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Italienische Novellen

: Italienische Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorVerschiedene Autoren
titleItalienische Novellen
publisherVerlag Lambert Schneider
volumeZweiter Band
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid1bbb2f6a
created20070513
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(Die einzelnen Novellen in Klammern beigefügten Angaben weisen auf Bearbeitungen des gleichen Stoffes in anderen Literaturen hin)

Matteo Bandello

1480-1561

Die blonde Ginevra

Nachdem wir heute eine gute Zeit von dem letzten Krieg gesprochen und viele Kriegslisten erzählt haben, durch die sowohl die Feinde als die Unsrigen den Sieg zu gewinnen strebten, auch der unglückliche Tod jenes braven, ehrenfesten und angesehenen Greises, des Nestors unseres Heeres, Grafen von Collisano, erwähnt worden ist, der uns alle stets von neuem betrübt, befehlt Ihr mir nunmehr, mein gnädiger Herr, durch eine anmutige Erzählung die Gesellschaft wieder aufzuheitern, da fast allen diese traurige Erinnerung die Tränen in die Augen gelockt hat. Und da ich weiß, daß ich mich bei Euch nicht entschuldigen darf noch kann, will ich Eurem Befehle gehorchen und somit eine Novelle erzählen; ob sie Euch aber wird aufheitern können, das muß ich darauf ankommen lassen. Jedenfalls hoffe ich, wird, was ich Euch biete, durch die Abwechslung Euch unterhalten können.

In Spanien also, in der Nähe der Pyrenäen, lebte auf ihrem Schlosse die Witwe eines Ritters aus sehr vornehmem Geschlechte aus dieser Gegend, die von ihm nur eine einzige sehr schöne und reizende Tochter hatte und bei sich mit vieler Sorgfalt erzog. Das Kind wurde von jedermann die blonde Ginevra genannt, weil sie so lichtes Haar hatte, daß es blanken, glänzenden Goldfäden glich. Vielleicht eine halbe Tagereise von dem Orte, wo die blonde Ginevra wohnte, lag die Burg eines jungen Ritters, der auch vaterlos war und nach dem Willen seiner Mutter lange Zeit in Barcelona verweilt hatte, um dort zu studieren und zugleich gute, feine Sitten und eine adelige Erziehung sich anzueignen. Er war nicht allein höflich und anmutig geworden, sondern hatte sich neben den Wissenschaften auch dem Waffenwesen so ergeben, daß ihm von den ritterlichen Jünglingen in Barcelona nur wenige darin gleichkamen. Als nun die Barceloner zu Ehren des Königs Philipp von Österreich, der durch Frankreich nach Katalonien zog, um seine Königreiche in Spanien in Besitz zu nehmen, ein Turnier anstellten und zu dem Ende einige junge Männer auswählten, war einer der hauptsächlichsten unter ihnen Don Diego, von dem wir reden. Er bat daher seine Mutter, ihn mit dem, was für das Turnier vonnöten sei, zu versehen, damit er, wie es sich ziemte, anständig bei dieser Festlichkeit sich zeigen könne. Die Mutter, die eine verständige Frau war und ihren Sohn wie ihren Augapfel liebte, sendete ihm Geld die Fülle und stattliche Diener, mit dem Bedeuten, nichts zu sparen, was die Ehre dieses Festes fordere. Er versah sich also mit Waffen und mit Pferden zur Genüge und übte sich unter Leitung eines geschickten Fechtmeisters täglich ein.

Der König Philipp kam und wurde von den Barcelonern ehrenvoll empfangen, ja alles, was in den Kräften der Stadt lag, dazu aufgeboten, denn er war der Eidam Ferdinands, des katholischen Königs, der seinerzeit wegen des Todes der Königin Isabella nach dem Königreich Neapel gefahren war, und als dieser katholische König starb, erbte Philipp von Österreich das Ganze. Das Lanzenstechen fand statt, und es kämpften dabei lauter edle Jünglinge mit, die noch nie zuvor Waffen getragen hatten. Es fiel sehr schön aus, und Don Diego trug den Preis davon. Als der König Philipp nun den neunzehnjährigen Jüngling sah, machte er ihn zum Ritter, lobte ihn sehr in Gegenwart der ganzen Stadt und ermahnte ihn, standhaft immer höher zu streben.

Als der König Philipp nach Kastilien abgereist war, ordnete Don Diego seine Angelegenheiten in Barcelona, und da er nach so langer Zeit seine Mutter wieder einmal zu sehen wünschte, verließ er die Stadt und begab sich auf seine Besitzungen. Seine Mutter nahm ihn dort liebevoll auf, und er brachte seine Tage auf der Hirsch- und Eberjagd zu, von welchem Wilde es einen Überfluß in jener Gegend gab. Manchmal aber verstieg er sich wohl auch in das Gebirge und erlegte einen Bären. Da geschah es eines Tags, daß er, seinen Hunden folgend, die die Spur einiger Rehkälber ausgewittert hatten, in dem Dickicht ein Rudel Hirsche antraf, von denen einer heraussprang und vor ihm vorbeilief. Sobald er den Hirsch sah, gab er die Spur der Rehkälber auf, um auf ihn Jagd zu machen, befahl einigen der Seinen, ihm zu folgen, und setzte dem edeln Tiere mit verhängtem Zügel nach. Vier berittene Jäger aus seinem Gefolge sprengten zwar hinter ihrem Gebieter her, aber ihre Eile dauerte nicht lange, da der Ritter einen vortrefflichen spanischen Renner ritt, weshalb sie ihn bald aus dem Gesichte verloren; Don Diego aber, der dem behenden Laufe des Hirsches folgte, entfernte sich immer weiter und weiter von den Seinen. Er mochte schon eine gute Strecke zurückgelegt haben, als es ihm nach einer Weile deuchte, sein Roß verliere den Atem und der Hirsch entfliehe dagegen immer schneller, weshalb er sehr unwillig wurde. Der Hirsch kam ihm aus dem Gesichte, und weil er keinen der Seinigen mehr um sich sah, setzte er sein Hifthorn an den Mund und fing an, stark dareinzublasen, um den Seinigen ein Zeichen zu geben, wo er sei. Die Entfernung zwischen ihm und den Jägern war jedoch so groß, daß er von ihnen nicht mehr gehört werden konnte. Als er nun von keiner Seite eine Antwort vernahm, fing er an, Schritt für Schritt zurückzureiten, verfehlte aber den Weg, da er dieser Gegend des Waldes unkundig war.

Indem er nun nach Hause zu kommen meinte, näherte er sich dem Schlosse der blonden Ginevra, die mit ihrer Mutter und ihren Lehensleuten an diesem Tage auf die Hasenjagd ausgezogen war und auf den Ritter zukam. Als dieser das Jagdgeschrei des Gefolges der blonden Ginevra hörte, nahm er seinen Weg darauf zu; je näher er kam, desto deutlicher war der Lärm; doch wollte es ihm scheinen, als wären es nicht die Seinigen, und so wußte er nicht, was er tun sollte. Der Abend dämmerte schon herein, die sinkende Sonne warf längere Schatten, und wie Don Diego erkannte, daß sein Pferd sich kaum noch aufrechtzuerhalten imstande war, eilte er, um nicht die Nacht allein unter freiem Himmel zubringen zu müssen, so gut er konnte, dem Lärme nach. Noch ein Stück Wegs vorwärtsgekommen, erblickte er mit einem Male in der Entfernung einer kleinen halben Stunde ein sehr schönes Schloß vor sich; in seiner Nähe aber bemerkte er eine Schar Männer und Frauen, die in demselben Augenblicke einen Hasen getötet hatten. Als die Dame, die Don Diego für die Herrin des Schlosses hielt, des Ritters ansichtig wurde und an seiner Kleidung und an seinem Pferde seinen vornehmen Stand erkannte und bemerkte, daß der Ritter, von Müdigkeit überwältigt, nicht mehr weiter konnte, schickte sie einen ihrer Leute an ihn ab, um zu erforschen, wer es sei. Als sie es erfahren hatte, ging sie ihm entgegen, empfing ihn sehr höflich und bezeugte ihre Freude darüber, ihn zu sehen, sowohl wegen des guten Rufs, den sie von ihm und seiner Tapferkeit vernommen, als auch aus Rücksicht auf seine Mutter, mit der sie wegen der nachbarlichen Verhältnisse gute Freundschaft hielt. Da es schon Abend war, lud man Don Diego ein, die Nacht auf der Burg zuzubringen, und schickte alsbald jemand an seine Mutter ab, damit diese, wenn sie ihn heute nacht nicht nach Hause kommen sehe, sich nicht beunruhige. Don Diego küßte Mutter und Tochter die Hand, dankte ihnen sehr für ihre Höflichkeit und nahm ihre Einladung an. Darauf machten sie sich miteinander auf den Weg nach dem Schlosse der Frauen, nachdem man Don Diego ein frisches Pferd gegeben hatte; den spanischen Renner, der ganz außer Atem war, ließ er ruhig nebenher gehen. Unterwegs führten sie verschiedene Gespräche, und als Don Diego, ein sehr schöner, reizender Jüngling, dabei einmal die Augen aufschlug, begegnete er den Blicken der blonden Ginevra, die fest auf ihm ruhten. Dieser wechselseitige Blick war so gewaltig und zündend, daß Don Diego zu ihr und sie zu ihm in heftiger Liebe entbrannten und einander sich zu eigen gaben.

Der glühende Liebhaber betrachtete nunmehr die schöne Jungfrau, die zwischen sechzehn und siebzehn Jahre alt sein konnte und gewandt einen mit Samt bedeckten Zelter ritt. Sie trug auf ihrem Haupte einen zierlichen Hut mit Federbusch, wodurch ein Teil ihrer Haare bedeckt ward; die übrigen wallten zu beiden Seiten des Gesichts in krausen Locken herab und schienen dem Beschauer zu sagen: Hier hat Amor mit den drei Grazien seinen Sitz aufgeschlagen, und sonst nirgends. In ihren Ohren hingen zwei der feinsten Juwelen, in deren jedem man eine kostbare morgenländische Perle beobachtete. Darunter entdeckte man eine breite, hohe Stirn in den richtigsten Verhältnissen, auf deren Mitte ein sehr feiner, in Gold gefaßter Diamant funkelte, gerade wie man oft am heitern Himmel holde Sterne strahlen sieht. Die wie Ebenholz schwarzen strahlenden Augenbrauen, umspannt von den kleinsten kurzen Haaren, dehnten sich in angemessener Entfernung über den beiden schönen Augen aus, deren Anblick jeden Beschauer so sehr entzündete, daß er sich ganz in loderndem Feuer stehen fühlte, und den, der sie fest ansah, so blendete, wie wenn einer fest in die glühende Sonne sehen will, wenn sie im Juni mitten am unbedeckten Himmel flammt. Mit diesen Blicken konnte sie jeden töten und, wenn sie wollte, wieder vom Tode erwecken. Die feine Nase, dem übrigen liebreizenden Gesicht angemessen gebildet, teilte gleichmäßig die rosigen Wangen, die, mit lebhaftem Weiß und sittsamem Rot besprengt, in der Tat zwei Rosenäpfel zu sein schienen. Das kleine Mündchen hatte zwei Lippen, die zwei glänzenden feinen Korallen glichen. Wenn sie nun sprach oder lächelte, enthüllten sich dazwischen zwei Schnüre morgenländischer Perlen, aus welchen man eine so holde Harmonie mit so anmutiger Rede hervordringen hörte, daß die rohesten und wildesten Herzen dadurch weich und angenehm geworden wären. Was soll ich aber von der Schönheit des anmutigen Kinns sagen, von dem elfenbeinweißen Hals, von den marmornen Schultern und dem alabasternen Busen, wo sie unter einem ganz feinen Schleier zwei zarte, feste, runde Brüstchen barg? Ihr jungfräulicher Busen war noch nicht hoch gewölbt, aber zeigte in aller Sittsamkeit die dem zarten Alter des Mädchens angemessenen Reize. Das übrige der schlanken und ebenmäßigen Gestalt durfte nicht minder schön sein, wie man leicht schließen konnte, da man nirgends einen Fehler bemerkte. Ich schweige von den schlanken Armen mit den wunderschönen Händen, deren Länge, Weiße und Weichheit man sah, wenn sie die duftenden Handschuhe abzog. Auch machte sie es nicht, wie manche Mädchen, die, indem sie sich sittsam aufführen wollen, traurig und schwermütig erscheinen. Vielmehr zeigte sie sich immer mit einem gemäßigt heitern Gesicht, wohlwollend, höflich und bescheiden. Den geraden weißen Hals umgab ein Goldkettchen von der feinsten Arbeit, welches, vorn auf den Busen herabhängend, in den engen Pfad herabfiel, der die Elfenbeinhügel trennte. Das Kleid war von weißem Zendel, durchweg kunstreich aufgeschlitzt, so daß ein reicher Goldstoff darunter hervorleuchtete.

Während sie nun also gegen die Burg ritten, machte sich Don Diego nach Landessitte an die rechte Seite der blonden Ginevra, führte sie am Zügel und sprach mit ihr über dies und das. Der Ritter war ein nicht minder schöner Jüngling, als sie ein schönes Mädchen. Als sie in der Wohnung angekommen waren, forderte die Mutter der blonden Ginevra den Ritter auf, ein wenig der Ruhe zu pflegen, und ließ ihn in ein reich geschmücktes Zimmer führen, wo er die Stiefel auszog. Er hatte zwar kein großes Bedürfnis zu ruhen; doch um der Hausfrau nicht zu widersprechen, nahm er die Jagdkleider ab und zog andere reiche Gewänder an, die sie ihm bringen ließ. Immer dachte er dabei an die himmlischen Reize der Jungfrau, die ihm eine Schönheit deuchte, wie er noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Auf der andern Seite konnte auch die blonde Ginevra nicht umhin, während er mit einigen Dienern der Dame auf seinem Zimmer sich befand, das Bildnis des Ritters im Sinne zu behalten, der ihr in der kurzen Bekanntschaft schon als der schönste, artigste und mannhafteste Jüngling erschienen war, den sie je gesehen hatte. Auch fühlte sie im Gedanken an ihn eine wunderbare, noch nie gekannte Wonne. Ohne es zu merken, fühlte sie sich am Ende heftig in ihn verliebt; und er, der gleicherweise an sie dachte und bald dies, bald jenes an ihr bewunderte, sog unvermerkt das Liebesgift ein und kam zu dem Schlüsse, daß, während er einen Hirsch habe umbringen wollen, er selbst von der schönen Jungfrau mit dem Pfeile der Liebe tödlich getroffen worden sei.

Nachdem Don Diegos Diener ihn lange gesucht hatten, ohne eine Spur von ihm zu finden, gingen sie nach Hause in der Meinung, er werde auf einem andern Wege nach dem Schlosse zurückgekehrt sein. Als sie nun bis auf eine halbe Meile zum Schlosse gekommen waren, trafen sie auf den Boten, den man an Don Diegos Mutter abgesandt hatte, um sie zu benachrichtigen, daß sie ihn heute abend nicht erwarten dürfe. Und weil es schon etwa die zweite Nachtstunde war, wollte die Mutter, welche wohl wußte, daß ihr Sohn in einer guten Herberge versorgt sei, in dieser Nacht nicht, daß noch jemand hingehe.

Die beiden neu Verliebten hatten noch nicht allzulange ihren Gedanken aneinander nachgehangen, als das Abendessen fertig war, das in einem Saale aufgetragen wurde. Der Ritter wurde dahin geführt, Mutter und Tochter empfingen ihn artig und höflich und unterhielten ihn mit anmutigen Gesprächen. Man brachte Wasser, womit sich auf die Aufforderung der Hausfrau alle drei die Hände wuschen, und Don Diego mußte wider seinen Willen oben an der Tafel seinen Platz einnehmen. Die Hausfrau setzte sich ihm zur Rechten, die blonde Ginevra zur Linken, und die andern Tischgenossen nahmen nebeneinander der Reihe nach Platz. Das Abendessen bestand aus vielen verschiedenartigen, sehr schmackhaften Speisen; doch aßen die beiden Liebenden wenig davon. Die Dame hatte die köstlichsten Weine heraufholen lassen, wiewohl sie und ihre Tochter keinen Wein tranken. Es ergab sich jedoch, daß auch Don Diego niemals Wein genossen hatte, da er von Kindheit auf so gewöhnt war, so daß sie alle drei Wasser tranken. Wäre ich dabeigewesen, so hätte ich es mit den andern gehalten, welche Wein tranken. Denn meine Meinung ist die, daß alle Speisen der Welt, wenn man keinen Wein dabei hat, geschmacklos sind; und je besser der Wein, desto besser schmecken gewiß auch die Speisen.

Die nichts weniger als schweigsame Edelfrau wußte den Ritter, den sie vielfach zum Essen nötigte, bald von diesem, bald von jenem zu unterhalten; und da auch die blonde Ginevra Anteil an dem Gespräche nahm, kam man immer weiter, und der Ritter fühlte sich wie im Paradiese. Was er sagte, ermangelte auch nicht des Beifalls der Damen, und solchergestalt wurde unter Gesprächen und einem ausgesuchten Mahle die Zeit des Abendessens heiter hingebracht. Nach dem Essen, bis die Schlafenszeit herankam, sprach der Ritter noch viel mit seiner Geliebten, wagte aber niemals ihr seine glühende Liebe zu entdecken, sagte ihr indes im allgemeinen, er sei ihr Diener und wünsche, daß sie ihm befehle, da er dies als eine große Gunstbezeigung betrachten würde. Das Mädchen wurde hierüber bald blaß, bald rot und dankte dem Ritter bescheiden für seinen Antrag; und wenn sie auch aus seinen Gebärden und Worten zu erkennen glaubte, daß er sie mehr als gewöhnlich liebe, so gab sie sich doch den Anschein, als ob sie es nicht merke, um ihn in Zukunft desto besser ergründen zu können.

Als es nun Schlafenszeit geworden war, wünschten sie sich nach der allgemeinen Sitte gute Nacht, und alle legten sich zu Bette. Wie aber die beiden neuen Liebenden geschlafen haben mögen, kann sich jeder leicht vorstellen, der sich je in einem ähnlichen Labyrinthe befunden. Sie schliefen nicht und brachten die ganze Nacht in Gedanken hin, zwischen Furcht und Hoffnung, bald sich Vorwürfe machend, bald sich ermunternd, das Unternehmen zu verfolgen. Die blonde Ginevra meinte, in dem Benehmen des Ritters ein gewisses Etwas wahrgenommen zu haben, was ihr als Zeichen und Pfand seiner Liebe galt und sie versicherte, daß sie ihrerseits nicht vergebens lieben würde. Mit diesen Gedanken unterstützte und hegte sie den schon begonnenen Liebesbrand. Don Diego fand in seinem Sinne die Jungfrau liebenswürdig, verständig und so reizend und schön, als er sich nur vorstellen mochte, und fühlte sich überall glühen; kurz, er war genötigt sie zu lieben, wenn er auch nicht wollte. Doch schien ihm, obgleich er sich ihr einigermaßen enthüllt hatte, daß er in ihr keine entsprechende Gesinnung, wie er gewünscht, gefunden habe, und er war deshalb über seine Liebe im Zweifel. Er tröstete sich jedoch damit, daß sie noch sehr jung sei, und daß in der Regel die jungen Mädchen sehr sittsam sein müssen und dem Gerede junger Männer nicht so leicht Glauben schenken dürfen; dabei hoffte er durch treue Dienste sie schon noch zu gewinnen. Dies waren die Gedanken der beiden neu Verliebten in dieser Nacht.

Sobald es wieder Tag geworden war, kamen Don Diegos Diener, um ihn nach Hause zu begleiten. Die Edelfrau, die bereits aufgestanden war, hatte aber angeordnet, daß beizeiten ein anständiges Mittagsmahl bereitet werde, weil sie nicht wollte, daß der Ritter schon des Morgens scheide. Er ließ sich gerne bereden, da er nur immer die blonde Ginevra hätte sehen mögen. Als sie diesen Morgen aufstand, kleidete sie sich, um ihrem Geliebten Freude zu machen, sehr reich und zierlich, so daß alles an ihr zu lachen schien. Sie beschaute sich wieder und wieder im Spiegel und ging auch mit ihrem Mädchen zu Rat, damit gar nichts Tadelnswertes an ihr bliebe. So trat sie aus ihrem Gemach und ging in einen Garten, wo ihre Mutter im Gespräche mit dem Ritter auf und ab ging. Sobald er sie sah, grüßte er sie ehrerbietig und betrachtete sie genau. Wenn sie ihm nun den Tag zuvor äußerst schön vorgekommen war, so schien ihm heute die größte Schönheit, die man an einem Weibe verlangen könne und die je Dichter ersonnen, in ihr verwirklicht, so daß er seine Augen gar nicht von ihr losmachen konnte. Auch ihr schien es, der Ritter sei doch der schönste und anmutigste Jüngling, den man finden könne. So weideten sich ihre liebenden Augen an diesem holden Anblick.

Nach dem Essen, als die Pferde Don Diegos in Ordnung waren, sagte er der Gebieterin des Schlosses den größten Dank, den er wußte und konnte, küßte ihr die Hände und bot sich ihr immer zu bereitwilligsten Diensten an. Dann wandte er sich zu der blonden Ginevra, küßte ihr demütig die Hände und wollte ihr mancherlei sagen; aber vor übergroßer Liebe wußte er kein Wort hervorzubringen und vermochte ebensowenig ihre zarte Hand loszulassen. Dies war der Jungfrau ein sicheres Zeichen, daß der Ritter sie innig liebe. Sie war darüber sehr vergnügt und sagte mit fast zitternder Stimme: »Herr Don Diego, ich bin ganz die Eure.«

Darauf nahm er, so gut er konnte, von allen Abschied, stieg mit den Seinigen zu Pferde und kehrte zu seiner Mutter zurück, der er von der freundlichen Aufnahme und der großen Ehre erzählte, die ihm erwiesen worden war. Zwischen den beiden Witwen bestand ein altes Freundschaftsverhältnis; so daß sie sich oft zu besuchen und beieinander zu speisen pflegten. Als Don Diego dies von seiner Mutter erfuhr, beschloß er, ein Fest zu veranstalten und auch die blonde Ginevra nebst ihrer Mutter einzuladen, und so geschah es. Das Fest war sehr schön und unterhaltend; es war Musik vorbereitet und angesehene und schöne Frauen eingeladen. Der Ritter tanzte mit der blonden Ginevra einige Tänze, wurde nach und nach vertrauter mit ihr und fing nun an, mit schicklichen Worten ihr seine Liebe und die Pein, die ihm diese Leidenschaft verursache, zu enthüllen. Sie wollte zwar einige Zeit spröde mit ihm tun, aber sie vermochte es nicht; woraus denn der Ritter leicht merkte, daß sie nicht weniger für ihn empfinde. Nach dem Tanze wurden einige Spiele gespielt, und der Ritter versäumte nichts, was die Gesellschaft vergnügen und die blonde Ginevra und ihre Mutter ehren konnte. Indem nun die zwei Liebenden die Flammen zu dämpfen strebten, von denen beide glühten, fachten sie sie nur noch mehr an, und eines sog vom andern durch den Anblick das Liebesgift ein.

Da also der junge Ritter diesen Umgang fortsetzte und seine Geliebte auch oft im Hause besuchte und sie in sein Haus einlud, merkten die beiden Mütter ihre Liebe und mißbilligten dieses Verhältnis auch gar nicht; denn die Mutter des Ritters hätte die blonde Ginevra gerne zur Schwiegertochter angenommen und die andere Witwe Don Diego nicht minder gern zum Eidam erhalten. Wie es aber häufig zu geschehen pflegt, daß gewisse Rücksichten, die die Menschen nehmen, tausend schöne Pläne vereiteln, so wollte keine von den beiden Freundinnen die erste sein, die diese Angelegenheit zur Sprache brächte. In der Nähe dieser Burgen lag die Wohnung eines reichen, mit Don Diego sehr befreundeten Ritters. Mehrmals stand Don Diego auf dem Punkte, ihm diese Liebe zu offenbaren und ihn um Rat anzugehen; und doch hielt er sich immer wieder zurück, indem er fürchtete, seine Geliebte zu beleidigen. Die Vertraulichkeit zwischen den beiden Liebenden war nun so weit gediehen, daß Don Diego fast täglich auf das Schloß der Frau kam, dort drei bis vier Stunden sich unterhielt, oft noch zu Nacht speiste und dann nach Hause zurückkam, so daß jedermann diese ihre Liebe merkte. Beide Verliebte wünschten nichts sehnlicher, als sich durch das Band der Ehe vereinigt zu sehen; aber die blonde Ginevra wagte nicht, ihrer Mutter ihr Verlangen zu offenbaren, und ebenso sagte der Ritter nichts zu seiner Mutter. Die Mütter dachten auch, die beiden seien noch jung genug, und es sei noch lange Zeit, sie zu vermählen; deswegen sagten sie auch weiter nichts und freuten sich über diesen Umgang.

Während die Sachen so standen, begab es sich, daß ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines Landedelmannes, die häufig in das Schloß der blonden Ginevra kam, sich heftig in Don Diego verliebte und sich die größte Mühe gab, seine Gegenliebe zu erringen. Der Ritter aber, dessen Sinn allein auf die blonde Ginevra gerichtet war, kümmerte sich ganz und gar nicht darum, was sie tat. Da brachte diese Isabella einst einen vortrefflichen Sperber in ihren Besitz und sendete ihn, wohl wissend, wie großes Gefallen Don Diego an derlei Raubvögeln fand, dem Ritter zum Geschenke. Der Ritter dachte an weiter nichts und nahm ihn an, gab dem Überbringer ein Paar Strümpfe zum Geschenk und ließ der Jungfrau unter tausend Danksagungen dafür seine Gegendienste entbieten. Es war gerade an der Zeit, Rebhühner zu jagen; der Vogel erwies sich als einer der zu diesem Gebrauch am besten abgerichteten, und so ist nicht zu verwundern, daß Don Diego ihn äußerst lieb gewann. Er hatte der blonden Ginevra schon zweimal Rebhühner zugesandt, und wie er zu ihr zum Besuche kam, führte er den Sperber auf der Faust mit sich, sprach von seiner Vortrefflichkeit und sagte, er habe ihn so lieb wie seinen Augapfel. Es ist schon angedeutet worden, daß jedermann sich der Liebe der beiden versah. Als man nun eines Tags im Hause der blonden Ginevra in ihrer Gegenwart von Don Diego sprach und er von allen als tugendhafter vollkommener Ritter gelobt wurde, sagte ein Herr Graziano, es sei wahr, daß Don Diego ein tugendhafter junger Mann sei, aber er komme ihm vor wie der Esel des Töpfers, der an jede Tür seinen Kopf stößt. Die blonde Ginevra wunderte sich über diesen Vergleich und bat ihn, sich deutlicher zu erklären. Dieser, der sich sehr viel auf seine Weisheit einbildete, sagte: »Fräulein, die Töpfer, wenn sie Töpfe, Schüsseln und anderes irdenes Geschirr verkaufen gehen, reiten auf einem Esel durch die Straßen und halten an jeder Tür. Geradeso macht es der Ritter Don Diego. Er fängt Liebschaften an mit allen Mädchen, die er sieht, und so ist er jetzt glühend verliebt in die Tochter des Herrn Ferrando von la Serra; von der hat er einen Sperber bekommen, den er höher hält als sein Leben.«

Ich weiß nicht, ob jener törichte Mensch aus eigenem Antrieb oder auf fremde Veranlassung diese Worte sprach. So viel aber ist gewiß, daß sie großes Unheil stifteten, wie ihr hören werdet. Die blonde Ginevra hatte sie nämlich kaum angehört, so entfernte sie sich und zog sich in ihr Zimmer zurück, wo ein solcher Zorn und eine solche Eifersucht über sie kam, daß sie fast verzweifelt wäre. Ja, sie erbitterte sich nach und nach dergestalt, daß ihre vorher so große Liebe zu Don Diego sich in den bittersten Haß verwandelte, der sie nicht entfernt daran denken ließ, daß jener aus Neid oder Bosheit so gesprochen haben könne. Kurze Zeit nach jenem Ereignis kam der Ritter seiner Gewohnheit gemäß zum Besuche zu seiner oder vielmehr nicht mehr seiner blonden Ginevra, die, sobald sie hörte, daß er im Schlosse abgestiegen sei, sich in ihr Zimmer verfügte und verschloß. Der Ritter kam in den Saal, fing an mit der Mutter des erzürnten Mädchens zu sprechen, unterhielt sich mit ihr eine gute Weile und erzählte ihr die Wunder seines Sperbers, den er auf der Faust hielt. Als sich die blonde Ginevra gar nicht wie ehedem vor ihm sehen Keß, fragte er nach ihr und erhielt die Antwort, sie sei bei seiner Ankunft in ihr Zimmer gegangen. Er antwortete hierauf weiter nichts; doch als es ihm Zeit schien, verabschiedete er sich von der Witwe und ging weg. Im Hinabgehen auf der Treppe begegnete er einer Zofe des Fräuleins, zu der er sagte, sie möge in seinem Namen ihrer Gebieterin die Hände küssen. Diese Dienerin war in das Liebesverständnis beider eingeweiht, wußte aber noch nichts von dem Arger mit dem Sperber und entledigte sich ihres Auftrags an das Burgfräulein. Die blonde Ginevra hatte bereits erfahren, daß Don Diego mit dem Sperber auf der Faust gekommen sei und ihn außerordentlich gelobt habe. Da sie nun vollkommen überzeugt war, daß er mit jenem andern Mädchen eine Liebschaft habe, hielt sie sich durch dieses Betragen für verhöhnt und verspottet; sie entrüstete sich dadurch nur um so ärger über ihn und setzte sich ihre Grille so fest in den Kopf, daß nichts in der Welt imstande gewesen wäre, sie wieder daraus zu entfernen. Die Zofe trat nun in das Zimmer und richtete die Botschaft des Ritters aus.

»O du treuloser Liebhaber«, rief sie noch mehr entrüstet aus, »Verwegener, daß du, nachdem du mich verraten und um eine andere, mir keineswegs gleiche Frau verlassen hast, noch wagst, mir wieder zu nahen und zur Vergrößerung meines Hohns mir Handküsse zuzuschicken! Aber ich will dir bei Gott die Ehre widerfahren lassen, die du verdienst.«

Sie erzählte hierauf ihrer Zofe die ganze Geschichte mit dem Sperber und Don Diegos Liebschaft mit der Tochter des Herrn Ferrando. Als die Kammerfrau diese Fabel hörte und sie für durchaus wahr hinnahm, lobte sie ihre Gebieterin sehr über ihren Vorsatz und goß noch Öl ins Feuer. Eben dieses Mädchen war in einen jungen Menschen im Hause verliebt, der, ich wüßte nicht zu sagen, aus welchem Grunde, dem Don Diego höchst übelwollte, und dem dessen mutmaßliche Verbindung mit der blonden Ginevra ein Dorn im Auge war. Wie er nun von dem Unwillen des Fräuleins Kunde erhielt, sann er sich alsbald eine Lüge aus und gab gegen seine Geliebte vor, von einer glaubwürdigen Person gehört zu haben, Don Diego würde ohne die Rücksicht, die er auf seine Mutter zu nehmen hätte, das Fräulein mit dem Sperber schon geheiratet haben. Die Zofe mußte diese zweite Lüge ihrer Herrin zuflüstern, die ihr leider ein nur allzu geneigtes Ohr lieh. Und da sie entschlossen war, dieses Verhältnis zu zerreißen und Don Diegos fernere Besuche zu verhüten, so gab sie einem Edelknaben das Geheiß, nächstfolgenden Tags vor das Schloß hinaus an eine gewisse Stelle zu gehen und, wenn Don Diego komme, auf ihn zuzutreten und ihm zu sagen: »Herr Don Diego, die blonde Ginevra schickt mich zu Euch und läßt Euch sagen, Ihr möget nur dahin gehen, woher Ihr Euren so werten Sperber erhalten habt; denn hier werdet Ihr weder Rebhühner noch Wachteln mehr fangen.«

Der Edelknabe ging zur rechten Zeit an den ihm angewiesenen Ort und blieb dort stehen, bis Don Diego nach seiner Gewohnheit hinkam. Sobald ihn der Knabe erblickte, ging er ihm entgegen und sagte ihm, was seine Gebieterin ihm aufgetragen hatte. Der kluge und einsichtige Ritter verstand gut den Sinn dieser rätselhaften Worte und kehrte sehr mißvergnügt nach Hause zurück. Dort angekommen, begab er sich auf sein Zimmer und schrieb einen für die Umstände passenden Brief, nahm den Sperber, brachte ihn um und sandte ihn nebst dem Briefe durch einen Diener zu Pferde an die blonde Ginevra. Als der Diener zu ihr kam, wollte sie aber weder Brief noch Sperber annehmen und sagte nur mündlich zu dem Boten: »Guter Gesell, sage deinem Herrn, er möge mir nicht mehr vor die Augen kommen; denn ich bin nun über ihn ganz im klaren und danke Gott von ganzem Herzen, daß er mir zu rechter Zeit noch die Augen geöffnet hat über seine Treulosigkeit.«

Der Bote kehrte mit dieser heftigen Antwort zu seinem Herrn zurück und meldete ihm alles der Reihe nach. Wie sehr diese Botschaft ihn erschreckte und in Staunen versetzte, wie er jammerte über sein Unglück und sich härmte, ist nicht zu sagen. Er versuchte tausend Wege, um sie aufzuklären und ihr zu wissen zu tun, daß sie von bösen Zungen betrogen worden sei; aber alles war umsonst. Sie wollte sich durchaus nicht besänftigen lassen und den gerechten Entschuldigungen ihres aufrichtigen Liebhabers kein Ohr verleihen. Ihre vorgefaßte irrige Meinung hatte schon so tiefe Wurzeln in ihr Herz geschlagen, daß sie sie nicht mehr ausrotten konnte. Daher wollte sie auch weder Briefe noch Botschaften mehr von ihm annehmen.

Als sich der unglückliche Liebhaber ohne seine Schuld so behandelt sah und einen so großen Kummer nicht ertragen konnte, auch weder Mittel noch Wege wußte, seine Flamme zu löschen, die immer weiter zu greifen schien, verfiel er in eine Schwermut, die ihm fast tödlich wurde. Die Krankheit des Ritters war leicht zu beurteilen, da er von seiner Gewohnheit, das Fräulein zu besuchen, ganz abgelassen hatte. Die beiden Witwen lachten darüber und meinten, es sei nur ein kindischer Zwist. Nachdem aber Don Diego die Überzeugung gewonnen, daß er alle Mittel und Wege, die ihn zu einem Ziele führen konnten, umsonst versucht habe, ward er des Lebens überdrüssig. Doch wollte er sich nicht selbst umbringen und beschloß daher, einen andern Weg zu versuchen, nämlich von der Ursache seines Kummers sich zu entfernen und einige Zeit in der Welt umherzuschweifen, in der Hoffnung, dieser herbe Schmerz werde sich mit der Zeit lindern. In diesem grausamen Vorsatz wählte er von seinen Sachen aus, was ihm mitzunehmen nötig schien, und unter anderem ließ er Einsiedlerkleider machen für sich und einen Begleiter, den er überallhin mitzunehmen beabsichtigte. Damit schrieb er einen Brief, den er einem seiner Diener mit den Worten gab: »Ich entferne mich von hier in gewissen Angelegenheiten und will nicht, daß meine Mutter oder irgendwer erfahre, wohin ich gehe. Wenn ich fort bin und meine Frau Mutter fragt nach mir, so sagst du, du wissest nicht, wo ich sei; ich hätte aber gesagt, ich käme in drei Wochen zurück. Wenn ich dann vier Tage fort bin, nicht früher, trägst du diesen Brief, den ich dir hier gebe, zu der blonden Ginevra, und wenn sie ihn nicht annehmen will, so übergibst du ihn ihrer Mutter. Hüte dich aber, so lieb dir dein Leben ist, von diesem Befehle in irgend etwas abzuweichen!«

Der Diener antwortete, er solle ruhig sein, er werde alles genau nach seiner Anordnung besorgen. Als dies geschehen war, rief Don Diego einen andern vertrauten Diener zu sich, der ein rechtschaffener und welterfahrener Mann war; diesem eröffnete er sein ganzes Herz mit seinem Plane. Der redliche Mann tadelte diesen unvernünftigen Vorsatz heftig und bemühte sich mit triftigen Gründen, ihm diese Tollheit auszureden; aber es half alles nichts, denn sein Entschluß stand fest. Als der treue und ihm herzlich ergebene Diener dies bemerkte, dachte er bei sich, es sei noch das geringere Übel, wenn er mitgehe; mit der Zeit könne er ihm schon diese Grille aus dem Kopfe treiben und, wenn er bei ihm bleibe, ihn von andren, noch schlimmeren Dingen abhalten. Er sagte also, er werde mitgehen und ihn nie verlassen. Als sie nun eins geworden waren, trafen sie die nötigen Anordnungen; in der folgenden Nacht stiegen beide zu Pferde, Don Diego auf seinen trefflichen spanischen Klepper, der wundervoll trabte, und der Diener auf einen rüstigen Gaul, der auch das Felleisen tragen mußte.

Es war etwa drei Uhr nach Sonnenuntergang, als sie abreisten. Sie ritten die Nacht durch rüstig fort, und als es anfing zu tagen, schlugen sie, um von niemandem gesehen zu werden, unbetretene Nebenwege ein, auf denen sie bis zum Mittag weiter drangen. Es war im Monat September und nicht sehr warm. Der Ritter hielt dafür, nunmehr eine gute Strecke von seiner Wohnung entfernt zu sein und den Pferden eine Erholung gönnen zu können. Er kehrte daher in ein von allen Straßen abgelegenes Bauerngehöft ein und kaufte dort, was für sie und ihre Pferde nötig war; sie aßen und ließen die Pferde etwa drei Stunden ausruhen, was sie sehr bedurften. Sodann stiegen sie wieder auf und setzten drei Tage auf gleiche Weise ihre Wanderschaft fort, bis sie an den Fuß eines hohen Berges kamen, der viele Meilen von der Landstraße entfernt lag. Die Gegend war wild und öde, mit mannigfaltigen Bäumen bewachsen und mit Kaninchen und Hasen und anderem kleinen Wild bevölkert. Es lag hier eine für viele Menschen geräumige Höhle, bei der ein frischer, klarer Quell aus dem Boden rieselte. Als der Ritter diesen Ort sah, der ihm unendlich wohlgefiel, sagte er zu dem Diener: »Bruder, hier soll mein Aufenthalt sein, solange mir dieses kurze Leben währt.«

Sie stiegen darauf beide ab, nahmen den Pferden Sattel und Zaum ab und ließen sie laufen, wohin sie wollten; auch erfuhr man nichts mehr von ihnen: denn da sie Gras abweidend sich von der Höhle entfernten, steht zu glauben, daß sie den Wölfen zur Beute wurden. Der Ritter ließ Sattel und Zaumzeug und das übrige Gepäck in der Grotte zur Seite stellen, legte seine alltäglichen Kleider ab und hüllte sich wie sein Diener in die Einsiedlergewänder, worauf sie den Eingang der Grotte dergestalt mit Ästen verrammelten, daß kein wildes Tier eindringen konnte. Die Grotte war sehr geräumig und ganz in trockenen Grund ausgehöhlt. Hier bereiteten sie sich von Buchenlaub, so gut es gehen konnte, zwei dürftige Lagerstätten und brachten auf diese Weise viele Tage zu, indem sie ihren Hunger an wilden Tieren stillten, die der Diener mittelst einer mitgebrachten Armbrust erlegte, häufig aber auch von Wurzeln, Kräutern, wildwachsenden Früchten, Eicheln und dergleichen lebten und den Durst mit Brunnenwasser stillten, was dem Ritter keine große Entbehrung war, da er keinen Wein trank. Solch ein elendes Waldleben führte Don Diego, der nichts anderes tat, als daß er die Härte und Grausamkeit seiner Dame beweinte und wie ein wildes Tier den ganzen Tag einsam durch die Bergschluchten irrte und vielleicht gerne einem Bären begegnet wäre, daß dieser ihm das Leben nehme. Der Diener ließ es sich angelegen sein, so viel er konnte, Wildbret zu erbeuten, und ermahnte seinen Herrn jederzeit, wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, diese unmenschliche Lebensweise zu verlassen und nach Hause zurückzukehren und die blonde Ginevra als eine Törin zu behandeln, was sie ja auch wirklich war, da sie ihr Glück nicht verstand und nicht verdiente, daß ein so edler und reicher Ritter sie liebte. Wenn dann die Rede auf diese Dinge kam, so mochte Don Diego doch nicht leiden, daß von ihr übel gesprochen wurde, und er gebot seinem Gefährten, von etwas anderem zu reden, indem er wieder anhub zu weinen und zu seufzen. Er verlor auf diese Weise bald seine gesunde Gesichtsfarbe und wurde täglich mehr mager und abgezehrt, so daß er einem Wilden ähnlicher sah als einem Menschen. Desgleichen hatte ihn sein aschgraues Gewand mit der Kapuze hinten, sein langgewachsener Bart, sein verworrenes Haar und seine täglich mehr einsinkenden Augen so außermaßen entstellt, daß von seinen früheren Zügen auch keine Spur übriggeblieben war.

Wie Don Diegos Mutter ihn am nächsten Morgen nicht zu Tische kommen sah, fragte sie nach ihm. Der Diener, dem der Ritter den Brief an die blonde Ginevra gegeben hatte, berichtete der Mutter, daß er mit einem einzigen Diener ausgeritten sei und hinterlassen habe, er werde binnen drei Wochen zurückkehren. Die gute Mutter beruhigte sich damit. Als die vier Tage nach des Ritters Abreise um waren, brachte der Diener der blonden Ginevra den Brief und händigte ihn ihr, die er gerade mit ihrer Mutter im Saale traf, mit der schuldigen Ehrerbietung ein. Sobald sie merkte, daß der Brief von Don Diego kam, warf sie ihn zu Boden und sagte voll Zorn und mit ganz entfärbtem Gesichte: »Ich habe ihm doch sagen lassen, daß ich von seinen Briefen und Sendungen nichts wissen will.«

Die Mutter lachte und sagte: »Das ist doch ein gewaltiger Zorn. Gib mir diesen Brief her, ich will ihn lesen!«

Einer der Dienstleute des Hauses hob den Brief auf und überreichte ihn seiner Gebieterin. Diese öffnete ihn und las folgendes: »Dieweil also, meine Gebieterin, meine Unschuld keine gute Statt in Eurem Herzen findet, wo sie sich durch Eröffnung der Wahrheit rechtfertigen möchte, und da ich aus unzweideutigen Zeichen erkennen muß, Euch nicht nur lästig zu sein, sondern auch tödlich von Euch gehaßt zu werden, es aber nicht ertragen kann, daß ich Euch in irgendeinem auch noch so unbedeutenden Stücke Anlaß zum Mißvergnügen werde, habe ich beschlossen, so weit von hier wegzugehen, daß weder Ihr noch sonst jemand jemals von mir wieder hören soll, damit Ihr, wenn ich auch noch so unglücklich bin, vergnügt leben könnt. Es ist mir sehr hart und über die Maßen qualvoll, mich von Euch verschmäht zu sehen; aber ungleich härter und qualvoller ist es mir, zu wissen, daß Ihr über mich oder über etwas, was ich tue, wenn es auch gut gemeint war, Euch erzürnt oder kränkt. Mir ist jede Strafe geringer als die, die mir Euren Unwillen zuwege bringt. Mein schwaches Leben wird nicht lange so harte Martern ertragen, wie die sind, die ich jede Stunde erdulde. Ehe es also, was bald geschehen wird, zu Ende geht, habe ich Euch in diesem meinem letzten Briefe die einfache Wahrheit meiner Angelegenheiten vorstellen wollen, nicht etwa, um Euch zu beschämen, sondern als ein Zeugnis meiner Unschuld. Denn da ich nicht in Eurer Ungnade leben will, soll wenigstens die Welt wissen, daß ich Euch, wie nur immer ein Mann eine Frau lieben kann, geliebt habe, liebe und ewig lieben werde und die feste Hoffnung habe, wenn ich tot bin, werdet Ihr, obschon zu spät, für mich Mitleid fühlen; denn Ihr werdet am Ende einsehen, daß ich nie, auch nicht in Gedanken, etwas begangen habe, was Euch vernünftigerweise betrüben könnte. Ich liebte Euch, wie Ihr wißt, nicht, um Euch Eure jungfräuliche Ehre zu rauben, sondern um Euch, wenn es Euch gefiele, zur Gemahlin zu bekommen, und dafür habe ich kein besseres Zeugnis als Euch selbst. Da Ihr nun um keiner andern Ursache willen als wegen des mir dieser Tage zum Geschenk gemachten Sperbers mir zürnt, so sage ich Euch, daß Isabella, die Tochter des Herrn Ferrando, mir den besagten Vogel zum Geschenk übersandte, und daß ich geglaubt haben würde, eine große Unhöflichkeit zu begehen, wenn ich ihn nicht angenommen hätte, weil dies unter Adeligen gebräuchliche Geschenke sind. Mit Isabella aber habe ich nie und nirgends als in Eurem Hause und in Eurer Gegenwart gesprochen. Ob sie mich auf die Weise geliebt hat, wie Ihr Euch einbildetet, weiß ich nicht, weil sie gegen mich selbst kein Wort darüber äußerte. Hätte sie dies je getan, so würde sie bald klar darüber geworden sein, daß ich nur ein Herz habe, das nicht mehr frei war, da ich schon Euch damit ein unwiderrufliches Geschenk gemacht hatte. Wenn sie nun erfährt, daß ich aus Rücksicht auf Euch ihren Sperber erwürgt und den Hunden zu fressen gegeben habe, so denke ich, wird sie versichert sein, daß ich sie nicht liebe; und daraus hättet Ihr gleichfalls meine Unschuld erkennen mögen. Nichtsdestoweniger hat der düstere dichte Schleier heftigen und ungerechten Zorns Eure Augen so sehr umfangen und geblendet, daß er Euch die Wahrheit nicht durchschauen läßt. Ich wüßte Euch kein anderes Zeugnis für meine Unschuld zu geben als mein Herz, das bei Euch weilt. Es sei darum, da es Euch so wohlgefällt! Seitdem Ihr mich haßt, kann ich nicht umhin, mich selbst zu hassen; und da ich sehe, daß Euch mein Tod angenehm ist, so werde ich sterben. Nur das allein schmerzt mich, daß, während ich schuldlos bin, Ihr schuldig werdet. Mein Tod wird nur der kurze Aushauch eines Seufzers sein; aber die Grausamkeit, die Ihr gegen mich geübt, wird Euch unablässig vor Augen schweben. Ich bitte Gott, Euch ebenso fröhlich zu machen, als Ihr mich traurig wünscht. Gott sei mit Euch!«

Die Witwe war vom höchsten Erstaunen erfüllt, als sie diesen Brief gelesen hatte. Sie schalt ihre Tochter ernstlich aus, einen so liebenswürdigen und ehrenfesten Ritter auf das Äußerste gebracht zu haben, und sagte ihr viele böse Worte. Diese aber war so erzürnt und haßte den Ritter so sehr, daß es ihr ein Genuß schien, zu vernehmen, er trage ihretwegen Leid. Die Witwe ließ sodann Don Diegos Diener wieder vor sich rufen und fragte ihn, seit wann sein Herr abgereist sei. Er sagte, es seien fünf Tage. »Wohlan denn«, sagte sie, »geh und empfiehl mich seiner Mutter!«

Sie wollte nicht, daß außer ihrer Tochter jemand den Inhalt des Briefes erfahre, und als sie mit dieser schalt, befanden sie sich allein. Don Diegos Mutter sodann, als sie nach vierzehn Tagen und drei Wochen ihren Sohn nicht heimkehren sah und noch weiter umsonst gewartet hatte, war ganz mißmutig und schickte an alle erdenklichen Orte hin, um Kunde von ihm zu erhalten; aber sie konnte nie etwas über ihn ausfindig machen. Da sie jedoch ein unbestimmtes Gerücht vernommen hatte von dem Zorne der blonden Ginevra in Beziehung auf ihren Sperber, ließ sie bei ihrer Mutter anfragen, ob sie nicht wisse, wo Don Diego sei; diese aber, um sie nicht in Verzweiflung zu bringen, verheimlichte ihr den Inhalt des Briefes an ihre Tochter. Wie schmerzlich das Leben der unglücklichen Mutter Don Diegos sein mußte, mag sich jeder vorstellen, welcher weiß, was die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn heißt, zumal, je trefflicher, wohlerzogener und an guten Sitten reicher er war. Sie weinte den ganzen Tag, schrie wie eine Rasende nach ihrem Sohne und grämte sich elendiglich. Doch starb sie nicht, denn man stirbt nicht vor Kummer, damit das ganze Leben lang die Folter nur um so größer sei.

Es waren nun bereits vierzehn bis fünfzehn Monate verflossen, seit der arme Don Diego sich von Hause entfernt hatte, um den wilden Tieren in Höhlen und Wäldern Gesellschaft zu leisten. Außer seinem Diener hatte er kein menschliches Wesen mehr gesehen, und durch die ununterbrochene rauhe Lebensweise, das bitter liehe Weinen und die innerliche Unzufriedenheit, die stündlich an ihm zehrte, war er so entstellt, daß, wenn seine eigene Mutter ihn gesehen hätte, sie ihn nicht wiedererkannt haben würde. Nun aber fühlte das Schicksal Reue über die große Schmach, die der arme Ritter unverdienterweise hatte erdulden müssen, und begann in seinem Grollen nachzulassen. Es geschah nämlich, daß jener Ritter, von dem ich früher erzählte, daß Don Diego ihn in das Geheimnis seiner Liebe habe ziehen wollen, dann aber, ich weiß nicht warum, es unterließ und ihm nichts sagte, – daß dieser aus der Gascogne heimkehrte, wo er Geschäfte halber gewesen war, und durch dieselbe öde Waldgegend kam, wo Don Diego sich häuslich niedergelassen hatte. Er verfehlte den Weg und verirrte sich zufällig an den Eingang der bewohnten Höhle. Da er dort viele Spuren menschlicher Nähe bemerkte und fast nur einen Bogenschuß davon entfernt war, glaubte er jemand hineingehen zu sehen, konnte aber nicht unterscheiden, wer es war. Es war Don Diego, der aus der Umgegend zurückkehrte, wo er sich oft, sein Mißgeschick beweinend, erging und auf das Geräusch der nahenden Pferde, das er vernahm, sich jetzt in seiner Grotte zu verbergen suchte. Der reisende Ritter, der Roderico hieß, als er dies sah und bemerkte, daß er verirrt war, sagte zu einem seiner Diener, er solle vorauseilen und zusehen, wer dort innen sei, und nach der Landstraße fragen. Der Diener ging hin und sah den Eingang der Grotte mit Pfählen verrammelt, weshalb er nicht wagte, näherzutreten, und noch weniger, nach dem Wege sich zu erkundigen, denn er fürchtete, es möchten Räuber darin sein. Er kehrte daher zu dem Herrn zurück, meldete ihm, was er gesehen hatte und was er für eine Besorgnis habe, und schwieg. Der Ritter war ein tapferer und mutvoller Mann, der überdies eine zahlreiche Begleitung bei sich hatte, und ritt daher mit seinen Begleitern auf die Höhle zu. Auf seinen Ruf, wer darin sei, sah er den Eingang öffnen und Don Diegos Diener hervorkommen, der gegen früher so entstellt war, daß er einem Wilden glich. Herr Roderico fragte ihn, wer er sei, und wie er wieder auf den rechten Weg komme, um seine Reise fortzusetzen.

