wohlhabenheit und Fülle, ward übermütig und setzte sich vor, eine ihr bekannte alte Frau mit deren Tochter, einem wunderschönen Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren, zu sich ins Haus zu nehmen. Sie brachte es dahin, daß Fazio einwilligte, weil sie ihm vorschwatzte, wie sehr sie des Mädchens zum Kochen und zum Nähen von Hemden und Hauben bedürftig sei, und lebte allerdings, nach Erfüllung dieses Wunsches zufriedengestellt, mit Mann und Kindern in Eintracht und Glück.

Ein neidisches Schicksal aber, aller Zufriedenheit, aller irdischen Freuden Feind, wandelte die Fröhlichkeit dieses Hauses in Schmerz, alle Süße in Bitterkeit, jedes Lächeln in Tränen um. Fazio verliebte sich heftig in Maddalenen, die Tochter der alten Frau, und indem er jede günstige Gelegenheit wahrnahm, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, bestach er endlich die bettelarme Frau mit Geld und guten Worten, und sie gab ihm das Mädchen preis. Derweil er nun den verbotenen Umgang ohne Wissen seiner Frau trieb, wuchs seine Leidenschaft von Tag zu Tage, und obwohl er das Versprechen abgegeben hatte, das Mädchen bald mit guter Aussteuer zu verheiraten, so leistete er doch nimmermehr auf sie Verzicht und blieb in Maddalenens Besitz, da er von Zeit zu Zeit einige Gulden spendete. Sie beherrschten sich aber beide nicht so sehr, daß die Pippa nicht hätte merken sollen, was zwischen ihnen einverstanden war. Sie hatte anfänglich deswegen mit dem Manne Ungelegenheiten und Verdruß, geriet härter mit der Alten und dem Mädchen in Streit und schickte eines Tages nach der Mahlzeit, als Fazio eben ausgegangen war, unter schmählichen Lästerungen beide mit Sack und Pack fort. Fazio, der einen gewaltigen Aufstand machte, besuchte das Mädchen nun in ihrem Hause, verwilderte immer mehr in seinen zügellosen Begierden und lebte in stetem Kriege mit seinem Weibe, das Tag und Nacht nicht vor Eifersucht und Zorn ruhte. Ja, es gedieh so weit, daß vor ihrem Geschrei und Keifen kein Bleibens mehr in dem Hause war und Fazio, nachdem er gescholten, getröstet und öfter noch gedroht hatte, und als gar nichts half, ihrem Wüten freien Lauf gab und aufs Land ging, wohin er Maddalenen und ihre Mutter kommen ließ, mit denen er fern von seiner ihm beschwerlichen Frau sich belustigte. Die Pippa ward darüber so trostlos und mißvergnügt, daß sie unaufhörlich weinte, wehklagte und seufzte über den ungetreuen Mann, die ehrvergeßne Alte und das verhaßte Geschöpf.

Ein Monat verging, und Fazio war weder zurückgekehrt, noch hatte er das geringste Zeichen von sich gegeben, daß er willens sei, es je zu tun. Dagegen brachte er die Zeit mit seiner Geliebten unverhehlt in Freuden und übermäßigem Genüsse zu, wovon die sichere Kunde die Pippa so außer sich vor Schmerz und Erbitterung setzte und so plötzlich zu übermenschlichem Zorne gegen die beiden Weiber und Fazio entflammte, daß sie, ohne den Schaden zu bedenken, der daraus erfolgen könne, verzweiflungsvoll ihren Mann anzuklagen beschloß: er habe seinen Reichtum nicht aus der Alchemie erlangt, sondern alles dessen, was er vorgeblich in Frankreich für verkauftes Silber gelöst, den Guglielmo Grimaldi beraubt. Auf diese Art meinte sie, die verhaßten Weiber zugleich mit dem undankbaren Mann zu züchtigen. Und ohne eines anderen Gedankens mächtig zu sein, von Minute zu Minute zu größerer Wut sich entzündend, kleidete sie sich an und ging in der Raserei gegen Abend allein zu einem der Gerechtigkeitspflege obliegenden hohen Beamten. Sie teilte ihm die ganze Geschichte ihres Mannes mit, wie sie ihr selbst von ihm erzählt worden war, und forderte ihn auf, hinzusenden und an der Stelle, die sie genau bezeichnete, im Keller des alten Hauses nachsehen zu lassen, wo Guglielmo begraben sei.