»Wir sind«, antwortete der Diener, »zwei arme Gesellen, die ihr widerwärtiges Geschick hierher verschlagen hat, wo wir unsere Sünden büßen. Was für ein Land dies ist und wo Ihr einen Weg finden mögt, bin ich nicht imstande, Euch zu sagen.«

Herr Roderico bekam Lust, sich die Höhle anzusehen, stieg mit einigen seiner Begleiter ab und trat hinein. Er sah dort Don Diego auf und ab schreiten, erkannte ihn aber nicht und tat an ihn dieselbe Frage, die er zuvor an seinen Diener gerichtet hatte. Derweil er nun selbst mit dem unerkannten Don Diego sprach, hatten die, die mit ihm abgestiegen waren, in der Grotte hin und her geforscht und alles neugierig betrachtet. Sie fanden dort in einem Winkel zwei Sättel, von denen der eine reich verziert und besonders schön gearbeitet war, und einer von ihnen sprach scherzend zu Don Diegos Diener: »Vater Einsiedler, ich bemerke hier weder Pferd noch Maultier noch Esel. Es wird also besser sein, Ihr verkauft mir diese Sättel.«

»Wenn sie euch gefallen, ihr Herren«, antwortete der Einsiedler, »so nehmt sie immerhin mit euch! Ihr braucht mir nichts dafür zu bezahlen.«

Herr Roderico, der in seinem Gespräche mit Don Diego nichts weiter aus ihm herausbringen konnte, sagte nun zu den Seinigen: »Wohlan denn, wir wollen gehen und diese Einsiedler ihrem Schicksal überlassen. Vielleicht finden wir anderwärts jemand, der uns den Weg zeigt.«

Hierauf sprach einer der Seinigen zu ihm: »Herr, hier stehen zwei Sättel, deren einer reich ausgeschmückt ist und offenbar einem kostbaren Pferde angehört hat.«

Roderico ließ die Sättel vor sich bringen, und indem er den einen beschaute, traf sein Blick auf ein Sinnbild, das gar meisterlich auf den Sattelbogen gemalt war und diesen Spruch zur Inschrift hatte: Quebrantare lafe es cosa muy fea, das heißt: die Treue brechen ist ein schändlich Ding.

Sobald Roderico Sinnbild und Wahlspruch sah, erkannte er, daß dieser Sattel Don Diego gehörte; er dachte daher auch, einer der zwei Waldbrüder müsse er sein. Er maß daher einen wie den andern mit scharfem Blick, und dennoch fand er nicht die mindeste Ähnlichkeit aus, so sehr hatte das wilde Waldleben und das unablässige Weinen seine früheren Gesichtszüge entstellt. Er fragte die Einsiedler, wie sie zu den Sätteln gekommen seien. Don Diego, der den Ritter, seinen Freund, gleich zu Anfang erkannte und sehr fürchtete, von ihm erkannt zu werden, veränderte sich bei dieser Frage im ganzen Gesicht und sagte, sie hätten sie in dieser Höhle gefunden. Herr Roderico nahm die Bewegung in den Gesichtszügen des Einsiedlers wahr, betrachtete ihn noch genauer und entdeckte nun ein Muttermal, das mit sechs oder sieben goldgelben Härchen bewachsen an seinem Halse sich zeigte. Dadurch gewann er die feste Überzeugung, daß es Don Diego sei, fiel ihm um den Hals, umarmte ihn aufs zärtlichste und rief aus: »Fürwahr, Ihr seid der Herr Don Diego!«

Der andere Waldbruder, der den Herrn Roderico seinerseits wohl erkannt hatte, konnte, als er ihn weinen und seinen Herrn so liebevoll umarmen sah, der Rührung sich nicht erwehren und fing an laut zu schluchzen und zu weinen. Ebenso war Don Diego, der sich in den Armen eines seiner liebsten Freunde auf Erden fühlte, nicht imstande, zu verhindern, daß sich seine Augen wider Willen mit dem Taue seiner Tränen füllten. Er antwortete zwar immer noch nichts; aber Roderico ließ immer nicht ab, zu sagen: »Ihr seid es doch, Ihr seid mein Herr Don Diego!«

Da ließ er eine heiße Tränenflut über sein Antlitz strömen und gab also sein natürliches Gefühl kund, das er mit Worten nicht ausdrücken konnte noch wollte. Herr Roderico erwiderte ihm daher auch: »Ihr könnt Euch mir nicht länger verbergen, mein Herr! Ich kenne Euch und weiß, daß Ihr es seid.«

Am Ende wurde Don Diego auf tausend Arten genötigt, sich ihm zu eröffnen, und sagte: »Ich bin der unglückliche Don Diego, Euer aufrichtiger Freund; und dieweil Euch denn das Schicksal hier in diese Einsamkeit zu mir hergeführt hat, so beschwöre ich Euch, wieder von hinnen zu gehen und Euch damit zu begnügen, mich gesehen zu haben und mich hier die kurze Spanne Zeit, die mir noch übrig ist, verleben zu lassen, ohne jemand zu offenbaren, daß ich noch lebe, und gleichermaßen auch Euren Leuten zu befehlen, daß sie mich niemandem verraten.«

Herr Roderico antwortete ihm unter Tränen: »Mein Herr, ich danke Gott, Euch wiedergefunden zu haben, woran ich gar nicht dachte; denn Eure Mutter und alle glaubten, Ihr seid tot. Bereitet Euch nun, mit mir nach der Heimat zurückzukehren und Eure Mutter wieder aufzurichten, die Euer Verlust aufs äußerste betrübt, und sie samt Euren Freunden zu trösten!«

Es wurden viele Worte zwischen beiden gewechselt, Don Diego wollte aber nichts von einer Heimkehr wissen. Er führte Herrn Roderico abseits und erzählte ihm die ganze Geschichte seines Mißgeschicks und seiner Entschließung ausführlich. Als der wackere Roderico dieses alles hörte, wurde er fast ohnmächtig vor Mitleiden. Er gedachte augenblicklich derjenigen, der seine eigene glühende Liebe zugetan war, und erbebte vor der Vorstellung von der Möglichkeit eines ähnlichen Unglücks. Er bedauerte Don Diego deshalb innerlich so sehr, als ob es ihn selbst betroffen hätte. Entschlossen, nicht ohne ihn wieder von dannen zu gehen, bot er seine ganze Überredungskraft auf und bemühte sich, ihm eine so rauhe, ja unmenschliche Lebensart zu verleiden. Was er ihm aber auch sagen und vorstellen mochte, so bewog er ihn dennoch nicht, von seiner Einsamkeit abzulassen, und gewann ihm keine andere Antwort ab als die, daß er ohne die Gunst der blonden Ginevra nie von hier weichen würde. Als Herr Roderico sah, daß er sich vergebliche Mühe gab, bat er seinen Freund, ihm wenigstens insoweit willfährig zu sein, daß er ihm verspreche, ihn zwei Monate lang an diesem Orte zu erwarten und ein anderes Leben zu führen, weil er ihm Hoffnung machte, die blonde Ginevra wieder mit ihm auszusöhnen. Don Diego war dies zufrieden, und Herr Roderico ließ ihm sein Bett zurück, das er auf der Reise bei sich hatte. Er wollte ihn auch bereden, seine Einsiedlerkleider abzulegen und seine früheren Kleider anzuziehen, die noch in der Höhle sich befanden. Aber Don Diego weigerte sich dessen unbedingt, bevor er den Frieden wiederhabe. Roderico überließ ihm außerdem noch zwei Diener mit ihren Pferden und mit hinlänglichem Gelde, damit bis zu seiner Rückkehr immer einer von ihnen aus benachbarten Ortschaften die nötigen Lebensmittel herbeibringe. Dann trennte er sich von Don Diego unter vielen Tränen, setzte seine Reise fort und unterließ nicht, sich seinen Weg zu bezeichnen, damit er ihn wiederfinde.

Unterwegs beschäftigte er sich in Gedanken mit nichts anderem als dem Mißgeschick seines beklagenswerten Freundes und schalt die Grausamkeit der Jungfrau. Zu Hause wieder angelangt, verbot er den Seinen aufs strengste, von Don Diego irgend etwas verlauten zu lassen, und begann als Nachbar und Hausfreund der blonden Ginevra diese häufiger als zuvor zu besuchen und ihr Tun und Lassen genau zu beobachten. Indem er nun bald dies, bald jenes von ihr hörte, merkte er bald, daß sie einem im Hause erzogenen Diener ihr besonderes Vertrauen schenkte. Er machte sich daher mit diesem allmählich bekannter und verschaffte sich durch Geschenke seine Freundschaft. Es dauerte auch nicht lange, bis er alle Geheimnisse der blonden Ginevra von ihm erfuhr. Er erfuhr auf diese Weise, daß sie sich nach ihrer Entzweiung mit Don Diego in einen jungen Basken verliebt hatte, der in Biskaya ein kleines Gütchen auf dem Lande besaß und in ihrem Hause als Vorschneider diente, wiewohl er als ein großer Wortheld sehr mit seinen Reichtümern prahlte, die ihm dereinst nach dem Tode gewisser Verwandten zufallen würden. Er war gerade damals nicht im Hause anwesend, wurde aber bald zurückerwartet und hatte mit Ginevra verabredet, gleich darauf mit einer ihrer Zofen und mit jenem im Hause auferzogenen Diener sie nach Biskaya zu entführen. Als Herr Roderico dies hörte, erstaunte er sehr über diese große Torheit, die die blonde Ginevra ausüben wollte, und sprach bei sich selbst: »Was für ein undankbares Mädchen bist du doch und wie grausam gegen die lange treue Dienstbarkeit eines so edeln, reichen und tugendhaften Ritters wie Don Diego, der dich mehr als sein Leben liebt! Aber wo nur irgend meine Kräfte ausreichen, hoffe ich, sollen dir deine ungebührlichen Vorsätze nicht gelingen, und du sollst Don Diego oder keinem andern zuteil werden.«

Zu dem Diener, der ihm das Geheimnis verraten hatte, sagte er: »Das Mädchen tut in der Tat wohl daran, sich einen Mann zu nehmen; denn ihrer Mutter ist an ihrer Verheiratung, wie es scheint, nichts gelegen. Sie ist ledig und schön, hat das passende Alter und hat sich einen Edelmann ausgesucht. Wenn der nun nicht gerade so reich ist, wie er sein sollte, so hat sie doch Vermögen für beide, da sie nach dem Tode der Mutter die Erbin von allem ist.«

Nach dieser Äußerung blieb Herr Roderico des jungen Basken gewärtig, der nach drei Tagen zurückkehrte und noch zwei kräftige Basken mitbrachte, damit sie ihn begleiten sollten, wenn er die blonde Ginevra entführe. An demselben Tage, wo der Biskayer ankam, war Herr Roderico eben auf der Burg der blonden Ginevra, und als er die Rückkehr des Liebhabers bemerkte, sagte er zu dem Dienstmanne, der ihm alles anvertraute: »Ich sehe, daß der Liebhaber wieder da ist, und daß ihr nun bald fliehen werdet. Wünschest du vor eurer Abreise noch etwas von mir, so sage es! Nimm dich aber in acht, daß du deine Sachen klug anfängst, und plaudere sie nicht gegen jedermann aus! Mir kannst du alles sagen, denn von mir erfährt kein Mensch etwas wieder davon. Wann geht ihr denn fort?«

»Soviel mir mein Fräulein vor noch nicht ganz einer Stunde gesagt hat, gehen wir heute nacht um vier Uhr,« war seine Antwort.

Als der Ritter dies vernommen hatte, kehrte er nach seinem Schlosse zurück und ordnete alles an, was ihm zur Ausführung des Planes nötig schien, den er entworfen hatte. Die Nacht kam, in der die blonde Ginevra mit ihrem Liebhaber fliehen wollte, und als es vier Uhr schlug, stieg sie mit der Zofe, die in ihrem Zimmer schlief, aus einem Fenster, an dem schon Leitern bereit waren, hinab, so leise, daß kein Mensch es hörte. Sie ging durch den Garten, an dessen Pforte Pferde bereitstanden. Sie setzten sich darauf und fingen an zu reiten. Herr Roderico, welcher wußte, welchen Weg sie nehmen würden, legte sich mit einem Dutzend handfester Leute aus seinen Untertanen jenen Abend in ein etwa sechs Meilen von jeder menschlichen Wohnung entferntes Gehölz in Hinterhalt. Es war etwa zwei Stunden vor Tag, als die Flüchtigen in der Nähe des Verstecks ankamen, in dem sie der Ritter mit seiner bewaffneten Schar erwartete, die für alle Fälle aufs beste von ihm eingeschult war. Als sie vor dem Versteck anlangten, sprang Herr Roderico mit den Seinigen hervor und rief: »Ha, Verräter, Ihr seid des Todes!«

Dabei lief er mit eingelegter Lanze auf den Liebhaber los, den er, obgleich es Nacht war, wohl erkannte, und traf ihn mit der Lanze so heftig, daß sie ihm den Hals von einer Seite zur andern durchbohrte, wodurch der Unglückliche tot zu Boden sank. Sobald die andern Basken ihren Gebieter fallen sahen, gaben sie ihren Pferden die Sporen und zerstreuten sich, ohne zu wissen, wer den Jüngling erstochen hatte. Es war ihnen die Flucht sehr leicht; denn als die Begleiter des Ritters sahen, daß sie sich wider Erwarten nicht zur Wehr gesetzt hatten, nahmen sie die zwei Frauen und den Diener fest, der die Sache geoffenbart hatte, und munterten sie auf, unverzagt zu sein. Der Ritter war mit den Seinigen seltsam vermummt, um nicht so leicht erkannt zu werden. Er ließ sogleich den Toten auf sein Pferd setzen, nachdem ihm mit Tüchern die Wunde verstopft war, damit nicht noch mehr Blut herauslaufe, und so befahl er allen, weiterzureiten. Die blonde Ginevra weinte bitterlich und schrie anfänglich laut, bis einer der Bewaffneten, der einen garstigen schwarzen Bart und schielende Augen hatte und wie ein wahrer Teufel aussah, mit dem Dolch in der Hand vor sie trat und ihr mit fürchterlicher Stimme die Drohworte zurief: »Ich schwöre bei Gott, daß ich dir die Gurgel durchschneide, wenn du nicht aufhörst zu schreien! Schweig, denn du hast es besser, als du verdienst: denn es wird dein Glück befördert, und du erkennst es nicht.«

Sie ritten weiter und kamen zu einer kleinen, von der Straße abgelegenen Kirche, wo sie so schnell als möglich den Toten begruben und dann weiterritten. Es war die vierte oder fünfte Tagesstunde, als sie in einem Gehölz in der Nähe einer Stadt haltmachten; sie schickten in dieselbe, um Lebensmittel für sich und ihre Pferde zu holen, und erfrischten sich. Die blonde Ginevra weinte fortwährend und aß wenig oder nichts, konnte aber nie erkennen, wer ihre Führer waren. In der Nacht herbergten sie in einsam stehenden Häusern und erlaubten niemand, mit ihr oder ihrer Zofe, ja auch nur mit ihrem Diener zu reden. Als sie nun in einer Nacht in einer kleinen Stadt abgestiegen waren, die von der Höhle, worin Don Diego hauste, etwa sieben Meilen entfernt war, schickte Herr Roderico einen der Seinen an Don Diego und ließ ihm melden, was vorgefallen war, und daß er vor dem Mittagessen mit seinem Gefolge dort eintreffen werde. Es waren etwa fünfzig Tage, seit Herr Roderico den unglücklichen Liebhaber in einiger Hoffnung, die Gunst seiner Geliebten wiederzugewinnen, verlassen hatte. Unterdessen hatte er ziemlich gut gelebt, mehr als sonst heiterer Geselligkeit gepflogen und dadurch großenteils seine natürliche Farbe wiedererlangt, so daß seine Schönheit und Lebensfrische fast wiederhergestellt war. Als er nun von dem Abgesandten seines Freundes erfahren hatte, wie es bisher gegangen war, stand er eine gute Weile in starrem Erstaunen und fast außer sich da. Bei dem Gedanken, daß er nun in einer Stunde diejenige sehen werde, die er so sehr liebte, fühlte er sein Blut sich erwärmen, sein Herz höher schlagen, einen kalten Schweiß alle seine Glieder überziehen und tausend andere Bangigkeiten, so daß er gar nicht wußte, wo er bleiben, noch was er tun sollte.

Unterdessen näherte sich Herr Roderico der Höhle, trat zu der blonden Ginevra, vor der er sich noch immer verborgen gehalten hatte, und sprach zu ihr, die noch immer über den Tod ihres Geliebten und das Unglück, in das sie geraten, weinte: »Ich weiß, daß Ihr höchlich erstaunen werdet, mich hier zu sehen, und Ihr werdet mich schwer beschuldigen, daß ich, nachdem ich immer ein Freund Eures Hauses gewesen und nie von Euch eine Beleidigung empfangen, Euch auf offener Straße gefangengenommen habe und jetzt in diese öde Wildnis führe. Sobald Euch aber der Beweggrund meines Verfahrens bekannt sein wird, zweifle ich keineswegs, daß Ihr der Vernunft ihr Recht einräumen und mich loben müßt. Und da wir nun dem Ziele unserer Reise nahe sind, so erkläre ich Euch hiermit, daß ich Euch nicht hierhergebracht habe, um Euch Eure Jungfrauschaft zu rauben, – Ihr wißt ja, daß ich für eine andere glühe, – sondern um Euch Eure Ehre und Euren guten Ruf wieder zu verschaffen, den Ihr leichtsinnigerweise durchaus zu beflecken getrachtet habt. Ich habe für einen andern das getan, was ich wünsche, daß man in ähnlichem Falle für mich tun möge. Herr Don Diego (um Euch nicht länger in Ungewißheit zu lassen), den Ihr einst so sehr geliebt habt und der Euch immer so treu geliebt hat und noch liebt, ja anbetet, und der, um nicht den Ausbruch Eures Unwillens länger zu erdulden, sich wie ein Verzweifelter in eine Höhle eingeschlossen hat, um wie ein Wilder zu leben und aller Hoffnung, je wieder in der Welt zu erscheinen, entsagte, – er ist es, zu dem ich Euch führe und begleite.«

Er erzählte ihr ferner, wie er bei seiner Rückkehr aus der Gascogne ihn in der einsamen Höhle gefunden, und alles, was er mit ihm verabredet, und bat sie sodann, die Tränen zu trocknen, den Zorn zu hemmen, zu welchem kein Grund vorlag, und Don Diego wieder in ihre alte Gunst aufzunehmen. Das verzweifelte Mädchen war bei diesen Worten so verwundert und außer sich, daß sie fast kein Wort hervorbrachte. Über den Tod ihres neuen Liebhabers war sie aber so sehr in Zorn und Schmerz, daß, wenn sie Herrn Roderico die Augen hätte auskratzen können, sie gern ihre Hände dazu geliehen hätte; und als sie den nennen hörte, den sie so bitterlich haßte, verdoppelte sich ihr Unbehagen, so daß sie vor Wut über ihn fast platzte. Sie sagte daher, zu dem Ritter gewandt, voll Zorn: »Ich weiß nicht, wie es möglich ist, daß ich eine so schwere Beleidigung, wie Ihr sie mir treuloserweise zugefügt habt, Euch vergebe. Glaubt nicht, daß ich als ein schwaches Weib nur mit eiteln Worten drohe! Das wäre hier nicht am Platze. Aber ich will mir es tief ins Herz verschließen, und wenn sich mir je Gelegenheit bietet, auf irgendeine Weise dafür Rache zu nehmen, so will ich Euch erkennen lassen, daß Ihr als Mörder und nicht als Ritter gehandelt habt. Jetzt nur so viel: Ihr habt Euch nicht weiter um meine Angelegenheiten zu bekümmern, als ich es selbst tue. Ich bin frei und kann für mich tun, was mir wohlgefällt. Laßt mich also mit meinen Leuten gehen, wohin ich mag, und macht Euch meinetwegen gar keine unnötigen Sorgen! Bekümmert Euch um Eure Dinge, und Ihr tut wohl. Denn mich dahin zu führen, wo Don Diego ist, das steht wohl in Eurer Gewalt, solange Ihr mich auf diese Weise gefangenhaltet; nimmermehr aber könnt Ihr es dahin bringen, daß ich freiwillig bei ihm bleibe, noch daß ich ihn liebe. Eher würde ich mir irgendwie einen Tod antun als zugeben, daß er mich genieße. Ihr tut daher nur, was sich gehört, wenn Ihr mich mit diesem meinem Mädchen und meinem Diener gehen laßt, wohin ich mag.«

Der Ritter gab sich viele Mühe, sie durch Gründe zur Erkenntnis dessen zu führen, was ihr Bestes sei, aber alles umsonst. Alle seine Vorstellungen scheiterten an ihrer Hartnäckigkeit und an ihrem Zorne. Unter solchen Gesprächen waren sie bei der Höhle angelangt, wo Don Diego nicht sobald seine grausame Gebieterin vom Pferde steigen sah, als er sich ihr demütig zu Füßen warf und sie mit einem Strome von Tränen anflehte, ihm zu verzeihen, wenn er sie jemals beleidigt habe. Sie war aber ganz voll Gift und weiblicher Galle, wandte daher ihr Gesicht anderwärts und würdigte ihn nicht eines Blickes oder Wortes. Als Don Diego dies sah, erhob er sich auf seine Kniee und sprach nach tausend Bitten und heißen Tränen also: »Da meine aufrichtigsten Beteuerungen Euch, meine Gebieterin, nicht von meiner Reinheit überzeugen können, und da ich ohne Eure Gewogenheit nicht ferner leben könnte, so verweigert mir wenigstens das nicht, was ich als letzte Gunst von Euch erbitte, wofern noch ein Funken von Menschlichkeit und adeliger Gesinnung in Euch ist: ich bitte nämlich, mit eigenen Händen die Rache an mir zu nehmen, nach der Ihr zumeist verlangt. Es wird mir zur höchsten Befriedigung gereichen, wenn ich sehe, daß Euer Zorn sich mit meinem Blute stillt. Und ganz gewiß wäre es für mich unendlich besser, Euch sterbend genugzutun, als in Eurer Ungnade fortzuleben, weil ich in dem Bewußtsein, daß mein Leben Euch mißfällig, mein Tod aber angenehm ist, mich sonst gedrungen fühlen müßte, mich um Euretwillen selbst zu töten. Dann könnte ich doch sagen, ich habe Euch einmal befriedigt.«

Die Jungfrau stand regungsloser als eine Klippe im Meere da und würdigte den fußfällig Bittenden keines einzigen Wortes der Erwiderung. Als nun Herr Roderico dies sah, sagte er höchlich entrüstet über solche Grausamkeit voll gerechten Zornes und begründeten Unwillens zu dem Mädchen mit heftiger Gebärde: »Ich sehe wohl, daß ich wider meinen Willen mich ferner in die Sache mischen muß. Höre mich also, Ginevra, und bedenke wohl, was ich dir sage! Entweder du verzeihst dem Ritter, der dich nie beleidigt hat, und schenkst ihm deine Gunst wieder, die er auf tausendfache Weise verdient hat, – oder du gewärtigst, daß ich gegen dich und die Deinen grausam werde und dich wohl oder übel zwinge, das zu tun, was du längst aus freien Stücken hättest tun sollen. Bei Gott, es gab noch niemals ein so undankbares und grausames Weib wie du! Kannst du in der Tat glauben, daß, wenn er, wie du meinst, um dich zu verhöhnen, den vermaledeiten Sperber zum Geschenk angenommen und des Herrn Ferrando Tochter mehr als dich geliebt hätte, er den Vogel getötet und sich in diese Einöde zurückgezogen haben würde, um wie die wilden Tiere in einer unwirtbaren Höhle zu leben? Wer hätte ihn wohl gehindert, jenes Mädchen zur Frau zu nehmen und mit ihr fröhlich und guter Dinge zuleben, wenn er es gewollt hätte? Vielleicht wäre es für dich richtig, wenn er, wie du es verdienst, dich verachtete, dich den Wölfen zum Futter ließe und sich eine andere Geliebte suchte, wo du dann mit Recht Ursache zur Klage hättest. Mit allem Rechte könnte er, wenn ihn nicht seine allzu große Liebe zu dir über die Wahrheit verblendete, Klage über dich anstellen und sich bitter beschweren. Ja, er dürfte dich als eine grausame, tödliche Feindin hassen und vollkommen verachten, wenn er bedächte, wie er von dir ohne Ursache schnöde verlassen wurde. Und wenn du dir nur noch einen Jüngling ausgewählt hättest, der so reich, schön, tugendhaft und edel wie er gewesen wäre! Aber, o einzige Wahl, die du unter so vielen Edelleuten in unserem Lande getroffen hast! An einen niedrigeren als du hattest du dich gehängt, indem du einen baskischen Prahlhans liebtest, der die Wahrheit niemals anders als aus Versehen sprach! Ich glaube, er entführte dich nach Biskaya, um dich seine Ziegen hüten zulassen; denn man weiß ja wohl, was er besaß, und wenn er hätte zu Hause bleiben und sich nur einen Knaben zur Bedienung halten müssen, so hätte er nicht für sechs Monate zu leben gehabt. Du magst aber vielleicht sagen wollen: »Ich bin reich und habe Vermögen genug, um meinem Stande gemäß mit Ehren auszukommen.« Erinnere dich indessen nur, daß deine Mutter noch eine rüstige Frau ist, die noch lange leben kann, und die, solange sie lebt, über ihr Besitztum zu gebieten hat! Hättest du dich dem elenden Basken vermählt, sie würde dich nimmer haben wiedersehen wollen, und ich weiß nicht, wie du mittlerweile hättest leben können. Du würdest gewiß die Toten beneidet haben. So viel weiß ich, wenn Don Diego sich von mir raten ließe, so würde die Sache viel besser gehen, und du würdest gewiß nicht so leicht jemand antreffen, der dich zur Frau begehrte; denn wenn man erführe, daß du einem Basken, einem Diener deines Hauses, nachgelaufen bist, wer müßte nicht dafür halten, daß du auch seine Buhldirne gewesen? Die Menschen sind viel geneigter, das Böse zu glauben, als das Gute. Da es denn nun aber Don Diego so haben will, so mag er seiner Neigung folgen und dich gegen alles Verdienst achten und lieben! Und du beachte deshalb, was ich dir gesagt habe: lege jetzt deine Halsstarrigkeit und unerbittliche Strenge ab und geh in dich, damit dir nicht am Ende dennoch widerfahre, was dir gar nicht wünschenswert sein möchte! Denn du darfst dich für versichert halten, daß ich dieses Unternehmen nicht begonnen habe, um es unvollendet zu lassen! Ich stelle also Wasser und Feuer vor dich hin, und du kannst von beidem nehmen, was dir zusagt.«

Das Mädchen war nunmehr nur um so härter und unbeugsamer und entgegnete dem Herrn Roderico mit stolzem, zürnendem Gesicht, nicht mehr wie ein zartes und schüchternes Mädchen, sondern wie ein mit den Schlägen eines widerwärtigen Schicksals vertrautes Weib, folgendermaßen laut: »Ritter, du hast gesprochen, wie es dir gefällig war. Ob es recht oder unrecht war, darüber will ich jetzt nicht mit dir streiten; aber du sollst wissen, daß ich eher auf das härteste Leiden gefaßt als willens bin, diesen treulosen Verräter je wieder zu lieben. Und wenn du mir den Tod gibst, wie du drohst, so werde ich ihn mit Freuden empfangen, um in ihm mit meinem unglücklichen Liebhaber und Gatten wieder vereinigt zu werden, den du grausamerweise gemordet hast. Ja, fang du es an, wie du immer willst, – du wirst mich immer standhafter finden: denn weder du noch die ganze Welt würde mich dazu bewegen, diesen Mann jemals wieder zu lieben.«

Diese herbe Antwort der gereizten Jungfrau erschütterte den Herrn Roderico dermaßen, daß er, in der Einbildung, vor seiner eigenen Dame zu stehen und von ihr dergleichen zürnende Worte zu vernehmen, von übergroßem Schmerze beinahe des Bewußtseins beraubt wurde. Er mußte sich zur Erde niedersetzen, wo er lange Zeit mit seiner Schwäche und Erschöpfung kämpfte, ohne imstande zu sein, ein Wort hervorzubringen. Unterdessen warfen die Zofe und der Diener des Mädchens, welche fürchteten, Herr Roderico möchte seiner Drohung gemäß seinen Zorn gegen sie wenden, sich ihrer Gebieterin zu Füßen und baten sie unter Tränen, den ehrsamen Forderungen Herrn Rodericos Gehör zu leihen und sich mit Don Diego auszusöhnen. Aber sie predigten tauben Ohren. Als der weinende Don Diego die höchst grausame Antwort seiner Gebieterin vernommen hatte, sank er halbtot zu Boden; der Genosse seiner Einsamkeit lief auf ihn zu, nahm ihn in den Arm und rieb ihn, wie man in solchen Fällen zu tun pflegt. Die andern Anwesenden umstanden die blonde Ginevra und sagten ihr, was ihnen irgend in den Sinn kommen wollte, um sie zu besänftigen, wiewohl sie gegen alle Vorstellungen so unbeweglich wie ein harter Fels im Meere blieb.

Herr Roderico hatte inzwischen wieder etwas Atem geschöpft und still bei sich erwogen, was zu tun sei. Unfähig, seinen Freund länger in einem Zustande so tiefer Betrübnis und schmerzlicher Qual zu sehen, sagte er zu der blonden Ginevra fortwährend weinend: »Ich komme von meinem Erstaunen über dich noch immer nicht zurück und vermag nicht zu begreifen, wie in der Brust einer so zarten Jungfrau eine so wilde Gesinnung wohnen kann. Es war mir eben jetzt, als stünde ich vor meiner eigenen Geliebten und vernähme von ihr eine ebenso unfreundliche Antwort wie von dir; worüber mir denn zumute wurde, als ob mir jemand mit einem spitzen Messer das Herz durchstieße und noch gegenwärtig meinen Leib mit scharfen Jagdspießen verwundete. Wie ich nun an meinem eingebildeten Schmerze die wirkliche überschwengliche Qual ermessen kann, die diesem unglückseligen Don Diego von dir fortwährend bereitet wird, ohne zu begreifen, warum sie ihn noch nicht getötet hat, so habe ich beschlossen, dich alles Ärgernisses zu entledigen und ihn vermöge eines kurzen Schmerzes seiner vielen Leiden um deinetwillen zu entheben, in der Hoffnung, daß er mit der Zeit erkennen werde, es sei zu seinem Besten geschehen, und daß mich alle Welt darum preisen muß.«

Nach diesen Worten wandte er sich zu seinen Leuten und sprach: »Führt das unmenschliche Weib hier nebenan in eine andere Grotte und gebt ihr den verdienten Tod! Damit aber unsere Tat verborgen bleibe, ermordet auch diese ihre Zofe und den Diener! Dann brauchen wir keinen weiteren Verrat zu befürchten.«

Bei diesem grausamen Befehle stieß das entsetzte Mädchen einen lauten Schrei aus, und die arme Zofe und der Diener riefen weinend um Gnade. Herrn Rodericos Diener schickten sich bereits an, dem Willen ihres Gebieters Folge zu leisten, als die blonde Ginevra ohne Tränen sprach: »Ihr guten Leute, ich bitte euch, gebt mir allein den Tod und schonet die Meinigen! Warum, Roderico, willst du auch die verderben, die dich nie beleidigt haben?«

In diesem Augenblick hatte Don Diego sich wieder völlig gefunden. Er winkte allen, zu bleiben, und sprach zu Roderico: »Mein Herr, wenn ich tausend Jahre zu leben hätte, so würde ich dennoch nicht die Verpflichtungen ablösen können, die du mir auferlegt hast, weil es bei weitem all mein Vermögen übersteigt. Da ich nun weiß, wie sehr Ihr mich liebt, so ersuche ich Euch, mir eine Gnade zu erzeigen, womit Ihr, wenn es möglich ist, mich noch mehr verbinden würdet. Ihr habt mit Eurem Wohlwollen bereits weit mehr für mich getan, als ich selbst getan haben würde. Tut mir daher den Gefallen, diese meine Gebieterin in ihre Wohnung zurückzubringen und ihr das Geleite zu geben, wie wenn sie Eure Schwester wäre! Denn wiewohl es mir ein schwerer Kummer ist, mich von ihr verschmäht zu sehen, die ich mehr als mein Leben liebe, so ist es mir doch eine weit unerträglichere Last, sie meinethalben betrübt zu wissen. Ich will also meine Leiden nicht noch durch ihre Qual erhöhen. Sie gehe, wohin es ihr gefällt! Ich werde meine wenigen Lebenstage vollends in dieser wilden Höhle endigen und zufrieden sein, wenn ich nur ihren Kummer gestillt weiß.« Bewundernswürdig sind doch die Kräfte der Liebe, wie sie sie gebrauchen will, und oftmals werden die unmöglich scheinenden Dinge durch sie leicht und ausführbar. Der Jungfrau, die alle Dienstbarkeit und alles Elend, worin sie ihren Geliebten sah, und der Tod, der ihr vor Augen schwebte, nicht imstande gewesen war zu beugen, öffneten jetzt Don Diegos letzte Worte die Augen und brachen ihre starre Härte. Sie erkannte die echte Treue und Beständigkeit ihres Geliebten, warf sich ihm an den Hals und blieb so bitterlich weinend eine gute Weile, ohne eines Wortes mächtig zu werden. Dann küßte sie ihn und bat ihn um Verzeihung. Wie hocherfreut Don Diego darüber sein mußte, kann sich jeder vorstellen, der liebt und jemals einen ähnlichen Kummer erduldete. Sie waren allesamt von der größten Freude erfüllt. Im Einverständnis mit Don Diego und dem Fräulein schickte Herr Roderico einen seiner Vertrauten an die beiden Mütter ab, denen er bekannt war, und ließ ihnen sagen, was er beabsichtige. Darauf speisten sie miteinander zu Mittag, stiegen nach der Mahlzeit zu Pferde und kamen nach vier Tagen auf dem Schlosse des Herrn Roderico an. Sobald die beiden Mütter die guten Nachrichten von ihren Kindern und deren Absichten vernommen hatten, erklärten sie öffentlich, Don Diego und die blonde Ginevra seien in gegenseitigem Einverständnisse abgereist und hätten sich auf einem Schlosse des Herrn Roderico vermählt. Zu gleicher Zeit trafen sie Veranstaltungen zu einer prachtvollen Hochzeit, die ihrem Adel und Reichtum gemäß gefeiert werden sollte.

Nachdem alles so weit in Ordnung war, begaben sich die beiden Liebenden mit Herrn Roderico auf das Schloß der Mutter des Fräuleins, wo auch Don Diegos Mutter nebst einer glänzenden und schönen Gesellschaft sich befand. Daselbst wurde die Trauung dem Gebrauche gemäß vollzogen; alles überließ sich der Freude und Lust, und in der folgenden Nacht vollzogen die Neuvermählten die heilige Ehe. Sie lebten fortan immer glücklich miteinander und erinnerten sich des öftern mit Vergnügen ihres vergangenen Leides. Doch war die blonde Ginevra in der Folge fast unfähig zu begreifen, wie sie habe so streng, halsstarrig und grausam gegen ihren Geliebten sein können, wie sie wußte, daß sie gewesen war; und jedesmal, wenn sie mit Herrn Roderico auf ihre Vergangenheit zu sprechen kam, was oft geschah, erging sie sich gegen ihn in Danksagungen für die unendlichen Verpflichtungen, die sie gegen ihn zu haben gestand. Aber freilich weiß ich auch nicht, wenn dieses Mädchen einem Peruginer unter die Hände gekommen wäre, ob dieser die Geduld gehabt hätte, die Herr Roderico bei ihrem unbändigen Eigensinne bewährte.

Die Liebe des Verbannten

Gerade in dem Jahre, wo Massimigliano Sforza wegen seines schlechten Regiments elendiglich die Herrschaft von Mailand verlor, wurde nach der bekannten Niederlage durch die Schweizer zwischen San Donato und Melegnano die ghibellinische Partei fast aus dem ganzen Staate vertrieben auf den Rat und das Anstiften des Herrn Gian Giacomo Triulzo, dessen einziges Bestreben darauf gerichtet war, dieselbe niederzudrücken. Darum war in jener Zeit für die Flüchtlinge der Lombardei Mantua der sicherste Hafen und ein zuverlässiger Zufluchtsort, woselbst der Herr Markgraf Francesco Gonzaga, ein sehr menschenfreundlicher Mann, viele aufnahm. Und wiewohl er dem Allerchristlichsten König Franz, dem ersten des Namens, den Herrn Federico, seinen Erstgeborenen, als Geisel überliefert hatte, wollte er dennoch, daß Mantua jedem, der dahin gelange, eine freie Stätte bleibe. Darum wohnte denn eine große Zahl der Ausgewanderten daselbst in der Erwartung, durch den Arm des Kaisers Maximilian wieder in ihre Vaterstadt zurückgebracht zu werden. Aber das Unternehmen gelang nicht: denn Maximilian war zwar mit einem schönen Heere bis vor die Tore von Mailand gekommen; aber als man hoffte, er werde den Herzog von Bourbon Karl von Frankreich, der im Auftrage des Allerchristlichsten Königs daselbst lag, daraus vertreiben, ließ er plötzlich das Lager aufheben und floh mit eiligen Schritten nach Deutschland hinweg. So hatten denn die Verbannten die Hoffnung verloren, ihre Heimat wiederzugewinnen, und die einen von ihnen suchten mittelst der Gnade des Königs Franz, der sich auch gegen manche wirklich huldvoll erwies, die Heimkehr zu erwirken; andere gingen nach Trento unter den Schutz Franz Sforzas, Herzogs von Bari, andere nach Rom, wieder andere in das Königreich Neapel und sonstwohin. Einige kehrten nach Mantua zurück, worunter Messer Cornelio (denn so will ich den Helden der Erzählung, einen sehr vornehmen und ausgezeichneten Edelmann, nicht ohne Grund nennen) und ich, und in Mantua ließen wir uns nieder.

Der junge Mann war vierundzwanzig Jahre alt, groß, wohlgestaltet und sehr schön, rüstig von Person, mit vielen Vorzügen begabt und mit Glücksgütern reichlichst versehen. Seine Mutter war in Mailand geblieben, hatte mit Geschick ihr Erbteil gerettet und schickte ihm zu, was er bedurfte. So hielt er denn in Mantua ein Haus, das mit Kleidern, Pferden und Dienerschaft vortrefflich ausgestattet war. Vor seinem Abgange von Mailand hatte er sich, wie das bei jungen Leuten zu gehen pflegt, in eine kaum vermählte sehr vornehme und schöne junge Frau verliebt, die ich gleichfalls, um Ärgernis zu vermeiden, nicht geradezu nennen zu dürfen glaube, weshalb wir sie Camilla heißen wollen. Der junge Mann war ein großer Anhänger der Sforzesken und hatte sich sehr für das Kommen des Kaisers Maximilian verwendet, um seine Heimat wiederzugewinnen. Sodann stand er fortwährend im engsten Verkehr mit dem Herzog Francesco Sforza, ging oft nach Trento und versäumte nicht zu zetteln, was er konnte, damit der Sforzische Herzog nach Mailand zurückkäme. Aber bei all diesen Unterhandlungen, Zettelungen und Bemühungen konnte er sich doch seine Dame nicht aus dem Sinne schlagen, an die er Tag und Nacht dachte; und noch viel mehr tat es ihm leid, sie nicht sehen und bei ihr sein zu können, als aus Mailand verbannt zu sein. Diese Camilla, welche Cornelio liebte, war noch sehr jung – sie hatte nämlich das einundzwanzigste Jahr noch nicht erreicht – und galt unter Mailands Schönen für die schönste. Und wiewohl die Liebe zwischen ihr und Cornelio noch nicht zu einem Ziele gelangt war, so hatte sie doch seine lange Dienstbarkeit und echte Neigung sowie seine seltene Bescheidenheit aus vielen Zeichen deutlich erkannt und liebte ihn darum von Herzen; so war sie denn auch über sein Weggehen schmerzlich betrübt, und die Trennung kostete sie häufig Tränen. Es war ihnen noch nicht gelungen, bequem miteinander von ihrer Liebe zu reden; doch hatten sie sich durch Vermittelung ihres Wagenlenkers mehrmals geschrieben: der Kutscher war einige Zeit auch im Dienste von Cornelios Mutter gestanden und war diesem um so bereitwilliger gefällig. So hätten also, sobald sich Gelegenheit geboten hätte, die Liebenden ihre Wünsche erfüllt.

Cornelio lebte nun in Mantua, und zwar, wie gesagt, nicht wie ein Verbannter, sondern in den besten Verhältnissen und angesehen; daher denn eine edle Mantuanerin sich in ihn ernstlich verliebte. Sie ließ ihm ihre Neigung offenbaren; er aber seufzte tief und antwortete der Botin, die mit ihm im Auftrage der Edelfrau sprach, auf folgende Weise: »Gute Frau, Ihr mögt der Dame, die Euch sendet, sagen, daß ich ihr immer dankbar und verpflichtet sein werde für diesen freundlichen und liebevollen Antrag, den sie mir macht, und woraus ich erkenne, daß ich ohne all mein Verdienst von ihr geliebt werde; ich bedauere aber unendlich, ihre Neigung nicht erwidern zu können, da ich nicht in meiner Freiheit bin und hierin nicht nach meinem Wunsche verfügen kann; denn ich bin bereits durch mein Wort so an eine andere gebunden, daß ich mich nicht loszumachen wüßte. Sicherlich, wenn ich mir gehörte, wie ich einer andern gehöre, würde ich mich ohne Bedenken ihr zu eigen geben; denn ihre Schönheit, ihr anmutiges Wesen und ihr feines Betragen scheint mir würdig, nicht nur von meinesgleichen, sondern von noch viel Größeren geehrt und angebetet zu werden. Dennoch werde ich, was ich mit Gut und Blut in ihrem Dienste tun kann, vorausgesetzt daß meine Treue gegen die, für die ich lebe und sterbe, nicht verletzt werde, immer gerne ausführen.«

Die Botin kehrte mit dieser Antwort zurück und meldete der Dame alles pünktlich. Wie hart und bitter es dieser fiel, verschmäht zu werden, mögt ihr euch vorstellen, liebenswürdige Frauen, wenn ihr euch in ihre Kleider steckt. Sie war sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt, von den ersten Edelleuten Mantuas umworben und hatte, wie ich später mit Gewißheit erfuhr, nie einen geliebt, während sie unserem Cornelio mit leidenschaftlicher Neigung zugetan war.

Ich will nun mitteilen, was ich damals zu Cornelio sagte; denn ich war zu jener Zeit eben von Trento zurückgekommen, und er erzählte mir diese Geschichte.

»Mein Cornelio«, sagte ich, »verzeiht, wenn ich allzu offen mit Euch rede; aber die brüderliche Freundschaft, die zwischen uns besteht, gibt mir den Mut, Euch dies und noch Bedeutenderes zu sagen, sooft sich mir Gelegenheit dazu bietet. Ihr sagt mir, daß Ihr in Mailand heftig eine hohe Minne verfolget: ich glaube es Euch; denn ich weiß, wie hold und zärtlich und zur Liebe geneigt unsere Edelfrauen sind. Aber ich bitte Euch, glaubt Ihr, daß die, die Ihr liebt, ein Vorrecht vor andern besitze, und daß in dieser Zeit, wo wir fern von der Heimat sind, wenn ihr jemand unter die Hand kommt, der ihr gefällt, sie nicht verstanden habe, die Freude sich anzueignen, die ihr das Glück vor die Füße gelegt hat? Seid versichert, es gibt kein Weib auf der Welt, das, wenn es Gelegenheit hat, mit einem, der ihr gefällt, die Freuden der Liebe zu genießen, es zu tun versäumte, wofern nur die Sache heimlich abgemacht werden kann. Ich habe, wie Ihr wißt, in Mailand viele Basen, da unsere Familie Bossa alt und zahlreich ist, und glaube auch, daß meine Schwestern und andere Verwandte von Fleisch und Bein sind, wie die übrigen, mit denen ich zu schaffen gehabt habe; denn da ich so alt bin wie Ihr, habe ich schon bei vielen Erfahrungen gemacht. Weiber, lieber Bruder, sind Weiber und benehmen sich in allem wie Weiber. Ihr pickt mir da den ganzen Tag an Eurer Sehnsucht herum wie Vögel an einer kahlen Wand und nehmt keinerlei Genuß an, und dabei meint Ihr, Eure Geliebte mache es ebenso; aber darin täuscht Ihr Euch meines Bedünkens gröblich. Gesetzt aber auch, sie liebt Euch, sie ist Euch treu und macht es wie Ihr (ich glaube indes nicht, daß sie so albern ist, sich so die Hände zu binden), – was für einen Schaden, welche Schmach und Verachtung würdet Ihr ihr denn zufügen, wenn Ihr hier mit einer Frau Euch eine Unterhaltung erlaubt? Welcher Nachteil erwüchse denn daraus für sie? Tut hier immerhin, was Euch beliebt, und macht es wie wir alle, die wir, um nicht einseitig zu werden, in beiden Backen kauen und uns Genüsse nehmen, wo wir sie herbekommen können; denn alle verlassenen Weiber sind verloren. Diese edle Dame hier liebt Euch und sucht Euch auf, statt daß Ihr sie aufsuchen und sie bitten solltet. Und was zum Teufel wollt Ihr weiter? Bedenkt, daß das Glück die Haare auf der Stirne trägt und hinterwärts kahl ist! Wenn es sieht, daß Ihr seine Gelegenheiten versäumt und darüber mit Euch zürnt, so könnt Ihr sagen, wie die Florentiner sagten, als Giovanni Galeazzo, der erste Herzog Mailands von den Vesconti, ein Lager rings um die Mauern von Florenz geschlagen hatte und am Tage Sankt Johannes' des Täufers an den Toren von Florenz ein Wettrennen halten ließ; die Florentiner sagten nämlich: ›Gesch...en haben wir's, wenn uns der Tod nicht hilft.‹ Damit es also nicht so weit mit Euch kommt, laßt es Euch Wohlsein, solange Ihr könnt, und verständigt Euch, solange wir hier sind, mit dieser Edelfrau; sind wir dann wieder in Mailand, so könnt Ihr Euch mit einer andern erfreuen.«

Ich brachte noch tausend andere Gründe vor, aber ich sang tauben Ohren. Er war ganz entschlossen, dieser seiner Geliebten Treue zu bewahren, und bat mich, ihm hierin nicht weiter zu widersprechen. Die gute mantuanische Edelfrau war über die Antwort Cornelios sehr betreten, beschämt und unwillig. Doch machte sie aus der Not eine Tugend, beruhigte sich und verwandelte ihre glühende Liebe in eine brüderliche Freundschaft und Vertraulichkeit, und noch heutigestages hebt sie Cornelio wie einen Bruder. Gleich das erstemal, da sie mit ihm sprach, nachdem sie die Antwort erhalten hatte, lobte sie höchlich seinen getreuen Vorsatz und versäumte nicht, täglich vor jedermann, wenn von Liebe die Rede ist, zu sagen, Cornelio sei der treueste und gewissenhafteste Liebhaber, den man finden könne. Cornelio wies also jede andere Liebe von sich, dachte nur an seine Dame in Mailand und kannte keinen Trost, als manchmal Briefe von ihr zu erhalten, und ihr darauf zu antworten schien ihm ein Labsal für seine Liebesleiden. Mit dieser schwachen Hilfe und dem geringfügigen Troste brachte er seine Zeit hin, so gut er konnte.

In diesen Tagen wurde ihm ein Brief gebracht, den seine Geliebte ihm schrieb; darüber kam er in mancherlei Gedanken und wußte nicht, was er anfangen sollte. Es fügte sich, daß Camillas Gatte Mailand verlassen mußte, um auf seine Güter zu gehen und dort einige Zeit zu verweilen. Sobald sie dies erfuhr, schrieb sie Cornelio in einem ihrer gewöhnlichen Briefe unter anderem folgendes: »Seht doch, mein teurer Herr, ob Ihr und ich das Glück zum Feind haben bei unseren Wünschen, und ob uns ein Recht zusteht, uns über unser schlimmes Los zu beklagen; denn mein Herr Gemahl wird Mailand verlassen, um eines unserer Güter zu besuchen, und einige Tage ausbleiben; wäret Ihr hier, so hätten wir, solange er weg ist, Muße, um beieinander zu sein; jetzt aber sehe ich nicht, wie das einzurichten wäre, und werde mich darüber ewig zu beklagen haben.« Dabei standen dann noch tausend andere Liebesworte, wie junge Weiber sie zu schreiben pflegen, wenn sie glühend lieben.

Sobald Cornelio den Brief gelesen hatte, kamen ihm tausend und aber tausend Gedanken durch den Kopf, und er war sehr zweifelhaft und unentschlossen. Endlich suchte er seinen Delio auf, den er mehr als sich selber liebte, und der, solange wir noch in Mailand waren, von dieser Liebschaft und allem, was Cornelio betraf, unterrichtet war. Er gab Delio den Brief in die Hand und sprach: »Lies!«

Delio nahm den Brief, las ihn und ahnte fast schon, was Cornelio zu tun gedachte. »Du möchtest, mein Freund«, sagte er, »nach Mailand gehen und dir zu sehr ungelegener Zeit den Kopf abschneiden lassen. Ich merke wohl, diese Frau will die Ursache deines Todes sein und überdies dich schmachvoll sterben machen. Du weißt ja, wie dich die Franzosen auf dem Korn haben, und doch denkst du immer an solche gräßliche Dinge.«

Cornelio entgegnete: »Aber höre mich ein wenig an: ich wünschte, daß wir leidenschaftslos diese Reise besprächen und zusähen, welches Verfahren einzuschlagen wäre, um das geringere Übel zu wählen. Du weißt, wie sehr ich diese Frau liebe, welche Qual ich um ihretwillen erduldet habe, indem ich ihr diente und sie verehrte, daß ich jeden Versuch gemacht habe, um heimlich mit ihr zusammensein zu können, daß aber niemals die Sache sich einleiten ließ. Nun, da ihr Gemahl abwesend ist, könnte mir's leicht gelingen, daß ich mich mit ihr zusammenfände und das erreichte, was ich lange so sehr gewünscht habe. Wenn dies erfolgte, so würde ich das weit höher achten als jedes andere Glück, das mir begegnen könnte. Was sagst du nun dazu?«

»Mein Cornelio«, entgegnete Delio hierauf, »du wünschest, daß wir diese Angelegenheit leidenschaftslos beraten, aber ich sehe dazu keine Möglichkeit: denn du bist viel zu leidenschaftlich auf dieses Weib versessen und darum so verblendet, daß du den Tod, den du vor Augen hast, nicht sehen kannst. Du mußt dich daher von jemand leiten lassen, der keinen Schleier vor den Augen hat. Du weißt wohl, ob ich dich liebe, da du so manche Proben mit mir gemacht hast; darum habe acht auf das, was ich dir sage, und schlag dir diese Grillen aus dem Sinn: denn was du jetzt im Kopfe hast, sind lauter Hirngespinste! Ich werde es dir ebenso machen, wie ich wünschte, daß du es in ähnlichem Falle mir machtest: ich rate dir nämlich, unter keiner Bedingung nach Mailand zu gehen. Hast du vergessen, daß du als Empörer verbannt bist und alle deine Güter eingezogen sind? Kaum wirst du von hier abgereist sein, so wird man's in Mailand wissen. Es ist jetzt Faschingszeit und diese Stadt täglich voll Vermummter; so sind auch viele hier, die alles ausspähen, was du sagst und tust. Man hat dich bereits von Mailand aus benachrichtigt, daß du nichts tun kannst, was man nicht dort erführe. Wenn du, was Gott verhüte, hingehst und unglücklicherweise den Franzosen in die Hände fällst, so könnte alles Gold in der Welt nicht verhüten, daß dir der Kopf abgeschlagen wird. Willst du um ein kurzes, flüchtiges Vergnügen das Leben verlieren? Und ferner, hast du nur Gewißheit, sicher hinzugelangen? Du mußt über Cremona, über Soncino gehen oder nach Pizzighetone und Lodi; an all diesen Orten aber bist du so bekannt wie eine Nessel. Nehmen wir aber an, du gehest auf ungewohnten Wegen, um nicht in jenen Städten gesehen zu werden, – welche Sicherheit hast du, wenn du dort bist, von ihr das erhalten zu können, was du so sehr wünschest? Ich meinesteils glaube, daß sie, da sie weiß, daß du auf keine Weise nach Mailand kommen kannst noch darfst, dir auf diese Art geschrieben hat, um dir zu beweisen, daß sie deiner eingedenk lebt und dich mehr als mittelmäßig liebt; wäre sie aber versichert, daß du hindürftest, so glaube ich, daß sie dir ganz anders geschrieben hätte. Aber wenn auch, –nehmen wir als sicher an, daß sie ganz bereit sei, sobald du dort bist, zu tun, was du willst, – mußt du nicht auch bedenken, was das heißen will, und daß, wenn auch ihr Gemahl verreist ist, doch noch viele Leute vom Gesinde im Hause bleiben? Weißt du nicht, was für ein strenges Weib die Alte ist, die ihr nie von der Seite weicht, und die vielleicht während der Abwesenheit ihres Mannes bei ihr schläft? Willst du für eine Stunde bitteren Genusses und verdrießlicher Wonne dein Leben aufs Spiel setzen? Was würde man von dir sagen, wenn dir unglücklicherweise diese Reise übel ausschlüge? Du giltst trotz deiner Jugend für einen klugen und vorsichtigen Mann, der reifer ist, als seine Jahre vermuten lassen. Täusche nicht die allgemeine Meinung, die man von deiner Klugheit hat! Wenn du nach Mailand gehen müßtest im Dienste und zum Vorteil deines Fürsten, und du wärest unglücklich dabei, so würde dir wenigstens von jedem und von den Feinden selbst Mitleid gezollt, und du würdest als ein treuer, aufopfernder Diener deines Herrn gepriesen; aber bei einem solchen Anlasse würdest du in der Tat ewigen Tadel und Schimpf und Schande neben dem Schaden haben. Spare, lieber Bruder, dieses Leben, um das du dich so wenig kümmerst, zu einem bessern Gebrauch und zu ehrenvolleren Unternehmungen, als diese sind!«

Cornelio schien sich bei diesem Rate sehr abzukühlen, wiewohl ungern, und da er nicht wußte, was er antworten solle, sagte er, die Nacht sei die Mutter der Gedanken: er wolle die Verhältnisse noch besser überlegen, und dann könnten sie zusammenkommen. Hiermit verließ er Delio. Als es Nacht wurde und Cornelio sich ganz allein sah, konnte er nicht schlafen und ließ seinen Gedanken die Zügel frei. Verschiedene Dinge zogen ihm durch den Kopf; er überdachte das mit Delio gepflogene Gespräch, und da jetzt niemand mehr ihm widersprach, wurde er von der Lust übermannt und überwunden und beschloß, wenn es ihn auch das Leben kosten sollte, nach Mailand zu gehen. Er erhob sich also mit Sonnenaufgang vom Bette, besuchte Delio, der noch nicht aufgestanden war, und sprach zu ihm: »Mein Delio, ich habe beschlossen, komme was da wolle, da es nun einmal so weit ist, sobald es Nacht wird, von hier wegzugehen, von hier mich geradezu nach Cremona zu wenden und dort zu rasten, bis das Tor geöffnet wird, was dort sehr früh geschieht. Dann gehe ich in das Haus unseres Vetters Girolamo und bleibe dort den Tag über; am Abend spät gehe ich weiter, an Lodi vorüber nach Zurlesco, wo ich insgeheim im Hause des Ritters Vistarino herberge. Dort bleibe ich wieder bis gegen Abend und wende mich weiter von Zurlesco nach Mailand, wo ich um die dritte Stunde nach Sonnenuntergang eintreffen kann. Du weißt, daß das Ticiner Tor zu jeder Stunde geöffnet wird, wenn man dem Torwart einen Soldo zahlt; dann gehe ich geradesweges nach dem Hause unseres Messer Ambrogio.«

Als Delio die Gesinnung Cornelios gehört hatte, bestrebte er sich mit den einleuchtendsten Beweisen, ihn von einer solchen Reise abzubringen; aber er mochte sagen, was er wollte und wußte, – Cornelio war nun einmal fest entschlossen, unter jeder Bedingung zu gehen, und sagte zuletzt: »Ich will mein Glück versuchen; gelingt mir die Sache, wie ich wünsche und hoffe, – welcher Liebende war dann je glückseliger als ich? Kommt es anders, so habe ich wenigstens den Trost, daß die, die ich mehr als mein Leben liebe, deutlich erkennen wird, daß meine Dienstbarkeit echt und nicht erheuchelt ist.«

Als Delio sah, daß Cornelio nicht mehr davon abzubringen war, sich in eine solche Gefahr zu begeben, und daß es kein Mittel gab, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, sagte er zu ihm, da er nun durchaus gehen wolle, solle er seine Diener in Mantua lassen und andere Personen nehmen, auf die er sich verlassen könne und die in Mailand nicht bekannt seien. Dies tat er und versah sich mit drei Bedienten. Als nun der festgesetzte Abend kam, ging er heimlich aus Mantua weg und kam nach dem früher von ihm entworfenen Plane drei Stunden nach Sonnenuntergang zu Mailand an, wo er sich geradeswegs nach dem Hause seines treuesten Freundes Messer Ambrogio wandte. Dort angelangt, ließ er einen seiner Diener an die Tür pochen und sagen, Messer Ambrogio möge herabkommen, ein Edelmann wolle mit ihm sprechen. Unterdessen tat Cornelio einen Pfiff, woran Messer Ambrogio merkte, daß es Cornelio sei. Er kam herab, öffnete die Tür und fragte: »Wer ist da?«

Ohne zu antworten, machte Cornelio ein gewisses Zeichen, woraus Messer Ambrogio sich von der Wahrheit überzeugte; er hieß die Fackeln ins Haus zurückbringen, die mit ihm gekommen waren, um den Weg zu erleuchten, und hieß freudig seinen Freund willkommen. Dann ließ er gleich ein Zimmer im Erdgeschoß aufmachen und Cornelio in dasselbe eintreten. Er wollte, daß niemand im Hause erführe, wer es sei, außer ein besonders vertrauter Diener. Es war im Monat Februar, und mehrere Tage war weder Regen noch Schnee gefallen; daher waren die Wege überall voll Staub, und Cornelio hatte deshalb ungehindert reiten können. Als der Morgen kam, schickte Cornelio nach einem Schneider, durch dessen Vermittelung er Camillas Briefe erhielt. Der Schneider kam und war äußerst erfreut, Cornelio zu sehen. Sie sprachen eine gute Weile miteinander; dann gab Cornelio dem Schneider einen Brief, den er seiner Geliebten zustellen sollte.

Als sie erfuhr, daß ihr Geliebter in Mailand sei, war sie ebensosehr erfreut wie bekümmert: erfreut, denn sie hoffte ihren Cornelio zu sehen, von dem sie, nachdem er sich einer so großen Gefahr ausgesetzt hatte, vollkommen überzeugt war, daß er sie ausschließlich liebe; sehr mißvergnügt aber war sie darüber, weil sie binnen einem oder zwei Tagen ihren Gemahl erwartete. Ich muß nämlich bemerken, daß sie in dem nach Mantua an ihren Geliebten gerichteten Briefe den Tag der Abreise ihres Mannes irrig angab; dies war der Grund, weshalb Cornelio seinen Abgang von Mantua unpassend lange verschob. Dem Schneider gab die Frau nun ein Briefchen, worin sie ihrem Cornelio schrieb, sie wolle ihn heute zwischen einundzwanzig und zweiundzwanzig Uhr an der Tür ihres Palastes erwarten; er solle vermummt hinkommen und ein gewisses Zeichen machen.

Als es Zeit war, maskierte sich Cornelio mit den bunten langen Kleidern, wie sie in Mailand bei Edelleuten üblich sind, mit Federbüschen auf dem Kopfe; er bestieg ein sehr schönes leichtes Pferdchen, machte sich ganz allein auf den Weg nach der Wohnung seiner Camilla und fand sie an der Tür liebenswürdiger, schöner und reizender als je, wie sie mit einigen Edelleuten sprach. Als Cornelio ankam, neigte er sich vor der Frau, machte das Zeichen und hielt stille, ohne ein Wort zu reden. Als die Edelleute einen Vermummten sahen, der, ohne sich zu äußern, bei ihnen stillstand, dachten sie, er werde wohl mit der Dame ohne Zeugen reden wollen, und als bescheidene Leute gaben sie ihren Mauleselinnen die Sporen, gingen weg und ließen Cornelio, den sie übrigens nicht erkannt hatten, das Feld frei. Als sie weg waren, grüßte er ehrerbietig die Frau, welche tausendmal die Farbe wechselte und eine gute Weile dastand, ohne ein Wort vorzubringen.

Cornelio war fast außer sich und glaubte kaum, daß es wahr sei, daß er nun an dieser Stelle stehe und die erhabene Schönheit seiner geliebten Dame betrachte. Am Ende brachen sie dieses süße lange Schweigen und fingen an, zu sprechen und sich ihre Liebesleiden zu erzählen. Dieser Unterredung war das Glück sehr günstig; denn obwohl vermummte und andere Edelleute durch die Straße gingen, gesellte sich doch keiner zu ihnen, da sie die Frau in vertrautem Gespräche mit einem Maskierten sahen; so hatten sie, bis die Nacht einbrach, ungestörte Muße, sich zu sagen, was ihnen beliebte. Die Frau tadelte ihn ernstlich, daß er sich in so große Gefahr begeben und daß, wenn er je zu kommen willens gewesen sei, er sich nicht beizeiten auf den Weg gemacht habe, da sie jede Stunde ihren Gemahl zurückerwarte. Cornelio zeigte ihr den Brief, und als sie ihn las, merkte sie, daß sie sich in der Angabe der Zeit der Abreise ihres Gemahls um mehr als acht Tage geirrt hatte, worüber sie sehr betroffen war. Dennoch traf sie mit ihrem Geliebten die Abrede, sie wolle ihn vier Stunden nach Sonnenuntergang erwarten und von der Zofe, die in ihren Liebeshandel eingeweiht sei, ins Haus bringen lassen, sobald er ein bestimmtes Zeichen mache. Komme indes diesen Abend ihr Gemahl nach Hause, so werde er, sobald er das Zeichen gemacht, an einem Fenster des großen Saales die Zofe sagen hören: »Ich hatte doch den Kamm hierher gelegt, und nun finde ich ihn nicht mehr.«

Als Cornelio diese Zusage erhalten hatte, kehrte er äußerst vergnügt in seine Herberge zurück, nahm eine kleine Mahlzeit ein, und sobald er die Glocke vier Uhr schlagen hörte, zog er ein Panzerhemd und Ärmel mit Maschenhandschuhen an, nahm ein anderthalb Spannen langes Schwert und machte sich auf den Weg nach der Wohnung seiner Dame; als er hier angelangt war, machte er, daß man ihm die Türe öffne. Während er in dieser Erwartung war, hörte er nicht sehr weit von sich entfernt ein großes Getümmel mit Waffen; man hieb gewaltig aufeinander los, und einer kam herbeigerannt und rief: »Weh mir, ich bin des Todes!«

Er fiel vor der Tür der Dame nieder gerade in dem Augenblick, als die Zofe diese öffnete und Cornelio eintrat. Die Nacht war sehr finster, so daß man ohne Licht nichts sah. Aber wegen des Handgemenges und des Lärms, der sich erhoben hatte, waren doch einige der Nachbarn an die Fenster gekommen, so daß einer, der der Frau gegenüberwohnte, Cornelio mit bloßem Schwert in der Hand in das besagte Haus eintreten sah. Cornelio hatte wohl einen zu Boden sinken hören, fast vor seinen Füßen; aber er achtete wenig darauf und dachte nicht daran, was es sei, denn seine Gedanken waren auf anderes gerichtet.

Als er in das Haus eingetreten war, brachte ihn eine Zofe in ein Gemach in der Nähe der Haustür, damit er daselbst warte, bis Camilla komme. Als diese von der Zofe benachrichtigt war, daß ihr Freund im Hause sei, tat sie, als befinde sie sich nicht ganz wohl, und wollte, daß alle zu Bette gingen. Die Diener gingen, da der Herr nicht zu Hause war, als die Frau ihnen befahl, sich zurückzuziehen, aus, um in der Karnevalszeit auswärts zu schlafen, so daß kein Mann im Hause blieb als der sehr betagte Kellermeister und zwei Edelknaben von dreizehn bis vierzehn Jahren. Die Frauen verabschiedeten sich von der Gebieterin und gingen alle schlafen.

Sobald Camilla vernahm, daß alles zu Bette gegangen sei, ging sie mit ihrer Zofe die Treppe hinab, so leise sie konnte, um Cornelio heraufzuführen. Während dies vorging, kam zufällig die Wache des Gerichtshauptmanns durch die Straße. Gerichtshauptmann war Monsignor Sandio, ein sehr großer, dicker Mann, so daß man seinesgleichen nicht wohl finden mochte, und er hatte bei seinem Amte als Stellvertreter Momboiero. Als der Häscherhauptmann von dem nunmehr beendigten Streite gehört hatte und einen Reitknecht des Herrn Galeazzo Sanseverino, des damaligen Großschildträgers des Allerchristlichsten Königs, fand, der noch warm und nicht völlig tot war, ließ er einige in der Nähe Wohnende aus dem Hause treten und wollte von ihnen erfahren, wie der Handel angegangen sei. Niemand wußte anzugeben, was es gewesen sei, außer daß sie einen großen Lärm und ein Zuschlagen mit Waffen gehört hätten. Einer sagte sodann, er habe in das Haus von Frau Camilla einen großen Mann mit bloßem Schwerte eintreten sehen, und vor diesem Hause war der Reitknecht gestorben. Deswegen ging der Häscherhauptmann an das Haus der Frau Camilla, pochte heftig an die Tür und sprach französisch, worüber Cornelio und die Frau sehr in Entsetzen gerieten. Beide fürchteten, es möchte durch einen Späher entdeckt worden sein, daß Cornelio sich hier befinde. Kaum war die Frau in das Gemach eingetreten, ihr Liebhaber hatte sie heftig in die Arme geschlossen und sie ihn, als die Wache des Gerichtshauptmanns an die Türe pochte. Als Cornelio den Lärm hörte, fiel ihm sogleich Rat ein: mit Hilfe der Frau und der Zofe wurden zwei Bänke aufeinandergelegt, er versteckte sich im Innern des Kamins, stieg auf zwei eiserne Haken, an welchen die Ketten aufgehängt zu werden pflegen, trat fest darauf und blieb so aufrecht stehen mit dem Schwerte in der Hand. Dann wurden die Bänke weggenommen, die Kammer verschlossen, und die Frau fragte: »Wer da? Wer klopft?«

Sie ließ sich die Schlüssel bringen; ein paar andere Frauen kamen herunter, und auch der Kellermeister kam auf den Lärm herbei; da ließ sie die Tür öffnen und sagte, so heftig sie konnte, zu dem Häscherhauptmann: »Was sucht Ihr um diese Stunde?«

Er hatte gehört, es sei ein Palast, der sehr angesehenen Personen gehöre, und sprach daher zu der Frau: »Dame, verzeiht uns, wenn wir Euch um diese Stunde stören, wir tun es ungern; aber es ist mir gesagt worden, der Mann, der hier vor Eurer Tür einen Reitknecht umgebracht hat, der dem Monsignor Großschildträger gehört, sei in dieses Haus getreten, und darum komme ich mit der Wache, ihn festzunehmen, wenn er da ist.« Die Frau, die für ihren Liebhaber gefürchtet hatte, war, als sie dies hörte, wieder halb beruhigt und antwortete, da sie wußte, wo er verborgen war: »Monsignor, sowie es Nacht wurde, ließ ich, da mein Herr Gemahl sich nicht in Mailand befindet, die Tür verriegeln und weiß, daß nachher niemand mehr ins Haus gekommen ist, da ich die Schlüssel immer bei mir behielt. Nichtsdestoweniger will ich zu Eurer Genugtuung alle Zimmer des Hauses öffnen lassen. Suchet selbst!«

Sofort traten sie zuerst in das Zimmer, wo Cornelio im Kamin steckte und von seiner hohen Stellung aus die Sterne betrachtete, dabei aber mehr fror, als ihm lieb war. Man suchte hier unter den Bänken, unter dem Bette und überall, und man drehte die Kästen hin und her; einer der Häscher, der besonders eifrig sein wollte, schlug mit einer Hellebarde an das Seil, das den Betthimmel hielt, und alles fiel übereinander. Cornelio blieb ruhig und verwünschte nur im stillen seine Lage. Nachdem die Häscher mit diesem Zimmer fertig waren, gingen sie ebenso durch das ganze Haus und ließen kein Loch und keinen Winkel undurchsucht; es fanden sich aber nur die zwei Edelknaben und der alte Kellermeister; deshalb gingen sie hinab in die Kellergewölbe unter dem Erdboden, und da sie dachten, der Missetäter könne sich vielleicht in die Fässer versteckt haben, wollten sie den Geschmack fast aller«Weine kosten. Es waren, wie es bei solchen Vorfällen geschieht, auch Leute von der Straße in das Haus gekommen und unter andern der, welcher dem Häschermeister angegeben hatte, der Mörder sei sicher im Hause. Als man nun drinnen keinen Missetäter fand, wollte der Häscherhauptmann den Ankläger vor Gericht mitnehmen, in der Meinung, er werde etwas von dieser Sache wissen.

Der Häscherhauptmann war mit seinen Leuten noch nicht die halbe Straße weit gekommen, als der Gatte von Madonna Camilla zurückkehrte. Als er die Tür offen und viele Leute von der Straße bei seiner Frau stehen sah und das eifrige Reden hörte, wunderte er sich sehr, was doch das sein möge. Die Frau aber, als sie ihren Gemahl erblickte, war eher tot als lebendig und sprach zu ihm: »Ach, mein lieber Herr, seht doch, wie die Häscher des Gerichtshauptmanns dieses Zimmer und das ganze Haus zugerichtet haben!«

Bei diesen Worten nahm sie ihn an der Hand und führte ihn in das Zimmer, wo Cornelio sich befand, und um dem Liebhaber zu bedeuten, daß ihr Gemahl im Hause sei, sagte sie ganz laut: »Schaut an, mein Gemahl, wie dieses Gesindel alles untereinander geworfen hat!«

Hier erzählte sie ihm alles, was die Häscher hier getan und gewollt hatten. Der Mann fühlte sich müde und wünschte nichts so sehr als auszuruhen.

»Liebes Weib«, sagte er daher, »gehen wir zu Bette; morgen wollen wir an diese Dinge denken.«

Als Cornelio aus der Stimme erkannte, daß der Gemahl der Frau angekommen war, wäre er fast vor Schrecken heruntergefallen und wußte nicht, was er beginnen sollte, so sehr war er betäubt. Es wurden nun die Leute von der Straße, die im Hause waren, entlassen und das Tor geschlossen. Der Stall war nahe am Hause, aber in einem andern Gäßchen. Dahin wurden die Pferde geführt. Der Gatte der Frau ging hinauf in seine Gemächer, ließ Feuer anzünden, sich auskleiden und zu Bette bringen. Unterdessen hatte der Geschäftsführer mit einem Begleiter sich in die Kammer gelegt, wo Cornelio im Kamin in sehr übler Laune und großer Unentschlossenheit verborgen war. Dahinein hatten auch einige andere Diener einige Büchsen und drei lange Spieße gestellt und waren dann in andere Zimmer gegangen, wo sie zu schlafen pflegten. Die Frau verließ ihren Mann, der sich zu Bette gelegt hatte, stieg hinab mit der Zofe, um zu sehen, ob es möglich sei, Cornelio zu befreien, und sagte, als sie sah, daß jene beiden im Bette lagen: »Ihr hättet euch nicht hier niederlegen sollen, es ist ja alles umgeworfen.«

Darüber kam der Hausmeister und sagte: »Gnädige Frau, für heute nacht mögen sie bleiben, so gut es geht. Morgen soll schon alles wieder in Ordnung kommen. Geht nur zur Ruhe, denn es muß nunmehr Mitternacht sein.«

Als die Frau sah, daß sie Cornelio auf andere Weise keine Hilfe bringen konnte, sagte sie: »Ich bin herabgekommen, um dafür zu sorgen, daß hierinnen kein Feuer gemacht werde; denn der Hut des Kamins hat oben Luft: es könnte leicht eine Feuersbrunst im Hause geben.« Nachdem sie dies gesagt hatte, ging sie hinauf, beständig in Gedanken an den Liebhaber, und fand, daß ihr Gatte schon am Einschlafen war; sie legte sich an seine Seite und sprach: »Lieber Herr, Ihr seid aber sehr spät nach Hause gekommen für ein so kaltes Wetter.«

»Ich bin«, antwortete der Mann, »diesen Morgen von Novara weggegangen in der Absicht, zu Abend zu Hause einzutreffen; aber bei Buffaloro wurde ich von unsern Verwandten, den Cribelli, lange hingehalten, so daß ich meinen Plan änderte und beschloß, zum Nachtessen und Schlafen zu Schiffe auf unserem Landgut einzutreffen, und ich kam spät daselbst an. Der Verwalter bereitete ein gutes Mahl, entschuldigte sich aber, wir würden kein gutes Nachtlager finden, denn die Betten seien, seit sie wegen des Krieges hereingebracht worden seien, nicht wieder hinausgeschickt worden, während ich angenommen hatte, sie seien dahin gebracht worden. Als ich das hörte, beschloß ich, gleich nach dem Nachtessen hierherzugehen. Die Straße ist gut und der Weg sicher. So habe ich es denn ausgeführt.«

Cornelio nun, der die Ankunft des Hausherrn vernommen und gehört hatte, wie einige in dem Zimmer sich zu Bette legten, war durch die Wahrnehmung, daß Camilla herabgekommen sei, um das Anmachen von Feuer im Kamin zu verhindern, in seiner Todesangst etwas beruhigt; dennoch aber fürchtete er, er möchte, vom Schlafe überwältigt, herunterstürzen und von den Leuten im Hause umgebracht werden. Andererseits fühlte er eine Kälte und Eisluft an ihm vorbei den Kamin herunterstreichen, die ihm Mark und Bein durchdrang. Mehrmals kam er auf den Gedanken, so sachte als möglich herunterzurutschen, da er die Leute im Zimmer schlafen hörte, und aus dem Zimmer zu gehen; da er aber im Hause nicht bekannt war, wußte er nicht, wie er hinauskommen und wohin er sich zurückziehen sollte. Er fühlte heftigen Schmerz in den Füßen, denn die Haken waren rund und sehr unbequem, um sich lange darauf festzuhalten, so daß er kaum noch vermochte auf der Stelle zu bleiben. Dennoch hoffte er, am Morgen von hier erlöst zu werden, und mit dieser schwachen Hoffnung täuschte er sich selbst, dachte an die Schönheit der Geliebten und sprach manchmal bei sich selbst: »Die herbe Pein, die ich jetzt erdulde, ist nicht so groß, daß ich mir nicht eine weit größere sollte gefallen lassen, um all die Schönheit und Anmut zu genießen, die ihr innewohnt. Und wie sollte sie erkennen, daß ich sie vollkommen liebe, wenn ich um ihretwillen nicht diese und viel größere Gefahren und bittere Qualen ertrüge?«

Mit diesen Gedanken, unterstützt von heißer Liebe, entschloß er sich mutvoll, alles zu ertragen. Der Häscherhauptmann hatte indes, wie gesagt, den Ankläger vor das Gericht geführt und Momboiero vorgestellt, der ihn verhörte und mit Folter und allen Martern bedrohte, wenn er nicht die Wahrheit sage, wie es bei der Ermordung des Reitknechts zugegangen sei. Der arme Mann, der nichts anderes wußte, als daß er einen Mann mit bloßem Schwert in der Hand habe in jenes Haus eintreten sehen, wiederholte seine frühere Äußerung. Daher befahl Momboiero dem Häscherhauptmann, nochmals in das Haus zu gehen und überall sorgfältig zu suchen. Er ging hin und pochte heftig an die Tür, so daß fast alles von dem Getöse erwachte. Der erste, der aufstand, war der Kellermeister, der sich die Schlüssel geben ließ und mit Erlaubnis des Hausherrn aufmachen wollte. Unterweilen zog sich der Hausherr an. Der Häscher trat in das Haus und nochmals in das Gemach, wo Cornelio war, der alles gehört hatte und fürchtete, er werde von den Gerichtsdienern gesucht, unter dem Vorwande, sie fahndeten nach einem andern. Der Büttel fand die zwei schlafend (sie waren so müde, daß sie noch nicht erwacht waren), und da er Spieße und Feuerwaffen im Zimmer fand, ließ er sie beide binden, ehe sie nur merkten, daß sie festgenommen waren. Der Schaffner war noch nicht lange aus dem Gefängnis entlassen, worin er lange Zeit gesessen hatte wegen einiger Wunden, die er einem Landmann beigebracht. Der Häschermeister erkannte ihn und sagte auf seine Frage, was das zu bedeuten habe: »Du wirst es bald erfahren und für diesen Fall wie für den letzten büßen.« Während die Häscher die Treppen hinaufstiegen, kam der Schreiber herab und wurde gleich von ihnen gepackt. Als der Hausherr dies hörte, verwunderte er sich nicht wenig über diesen Vorgang; halb angekleidet trat er dem Häscher entgegen, der, als er ihn erblickte, zu ihm sagte: »Monsignor, Ihr seid verhaftet im Namen des Aller christlichsten Königs.«

Dies sagen und ihn packen war eins. Sie ergriffen auch noch vier bis fünf von den andern, die ihnen in die Hände kamen, und machten den größten Lärm von der Welt, so daß man meinte, der Jüngste Tag sei im Hause. Cornelio, der alles hörte, sprach bei sich: »Gott im Himmel, steh mir bei! Was ist das für ein Teufelslärm?«

Der Hausherr wollte seine Leute und sich selbst entschuldigen und sagen, er sei kurz vor Mitternacht mit allen diesen vom Lande angekommen; aber es half ihm nichts; denn alle, neun an der Zahl, wurden sie nach dem Gerichtshof geführt in die Gefängnisse des Gerichtshauptmanns.

Als Madonna Camilla dieses neue Unglück sah, weinte sie bitterlich. Da sie aber wußte, daß ihr Mann mit den Angehörigen ihres Hauses unschuldig an diesem Morde war, dankte sie Gott für diesen Zwischenfall, da sie nun ihren treuen Liebhaber befreien konnte. Sie ließ also die Tür schließen, schickte den Kellermeister mit den Edelknaben und ihren Frauen zu Bette und trat mit ihrer Kammerfrau in das Gemach, wo Cornelio seiner Erlösung entgegenharrte. Als sie unter dem Kamine stand, sagte sie mit getrockneten Tränen und lächelnd zu Cornelio: »Liebe Seele, wie geht es Euch? Was macht Ihr? Jetzt könnt Ihr sicher herabkommen: denn Gott hat, um größeres Ärgernis zu vermeiden, gestattet, daß mein Herr Gemahl mit einem großen Teile seiner Dienerschaft vor das Gericht geführt wurde.«

Die Zofe stellte die Bänke hin wie zuvor und hielt sie mit ihrer Gebieterin fest. Cornelio stieg sachte herunter und wurde von seiner Geliebten freudigst bewillkommt. Sofort gingen sie miteinander die Treppe hinauf; es wurde ein gutes Feuer angezündet, Cornelio wusch sich Hände und Gesicht, die etwas von Ruß geschwärzt waren, und legte sich, als das Frösteln, das er sich im Kamin geholt hatte, beseitigt war, neben seine Frau zu Bette. So erntete er die Frucht seiner heißen Liebe und lachte oftmals mit der Geliebten über das ihnen zugestoßene Mißgeschick. Früh am Morgen ließ die Frau ihren Liebhaber in ein Kämmerchen treten, wo er für alle seine Bedürfnisse von der Zofe bequem bedient ward und die Frau selbst, sooft sie wollte, ihn ungestört besuchte. Dann schickte sie nach ihren Verwandten aus und traf Einleitung zur Befreiung ihres Gemahls, indem sie ihnen den ganzen Hergang der Sache erzählte. Die Geschichte zog sich aber mehr, als sie glaubten, in die Länge; denn man mußte einen Gerichtsnotar nach Novara schicken, um die Zeugnisse zu prüfen, und ebenso auf das Landgut, wo sie zu Nacht gegessen hatten, um das zu erweisen, was der Hausherr mit seinen Leuten aussagte. Darüber gingen sechs Tage hin, bis sie aus dem Gefängnis frei wurden. Unterdessen leistete Cornelio jede Nacht seiner Frau Gesellschaft, damit sie nicht allein schliefe und kein Gespenst ihr zur Last fiele.

Als sie nun erfuhr, daß ihr Mann heute nach Hause kommen werde, brachte sie am Morgen zuvor bei guter Stunde nach tausend Umarmungen ihren Liebhaber aus dem Hause, und er ging gerade nach seiner Herberge. Nach dem Morgenessen ging er maskiert zu Herrn Alexander Bentivoglio und seiner Frau Gemahlin, Frau Ippolita Sforza, um ihnen aufzuwarten. Solange er dort war und mit ihnen sprach, kamen ein paar Edelleute, unter welchen einer sagte, in dem Augenblicke sei Momboiero mit der Wache in Cornelios Hause, da man vernommen habe, daß er von Mantua sich entfernt und nach Mailand gekommen sei; Cornelios Mutter habe ihm das ganze Haus genau gezeigt. Als Cornelio dies hörte, verabschiedete er sich von Herrn Alexander und Frau Ippolita, kehrte in seine Herberge zurück und beschloß, sich nicht länger mehr diesen Gefahren auszusetzen. Er stieg also, da es Nacht wurde, zu Pferde und begab sich über Bergamo und Brescia nach Mantua, da er nicht mehr den Weg machen wollte, den er früher gemacht hatte, aus Furcht, es möchten ihm unterwegs böse Geister begegnen.

Romeo und Julia

(Shakespeare, Romeo und Julia)

Zu den Zeiten der Scaliger bestanden zu Verona die zwei an Adel und Reichtum über andere ragenden Familien der Montecchi und Capelletti, zwischen denen, gleichviel aus welchen Gründen, eine so grausame und blutige Feindschaft sich entsponnen hatte, daß in dem wiederholten Handgemenge, welches sie zu ihrem immer ärgeren Entflammen nach sich zog, nicht nur der eigenen Angehörigen, sondern auch der Anhänger beider Geschlechter die Menge getötet wurde. Als nun vorzeiten Bartolomeo Scala Herr von Verona war, bemühte sich derselbe zwar, sie miteinander auszusöhnen, kam aber nimmer damit zustande, weil ihr gegenseitiger Haß zu tief gewurzelt hatte. Nichtsdestoweniger bewirkte er so viel, daß er, wenn auch nicht den Frieden stiftete, so doch den immerwährenden tätlichen Ausbrüchen ihres Unfriedens steuerte, demzufolge schon allmählich wieder viele von den beiden feindlichen Parteien anfingen, miteinander zu reden.

Da geschah es, daß dereinst zur Karnevalszeit in dem Hause des gastfreien und lebensfrohen Antonio Capelletto, des Hauptes seiner Familie, ein glänzendes Fest gefeiert werden sollte, zu dem eine große Anzahl edler Männer und Frauen eingeladen war, und daß unter anderen Jünglingen auch Romeo Montecchio, etwa zwanzig bis einundzwanzig Jahre alt, und wohl der schönste und gesittetste von allen, hinging.

Romeo war damals in heftiger Liebe zu einem jungen Fräulein entbrannt, dem er schon seit zwei Jahren sein Herz ergeben hatte und tagaus, tagein allerwärts, in die Kirche oder wo sie sonst hinging, folgte, obgleich sie ihn noch keines einzigen Blickes gewürdigt hatte. Er hatte ihr viele Briefe geschrieben und Botschaften gesendet; aber ihre Härte und Strenge gegen ihn blieb sich immer gleich und bewog den leidenschaftlichen Jüngling am Ende, da sie ihm immer schwerer zu ertragen fielen, und nachdem er unendliche Klagen ausgestoßen hatte, zu dem Entschlüsse, Verona zu verlassen und ein oder zwei Jahre auf Reisen im übrigen Italien zuzubringen, um sich seines ungezügelten Verlangens also womöglich zu entledigen. Jedoch von seiner heißen Liebe zu ihr überwunden, machte er sich dagegen wieder selbst Vorwürfe, einen so törichten Gedanken gefaßt zu haben, und wußte auf keine Weise fortzukommen. Zuweilen sagte er zu sich: »Warum liebe ich sie nur, da ich doch aus tausend Anzeichen erkennen kann, daß meine Dienstbarkeit ihr nicht angenehm ist? Warum verfolge ich sie denn wie ihr Schatten überallhin, da ich weiß, daß es mich zu nichts führt? Vielleicht erlischt, sobald ich sie nicht mehr sehe, dieses Feuer meiner Leidenschaft allmählich, wenn es aus ihren schönen Augen weiter keine Nahrung zieht?«

Aber all sein Sinnen und Trachten war vergebens; denn es nahm den Anschein, daß, je spröder sie ihm begegnete und je weniger sie ihn hoffen ließ, desto mehr seine Liebe zu ihr anwüchse, so daß er keinen Tag mehr Ruhe hatte, ohne sie gesehen zu haben. Indem er nun so standhaft und inbrünstig an dieser Liebe hing, befürchteten einige seiner Freunde, sie würde ihn zugrunde richten, und mahnten ihn viele Male liebreich davon ab; aber er beachtete ihre heilsamen Ratschläge ebensowenig, als die Dame seines Herzens sich um sein Tun und Lassen kümmerte. Unter anderen hatte Romeo einen Genossen, dem es über die Maßen leid war, ihn ohne die Hoffnung auf Erfolg die Zeit seiner Jugend und die Blüte seiner Jahre an diese Dame verschwenden zu sehen, und er sagte daher eines Tages gesprächsweise zu ihm: »Romeo, mir, der ich dich wie einen Bruder liebe, ist es gar zu empfindlich, dich also wie Schnee an der Sonne schmelzen zu sehen! Du siehst und erkennst ja, daß es dir mit nichts gelingt, ihre Liebe zu erwerben: was mühst du dich so unnützerweise ab? Es ist die äußerste Torheit, nach etwas Unmöglichem zu streben. Wahrscheinlicherweise hat sie ihren Liebhaber schon, um dessentwillen sie nichts von dir wissen mag. Du aber bist vielleicht der schönste unter den Jünglingen dieser Stadt. Du bist, erlaube mir, dir die Wahrheit unter die Augen zu sagen, gesittet, anmutig, höflich, und, was der Jugend zur höchsten Zierde gereicht, du hast deinen Geist mit edlem Wissen gebildet. Überdies bist du der einzige Sohn deines Vaters, dessen große Reichtümer allbekannt sind, und der ja nicht etwa dich knapp hält und über dich Klage führt, wenn du zu viel verschwendest. Er ist dir ein Verwalter, der sich für dich abmüht und dich tun läßt, was du willst. Besinne dich also jetzt und erkenne den Irrtum, worin du lebst! Lüfte von deinen Augen den Schleier, der sie umdämmert und dich den Weg, den du einzuschlagen hast, nicht wahrnehmen läßt! Entschließe dich, deinen Sinn auf eine andere zu richten, die deiner wert ist! Die Zeit der Karnevalsfreuden und der Feste beginnt. Nimm teil an allen, und wenn du dabei zufällig einmal in die Nähe derjenigen kommen solltest, der du so lange Zeit vergebens dientest, so schaue nicht auf sie, sondern in den Spiegel deiner seitherigen Liebe zu ihr, wodann du gewißlich insofern einen Ersatz für deine Leiden findest, als der gerechte Zorn, der dich darob ergreifen muß, deine blinde Leidenschaft aufhebt und dich der Freiheit wiedergibt.« Der getreue Freund suchte seinen Romeo auch noch mit anderen Gründen zu seiner Meinung zu überreden, und so entschloß sich derselbe zuletzt, nachdem er ihn ruhig angehört hatte, ihm zu folgen. Er fing an, Feste zu besuchen, und wo er irgend seine Spröde ersah, wendete er den Blick von ihr ab und auf andere Schönen, um eine zu suchen, die ihm gefiele, gleich als ob er auf den Markt gegangen wäre, um Tuch oder Pferde zu kaufen. Als er nun dieser Tage, wie schon gesagt, auf Capellettos Fest gegangen war, mit dem er allerdings nicht befreundet war, jedoch sich auch gerade nicht absichtlich anfeindete, so blieb er eine Weile daselbst mit der Maske vorm Gesicht und nahm sie alsdann ab, indem er sich in einen Winkel niedersetzte, wo er alle Anwesenden in dem großen Saale übersehen konnte, dessen heller Kerzenschimmer gleichsam mit dem Tageslichte wetteiferte. Jedermann und zumal die Damen sahen auf Romeo und verwunderten sich, daß er, und zwar zur Nachtzeit, so sorglos in diesem Hause weilte; indessen wurde er wegen seiner guten Eigenschaften allgemein gern gesehen, und seine Feinde achteten eben nicht so sehr auf ihn, als sie vielleicht würden getan haben, wenn er älter gewesen wäre. So betrachtete denn Romeo im stillen die schönen Frauen des Festes, die eine mehr, die andere weniger, je nachdem ihre Reize seine Aufmerksamkeit erregten, und erlustigte sich auf diese Weise, ohne zu tanzen, als er mit einem Male ein außermaßen schönes Mädchen wahrnahm, das er nicht kannte. Sie gefiel ihm so unendlich wohl, daß er dafür hielt, niemals eine schönere und anmutvollere Jungfrau gesehen zu haben; ja es wollte ihm sogar scheinen, als ob ihre Reize ihm immer bedeutender in das Auge fielen, je länger und angestrengter es auf ihnen ruhte. Er begann mit ihr zu liebäugeln, vermochte immer weniger seine Blicke von ihr abzuwenden und gelobte sich in der ungewohnten Freude, die sein Herz über ihren Anblick empfand, alles aufzubieten, um ihre Gunst und Liebe zu erlangen. Also wurde denn seine bisherige Liebe zu jener anderen Jungfrau von dieser neuen Flamme überwunden, die nicht eher als mit seinem Tode erlosch. In dieses schöne Labyrinth eingegangen, wagte Romeo nicht, den Namen seiner süßen Augenweide zu erfragen, sondern sog aus ihr das Gift der Liebe mit jeder Gebärde und von jedem Reize des schönen Mädchens ein, das er in seinem Winkel immerdar an sich vorübertanzen sah. Julia – denn so lautete ihr Name, die die Tochter des Hauses war – kannte zwar auch ihrerseits Romeo nicht; aber er erschien ihr als der ausgezeichnetste und schönste Jüngling der festlichen Versammlung, und sie fand eine so wundersame Befriedigung darin, ihn zuweilen mit einem verstohlenen süßen Blicke anzusehen, daß ihr Herz ihr von unbeschreiblichem Entzücken anschwoll. Die Jungfrau wünschte sehnlich, daß Romeo zum Tanze antreten möchte, damit sie ihn besser sähe und sprechen hörte; denn es wollte ihr bedünken, daß seine Rede ebenso viele Süßigkeit aushauchen müßte, als ihre durstigen Blicke aus seinem Anschauen sogen; nur blieb er allein unbeweglich sitzen und schien keine Lust zu bezeigen, zu tanzen, weil sein ganzer Sinn sich auf die Erscheinung des schönen Mädchens richtete. So verloren sich beide in ihren gegenseitigen Anblick, und wenn sich dabei zuweilen ihre Augen begegneten und deren feurige Strahlen ineinanderflossen, so versah sich ein jedes von ihnen der Verliebtheit des anderen leicht: denn sie erfüllten dann die Luft mit schweren Seufzern und gaben durch sie zu verstehen, daß sie damit nichts Ferneres ersehnten, als ihre heißen Liebesflammen einander zu offenbaren.

Mittlerweile kam die Mitternacht und das Ende des Balles heran, und man bereitete sich, ihn mit dem Fackeltanze, den andere den Tanz mit dem Hute nennen, zu beschließen. Romeo wurde zu dieser Belustigung von einer Dame aufgefordert, trat also mit im Kreise an und gab, nachdem er seine Pflicht getan hatte, die Fackel einer Dame, worauf er, wie es ihm die Regel des Tanzes gestattete, sich neben Julia stellte, die er zu unsäglichem Vergnügen beider bei der Hand faßte. Neben Julia stand auf der anderen Seite einer, namens Marcuccio, der Schielende, der ein großer und allgemein beliebter Hofmann war, weil er immer einen witzigen Einfall oder eine launige Geschichte in Bereitschaft hatte, um die Gesellschaft damit zu unterhalten oder lachen zu machen. Er hatte jederzeit, winters und sommers, so wie das kälteste Alpeneis, kalte Hände, die immer noch frostig blieben, wenn er auch schon die längste Weile am Feuer gesessen und sie gewärmt hatte. Wie nun Julia fühlte, daß er ihre linke Hand ergriff, so wendete sie sich, deren Rechte Marcuccio hielt, wohl begierig, ihn sprechen zu hören, heiteren Angesichtes ein wenig nach ihm hin und sagte mit bebender Stimme: »Gesegnet sei mir Eure Ankunft an meiner Seite!«, indem sie seine Hand liebevoll drückte. Der Jüngling, der aufgeweckten Geistes und nichts weniger als blöde war, erwiderte zärtlich ihren Händedruck und sagte: »Madonna! In welcher Weise wird mir Euer Segen zuteil?«, wobei sein um Erbarmen flehendes Auge an ihrem Munde hing. Süß lächelnd antwortete sie ihm: »Verwundert Euch nicht, junger Herr, daß ich Eure Ankunft neben mir segne: denn Herr Marcuccio hat mich schon seit langer Zeit mit der Eiseskälte seiner Hand erstarrt, und es erwärmt mich nun die Zartheit der Eurigen wieder.«

Hierauf sprach Romeo sogleich: »Mein Fräulein! Es ist mir unendlich lieb, gleichviel auf welche Art, Euch einen Dienst zu erweisen, und ich versichere Euch, daß ich ganz der Eurige bin. Wofern Euch aber meine Hand erwärmt, wie Ihr mir sagt, so verbrennen mich, das glaubt mir, Eure schönen Augen und werden mich bald ganz und gar zu Asche verwandelt sehen, wenn Ihr mir nicht hilfreich beistehen wollt, diese Flamme auszuhalten.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, so war auch der Fackeltanz zu Ende, und die liebeglühende Julia hatte nur noch so viel Zeit, mit einem abermaligen Seufzer und einem Drucke der Hand ihm zu entgegnen: »Ich weiß Euch, meiner Treu, nichts weiter zu sagen, als daß ich Euch mehr als mir selbst zu eigen bin.« So schieden sie voneinander, und es blickte Romeo ihr mit spähendem Auge nach, wo sie hinginge, bis er dann bald erkannte, daß sie die Tochter des Hausherrn sei, und ein wohlwollender Mann, den er nach ihr und anderen Frauen befragte, ihm diese erlangte Kenntnis bestätigte. Er wurde nun zwar darüber auf das übelste gelaunt, indem er einsah, wie gefährlich und schwer es für ihn sein würde, diese Liebe zu einem glücklichen Ausgange zu führen; aber die Wunde war einmal offen, und das verderbliche süße Gift drang in sie hinein. Auf der andern Seite trug Julia sehnliches Verlangen, zu wissen, wer der Jüngling sei, dem sie sich schon so gänzlich hingegeben fühlte, und sie rief ihre alte Amme und fragte sie, mit ihr in ein Zimmer gehend und an ein Fenster tretend, das von den auf der Straße brennenden vielen Fackeln ganz erhellt war, bald, wer der in dem und dem Kleide, bald, wer jener, der den Degen in der Hand trüge, und endlich auch, wer der mit der abgenommenen Maske sei? Die gute Alte, die fast alle Leute kannte, nannte ihr den einen wie den anderen, und also auch Romeo, dessen Namen sie recht wohl wußte.

Als die Jungfrau den Zunamen Montecchio aussprechen hörte, wurde sie vor Schrecken halb betäubt und verzweifelte, bei der zwischen beiden Familien herrschenden Feindschaft, ihren Romeo jemals zum Gatten zu erhalten; jedoch verriet sie ihr Mißvergnügen darüber durch kein einziges Zeichen. Sie ging zu Bette und konnte freilich in dieser Nacht wenig oder gar nicht schlafen, weil die verschiedenartigsten Gedanken ihr durch den Sinn zogen; aber Romeo zu lieben konnte und wollte sie nicht aufhören, so heftig war sie für ihn und seine Schönheit entbrannt, welche letztere alle Hoffnungslosigkeit ihrer Vernunft überwältigte. Indem sie so ein Spielball der entgegengesetztesten Gedanken und Gefühle war, sprach sie des öfteren zu sich selbst: »Wohin lasse ich mich nur von meinem unablässigen Verlangen irreleiten? Weiß ich Törin denn schon, ob mich Romeo liebt? Vielleicht hat der Verschlagene jene Worte nur gesagt, um mich zu täuschen und mir etwa meine Ehre zu rauben, über deren Verlust er mich dann bei dem wilden Hasse verspotten möchte, der unsere beiderseitigen Verwandten alle Tage mehr zu entzweien scheint? Aber es verträgt sich doch nicht mit der Hoheit seines Gemütes, daß er diejenige hintergehen sollte, die ihn liebt und anbetet. Und wenn das Antlitz der Spiegel der Seele ist, so kann ja seine Schönheit unmöglich ein so hartes, unerbarmendes Herz verkündigen, sondern es steht von einem solchen Jünglinge vielmehr nichts anderes als Liebe und Edelsinn zu erwarten. Nehme ich nun indessen an, wozu ich allerdings berechtigt zu sein glaube, daß er mich wirklich liebt und zu seinem Weibe erkiesen will, – darf ich mir da wohl auch vernünftigerweise einbilden, daß mein Vater jemals in diese Heirat willigen wird? Jedennoch, wer weiß, ob nicht durch ein solches Verwandtschaftsband eine immerwährende Eintracht und ein sicherer Frieden zu vermitteln wäre ? Ich habe mehrmals sagen hören, daß durch Ehebündnisse nicht allein bei Bürgern und Edelleuten Uneinigkeit geschlichtet, sondern auch unter großen Herren und Königen grausame Kriege beendet und starke Freundschaften, zu männiglich Genügen, gestiftet worden sind. Vielleicht bin ich bestimmt, diese beiden Geschlechter auf ähnliche Weise zu beruhigen?«

Indem sie auf diesem Gedanken beharrte, zeigte sie Romeo jedesmal, wenn er in diese Stadtgegend kam, ein heiteres Angesicht und ermutigte ihn also, der nicht minder wie sie mit sich selbst im Kampfe lag und bald hoffte, bald verzweifelte, allen Gefahren zum Trotz Tag und Nacht vor ihrem Hause zu verweilen oder vorüberzuwandeln und sich an den Äußerungen ihrer Freundlichkeit gegen ihn immer mehr in Liebe zu entzünden.