Der Ratsherr ließ vorerst die Frau in Gewahrsam bringen, weil er der Meinung war, ihre Aussage könne so gut wahr als unwahr sein, und schickte dann ohne Aufsehen in das Haus, wo Guglielmos toter Leichnam, nach der Pippa Angabe, richtig gefunden ward. In derselben Nacht begaben sich die Diener des Bargello auf das Land zu Fazio, den sie im Bett bei seiner Geliebten überraschten, trotz seines Wütens festnahmen und noch vor Tage nach Pisa in den Kerker schleppten, in dem er düster und in sich gekehrt bis zum Morgen blieb. Im Verhöre bekannte er anfänglich nichts. Als man ihm aber seine Frau gegenüberstellte, schrie er bei ihrem Anblick laut auf und sagte: »Wohlan denn, es sei!« Und zu ihr gewandt: »Meine allzugroße Liebe zu dir hat mich hierher geführt.«

Er erzählte den Richtern die ganze Sache, wie sie wirklich vorgegangen war. Allein sie setzten ihm hart mit Drohungen zu und sagten, sie wären fest überzeugt, er habe den Guglielmo böslicherweise verwundet und gemordet, um ihn seines bisher genutzten Geldes zu berauben. Grausamerweise ward er dann auf die Folter gespannt und so lange gemartert und gequält, bis er zuletzt, um sich der unerträglichen Schmerzen zu entledigen, alles, was man ihm aufbürdete, eingestand. Die Richter sprachen ihm das Urteil, er solle des andern Morgens durch die Straßen der Stadt geführt, enthauptet und gevierteilt werden, sein ganzes Vermögen aber falle dem Staat anheim.

Guglielmo ward aus dem Kerker heraufgeschafft und zum Erstaunen von jedermann, der es mit ansah, in geweihter Erde begraben. Die Landgüter des Verurteilten nahmen die Gerichte ohne weiteren Verzug in Besitz und jagten alles daraus fort, so daß auch Maddalena und ihre Mutter arm und trostlos nach Pisa in ihr Häuschen zurückkehren mußten. Die Pippa wandelte nach ihrer Freilassung wieder ihrem Hause zu, in dem sie glaubte, nach wie vor als Gebieterin schalten und walten zu können. Aber sie täuschte sich; denn von den Schergen auf die Gasse geworfen, fand sie Mägde, Bediente und Kinder vor, suchte, auf den Tod betrübt, mit ihnen in ihrem öden kleinen Hause Schutz und bereute weinend und jammernd ihren Irrtum nun zu spät. Die Kunde von allen diesen Ereignissen kam in der Zwischenzeit in Pisa herum, die Leute entsetzten sich drob und verurteilten die ruchlose Schlauheit des Alchemisten nicht minder als die Undankbarkeit des verräterischen Weibes. Auch ihr Vater und ihre Verwandten, die sie besuchen kamen, schalten und tadelten sie schwer und beteuerten ihr, sie werde noch mit ihren Kindern Hungers sterben, wie sie es durch ihre Greueltat und die unmenschliche Behandlung des armen Mannes verdient habe. In Tränen aufgelöst und in düstere Gedanken versunken blieb sie allein.

Am nächsten Morgen zur bestimmten Zeit ward der unselige Fazio auf einem Karren durch ganz Pisa bis auf den Markt gefahren und auf einem zu dem Ende erbauten Gerüste, indem er fortwährend sich selbst und sein gottloses Weib verwünschte, vom Henker, vor den Augen alles Volkes, gerichtet und gevierteilt, sein Körper dann aber wieder zusammengefügt und zum warnenden Beispiel aller bösen Menschen am Galgen aufgespannt.