Julias Zimmer hatte die Aussicht nach einem sehr schmalen Wege, auf dessen anderer Seite ein Gemäuer lag. Wenn nun Romeo, die Straße vorüberwandelnd, an den Eingang dieses Weges kam, so erblickte er von da gewöhnlich die ihm mehr als wohlwollende Julia an ihrem Fenster. Des Nachts betrat er auch wohl diesen Weg, blieb vor ihrem Fenster stehen, weil die Gegend nicht besucht war, und hatte zuweilen die Freude, seine Geliebte reden zu hören. Da geschah es denn auch einmal, daß Romeo daselbst stand und Julia entweder, weil sie ihn hörte, oder aus einer anderen Ursache das Fenster öffnete. Romeo zog sich in das Gemäuer zurück, konnte dies aber nicht so schnell tun, daß sie ihn nicht bei dem hellen Mondschein erkannt hätte. Sie befand sich allein in ihrem Zimmer und rief ihn, leise zu ihm sagend: »Romeo! Was tut Ihr allein zu dieser Stunde hier? Wenn Ihr betroffen würdet, Unglücklicher! Was sollte aus Eurem Leben werden? Bedenkt Ihr nicht die wilde Feindschaft zwischen den Eurigen und den Unseren, die schon so viele getötet hat? Ihr würdet ganz gewiß zu Eurem großen Schaden und zu meiner geringen Ehre von ihnen umgebracht werden!«

»Gebieterin!« antwortete Romeo, »meine Liebe zu Euch ist schuld, daß ich zu dieser Stunde hierhergekommen bin, und ich bezweifle gar nicht, daß mich die Eurigen würden töten wollen, wenn sie mich hier finden; ich würde mich indessen nach meinen besten Kräften wehren und nicht allein erliegen, wenn ich auch von der größten Übermacht bedrängt werden sollte. Da ich denn nun aber in diesem Liebesabenteuer jedenfalls sterben muß, welch seligeren Tod als den an Eurer Seite könnte ich finden? Eure Ehre mag ich so wenig irgend beeinträchtigen, daß ich bereit bin, sie mit meinem Blute zu verteidigen. Aber wenn die Liebe zu mir über Euch ebensoviel vermöchte wie die Liebe zu Euch über mich, und wenn Euch an meinem Leben nicht minder gelegen wäre als mir an dem Eurigen, so würdet Ihr alles Leid von uns abwenden und mich zu dem beglücktesten Mann auf Erden machen.«

»Und was wollt Ihr, daß ich tun soll?« fragte Julia.

»Ich wollte«, erwiderte Romeo, »Ihr liebtet mich so sehr, wie ich Euch, und ließet mich in Euer Zimmer ein, auf daß ich Euch dort gemächlicher und ungefährdeter die Größe meiner Liebe und meine herben Leiden um Euretwillen schildern könnte.« Hierauf entgegnete Julia, ein wenig über ihn zürnend: »Romeo, du kennst deine Liebe, ich die meinige, und ich weiß auch, daß ich dich liebe, so sehr man lieben kann, und vielleicht mehr als meine Ehre zuläßt. Aber ich sage dir, daß du in einem großen Irrtume befangen und nicht eines Sinnes mit mir bist, wenn du vermeinst, mich anders als in der heiligen Vereinigung der Ehe zu besitzen. Du hältst dich hier des öfteren in einer gefährlichen Nachbarschaft auf und könntest einmal in schlimme Hände fallen, worüber ich mich nimmer zufriedengeben würde; wofern du denn aber ebenso sehnsuchtsvoll wünschest, mein zu sein, als ich ein ewiges Verlangen trage, dir anzugehören, so nimm mich zu deinem ehelichen Gemahle: ich werde bereit sein, dir als solches allerwärts zu folgen, wohin es dir gefällt. Wenn du hingegen anderen Sinnes bist, so gehe fürder deine eigenen Wege weiter und überlasse mich in Frieden mir selbst!«

Romeo, der nichts mehr als dies wünschte, wozu sie ihn aufforderte, sprach ihr fröhlichen Mutes diese Gesinnung aus, und sodann fügte Julia noch hinzu: »Nun, so lebe wohl! Damit aber unser Vorhaben nach Würden gut vollbracht werde, so wünsche ich, daß der ehrwürdige Bruder Lorenzo von Reggio, mein geistlicher Vater, uns traue.«

Sie kamen deswegen miteinander überein und beschlossen, daß Romeo, der ihn sehr genau kannte, des nächstkommenden Tages mit ihm Rücksprache nähme. Dieser fromme Bruder gehörte zu dem Orden der Minoriten, war Magister der Theologie, ein großer, in vielen Dingen erfahrener Philosoph und ein sehr geschickter Destillierer und in der Magie bewandert. Da er zu gleicher Zeit diesen seinen Lieblingsbeschäftigungen nachleben und bei dem gemeinen dummen Volke doch in gutem Ansehen bleiben wollte, so betrieb er jene so geheim als möglich und suchte sich desgleichen für alle Fälle an irgendeinem mächtigen Edlen eines Schutzes und einer Zuflucht zu vergewissern, die ihm unter anderen Freunden denn auch Romeos Vater, ein in Verona höchst einflußreicher Mann, verlieh, der den guten Bruder gewissermaßen für einen Heiligen ansah. Auch Romeo liebte ihn außerordentlich und wurde von dem Bruder wiedergeliebt, weil der ihn als einen klugen, hoffnungsvollen Jüngling kannte. Überdies ging Lorenzo nicht bloß im Hause der Montecchi ein und aus, sondern galt auch viel bei den Capelletti und hatte die Hälfte des Adels von Verona, Männer sowohl wie Frauen, zu Beichtkindern.

Nachdem Romeo also mit der besagten Übereinkunft von Julia Abschied genommen hatte, ging er nach Hause und mit dem folgenden Morgen nach dem Franziskanerkloster, wo er dem Bruder den ganzen Verlauf seiner Liebe und seine und Julias gemeinschaftliche Wünsche eröffnete. Bruder Lorenzo hörte ihn an und versprach, alles zu tun, was Romeo verlangte, weil er entweder ihm nichts abschlagen konnte oder durch dieses Mittel die Capelletti und die Montecchi miteinander auszusöhnen und sich bei Herrn Bartolomeo in Gunst zu setzen hoffte, welcher letztere eifrigst wünschte, den durch die gegenseitigen Feindschaften der beiden Geschlechter so oft gestörten Frieden der Stadt endlich einmal auf die Dauer herzustellen.

Das Liebespaar wartete nun auf die Gelegenheit zu beichten, um seinen Entschluß auszuführen; es kam die Fastenzeit heran, und Julia hielt es zu desto größerer Sicherheit für geraten, sich ihrer Amme anzuvertrauen, die mit ihr in einem Zimmer schlief. Sie erzählte ihr einmal die ganze Geschichte ihrer Liebe, und wiewohl die alte Frau sie darüber genugsam ausschalt und ihr von ihrem Vorhaben abriet, so blieb dies doch alles erfolglos, und sie verstand sich am Ende sogar auf Julias Bitten dazu, an Romeo einen Brief zu bestellen. Der Liebende wurde der fröhlichste Mann auf Erden, sobald er ihn gelesen hatte: denn Julia schrieb ihm, er möchte in der fünften Stunde der Nacht unter ihr Fenster, gegenüber dem Gemäuer, kommen und eine Strickleiter mitbringen.

Romeo hatte einen sehr getreuen Diener, den er schon oft in den wichtigsten Dingen in sein Vertrauen gezogen und immer bewährt gefunden hatte. Diesem sagte er jetzt, was er beabsichtigte, und trug ihm die Besorgung einer Strickleiter auf. Pietro befolgte sein Geheiß, und Romeo nahm ihn zu der bestimmten Stunde mit an Ort und Stelle, wo er Julia seiner harrend fand. Sobald Julia ihn erkannt hatte, ließ sie den Bindfaden herunter, den sie in Bereitschaft hielt, und zog daran die Strickleiter empor, welche sie mit Hilfe ihrer Amme an dem Fenstergitter befestigte. Romeo dagegen stieg alsbald zu ihr hinauf und unterredete sich mit ihr durch das Gitter, das so dicht und stark war und kaum eine Hand durchzustecken gestattete.

Nach den ersten liebreichen Begrüßungen sprach Julia zu ihrem Geliebten: »Mein teurer Freund, der mir lieber als das Licht meiner Augen ist, ich habe dich zu mir beschieden, um dir zu sagen, daß ich mit meiner Mutter übereingekommen bin, des nächsten Freitags zur Stunde der Predigt beichten zu gehen. Benachrichtige davon den Bruder Lorenzo, damit er alles vorbereite!«

Romeo entgegnete ihr, der Bruder sei schon vorläufig unterrichtet und ihre Wünsche zu erfüllen willig, und hierauf sprachen sie noch eine Weile miteinander, bis es ihnen an der Zeit zu sein schien, sich zu trennen, und Romeo, herabgestiegen, mit dem die Leiter tragenden Pietro wieder von dannen ging, der inzwischen in dem Gemäuer verborgen gewesen war. Julia blieb im Innersten vergnügt zurück und glaubte, daß es eine Ewigkeit währe, bis sie die Gattin ihres Romeo sei, und auch Romeo plauderte auf dem Heimwege heitersten Sinnes mit seinem Vertrauten über sein ihm bevorstehendes Glück.

Als der Freitag genaht war, ging Frau Giovanna, Julias Mutter, der Abrede gemäß, mit ihrer Tochter und ihren Dienerinnen nach San Francesco, trat in die Kirche ein und fragte nach dem Bruder Lorenzo. Auf alles vorbereitet, hatte der Bruder Romeo bereits in die Zelle seines Beichtstuhles eingeschlossen und kam zu der Dame, die zu ihm sagte: »Mein Vater! Ich bin zur frühen Stunde genaht, zu beichten, und habe Euch meine Julia mitgebracht, da ich weiß, daß Ihr den ganzen Tag über mit Beichten Eurer vielen geistlichen Kinder beschäftigt sein werdet.«

Der Bruder bewillkommnete sie in Gottes Namen, gab ihnen seinen Segen und ging in das Kloster in seinen Beichtstuhl, wohin ihm Julia zuerst folgte, indem sie die Tür hinter sich abschloß und ihm das Zeichen gab, daß sie da sei. Der Bruder machte das Gitter los und sagte zu Julia: »Meine Tochter, nach dem, was mir Romeo versichert hat, war es ebensowohl dein Wunsch, seine Gattin, als der seinige, dein Gatte zu werden. Bist du gegenwärtig noch ebenso gesinnt?«

Die Liebenden erwiderten ihm, daß dies ihr höchstes Verlangen sei, und also sprach der fromme Bruder, nachdem er einige Worte über die Heiligkeit der Ehe vorausgeschickt hatte, die in der christlichen Kirche gebräuchliche Trauungsformel, und Romeo steckte seiner geliebten Julia zu ihrer beiderseitigen unsäglichen Freude den Ring an. Romeo traf sodann mit ihr die Verabredung, in der nächstfolgenden Nacht zu ihr zu kommen, küßte sie durch die Öffnung des Fensterchens und verließ heimlich Zelle und Kloster, indem er wieder an seine Geschäfte ging. Der Bruder befestigte das Gitter von neuem solchergestalt an seinem Ort, daß von dessen geschehener Abnahme nichts ersichtlich blieb, und hörte erst die Beichte des zufriedenen Mädchens und darauf die ihrer Mutter und anderer Frauen an.

Zur anberaumten Stunde der Nacht ging Romeo mit Pietro an eine gewisse Stelle der Gartenmauer des Hauses seiner Neuvermählten, stieg unter dem Beistande seines Dieners darüber hinweg in den Garten und fand Julia darin vor, die mit ihrer Amme auf ihn wartete. Als die Liebenden einander sahen, flogen sie sich mit ausgebreiteten Armen entgegen. Julia warf sich ihrem Romeo an den Hals und vermochte vor übergroßer Seligkeit eine lange Weile kein Wort zu reden, während Romeos Liebesglut ihm dagegen ein Gefühl einflößte, wie er es noch niemals empfunden hatte. Sie fingen an, eines das andere auf das zärtlichste zu küssen und zu liebkosen, und zogen sich dann in die einsamste Gegend des Gartens zurück, um sich ihrer Liebe ungestört zu erfreuen. Nachdem er sich schließlich zu ferneren geheimen Zusammenkünften mit ihr verabredet hatte, küßte Romeo sein geliebtes Weib zu tausend und aber tausend Malen und enteilte aus dem Garten. »Wer lebt gegenwärtig auf Erden, der glücklicher wäre als ich?« sprach er zu sich selbst; »wer vermag sich einer ähnlichen Liebe wie ich zu erfreuen? Wer des Besitzes einer so schönen und so reizenden Braut wie die meinige?« – Auf der anderen Seite pries aber auch die Jungfrau ihr Geschick nicht minder wie er das seinige und zählte sich alle seine schönen oder tugendlichen Eigenschaften auf, indem sie den Himmel bat, ihr den Besitz ihres geliebten Romeo nimmer zu beeinträchtigen.

Es geschah hierauf, daß die jungen Gatten einige Nächte zusammenkamen, andere nicht. Bruder Lorenzo ließ es sich unterdessen angelegen sein, den Frieden zwischen den Montecchi und den Capelletti zu vermitteln, und hatte die Sachen bereits in eine ganz erträgliche Lage, und zwar so weit gebracht, daß er hoffen konnte, beide feindliche Parteien in die Verbindung der Liebenden einwilligen zu sehen. Da begegnete zur Osterzeit plötzlich einmal auf dem Corso in der Nähe des Beutlertores, nach Castelvecchio zu, eine Schar derer, die sich zu den Capelletti hielten, einigen der Montecchi und fielen sie mit blanken Waffen an. Unter den Capelletti war ein leiblicher Vetter Julias, namens Tebaldo, ein Jüngling von sehr heftiger Gemütsart, der die Seinen anfeuerte, wacker auf die Montecchi loszugehen und ihrer keinen zu schonen. Das Handgemenge ward immer wilder, und da den einen wie den anderen Hilfe an Bewaffneten zustieß, so drangen sie immer wütender aufeinander ein und schlugen sich gegenseitig viele Wunden. Da wollte es der Zufall, daß Romeo hinzukam, den eben außer seinen Dienern auch einige seiner jungen Freunde auf einem Spaziergange durch die Stadt begleiteten. Wie er seine Verwandten mit den Capelletti im Kampfe sah, erzürnte er sich sehr, weil er sich allerdings vorstellen konnte, daß dadurch alle die Schritte, die der Klosterbruder zum Frieden getan, vereitelt würden. Um den Aufruhr zu beschwichtigen, rief er seinen Begleitern und Dienern mit lauter Stimme zu, so daß er von vielen, die sich in seiner Nähe befanden, vernommen wurde: »Werft euch zwischen sie, Brüder, und verhütet aus allen Kräften, daß der Kampf länger anhalte! Vermögt sie, die Waffen ruhen zu lassen!« – Ja, er fing nun auch selbst an, die Kämpfenden, sowohl von seiner wie von der feindlichen Partei, zu ermahnen, friedlich auseinanderzugehen, und wehrte ihnen mutig mit Worten und in der Tat. Aber seine Bemühungen blieben dennoch eitel, weil die Gemüter bereits allzusehr erhitzt waren, um auf ihn zu achten.

Schon waren auf beiden Seiten mehrere gefallen, als Tebaldo auf ihn zukam und einen gewaltigen Stoß nach Romeos Seite führte, der indessen an dem Harnische seines Waffenrockes abglitt, ohne ihn zu verwunden. Romeo wendete sich zu Tebaldo und sprach freundlich zu ihm: »Du irrst dich sehr, Tebaldo, wenn du glaubst, daß ich hierhergekommen sei, um mit dir oder den Deinen Händel zu suchen. Ich ging zufällig hier vorüber und verweilte, um zum Frieden zu reden, weil es mein Wunsch ist, daß wir fernerhin wie gute Bürger miteinander leben. Ich ermahne dich also, mir in meiner guten Absicht beizustehen, damit nicht noch mehr Blut vergossen werde und des geschehenen Ärgernisses jetzt genug sei.«

Diese Rede war fast einem jeden vernehmlich; sei es nun aber, daß Tebaldo in der Tat nicht hörte, was Romeo zu ihm gesagt hatte, oder daß er sich den Anschein gab, ihn nicht verstanden zu haben, kurz, er erwiderte ihm: »Ha, Verräter, du bist des Todes!« – indem er ihm wütend nach dem Kopfe hieb. Romeo dagegen, der schon mit den Ärmeln seines Waffenrockes beschützt war, wickelte seinen linken Arm in den Mantel und wehrte damit den Streich vom Haupte ab. Seinerseits aber kehrte er nun die Spitze seines Degens seinem Feinde zu und verwundete ihn gerade in den Hals, den er ihm durch und durch stieß, so daß Tebaldo nach vorn hin tot zu Boden stürzte. Der Lärm, der hierüber entstand, war unendlich; die Scharwache kam dazu, und die Unruhestifter zerstreuten sich nach allen Seiten.

Der über Tebaldos Tod außerordentlich betrübte Romeo flüchtete mit vielen der Seinigen nach San Francesco zum Bruder Lorenzo, und der gute Mönch wollte schier verzweifeln, als er von diesem unerwarteten Unfall Kunde erhielt, der die Feindschaft zwischen den beiden Häusern notwendigerweise neu entflammen mußte. Die Capelletti begaben sich insgesamt zu Herrn Bartolomeo und führten Klage. Auf der anderen Seite bewies jedoch der Vater des verborgenen Romeo nebst den ersten der Montecchi, daß Romeo mit den Seinigen durch die Stadt gelustwandelt und nur zufälligerweise zu dem Streite gekommen sei, den er darauf habe schlichten wollen, bis ihn Tebaldo, trotz seiner gütlichen Abmahnungen, wiederholt angefallen und zur Selbstverteidigung gezwungen habe, die leider einen so üblen Erfolg gehabt. Auf diese Weise klagte die eine Partei die andere höchst erbittert an; da es sich indessen erwies, daß die Capelletti der angreifende Teil gewesen waren, und viele glaubwürdige Zeugen ihre Aussage dahin abgaben, daß Romeo in der Tat die Seinigen aufgefordert hatte, den Streit zu schlichten, sowie auch Tebaldo freundlich angeredet habe, so gebot Herr Bartolomeo allen auf das strengste, die Waffen niederzulegen, und verbannte Romeo nur.

In dem Hause der Capelletti war großes Weinen und Wehklagen über Tebaldos Tod. Julia dehnte sich die Adern durch ihr Weinen aus, das sie gar nicht mäßigen konnte; es war nicht der Tod ihres Vetters, was sie so bitterlich beweinte, und was ihr diese äußerste Betrübnis erregte, sondern die verlorene Hoffnung, nun jemals ihre Eltern ihre Ehe billigen zu sehen, deren möglichen Ausgang sie gar nicht zu ersinnen wußte. Nachdem sie durch den Bruder Lorenzo in Erfahrung gebracht hatte, wo sich Romeo aufhielt, schrieb sie diesem einen ganz mit Tränen getränkten Brief und sendete ihn durch ihre Amme an ihn ab. Sie wußte, daß Romeo verbannt war und sich von Verona entfernen mußte, und bat ihn also darin angelegentlich, sie, wenn es möglich wäre, mit sich zu nehmen. Romeo schrieb ihr wieder, sie solle sich beruhigen, er würde mit der Zeit auf alles bedacht sein; für jetzt wisse er aber noch nicht, wo eine Zuflucht in der Nähe zu suchen sei; auf jeden Fall wünschte er sie noch einmal vor seiner Abreise zu sehen und zu sprechen. Julia bestimmte ihm hierauf zu ihrer letzten Zusammenkunft den verborgenen Ort des Gartens, wo sie in ihrer Hochzeitsnacht beieinander gewesen waren, und so schlich sich Romeo in der nächstfolgenden Nacht unter Bruder Lorenzos Beistande wohlbewaffnet aus dem Kloster und eilte mit seinem getreuen Pietro zu seiner Gattin.

Julia empfing ihn mit unzähligen Tränen. Sie vermochten beide einander lange Zeit kein Wort zu sagen und tranken sich gegenseitig die Tränen von den Wangen, die ihnen daran reichlich hinabflossen. Dann trauerten sie über die ihnen bevorstehende Trennung, brachen in Klagen über das widerwärtige Geschick ihrer Liebe aus und küßten und umarmten sich unablässig auf das innigste. Als die Stunde kam, da sie voneinander scheiden mußten, bat und beschwor Julia ihren geliebten Gatten, so sehr sie es imstande war, sie mit sich zu nehmen. »Ich will mir mein langes Haar abschneiden, teurer Freund«, sprach sie zu ihm, »und mich als Knabe verkleiden, um mit dir zu gehen, wohin du irgend willst, und um dir liebevoll zu dienen. Wer könnte dir denn ein getreuerer Diener als ich sein? Oh, mein bester Mann! Erzeige mir diese Gunst und laß mich ein und dasselbe Schicksal mit dir teilen!«

Hiergegen nun ermutigte sie Romeo mit den freundlichsten Trostworten und sprach ihr seine Überzeugung aus, daß sein Bann gewiß in kurzem widerrufen werden würde, wie der Fürst es bereits auch seinen Vater habe hoffen lassen, ja, daß er auf das längste nur ein Jahr dauern könne, weil, wenn inzwischen die ihre Familien entzweiende Fehde nicht gütlich beigelegt worden sei, der Herr selbst sich darein mischen wolle, um sie ein für allemal zu beendigen. Zuletzt noch sagte er ihr, es möge geschehen, was da wolle, – wenn er die Sachen sich in die Länge ziehen sehe, so würde er einen schnellen Entschluß fassen und sie, nicht als einen Pagen verkleidet, sondern als sein rechtmäßiges Weib und als seine Gebieterin mit sich entführen, da es ihm ja unmöglich sei, lange Zeit ohne sie zu leben. Desungeachtet fühlte sich das trostlose Mädchen unfähig, ihre Tränen zu stillen, und so sagten sie sich endlich, als die Morgenröte anbrach, ein überaus schmerzliches Lebewohl, indem Romeo nach San Francesco, Julia in ihr Zimmer zurückkehrte.

Zwei oder drei Tage später, nachdem Romeo seine Angelegenheiten so weit geordnet hatte, verließ er Verona, als fremder Kaufmann verkleidet, heimlich in sicherer Begleitung und gelangte glücklich nach Mantua, woselbst er ein Haus mietete und auf eine ehrenvolle Weise lebte, da es ihm sein Vater an nichts fehlen ließ. Julia weinte und seufzte indessen unablässig, aß fast gar nicht und schlief noch weniger, weil sie es die Nächte wie die Tage trieb, und wurde deshalb zu wiederholten Malen um die Ursache ihres Kummers von ihrer sie zärtlich liebenden Mutter befragt, die sie ermahnte, sich ihr anzuvertrauen und ihrem Leidwesen doch endlich ein Ziel zu setzen, das eines Vetters wegen etwas allzu weit gehe. Julia erwiderte ihr, sie wisse nicht, worum sie sich so härmen müsse, und fuhr fort, sich, sooft sie es nur imstande war, aus der Gesellschaft der Ihrigen zu stehlen, um ihren düsteren Gedanken nachzuhängen. Sie zehrte sich darüber so sehr ab und wurde so schwermütig, daß ihre Schönheit dem, was sie früher gewesen war, nicht mehr im geringsten ähnlich sah. Romeo schrieb ihr häufige Briefe und vertröstete sie immer mit der Hoffnung, bald wieder bei ihr zu sein. Er bat sie zwar auch inständigst, heiteren Sinnes zu sein und sich zu vergnügen; es blieb aber alles umsonst, weil nichts Geringeres als Romeos eigene Gegenwart sie trösten konnte.

Da wurde Julias Mutter plötzlich der Meinung, die Betrübnis ihrer Tochter möge daher rühren, daß mehrere ihrer Gespielinnen seit kurzem verheiratet worden waren und sie desgleichen nach der Ehe Verlangen trüge. Sie teilte diesen ihren Gedanken ihrem Gatten mit und sagte zu ihm: »Mein lieber Freund! Unsere Tochter führt das trübseligste Leben von der Welt und tut nichts als weinen und seufzen, indem sie jedermanns Gesellschaft flieht. Ich habe sie zwar mehrere Male um die Ursache ihres Mißmutes befragt und diese auf jede Weise zu erforschen getrachtet; jedoch meine Bemühungen darum sind fruchtlos geblieben. Sie antwortet mir standhaft nichts anderes, als daß sie nicht wisse, was ihr fehle, und alle Leute im Hause zucken die Achseln und wissen nicht, was sie dazu sagen sollen. So viel ist sicher, daß irgendeine heftige Leidenschaft sie quält, weil sie sich so wie Wachs am Feuer aufzehrt. Ich habe diese Sache auf tausenderlei Weise bedacht und am Ende eine Möglichkeit als die wahrscheinlichste ihrethalb im Sinne behalten: ich glaube nämlich, daß Julias Niedergeschlagenheit daher kommt, daß alle ihre Jugendgespielinnen in diesem Karneval Gattinnen geworden sind und nur allein von ihrer Verheiratung noch nicht die Rede ist. Da nun unser Kind am bevorstehenden Sankt Euphemientage volle achtzehn Jahre alt wird, so will ich ein Wort, das sie betrifft, mit dir reden, mein lieber Gemahl, weil es mir eben jetzt an der Zeit zu sein scheint, daß du Sorge trägst, ihr einen ihr ebenbürtigen Ehegatten zu verschaffen, die da in der Tat keine immerdar im Hause zu behaltende Ware ist.«

Herr Antonio hatte den Vorschlag seiner Gemahlin angehört und erwiderte ihr, da er ihm nicht zur Unzeit geäußert schien: »Ich will recht gern alles tun, liebe Frau, was geeignet sein mag, unserer Tochter einen ihrem Stande gemäßen ehelichen Gemahl auszufinden, insofern du mir von ihr sagst, daß ihre Traurigkeit aus ihrem Wunsche, vermählt zu werden, entspringe; aber suche du nur mittlerweile von ihr zu erspähen, ob sie etwa gar schon einen Liebeshandel hat, und welcher Mann ihr vorzugsweise angenehm sein dürfte?«

Frau Giovanna versicherte ihm, daß sie das Ihrige tun würde, und ermangelte nicht, ihre Tochter und deren Dienerschaft aufs neue, wiewohl vergebens, auszuforschen.

Zu derselben Zeit wurde in dem Hause des Herrn Antonio der Graf Paris von Lodrone, ein sehr reicher und schöner junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, bekannt, der sich bei fortgesetztem Umgang um die Hand der Tochter bewarb. Herr Antonio eröffnete dessen Absichten seiner Frau, und diese, der ein solcher Antrag sehr erwünscht und ehrenvoll erschien, sprach deswegen mit Julia, die jedoch zu ihrer großen Verwunderung sich äußerst betroffen und traurig darob erwies. Nachdem nun Frau Giovanna, die dieses Betragen nicht durchschauen konnte, mancherlei Auseinandersetzungen deswegen mit Julia gehabt hatte, sagte sie zu ihr: »Aus dem, was ich sehe, meine Tochter, schließe ich, daß du gar keinen Mann haben willst. Gedenkst du eine Betschwester oder eine Nonne zu werden? Sprich mir deine Gesinnungen aus!«

Julia antwortete ihr, sie wolle weder eine Betschwester noch eine Nonne werden und wisse gar nicht, was sie anderes wolle als sterben.

Die Mutter war über diese Erklärung ebenso unwillig als erstaunt und wußte nicht, was sie darauf sagen oder tun sollte. Die Hausgenossen insgesamt gaben ihr keine andere Auskunft, als daß Julia seit ihres Vetters Tode durchaus niedergeschlagen geblieben sei und nicht aufgehört habe zu weinen, ohne sich etwa auch nur ein einziges Mal wieder am Fenster sehen zu lassen. Frau Giovanna hinterbrachte alles dies dem Herrn Antonio, und er berief seine Tochter zu sich, zu der er nach einigen vorläufigen Worten sagte: »Ich sehe dich, meine Tochter, gegenwärtig in deinem mannbaren Alter, und ich habe dir in dem Herrn und Grafen von Lodrone einen schönen, reichen und edlen Gatten auserwählt. Sei du denn auch bereit, dich meinem guten Willen fügend, ihn als solchen anzunehmen: so ehrenvolle Anträge wie der seinige kommen selten vor.«

Hierauf entgegnete ihm Julia, mit kühnerem Mute als einem Kinde zusteht: daß sie sich gar nicht verheiraten wolle. Der Vater wurde dadurch so entrüstet und erzürnt, daß er drauf und dran war, sie zu schlagen. Er schalt sie mit den härtesten Worten aus und erklärte ihr schließlich: sie möge nun wollen oder nicht, so habe sie sich bereitzuhalten, in drei oder vier Tagen mit ihrer Mutter und anderen Verwandten nach Villafranca zu gehen, wohin auch Graf Paris mit seinem Gefolge kommen würde. Leiste sie hiergegen auch nur den mindesten Widerstand, so könne sie darauf gefaßt sein, daß er ihr den Kopf schon zurechtrücken und sie zu dem unglücklichsten Geschöpf auf Erden machen würde.

Was Julia hierbei denken und fühlen mußte, mag sich ein jeder, der einmal in Liebe befangen war, selbst vorstellen. Sie war wie vom Donner gerührt. Ein wenig wieder zu sich gekommen, benachrichtigte sie durch den Bruder Lorenzo ihren Romeo von dem Vorgefallenen, und Romeo schrieb ihr zurück, sie solle nur gutes Mutes sein, er würde sie binnen kurzem aus dem Hause ihres Vaters nach Mantua entführen. Sie war nun wohl gezwungen, nach Villafranca zu gehen, wo ihr Vater ein schönes Gut besaß; sie ging aber geradeso vergnügt dahin, wie ein gehängt zu werden Verurteilter zum Galgen. Graf Paris war schon dort und sah sie während der Messe in der Kirche, wo sie ihm trotz ihrer Magerkeit, Blässe und Schwermut so wohl gefiel, daß er gleich darauf in Verona mit ihrem Vater den Ehevertrag abschloß. Als nun Julia ebenfalls nach Verona zurückgekehrt war, empfing ihr Vater sie mit dieser Nachricht und ermahnte sie, willigen Gehorsam zu leisten. Julia hatte Kraft genug, die Tränen zurückzuhalten, von denen ihre Augen überflossen, und antwortete nichts. Sodann versichert, daß die Hochzeit in der Mitte des bevorstehenden Monats September stattfinden solle, und unfähig, sich in einer so großen Not zu raten und zu helfen, nahm sie sich vor, selbst zu dem Bruder Lorenzo zu gehen, um seinen hilfreichen Beistand anzusprechen. Da das Fest der Himmelfahrt der heiligen Jungfrau Maria nahe bevorstand, so nahm Julia diesen Vorwand, zu ihrer Mutter zu sagen: »Meine liebe Mutter, ich bin durchaus nicht imstande, zu begreifen, woher die tiefe Schwermut kommt, die mich so zu Boden drückt. Seitdem Tebaldo tot ist, habe ich nicht wieder fröhlich sein können, und es ist mir, als ob es täglich schlimmer mit mir werden wollte, weil mir ganz und gar nichts hilft. Ich habe mir deswegen vorgesetzt, an diesem heiligen Feiertage der Mutter Gottes, unserer himmlischen Fürsprecherin, zu beichten, damit mir vielleicht durch ihre Vermittlung einige Erleichterung meiner Trübsal zuteil werde. Was sagst du dazu, mein süßes Mütterchen? Bedünkt es dir gut, daß ich vollbringe, was mir in den Sinn gekommen ist? Wofern du der Meinung wärest, daß ich anders handeln müßte, so belehre mich eines bessern: denn ich weiß wahrhaftig nicht, wo mir der Kopf steht.«

Frau Giovanna, die eine sehr gutgesinnte und fromme Dame war, billigte den Entschluß ihrer Tochter höchlich und hielt sie allen Ernstes dazu an, ihn auszuführen. Sie gingen beide miteinander nach San Francesco und verlangten nach dem Bruder Lorenzo, den Julia, als sie sich in seinem Beichtstuhle ihm gegenüber befand, solchergestalt anredete: »Es lebt kein Mensch auf Erden, mein Vater, der besser als Ihr wüßte, was zwischen mir und Romeo vorgefallen ist; ich brauche Euch also nicht daran zu erinnern. Ihr werdet desgleichen des Briefes eingedenk sein, den ich Euch lesen ließ und alsdann an Romeo absendete, worin ich diesem schrieb, daß mein Vater mich dem Grafen Paris von Lodrone zur Ehe versprochen habe. Romeo schrieb mir zwar darauf wieder, daß er kommen und handeln würde; aber Gott weiß, wann dies geschieht? So, wie die Sachen jetzt stehen, ist über mich der Beschluß gefaßt worden, daß ich im nächsten Monat September wohl oder übel vermählt werden soll. Die Zeit drängt, und ich sehe keinen Ausweg vor mir, diesem Lodrone, der mir wie ein Räuber und Mörder vorkommt, weil er nach anderer Gute trachtet, zu entfliehen. Helft und ratet nun Ihr mir! Ich kann mich ja in mein Schicksal nicht ergeben, denn ich bin Romeos Gattin, dem ich einzig und allein für immer angehöre, und dessen Ehe mit mir vollzogen ist. Verschafft Ihr mir doch, mein Vater, wenn Ihr es vermögt, etwa einen vollständigen Pagenanzug, in den ich mich kleiden könnte! Ich verließe darin am späten Abende oder am frühen Morgen unerkannt Verona und eilte nach Mantua, wo ich in dem Hause meines Romeo die sicherste Zufluchtsstätte fände.«

Auf diesen nicht eben fein ersonnenen Anschlag, der des Bruders Beifall nicht erlangte, erwiderte derselbe: »Dies ist um deswillen nicht auszuführen, meine Tochter, weil es dich allzu großer Gefahr aussetzen würde. Du bist zu jung und zart, und du würdest die Beschwerlichkeiten einer dir so ungewohnten Reise zu Fuß nicht ertragen. Dann kennst du auch den Weg nicht und würdest nur zwecklos hin und wider irren. Sobald dich dein Vater zu Hause vermißte, sendete er seine Diener gewiß nach allen Seiten hin in der Stadt und auf das Land nach dir aus und würde dich in kurzer Zeit aufgefunden haben, worauf er, wenn du wieder in sein Haus gebracht worden wärest, die Ursache deiner Flucht durchaus würde erfahren wollen. Ich weiß nicht, wie du all die Drohungen und vielleicht sogar die Mißhandlungen, die dir wohl darum von den Deinigen zuteil würden, aushalten möchtest; denn anstatt daß ein solches Wagnis dir hätte helfen sollen, deinen Romeo wiederzugewinnen, würdest du dadurch die Hoffnung verlieren, ihn jemals wiederzusehen.«

Von diesen überzeugenden Worten des Bruders besiegt, entgegnete ihm Julia: »Da Euch denn nun aber mein Vorschlag nicht gut bedünken will, und da ich Euch glaube, so ratet Ihr mir anders und lehrt mich, diesen verwickelten Knoten meines Schicksals zu lösen, damit ich womöglich auf eine andere Weise wieder mit meinem Romeo vereinigt werde, ohne den ich nicht leben kann. Oder wenn Ihr dies nicht vermögt, so steht mir wenigstens bei, daß ich wo nicht Romeo, doch auch keinem anderen zuteil werde! Romeo hat mir gesagt, daß Ihr ein großer Kenner der geheimen Kräfte der Natur sowie imstande seid, ein Wasser zu bereiten, daß binnen zwei Stunden schmerzlos einen Menschen tötet. Gebt mir von diesem Wasser so viel, als hinreicht, mich von dem Grafen zu befreien, da Ihr mich auf keine andere Weise meinem Romeo erhalten könnt! Bei seiner so großen Liebe zu mir wird er mich lieber sterben als lebendig in eines anderen Armen sehen. Ihr würdet mich und mein ganzes Haus also vor einer großen Schande bewahren; denn wenn ich keine andere Rettung aus diesem stürmischen Meere ersehe, auf dem ich jetzt in einem schwachen Kahne unstet umtreibe, so versichere ich Euch, bei meiner Treue, die ich ganz gewiß nicht brechen werde, daß ich gegen mich selbst wüten und mir mit einem scharfen Messer eines Nachts die Pulsader durchschneiden werde. Ich will weit lieber auf mein Leben als auf meine Romeo angelobte eheliche Treue verzichten.«

Der Bruder war ein geschickter Physiker, der zu seiner Zeit viele Länder durchwandert und sich in vielerlei Dingen versucht hatte, so daß er unter anderem auch mit den Eigenschaften von Pflanzen und Steinen vertraut war und aus dem Safte einiger einschläfernder Arzneikräuter einen Teig zu machen wußte, der, getrocknet und zerstoßen, ein mit wunderbarer Wirkung ausgestattetes Pulver abgab, indem es, in ein wenig Wasser aufgelöst und getrunken, den, der es genossen hatte, in ein oder zwei Viertelstunden in so festen Schlaf versenkte und seine Lebensgeister dermaßen betäubte, daß der erfahrenste und beste Arzt ihn hätte für tot ansehen müssen. Ein solcher süßer Schlaf pflegte dann wenigstens vierzig Stunden und zuweilen auch noch länger anzuhalten, je nach der Menge des genossenen Trankes und der eigentümlichen Stimmung des Körpers dessen, der ihn getrunken hatte. Sobald die Wirkung des Pulvers vorüber war, erwachte der Schläfer aus seiner langen Bewußtlosigkeit ohne das mindeste Übelbefinden. Wie nun der Bruder die Entschlossenheit der trostlosen Jungfrau klar erkannt hatte, so vermochte er, von Mitleid mit ihr überwunden, kaum seine Tränen zurückzuhalten, und sprach zu ihr mit bewegter Stimme: »Sieh, meine Tochter! Du mußt mir nicht vom Sterben sprechen. Wer einmal gestorben ist, kehrt nicht früher zurück als an dem Tage des Jüngsten Gerichtes, wenn wir Sterblichen zusammen mit allen Toten auferstehen. Du mußt daran denken, leben zu bleiben, solange es Gott gefällt. Er hat uns das Leben gegeben, erhält es uns und nimmt es uns wieder, sobald es dazu an der Zeit ist. Verscheuche du also die schwermütigen Gedanken von dir! Du bist jung und gegenwärtig noch bestimmt, zu leben und dich der Liebe deines Romeo zu erfreuen. Wir werden für alles Mittel finden, zweifle nicht! Du siehst, ich stehe in dieser schönen Stadt in großem Ansehen und in gutem Rufe. Erführe man, daß ich zu deiner heimlichen Vermählung mitgeholfen habe, so würde mir unendlicher Schaden und Schande daraus erwachsen. Was aber müßte nicht erst geschehen, wenn ich dir Gift gäbe? Ich habe keines, und wenn ich auch welches hätte, würde ich dir es doch um meines irdischen gleichwie um meines himmlischen Wohlergehens willen nicht geben. Du weißt ja wohl, daß im allgemeinen nichts von Wichtigkeit geschieht, was nicht durch meine Hände gegangen wäre. Es sind noch nicht vierzehn Tage her, daß der Herr dieser Stadt mich in einer höchst bedeutsamen Angelegenheit zu Rate zog. Deswegen, meine Tochter, will ich mich zwar gern für dich und Romeo bemühen und dazu mitwirken, daß du ihm am Leben erhalten und doch nicht dem Grafen von Lodrone zuerteilt wirst; aber die Sache muß nur so eingerichtet werden, daß kein Mensch jemals etwas davon erfährt. Höre, wie dies geschehen soll!«

Der Bruder schilderte hier der Jungfrau genau die Eigenschaften seines Pulvers, das er schon viele Male erprobt habe, und fügte die Worte hinzu: »Dasselbe ist so wertvoll und tüchtig, daß es dir, in einem gesunden süßen Schlummer, den entschiedensten Anschein des Todes gibt, der sogar den geschicktesten Arzt, wenn er an deinen Puls fühlte, täuschen würde; obgleich es dich hernachmals, wenn du es verdaut hast, ebenso gesund und schön wie allmorgendlich vorher erwachen läßt. Trinkst du es nun etwa in der ersten Frühe beim Erscheinen der Morgenröte aus, so wirst du bald einschlafen und zu der gewöhnlichen Stunde, wenn deine Dienerinnen zu dir kommen, um dich zu wecken, nicht wieder aufwachen. Du wirst ohne Puls, kalt wie Eis daliegen. Sie werden deine Verwandten und Ärzte rufen, – und kurz, jedermann wird dich für tot ansehen, so daß man sich wird genötigt fühlen, dich am Abende in deiner Familiengruft beizusetzen. Dort wirst du eine Nacht und einen Tag gemächlich ruhen; in der nächstfolgenden Nacht aber kommt Romeo mit mir dahin – denn ich werde ihn durch einen besonderen Boten von dem Anschlage benachrichtigen –, um dich heimlich nach Mantua hinwegzubringen und in dieser Stadt zu verbergen, bis zwischen seinem und deinem Hause der langersehnte Frieden endlich gestiftet sein wird, was da, wie ich hoffe, bald geschehen soll. Willst du diesen Weg der Rettung nicht einschlagen, so weiß ich dir nicht anders zu helfen. Siehe aber auch wohl zu, daß du verschwiegen bist und ja dieses unser Geheimnis gegen niemand ausplauderst!«

Julia, die für Romeo durch einen glühenden Ofen, geschweige denn in eine Gruft gegangen sein würde, maß den Worten des Bruders vollen Glauben bei und willigte in seinen Vorschlag, ohne weiter darüber nachzudenken, indem sie sagte: »Vater, ich werde alles tun, was Ihr von mir fordert, und lege mein Schicksal in Eure Hand; daß ich wissen werde zu schweigen, könnt Ihr von mir versichert sein!«

Nunmehr ging der Bruder in seine Kammer und holte aus ihr so viel, als etwa in einen Löffel gehen mochte, in ein Papier gewickeltes Pulver, das Julia dankbar von ihm annahm und in einem Beutel, den sie bei sich trug, verbarg. Zweifelhaft, ob ein so zartes Kind wirklich kühn und entschlossen genug sein möchte, sich in ein Grabgewölbe mitten unter Tote einschließen zu lassen, sagte Bruder Lorenzo ferner zu ihr: »Gesteh mir, Tochter, wirst du dich auch nicht vor deinem Vetter Tebaldo fürchten, der erst vor so kurzer Zeit getötet und in eben derselben Gruft beigesetzt ist, in der du dich bald befinden wirst, und der schon äußerst stark riechen wird?« – Die heldenmäßige Julia antwortete ihm aber: »Bekümmert Euch deshalb nicht, mein Vater: ich würde die Qualen der Hölle nicht scheuen, wenn ich durch sie zu meinem Romeo gelangen könnte.« – »Nun, so sei es denn in Gottes Namen!« sagte der Mönch schließlich.

Julia kehrte heiter und vergnügt zu ihrer Mutter zurück und sagte zu ihr unterwegs: »Ich versichere dich, liebe Mutter, Bruder Lorenzo ist ein wahrer Heiliger. Er hat mich mit seinen süßen, frommen Worten dergestalt getröstet, daß er mir die Schwermut, die mich niederdrückte, fast gänzlich benommen hat. Er hat mir eine so derbe Bußpredigt gehalten, als sich nur denken läßt.« – Durch die gebesserte Stimmung ihrer Tochter überaus beglückt, erwiderte Frau Giovanna: »Meine Tochter, Gott segne dich! Du machst mir große Freude, daß du wieder heiterer sein willst, und wir sind unserem guten Beichtvater dafür innigen Dank schuldig. Er soll von uns hochgehalten und mit reichlichen Almosen für sein armes Kloster versorgt werden, damit er alle Tage zu Gott für uns bete. Sei auch du seiner oft eingedenk und sende ihm gute Klosterspeisen zu!«

Frau Giovanna glaubte in Wahrheit, der scheinbaren Heiterkeit zufolge, die Julia angenommen hatte, daß alle ihre Schwermut von ihr gewichen sei, und sie teilte ihre Entdeckung ihrem Gatten mit, der nunmehr gleichwie sie selbst seinen früheren Verdacht, sie möge einen anderen lieben, aufgab. Da sie beide immer noch außerstande blieben, die Ursache von Julias bisherigem Kummer zu ergründen, so kehrten sie zu ihrer ersten Vermutung zurück, er möge dem Tode ihres Vetters oder einem anderen, ihnen jetzt gleichgültigen Ereignisse gegolten haben. Sie würden ihr zwar jetzt, um ihrer großen Jugend willen, gern noch eine zwei- bis dreijährige Frist mit ihrer Verheiratung gestattet haben, wenn es sich hätte mit Ehren tun lassen; aber die Sache mit dem Grafen war schon allzuweit gediehen und hätte nicht, ohne großes Aufsehen zu erregen, rückgängig gemacht werden können. Der große Tag der Hochzeit wurde anberaumt und Julia mit kostbaren Stoffen und Kleinodien ausgestattet. Sie war munter und guter Dinge, lachte und scherzte, und es dehnte sich ihr jede Stunde zu tausend Jahren aus, bis der Augenblick nahte, in dem sie den Schlaftrunk einnehmen könnte.

Da kam die Nacht heran, nach der sie als an einem Sonntage öffentlich getraut werden sollte, und die Jungfrau mischte das Pulver in einen mit Wasser gefüllten Becher, den sie, ohne daß ihre Amme es merkte, an das Kopfende ihres Bettes stellte. Sie schlief in dieser Nacht wenig oder gar nicht, und mannigfache Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Als nun der Tag anfing zu grauen, zu welcher Zeit sie das Pulver trinken sollte, stellte sich ihrer Einbildungskraft Tebaldo in eben dem Zustande mit der blutigen Halswunde dar, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte. Sie dachte an die Möglichkeit, daß sie an seiner Seite oder vielleicht sogar auf ihm beigesetzt werden könnte, und wie in dem Gewölbe so viele tote Leichname und nackte Gebeine aufgehäuft wären, und es überlief sie kalt, ja alle Haare ihres Hauptes sträubten sich ihr empor, die da, von Entsetzen erfaßt, wie ein Blatt im Winde erzitterte. Überdies bedeckte ihre Glieder ein eiskalter Schweiß, indem es ihr plötzlich vorkam, als ob sie von jenen Toten in tausend Stücke zerrissen würde. Es dauerte eine geraume Weile, daß die Furcht sie in völliger Unschlüssigkeit erhielt. Am Ende ermutigte sie sich wieder ein wenig und sprach zu sich: »Wehe mir! Was will ich beginnen? Wohin will ich mich bringen lassen? Wenn ich nun zufällig eher erwachte, als der Bruder und Romeo kämen, – was würde aus mir werden? Würde ich den scheußlichen Gestank aushalten können, den Tebaldos halbverwester Leichnam um sich ausströmen muß, die ich schon zu Hause kaum den leisesten übeln Geruch vertragen mag? Wer weiß, ob nicht in diesem Gewölbe Schlangen und Tausende von Würmern sind, die ich so sehr fürchte und verabscheue? Und wenn ich es nicht einmal über das Herz bringe, sie anzusehen, – wie vermag ich es zu erdulden, daß sie mich umkriechen und mich berühren? Habe ich nicht so viele Male sagen hören, daß die schauderhaftesten Dinge zur Nachtzeit in Kirchen und auf Gottesäckern, geschweige denn gar in Grüften vorgegangen seien?«

In dieser aufgeregten Stimmung machte sie sich die gräßlichsten Vorstellungen und wurde dadurch beinahe zu dem Entschlusse bewogen, den Trank nicht einzunehmen, sondern ihn auf die Erde auszugießen. Die abenteuerlichsten Gedanken durchkreuzten ihr Gehirn und rieten ihr bald zu, bald ab; am Ende aber, nachdem sie lange genug mit sich phantasiert hatte, trieb die heiße Liebe zu ihrem Romeo sie dennoch an, zur Stunde, als Auroras Haupt bereits durch die Tore des Ostens aufstieg, ihre zaghaften Gedanken sich mit einem Male aus dem Sinn zu schlagen und das aufgelöste Pulver getrost zu verschlucken. Sie legte sich darauf, nachdem sie sich angekleidet hatte, wieder zur Ruhe nieder und brachte nicht mehr lange zu, bis sie entschlummerte.

Die Alte, welche bei ihr schlief, hatte zwar wohl beobachtet, daß die Jungfrau diese Nacht über wenig oder gar nicht der Ruhe genossen; nichtsdestoweniger war es ihr aber entgangen, daß sie den Becher mit dem Tranke ausgeleert hatte. Sie erhob sich zu der gewohnten Stunde von ihrem Lager und ging an ihre täglichen Geschäfte zum Schlafzimmer hinaus. Sodann, als es an der Zeit war, daß Julia hätte aufstehen sollen, kehrte sie zu ihr zurück und rief ihr zu: »Auf, auf! Julia! Es wird Zeit, sich anzukleiden«, indem sie die Fensterladen aufstieß. Da erblickte sie nun Julia, die Arme über der Brust verschränkt, regungslos ausgestreckt, trat zu ihr und rüttelte sie. »Auf! auf! Langschläferin, erwache!« sprach sie weiter. Aber die gute Alte predigte tauben Ohren. Sie fing an, sie heftiger hin und her zu rütteln, sie bei der Nase zu zupfen und sie leicht zu zwicken, – aber alles blieb vergebens. Julias Lebensgeister waren dermaßen tief befangen, daß die geräuschvollsten, entsetzlichsten Töne von der Welt sie nicht aufgeschreckt haben würden; worüber denn die alte Frau auf das äußerste erschrak und bald nicht umhin konnte, überzeugt zu werden, daß die erstarrte Julia gestorben sei. Über alle Maßen betrübt und niedergeschlagen, brach sie nunmehr in die bittersten Tränen aus und lief zu Frau Giovanna, zu der sie ganz außer Atem kam und vor Schmerzen kaum die Worte hervorbringen konnte: »Madonna, Eure Tochter ist tot!«

Die Mutter eilte mit hastigen Schritten weinend und jammernd ebenfalls hinzu, und wie sie ihre geliebte Tochter so bleich und kalt vor sich liegen sah, sendete sie so rührende Klagen zu den Sternen empor, daß sie hätte Steine zu Mitleiden bewegen und wohl sogar die wilden Tiger zähmen können, wenn sie, ihrer jungen Brut beraubt, am wütendsten gewesen wären. Das laute Geschrei der Mutter und Amme durchscholl das Haus und veranlaßte alle seine Bewohner, nach dem Schlafgemache Julias zu eilen. Auch der Vater lief hinzu und wäre vor Schmerz und Schrecken über das vermeintliche Unglück fast gestorben. Die Kunde davon drang von Mund zu Mund und erfüllte bald die ganze Stadt, so daß die Menge der immer neu in das Haus strömenden Verwandten und Freunde das laute Wehklagen darin zuletzt ins unendliche erhöhte. Die berühmtesten Ärzte der Stadt wurden unverzüglich herbeigeholt und wendeten alle die Mittel an, die ihre Wissenschaft ihnen als die heilsamsten und schicklichsten nannte. Da sie indessen wahrnahmen, daß ihre Kunst auch nicht den mindesten Erfolg hatte, und zugleich hörten, wie die Jungfrau schon seit so vielen Tagen gewohnt gewesen war, zu weinen und sich in Seufzern zu ergehen, so wurden sie insgesamt der Meinung, daß sie, an übermäßigem Leidwesen erstickend, in der Tat gestorben sei. Dieser Ausspruch verdoppelte die allgemeine Betrübnis in der Stadt, und es gab wohl keinen einzigen Menschen in Verona, der nicht an diesem unversehenen Todesfalle Anteil genommen hätte. Vor allen anderen aber war es die beklagenswürdige Mutter, die in ihrem herben Schmerze gar keinen Trost finden konnte. Zu dreien Malen sank sie in Ohnmacht, indem sie ihre Tochter umarmte, und erschien sie ebenso leblos wie diese selbst, so daß immer mehr Leid aus Leid und Weinen aus Weinen erwuchs. Eine Menge edler Frauen umgaben sie und bestrebten sich, sie zu trösten, so gut sie es imstande waren; sie hatte jedoch die Schleusen ihrer Tränen so weit geöffnet und sich der Gewalt ihres Schmerzes so rückhaltlos hingegeben, daß sie, fast in Verzweiflung versunken, ihnen keine Grenzen zu setzen wußte und nichts von alledem hörte, was man zu ihr sprach, sondern dann und wann laut aufschrie und sich wie sinnverrückt das Haar zerraufte. Herr Antonio war nicht minder betrübt als sie, und wenn er seinen Schmerz weniger durch Tränen äußerte, so fühlte er ihn im Innern desto stärker, wo er nicht nötig zu haben glaubte, ihn zu mäßigen.

Bruder Lorenzo schrieb diesen Morgen ausführlich an Romeo und unterrichtete ihn von dem Anschlage mit dem Pulver und von dem, was bereits darauf erfolgt war, indem er ihm auch zu wissen tat, daß er Julia in der nächstkommenden Nacht aus der Gruft befreien und nach seiner Zelle bringen würde, und ihn veranlaßte, dazu womöglich selbst verkleidet nach Verona zurückzukehren; er würde seiner bis Mitternacht harren, um die nötigen ferneren Verabredungen mit ihm zu treffen.

Er versiegelte hiernächst diesen Brief und gab ihn einem anderen zuverlässigen Klosterbruder, dem er dringend anempfahl, ja noch desselben Tages nach Mantua zu gehen, Romeo Montecchio daselbst aufzusuchen und ihm und keinem anderen, er möge sein, wer es wolle, das Schreiben einzuhändigen. Der Bruder ging und kam frühzeitig in Mantua an, wo er im Franziskanerkloster einkehrte. Wie er nun aber sein Pferd untergebracht hatte und den Pater Guardian suchte, um sich von ihm einen Begleiter geben zu lassen, mit dem er seinen Geschäften in der Stadt nachginge, erfuhr er, daß unlängst ein Mönch aus diesem Kloster gestorben sei, und daß die Gesundheitsbehörde wegen einiger verdächtiger Anzeichen und weil sich sogar eine Pestbeule größer als ein Ei in der Nähe der Lenden an seinem Körper vorgefunden, erklärt habe, daß er mit der Pest behaftet gewesen sei. Und siehe da! in dem Augenblicke, als man ihm von diesem Vorfalle sprach, kamen die Schergen der Gesundheitsbehörde im Kloster an und befahlen dem Pater Guardian von Seiten des Beherrschers der Stadt, bei schweren Strafen und so lieb ihm dessen Gnade sei, durchaus niemand aus dem Kloster herauszulassen. Der von Verona angelangte Bruder wollte zwar für sich anführen, daß er im Augenblicke erst im Kloster abgestiegen sei und noch mit keinem Menschen darin verkehrt habe; allein er gab sich eine vergebliche Mühe und mußte wohl oder übel bei der Brüderschaft ausharren, so daß er zum größten Unglück weder den Brief an Romeo abgeben noch diesem sonst etwaige Nachricht davon erteilen konnte.

Mittlerweile bereitete man in Verona das feierliche Begräbnis der Jungfrau, die man für tot hielt, vor, und man hatte beschlossen, sie noch desselben Abends in der Gruft ihrer Ahnen beizusetzen. Pietro, Romeos Diener, erschrak höchlich, als er hörte, daß Julia gestorben sei, und nahm sich sogleich vor, nach Mantua zu gehen; jedoch wollte er vorher das Begräbnis der Jungfrau abwarten, um seinem Herrn sagen zu können, daß er sie im Tode gesehen habe, und gedachte sodann, gesetzt, daß er aus Verona herauskäme, die Nacht über zu reiten, damit er in Mantua wäre, sobald man dort die Tore öffnete. Zu Veronas allgemeiner Trauer wurde Julias Totenbahre am späten Abende aufgenommen und unter dem Geleite der ganzen Geistlichkeit und aller Brüderschaften der Stadt nach San Francesco geführt. Pietro war so bestürzt und von Mitleiden mit seinem Herrn, der, wie er wußte, Julia einzig liebte, so übermannt und außer sich selbst geraten, daß es ihm gar nicht einfiel, zu dem Bruder Lorenzo zu gehen und mit ihm, wie er wohl schon öfter getan hatte, zu reden. Unmittelbar nachdem er Julia auf der Bahre gesehen und erkannt hatte, stieg er daher zu Pferde und ritt scharfen Schrittes bis nach Villafranca, wo er sein Pferd erfrischte und sich selbst eine Weile schlafen legte; bis er zwei Stunden vor Tagwerden wieder aufbrach, mit Sonnenaufgang in Mantua ankam und sich auf der Stelle nach der Wohnung seines Gebieters begab.

Julia war indessen in die Kirche gebracht und, nachdem man das gewöhnliche Totenamt für sie abgehalten, etwa um die Mitternachtsstunde in der geräumigen marmornen Gruft der Capelletti, welche sich außerhalb der Kirche auf dem Kirchhofe befand, bestattet worden. Sobald man mit der Jungfrau dabei angekommen war, hatte Bruder Lorenzo unverzüglich Tebaldos Leichnam etwas beiseite schaffen lassen, der, weil er sehr mager gewesen und bei seinem Tode alles Blut verloren hatte, noch wenig angefault war und nicht stark roch, und war desgleichen, als mit dem Amte der Bestattung beauftragt, besorgt gewesen, alles ausfegen und abstauben sowie auch den zarten Körper der Scheintoten sanft niederlegen und ihm ein Kissen unter den Kopf tun zu lassen, worauf das Gewölbe wieder verschlossen worden war.

Sowie nun Pietro zu Romeo kam, den er noch im Bette antraf, und vor ihm stand, vermochte er vor unendlichem Schluchzen und Weinen kein Wort vorzubringen. Darüber äußerst verwundert und nicht im geringsten das Geschehene ahnend, sondern eher anderer Unfälle gewärtig, sprach Romeo: »Pietro, was hast du? Was für Nachrichten bringst du mir aus Verona? Wie geht es meinem Vater und den Meinigen? Sprich! Laß mich nicht länger in Ungewißheit! Was kann es sein, das dich in solche Betrübnis versetzt? Geschwinde, sag es heraus!« – Und so tat Pietro am Ende seinem Schmerze Gewalt an und meldete ihm mit schwacher, oft unterbrochener Stimme den Tod seiner Julia, deren Beerdigung er mit angesehen habe, und von der das Gerücht umliefe, daß sie aus Gram gestorben sei.

Auf diese grausame und entsetzliche Kunde blieb Romeo eine lange Weile seines Bewußtseins beraubt. Dann sprang er wie unsinnig aus dem Bette und rief: »Oh, du Verräter, Romeo! Du Treuloser! Eidbrüchiger! Undankbarster aller Undankbaren! Es ist nicht der Gram, der sie getötet hat, – der tötet niemand; sondern du, Grausamer, selbst, du bist ihr Henker und Mörder geworden. Schrieb sie es dir denn nicht, daß sie lieber sterben als einen anderen heiraten wollte, und daß du sie um jeden Preis aus ihrem väterlichen Hause erretten solltest? Und du Liebloser, Träger, Verachtungswürdiger! Du gabst ihr dein Wort darauf und versprachst ihr, zu kommen und alles zu tun, sie solle nur getrosten Mutes sein, und schobst es doch von einem Tage zum anderen auf, ohne dich zur Tat zu entschließen! Jetzt hast du die Hände noch im Schoße liegen, und Julia ist tot. Julia ist tot! Und du lebst? Oh, Elender! Wie viele Male hast du es ihr gesagt und geschrieben, daß du nicht ohne sie leben könntest? Und desungeachtet bist du noch am Leben! Wo, denkst du, daß sie sei? Sie irrt hier immer umher und erwartet, daß du ihr folgst, indem sie bei sich spricht: ›Siehe da, den lügnerischen, falschen Liebhaber und ungetreuen Gatten, der nach der Kunde von meinem Tode noch leben kann!‹ Oh, verzeih! Verzeihe mir, mein teuerstes Weib! Ich gestehe dir mein schweres Verbrechen ein. Da denn aber der Schmerz, den ich über deinen Verlust empfinde, wie herbe er mir auch sei, mir doch nicht tödlich wird, so will ich selbst sein Amt vollziehen und – ihm und dem Tode, die mich schonen wollen, zum Trotz – mein Leben mit meiner eignen Hand beenden.«

Darauf griff er nach dem Schwerte, das am Kopfende seines Bettes stand, riß es aus der Scheide und setzte sich die Spitze gerade auf sein Herz. Sein getreuer Pietro war jedoch behende genug, ihm die Waffe, ehe er sich damit verwunden konnte, zu entwinden, tadelte ihn sodann bescheidentlich ob seines törichten Beginnens und suchte ihn nach seinem Vermögen zu trösten, indem er ihn ermahnte, sich in das Unwiderrufliche geruhig zu schicken.

Romeo war infolge des über ihn gekommenen plötzlichen Schreckens in seinem Innern fast versteinert und zu Marmor geworden, und es entrann seinen Augen keine einzige Träne. Wer ihm ins Antlitz gesehen hätte, würde zweifelhaft gewesen sein, ob er mehr einer Statue oder einem Menschen gliche. Nicht lange aber währte es, so entströmten ihm seine Tränen in solcher Fülle, daß gleichsam seine Augen zwei natürliche Springquellen zu sein schienen und die Worte, die er unter unablässigem Seufzen und Schluchzen sprach, wohl demantharte Herzen hätten rühren mögen. Als dann sein innerer Schmerz anfing, sich nach außen zu entladen, so ließ Romeo sich wieder von seiner heftigen Leidenschaft überwältigen und begann, bösen, seinem Leben mit Verderben drohenden Gedanken in sich Raum zu gestatten. Allerdings ließ er sich seine wilden Entschließungen vor niemand merken und sprach kein Wort davon aus, sondern verstellte sich, damit ihn Pietro nicht zum zweiten Male in seinem Tun störe oder etwa ein anderer ihm daran hinderlich würde. Er befahl Pietro, der allein bei ihm im Zimmer war, keinem Menschen etwas von dem Tode seiner Gattin zu sagen und noch weniger jemand die Übereilung zu verraten, der er sich durch den eigenen Angriff auf sein Leben schuldig gemacht habe, hieß ihn zwei Pferde bereit zu halten, um nach Verona zu reiten, und sagte: »Ich will, daß du unterderhand wieder von hinnen gehst und, nach Verona zurückgekehrt, meinem Vater kein Wort von meiner bevorstehenden eignen Ankunft sagst, sondern vielmehr Sorge trägst, daß ich Brechwerkzeuge vorfinde, um die Gruft zu öffnen, in der meine gestorbene Gattin ruht, und Stützen, um die Deckplatte abzusteifen: denn ich gedenke diesen Abend in Verona zu sein und werde geradesweges nach dem Häuschen hinter unserem Küchengarten kommen, das du bewohnst, von wo ich mit dir in der dritten oder vierten Stunde der Nacht nach dem Kirchhofe gehen werde, mein unglückliches Weib noch einmal im Tode zu sehen. Des anderen Morgens früh entferne ich mich unerkannt wieder; du folgst mir in einer kleinen Weile, und wir kehren hierher zurück.«

Nach diesen Worten schickte er den getreuen Pietro von dannen, und als derselbe fort war, schrieb Romeo einen Brief an seinen Vater, worin er ihn um Vergebung bat, sich ohne seinen Willen vermählt zu haben, und ihm die Geschichte seiner Liebe vortrug, ihn aber zugleich dringend ersuchte, für Julia als für seine Schwiegertochter ein feierliches Totenamt halten zu lassen und dessen alljährliche Wiederholung aus seinen Einkünften zu stiften, die er von einer kürzlich gestorbenen Tante ererbt hatte. Desgleichen sorgte er für Pietro, damit derselbe in Zukunft ein freies Auskommen hätte, bedachte von dem ersten Ertrage der Hinterlassenschaft seiner Tante die Armen und legte seinem Vater die Erfüllung dieses seines letzten Willens an das Herz. Diesen Brief siegelte er zu und steckte er sich in den Busen. Hierauf nahm er ein Fläschchen mit starkem Gifte, kleidete sich auf deutsche Weise und stieg zu Pferde, indem er den Seinigen, die er zurückließ, zu verstehen gab, daß er nächsten Tages zu früher Zeit wieder bei ihnen sein werde, und niemand zu seiner Begleitung mit sich nahm.

Scharf zureitend erreichte er Verona zur Stunde des Avemaria und suchte unverzüglich Pietro auf, der in allem nach seinem Willen getan hatte, und mit dem er sich zu der vorbestimmten nächtlichen Weile nach der Zitadelle und auf den Kirchhof von San Francesco begab. Hier hatten sie alsbald Julias Gruft ausgefunden und öffneten sie mittelst dazu mitgebrachter Werkzeuge, indem sie die Deckplatte mit festen Stützen offen erhielten. Eine kleine Blendlaterne, die Pietro auf Romeos Geheiß mitgebracht hatte, war ihnen dabei besonders dienlich. Romeo stieg hinein und sah sein geliebtes Weib augenscheinlich tot vor sich liegen. Er sank auf der Stelle bewußtlos an Julias Seite nieder und blieb so eine lange Zeit mehr tot als lebendig in seinem Schmerze liegen. Zu sich zurückgekommen, umschlang er sie mit seinen Armen, küßte sie wiederholt und badete ihr erstarrtes Angesicht mit seinen heißen Tränen, ohne daß ihn deren bittere Flut irgend zu Worten kommen ließ. Zum Sterben entschlossen, zog er endlich sein kleines Fläschchen hervor, setzte es sich an den Mund und trank das tödliche Gift mit einem Zuge aus. Darauf rief er Pietro vom Kirchhofe herbei und sprach zu ihm, sich an den Rand der Gruft lehnend: »Seht hier, o Pietro, meine Gattin, von der du weißt, wie sehr ich sie liebte! Ohne sie fortzuleben, würde mir ebensosehr unmöglich gewesen sein, als ein Körper ohne Seele bestehen kann. Ich habe deswegen von dem Schlangenwasser getrunken, das den Menschen in weniger Zeit als einer Stunde tötet, damit ich an der Seite derjenigen stürbe und begraben würde, die ich im Leben so sehr liebte, ohne für sie leben zu dürfen. Sieh hier das leere Fläschchen, in dem das Wasser war! Du erinnerst dich, daß es mir jener Spoletiner in Mantua gab, der die lebendigen Nattern und andern Schlangen hatte. Gott in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit verzeihe mir; denn ich habe mich nicht selbst getötet, um ihn zu beleidigen, sondern weil ich nicht ohne meine geliebte Gattin leben kann. Du siehst mir zwar jetzt die Augen voller Tränen stehen; glaube aber ja nicht, daß ich aus Mitleiden mit mir selbst weine, der ich so jung sterbe: meine Tränen fließen nur um ihres Todes willen, die eines langen glücklichen Lebens so würdig war. Du übergibst hier diesen Brief meinem Vater, dem ich geschrieben habe, was ich nach meinem Tode von ihm wünsche. Ich habe darin auch Sorge getragen, deine getreuen Dienste zu belohnen, und bin überzeugt, daß mein Vater meinen letzten Willen achten wird. Nun geh! Ich fühle meinen Tod nahen, denn das grausame Gift durchdringt schon alle meine Glieder und ergreift sie. Zieh die Stütze der Gruft hinweg und laß mich bei meiner Julia sterben!«

Pietro war von dieser Anrede so tief gerührt, daß er meinte, das Herz im Leibe müsse ihm darob bersten. Er ermangelte nicht, seinem Herrn gar viele Worte zu erwidern; aber sie waren vergeblich, denn es gab keine Hilfe mehr gegen die tödliche Wirkung des Giftes. Seine Julia in seinen Armen haltend und sie ohne Unterlaß küssend, erwartete Romeo seinen nahen, unabwendlichen Tod und gebot noch öftere Male seinem Diener, die Gruft zu schließen. Währenddessen erwachte nun aber Julia allmählich wieder, in der die Wirkung des Pulvers aufgehört hatte tätig zu sein, und sprach, als sie fühlte, daß sie geküßt wurde, in der Meinung, sich in den Armen des Bruders Lorenzo zu befinden, der gekommen sei, sie fortzubringen, und sich etwa von einer unlauteren Begierde hinreißen lasse, sie zu küssen: »Ach, ehrwürdiger Pater Lorenzo! Haltet Ihr so das Versprechen, das Ihr meinem Romeo gegeben habt? Laßt mich los!« – Dabei machte sie eine gewaltsame Bewegung, um sich ihm zu entziehen, schlug die Augen auf und erblickte sich in Romeos Armen, den sie wohl erkannte, obgleich er deutsche Kleidung trug. Sie sagte zu ihm: »Wehe mir! Du bist hier, mein süßes Leben? Wo ist Bruder Lorenzo? Warum bringst du mich nicht aus diesem Grabgewölbe hinweg? Oh, laß uns um Gottes willen gehen!«

Als Romeo Julia die Augen öffnen sah und sie reden hörte und sich also überzeugte, daß sie nicht gestorben war, sondern lebte, empfand er mit einem Male unsägliches Vergnügen und unsäglichen Schmerz. Weinend und sein geliebtes Weib an seine Brust drückend, rief er aus: »Ach, du Leben meines Lebens und Seele meines Körpers! Welcher Mann auf Erden hatte jemals eine solche Freude, als mir gegenwärtig zugeteilt wird, der ich, des festen Glaubens, daß du gestorben seiest, dich lebend und gesund in meinen Armen halte! Aber wessen Schmerz kam auch jemals dem meinen gleich, und wer wurde mit einem herberen Herzensleiden heimgesucht als ich, der ich fühlen muß, daß mir das Ende meiner bejammernswerten Tage jetzt genaht ist, und daß gerade zu der Zeit mir das Leben entweicht, da ich den höchsten Genuß in ihm finden könnte! Wenn ich noch eine halbe Stunde am Leben bleibe, so ist dies die längste Frist, auf die ich hoffen darf. Ist wohl ein solcher Zwiespalt schon erhört, wie er sich jetzt in meinem eignen Innern befindet? Zu einer und derselben Zeit genieße ich die höchste Überraschung und Befriedigung, dich, die ich für tot hielt und beweinte, am Leben vor mir zu erblicken, und muß ich doch wieder in den tiefsten Gram versinken, indem ich mir bewußt werde, daß ich dich, du mir über alles teure Geliebte, so bald auf immer verliere. Ganz gewiß freilich waltet in mir die Freude über deinen Anblick vor der peinlichen Ahnung der nahen Trennung von dir vor, und so bitte ich denn auch den Herrgott, all die Jahre, die er meiner unglücklichen Jugend entzieht, der deinigen zu deinem irdischen Glücke hinzuzufügen.«

Als Julia Romeo so reden hörte, sprach sie zu ihm, halbaufgerichtet: »Was für Worte, mein teurer Freund, richtest du da an mich? Ist das der Trost, den du mir geben solltest? Bist du von Mantua herübergekommen, auf daß du mir solche Kunde bringest? Was ist mit dir geschehen? Was empfindest du?«

Hier erzählte ihr der unglückliche Romeo, wie er dazu gekommen war, das Gift zu sich zu nehmen. »Oh, wehe mir!« rief Julia, »was muß ich hören? Was sprichst du da? Ich Unglückliche! Also hat Bruder Lorenzo dir nichts von dem Anschlage geschrieben, den wir miteinander verabredet hatten? Er versprach mir doch, dich von allem zu unterrichten.« – Nunmehr erzählte das trostlose Weib, voll der bittersten Wehmut, weinend, schreiend und schluchzend, ja fast wahnsinnig vor Schmerz, ihrem sterbenden Gatten, was sie in Gemeinschaft mit dem Bruder Lorenzo ersonnen hatte, um sich von der Notwendigkeit zu erretten, sich dem von ihrem Vater ihr aufgedrungenen Verlobten zu vermählen.

Romeo hörte sie, dem wildesten Grame hingegeben, an und sah mit einem Male, während sie sich über Himmel und Sterne und alle Elemente in ihrem Jammer beklagte, den Leichnam Tebaldos liegen, den er wenige Monate vorher im Handgemenge getötet hatte. Er erkannte ihn wieder und sagte, zu ihm hingewandt: »Tebaldo! Wo du auch immer sein magst, du weißt, ich habe dich nicht absichtlich beleidigt, sondern ließ mich in den Streit ein, um ihn zu schlichten, indem ich dich ermahnte, die Deinen zurückzurufen, und die Meinigen wollte die Waffen niederlegen lassen. Du aber überließest dich deiner Wut und deinem alten Hasse gegen mich und kehrtest dich nicht an meine Worte, sondern griffst mich mit dem bösesten Willen an. Am Ende von dir dazu gezwungen, mußte ich wohl die Geduld verlieren und mich verteidigen, und so wollte es mein schlimmes Schicksal, daß ich dich umbrachte. Jetzt bitte ich dich, mir die Kränkung zu vergeben, die ich dir an deinem Körper antat, und zwar habe ich um so mehr Ursache, dies zu tun, als ich ja schon durch meinen Ehebund mit deiner Base Julia dein Verwandter war. Wenn du nach Rache an mir verlangst, siehe, so ist sie dir zuteil geworden. Und welch größere Rache hättest du dir wünschen können, als daß derjenige, der dich tötete, sich in deiner Gegenwart selbst vergiftete und sich freiwillig den Tod gab? Im Leben, Tebaldo, feindeten wir uns an; aber im Tode laß uns gegenwärtig friedsam in einem Grabe nebeneinander ruhen!«

Bei diesen jammervollen Worten des Gatten und den noch viel herzbrechenderen Tränen der Gattin stand Pietro wie eine Bildsäule von Marmor da und wußte nicht, ob er recht sah und hörte oder in der Tat nur träumte; er war davon so betäubt, daß er nicht das mindeste dazu sagte oder tat. Die beklagenswerte Julia dagegen sprach zu Romeo: »Es hat dem Himmel nicht gefallen, uns zusammen leben zu lassen; so gestatte er mir nun, daß ich hier bei dir bleibe! Ich schwöre es dir zu, Romeo, daß ich nicht ohne dich von hinnen gehe, es möge mir geschehen, was da wolle.«

Romeo faßte sie abermals in seine Arme und begann sie inständigst zu bitten, sich zu trösten und zu seiner eignen Beruhigung am Leben zu bleiben. Aber er wurde allmählich immer schwächer und schwächer, verlor schon den Gebrauch seiner Augen und blieb nicht mehr imstande, sich aufrechtzuerhalten. Er ließ sich zu Boden niedersinken, blickte seiner Gattin noch einmal liebevoll ins Antlitz und sagte: »Ach, mein teures Leben, ich sterbe!«

Bruder Lorenzo hatte, was auch immer sein Beweggrund dazu war, Julia nicht in derselben Nacht, da sie begraben worden, in seine Zelle bringen wollen. Wie er nun aber in der nächstfolgenden Nacht sah, daß Romeo nicht erschien, so nahm er einen anderen Klosterbruder, auf den er sich verlassen konnte, sowie die nötigen Brechwerkzeuge mit sich, um nach der Gruft zu gehen, und kam daselbst gerade in dem Augenblicke an, als Romeo völlig zu Boden sank. Den Eingang offen findend und Pietro erkennend, sprach er zu diesem: »Sei mir gegrüßt! Wo ist Romeo?« – Julia vernahm seine Stimme und richtete ihr Haupt empor, indem sie zu ihm sagte: »Gott verzeihe es Euch, Ihr besorgtet den Brief an Romeo wohl!« – »Ich besorgte ihn«, erwiderte der Bruder, »Bruder Anselmo trug ihn hin, den du kennst. Warum sprichst du aber so?« – Bitterlich weinend fuhr Julia zu reden fort: »Tretet hier herein, und Ihr werdet es sehen.« Der Bruder schritt näher zu ihr heran und sah Romeo sterbend am Boden liegen. »Romeo, mein Sohn!« fragte er, »was ist dir?«

Romeo öffnete seine matten Augen noch einmal, erkannte ihn und empfahl Julia seinem Schutze an, indem er mit gebrochener Stimme sprach: er sterbe, seine Sünden bereuend, und bitte Gott und ihn, ihm ihretwegen zu vergeben. Der unglückliche Jüngling vermochte nur mit schwerer Mühe diese letzten Worte hervorzubringen und seine Hand nach der Brust zu führen; von dieser Anstrengung vollends erschöpft, schloß er die Augen und starb.

Was die trostlose Julia darüber empfand, läßt sich nicht beschreiben. In Tränen zerfließend, rief sie seinen geliebten Namen viele Male vergebens aus und sank, vor Todesangst bewußtlos, über den Leichnam Romeos hin, auf dem sie eine gute Weile ohnmächtig liegen blieb. Der Bruder und Pietro brachten es zwar durch ihre Bemühungen so weit, daß sie wieder ins Leben kam; sie war aber nicht so bald zu sich zurückgekommen, als sie, ihre beiden Hände zusammenfaltend, in erneutes unmäßiges Weinen und, Romeos toten Körper mit Küssen bedeckend, in die Worte ausbrach: »Ach! Du süßer Aufenthalt meiner Gedanken, du Quelle aller Freuden, die ich auf dieser Welt genossen habe, du mein einziger wahrer Freund, welch unsägliches Leiden bereitest du mir jetzt! Du hast in der Blüte deiner schönen Jugend deine irdische Laufbahn vollendet und ein all den Deinen so teures Leben von dir geworfen! Du hast schon in einer Zeit sterben wollen, wenn das Dasein noch allen Menschen erfreulich ist, und hast unser aller endliches Ziel erreicht. Du, mein Gebieter, hast im Schoße derjenigen deine Tage beschlossen, die du über alles liebtest, und von der du auch ausschließlich wieder geliebt wirst; du hast dich freiwillig da bestatten wollen, wo, wie du glaubtest, sie bestattet ruhte. Aber du sahest nicht meine Tränen und meinen Schmerz voraus, die dir folgen würden, du ahntest es nicht, daß du, in jener anderen Welt ankommend, mich nicht findest. Ich weiß es, daß du zurückkehren würdest, wenn du mich dort nicht fändest, um zu erforschen, ob ich dir nicht folgte. Mich deucht, ich sehe schon deinen Geist, wie er hier umirrt und über mein langes Zögern trauert. Mein Romeo! Ich sehe dich, ich empfinde dich, ich erkenne dich, und ich weiß es, daß du auf meine Ankunft harrst. Befürchte nicht etwa, daß hier meines Bleibens ohne dich sein könnte! Ein Leben ohne dich würde mir viel angstvoller und peinlicher als der bitterste Tod sein. Ohne dich könnte ich nicht leben, und selbst wenn andere dafür hielten, daß ich lebte, würde mir ein solches Leben ein unablässiger qualenvoller Tod sein. Ja, mein geliebter Gatte! Bald bin ich wieder und auf ewig mit dir vereint.«

Pietro und der Klosterbruder, die sie umgaben, weinten, von tiefem Mitleiden mit ihr ergriffen, und bemühten sich vergebens, sie zu beruhigen. Bruder Lorenzo sagte zu ihr: »Geschehene Dinge, meine Tochter, lassen sich nicht ändern. Wenn dein Romeo durch Tränen wiedererweckt werden könnte, wir würden uns für dich in Tränen auflösen; aber es geht nicht an. Tröste dich und lebe, und wofern du nicht nach Hause zurückkehren willst, so laß dich von mir in ein heiliges Kloster bringen, in dem du, dem Himmel dienend, für die arme Seele deines Romeo beten magst.«

Julia wollte ihn indessen auf keine Weise hören, sondern beharrte auf ihrem grausamen Entschlusse und beklagte nur, daß sie Romeos Leben nicht mit dem ihrigen zurückerkaufen könne, indem sie, mit ihrer ganzen Willenskraft ihren Atem in sich festhaltend, ohne weiter einen Laut von sich zu geben, über Romeos entseeltem Körper, der in ihrem Schoße ruhte, starb.

Derweil die beiden Klosterbrüder und Pietro um die Jungfrau beschäftigt waren, von der sie nicht anders meinten, als daß sie nur in Ohnmacht gesunken sei, siehe, da wollte es der Zufall, daß die Scharwache bei der Kirche vorüberkam, Licht in der Gruft erblickte und eintrat. Die beiden Mönche und Pietro wurden von ihr alsbald festgenommen, und nachdem sich der Führer der Schergen das Schicksal der Liebenden von ihnen hatte erklären lassen, brachte er die Klosterbrüder in gute Haft und führte Pietro vor Herrn Bartolomeo, dem er einen umständlichen Bericht von dem Ereignisse, soweit es ihm bekannt war, erstattete. Herr Bartolomeo ließ sich alles genau vortragen und wollte dann die Leichen der beiden Liebenden selbst sehen, weshalb er sich erhob und mit anbrechender Morgenröte nach der Gruft ging. Die Nachricht von dem verwundernswürdigen Ereignis verbreitete sich durch die ganze Stadt, und vornehm und gering strömte dem Kirchhofe in Menge zu. Pietro und die Mönche erlangten Verzeihung, und zum höchsten Leidwesen der Capelletti und der Montecchi sowie der gesamten Bevölkerung von Verona wurde das unglückliche Liebespaar, dem Willen des Fürsten zufolge, in dieser einen und derselben Gruft auf das prachtvollste zur ewigen Ruhe bestattet. Die Montecchi und Capelletti umarmten sich unter Tränen über den beiden Leichen und stifteten miteinander einen Frieden, der nur, leider!, nicht von langer Dauer war. Der Vater Romeos las den Brief seines Sohnes, und nachdem er ihn innigst beklagt hatte, erfüllte er seinen Willen vollständig. Über dem Grabe der beiden Liebenden ward folgende Grabschrift angebracht:

Hinüber wähnte Romeo gegangen
Sein süß Gemahl und wollte nicht mehr leben:
Da hat er sich in ihrem Schoß vergeben
Mit jenem Gift, das Namen trägt von Schlangen.

Als sie des Irrtums schwere Kund' empfangen,
Beklagt sie weinend ihr geliebtes Leben,
Flucht dem Geschick und klagt mit Widerstreben
Den Himmel an, daß er sich arg vergangen.

Drauf als sie sah, nun hab' er ausgelitten,
Sprach sie, so tot wie er: »Laß dich erbitten,
O Gott, mich nachzusenden seinen Schritten;

Den einz'gen Wunsch laß, Himmel mich erflehen:
Wohin er geht, da will ich mit ihm gehen.«
Bei diesen Worten brach ihr Herz in Wehen.

Die Müllerin

(Beaumont-Fletcher, Das Mädchen in der Mühle; Lope de Vega, Quinta de Florencia)

Alessandro von Medici, der, wie ihr wißt, der erste ist, der mit Bewilligung der Kirche unter dem Titel Herzog die Herrschaft über unsere florentinische Republik führt, besitzt viele Eigenschaften, die ihn bei dem Volke beliebt machen; unter allen aber scheint mir keine, die der Gerechtigkeit gleichgestellt zu werden verdiente, die er mehr als alles zu lieben scheint. Unter vielen lobenswerten Handlungen, die er in dieser Beziehung vollbracht, will ich nur eine erwähnen, die ganz sicher unter diejenigen gehört, deren Preis man anstimmen kann; und man kann ihr um so mehr Lob erteilen, als er sehr jung und den Genüssen der Wollust sehr ergeben ist. Er zeigte sich nämlich bei dem Vorfalle, den ich euch jetzt erzählen will, voll Klugheit und Vorsicht, was selten mit der Jugend vereinigt zu sein pflegt: denn in der Regel kann, wo keine große Erfahrung ist, auch nicht jene Klugheit stattfinden; nur lange Übung macht Greise klug und gibt menschlichen Handlungen Anspruch auf Lob.

Der Herzog Alessandro hielt einen schönen stattlichen Hof von vielen Edelleuten, sowohl fremden, als toskanischen. Unter andern war daselbst auch ein junger Florentiner, den der Herzog vor allen liebte. Wir wollen ihn Pietro nennen. Einst war dieser auswärts auf einem seiner Güter in der Nähe von Florenz und sah ein junges Mädchen, eines Müllers Tochter, die sehr schön und zierlich war und ihm ausnehmend gefiel. Die Mühle ihres Vaters war in der Nähe des Gutes, auf dem Pietro eine schöne und bequem eingerichtete Wohnung hatte. Sobald er das Mädchen gesehen hatte, sann er nach, wie er es anfangen sollte, es in seinen Besitz zu bringen und die Frucht von ihr zu pflücken, die man bei allen Weibern so eifrig sucht. Er nahm also von dem Herzog auf acht bis zehn Tage Urlaub, um auf dem Lande zu leben, und fing nun an sein Pfauenrad vor dem Mädchen aufzuschlagen und gab sich alle ersinnliche Mühe, um sie seinen Wünschen gefällig zu machen. Doch kümmerte sie sich gar nicht um ihn und zeigte sich der Liebe Pietros gerade so geneigt wie Hunde den Schlägen. Und da es oftmals geschieht, daß ein Liebhaber, je mehr er sich den geliebten Gegenstand versagt sieht, um so mehr in Flamme gerät und zum Ziele zu gelangen begehrt, und daß häufig das, was anfangs nur im Scherze geschah, ernstlich wird, fühlte Pietro sich so sehr von Liebe zu der besagten Müllerin entzündet, daß er seine Gedanken auf gar nichts anderes wenden konnte; verzweifelnd, seine Absicht zu erreichen, als er nicht länger mehr auf dem Lande bleiben konnte, fühlte er die Lust und die glühende Begierde nach dem Genusse des geliebten Gegenstandes fortwährend wachsen. Alle Mittel und Wege waren versucht, die ihm geeignet schienen, um das Unternehmen zu erleichtern, als da sind Botschaften, Geschenke, große Versprechungen, mitunter auch Drohungen und ähnliche Künste, wie sie bei Liebhabern üblich sind und welche Kupplerinnen vortrefflich auszuführen verstehen. Als er nun sah, daß er Wasser stampfte und alles vergeblich war, als er die Herzenshärtigkeit des Mägdleins erkannte und fühlte, daß er seine Bemühungen vergeude und alle Hoffnungen fehlgeschlagen seien, beschloß er, das Mädchen, es möge auch aus der Sache werden, was da wolle, zu entführen und den Genuß ihrer Schönheit, den er nicht mit Liebe erreichen konnte, mit Gewalt zu erringen.

Als er darüber mit sich eins geworden war, ließ er zwei junge Edelleute, seine Freunde, rufen, die ihre Güter in der Nähe hatten und durch Zufall auch auf dem Lande waren. Diesen teilte er sein Vorhaben mit und bat sie, ihm mit Rat und Tat beizuspringen. Diese, ein Paar junge leichtsinnige Menschen, rieten Pietro, das Mädchen zu entführen, und boten sich an, ihm bei dem Unternehmen tätige Hilfe zu leisten. Man zögerte mit der Ausführung nicht im geringsten; sie konnten es gar nicht erwarten, bis sie die schöne Müllerstochter geraubt hätten; und als die Nacht zu dunkeln begann, griffen die drei zu den Waffen und gingen mit ihren Dienern nach der Mühle, wo sie mit ihrem Vater weilte; und trotz seines Widerstrebens, denn er tat für die Rettung seiner Tochter, was er wußte und konnte, entführten sie sie ihm mit Gewalt und drohten dem Vater mit Worten und Handlungen. So sehr auch das Mädchen weinte, schrie und mit lauter Stimme um Gnade bat, sie schleppten sie mit sich fort. Pietro pflückte in derselben Nacht zum großen Mißvergnügen des Mädchens, das immer mit Schluchzen und Tränen seinen Unwillen kundgab, die Blüte ihrer Jungfräulichkeit, ergötzte sich an ihr die ganze Nacht hindurch und bemühte sich, sie sich geneigt zu machen, um sie dann auf einige Zeit zu Willen zu haben.

Als der Müller sah, daß man ihm mit Gewalt seine Tochter geraubt hatte, und daß er für sich selbst nicht imstande wäre, sie wieder zu bekommen, beschloß er, am folgenden Morgen in der Frühe vor den Herzog zu gehen und ihn um Gnade anzuflehen. Sobald man das Tor öffnete, trat er in die Stadt und ging sogleich in den Palast des Herzogs und blieb dort so lange, bis der Herzog aufgestanden war und aus seinem Schlafzimmer kam. Sobald der arme Mann den Herzog sah, warf er sich ihm mit Tränen in den Augen zu Füßen und fing an, ihn um Gerechtigkeit anzuflehen.

Der Herzog blieb stehen und sprach: »Steh auf und sage mir, was es gibt und was du von mir verlangst!« Und damit sonst niemand höre, was der Müller zu klagen hatte, zog er ihn beiseite und befahl ihm, alles leise zu erzählen. Der ehrliche Mann gehorchte, erzählte ihm die ganze Sache kurz und bestimmt und nannte ihm auch die zwei Gefährten Pietros, die der Herzog sehr gut kannte. Als der Herzog diese Nachricht gehört hatte, sagte er zu dem Müller: »Sieh dich vor, guter Mann, daß du mir keine Lüge sagen mögest: denn das müßte ich streng bestrafen. Wenn aber die Sache sich so verhält, wie du sie mir erzählt hast, so werde ich gehörig für dich sorgen. Geh und erwarte mich nach dem Mittagessen in deiner Mühle, die ich ganz gut kenne! Vorzüglich aber laß, wenn dir dein Leben lieb ist, niemand etwas davon wissen, was ich dir sagte, und das übrige überlaß mir!«

Durch diese freundlichen Worte war der arme Müller getröstet, und der Herzog befahl ihm, in seine Mühle zurückzukehren. Nach dem Essen befahl er allen, zu Pferde zu steigen: er wolle einen Ausflug auf das Land machen. Der Herzog schlug den Weg nach der Mühle ein, ließ sich, als er daselbst ankam, den Palast Pietros zeigen, der nicht weit davon entfernt war, und verfügte sich dahin. Als Pietro und seine Freunde dies hörten, kamen sie ihm vor dem Hause entgegen, wo sich ein schöner Platz mit einer frischen grünen Laube befand. Der Herzog stieg ab und sprach zu Pietro: »Ich ritt auf der Jagd in der Nähe vorbei, sah deinen schönen Palast hier und fragte, wem er gehöre; da ich hörte, daß er dir gehöre und sehr bequem und schön eingerichtet und mit sehr schönen Brunnen und Gärten geschmückt sei, bekam ich Lust, ihn näher zu betrachten.«

Pietro, der dies alles glaubte, dankte dem Herzog ehrerbietig für diese Herablassung und entschuldigte sich, daß der Ort nicht so schön sein möchte, als man ihm vielleicht gesagt habe.

Alle begannen nun, die Treppen hinaufzusteigen, und traten in schöne, geräumige Zimmer. Der Herzog selbst besah alle Gemächer und lobte bald dieses, bald jenes. Man kam auf eine Galerie, welche die Aussicht auf den schönsten Garten darbot. Am Ende der Galerie war ein kleines Zimmer, dessen Eingang verschlossen war. Der Herzog sagte, man solle die Tür aufmachen. Als Pietro den Herzog hatte kommen hören, hatte er das Mädchen hier verschlossen. Deshalb sagte er: »Gnädiger Herr, das ist eine übel geordnete Kammer. Auch wüßte ich in der Tat nicht, wo sich der Schlüssel dazu befindet; der Schloßvogt ist nicht zu Hause, denn ich habe ihn in Geschäften nach Florenz geschickt.«

Der Herzog, der fast alle Gemächer des Hauses gesehen hatte, vermutete, hierinnen müsse das Müllermädchen sein, und sagte: »Wohlan, öffnet mir diesen Ort mit oder ohne Schlüssel!«

Pietro näherte sich dem Ohre des Herzogs und gab ihm lächelnd zu verstehen, er habe ein Mädchen in der Kammer, mit der er die Nacht zugebracht habe.

»Das gefällt mir«, antwortete der Herzog; »doch laß mich sehen, ob sie schön ist!«

Die Tür ward nun geöffnet, und der Herzog ließ das Mädchen herauskommen. Sie warf sich ganz verschämt und weinend ihm zu Füßen. Der Herzog wollte wissen, wer sie sei und wie sie in den Palast komme. Das Mädchen erzählte die Geschichte unter Schluchzen und Tränen, und Pietro konnte es nicht leugnen. Da wandte sich der Herzog mit unwilligem Gesichte zu Pietro und seinen Gefährten.

»Ich weiß nicht«, sagte er, »was mich abhält, euch allen dreien auf der Stelle die Köpfe abhauen zu lassen; aber ich verzeihe euch die Schändlichkeit, die ihr begangen habt, unter der Bedingung, daß du, Pietro, sogleich das Mädchen als deine rechtmäßige Gattin annimmst und ihr zweitausend Dukaten als Morgengabe aussetzest, ihr zwei Mitschuldige aber jeder eintausend Dukaten dazulegt, und darüber kein Wort weiter! Ich übergebe sie dir, Pietro, als meine leibliche Schwester, und wenn ich höre, daß du sie im geringsten mißhandelst, so werde ich es rächen, als habest du meine eigene Schwester beleidigt.«

Er veranlaßte nun, daß Pietro sie sogleich zur Frau nahm, und daß die drei ihre Verbindlichkeit mit den viertausend Dukaten entrichteten. Sodann kehrte er nach Florenz zurück, wo diese seine Entscheidung allgemein und ohne Ausnahme mit großen Lobeserhebungen gepriesen wurde.

Lionora Macedonia

Nachdem der König Alfons von Aragonien seine Königreiche Aragonien und Katalonien der Herrschaft der Königin Maria, seiner Gemahlin, überlassen und seine Residenz in Neapel aufgeschlagen hatte, das er mit so großen Anstrengungen sich erworben, ein Mann, der um seiner seltenen Gaben willen jedem römischen Kaiser verglichen werden durfte, ließ er sich an, dem Königreich mit aller Mühe wieder die äußere Ruhe zu geben, das seit vielen Jahren her durch viele Kriege fast ganz in Zerfall gekommen war. Nachdem alles in Ordnung gebracht war, gab er das Herzogtum Kalabrien seinem Sohne Ferdinand; mit ihm ließen sich dort viele seiner Leute nieder, die in allen diesen Kriegen zu Wasser und zu Lande bei ihm gewesen waren. Unter diesen befand sich auch ein sehr edler sizilischer Baron, dem er die Markgrafschaft Cotrone verliehen hatte, namens Herr Giovanni Ventimiglia, ein tapferer und kluger Ritter.

Der Hof des Königs Alfons war eine Schule der feinsten Sitten, und die Pflege der Wissenschaften stand dazumal in jener Stadt in der Blüte. Sowie nun Ventimiglia in Neapel seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, geschah es, daß er bei einem großen Feste, wo fast alle ersten Frauen der Stadt versammelt waren, eine schöne junge Frau von zwanzig Jahren wahrnahm, die Frau Lionora Macedonia hieß und an Herrn Giovanni Tomacello, einen ganz jungen reichen Mann, verheiratet war. Frau Lionora war in der Tat eine der schönsten und anmutvollsten Edelfrauen Neapels, daneben aber so stolz und spröde, daß sie wohl den König selbst nicht gewürdigt haben möchte, ihm ein freundliches Gesicht zu zeigen. Daher hatte sie allgemein den Nebennamen »die Hochfahrende«. Ventimiglia war noch nicht lange in Neapel und mit den Frauen nicht sehr bekannt, so daß er dafür hielt, Macedonias Gemütsart müsse der Schönheit entsprechen, die er an ihr wahrnahm; er vermochte sich nicht vorzustellen, daß Grausamkeit hinter einem so holden Gesichte wohne. So verwickelte er sich denn in die Netze der Liebe zu ihr und beschloß, alle Mittel anzuwenden, die von einem Liebhaber gebraucht werden können, um die Liebe dieser Frau zu gewinnen. Er war in Sizilien von Hause aus sehr reichbegütert und hatte einige tausend Dukaten Einkünfte im Königreiche. Er fing also damit an, oft an ihrem Hause vorüberzugehen, und sooft ihm das Glück günstig war, daß er sie ansichtig wurde, erwies er ihr immer seine Ehrerbietung und grüßte sie, doch so, daß es niemand auffallen konnte. Wurde irgendein Fest gegeben, wohin sie ging, so erschien er darauf sehr schön gekleidet und bestrebte sich in aller Bescheidenheit, ihr seine Liebe bemerkbar zu machen. Er weidete seine Augen an ihrem Anblick, der denn sein Herz immer leidenschaftlicher entzündete. Wurde ein Tjost oder Buhurt gehalten, so wurde er von keinem übertroffen, denn er war mehr als alle andern persönlich tapfer, und so trug er immer den ersten Ehrenpreis davon. Sobald sie sich vom Schneider ein Kleid machen ließ, kleidete er, der überall seine Kundschafter hatte, sich und seine Dienerschaft in dieselben Farben und ließ in derselben Art auch seine Pferdedecken einrichten. Bei Waffenspielen pflegte er vor der Brustwehr, an der sie saß, sich auf den wildesten und schönsten Pferden sehen zu lassen, indem er sie aufs geschickteste antrieb, zurückdrängte, sich bäumen, tanzen, nach allen Seiten drehen und oft über die Schranken setzen ließ, so daß, was jeder große Reiter zu tun versteht, von ihm auf das gewandteste ausgeführt wurde. Und da er ein sehr gefälliger Jüngling war und allen Vergnügen zu machen suchte, liebte ihn im allgemeinen jeder. Nichtsdestoweniger aber mochte er beginnen, was er wollte, – es gelang ihm niemals, ihr eine freundliche Miene abzugewinnen, und er wurde deshalb über die Maßen betrübt, da er alle seine Liebe ihr zugewandt hatte und ihm nichts in der Welt so sehr am Herzen lag.

In diesem Zustande der Bekümmernis fand Ventimiglia Gelegenheit, ihr einen Brief zu schreiben, der Steine hätte erbarmen können, und sendete ihr ihn aufs heimlichste zu, wobei er ihr noch mündlich viel Schönes sagen ließ. Aber alles war verlorene Mühe; denn Frau Lionora wollte den Brief nicht annehmen noch die Botschaft anhören, enthielt sich vielmehr fortan mehr und mehr, zu den Festen zu gehen. Und es ist in der Tat schwer, die Gedanken und Gelüste vieler Frauen zu erkennen, die, sehr edel geboren, anständig erzogen, vornehm verheiratet und von den edelsten, wackersten Jünglingen umworben, oft ihre Gatten verachten, ihre Liebhaber verschmähen und doch ihre Ehre mit Füßen treten und sich Männern von der niedrigsten Gattung preisgeben, ja manchmal den niedrigsten Sklaven überlassen. Andere wieder gibt es, die von zwei Edelleuten geliebt sind, von denen der eine tugendhaft und schön ist und mit aller Bescheidenheit, um die Leute nicht aufmerksam zu machen, die Pflicht eines Verliebten erfüllt, der gefällig und verschwiegen sein muß, der andere, wenn er nur seine Absicht erreicht, um die Ehre der Frau sich nichts kümmert und nur auf sein Vergnügen bedacht ist und anmaßend, treulos, zum Schwätzer und Verleumder wird; und dennoch verlassen die Weiber den ersten, rechtschaffenen, um sich dem zweiten zuzuwenden, von dem sie nichts als Schmach erwerben. Was sollen wir von jenen ersten sagen? In der Tat, wenn es erlaubt wäre, übel zu reden von den Frauen, so weiß ich wohl, was ich sagen würde; aber das könnte nicht geschehen, ohne ihr Geschlecht im ganzen anzuklagen, woraus man fast schließen sollte, daß sie überhaupt zum Schlimmen geneigt sind. Und was sollen wir von denen sagen, die von einem tugendhaften und edeln Liebhaber ausschließlich geliebt und verehrt werden, diesen aber fliehen und sich einem solchen preisgeben, von dem sie klärlich erkennen, daß er in den Liebesnetzen einer andern liegt, ja, daß er in jedem Gäßchen der Stadt anpocht und sich nicht mit einer einzigen begnügt, vielmehr so viele betören will, als er kann! Und glaubt nicht, daß ich nur so ins Blaue rede! Wenn es not täte, auf Einzelheiten einzugehen, so wollte ich euch in Erstaunen setzen.

Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück! Frau Lionora also, die mit einem Blicke, ohne ihren Gatten zu beleidigen und ohne jemandes Tadel sich zuzuziehen, ihren Liebhaber hätte befriedigen und belohnen können, der edel und bescheiden nichts Schimpfliches von ihr verlangte, ließ sich nun so wenig als möglich sehen; und wenn sie sich zufällig in der Kirche oder bei einem Feste befand, wo auch Ventimiglia war, so stand sie in der Kirche plötzlich auf und ging hinweg; bei Festen aber vermied sie sorgfältig, ihn anzusehen. Der Ritter versah sich dessen wohl und war darüber bis zum Tode betrübt. Weil nun aber kein tapferer und hochsinniger Krieger auf der Flucht stirbt, so stand auch Ventimiglia, der mehr als andere mutvoll und standhaft war, und in dessen Herzen der Name der Frau mit festen Nägeln eingeschlagen war, nicht ab von der Verfolgung seines festen Zieles, sondern beharrte in seiner heftigen Glut für sie nur um so standhafter. Er beschloß, alles zu versuchen, was aufrichtige Ergebenheit bei einer Frau vermag, und erwies ihr jede Liebe und Dienstfertigkeit, um zu sehen, ob es möglich sei, eine so große Härte zu erweichen und solche Grausamkeit zu lindern. Dadurch wurde freilich die Liebe, die bisher im stillen geblieben war, in ganz Neapel bekannt und offenbar, und man erfuhr, wer die Frau sei, um die er solchen Aufwand und Kleiderpracht mit unerhörtem Pomp und Herrlichkeit veranstaltet hatte.