Von Schmerz, so sehr man es sein kann, nach Empfang der furchtbaren Botschaft zerrissen, durch ihre eigne blinde Wut und Eifersucht ihres Mannes und ihrer Güter beraubt, schickte die Pippa sich an, für die begangene Sünde sich selbst Buße aufzuerlegen. Ihres Bewußtseins nicht mehr mächtig, nahm sie, als sie mit sich über das, was sie tun wollte, einig war, zur Mittagsstunde, in der die größte Menschenmenge sich verlaufen hatte, ihre kleinen Kinder, eines an jede Hand, und trat, häufige Tränen vergießend, den Weg nach dem Markte an. Wer ihr begegnete und sie kannte, rief ihr zwar Verwünschungen und Scheltworte nach, ließ sie aber weiterziehen. Auf dem Markt unten am Gerüste standen nur wenige Menschen. Kannten einige von ihnen die Unglückliche, so machten sie ihr, nicht wissend, was sie vorhatte, Platz. Sie stieg, immerdar schluchzend, mit den Kinderchen die schauderhafte Leiter empor, und wie sie ihren toten Gatten umarmen wollte und zu beklagen schien, ward sie von den Umstehenden hart geschmäht: »Das abscheuliche Weib weint nun über das, was sie selber gewollt und angestiftet hat!« Sie aber zerfleischte sich mit den Nägeln das Gesicht, zerraufte sich das Haar, bedeckte das Antlitz des Toten mit Küssen und Tränen und ließ die zarten Kleinen mit den Worten niederknieen: »Umarmt und küßt euren unglücklichen Vater zum letzten Male!« Wie nun die Kleinen schluchzten und alles Volk Tränen vergoß, riß die grausame Mutter ein scharf geschliffenes spitzes Messer aus dem Busen, stieß es dem einen Knaben in den Hals, wandte sich, grimmiger als eine getretene Otter, zu dem andern und wiederholte die Tat so rasch, als es die versammelte Menge kaum ersah. Dann richtete sie das bluttriefende Messer krampfhaft gegen sich selbst, zog es sich bis zum Heft durch die Gurgel und sank verscheidend rücklings auf ihre Kinder und den Leichnam ihres Gatten hin. Das unten gaffend umherstehende Volk drang aufkreischend bei diesem Anblicke hinzu und fand die beiden unglücklichen Kinderchen in den letzten Zügen, wie unschuldige Lämmer von der verzweifelten Mutter hingewürgt.

Auf der Stelle erhob sich ein gräßliches Toben und Schreien, und die Kunde vom Geschehenen drang wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Alles weinte und rannte herbei, das empörende Trauerspiel zu sehen, wie Vater und Mutter mit zwei so schönen blonden Söhnchen, mit schmählichen Wunden, blutbesudelt und tot kreuzweise übereinander lagen. Der Tränen und Wehklagen gab es in der Stadt so überflüssig viel, daß es schien, als müsse das Ende der Welt bevorstehen. Zumal beklagte das Volk den Tod der beiden unschuldigen Brüderchen, die ohne Sünde oder irgendein Vergehen, zu grausam mit dem Blute ihres Vaters und ihrer entarteten Mutter gefärbt, auf dem Boden ruhten, gleichsam als schliefen sie. Aus der geöffneten zarten Kehle entträufte ihr warmes rotes Blut und erregte in den Busen der Zuschauenden solch Mitleiden und Weh, daß einer, der seine Zähren oder sein Schluchzen hätte zurückhalten können, vielmehr müßte Stein oder Eisen, als ein menschlicher Körper gewesen sein. Denn der grausame wilde Anblick hätte wohl in der toten Natur selbst den Laut des Mitleidens erweckt.

Einige Freunde und Verwandte Fazios und der Pippa ließen die irdischen Hüllen von Mann und Weib, mit Erlaubnis der Obrigkeit, auf eine Bahre legen und, weil sie als Verbrecher gestorben waren, nicht an geweihter Stätte, sondern der Mauer entlang beerdigen. Aber die Leichen der beiden Brüderchen wurden zum unaussprechlichen Schmerz aller Pisaner in Santa Caterina beigesetzt.

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