So waren allmählich schon über zwei Jahre in dieser Qual für den unglücklichen Liebhaber dahingegangen, und es schien ihm, als ob die Frau immer härter, grausamer und hochmütiger gegen ihn würde, und sie verstand sich nicht dazu, Briefe von ihm anzunehmen. Deshalb kam der arme Ventimiglia mehrmals nahe daran, sich mit eigener Hand den Tod zu geben, so sehr war ihm das Leben ohne die Gunst dieser Frau zur Last. Wie er eines Tages allein in seinem Zimmer war, ging er, in Gedanken an die Grausamkeit seiner Geliebten, von verschiedenen Plänen hin und her getrieben, eine gute Weile schweigend auf und nieder und warf sich dann ganz müde und matt auf ein Ruhebett, wo er, die Augen tränenschwer, in folgende Worte ausbrach: »Ach unglückseliger Ventimiglia! Unter welchem bösen Gestirn bist du doch geboren! Wie ungünstig war der Augenblick, in dem du die Augen aufschlugst, um eine so spröde Schönheit zu betrachten! Wie ist es nur möglich, daß ein so angenehmes liebliches Gesicht solche Grausamkeit beherbergt? In Wahrheit, ihr goldener Kopf, die heitere Stirn aus reinem Schnee, die schwarzen gewölbten Augenbrauen über den beiden strahlenden Morgensonnen, welche Phöbos Neid einflößen, die regelrechte, feingeschnittene Nase, die Wangen, die zwei blühenden Rosen gleichen, der rosige Mund, der unter zwei äußerst feinen Rubinen morgenländische Perlen birgt, der weiße runde Hals, das ausgezeichnet schöne Kinn, die elfenbeinernen Schultern, der schwellende Marmorbusen, die zwei Brüste voll von Hyblahonig, die schönen Arme, die blendend weißen, ebenmäßig langen und zarten Hände, die anmutreiche, geschmeidige Gestalt, die kleinen Füße, die kaum die Erde berühren, und alles das, was ich in dem göttlichen Gesichte beobachte, verspricht mir, daß sie ein Weib sei. Und ist sie ein Weib, ist sie so schön, ist sie so anmutig, – wie ist sie so grausam? wie so hart? Wehe mir, wie übel schickt sich die äußerste Schönheit und die höchste Grausamkeit zusammen! Wäre sie milde, welche weibliche Eigenschaft wäre dann an ihr zu vermissen? Sie könnte aber vielleicht sagen, ich täusche mich in meinem Urteil allzu sehr; denn was ich Grausamkeit benenne, sei vielmehr Sitte und Ehrbarkeit, Verlangen nach Ehre, nicht Stolz. Aber habe ich wohl jemals ein anderes als ein ehrbares Verlangen an sie gestellt? Was will ich sonst von ihr als das Licht dieser ihrer schönen Augen? Was anderes habe ich begehrt als das, daß sie mich zum Diener annehme, daß sie sich dazu hergebe, mir die Gunst zu erweisen, die sie mir ohne Verletzung ihrer Ehre wohl spenden könnte, oder daß sie wenigstens erlaube, daß ich ihr Diener sei, sie liebe und ihr aufwarte? Ach, Frau Lionora, kann es eine größere Grausamkeit auf der Welt geben, als einen zu hassen, der dich mehr liebt als sich selbst? einen, der an nichts anderes denkt, als dir etwas Angenehmes zu erweisen, dir zu dienen, dich zu ehren und dich anzubeten? Ja, der Beiname, den man ihr gibt und der auch zu ihrem rechten Namen stimmt, ist ganz wahr: sie ist eine hochfahrende Löwin. Fürwahr, das ist kein Weib, sondern ein wilder rauher Tiger, und nicht nur grausam ist sie, sondern die Allerundankbarste unter den Undankbarsten. Was hilft es mir, daß ich – jetzt sind es schon drei Jahre – sie auf das glühendste geliebt, ja angebetet, daß ich so viel Zeit verloren, so oft turniert, so viele Nächte durchwacht, so viele Tränen vergossen, tausend andere hochedle Frauen verschmäht, so viele günstigen Gelegenheiten verabsäumt habe? Was soll ich anderes von ihr denken, als daß sie nach meinem Blute lechzt und sich danach sehnt, daß ich an mir selbst zum Mörder werde? Aber diese ihre Lust soll sie nicht büßen. Ich will sie aus meinem Herzen verbannen und ein anderer Mensch werden, als ich bisher gewesen bin; denn ich weiß ja nur zu gewiß, ich bin um ihretwillen zum Gespötte des Volkes geworden. Es soll nicht länger wahr sein, daß ich sie liebe. Und warum soll ich sie lieben, wenn sie mich haßt?«

Also beschloß der verliebte Ritter, überdrüssig und müde der unendlichen Grausamkeit seiner spröden Geliebten und voll Reue über so viel vergeudete Mühe, und fühlte sich im Augenblicke von seiner Liebe völlig frei. Auf der andern Seite erwachte aber auf einmal in ihm ein sehnsüchtiges Verlangen nach ihr in dem Maße, daß er ganz das Gegenteil von dem sagte, was er zuvor gesagt hatte, und sich selbst wegen jener Äußerungen, die ihm als schwere Verirrung erschienen, hart tadelte:

»O ich Treuloser, ich Verräter«, rief er aus; »was habe ich gesprochen? Welcher törichte Gedanke hat sich in mein Herz geschlichen? Wie darf ich je wagen, vor die zu treten, die ich eben erst so unverdient und schnöde grausam, undankbar, wild, stolz und mörderisch genannt habe? Werde ich so verwegen und anmaßend sein, daß ich ohne die größte Scham vor sie zu treten wage? Und weiß ich denn, ob sie nicht eine solche Haltung annimmt, um meine Treue und Standhaftigkeit auf die Probe zu stellen? Was habe ich je ihr zuliebe ausgeführt, welches Pfand habe ich ihr gegeben, daß sie meiner Treue versichert sein muß? Wenn ich mich ihr so oft zum Sklaven ergeben habe, kann sie nicht mit mir anfangen als mit ihrem Eigentum, was ihr behebt? Bin ich denn ein so niederträchtiger und treuloser Ritter, daß ich ihr räuberisch nehmen mag, was ich ihr freiwillig gegeben habe? Gott bewahre mich vor solcher Sünde und behüte mich davor, ihr das Ihrige rauben und stehlen zu wollen! Ich bin geboren, um ihr zu dienen, und das will ich auch tun. Ich will also dabei beharren, ihr zu dienen und sie zu lieben, wie ich bisher getan habe, komme daraus auch, was da wolle.«

Auf diesem Sinne blieb er auch etwa zwei Jahre, in denen er wie bisher ihr Dienst und Verehrung erwies, bekam aber nie von ihr auch nur den leisesten Blick. Und da er sie in der Tat glühend liebte, so konnte er nicht verfehlen, sich manchmal etwas unvorsichtig zu benehmen, wodurch denn der ganze Hof und alle Leute in Neapel diese Liebe bemerkten, wiewohl von vielen auch früher schon manchmal davon gesprochen worden war. Viele mit ihm befreundete Barone, als sie sahen, wie er sich in der Nachfolge dieser Frau verzehre, tadelten ihn heftig und zankten ihn um so mehr aus, da der Stolz und die Hartnäckigkeit der Frau allen sehr bekannt war. Es war in ganz Neapel kein Bürger noch Edelmann, dem es nicht leid tat, daß Ventimiglia so von der Frau geringgeschätzt wurde, da ihn alle gern hatten und er allgemein beliebt war. Es gab auch Frauen und Edeldamen in Neapel, die dem Ventimiglia gern ihre Liebe geschenkt hätten, wenn er sie hätte lieben und darum angehen mögen; aber der arme Liebhaber war so versessen auf jene, daß er auf keine andere achtete.

Nun begab es sich, daß der Herzog von Kalabrien im Sommer, um der gewöhnlichen großen Hitze Neapels zu entgehen, auf einige Tage nach den Bädern von Pozzuolo gegangen war, einem, wie ihr alle wißt, sehr heitern und unterhaltenden Orte, der auch im Altertum ein Lustort für die vornehmen Römer war, wie noch jetzt die Ruinen vieler Prachtpaläste beweisen; dahin nun ging auch Ventimiglia hinaus mit dem Herzog. Und solange er in Pozzuolo war, pflegte Ventimiglia sich der übrigen Gesellschaft zu entziehen und bald am Ufer des Meeres, bald in den offenen lustigen Feldern Altertümer betrachtend, bald die fruchtbaren und nicht allzu steilen Hügel hinan, durch die zahlreichen kühlen Grotten, an den Seen und Schwefelstellen hin, durch die Zedern- und Pomeranzenhaine und so viele anderen Lustorte in der Gegend spazierenzugehen. Immer ging sein Sinn nur darauf, wie er es angreifen müsse, um die Gunst der Dame zu gewinnen.

Herr Galeazzo Pandono, sein vertrauter Freund, war über das Leben, das er ihn führen sah, äußerst mißvergnügt und hätte gern alles getan, um ihn von seiner Liebe zu befreien. Als daher eines Tages der Herzog früh aufgestanden war, um einen Spaziergang nach der Höhle der Sibylle zu machen, nahm Herr Galeazzo den Herrn Giovanni Ventimiglia bei der Hand und sagte zu ihm: »Herr Markgraf, lassen wir den Herzog gehen, wohin er will, und kommt Ihr mit mir unter diese Lorbeerbäume, wo ich Euch etwas sagen möchte!«

»Recht wohl«, sagte Ventimiglia, »ich war ohnehin entschlossen, anderswohin zu gehen.«

So kamen beide an die bezeichnete Stelle und setzten sich im Schatten der Lorbeeren auf das weiche Gras nieder.

»Herr Markgraf«, hub sodann Pandono zu reden an, »ich will alle Umstände beiseite setzen in Anbetracht der brüderlichen Freundschaft, die schon seit vielen Jahren zwischen uns besteht, und gleich auf den Kern dessen gehen, was ich dir zu sagen habe. Ich fange also mit dem Leben an, das ich dich in diesen Tagen hier zu Pozzuolo habe führen sehen; denn, um dir die Wahrheit zu sagen, schienst du mir einer der Philosophen, die dem Urgründe der Natur nachforschen, so gedankenvoll und einsiedlerisch bist du umhergeschlichen in der Gegend und hast alle Gesellschaft vermieden. Es ist, glaube ich, noch nicht fünf Tage her, daß der Graf von Celano und ich auf dem Hügel dort standen und dich ganz allein hier an dieser Quelle stehen und weinen sahen; und über eine Stunde schauten wir dir zu, wie du beständig Tränen vergossest und oft die Augen gen Himmel kehrtest.

'Siehe da,' sprach der Graf von Celano zu mir, 'wohin es mit dem Markgrafen von Cotrone gekommen ist über der Frau Lionora Macedonia, der Gattin des Herrn Giovanni Tomacello! Er liebt sie und folgt ihr nach schon seit geraumer Zeit; sie aber ist hochfahrend wie ein Bastardmops und kümmert sich den Henker um ihn und um das, was er tut. Bei meines Vaters Seele, ich bin oftmals drauf und dran gewesen, ihn zu schelten und ihn tüchtig darüber herunterzumachen. Da ich aber nicht besonders genau mit ihm bekannt bin, habe ich es unterlassen. Dessenungeachtet liebe ich ihn wie einen Bruder, da ich weiß, was er für ein geehrter und edler Ritter ist. Dir, Herr Galeazzo, steht das besser an: du bist sein Freund und vermagst ihn eher aus seinem Irrsale zu ziehen.‹

Ich versprach ihm, es bei der nächsten Gelegenheit zu tun, die ich finden werde, um so mehr, da ich es mir selbst wiederholt vorgenommen hatte. Jetzt aber ist es wohl hohe Zeit, wenn meine Worte dir deine Freiheit verschaffen. Es sind schon einige Jahre, daß du dieses Weib liebst, und wenn du glaubtest, deine Liebe sei geheim, so würdest du dich gar sehr täuschen; denn es ist keine Fabel in Neapel bekannter als diese deine Liebe: jeder spricht davon und wundert sich unendlich über deine Verirrung, da es das hochfahrendste und stolzeste Weib ist, die es geben kann. Du aber haftest so fest an ihr, daß du deinen Sinn auf sonst gar nichts wenden kannst. Von dem Aufwande, den du um ihretwillen gemacht hast, rede ich gar nicht, denn das ist noch das geringere Übel: denn du bist ja in Sizilien und in diesem Königreiche sehr reich, und durch den Prunk, den du getrieben, indem du bei Festen und Turnieren stets prachtvoll aufgezogen bist, hast du unsern Gebieter geehrt und dir den Namen des freigebigsten und glänzendsten Barons am Hofe erworben, was dir gar nicht ohne Bedeutung sein kann. Daß du sodann ihr nachfolgend deine Zeit vergeudet, tausend andere passende und anständige Gelegenheiten versäumt, dich selbst fast täglich zum eigenen Mörder gemacht und immer weniger auf dein Bestes gedacht hast, das sollte dir freilich nicht gleichgültig sein, und darum erwächst mir aus deiner Liebe fortwährend tiefe Bekümmernis, um so mehr, als ich so oft und von so vielen Seiten am Hofe sagen höre, du habest dich in der Verfolgung dieser Leidenschaft so selbst verloren, daß du gegen alles andere gleichgültig und gar nicht mehr dein eigener Herr seiest. Viele sagen auch, wenn man so über dich spricht, du seiest gar nicht mehr der alte Markgraf von Cotrone, sondern du habest dich in Lionora Macedonia verwandelt; denn du hast doch keinen andern Gott auf der Welt als sie, die sich doch um dich und deine Angelegenheiten so wenig kümmert als um die ersten Schuhe, die man an ihre Füßchen brachte. Und glaube nicht, daß das solche sagen, die dir übelwollen; sondern das Mitleid, das sie mit dir haben, die Liebe, die sie für dich fühlen, und der Wunsch, der sie belebt, dich aus dieser Hölle zu erlösen, zwingt sie, das zu sagen, was sie sprechen, und dich zu bemitleiden. Und bei Gott, wenn ich dir offen die Wahrheit sagen darf, so hast du dich doch über alles Maß von der Lust beherrschen lassen. Während du dich in andern Dingen immer äußerst vorsichtig erwiesen hast, warst du doch in diesem Unternehmen so sehr verblendet, daß du den offenbaren Tod vor Augen hast, ja, was mehr ist, Schande und Schmach und ewige Befleckung deines Namens, und siehst es doch nicht. Du, der du im Kampfe unter unserem glorreichen König Alfons so oftmals die feindlichen Scharen durchbrochen und die dir anvertrauten Männer mitten durch die Gefahr zum Siege geführt hast, kannst dich jetzt selbst nicht leiten und weißt keine sichere Zufluchtstätte zu finden; vielmehr bist du überwunden von einem Weibe, der du dich zum Sklaven ergeben hast, und du stehst zitternd vor ihr, wie ein Kind vor seinem Lehrer, der es züchtigt. Und vollends von welchem Weibe, du guter Gott, hast du dich so besiegen lassen? Ich will zwar nicht leugnen, daß sie zu den schönen jungen Frauen Neapels gehört und von sehr edler Abstammung, auch an einen vornehmen und reichen Edelmann verheiratet ist; warum sollte ich auch leugnen, was ja ein jeder sieht und weiß? Aber was für lobenswerte Eigenschaften hast du denn an ihr gesehen? Welche weibliche und liebenswürdige Sitten hast du an ihr bemerkt? Welches Entgegenkommen, welches Benehmen, welche Beweise von Freundlichkeit glaubtest du zu erkennen, worüber du sie loben dürftest?

Vielleicht sagt einer: Sie ist keusch und sittsam und will nichts tun, was ihr oder ihrem Gatten Schande bringen könnte.' Wohl und gut! Das ist ganz in der Ordnung; denn sobald eine Frau ihre Ehre verloren hat, hat sie all ihren Ruhm und all ihr Gut verloren. Die aber, die wahrhaft sittsam sind, die, die wünschen, dafür gehalten zu werden, sind freundlich und höflich, und wenn sie sehen, daß ein Mann danach trachtet, ihre Keuschheit zu erobern, geben sie ihnen auf eine angemessene Weise zu verstehen, sie möchten von dem Unternehmen abstehen, denn es helfe ihnen so wenig, als Wasser im Mörser stoßen oder Ziegelsteine waschen. Sie sind aber nicht wie jene hochfahrend, stolz, launisch und voll von tausend Grillen. Siehst du nicht, daß die, welcher du folgst, sich nichts um dich bekümmert, und um so weniger bekümmert, als alle Welt weiß, daß du um ihretwillen das seltsamste, geplagteste Leben führst? Und all das geschieht, weil sie weder Sitte noch Edelsinn besitzt. Diese ihre Schönheit, die du so sehr wert hältst, gleicht einer Blume, die am Morgen herrlich prangt, am Abend aber welk und verdorrt erscheint. Ein wenig Fieber und der Lauf der Zeit vernichten jede Schönheit und lassen nichts übrig als ein unerquickliches Stück Fleisch. Kann denn eine einfache Schönheit ohne den Schmuck einer Tugend deine Seele so tadelnswürdig gefesselt halten? Vergib mir, mein Bruder, und höre geduldig die Wahrheit! Ich sehe, du wirst böse, denn dein ganzes Gesicht verändert sich und gibt mir davon Zeugnis. Aber werde nur böse und zürne, so viel du willst! Ich habe einmal begonnen, mit dem Lichte der Wahrheit deinen Irrtum zu beleuchten! Ich will den Weg weiter verfolgen; und wenn du ein wenig diese deine Liebesleidenschaft, die dich verblendet, beiseite setzt, wirst du sehen, daß ich die Wahrheit sage; und wenn du mir auch für den Augenblick vielleicht grollst, so wirst du doch mit der Zeit freundlich darüber gesinnt werden; denn mit der Zeit muß diese deine unendliche Geduld doch unterliegen, und du mußt selbst den Irrtum erkennen, in dem du so lange befangen gewesen bist. Nur hilft eine solche Reue wenig. Was die Zeit, die Mutter der Wahrheit, mit ihrem schnellen Lauf dir zeigen wird, das solltest du jetzt durch deine Klugheit selbst erkennen; dann würdest du von allen gelobt werden. Wo ist dein Geist? Wo ist deine Mannhaftigkeit? Wo die Klugheit und die tiefe Einsicht, die so oft in kriegerischen Unternehmungen dir vor andern so viel Ehre eingebracht haben? Wo ist der Preis deiner Ritterlichkeit, den du erworben, nicht durch wahnsinniges Verfolgen von Frauen und eitle Liebe, sondern durch ritterliche Tat? Wo sind deine vielen andern Gaben, die dir an diesem Hofe so viel Ansehen verschaffen? Fürwahr, es tut mir um dich allzu sehr leid, und es betrübt mich gar zu sehr, dich verloren zu sehen, wie ich dich sehe. Ich will gar nicht ein Mönch werden und dir Keuschheit und Widerwillen gegen das ganze weibliche Geschlecht predigen; denn ich weiß, daß du noch jung bist, und daß es schwer hält für jeden, der Freiheit und Wohlleben genießt, sich der Umarmungen der Frauen zu enthalten. Ich möchte nur, daß du liebtest, wo deine Liebe erwidert wird oder du wenigstens Hoffnung hättest, für Treue und lange Dienstbarkeit einige Belohnung zu gewinnen. Aber du liebst die, die dich haßt, und die viel stolzer und spröder ist als der Feind der menschlichen Natur. Es ist noch nicht lange her, daß ich in Santa Maria Piedigrotta mit einer sehr edeln und schönen Gesellschaft von Frauen zum Nachtessen war in dem lieblichen Garten des Caracciolo. Zufälligerweise kam die Rede auf Lionora Macedonia, die Gattin des Tomacello. Alle sagten von ihr, sie sei allerdings sehr schön, es sei aber nicht möglich, eine gleich stolze, hochfahrende und anspruchsvolle Frau zu finden, und weder Verwandte noch Freundin könne es lange in ihrer Gesellschaft aushalten, da sie sich höher schätze als alle in der Welt und ohne Unterschied niemand etwas gelten lasse. Das ist der Name, den diese deine Geliebte sich bei Männern und Frauen durch ihr selbstgenügsames Wesen erworben hat. Darum bediene dich nunmehr deines freien Willens und wirf die schwere Last zu Boden, die dich nicht zu Atem kommen läßt! Führe das tödliche Gift ab, woran dein Herz krankt; und wenn du je lieben willst, so fehlt es dir gewiß nicht an schönen, edeln und tugendhaften Frauen, die sich glücklich schätzen werden, von dir geliebt zu sein, und von denen dir denn auch Gegenliebe nicht fehlen wird. Setze endlich diesem Unheil ein Ziel! Denn je länger du zögerst, um so größer wächst es an und könnte sich so festsetzen, daß es schlimmer würde als der Satan. Habe zunächst Gott vor Augen, dann deine Freunde, deine Ehre und dein Leben; in Wahrheit, es ist jetzt hohe Zeit dazu. Weiter wüßte ich dir nichts zu sagen.«

Hier schwieg Pandono, der Antwort des Markgrafen gewärtig, welcher, betroffen von der Wahrheit und Ehrenhaftigkeit der Worte seines Freundes, nach einigem Bedenken tief aufseufzte und also antwortete: »Ich sehe wohl ein, lieber Herr, daß alles wahr ist, was du mir soeben so liebevoll auseinandergesetzt hast, und ich bin dir dafür unendlich verbunden. Freue dich daher, daß du nicht tauben Ohren gepredigt und deine Worte nicht umsonst vergeudet hast! Ich hoffe mit Gottes Hilfe ganz Neapel zu zeigen, welchen Eindruck deine wahren Worte auf mich gemacht haben. Und bei dem Handschlag, den ich dir nunmehr gebe, verpfände ich dir mein treues Ritterwort, daß ich von nun an die verzehrenden glühenden Flammen gänzlich auslöschen will, die bisher wegen der unseligen Schönheit Macedonias mich verzehrt und versengt haben; und so nehme ich ihren Namen und ihr Gedächtnis nun aus meinem Herzen. Sie sollen bei mir keinen Platz mehr finden, und es soll nicht weiter von ihr die Rede sein. Gehen wir! Ich sehe, daß der Herr Herzog bereits auf dem Heimwege begriffen ist.«

Nach diesen Worten standen sie auf, fingen ein anderes Gespräch an und folgten dem Wege des Herzogs. Noch an dem nämlichen Tage nahm Ventimiglia, der es für das beste hielt, sich einige Zeit von Neapel zu entfernen, Gelegenheit, den Herzog um Urlaub zu bitten, um nach seiner Markgrafschaft Cotrone in Kalabrien und von da hinüber nach Sizilien zu gehen. Nachdem er den Urlaub erhalten, ging er nach Neapel, um dem König Alfons seine Aufwartung zu machen, brachte seine Angelegenheiten in Ordnung, ritt nach Kalabrien und hielt sich einige Tage auf; sodann schiffte er nach Sizilien über, wo er seit vielen Jahren nicht gewesen war. Und man glaube nicht, daß er dort müßig ging. Er durchreiste die ganze Insel zu Pferde, sah täglich neue Dinge und suchte durch fortwährende Strapazen die Gelüste zu ertöten, die je zuweilen die Schönheit Macedonias ihm noch erweckte, so daß ihn seine Abreise fast reuen wollte. Und doch, sooft er sich auch versucht fühlte, zurückzukehren und noch eine Weile zuzusehen, ob es ihm nicht durch Beharrlichkeit gelinge, die Hartherzigkeit der grausamen Frau zu brechen, so war doch die Vernunft in ihm so mächtig, daß er das Gedächtnis an sie ganz von sich bannte, und da sich so allmählich die eingewurzelte Leidenschaft verminderte, begann er kaltblütig ihre vielfache Härte und ihr unliebenswürdiges Betragen zu erwägen.

Erst als er sich dann ganz frei fühlte, beschloß er an den Hof zurückzugehen. Nach einer Abwesenheit von etwa sieben Monaten kehrte er nach Neapel zurück; aber er ging nie mehr am Hause jener Frau vorüber, außer etwa zufällig in Gesellschaft von andern, welche diesen Weg einschlugen. Wenn sie aber dann auch am Fenster oder unter der Tür stand, tat er, als ob er sie nicht bemerkte, und war so gleichgültig, als ob er sie niemals gesehen hätte.

So war er seit seiner Rückkehr von Sizilien noch nicht zwei Monate wieder in Neapel, als schon jedermann diese Umwandlung bemerkte, und alles zollte ihm dafür das größte Lob; so sehr war allen das widerspenstige Wesen Macedonias zuwider. Und weil, wie der göttliche Dichter Messer Francesco Petrarca sagt, gegen diese Bosheit Amors kein Mittel vorhanden ist, als sich von dem einen Bande zu lösen und an das andere zu ketten, wie man aus einem Brett einen Nagel mit dem andern heraustreibt, wiewohl er von der Liebe der Frau Lionora frei war, so fühlte er doch noch manchmal ein Fünkchen des alten Feuers unter der Asche glimmen, und das löschte er nicht ganz aus, sondern öffnete vielmehr seine Brust neuer Liebe und begann zu erglühen für eine sehr schöne Jungfrau, die auch, als sie die Liebe des Ritters als aufrichtig erkannte, sich keineswegs spröde zeigte, so daß er ihre und sie seine Gunst erwarb. Von dieser zweiten Liebe fand sich Herr Ventimiglia sehr befriedigt, und da er an der Dame täglich mehr Sitte und Freundlichkeit erkannte, vergaß er seine erste Geliebte gänzlich; ja, er schämte sich vor sich selbst darüber, daß er sie überhaupt je geliebt habe. Bei dieser zweiten Liebe aber hielt er sich so geheim, daß niemand je etwas davon merkte.

Schon war fast ein Jahr verstrichen seit Herrn Ventimiglias Rückkehr von Sizilien nach Neapel, als Herr Giovanni Tomacello, der Gemahl Macedonias, von einigen seiner Verwandten in einen schlimmen Rechtshandel verwickelt wurde, infolgedessen ihn einige Schriftstücke, die seine Gegner auffanden, in große Gefahr brachten, mehr als vierzigtausend Dukaten von seinem väterlichen Erbe zu verlieren. In welche Not er dadurch geriet, mag sich ein jeder vorstellen, der sich einmal selbst in einem solchen Verhältnisse befand. Die Sache kam vor den hohen Rat des Königs, und da es Tomacello vorkam, als ständen seine Gegner mehr in Gunst als er und er darum seinen Rechtshandel zu verlieren fürchtete, wußte er nicht, was er anfangen solle. Die vornehmsten Rechtsgelehrten des Reichs hatten allerdings ihr Gutachten dahin abgegeben, daß das Recht, wenn auch unter verwickelten Umständen, auf seiner Seite sei; und so riet ihm ein guter Freund, seine Zuflucht zu einem Günstlinge des Hofes zu nehmen, um mit dessen Hilfe zu erlangen, daß der Prozeß ohne Zeitverlust entschieden würde, weil seine Verwandten eben durch den Einfluß, den sie besaßen, zu bewirken strebten, daß die streitigen Güter gerichtlich verwaltet und der Handel in die Länge gezogen würde; was, wenn es zur Ausführung kam, Tomacello völlig zugrunde richten mußte. Er ging daher in Gedanken alle Günstlinge des Hofes durch und überlegte, wessen Hilfe er ansprechen könne, bis man ihm riet, den Markgrafen von Cotrone für sich zu gewinnen, der sowohl der dienstfertigste und gefälligste von allen Hofleuten, als auch der erste Liebling des Herzogs von Kalabrien sei und nächstdem von dem Könige Alfons sehr wert gehalten werde. Tomacello, der niemals etwas von der Liebe des Markgrafen zu seiner Gattin gehört hatte und auch sonst seine Freigebigkeit, Menschenfreundlichkeit, Höflichkeit und Leutseligkeit sowie andere seltene Eigenschaften, die er besaß, hatte rühmen hören, beschloß, obgleich er ihn nicht näher kannte, ihn zu besuchen und ihn zu bewegen, daß er ihn in diesem Rechtsstreite unterstütze. Nachdem er diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, verschob er seine Ausführung nicht, sondern bestieg am folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück ein Maultier und begab sich in das Haus des Markgrafen, der bei Seggio Capuano wohnte. Er stieg gerade zu der Zeit bei ihm ab, als auch Ventimiglia seine Mahlzeit beendigt hatte und eben noch mit einigen Edelleuten, seinen Freunden, die bei ihm gespeist hatten, am Tische saß und sich unterhielt. In den Saal eingeführt, bezeugte Tomacello dem Markgrafen seine schuldige Ehrerbietung, und sobald dieser freundliche und äußerst liebreiche Mann den Herrn Giovanni Tomacello eintreten sah, stand er auf, ging auf ihn zu, empfing ihn mit anmutiger Höflichkeit und fragte ihn, was er mache.

»Ich komme,« antwortete Tomacello, »um mit dir unter vier Augen über Geschäfte zu sprechen.«

Als der Markgraf dies hörte, wunderte er sich sehr, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in einen sehr schönen Garten, wo sie auf und ab gingen und sich der Schönheit des Baumgutes freuten, das voll war von Pomeranzen, Zitronen, Zedern und andern fruchtbaren Bäumen nebst tausendfacher Abwechselung von holden und duftigen Blumen; darauf setzten sie sich in eine kleine, vor der Sonne geschützte Laube.

Als sie sich dort niedergelassen hatten, begann Tomacello also zu sprechen: »Wiewohl ich früher, erlauchter Herr Markgraf, keine Freundschaft noch Bekanntschaft mit dir gehabt habe, noch mir Gelegenheit geworden ist, dir irgendeinen Dienst zu tun, um dessenwillen ich wagen dürfte, dich um deinen Schutz und deine Verwendung in einer mir sehr wichtigen Angelegenheit anzugehen, so hat mir doch der Name, den du dir in diesem Königreiche allgemein als der höflichste Mann, der nie einem Bittenden ein Gesuch abzuschlagen weiß, erworben hast, den Mut gegeben, daß ich, vielleicht, ohne von dir gekannt zu sein, zu dir komme und dich um die Gunst anflehe, ein paar gute Worte für mich einzulegen. Ich bin Giovanni Tomacello, ein Edelmann dieser Stadt, mit dem neulich einige meiner Verwandten oder vielmehr tödliche Feinde einen Prozeß angefangen haben, infolgedessen sie mir, wenn sie durchdrängen, mehr als die Hälfte meines väterlichen Erbes entreißen würden. Ich habe meine Papiere vorgebracht, und meine Rechtsfreunde sagen mir, daß, wie verworren auch die Sache, das Recht doch entschieden auf meiner Seite sei. Trotzdem bestehen meine Gegner darauf, indem sie auf die Gunst bauen, deren sie sich im hohen Rate erfreuen, daß die streitigen Güter den Gerichten zur Verwaltung übergeben werden, und suchen die Sache in die Länge zu ziehen unter dem Vorgeben, noch andere Papiere wieder vorsuchen zu wollen. Müßte ich die Hälfte meiner Güter verwalten lassen, so würde mich das zugrunde richten; da ich schon viele Jahre im Besitze bin, so möchte ich auch darin verbleiben und machen, daß der Prozeß bald geschlichtet würde. Das aber kann ich ohne deine Verwendung nicht erlangen. Darum bitte ich dich untertänig, da du, wie es heißt, jedem nach deinem Vermögen dienstwillig bist, für mich nicht karg mit Worten zu sein. Wenn ich durch deine Vermittelung einen Spruch zu meinen Gunsten erhalte, wie ich hoffe und wie die Gerechtigkeit fordert, so bin ich dir auf ewig verbunden für Vermögen, Leben und Ehre. Überdies werde ich mich einigermaßen so benehmen, daß du erkennen sollst, du habest deine Worte nicht für einen Undankbaren hingegeben. Ich wünsche auch nichts als durch deine Vermittelung Gerechtigkeit zu erlangen, so bald als möglich.«

Hier schwieg Tomacello, worauf der Markgraf mit heiterem Gesichte Tomacello folgendermaßen antwortete: »Ich wünschte wohl, mein Herr, du bedürftest meiner Hilfe nicht, um die du mich ersuchst, nicht etwa deshalb, weil ich abgeneigt wäre, für dich in deinem Rechtsstreite zu tun, was in meinen Kräften steht, – ich werde es vielmehr herzlich gerne tun; vielmehr weil ich wünschte, daß deine Angelegenheiten in dem befriedigenden Zustande wären, den du selber verlangen magst. Ich danke dir und bin dir verbunden für das Lob, das du mir spendest; und wenn auch alle die guten Eigenschaften, die man mir beilegt, mir nicht zukommen, so freut es mich doch, in einem so guten Rufe zu stehen, und soviel an mir ist, werde ich bestrebt sein, daß meine Handlungen der über mich verbreiteten Meinung entsprechen. Alles, was ich zu deinen Gunsten tun kann, – sei versichert, daß ich es tun werde, und zwar mit der Eile und dem Eifer, wie wenn es meine eigene Sache wäre! Ist der Erfolg ein guter, so soll es mich freuen, wie wenn er mir selbst zugute käme. Geschieht, was Gott verhüte, das Gegenteil, so werde ich doch jedenfalls vorher meine Pflicht tun. Wenn du aber recht hast, wie du mich versicherst, so hoffe ich, dir morgen, ehe die Sonne untergeht, erfreuliche Neuigkeiten melden zu können; denn ehe du zu Nacht speisest, will ich die Sache so einleiten, daß der Ausgang nur ein guter sein wird. Was die Anerbietungen betrifft, die du mir zuletzt gemacht hast, sofern sie dahin gehen, mein Freund und Bruder zu bleiben, so danke ich dir dafür und sehe es an, als habe ich heute eine sehr große Eroberung gemacht; gedenkst du aber, wie deine Worte anzudeuten scheinen, mir irgend etwas zu schenken, so muß ich bemerken, daß ich, wenn ich ein Krämer wäre oder um Lohn diente, es etwa annehmen könnte; nun bin ich aber Giovanni Ventimiglia, meines Standes ein Edelmann und Ritter und nicht ein Krämer. Ich hätte darum alle Ursache, mich über dich zu beklagen, da du meiner Ehre solche Zumutungen machst. Es stimmt dies schlecht zu dem, was, wie du mir kurz zuvor gesagt hast, die öffentliche Meinung von mir hält. Mein Vater war ein Ritter und ein Herr, dessen Tapferkeit und Ruhm noch in Sizilien widerhallt; mein hochherziger König hat mich selbst zum Ritter und Markgrafen erhoben, ohne Zweifel, weil er gnädig genug war, anzunehmen, daß meine guten Eigenschaften oder wenigstens die Meinung, die er von mir hatte, es verdienen. Das Gold, das du mich um den Hals tragen siehst, trage ich nicht als Zeichen, daß ich ein Kaufmann bin, sondern um an mir die Freigebigkeit und Gnade meines ruhmreichen Königs zu zeigen, und andererseits, um es ritterlich zu gebrauchen und auszugeben. Darum biete ich dir außer dem Dienste in Worten, den du von mir verlangst, sobald du es nötig haben solltest, dich meines Vermögens zu bedienen, an, so viel du willst; und wenn du den Versuch machst, wirst du sehen, daß ich in Handlungen viel mehr leisten kann, als ich dir in Worten anzubieten verstehe.«

Nachdem Tomacello das Versprechen und dieses großmütige Anerbieten von Ventimiglia erhalten hatte, hielt er sich für gänzlich zufriedengestellt, dankte ihm unendlich und erbot sich zu gleichen Diensten mit den freundlichsten Worten, die er wußte. So ganz voll der besten Hoffnung kehrte er nach Hause zurück und erzählte seiner Gattin, was er bei dem Markgrafen von Cotrone ausgerichtet hatte. Diese verwunderte sich nicht wenig über die Gefälligkeit des Ritters und erinnerte sich dabei, ohne jedoch ihrem Mann weiter davon zu sagen, im stillen der langen Dienstbarkeit des Markgrafen, des großen Aufwandes, den er gemacht, des Waffenspieles, des Prunkes und so vieler Aufmerksamkeiten, die er aus Liebe zu ihr gegen sie gehabt, und wie sie ihn auch niemals mit einem Blicke ihrer Augen erfreut hatte. Dies drängte sie zu der Überzeugung, daß er der vollkommenste Mann sei, den man finden könne.

Sobald Tomacello das Haus des Markgrafen verlassen hatte, begab sich dieser an den Hof und sprach eindringlich mit dem König und mit dem Herzog über die Angelegenheit des Tomacello; weshalb denn der König einen seiner Kämmerer zu sich rief und ihm auftrug, seinen Räten insgesamt zu wissen zu tun, sie hätten bei Verlust seiner königlichen Gnade am folgenden Tage unweigerlich im Rechtsstreite zwischen Giovanni Tomacello und seinen Verwandten ein Urteil zu fällen. Die Räte säumten nach Empfang dieses Befehles nicht, ihn in Ausführung zu bringen, und sandten also, da in dem Prozesse alles zum Spruche reif war, den Beteiligten ihre gerichtliche Einladung zu, am andern Morgen vor ihnen zu erscheinen, um der Entscheidung ihrer Angelegenheit gewärtig zu sein. Das Gericht kam zur bestimmten Zeit zusammen, und da der Fall schon zuvor von den Anwälten für und wider erörtert worden war und allen Giovanni Tomacellos gutes Recht eingeleuchtet hatte, so sprachen sie das Endurteil zu seinen Gunsten aus. Um den ihm geleisteten Dienst vollkommen zu machen, ließ Ventimiglia das Urteil durch einen seiner Leute aufnehmen und gerichtlich bestätigen und sandte es unverzüglich Tomacello zu, der über diese schöne und unerwartete Wendung eine große Freude hatte, dem Markgrafen angelegentlichst dafür dankte und anfing ihn öfter zu besuchen, ja auch mit ihm zu speisen. Dem Herrn Markgrafen fiel es indessen darum niemals ein, dessen Gattin wiedersehen zu wollen oder seine früheren Pläne wiederaufzunehmen; vielmehr kümmerte er sich wie seit längerer Zeit nicht mehr und nicht weniger um sie, als wenn er sie nie gekannt hätte.

Hierauf ritt eines Tages der Herzog von Kalabrien nach dem Abendessen durch die Stadt und kam an dem Hause Tomacellos vorüber, der mit seiner Gattin eben an der Tür stand, um frische Luft zu schöpfen. Ventimiglia war zufälligerweise mit einem Edelmann hinter dem übrigen Gefolge zurückgeblieben und kam im Gespräche mit ihm langsam nachgeritten. Als er der Haustür Tomacellos gerade gegenüber war, ließ dieser seine Gattin auf der Straße stehen und lief auf den Markgrafen zu, um ihn angelegentlich zu bitten, er möge mit seinem Begleiter absteigen und zur Erfrischung ein Glas bei ihm trinken. Der Markgraf dankte Tomacello und wollte die Einladung nicht annehmen, sondern ritt weiter, dem Herzoge nach. Hierauf sprach die Frau, uneingedenk des großen Dienstes, den der Markgraf erst kürzlich ihrem Gemahle geleistet: »Was hast du nur, mein Gemahl, mit dem Markgrafen Ventimiglia zu schaffen, daß du ihn so freundlich in dein Haus einlädst?«

Mit unwilliger Miene wandte er sich hierauf zu seiner Gattin und sagte: »Bei der Seele meines Vaters, ich glaube nicht, daß es auf Erden ein undankbareres Weib gibt, als du bist. Du kannst nichts als dich putzen und bespiegeln, täglich auf neue Kleiderpracht sinnen, immer geschniegelt und gebügelt dastehen, als wärest du die Fürstin von Tarent, und alle Männer und Frauen dieser Stadt über die Achseln ansehen. Ist es möglich, daß du schon vergessen haben kannst, welche Gefälligkeit, ja Wohltat dieser Markgraf mir dieser Tage erwiesen hat? Müssen wir nicht sagen, daß wir ihm den größten und besten Teil unseres Vermögens verdanken? Wären wir nicht ohne ihn zugrunde gerichtet bis in die dritte Generation? Fürwahr, es wäre unsere Schuldigkeit, die Erde zu küssen, die er mit seinen Füßen betritt. Ich für meinen Teil bekenne, ihm mit Leib und Leben, geschweige denn mit Hab und Gut verpfändet zu sein, und mein Wunsch ist, daß er immer über mich und mein Eigentum schalte, als ob es ihm gehörte. Ja, ich will mich umbringen lassen, wenn ich auf Erden seinesgleichen kenne; denn wenn er mir auch nie einen Gefallen erwiesen hätte, so verdient er doch um seiner seltenen Eigenschaften willen die allgemeine Liebe, Achtung und Verehrung. Er ist edel, höflich, freundlich, gefällig, freigebig, großherzig, dienstfertig und der edelste Herr, der je in dieser Stadt gelebt hat und dessen Tugenden selbst Steine rühren müssen. Und bei Gott, er ist auch nicht so häßlich, daß es einen anwidern müßte, ihm gut zu sein; aber du verlangst, ich soll ihn nicht ehren und feiern? Seine Bescheidenheit und sein freundliches Wesen würde ein Marmorherz in ihn verliebt machen. Darum, meine Gattin, bin ich ihm zu weit Größerem verbunden, als daß ich ihn einlade, bei mir Erfrischungen anzunehmen. Wollte nur Gott, ich könnte ihm einen recht ausgezeichneten Dienst tun, – wie gerne würde ich es tun!«

Diese Worte durchschnitten das undankbare, stolze Herz der Frau, und sie wußte ihrem Gatten keine Silbe zu erwidern, sondern blieb stumm ihm gegenüber stehen und schlich sich, sobald sie konnte, von ihm hinweg in ihr Zimmer, wo sie sich auf das Bett warf und dem Strome ihrer Tränen freien Lauf ließ. Der Mann sah seine Frau fortgehen, und da er wußte, daß sie ihrer Natur nach nichts weniger als Tadel vertrug, so bestieg er sein Maultier und ritt durch die Straßen spazieren. Sie empfand mit einem Male eine so schwere innerliche Reue, daß es ihr war, als hätte man ihr das Herz aus allen Wurzeln gerissen. All ihr Sinnen und Denken war mit dem Markgrafen beschäftigt, und alles, was er jemals um ihretwillen getan und gelassen, machte sich ihr gegenwärtig insgesamt erinnerlich. Sie dachte an die Härte, die Grausamkeit und den Stolz, den sie so oft gegen ihn übte, und fühlte sich vor Schmerz dem Tode nahe. Was sollen nun wir hier sagen, meine edeln Herren und Damen? Was in so vielen Jahren durch Bälle, Feste, Gesänge, Tjostieren, Turnei, Musik und reichlichen Aufwand, weinend, bald glühend, bald erstarrend, seufzend, dienend, liebend, bittend und alle Untertänigkeit und List übend, die selbst Lukretia einem Tarquinius gewonnen hätten, der mannhafte und edle Markgraf nicht ausrichtete, das bewirkten die einfachen und wahren Worte des unbedachten Gatten, die jenes stolze und verhärtete Herz so demütigten und erweichten, daß sie, die immer der Liebe entgegenkämpfte, sich mit einem Schlage ganz in Glut und Flammen fühlte aus Neigung zu dem Ritter, so daß es ihr unmöglich schien, ohne ihn zu leben, bis sie einmal mit ihm sprechen und die verzehrenden Flammen, die sie erbärmlich zugrunde richteten, ihm offenbaren könne. Sie beschloß daher noch an demselben Abend, irgendwie ein Mittel zu finden, mit ihm zusammenzukommen. Sie konnte die ganze Nacht über an sonst nichts mehr denken.

Als der Tag gekommen war, erinnerte sich die Frau des Boten, den der Markgraf ihr mit einem Briefe zugesandt hatte. Sie fand daher durch eine gute Alte Gelegenheit, mit diesem zu reden und ihm zu entdecken, was sie wünschte, daß er bei Herrn Ventimiglia ausrichte. Als der Bote die Frau hörte, tröstete er sie sehr und sagte ihr, er sei versichert, daß der Markgraf sie noch immer hebe, und er wolle es schon so einrichten, daß er zu einer Unterredung zu ihr komme. Die Frau war darüber hocherfreut. Der Bote ging weg, suchte den Markgrafen auf und sagte zu ihm: »Mein Herr, ich bringe dir eine wunderbare Neuigkeit, die du gewiß nicht imstande bist zu erraten. Weißt du wohl, daß Frau Lionora Macedonia, der Sprödigkeit, womit sie dir begegnet, müde, jetzt ganz die deine ist und nichts sehnlicher wünscht, als dir gefällig zu sein, auch dich inständig bittet, zu geruhen, heute um Nonenzeit zu einer Unterredung zu ihr zu kommen: sie wolle dich im Garten, der hinten an das Haus stößt, erwarten, und die Tür des Gartens soll offen stehen. Messer Giovanni Tomacello, ihr Gemahl, ist diesen Morgen nach Somma gegangen und wird in den nächsten acht Tagen nicht zurückkommen.«

Der Markgraf wunderte sich über diese Botschaft nicht wenig; unendlich vieles drängte sich ihm durch den Kopf, und er war im Zweifel, ob er hingehen solle. So antwortete er dem Boten: »Ich habe heute einige Geschäfte von der größten Wichtigkeit. Finde ich Zeit um die Stunde, die du mir bezeichnet hast, so gehe ich hin und spreche mit Frau Lionora.«

Der Bote ging weg, kehrte zu der Frau zurück und sagte ihr, der Ritter werde um die festgesetzte Stunde kommen. Herr Ventimiglia aber, der seine Liebe ganz von jener Dame abgezogen hatte, dachte an anderes und ging nicht hin. Sie erwartete die Ankunft des Markgrafen den ganzen Tag, und da sie ihn nicht kommen sah, war sie sehr betrübt. Sie fragte den Boten aus und ließ sich von ihm wohl zehnmal die Worte wiederholen, die der Markgraf zu ihm gesagt hatte; und da sie dann der Meinung war, er sei durch wichtige Geschäfte abgehalten, zu kommen, oder habe vielleicht Bedenken getragen, in ihr Haus zu kommen, schickte sie den Boten noch einmal an ihn ab und ließ ihn ersuchen, an dem und dem Tage, zu der und der Stunde ihr die Gunst zu erweisen, in einer gewissen, wenig besuchten Kirche sich einzufinden. Mittlerweile überkam sie zwar auch die Besorgnis, ob nicht die dereinst glühende Liebe des Ritters sich in Haß verwandelt haben möge, und sie warf sich selbst die Härte vor, die sie gegen ihn geübt hatte. Indessen schien es ihr wieder unmöglich, daß so viele Liebe ganz erloschen sein könne; und je länger sie abgehalten wurde, dem Ritter ihre Leidenschaft zu entdecken, desto mehr verzehrte sie das überhandnehmende Feuer derselben.

Auf ihre zweite Botschaft hin entschloß sich der Ritter hinzugehen, um zu sehen, was sie wünsche, da er sich nicht denken konnte, was diese rasche Umwandlung bewirkt habe. Als die Zeit kam, wo sie sich in der Kirche einfinden sollten, und die Frau die Gewißheit erhalten hatte, daß der Ritter um die festgesetzte Zeit kommen werde, kleidete sie sich sehr reich, putzte und schmückte sich so reizend als möglich, erhöhte meisterlich ihre angeborene Schönheit durch die Kunst und verfügte sich nach dem abgelegenen Tempel, wo kurz zuvor mit einem kleinen Edelknaben, der ihm außen das Pferd hielt, der Markgraf angekommen war. Als sie mit drei Frauen und zwei Dienern eintrat, sah sie den Markgrafen allein umhergehen; sie trat ihm höflich entgegen, grüßte ihn und er sie. Nachdem sie auf diese Weise die gebührenden Höflichkeitsbezeugungen ausgetauscht, sagte der Ritter: »Gnädige Frau, verzeiht mir gefälligst, daß ich neulich nicht in Euer Haus gekommen bin; denn die Geschäfte, die ich eben vorhatte, haben es nicht erlaubt. Nun aber komme ich, zu hören, was Euch gefällig ist, mir zu sagen.«

Nach einigen kläglichen Seufzern, die aus der Tiefe ihres Herzens aufstiegen, heftete sie ihre schönen Augen kläglich auf das Gesicht des Herrn Markgrafen und begann sodann mit gedämpfter, bebender Stimme also zu reden: »Wenn ich, mein unvergleichlicher Herr, mich so gegen dich benommen hätte, wie deine Tugend es stets verdient hat, so könnte ich kecklicher vor deinem erhabenen und großartigen Anblick meine Bitten vorbringen. Wenn ich aber denke, daß meine Undankbarkeit und Härte gegen dich mehr als unendlich gewesen ist, und daß ich nie mich dazu hergegeben habe, dir mit einem einzigen Blicke gefällig zu sein, so wagt die kalte Zunge nicht, dir das zu sagen, was dir bittend vorzutragen ich hierher gekommen bin. Freilich, wenn ich nur berücksichtigen wollte, was ich verdiene, –wie hätte ich es je wagen sollen, dir wieder vor die Augen zu kommen? Aber deine unvergleichliche Menschenfreundlichkeit und deine höfliche Sitte, die andere so sehr rühmen, machen mich nicht allein beherzt genug, dir meine Wünsche zu vertrauen und frei meine Pläne zu eröffnen, sondern lassen mich auch hoffen, daß ich bei dir Erbarmen finden werde, geschweige Verzeihung. Und was wäre anders zu erwarten von einem so edeln und hochherzigen Ritter, dessen Beruf es ist, allen zu helfen? Ich, mein Herr, war ich bisher blind und gleichgültig, so habe ich jetzt die Augen geöffnet und meine törichte Hartnäckigkeit eingesehen; ich bin nicht nur Bewunderin deiner unvergleichlichen Tugend und seltenen Gaben, sondern deine Dienerin; darum kann ich ohne deine Hilfe, deine Gunst und deine Liebe nicht am Leben bleiben. Und glaube nicht, mein Gebieter, daß ich alle diese Ausgaben, die du unnötigerweise um meinetwillen gemacht, die Feste, die Zeit, die du verloren, und so vieles andere, was du um meinetwillen vergebens getan hast, vergessen und andererseits meine Grausamkeit, meinen Undank und meine Mißachtung gegen dich nur so von mir abgeschüttelt habe; vielmehr schwebt das alles meinen geistigen Augen noch sehr lebhaft vor und ist mir ein beständig nagender Wurm am Herzen. Ja, es macht mir so viel Pein, daß ich weit lieber sterben möchte. Darum bekenne ich meine schwere Verirrung, flehe dich demütig um Vergebung an und bitte dich, mich zu deiner demütigen Magd annehmen zu wollen. Du sollst mich in Zukunft gegen all dein Begehren durchaus gehorsam finden, und ich befehle in deine Hände meine Seele und mein Leben. Und welches größere Glück kann denn der Mensch finden, als seinen Feind um Gnade rufend zu seinen Füßen niederfallen zu sehen? Siehe du das jetzt, mein Gebieter: denn dein gutes Geschick will, daß ich alles, was ich je gegen dich verbrochen, nun durch doppelte Strafe abbüße. Wenn meine Leute, die hier in die Kirche mich begleitet haben, mich nicht sähen, so würde ich mich zu Boden werfen und um Erbarmen schreiend dir tausendmal die Füße küssen. Jetzt bin ich denn ganz die deine: mache mit mir, was dir am besten gefällt! Wünschest du, um deine früheren Bemühungen zu rächen, daß ich sterbe, so gib mir mit diesem Schwerte, das du umgürtet hast, mit deiner Hand den Tod! Denn in jedem Falle, wenn ich deine Gunst nicht erlange, darfst du überzeugt sein, daß in kurzem mein Leben zu Ende gehen wird. Wenn aber ein Funke deiner schlecht belohnten Liebe, die du sonst für mich hegtest, dir noch im Busen glimmt, wenn du der hochherzige Fürst bist, für den dich das ganze Reich ausgibt, so geruhe mit mir Erbarmen zu haben! Und wenn du vielleicht zu wissen wünschest, wie diese meine plötzliche Umwandlung erfolgt und woher diese meine glühende Liebe zu dir entstanden ist, so will ich dir es sagen. Mein Gatte, der dich mehr als sich selbst hebt und dir so tief verpflichtet ist, hat mir dieser Tage eine Predigt gehalten über deine rühmlichen Eigenschaften und dich so sehr gelobt, daß meine Augen, die erblindet waren, sich plötzlich auftaten und ich so glühend für dich entbrannte und mich so ganz dir hingegeben fühlte, daß ich gar nicht mehr meiner mächtig bin. Deshalb bin ich hierhergekommen, um dir mein Begehr zu offenbaren, damit eins von beidem geschehe, entweder daß ich als die deinige lebe, oder daß ich sterbe. In deiner Hand also ruht mein Leben und mein Tod.«

Nach diesen Worten brach ein Strom von Tränen aus ihren Augen, und sie schwieg, von Schluchzen unterbrochen. Solange die Frau sprach, hatte der Markgraf aufmerksam zugehört und unterdessen die mannigfaltigsten Gedanken bei sich gehabt. Er sah sie reizender als jemals, und der Schmerz erhöhte noch ihre Schönheit und Anmut; er sah sie bereit, allen seinen Befehlen zu gehorchen, und fühlte den Stachel der Lust in sich erwachen, welche ihm zuflüsterte, er könne ja ihr zu Gefallen die Freuden der Liebe mit ihr genießen und mit einer passenden Antwort und Verabredung einer Zusammenkunft sie für jetzt getröstet entlassen. Aber seine Vernunft war stärker als seine Sinnlichkeit. Sobald er daher sah, daß sie, von Tränen gehemmt, nichts mehr sagte, antwortete er ihr auf folgende Weise: »Nicht wenig, Frau Lionora, habe ich mich gewundert, daß du zu einer Unterredung mit mir kommst; und je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr muß ich mich wundern; ja, ich kann es kaum glauben, obschon ich dich hier sehe, wenn ich mich der Zurückhaltung erinnere, die du so lange Jahre her streng gegen mich geübt hast. Was ich früher tat, als ich heftig in dich verhebt war, braucht mir nicht ins Gedächtnis gerufen zu werden: denn ich sehe es beständig wie in einem hellen Spiegel sehr klar und schäme mich über mich selbst. Und ob ich damals um deinetwillen bald brannte, bald erstarrte, ob ich oft dem Tode nahe war, das wissen diese meine beiden Augen, die in jener Zeit zwei Quellen ähnlich sahen; noch kann es mir ganz Neapel bezeugen, das meine glühendsten Wünsche und meine eisigste Furcht so oft gesehen hat. Der Lohn für meine so lange peinvolle, beständige und treue Dienstbarkeit war, wie du in Wahrheit gesagt hast, nichts; ich schrieb das nicht einer dir innewohnenden Undankbarkeit, nicht der Härte und Grausamkeit zu, sondern hegte immer die feste Überzeugung, da habest dich den Angriffen der Liebe widersetzt, um den Preis deiner unübertroffenen Sittsamkeit unbefleckt zu erhalten. Nachdem ich sonach klar eingesehen hatte, daß meine Bemühungen vergeblich seien, habe ich dich aufs höchste gelobt, und sooft man von dir sprach, wenn viele deine Härte anklagten, habe ich immer dich mit aufrichtigen Lobpreisungen gefeiert als eine der keuschesten und schamhaftesten Frauen von der Welt. Daß du erst jüngst durch die Lobsprüche, die dein Herr Gemahl mir erteilt hat, dich hast bewegen lassen, mich zu lieben, und in das Labyrinth eingetreten bist, in welchem verschlossen ich das herbste und bitterste Leben geführt habe, scheint mir um so auffallender, je mehr ich dein früheres Leben ins Auge fasse. Aber wenn du mich liebst, wie es die neue Freundschaft verlangt, die ich mit deinem Herrn Gemahl geschlossen habe, so ist es mir erwünscht: ich danke dir dafür und fordere dich auf, dabei zu beharren; denn da ich ihn wie einen verehrten Bruder hebe, so werde ich auch dich als wahre Schwester lieben und immer in allen Stücken, die unsere Freundschaft verlangt, zu deinen Diensten vollständig bereit sein. Wenn du nun aber andere Gedanken im Herzen hegst und wünschest, daß ich in das alte Joch zurückkehre, wenn du ewig mir angehören und tun willst, was ich will, so lege diese sinnliche und ungeordnete Begier von dir und verharre auf deinem keuschen Vorhaben, wie nach meiner Überzeugung dein ganzes bisheriges Leben gewesen ist! Verhüte Gott, daß ich je daran denke, deinem Herrn Gemahl eine Beleidigung zuzufügen: denn er liebt mich, wie du mir soeben selbst gesagt hast, wie ein Bruder. Sodann, wenn mich auch sonst keine Rücksicht leitete, so bindet mich mein Wort gegen eine sehr edle und dir an Schönheit nicht nachstehende Frau, die mich wie ihre Augen, ja noch mehr, liebt, – und ich hebe sie wie das Herz in meiner Brust, ich achte und ehre sie, und wir leben beide fortwährend von gleichen Wünschen beseelt. Darum magst du mich für die Zukunft ganz als deinen Bruder betrachten.«

Hier schwieg der Markgraf. Da er aber sah, daß die Frau sich anschickte, mit neuen und noch feurigeren Bitten als zuvor ihn wieder zu bestürmen, sagte er, um diesen Gegenstand mit einem Male abzubrechen: »Frau Lionora, ich empfehle mich dir. Leb wohl!«

Damit ging er hinweg und ließ die Frau so beschämt und verdrießlich stehen, daß sie eine gute Weile ganz betroffen dastand und nicht wußte, wo sie war. Als sie sich sodann sammelte und ganz niedergeschlagen nach Hause kehrte, fiel sie bei dem Nachdenken über die Worte des Markgrafen und die Einsicht, daß er keineswegs geneigt sei, ihren Wünschen entgegenzukommen, in solche Schwermut, daß sie vor Gram und Verdruß krank wurde. Bekanntlich wird allgemein angenommen, daß den Frauen nichts Peinlicheres und Herzkränkenderes begegnen kann, als sich verschmäht zu sehen. Nun stellt euch vor, wie es der zumute sein mußte, die von allen für die hochmütigste, stolzeste und trotzigste Frau in ganz Neapel gehalten wurde! Sie legte sich nun zu Bette und tat den ganzen Tag nichts als weinen und seufzen. Einerseits kam es ihr freilich manchmal vor, als verdiene sie es viel schlimmer, als sie es hatte, indem sie an die Härte und Starrheit dachte, die sie fürderhin gegen den Ritter geübt, und sie meinte, sie müsse das nun auch geduldig hinnehmen; wenn sie sich aber erinnerte, wie sie ihn demütig gebeten und sich ihm aus freien Stücken offen erklärt habe, geriet sie ganz außer sich und wollte nicht mehr leben. Sodann suchte sie wieder sich selbst zu täuschen und sagte bei sich: »Warum will ich so heftig verzweifeln über einer einfachen abschlägigen Antwort? Er ist mir viele Jahre nachgefolgt, und obgleich ich ihn nicht anhören noch seine Briefe und Botschaften annehmen mochte und mich tagtäglich widerspenstiger zeigte, so hat er sich doch durch nichts einschüchtern noch von seinem Zwecke abschrecken lassen und hat keineswegs sterben wollen, sondern sich vielmehr immer beständiger erwiesen. Wer weiß, wenn ich ein zweites Mal mit ihm rede und ihm eindringlichere Vorstellungen mache, ob er nicht aufhört, mir zu widerstehen und der meine wird? Das Glück steht den Kühnen bei und verleugnet die Zaghaften. Wer da flieht, hat den Mut zu siegen nicht. Es ist also vonnöten, daß ich mein Heil bei ihm zum andern Male versuche und ihm noch heißere Bitten ans Herz lege. Ich hätte nimmermehr eine Unterredung in der Kirche von ihm fordern sollen. Ich mußte ihn jedenfalls bewegen, in mein Haus zu kommen. Wären wir in meiner Kammer beisammen gewesen und ich hätte ihm die Arme um den Hals geschlungen, – ich glaube nicht, daß er so spröde mit mir getan haben würde. Er ist ja auch nicht von Marmor oder Eisen, sondern wie die andern von Fleisch und Bein.«

Auf diese Weise phantasierte das arme Weib zwei oder drei Tage und war nicht imstande, an etwas anderes zu denken, als wie sie die Liebe des Markgrafen sich erwerben könne. Von einer unbestimmten Hoffnung beseelt, fing sie wieder an, Nahrung zu sich zu nehmen und ein wenig frischen Atem zu schöpfen. Ihre Leute im Hause, die mit ihr in der Kirche gewesen waren und sie mit dem Markgrafen hatten sprechen sehen, kannten den Dienst, den er dem Hause erwiesen, und dachten weiter an nichts Böses, da sie kein Wort von allem, was sie sprachen, verstanden hatten. Sie vermuteten nur, sie habe vielleicht durch ihn irgendeine Gnade vom Hofe nachgesucht. Da sie sie nun zu Bette liegen sahen, wollten sie ihr Ärzte kommen lassen; sie gab es aber nicht zu und wollte auch nicht, daß man nach Somma schicke, um ihren Mann zu benachrichtigen. Sie dachte nur an Mittel, den Markgrafen zu sprechen, und da ihr keines einfiel, was ihr passend schien, beschloß sie, jenen früheren Boten wieder an ihn zu senden, damit er mit ihm spreche. Sie ließ ihn daher rufen, erzählte ihm alles, was ihr mit dem Markgrafen begegnet war, und bat ihn inständig, zu ihm zu gehen und ihn in ihrem Namen zu ersuchen, so dringend er könne, er solle nicht so hart sein und nicht zugeben, daß sie um seinetwillen umkomme. Sie unterrichtete ihn genau über alles, was sie wünschte, daß aus seinem Munde komme, und wartete nun auf die Antwort. Gut unterwiesen über alles, was er zu sagen hatte, und beladen mit Versprechungen, wenn er ihr gute Nachrichten zurückbringe, ging der Bote hin, den Markgrafen aufzusuchen. Er fand ihn mit einigen Edelleuten im Seggio di Capoana auf und ab gehen, und da er sah, daß sich das Gespräch nicht um wichtige Dinge drehte, trat er auf ihn zu, bezeugte ihm die schuldige Ehrfurcht und sagte: »Wenn es Euch nicht beschwerlich ist, möchte ich gern einige Worte im stillen mit Euch reden.«

Mit Genehmigung der Gesellschaft zog sich der Markgraf in einen Winkel des Seggio zurück, schaute nach der Brustwehr der Mauer gegen die Straße hin und wartete so, was ihm der Bote sagen wollte. Der Bote eröffnete nun mit vielen Worten dem Markgrafen den Zustand, in dem sich Frau Lionora Macedonia befand, und bat ihn inständig, mit ihr Erbarmen zu haben und nicht zuzugeben, daß eine so schöne Frau in der Blüte ihrer Jahre hinsterbe. Darauf sagte er noch vielerlei, um ihn zum Mitleid zu rühren. Als der Markgraf diese neue Botschaft gehört hatte, antwortete er dem Abgesandten, es tue ihm zwar sehr leid, daß sich die Frau übel befinde, und alles, was er mit seiner Ehre vereinigen könne, sei er stets sehr bereit auszuführen. Er solle aber die Frau auffordern, diesfalls ihre Begierde zu zügeln und nicht mehr an dies zu denken; denn er sei entschlossen, ihre Liebe auf diese Weise gar nicht zu begehren, und er solle ihm nicht wieder mit ähnlichen Anträgen kommen. Der Bote entfernte sich sehr übel befriedigt, kehrte zu der Frau zurück und berichtete ihr den letzten Entschluß des Herrn Markgrafen.

Bei dieser Meldung ward die Frau mehr tot als lebendig. Sie vermochte nicht sich loszureißen von dem Verlangen, den Markgrafen zu lieben und von ihm geliebt zu werden; sie konnte Tag und Nacht an sonst nichts denken und beschloß, nicht mehr am Leben zu bleiben; denn es schien ihr leichter, den schrecklichen Schritt des Todes zu tun, als die Pein zu erdulden, die sie niederschlug. Sie verlor daher Schlaf und Eßlust und wurde mit jeder Stunde schwächer. Der Gatte war zurückgekehrt. Er wußte nicht, was das für eine Krankheit war, an der seine Frau litt, und ließ die vortrefflichsten Ärzte von Neapel kommen, um sie zu besuchen. Aber ihre Arzneien halfen nicht gegen das Übel der Frau. Ihr Herzensleiden war schon so gewachsen, daß durchaus die Kräfte des Leibes verloren und verirrt waren und kein Heilmittel anschlagen konnte. Da sie sich nun nahe am Tode sah, ließ sie einen ehrwürdigen Priester zu sich kommen und beichtete ihm alle ihre Sünden. Als der geistliche Vater den seltsamen Fall vernahm, ermahnte er sie, von diesem Wahne abzulassen und zu bereuen, daß sie zur Selbstmörderin geworden sei. Aber es hielt schwer, ihr den Wahnsinn aus dem Kopfe zu treiben und sie zur Buße zu bewegen. Doch schenkte ihr Gott die Gnade mittels der frommen und heiligen Ermahnungen des Bruders, daß sie erkannte, in welcher Gefahr sie schwebte, nicht allein das Leben zu verlieren, sondern auch die Seele in den Rachen Luzifers zu senden. Sie kam daher in solche Zerknirschung, daß sie mit unendlichen und bittern Tränen eine nochmalige Beichte ablegte, Gott gläubig um Verzeihung bat und verlangte, daß ihr Gatte ihre ganze Angelegenheit erfahre. Sie ließ ihn daher rufen und erzählte in Gegenwart des Mönchs die ganze Geschichte der Liebe des Markgrafen von Cotrone zu ihr und ihrer Liebe zu ihm, seine Standhaftigkeit und die besonnenen Antworten, die sie von ihm erhalten, Punkt für Punkt, und bat ihn mit schwacher und heiserer Stimme demütig um Verzeihung. Sodann empfing sie mit großer Andacht die heiligen Sakramente des Abendmahls und der letzten Ölung, lebte noch zwei Tage und starb dann reuevoll.

Ihr Gatte, der sie zärtlich liebte und zwei Söhnchen, eines von zwei und eines von drei Jahren, von ihr hatte, entzog ihr darum, weil sie ein solches Gelüsten gehabt, seine Liebe nicht, sondern beklagte sie sehr und zeigte über ihren Tod großen Schmerz. Ihre Beisetzung war nach neapolitanischer Weise prachtvoll und schön. Die Nachricht von der Ursache dieses Todes ward bekannt, und der Markgraf war darüber sehr betrübt und stand im Zweifel, ob er zu Tomacello senden und ihm sein Beileid bezeugen solle oder nicht. Zuletzt ging er selbst hin. Er ward gütig aufgenommen, und Tomacello erzählte ihm alles. Auch hielt er ihn immer für einen großen und guten Freund und den wackersten Ritter, den es geben konnte. Die Frau wurde in der Kirche des heiligen Dominikus begraben und an ihrem Grabmal von einem Unbekannten folgendes Sonett befestigt:

Der du vorbeigehst an dem schönen Grabe,
Halt ein den Schritt und lies die Worte hier,
Wo friedlich ruht der Schönheit höchste Zier,
Die Pein dem Jüngling wie dem Greis am Stabe!

Lang schmachtete ein Ritter nach der Labe
Von ihrer Liebe; doch er sah bei ihr
Nie Hoffnung, und die glühende Begier
Fand für den Dienst nur Schmerz als Gegengabe.

Verschmäht wandt' er den Sinn dann endlich bitter
Von ihr; doch sie, die kaum noch spröd' und hart,
Erweichte sich für ihn zur selben Stunde.

Zu spät! Unbeugsam war ihr nun der Ritter,
Daß Tod ihr süß, das Leben lästig ward,
So heftig war der Schmerz von jener Wunde.

Thomas Cromwell

(Pseudo-Shakespeare, Thomas Lord Cromwell)

In der edeln und alten Familie der Frescobaldi zu Florenz war vor nicht vielen Jahren ein sehr rechtlicher und achtbarer Kaufmann namens Francesco, der, nach der Sitte seiner Vaterstadt, nach verschiedenen Gegenden hin handelte und, da er sehr reich war, bedeutende Geschäfte machte. Gewöhnlich hatte er seine Niederlage im Westen, in England, und hielt sich in London auf, wo er ein sehr glänzendes Leben führte und viel Edelmut blicken ließ; denn er war nicht so genau, wie viele Kaufleute sind, die alles bei Heller und Pfennig berechnen, wie ich von dem Genueser Ansaldo Grimaldo sagen höre, daß er auf den kleinsten Papierschnitzel und jede Spanne Bindfaden zum Schnüren der Briefbündel acht hat.

Eines Tages, als Francesco Frescobaldo in Florenz war, erschien ein armer Jüngling vor ihm und bat in Gottes Namen ihn um ein Almosen. Als Frescobaldo ihn so übel gekleidet sah, da doch sein Gesicht viel Adel verriet, empfand er um so mehr Mitleid mit ihm, als er sah, daß er ein Engländer sei. Er fragte ihn, aus welchem Lande in der Fremde er denn komme; worauf jener zur Antwort gab, er sei ein Engländer; und als ihn Frescobaldo, dem England sehr genau bekannt war, nach einigen Eigentümlichkeiten des Landes fragte, gab der Jüngling sehr befriedigende Antworten.

»Ich heiße Thomas Cromwell«, fuhr er fort, »und bin der Sohn eines armen Tuchscherers. Ich entfloh meinem Vater und kam mit dem Lager der Franzosen, das am Garigliano aufgehoben ward, nach Italien. Ich diente mit noch einem Fußgänger als Lanzenträger.«

Frescobaldo führte ihn sehr freundschaftlich in sein Haus und hielt ihn hier aus Liebe zu der englischen Nation, bei der er viel Gutes genossen hatte, einige Tage bei sich, behandelte ihn sehr gütig, kleidete ihn neu, und als er nach seinem Vaterlande abreisen wollte, gab er ihm noch sechzehn florentinische Golddukaten in Gold und ein gutes Pferd. Da der Jüngling sich so anständig ausgestattet sah, sagte er dem Frescobaldo allen möglichen Dank und kehrte nach dem Insellande zurück.

Er hatte, wie es bei fast allen Überbergischen die löbliche Sitte ist, lesen und schreiben gelernt und schrieb Englisch sehr schön und richtig. Überdies war er ein Jüngling von vielem Geiste, großer Klugheit und Entschlossenheit und wußte sich vortrefflich in den Willen anderer zu finden und, wenn es seinem Zwecke diente, seine Leidenschaften besser zu verhehlen als irgendein Mensch auf Erden. Dazu ertrug er alle leiblichen Beschwerden mit großer Geduld, so daß er sich zum Rate des Kardinals von York, eines Prälaten vom größten Einflüsse, emporschwang und in dessen Dienste nach und nach in großen Ruf kam, daher er von ihm fast bei allen Unterhandlungen gebraucht wurde. Der Kardinal, der damals bei dem König von England im besten Ansehen stand, regierte beinahe die ganze Insel und hielt einen so großen und glänzenden Hof, daß er dem mächtigsten Fürsten genügt hätte. Daher geschah es, daß der Kardinal Cromwell oft in Angelegenheiten von der höchsten Wichtigkeit zu dem König schickte, wobei Cromwell sich stets seiner Aufträge so geschickt entledigte und sich das Vertrauen des Königs in so hohem Grade zu erwerben wußte, daß er ihm bald sehr freundlich begegnete und ihn für geschickt hielt, die wichtigsten Geschäfte zu leiten.

Der König hatte dazumal mit Zustimmung des Kardinals seine Gemahlin Katharina, Tochter König Ferdinands des Katholischen von Spanien, Mutterschwester Karls von Österreich, zeitigen römischen Kaisers, verstoßen, in der Hoffnung, daß der Papst den Scheidebrief bestätigen und auf die Gründe hin, wodurch der König ihre Verstoßung zu rechtfertigen meinte, die Ehe auflösen werde. Aber der Papst fand die Verstoßung nicht gerechtfertigt und verweigerte die Bestätigung; weshalb der Kardinal von York bei dem König in Ungnade fiel und den Hof meiden mußte. Als er vom Hof weg war, verminderte der Kardinal seine Dienerschaft, behielt nur noch eine kleine Anzahl Leute bei sich und entließ ihrer täglich mehr aus seinen Diensten. Der König erinnerte sich Cromwells, der ihn so sehr befriedigt hatte, ließ ihn zu sich bescheiden und sprach zu ihm: »Cromwell, du siehst, der Kardinal hat sich zurückgezogen und bedarf so vieler Leute nicht mehr, als er halten mußte, da er noch am Ruder meines Staates saß. Du bist also jetzt müßig, da du nicht mehr für ihn zu unterhandeln hast. Willst du aber mir dienen?«

»Mein Gebieter«, antwortete er, »ich habe dem Kardinal immer treulich gedient, und das gleiche würde ich Euch tun, wenn Ihr Euch meiner zu bedienen geruhtet.« »Wohlan denn«, sprach der König, »so tritt in meinen Dienst: denn ich habe stets viel Gutes von dir erwartet.« Hierauf ernannte ihn der König zu seinem ersten Sekretär und bediente sich seiner bei den wichtigsten vorkommenden Geschäften, die er so gut ausführte, daß der König ihn zum Großsiegelbewahrer erhob und wenige in dem Königreiche waren, die mehr bei dem König vermocht hätten als Cromwell; denn nach der Meinung des Königs war er mehr als alle wert, die an dem Hofe waren. Aber dem blinden Glücke genügte es nicht, den Cromwell aus dem niedrigsten Stande zu solcher Größe erhoben zu haben, sondern es wollte ihn noch mehr erhöhen, und der König ernannte ihn zum Oberkämmerer des Reichs, was die höchste Würde in England ist, der keine andere nach der königlichen sich vergleichen darf. Von nun an übergab ihm der König die Regierung des Landes, so daß Cromwell eine wirklich unglaubliche Macht erreichte.

Als er diese Höhe erstiegen hatte, zeigte sich Cromwell als Todfeind des ganzen Adels der Insel, und wo er nur einem Edelmanne schaden konnte, versäumte er es nicht, und wenn dem Könige einer verhaßt war, so schürte er nur die Flamme. Zu jener Zeit entschloß sich der König, während seine Frau Katharina von Spanien noch lebte, um jeden Preis eine andere zu nehmen, und da er den päpstlichen Dispens durchaus nicht erhalten konnte, dispensierte er sich selber. Daraus entstanden unendliche Unordnungen in jenem Königreich, das sich völlig von der heiligen katholischen Mutterkirche in Rom losriß. Unzählige Brüder und Mönche, die sein Verlangen nicht bewilligen wollten, wurden enthauptet und viele Edelleute und Barone ums Leben gebracht. Auch viele große Prälaten von dem heiligsten Wandel wurden hingerichtet, und es verging nur selten ein Tag, daß nicht dieser oder jener um einen Kopf gekürzt ward. Bald war fast der ganze Adel Englands erloschen; denn die Vornehmen traf die Verfolgung viel grausamer als die niedern Stände. Die allgemeine Meinung bezeichnete den Cromwell als den Urheber aller dieser Greuel, weil er den Adel tödlich haßte und ihn zu vernichten strebte, da er sich selbst eines niedern Ursprungs bewußt war.

Es war aber meine Absicht nicht, euch die Grausamkeiten und das Blutbad zu schildern, die sich ohne gerechte Veranlassung in England begaben, sondern ich begann diese Novelle, um die Folgen zu berichten, die die edle Handlung des Frescobaldo gegen Cromwell für jenen haben sollte. In jener Zeit also, da Cromwell als Herr und Meister über die Insel schaltete, geschah es, daß Francesco Frescobaldo durch große Unglücksfälle und Verluste an seinen Waren, wie solchen Kaufleute stets ausgesetzt sind, eine völlige Zerrüttung seines Vermögens erfuhr; denn als ein rechtlicher und edeldenkender Mann befriedigte er alle seine Gläubiger, konnte aber, was ihm andere schuldeten, nicht beitreiben. So herabgekommen und verarmt, ging er nun seine Bücher durch und fand nach genauer Berechnung, daß er in England mehr als fünfzehntausend Dukaten zu fordern habe, weshalb er beschloß, dahin zu reisen, soviel als möglich davon einzuziehen und den Rest seines Lebens in Ruhe zu verbringen. Mit diesem Gedanken reiste er von Italien nach Frankreich und von Frankreich nach England und verweilte in London, ohne sich indes nur mit einem Gedanken der edeln Handlung zu erinnern, die er an Cromwell zu Florenz übte; wie es eines wahrhaft milden Herzens würdig ist, die andern erwiesenen Wohltaten zu vergessen und die empfangenen in Marmor zu hauen, um sie zu vergelten, sooft sich Gelegenheit dazu darbietet. Als er nun in London seine Geschäfte betrieb, ging er eines Tages durch eine Straße, und der Zufall fügte es, daß der Oberkämmerer ebenfalls diese Straße und zwar dem Frescobaldo entgegen kam. Sobald ihn der Oberkämmerer erblickt und die Augen fest auf ihn geheftet hatte, erkannte er ihn für jenen, der in Florenz so edelmütig an ihm gehandelt hatte. Er stieg vom Pferde (denn er kam geritten), ging zur größten Verwunderung aller seiner Begleiter (über hundert der vornehmsten Großen des Königreichs waren zu Pferde in seinem Gefolge) auf ihn zu, umarmte ihn auf das liebevollste und sprach unter Tränen: »Seid Ihr nicht Francesco Frescobaldo aus Florenz?«

»Der bin ich, gnädiger Herr«, antwortete jener, »und Euer unterwürfigster Diener.«

»Mein Diener«, sagte der Oberkämmerer, »seid Ihr weder, noch begehre ich Euch dazu, sondern zu meinem wertesten Freunde. Auch sollt Ihr wissen, daß ich gerechte Ursache habe, mich sehr über Euch zu beklagen; denn da Ihr wußtet, wer und wo ich sei, hättet Ihr mich von Eurer Ankunft in London benachrichtigen sollen; dann würde ich gewiß einen Teil der Schuld abgetragen haben, wegen welcher Euch verbunden zu sein ich gerne gestehen will. Doch Gott sei gelobt, daß es noch Zeit ist! Ihr sollt tausendmal willkommen sein. Ich bin jetzt in Geschäften meines Königs und kann nicht länger bei Euch verweilen; darum haltet mich für entschuldigt! Sucht es aber um jeden Preis möglich zu machen, heute mittag bei mir zu speisen, und bleibt nicht aus!«

Hiermit stieg der Oberkämmerer wieder zu Pferde und ritt an den königlichen Hof. Frescobaldo erinnerte sich, da der Oberkämmerer fort war, daß dies der junge Engländer gewesen sei, den er in Florenz in sein Haus aufgenommen hatte, und begann Hoffnung zu schöpfen; denn er dachte, die Vermittelung eines so mächtigen Freundes werde es ihm erleichtern, sein Geld beizutreiben. Als nun die Mittagsstunde herankam, begab er sich in den Palast des Oberkämmerers und hatte nicht lange im Hofraume gewartet, so kam dieser zurück, stieg vom Pferde, umarmte Frescobaldo von neuem sehr freundschaftlich, wandte sich dann zu dem Admiral und den übrigen Fürsten und Herren, die mit ihm zur Tafel gekommen waren, und sprach: »Meine Herren, wundert euch nicht über die Freundschaftsbezeugungen, die ich diesem florentinischen Edelmann erweise: denn es sind nur Abschlagszahlungen für die unendlichen Verpflichtungen, die ich gegen ihn zu haben mir bewußt bin und gerne gestehe; denn meinen gegenwärtigen Rang bekleide ich nur durch ihn. Vernehmt, wie sich das verhält!«

Hierauf erzählte er vor allen Anwesenden, indem er die Hand des florentinischen Edelmanns in der seinen hielt, wie er nach Florenz gekommen sei und welche Liebesdienste er dort von ihm empfangen habe. Hierauf führte er ihn an seiner Hand in den Saal, und als sie dort angekommen waren, setzten sie sich zu Tische. Der Oberkämmerer bestimmte, daß Frescobaldo den Platz an seiner Seite einnehmen solle, wo er ihn dann mit den zärtlichsten Liebkosungen überhäufte.

Als die Tafel aufgehoben wurde und die Gäste sich beurlaubt hatten, wünschte der Oberkämmerer zu wissen, warum Frescobaldo wieder nach London gekommen sei. Frescobaldo erzählte ihm sofort sein ganzes Unglück und wie ihm außer dem Hause in Florenz und einem Landgut in der Nähe fast nichts geblieben sei als die fünfzehntausend Dukaten, die er in England zu fordern habe, und etwa zweitausend in Spanien, und um diese Summe beizutreiben, habe er sich nach der Insel begeben.

»Wohlan denn,« sagte der Oberkämmerer, »für die geschehenen Dinge gibt es kein Mittel, und ich kann nur Euer Unglück beklagen, wie ich von ganzem Herzen tue. Für das übrige soll Befehl ergehen, daß Euch alles erstattet wird, was Ihr zu fordern habt, und ich werde kein Mittel schonen, das in meiner Gewalt steht: denn ich versichere Euch, die Wohltaten, die Ihr mir erwiesen habt, ohne mich weiter zu kennen, haben mich Euch so verpflichtet, daß ich ewig der Eurige sein werde und Ihr über mich und mein Vermögen, wie ich selbst, zu verfügen habt; und wenn Ihr das nicht tut, so ist es Euer Schade, denn ich werde Euch keine weiteren Anerbietungen machen, da ich es für überflüssig halte. Es ist genug, daß ich es Euch jetzt ein für allemal sage. Doch stehen wir auf und gehen wir in mein Gemach!«

Hier verschloß der Oberkämmerer die Tür, öffnete einen großen, mit Dukaten gefüllten Schrein, nahm sechzehn Stück heraus und gab sie dem Frescobaldo. »Hier, mein Freund«, fuhr er fort, »sind die sechzehn Dukaten, die Ihr mir gabt, als ich Florenz verließ; hier die andern zehn, die Euch das Pferd kostete, das Ihr mir kauftet, und hier noch zehn, die Ihr auf meine Kleidung verwandtet. Da Ihr aber ein Kaufmann seid, so scheint es mir unbillig, wenn Euer Geld in so langer Zeit totgelegen haben sollte, ohne Gewinn zu bringen, wie Ihr es gewohnt seid. Nehmt also diese vier Beutel mit Dukaten, wovon jeder viertausend Dukaten enthält! Betrachtet sie als Ersatz der Eurigen und genießt sie mir zuliebe!«

Frescobaldo, der zwar von unermeßlichen Reichtümern in große Armut herabgesunken war, aber doch seine edle Denkungsart nicht verleugnen konnte, wollte das Geschenk nicht annehmen, äußerte jedoch den lebhaftesten Dank für ein so großmütiges Anerbieten. Indes nötigten ihn die dringenden Zureden des Oberkämmerers dazu, und er mußte ihm auch eine Liste aller seiner Schuldforderungen geben, was Frescobaldo herzlich gerne tat. Er schrieb ihm die Namen der Schuldner und die Summen seines Guthabens auf. Als er diesen Zettel hatte, rief Cromwell einen seiner Hausbeamten und sprach zu ihm: »Suche die Leute auf, deren Namen auf dieser Liste stehen, wo sie sich auch auf dieser Insel befinden mögen, und gib ihnen zu erkennen: wenn sie binnen vierzehn Tagen ihre Schuld nicht abgetragen haben, so werde ich selbst zu ihrem Schaden und Leide meine Hand ins Spiel mischen. Sie sollen sich also vorstellen, ich selbst sei der Gläubiger!«

Der Diener richtete den Befehl seines Herrn mit vieler Sorgfalt aus, so daß in der anberaumten Frist an fünfzehntausend Dukaten eingingen. Und wenn Frescobaldo die in einer so langen Zeit aufgelaufenen Zinsen begehrt hätte, so würde er sie alle bis auf den letzten Heller erhalten haben; aber er begnügte sich mit dem Kapital und verlangte keinerlei Zinsen, was ihm bei aller Welt Ehre erwarb, sonderlich da schon jedermann auf der ganzen Insel wußte, welche Gunst er bei dem Oberkämmerer genoß. Unterdessen war Frescobaldo der beständige Tischgenosse Cromwells, der sich von Tag zu Tag bestrebte, ihm alle mögliche Ehre zu erweisen. Und weil er großes Behagen an seinem Umgange fand und deshalb wünschte, daß er immer in London bleiben möge, erbot er sich, ihm sechzigtausend Dukaten auf vier Jahre zu leihen, ohne einen Heller Nutzen zu verlangen, damit er in London ein Haus und Geschäft anlegen und Handel treiben könne, wozu er noch das Versprechen fügte, seine Unternehmungen in jeder Weise zu begünstigen. Frescobaldo, der sich in seine Heimat zurückzuziehen und den Rest seiner Tage in Ruhe zu verbringen und sich zu pflegen wünschte, dankte ihm mit gerührtem Herzen für so außerordentliche Großmut und kehrte mit Erlaubnis des Oberkämmerers, nachdem er sein Geld in Wechsel auf Florenz umgesetzt hatte, in sein ersehntes Vaterland zurück, wo er reich genug anlangte und sich einem höchst sorgenlosen Leben ergab. Jedoch genoß er nicht lange diese Ruhe, indem er noch im nämlichen Jahre, in dem er London verlassen hatte, in Florenz starb.

Was sagen wir von der Dankbarkeit und Freigebigkeit Cromwells? Gewiß verdient sein Betragen gegen Frescobaldo das höchste Lob, und wenn er den Adel seines Landes so sehr geliebt hätte, als er sich gegen die Ausländer mild erwies, so würde er vielleicht noch leben; aber er haßte den englischen Adel so sehr, daß er sich zuletzt selber den Tod bereitete. Weil mir nun nichts anderes zu berichten bleibt, so berichte ich von seinem Tode. Als er einige Jahre die Gnade des Königs besessen und dessen Gunst ihn verblendet hatte, zeigte er sich bereitwillig, bald diesen, bald jenen enthaupten zu lassen; und je vornehmer und mächtiger einer war, desto lieber übte er seine Gewalt über ihn aus, ohne Unterschied zwischen Weltlichen und Geistlichen. Eines Tages, als er den Bischof von Winchester, ich weiß nicht weshalb, hinrichten lassen wollte, sagte er diesem in dem geheimen Rate des Königs, dieser lasse ihm befehlen, sich als Gefangener in den Turm zu verfügen, einen Ort, den nach der gemeinen Ansicht der Engländer nie einer betrat, ohne den Kopf zu verlieren. Über diesen Befehl bestürzt, antwortete ihm der Bischof, er wisse nicht, aus welchem Grund ihm dies befohlen werde; er wolle zuvor mit dem König sprechen.

»Ihr könnt ihn nicht sprechen«, antwortete der Oberkämmerer. »Begebt Euch nur dorthin, wohin ich sage!«

Zugleich befahl er vieren seiner Leute, ihn gefangenzunehmen.

Hierüber waren sie im Streit begriffen, als der Herzog von Suffolk, Cromwells Feind, zu dem Könige ging, der sich in einem benachbarten Gemache befand, und ihm von dem Streit zwischen dem Oberkämmerer und dem Bischof erzählte. Der König, der nichts davon wußte, schickte einen seiner Höflinge heraus, um den Bischof zu sich zu bescheiden. Als der Oberkämmerer dies hörte, ärgerte er sich sehr und begab sich nach Hause, wo er vier Tage blieb, ohne sich weder bei Hofe noch im Rate blicken zu lassen. Der Bischof begab sich vor den König und beteuerte, sich nicht schuldig zu wissen; indes stehe er in seinen Händen und unterwerfe sich seinem Richterspruche, wenn er gefehlt haben sollte. Als der König sah, daß Cromwell nicht am Hofe erschien, und daß nichts wider den Bischof vorliege, setzte er ihn in Freiheit und sprach laut, daß der ganze Hof es vernahm: »Ich will doch sehen, wer seinen Zorn am besten zu handhaben versteht, ich der König oder Thomas Cromwell.«

Da es inzwischen bekanntgemacht worden war, daß der König aufgebracht sei, liefen viele Klagen gegen den Oberkämmerer ein, und es fand sich, daß er an vielen Untaten schuldig sei, vor allem hinsichtlich der Rechtspflege. Nach Verlauf von vier Tagen begab sich der Oberkämmerer wieder in den geheimen Rat. Hierauf wurde der Ort, wo der Rat versammelt war, verschlossen, und der König ließ durch einen Kämmerling der Dienerschaft Cromwells anzeigen, dieser werde heute bei dem König speisen; sie sollten daher ebenfalls zu Tische gehen und dann zurückkehren. Alle zerstreuten sich sofort, und der König ließ nun seine Leibwache kommen und sich vor der Tür des Rats aufstellen. Als die Sitzung zu Ende war, trat der Oberkämmerer heraus; sogleich ergriff ihn die Leibwache und erklärte ihn für des Königs Gefangenen. Hierauf wurde er nach dem Turm geführt und wohlbewacht. Man machte ihm den Prozeß, und schon wenige Tage darauf wurde er eines Morgens nach dem Befehle des Königs auf dem Platz des Kastells enthauptet. Hätte er das Rad des Glücks zu hemmen verstanden, das heißt, hätte er mehr Edelsinn und weniger Blutdurst bewiesen, so würde er vielleicht ein besseres und ehrenvolleres Ende genommen haben.

Die Zwillingsgeschwister

In dieser angenehmen und geehrten Gesellschaft ist niemand, der sich nicht vollständig erinnern wird, daß die Deutschen und die Spanier im Jahre des Heils eintausendfünfhundertundsiebenundzwanzig die Stadt Rom so schnöde geplündert haben. Wiewohl die Sünden dieser Stadt gezüchtigt zu werden verdienten, so taten dennoch die, welche sie belagerten, da es Christen waren, nicht wohl; freilich bemerke ich, daß es großenteils Lutheraner, Heiden und Juden waren. Sei dem aber, wie ihm wolle, sie betrugen sich viel schlimmer als Türken und erlaubten sich so greuliche, schändliche Dinge wider Gott und die Heiligen, daß man es nicht ohne den heftigsten Unwillen erwähnen kann. Dennoch aber ließ die Rache von oben nicht lange auf sich warten; denn von fünfundzwanzig- bis sechsundzwanzigtausend Landsknechten, die solche Verruchtheiten in dieser Stadt verübten, hätte man, ich glaube, es gingen nicht vier Jahre vorüber, höchstens noch zwei- bis dreitausend Mann gefunden. Und der Herzog von Bourbon, ein Prinz des französischen Königshauses, der, nachdem König Franz I. von Frankreich ihn zum ersten Mann erhoben, sich gegen seinen König empört und beim Kaiser Karl von Österreich Dienste genommen hatte, war der erste, der die Strafe der Sünde erduldete, die er begehen ließ: er war Generalkapitän des kaiserlichen Heeres; aber ehe er noch die Freude hatte, Rom eingenommen zu sehen, wurde er durch einen Büchsenschuß elendiglich getötet. Und wiewohl der größte Teil der Belagerer und Plünderer geweihter wie ungeweihter Dinge, der Notzüchtiger der heiligen, der Maria gewidmeten Jungfrauen wie gesagt Feinde des christlichen Glaubens waren, so waren doch die Behörden nicht imstande, so viel Tempelraub, Blutschande, Hurerei, Mord und anderer Verruchtheit Einhalt zu tun, und konnten nur mit dem Gedanken sich trösten, wie viele durch die Schändung des Heiligen einem bösen Ende entgegengegangen sind. Ist nicht bekannt, wie der große Pompejus, dieser ausgezeichnete Mann, nachdem er in Jerusalem den heiligen Tempel Gottes geschändet hatte, immer weiter von seiner gewohnten Größe herabsank und kein Unternehmen mehr ausführen konnte, das den früheren verglichen werden könnte, um derenwillen er so viele Triumphe verdient hatte?

Doch wohin lasse ich mich verleiten? Ihr seid noch nicht dort gewesen, und ich bin nicht hierhergekommen, um den Fall Roms zu beweinen; sondern da ich euch versprochen habe, eine Novelle zu erzählen, sage ich denn, als Rom von den Kaiserlichen erobert und geplündert wurde, geriet unter andern auch ein Mann aus Esi in der Mark, ein Landsmann von mir, namens Ambrogio Nanni, ein ebenso begüterter wie rechtlicher Kaufherr, in die Gewalt der Feinde. Dieser besaß von seiner verstorbenen Gattin zwei Zwillingskinder, einen Knaben und ein Mädchen, welche in Rom geboren waren. Beide waren von unglaublicher Schönheit und sahen sich so ähnlich, daß es schwer hielt, sie zu unterscheiden, wenn sie beide in männliche und weibliche Tracht gekleidet wurden; ja, der Vater selbst, der sich zuweilen das Vergnügen machte, sie bald so, bald anders kleiden zu lassen, verwechselte sie alsdann miteinander; als Zwillinge waren sie auch von gleicher Größe. Ambrogio hatte sie in Lesen und Schreiben, Musik und Gesang unterweisen und überhaupt ihnen eine ihrem Alter angemessene Erziehung geben lassen. Zur Zeit der Plünderung Roms waren sie fünfzehn Jahre alt oder wenig darüber. Der Knabe, der Paolo hieß, war von einem Deutschen gefangen worden, der seiner Tapferkeit wegen bei seiner Nation in großem Ansehen stand. Er besaß noch andere Gefangene von bedeutendem Range, die ihm ein beträchtliches Lösegeld eintrugen. Überdies hatte er Gold, Silber und manchen köstlichen Edelstein von hohem Wert und viele reiche Kleider erbeutet, womit er Rom verließ und sich nach Neapel begab, wohin er Paolo mit sich führte, den er wie seinen leiblichen Sohn behandelte. Zu Neapel war der Deutsche darauf bedacht, die Kleider und den größten Teil des erbeuteten Silberzeuges zu verkaufen und in Geld umzusetzen, und vertraute die Schlüssel zu allem seinem jungen Gefangenen.

Die Tochter, namens Nicuola, geriet in die Hände zweier spanischer Soldaten und hatte das Glück, eine schonende Behandlung zu finden, da sie sich als die Tochter eines reichen Mannes hinstellte, von dem die beiden Gefährten ein reiches Lösegeld erwarteten. Durch die Gunst einiger neapolitanischer Freunde, die in dem spanischen Heere dienten, gelang es dem Ambrogio, der Gefangenschaft zu entgehen, und er fand die Mittel, sein Geld und Silberzeug zu retten, das er in einem Stalle vergraben hatte; alles übrige aber, was in seinem Hause gewesen, war geraubt. Als er sich darauf nach seinen Kindern umsah, fand er Nicuola und kaufte sie für fünfhundert Golddukaten frei; vom Paolo jedoch konnte er, aller Mühe, die er sich gab, ungeachtet, keine Spur auftreiben, worüber er sich unendlich betrübte; denn der Verlust dieses Paolo verursachte ihm ungleich größern Kummer als alles, was er sonst eingebüßt hatte, so groß der Schaden auch sein mochte. Als er alles, was in seinen Kräften stand, aufgeboten hatte, um den Sohn wiederzufinden, und er von keiner Seite eine Nachricht oder Botschaft von ihm einlaufen sah, fürchtete er sehr, der Jüngling könnte ermordet sein, und mochte nicht länger in Rom bleiben. Er kehrte also sehr traurig und verstimmt nach Esi zurück, wo er sein Haus in Ordnung brachte und sich der Kaufmannschaft völlig begab, da er mit seinem Besitz und seinem Gelde bequem lebte; darum bemühte er sich, seine Rechnungen mit allen abzuschließen, so gut er konnte.

In unserer Stadt lebte damals ein reicher Bürger, namens Gherardo Lanzetti, ein vertrauter Freund Ambrogios. Seine Frau war ihm gestorben, und da er Nicuolas Reize sah, ward er so heftig für sie entflammt, daß er in kurzem ohne Rücksicht darauf, daß sie sehr jung war, er aber sechzig näher stand als fünfzig, bei ihrem Vater um sie anhielt, indem er sich bereit erklärte, sie ohne Heiratsgut heimzuführen. Seht, ihr Herren, was diese verwünschte Liebe anstellt, wenn sie in der Brust solcher törichten Alten einkehrt: Sie blendet und verklebt ihre Augen dermaßen, daß sie die unsäglichsten Verirrungen von der Welt begehen, wie man das täglich sehen kann. Und in der Tat, fast alle Alten, welche junge Mädchen zu Frauen nehmen, ergreifen nur Besitz von der Burg Hornberg. Ambrogio hielt es nicht für ratsam, Nicuola einem alten Manne zu vermählen; indessen sagte er weder Ja noch Nein dazu, weil er immer hoffte, Paolo wiederzufinden, und nicht gesonnen war, Nicuola zu vermählen, ehe er von jenem Nachricht erhalten.

Der Ruf von Nicuolas Schönheit hatte sich durch ganz Esi verbreitet, und ihre Reize waren daselbst der einzige Gegenstand der Unterhaltung. Wenn sie sich außer dem Hause zeigte, deutete alles mit den Fingern nach ihr, und viele gingen an ihren Fenstern vorüber, um sie zu sehen. So geschah es um diese Zeit, daß Lattanzio Puccini, ein Jüngling von kaum einundzwanzig Jahren, der durch den Tod seiner Eltern Herr eines großen Vermögens geworden war, Nicuola erblickte und sie ihn, so daß beide in gleichen Flammen für einander erglühten. Lattanzio hatte keinen andern Gedanken mehr, als sie täglich zu sehen und ihr durch die Sprache der Augen zu zeigen, in welcher Leidenschaft er sich um ihretwillen verzehre. Nicuola zeigte ihm, sooft sie ihn erblickte, ein freundliches Antlitz, was der Jüngling bald inneward, so daß er sich, vollkommen überzeugt, von ihr geliebt zu werden, für den glücklichsten Liebhaber hielt, den es je gegeben. Auf der andern Seite gefiel der Nicuola Lattanzio durch Gestalt und Betragen vor allen, die sie je gesehen hatte, und bald gerieten die Gluten der Liebe in ihrem jungen, zarten Herzen zu solcher Gewalt, daß sie ohne seinen Anblick nicht mehr leben zu können glaubte. Und wie zwei liebende Herzen sich selten begegnen, ohne ihre Wünsche befriedigen zu können, so fand auch Lattanzio Mittel, ihr zu schreiben und Antwort von ihr zu erhalten.

Schon hatten sie eine Zusammenkunft verabredet, als Ambrogio gewisser Handelsabrechnungen wegen genötigt war, nach Rom zurückzukehren und eine geraume Zeit fern zu bleiben. Um aber Nicuola nicht ohne anständige Gesellschaft allein lassen zu müssen, schickte er sie nach Fabriano in das Haus eines Schwagers, welcher Frau und Töchter hatte. Nicuolas Abreise geschah so plötzlich, daß sie ihren Geliebten nicht davon benachrichtigen konnte. Ambrogio reiste ab, nach Rom zu. Als Lattanzio die Abreise des Ambrogio erfuhr, zweifelte er nicht, daß er seine Tochter mitgenommen habe; er gab sich viele Mühe, um sich von der Sache zu überzeugen; da er aber nicht auf den Grund kommen konnte, verzweifelte er und verharrte lange Zeit in großer Betrübnis. Doch als ein vornehmer und vergnügungssüchtiger Jüngling tröstete er sich zuletzt, und als er eines Tages die Tochter des Gherardo Lanzetti, ein gar schönes und anmutiges Mädchen, erblickte, löschte ihr Anblick das Bild der ersten Geliebten so ganz aus seiner Seele, daß er sie völlig vergaß.

Nicuola dagegen brachte ihre Tage im größten Unmut über ihre schleunige Abreise aus Esi hin, durch die sie verhindert worden war, dem Geliebten in Briefen oder Botschaften Lebewohl zu sagen. Sie tat nichts als seufzen und weinen und hatte keinen andern Gedanken als ihren Lattanzio, der ihr immer im Herzen lag. An ihn dachte sie Tag und Nacht, und es schien ihr tausend Jahre zu währen, bis ihr Vater zurückkäme, damit sie nach Esi zurückkehren und den wiedersehen könne, der ihr lieber war als das Licht ihrer Augen. Überdies war ihr Oheim, in dessen Hause sie zu Fabriano lebte, ein strenger, rauher Mann, der es nicht für schicklich hielt, wenn heiratsfähige Mädchen die Freiheit haben, mit andern als bekannten Personen zu sprechen, ihnen auch nicht gestattete, sich bald hier, bald dort zu schaffen zu machen, sondern sie bei ihren weiblichen Arbeiten hielt, so daß Nicuola keine Gelegenheit fand, ihrem Lattanzio zu schreiben. Ihre Muhmen leisteten ihr beständig Gesellschaft und trösteten sie, so gut sie konnten, in der Meinung, ihre Betrübnis gelte der Abwesenheit ihres Vaters.

In dieser traurigen Lage brachte die trostlose Nicuola etwa sieben Monate zu, bis der Vater, der so lange in Rom hatte verweilen müssen, über Fabriano kam, um die Tochter abzuholen und nach Esi zurückzubringen. Nicuola war es zumute, als sollte sie aus der Hölle in den Himmel übergehen, und sie begleitete den Vater in so fröhlicher Stimmung, wie ihr euch wohl vorstellen könnt. Aber alle ihre Freude verwandelte sich bei ihrer Ankunft in Esi in den bittersten Schmerz und so heftige Eifersucht, daß sie vor Herzeleid fast zu vergehen meinte: denn sie fand ihren Geliebten in schlimmerer Verpfändung als bei den Juden, und, was das Schlimmste war, er schien sich ihrer so wenig zu erinnern, als ob er sie niemals gesehen hätte.

Ich möchte jetzt die schönen Kinderchen hier haben, die so leicht den Botschaften solcher jungen Männer Glauben schenken, die dem Esel des Töpfers gleichen, der an jede Tür mit seinem Kopfe stößt. Ich würde ihnen zeigen (verzeiht mir, ihr Jünglinge unter uns!), daß von hundert neunundneunzig betrogen werden. Mit der leidenschaftlichen Nicuola war es so weit, daß sie Lattanzio Briefe und Botschaften senden konnte, so viel sie wollte, um die alte Liebe wieder anzufrischen und ihn daran zu erinnern, was zwischen ihnen vorgefallen war, – es war doch alles vergebens, und der äußerste Kummer bemeisterte sich der Armen. Weil aber der Wurm der Liebe unablässig an ihrem Herzen nagte, so beschloß sie, nicht eher zu ruhen, bis sie die Gunst ihres Geliebten wiedererlangt habe, oder zu sterben; denn es schien ihr unerträglich, daß er eine andere als sie lieben sollte.

Während dieser innern Leiden der Tochter mußte der Vater abermals nach Rom zurückkehren. Da aber Nicuola nicht zu bewegen war, wieder in das Haus ihres Oheims nach Fabriano zu gehen, brachte sie der Vater mit einer ihrer Muhmen, Schwester Camilla Bizza, in ein Kloster. Dieses Kloster hatte sonst in dem Rufe großer Heiligkeit gestanden; Nicuola aber bemerkte bald, daß die Nonnen – statt von dem Leben der heiligen Väter, ihrer Enthaltsamkeit und andern gottgefälligen Werken – den ganzen Tag voll Lüsternheit von Liebesgeschichten sprachen und sich nicht entblödeten, einander zu sagen: »Auf den und den habe ich mein Auge!« – »Der und der ist heute nacht bei der und der gelegen.«

Das nahm sie sehr wunder und erbaute sie schlecht. Auch trugen sie, wie sie bemerkte, statt der härenen Kutte Hemden von der allerfeinsten nordländischen Leinwand auf den üppigen Gliedern und Kleider von den kostbarsten Zeugen; und nicht zufrieden mit ihrer natürlichen Schönheit, wußten sie mit Schminken und Gebräu aus tausend gebrannten Wassern, mit Bisam und mancherlei Pulvern ihr Angesicht zu verschönern und aufzuputzen. Ferner verging keine Stunde des Tages, die sie nicht in vertrauten Unterredungen mit verschiedenen Jünglingen der Stadt zubrachten. Über diese Dinge verwunderte sich Nicuola nicht wenig; denn bisher hatte sie alle Nonnen für Heilige gehalten. Jetzt aber, wo sie bald mit der, bald mit jener und zuletzt mit allen näher bekannt wurde, fand sie alle verliebt und höchst wollüstig. Es scheint mir eine große Torheit von einem Vater, eine Tochter in solche Klöster zu tun, die eher öffentliche Unzuchtshäuser heißen sollten. Aber unsere Stadt hat infolge eines öffentlichen Ärgernisses, das bald darauf sich ereignete, mit Erlaubnis des Papstes alle Nonnen aus dem Kloster vertrieben und dasselbe reformiert, so daß sie jetzt ein frommes Leben daselbst führen. Auch Lattanzio war bekannt in diesem Kloster, wo er oft seine Hemden und sonstige Leinwand nähen ließ; so wurde denn eines Tages Schwester Camilla zu Lattanzio berufen. Als Nicuola dies hörte, rann ihr ein heißes Feuer durch alle Glieder, das sich augenblicklich wieder in den allereisigsten Frost verwandelte. Wer jetzt auf sie achtgegeben hätte, mußte bemerken, wie tausend Farben auf ihrem Gesichte wechselten, so betroffen ward sie bei dem Namen Lattanzios. Darauf versteckte sie sich an einem Orte, wo sie, ohne von Lattanzio bemerkt zu werden, den Geliebten sehen und hören konnte. Bald darauf, da Lattanzio wiederkam und sie an der gewohnten Stelle ihre Augen an seinem Anblick und die Ohren an seinen Reden weidete, beklagte er sich bitterlich über den Tod eines Edelknaben aus Perugia, der ihm dieser Tage an einem langwierigen Fieber in seinem Hause gestorben sei, nachdem er ihm drei Jahre lang die treuesten und sorgfältigsten Dienste geleistet habe. Er zeigte sich sehr betrübt über diesen Verlust und äußerte, er würde sich glücklich schätzen, wenn er je wieder einen so treuen Diener fände.

Als er fort war, fiel es Nicuola ein (seht, wie die Liebe mit ihr umgegangen war!), sich als Knabe zu kleiden und bei ihrem Geliebten Dienste zu nehmen. Da sie aber kein Mittel wußte, sich männliche Kleider zu verschaffen, fiel sie von neuem in Unmut. Sie hatte eine Amme, deren Milch sie einst getrunken hatte, und der ihre Leidenschaft bekannt war. Auch kam sie täglich in das Kloster, um Nicuola zu sehen; denn Ambrogio hatte sie vor seiner Abreise gebeten, die Tochter recht oft zu besuchen und sie mit nach Hause zu nehmen, wenn es Nicuola zuzeiten wünsche. Sie schickte also sofort zu ihr und entdeckte ihr in einer vertrauten Unterredung ihr Vorhaben. Obgleich aber Pippa (so hieß die Amme) ihr dringend zuredete, einen so wahnwitzigen Vorsatz aufzugeben, und ihr die Gefahr und das Ärgernis ausmalte, was wohl daraus entstehen könne, so gelang es ihr doch nicht, sie zu überzeugen. Die gute Amme führte sie also in ihr Haus, wo sie Mittel fand, sich als armen Knaben zu kleiden, nämlich in die Gewänder eines Sohnes der Pippa, der kurz zuvor gestorben war. Und um die Sache nicht zu verzögern, begab sich am folgenden Tage Nicuola, nicht mehr als Mädchen, sondern als Knabe, in die Straße, wo ihr Gebieter wohnte.

Das Glück begünstigte sie; denn zufällig stand Lattanzio ganz allein vor der Schwelle seines Hauses. Romulo – denn diesen Namen hatte Nicuola angenommen – faßte, als sie ihn sah, guten Mut und ging in der Straße auf und nieder, indem sie sich fleißig umschaute, wie wandernde Burschen zu tun pflegen, wenn sie an einen Ort kommen, den sie nie gesehen haben. Als ihn Lattanzio so hin und her schweifen sah, hielt er ihn gleich für einen fremden Knaben, der zum erstenmal nach Esi komme und Dienste suche; und da er wieder vor seiner Tür vorüberkam, sagte er zu ihm: »Bist du von hier, Bursche?« Romulo antwortete: »Herr, ich bin ein armer Knabe aus Rom.« (Darin sprach er die Wahrheit, denn er war in Rom geboren und erzogen.) »Schon seit der Plünderung der Stadt«, fuhr er fort, »bei der ich meinen Vater verlor – meine Mutter war lange vorher verstorben –, schweife ich unstet umher in der Welt. Ich habe wohl bei einigen in der Welt Dienste gesucht; aber sie verlangten, ich solle Pferde und Maulesel striegeln, und das kann ich nicht, weil ich es nicht gelernt habe. In Rom diente ich einem Herrn als Edelknabe und hatte nur ihn und sein Zimmer zu bedienen; aber der arme Herr ward bei der Plünderung verwundet und in den Tiber geworfen, worin er ertrank, und weil ich seinen Tod beweinte, bleute mich ein gottloser Spanier ganz unbarmherzig, so daß es mir herzlich schlecht ergangen ist, lieber Herr!« Da sprach Lattanzio: »Wenn du bei mir bleiben und mir so dienen willst, wie du sagst, so will ich dich gern annehmen, und wenn du dich gut beträgst, so sollst du so gehalten werden, daß du dich glücklich preisen wirst, mich gefunden zu haben.«

»Von Herzen gern«, antwortete Romulo, »will ich bleiben, und ich verlange keinen andern Sold, als den Ihr mir selbst nach meinen Diensten zuerkennt.«

Er betrat also mit seinem Herrn das Haus und begann ihn mit so viel Fleiß, Gewandtheit und Zierlichkeit zu bedienen, daß er in wenig Tagen die Sehnsucht nach dem Peruginer völlig aus der Seele des Herrn verbannte. Lattanzio war entzückt über seinen Diener und wünschte sich Glück dazu, den artigsten, geschicktesten und trautesten Edelknaben von der Welt gefunden zu haben. Er ließ ihn mit schmucken Gewändern versehen und kleidete ihn unter anderem von Kopf bis zu Füßen ganz in Weiß. Romulo schätzte sich so glücklich, daß er im Paradies zu sein glaubte.

Wie ihr schon gehört habt, war Lattanzio sterblich verliebt in Catella, die Tochter des Gherardo Lanzetti, und ging täglich an ihrem Hause vorüber, um ihr durch Zeichen und Gebärden die Schmerzen zu verraten, die er um ihretwillen erdulde. Catella bezeigte sich ihm zwar nicht abgeneigt, schien sich aber doch nicht viel aus ihm zu machen: denn noch hatte sie den Flammen der Liebe ihr Herz nicht erschlossen. Er hatte ihr oft Briefe und Botschaften gesandt, aber nie eine entscheidende Antwort erhalten können; denn niemals wollte sich das Fräulein näher auf seine Anfragen einlassen. Ihr Vater war ein sehr reicher Mann, aber über alle Begriffe geizig. Er hatte niemand im Hause, als eine abgelebte Alte, die vor ihm im Hause geboren war, eine junge Magd und einen jungen Diener, den Sohn eines seiner Pächter, der ihn meist immer mit sich führte, so daß Catella fast unbeschränkte Freiheit hatte, sich am Fenster zu zeigen und zu sprechen, mit wem es ihr beliebte; denn die gute Alte verließ fast nie ihren Herd. Das Hausmädchen räumte Lattanzio das Feld und begünstigte ihn, der sie durch Geschenke zu bestechen gewußt hatte. Lattanzio konnte also, sooft es ihm beliebte, durch Boten und Geschenke um Catella werben, die er in der Tat übermäßig liebte. An Romula glaubte er einen sehr artigen Liebesboten gefunden zu haben und schickte ihn daher, nachdem er ihn von allem unterrichtet hatte, mit seinen Aufträgen zu Catella.

Romulo kannte das Haus Catellas, an dem er oft vorbeigekommen war, und auch ihr Dienstmädchen, mit dem er seinen Herrn einige Male hatte sprechen sehen. Als er daher jenen Auftrag erhielt, machte er sich sehr mißvergnügt auf den Weg. Ehe er aber zu Catella ging, begab er sich in das Haus der Pippa. Nach einigen gleichgültigen Reden sprach er zu dieser: »Liebe Amme, ich befinde mich in der größten Verzweiflung von der Welt: ich habe nie den Mut gewonnen, mich meinem Geliebten zu entdecken, und sehe ihn so heftig verliebt in Catella Lanzetti, daß ich unendlich verdrießlich über meinen Liebeshandel bin und nicht weiß, welches Ende er noch nehmen wird. Und was das Schlimmste ist und mich am meisten quält, – ich soll jetzt im Namen Lattanzios mit Catella sprechen und für ihn werben, damit er bei dem Vater um sie anhalten kann. Nun sieh, liebe Amme, wohin es mit mir gekommen ist, und ob man unglücklicher sein kann, als ich es bin! Wenn sich Catella bestimmen läßt, ihn zu lieben und seine Gattin zu werden, so lebe ich keine Stunde mehr; denn ich weiß kein Mittel, mein unglückliches Leben zu retten, da ich es unmöglich mit ansehen kann, daß er einer andern angehöre als mir, solange ich lebe. Darum rate mir, meine liebe Amme, und steh mir bei in dieser dringenden Verlegenheit! Ich hoffte immer, da meine Dienste Lattanzio so angenehm schienen, ich werde mich ihm eines Tages entdecken und sein Mitleid gewinnen können; aber jetzt ist alle meine Hoffnung zu Wasser geworden, da ich ihn in jene so heftig verliebt finde, daß er Tag und Nacht an nichts anderes denkt und von nichts anderem spricht. Ich Unglückliche, wenn nun mein Vater zurückkäme und erführe, was ich gemacht habe, was würde aus meinem Leben? Sicher brächte er mich um; da würde keine Entschuldigung gelten. Ach, liebste Amme, hilf mir, hilf mir um Gottes willen, liebste Amme!«

Diese Worte sprach sie unter häufigen Tränen. Frau Pippa, welche sie zärtlicher liebte, als wenn sie ihre eigene Tochter gewesen wäre, ward von ihren Klagen gerührt und brach ebenfalls in Tränen aus. Doch trocknete sie gleich ihre Augen und sprach: »Siehst du, mein Töchterchen, du weißt, wie oft ich dir gegen diese Liebschaft gepredigt habe, – aber du wolltest mir nicht glauben. Mich dünkt, und es ist auch gewiß das beste, du bliebest bei mir, und ich führte dich ins Kloster zurück, bis dein Vater käme. Ich will dann schon alles wieder ins gleiche bringen, daß du nichts zu befürchten hast. Denn wenn es herauskäme, daß du in Mannskleidern dem Lattanzio gedient und so manche Nacht in seiner Kammer geschlafen hast, – was denkst du wohl, daß man von dir sagen und urteilen würde? Ich stehe dir dafür, daß du nie einen Mann bekämest. Und wenn du mir einen Eid ablegtest, daß dich niemand für ein Frauenzimmer erkannt habe, – ich würde dir nicht glauben. Du magst sagen, was du willst, – ich glaube doch, was ich aus guten Gründen glauben zu müssen meine. Ich weiß wohl, wie es solche jungen Herren mit ihren Edelknaben zu machen pflegen, und darum denke ich, es wäre am besten, du schlügest dir diese Grillen aus dem Kopfe und sännest auf andere Dinge. Es kann jetzt nicht mehr lange währen, bis dein Vater zurückkommt, und ich wollte es um alle Schätze der Welt nicht wünschen, komme er auch, wenn er wolle, daß er je von diesen Geschichten erführe: es würde dir und mir übel ergehen. Du siehst ja, daß Lattanzio sich für Catella entschieden hat; du greifst alle Tage mit den Händen, wie sehr er in sie verliebt ist: was willst du dich denn vergebens abquälen? Warum willst du Leben und Ehre so freventlich aufs Spiel setzen, da es dir doch zu nichts frommen kann? Alle Bemühungen verlangen ihren Lohn; es ist Torheit, sich vergebens abzumühen, zumal wenn so großer Schaden daraus erfolgen kann. Und welchen Lohn erwartest du von so tiefer Erniedrigung? Ewige Schande hast du zu erwarten, nicht allein für dich selbst, sondern für dein ganzes Haus: du hast den Verlust des Lebens zu erwarten, und das sollte doch keiner gering schätzen. Wozu den lieben, der dich nicht liebt? Wozu dem folgen, der vor dir flieht? Ich meinesteils war nie so töricht, jemandem nachlaufen zu wollen. Laß ab von diesem, mein Töchterchen, und wende dein Herz einem andern zu! In dieser unserer Stadt fehlt es nicht an Jünglingen deines Standes, die dich lieben und sich glücklich schätzen werden, dich zur Gattin zu gewinnen. Und was weißt du, ob dieser Lattanzio, gesetzt auch, er habe dich bis jetzt noch nicht erkannt, dich nicht eines Tages wiedererkennt, seine Begierden an dir befriedigt und dich dann laufen läßt und zur gemeinen Dirne herabwürdigt, so daß alle Welt wie auf eine schamlose Hure mit Fingern auf dich deutet? Darum laß dir raten, mein Kind, und bleibe fein bei mir!«

Nicuola stand eine Weile in Nachdenken versunken; dann sprach sie nach einem tiefen Seufzer: »Bestes Mütterchen, ich weiß wohl, daß du mir liebevoll rätst; aber ich bin einmal so weit gegangen, daß ich es auch zu Ende führen will, der Erfolg sei, welcher er wolle. Ich gehe jetzt und rede mit Catella, um su sehen, wozu sie sich entschließt; denn bis jetzt hat Lattanzio nur allgemeine Antworten erhalten. Der Himmel wird mir beistehen: denn er kennt mein Herz und weiß, daß meine Aufopferungen kein anderes Ziel haben, als Lattanzios Hand zu erwerben. Indes werde ich täglich herkommen, dir von allem Nachricht zu geben, und wenn mein Vater kommt, so wollen wir sehen, wie wir uns am besten aus der Sache ziehen; denn mich dünkt, man muß nicht eher an ein Unglück denken, als bis es vorhanden ist.«

Hierauf verließ sie die Pippa und begab sich nach dem Hause Lanzettis, wo sie in dem Augenblick ankam, da Gherardo gewisser Geschäfte wegen auf den Markt gegangen war. Catellas Magd stand an der Tür, und auf ein gegebenes Zeichen, das Romulo von seinem Herrn gelernt hatte, ward er in das Haus gelassen und in eine Kammer zu ebener Erde geführt. Das Mädchen ging hinauf und sprach zu Catella: »Fräulein, kommt herab! Lattanzio hat seinen allerliebsten Edelknaben, der Euch so sehr gefallen hat, hergeschickt, um mit Euch zu sprechen.«

Sogleich kam Catella herab und trat in die Kammer, wo Romulo ihrer wartete. Als sie ihn erblickte, meinte sie, einen Engel zu sehen, so schön und liebreizend erschien er ihr. Nachdem er ihr eine Verbeugung gemacht, fing er an zu reden und richtete die Aufträge seines Herrn aus. Catella, die ein unsägliches Vergnügen empfand, als sie ihn sprechen hörte, schaute ihn mit schmachtenden Blicken an; es war ihr, als entströmte eine nicht gekannte Anmut seinen schönen Augen, und sie verging fast vor Verlangen, ihn zu küssen. Romulo fuhr fort, Lattanzios Wünsche vorzutragen; aber sie achtete nicht auf den Inhalt seiner Worte: ganz versunken in seinen Anblick, machte sie sich das Geständnis, nie einen reizenderen Jüngling gesehen zu haben. Kurz, so lange sah sie ihn mit verliebten Blicken an und erfüllte ihr Herz so völlig mit der Schönheit und dem anmutigen Wesen des Jünglings, daß sie zuletzt, unfähig, sich länger zu zügeln, ihre Arme um seinen Hals schlang, ihn fünfmal oder öfter zärtlich auf den Mund küßte und zu ihm sprach: »Du bist recht leichtsinnig, mir hier dergleichen Botschaften zu bringen und dich solcher Gefahr auszusetzen, wie du tust. Wenn mein Vater dich hier fände!«

Romulo, der an den tausend Farben, die auf ihrem Antlitz wechselten, wohl erkannte, daß Catella in ihn verliebt sei, antwortete ihr: »Mein Fräulein, wer einem andern dient, muß diese und noch gefährlichere Dinge wagen nach dem Willen und dem Befehl seines Herrn. Ich tue es ungern genug; aber da es der Wille dessen ist, der mir gebieten kann, so ist es auch der meinige. Ich bitte Euch also, mir eine günstige Antwort zu geben und Euch meines Herrn zu erbarmen, der Euch so zärtlich liebt und ergeben ist, damit ich ihn bei meiner Zurückkunft mit einer angenehmen Botschaft erfreuen könne.« Indem sie so noch eine Weile miteinander sprachen, war es Catella, als ob die Schönheit des Edelknaben jeden Augenblick größer und reizender werde, und bei dem Gedanken, daß er von ihr scheiden solle, fühlte sie ihr Herz ich weiß nicht von welchen Stichen durchbohrt, die ihr den Beschluß abdrangen, ihm ihre Liebe zu gestehen.

»Beim Himmel«, hub sie an, »ich weiß nicht, was du mir angetan hast. Ich muß glauben, du hast mich bezaubert.« »Herrin«, antwortete er, »Ihr habt mich zum besten! Ich habe Euch nichts angetan: ich bin weder ein Hexenmeister noch ein Zauberer, sondern Euer Diener und bitte Euch um eine gnädige Antwort, wodurch Ihr meines Herrn Leben erhalten und mich in seiner Gunst befestigen werdet.«

Catella, die sich nicht länger bezwingen konnte und sich in Küssen erschöpfte, die sie dem Edelknaben gab, erwiderte: »Nun sieh, mein süßes Leben, du Seele meiner Seele, ich weiß keinen Jüngling auf der Welt, der mich zu dem vermocht hätte, wozu du mich gegen dich vermocht hast. Aber deine Schönheit und die unendliche Liebe, die du mir eingeflößt, seit ich dich zum erstenmal im Gefolge deines Herrn erblickte, haben mich dazu gebracht. Ich will dich nicht zum Diener; wohl aber will ich, wenn du einwilligst, dich auf Lebenszeit zum Herrn und Gemahl und gebe dir Gewalt, ganz nach deinem Willen über mich zu verfügen. Ich frage nicht, wer du seiest, ob reich oder arm, noch aus welchem Geblüt du entsprossen. Mein Vater ist, Gott sei Dank, für dich und mich reich genug und schon so bejahrt, daß er nicht lange mehr leben kann. Denke also auf deinen eigenen Vorteil und laß Lattanzio fahren: denn ich bin entschlossen, ihn nie zu lieben, und will ihm auch von heute an kein gutes Gesicht mehr machen.«

Als Romulo sah, daß die Sache eine für ihn günstige Wendung nehme, versprach er nach einigem Hinundherreden Catella, in ihr Begehren zu willigen, und dankte ihr unendlich für ihr Anerbieten, für das er ihr ewig verpflichtet bleibe; doch müßten sie vorsichtig zu Werke gehen, damit Lattanzio nie von ihrem Einverständnis Kunde erhalte. Als sie die nötigen Verabredungen getroffen hatten, entfernte sich Romulo nach vielen zärtlichen Küssen, die er in der beständigen Furcht empfangen und gegeben hatte, Catella möchte ihre Hände irgendwohin bringen, wo er seine Unmännlichkeit verriete. Er entfernte sich also und machte sich auf den Weg nach Hause, wo sein Herr ihn mit Schmerzen erwartete. Hier entschuldigte er zuerst sein langes Ausbleiben damit, daß er sagte, er habe eine gute Weile warten müssen, bis ihn Catella vorgelassen, und als er dann mit ihr gesprochen, habe er sie sehr erzürnt angetroffen, teils, weil ihr Vater sie denselben Morgen heftig wegen dieser ihrer Liebschaft ausgezankt, teils, weil sie vernommen habe, daß er in ein anderes Fräulein verliebt sei.

»Ich gab mir viele Mühe«, sagte Romulo, »ihr diese Meinung auszureden, brachte tausend Gründe vor und kämpfte lange mit ihr, aber alles ist umsonst gewesen.«

Lattanzio war sehr bestürzt und mißvergnügt über diese Botschaft und ließ sich wohl zehnmal das ganze Gespräch von neuem wiederholen, das Romulo mit Catella geführt haben wollte. Darauf bat Lattanzio den Edelknaben, bei schicklicher Gelegenheit zu Catella zurückzukehren und ihr nochmals zu beteuern, er liebe keine andere Dame auf der Welt so sehr wie sie und sei bereit, ihr alle möglichen Beweise davon zu geben; und wie sie sich auch gegen ihn benehme, so werde er doch nie eine andere lieben, da er ewig ihr getreuer Diener zu bleiben entschlossen sei. Romulo versprach ihm, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, um sie noch einmal sprechen zu können.

Am folgenden Tage lag Catella an ihrem Fenster, als Lattanzio die Straße herabkam. Kaum war er aber in die Nähe des Hauses gelangt, so erhob sich das Fräulein mit einem Blicke voll Verachtung von dem Fenster und zog sich in das Zimmer zurück. Dieser Vorfall bestätigte den Bericht, den Romulo gestern seinem Herrn abgestattet. Voll Unmut begab sich dieser nach Hause und beklagte sich bei Romulo über sein Unglück. Der Zorn riß ihn zu der Äußerung hin, Catella sei doch noch lange nicht die Schönste und Edelste, daß sie Ursache habe, so hochmütig zu werden und ihn so schmählich zu behandeln, und in dieser Weise sagte er noch manches. Aber Romulo ersah seinen Vorteil und sagte seinem Herrn, es gehe in der Liebe meistens nicht anders; oft sei Überdruß, oft böse Zungen, oft Ungleichartigkeit der Gemüter daran schuld: »Dies wird deutlich durch die tägliche Erfahrung bewiesen, daß mancher eine Frau liebt, die sich nun und nimmer bestimmen läßt, ihm hold zu sein, während die andere nach ihm seufzt, die er zu lieben sich nicht entschließen kann.«

In Verfolg dieses Gesprächs sagte Lattanzio: »Wahrlich, Romulo, du hast recht, es ist wirklich so. Ich selbst bin noch vor wenigen Monaten von einem der schönsten Mädchen dieser Stadt geliebt worden, die erst kürzlich aus Rom gekommen war. Ich bin überzeugt, daß ich ihr ganzes Herz besaß, und auch ich liebte sie mit Leidenschaft; aber sie verreiste, ich weiß nicht wohin, und blieb lange abwesend; in der Zwischenzeit kam mir diese übermütige Catella zu Gesicht, um derenwillen ich die Liebe zu jener vergaß und sie gänzlich hintansetzte, um dieser Undankbaren zu dienen. Jene erste kehrte darauf zurück und schickte mir Briefe und Boten, aber ich kümmerte mich nicht darum.«

»Herr«, hub jetzt Romulo an, »so geschieht Euch recht: Ihr empfangt den wohlverdienten Lohn Eurer Untreue; denn wenn ein so schönes Mädchen, wie Ihr mir sagt, Euch so zärtlich liebte, so tatet Ihr das schreiendste Unrecht, sie dieser aufzuopfern, die, ohne es nur zu wissen, jene zu rächen begonnen hat. Wir müssen lieben, wer uns liebt, nicht dem folgen, der vor uns flieht. Wer weiß, ob jenes schöne Kind Euch nicht noch liebt und sich um Euretwillen abhärmt; denn ich habe oft gehört, daß die Mädchen in ihrer ersten Leidenschaft viel zärtlicher und glühender lieben als die Männer. Mein Herz sagt mir, daß jenes unglückliche Fräulein um Euch verschmachten und ein trauriges, qualvolles Leben führen muß.«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete Lattanzio, »wohl aber, daß sie mich zärtlich liebte und daß sie sehr schön ist; Catella würde dir fast häßlich neben ihr vorkommen. Auch muß ich dir gestehen, was mir oft eingefallen ist: wenn du Frauenkleider anhättest, so würde ich schwören, du seist Nicuola, so sehr scheinst du ihr in allem zu gleichen. Auch Euer Alter kann nicht sehr verschieden sein. Nur kam sie mir ein wenig größer vor als du. Doch kommen wir auf diese Spitzbübin von Catella zurück, die ich mir nicht aus dem Kopf schlagen kann: denn Tag und Nacht muß ich immer an sie denken und kann meinen Sinn auf nichts anderes richten. Sprich, getraust du dich, noch einmal mit ihr zu sprechen und ihr meine ganze Liebe zu eröffnen?«

»Ich will alles tun«, versetzte Romulo, »was in meinen Kräften steht; und sollte es mein Leben kosten, so muß ich mit ihr sprechen.«

Jetzt aber wollen wir diese ein wenig ihrem Treiben überlassen und uns nach Ambrogios Sohne Paolo umsehen, ohne den diese Geschichte nicht zu Ende geführt werden kann. Es geschah um dieselbe Zeit, daß jener Deutsche, Paolos Herr, Neapel verließ und sich nach Acquapendente begab, um von dort nach der Lombardei und dann nach Deutschland zu reisen. Im Begriff, Acquapendente zu verlassen, ward er von heftigem Bauchgrimmen ergriffen, das ihn nach drei Tagen tötete. Doch vor seinem Tode erklärte er, da er sein Ende herannahen fühlte, seinen letzten Willen und ernannte Paolo zum Erben seines ganzen Vermögens. Paolo ließ ihn ehrenvoll zur Erde bestatten, befriedigte den Wirt und wandte sich rechts nach Esi, wo er kurz vor der Verheerung Roms etwa einen Monat lang in Aufträgen des Vaters zugebracht hatte. Hier angelangt, begab er sich, ich weiß nicht weshalb, nicht sogleich nach seinem elterlichen Hause, sondern kehrte mit seinem Gepäcke in einem Gasthause ein. Hier ließ er seine Sachen abladen, übergab sie der Obhut des Wirtes, nahm dann einige Erfrischungen zu sich und ließ seine Leute in der Herberge zurück, um ganz allein durch die Stadt zu gehen. Er war eines Gelübdes wegen ganz in Weiß gekleidet, so daß seine Tracht der des Romulo vollkommen glich. Paolo begab sich nach dem Hause seines Vaters, um zu sehen, ob es offen sei. Der Weg führte ihn an Catellas Hause vorüber, die eben im Fenster lag. Da er sie nicht kannte, grüßte er sie nicht, worüber das Fräulein sich sehr verwunderte. Sie wußte nämlich nicht anders, als daß es Romulo sei, und schickte ihm das Mädchen nach, um ihn zurückzurufen. Es war um die None, und nur wenig Leute zeigten sich auf der Straße. Das Mädchen rief ihn beim Namen Romulo und sprach: »Kommt doch gleich zurück! Mein Fräulein ruft Euch!«

Paolo merkte wohl, daß er für einen andern gehalten wurde, in welchem Glauben er sich noch bestärkte, als er das Mädchen so vertraulich mit ihm sprechen sah, als ob sie schon lange miteinander bekannt wären. Er beschloß also, sich doch das Fräulein anzusehen, das ihn rufen lasse. Indes argwöhnte er, die Dame sei vielleicht eine käufliche, und sprach bei sich selbst: »Ich will doch gehen und mein Glück versuchen. Aber die Dame irrt sich, wenn sie bei mir gute Geschäfte zu machen denkt. Höchstens schenke ich ihr einen Carlino oder meinetwegen einen Giulio.«

Während er sich aber gegen das Haus bewegte, erschien Gherardo am Ausgang der Straße, und als das Hausmädchen ihn erblickte, sprach sie zu Paolo: »Romulo, da kommt unser Herr; geh jetzt deines Weges und komm hernach zurück!«

Paolo entfernte sich, indem er sich die Tür merkte, in die das Mädchen sich zurückzog, und den Herrn des Hauses scharf ins Auge faßte. Das Mädchen verschloß die Haustür hinter sich und gab sich den Anschein, als habe sie den Herrn nicht gesehen, der sich nach Art der Greise Schritt für Schritt näherte, ohne das Mädchen bemerkt zu haben. Endlich kam Gherardo an sein Haus, klopfte an die Tür und trat, als diese geöffnet wurde, hinein. Paolo, der sich das Haus sehr wohl gemerkt und Catella, die er am Fenster erblickt, sehr schön und reizend gefunden hatte, begab sich unter mancherlei Gedanken nach dem Hause seines Vaters, an dem er Türen und Fenster verschlossen fand. Dies betrachtete er als ein Zeichen, daß sein Vater verreist sei. Um sich aber völlige Gewißheit zu verschaffen, fragte er einen Schneider, der seine Bude in der Nähe hatte, was Ambrogio Nanni mache. Dieser antwortete ihm, Ambrogio sei seit langer Zeit in Esi nicht gesehen worden. Paolo kehrte also nach seiner Herberge zurück, immer noch in Gedanken mit dem Mädchen beschäftigt, das er gesehen hatte. Zwar war er gesonnen, zu ihr zurückzukehren, aber noch unschlüssig, ob er allein gehen oder einige seiner Diener, die er von seinem seligen Herrn geerbt hatte, mit sich nehmen solle.

Bald darauf geschah es, daß Ambrogio, der in diesem Augenblicke von Rom zurückkehrte, auf dem Wege nach seinem Hause dem Gherardo begegnete, der ihn willkommen hieß und weiter zu ihm sprach: »Ambrogio, du kommst sehr gelegen; wärest du einige Tage früher gekommen, so hätten wir vielleicht die Heirat zwischen mir und deiner Tochter zustande gebracht, oder wenigstens würde ich mich darüber aufgeklärt haben, ob du sie mir geben willst oder nicht; denn ich bin nicht gesonnen, länger in dieser Ungewißheit zu leben.«

»Wie du siehst«, erwiderte Ambrogio, »komme ich in diesem Augenblicke an; auch gedenke ich nun fürs erste nicht wieder zu verreisen. Wir werden uns öfter sehen und Zeit haben, ausführlicher über diese Sache zu reden.«

Während Ambrogio zu Pferde und Gherardo zu Fuß so miteinander sprachen, kam Romulo daher, der dem Auftrage seines Herrn gemäß eine neue Unterredung mit Catella nachsuchen wollte. Als er aber den Vater erblickte, wandte er sich schnell um und begab sich zu der Pippa.

»O weh, liebste Amme«, rief er ihr zu, »ich bin des Todes vor Schrecken; mein Vater ist wiedergekommen, und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«

»Gemach«, entgegnete Pippa, »fasse Mut! Bleib hier im Hause und laß mich sorgen! Wirf diese Kleider ab und lege die deinigen an, die sich in dieser Kiste befinden!«

Sogleich machte sich Pippa schnurstracks auf den Weg nach Ambrogios Hause, der eben vom Pferde stieg, als sie dort ankam. Sie grüßte ihn heiteren Gesichtes und sprach: »Seid tausendmal willkommen, bester Herr! Wie geht es Euch?«

»O willkommen, gute Pippa«, antwortete Ambrogio. »Wo willst du so eilig hin?«

»Ich komme zu Euch«, versetzte sie, »geradeswegs. Der dicke Hans Bindi hat mir gesagt, daß Ihr gekommen seid; und da ich nicht weiß, wie Eure Leute das Kochen verstehen, so wollte ich Euch im Hause hilfreiche Hand leisten.«

»Ich danke dir«, versetzte Ambrogio; »aber es wird nicht nötig sein, daß du dich bemühst: denn ich habe schon nach Margarita geschickt, die ich sonst im Hause hatte, und die gleich hier sein wird. Aber sage mir, wann hast du unsere Nicuola zuletzt gesehen?«

»Ich sehe sie täglich, Herr«, antwortete Pippa; »erst heute morgen war ich eine gute Weile bei ihr. Sie stirbt vor Verlangen, Euch wiederzusehen. Ich habe sie oft in mein Haus gebracht und zwei bis drei Tage bei mir behalten. Sie ist wahrlich ein gutes, schönes Fräulein und wunderbar geschickt in allen Handarbeiten; das könnt Ihr mir bei Gott glauben.«

Über diesem Gespräche kam Margarita an, die sogleich anhub, ihre häuslichen Geschäfte zu besorgen. Eine gute Weile ging ihr Pippa an die Hand; da ihr aber in ihrer Ungeduld eine Stunde tausend Jahre zu währen schien, bis sie das Haus wieder verlassen konnte, sagte sie zu Ambrogio: »Herr, wenn Ihr es erlaubt, so gehe ich heute abend ins Kloster und hole Nicuola in mein Haus ab. Morgen früh bringe ich sie Euch dann her oder behalte sie auch noch ein paar Tage bei mir, bis Ihr das Haus in Ordnung gebracht habt.«

»Wie du willst«, antwortete Ambrogio; »empfiehl mich aber bestens Schwester Camilla, küsse meine Tochter in meinem Namen und geh mit Gott!«

Nun entfernte sich Pippa, ging aber, ehe sie sich nach Hause begab, in das Kloster, um mit Schwester Camilla zu sprechen. Mit dieser verabredete sie alles, was zu Nicuolas Wohlfahrt vonnöten war, wenn etwa Ambrogio auf den Einfall gekommen wäre, nach dem Kloster zu gehen. Schwester Camilla, die sich auf solche Händel nur allzu wohl verstand, hieß Frau Pippa gutes Mutes sein: es werde alles den besten Ausgang nehmen. Dann eilte Pippa nach Hause, wo Nicuola, die nicht länger Romulo war, sie mit größtem Verlangen erwartete, um zu hören, wie die Sachen stehen. Sie hatte ihre Kleider schon wieder angezogen und ihre Haare nach der Sitte unserer Jungfrauen geordnet. Als die Pippa heimkam, erzählte sie ihr alles, was geschehen sei, und fragte sie, ob sie morgen in das Haus ihres Vaters zurückkehren oder noch einen oder zwei Tage bei ihr bleiben wolle, was ihr freistehe. Nicuola beschloß, noch den folgenden Tag bei ihrer Amme zuzubringen, und verbrachte die Zeit mit Klagen über ihren Lattanzio, nach dessen Besitz sie eine Sehnsucht verriet, die nicht größer hätte sein können. Die Pippa predigte ihr von neuem, sie solle doch ihre Gedanken auf ein anderes Ziel richten; sie sehe ja deutlich, daß sie sich vergebens abquäle, und habe sich selbst überzeugt, daß Lattanzio so heftig in Catella verhebt sei, daß er an nichts anderes denke; zuletzt werde er auch wohl sein Ziel erreichen, wenn er bei Gherardo um sie anhalte.

»Das ist es eben«, versetzte Nicuola, »was mich foltert; ich kann es nicht denken, ohne zu verzweifeln. Aber wenn mein Vater nicht so schnell zurückgekommen wäre, so hätte ich der Catella den Lattanzio so verleiden wollen, daß sie lieber einen Bauern als ihn geheiratet hätte. Aber diese rasche unvermutete Ankunft meines Vaters hat alles verdorben.«

»Alles verdorben?« unterbrach sie Pippa; »nein, alles wiedergutgemacht; denn wenn es wahr ist, was du mir erzähltest, daß zwischen Catella und dir vorgefallen ist, so stehe ich dir dafür, daß deine Sachen sehr übel stünden; denn wärest du noch einmal hingegangen, um mit ihr zu sprechen, so würde sie ganz sicher von den Küssen zu Handgreiflichkeiten übergegangen sein, und wenn sie dich für ein Frauenzimmer erkannt hätte, was denkst du wohl, daß sie von dir geurteilt haben würde? Würdest du nicht auf ewig bei ihr beschämt worden sein? Glaubst du nicht, daß sie gleich auf den Gedanken gekommen wäre, du seiest Lattanzios Buhlerin?«

»Und das ist es eben«, versetzte Nicuola, »was ich gewünscht hätte. Denn obwohl sie mich, wie du sagst, für ein Frauenzimmer erkannt haben würde, so folgt daraus noch nicht, daß sie mich als Nicuola, die Tochter Ambrogios, erkannt hätte. Aber Lattanzio wäre ihr gewiß so verhaßt worden, daß sie ihn nie wieder hätte sehen noch nennen hören mögen; und dann durfte ich hoffen, Lattanzios Liebe wieder zu erwerben.«

Die Pippa konnte sich nicht enthalten, über diese Rede Nicuolas zu lächeln.

»Meine Tochter«, hub sie an, »suche dein Herz zu beruhigen! Wenn es Gott gefällt, daß Catella Lattanzios Gattin werden soll, so hilft dir weder List noch Klugheit noch alle Kunstgriffe, deren du dich bedienen möchtest, diese Ehe zu hintertreiben. Du bist noch gar jung, du bist schön, du bist reich; denn wenn dein Bruder Paolo noch lebte, so würde man gewiß von ihm gehört haben; aber der arme Junge ist gewiß tot (Gott sei seiner Seele gnädig!), so daß du, wenn du dich klug aufführst, die einzige Erbin deines Vaters werden wirst, und als solche kann es dir nicht an den reichsten und edelsten Jünglingen der Mark zu Bewerbern fehlen. Darum schlage dir diese Grillen aus dem Kopfe, die dir mehr Kummer und Verdruß machen, als sie dir Nutzen bringen können!« Während diese Verhandlungen gepflogen wurden, hatte Paolo beschlossen, ganz allein Catella aufzusuchen. Er ging also gegen Abend an ihrem Hause vorüber; da er ihrer aber nicht ansichtig werden konnte, kehrte er zu seiner Herberge zurück und mochte an diesem Tage nicht wieder ausgehen.

Lattanzio, dem das Warten die Zeit sehr lang machte, verwunderte sich sehr, als die Nacht zu dunkeln begann, ohne daß Romulo nach Hause kam, ihm den Erfolg seiner Bewerbung bei Catella mitzuteilen. Als er aber einige Stunden der Nacht vergebens gewartet hatte, ward er sehr bestürzt über sein Ausbleiben; denn er fürchtete, irgendein Unfall möchte seinen Diener betroffen haben. Da er sich aber durchaus nicht vorstellen konnte, was das wohl sein möge, so brachte er die ganze Nacht fast schlaflos unter mancherlei Gedanken zu. Er liebte den Romulo sehr, weil er gut von ihm bedient wurde und ihn als einen verschwiegenen und wohlgesitteten Jüngling kennengelernt, der nie im Hause mit irgend jemand ein Wort gewechselt hatte, sondern nur auf Ausrichtung seiner Befehle bedacht gewesen war, daher sein Verlust ihn unmäßig betrübte. Auf der andern Seite wünschte Catella, die den Romulo leidenschaftlich liebte und schon seine süßen Küsse gekostet hatte, gar sehr eine engere Vereinigung mit ihm. Da sie ihn aber nach Gherardos Nachhausekunft heute nicht mehr gesehen hatte, denn sie hatte den Paolo für den Romulo gehalten, begab sie sich sehr mißvergnügt zu Bette.

Nicuola plauderte die ganze Nacht mit ihrer Amme von Lattanzio und konnte vor Seufzen und unruhigem Umherwälzen weder selbst schlafen noch ließ sie die Pippa zur Ruhe kommen.

Als der Morgen anbrach und Romulo nicht nach Hause kam, schickte Lattanzio nach allen Seiten aus, ihn aufzusuchen und überall hinzuhorchen, ob man nicht wisse, was aus ihm geworden sei. Bei diesen Nachforschungen fand sich einer, der auf die angegebenen Zeichen der Kleidung und des Alters hin versicherte, er habe gestern gesehen, daß er in das Haus der Pippa des Giacomaccio neben der Hauptkirche gegangen sei. Lattanzio, der sie kannte, machte sich auf diese Anzeige gegen Mittag auf den Weg und klopfte an ihre Haustür. Frau Pippa trat an ein Fenster, und als sie den Jüngling erkannte, verwunderte sie sich; denn sie vermutete, Lattanzio habe den Aufenthalt Nicuolas in ihrem Hause in Erfahrung gebracht. Sie fragte ihn also: »Was sucht Ihr hier, junger Herr ?«

»Frau Pippa«, antwortete er, »wenn es Euch nicht ungelegen wäre, so möchte ich gern zehn Worte mit Euch reden.«

»Fünfundzwanzig«, entgegnete Pippa, sagte Nicuola, Lattanzio sei unten, und stieg eilends hinab, die Haustür zu öffnen. Der Jüngling trat ein und nahm neben Pippa Platz, an einem Orte, wo Nicuola, ohne gesehen zu werden, ihn sehen und sprechen hören konnte.

»Frau Pippa«, begann nun Lattanzio, »obgleich ich nie Gelegenheit gehabt habe, Euch einen Dienst zu leisten, der mich berechtigte, von Euch einen Gegendienst zu heischen, so gibt mir doch meine Bereitwilligkeit, jedermann zu dienen, und Eure eigene Gefälligkeit, um derenwillen Ihr, wie ich weiß, von vielen angesehenen Leuten geschätzt werdet, den Mut, Euren Beistand in Anspruch zu nehmen, in der festen Hoffnung, daß Ihr meinen Wunsch vollständig erfüllen werdet; und um nicht länger bei schönen Worten stehenzubleiben, ersuche ich Euch inständig, mir zu sagen, was aus dem weißgekleideten Knaben geworden ist, der Euch gestern besucht hat. Er heißt Romulo, mag etwa siebzehn Jahre alt sein und hat ein hübsches, gefälliges Äußeres. Er hat mir als Edelknabe gedient und ist seit gestern nicht mehr zu mir zurückgekommen. Ich bitte Euch dringend, mir über ihn Nachricht zu geben; Ihr erzeigt mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen, und ich werde Euch deswegen immerdar verpflichtet bleiben.«

»Mein lieber Sohn«, antwortete Pippa, »ich danke Euch für die gute und freundliche Meinung, die Ihr von mir hegt; gewiß, ich schätze es sehr und freue mich der Ehre, die Ihr mir durch den Besuch meines armen Häuschens antut, um so mehr, als ich schon seit langer Zeit nach der Gelegenheit getrachtet habe, mit Euch zu sprechen; und da diese mir nun durch Eure Güte heute von selber kommt, will ich sie nicht verlieren. Um zuvor auf das zu antworten, was Ihr von mir verlangt, so sage ich Euch, daß ich Euch über Euren Burschen gar keine Auskunft geben kann; denn weder gestern noch überhaupt seit langer Zeit ist meines Wissens ein Knabe oder ein junger Mann hiergewesen, und ich müßte es wohl wissen, wenn dem also wäre.«

»Ihr denkt vielleicht«, fiel Lattanzio ein, »ich möchte dem Knaben Strafe auflegen, weil er nicht zurückgekommen ist; aber ich verpfände Euch mein Wort, daß ihm nichts geschehen soll, wenn er mir nur die Wahrheit eingesteht, warum er gestern nicht zu mir zurückgekommen ist.«

»Ihr gebt Euch vergebens Mühe«, antwortete die Pippa, »denn es ist kein Mann im Hause hier und hat es gestern keiner betreten. Es tut mir unendlich leid, daß ich Euch in diesem Falle nicht dienen kann, wie ich gerne wollte.« Während Pippa mit ihm sprach, stieß Lattanzio schwere Seufzer aus, und sie sagte daher zu ihm: »Junger Mann, Ihr seid so leidenschaftlich aufgeregt, daß jedermann, der Euch so stöhnen hört, Euch in diesen Euren Edelknaben mehr als billig verliebt glauben möchte. Aber da ich neulich gehört habe, daß Ihr ein schönes Fräulein liebt, so kann ich Euch nicht für einen so argen Feind der Frauen halten.«

»Ach«, sage Lattanzio, »wollte Gott, daß ich nicht liebte! Ich würde wahrhaftig heiterer und vergnügter sein, als ich es jetzt sein kann. Glaubt aber nicht, daß ich von meinem Edelknaben rede! Daran denke ich nicht. Ich spreche vielmehr von einem Mädchen, das ich mehr liebe als das Licht meiner Augen, ja mehr als meine Seele.«

Und bei diesen Worten füllten ihm die heißen Tränen wider seinen Willen die Augen, und einige netzten ihm die Wangen, während er selbst sich in Seufzern erschöpfte. Frau Pippa hielt dies für eine willkommene Gelegenheit, die Ausführung eines schon längst gefaßten Vorhabens zu versuchen, und sagte: »Ich weiß sehr wohl, mein Sohn, daß es wahr ist, was Ihr sagt. Euer Benehmen zeigt deutlich genug, wie verliebt Ihr seid, und ich glaube wohl, daß Eure Qualen um so heftiger sein müssen, da es keine so bittere, herbe Qual auf Erden mehr gibt, als lieben und nicht geliebt werden. Denn ich weiß wohl, daß das Mädchen, das Ihr liebt, Euch nicht wiederliebt; vielmehr haßt sie Euch um der Liebe willen, die sie zu einem andern trägt.«

»Und woher wißt Ihr das, Frau Pippa?« fragte hier Lattanzio voll Verwunderung.

»Bestrebt Euch nicht, das zu erfahren«, antwortete sie. »Genug, daß ich weiß, daß Ihr gegenwärtig unerwidert liebt, und daß Ihr vor nicht gar vielen Monaten eine Jungfrau geliebt habt, die weit schöner als Eure jetzige Geliebte ist. Ich weiß, daß sie Euch auf das inbrünstigste wiederliebte, und kann Euch überdies sagen, daß sie Euch auch jetzt noch mehr liebt als je, obwohl Ihr Euch ihrer so wenig mehr erinnert, als ob Ihr sie niemals gesehen hättet.«

»Meiner Treu, ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sprach Lattanzio, »da ich Euch so vertraut mit der Sache und so gut von meinen Angelegenheiten unterrichtet sehe. Aber das sagt mir doch gefälligst, bitte ich, wie Ihr wißt, daß diejenige, die ich jetzt liebe, nicht mich, sondern einen andern liebt.«

»Das werde ich Euch nicht sagen«, antwortete Pippa, »weil es mir nicht schicklich scheint; aber wohl mag ich Euch zu Gemüte führen, daß Euch ganz recht geschieht, wenn Ihr, diejenige, die Euch liebt, verschmähend, auch keine Gegenliebe einerntet, wo Ihr liebt; denn dies läßt eben Gott zur Strafe Eurer Sünde und Eurer großen Undankbarkeit geschehen. Ach unglückselige Nicuola, wen liebst du und hast du geliebt! Du hast das Äußerste getan, um seine Gunst zu erwerben, und alles war vergebens. Und Ihr, Lattanzio, liebt Catella mehr als Euch, und sie kümmert sich gar nicht um Euch. Wohlan denn, verfolgt Euren Plan! Ihr werdet schon zuletzt Euren Irrtum gewahr werden, um vielleicht, wenn es zu spät ist, ihn wiedergutzumachen.« Bei diesen Worten geriet der Jüngling fast außer sich und wußte nicht, was zu antworten sei. Nicuola andererseits, die ihn sah und hörte, wäre gerne hervorgetreten, um auch einige Worte über diesen Gegenstand hinzuzufügen; allein sie beschloß, den Ausgang dieses Gesprächs abzuwarten, und verhielt sich ruhig. Frau Pippa wartete eine Weile auf die Antwort des Jünglings, der sich jetzt wie aus einem schweren Traum erhob und sprach: »Frau Pippa, ich will ausführlicher mit Euch reden, da ich sehe, daß Ihr meine Umstände besser kennt als ich selbst. Es ist wahr, daß ich in Nicuola Nanni verliebt war, von der ich überzeugt war, geliebt zu werden. Sie ward nachher von ihrem Vater aus der Stadt geschickt, ich erinnere mich nicht wohin. In der Zwischenzeit begann ich mich in Catella, Gherardo Lanzettis Tochter, zu verlieben, die mir in den ersten Tagen geneigt zu sein schien, sich aber hernach, ich weiß nicht weshalb, spröde und meinen Wünschen völlig zuwider erwies; denn sooft sie an der Tür oder ihren Fenstern steht, wenn ich durch die Straße komme, zieht sie sich, sobald sie mich sieht, plötzlich zurück und will weder Briefe noch Boten mehr von mir annehmen. Erst gestern schickte ich meinen Edelknaben hin, um eine Unterredung mit ihr nachzusuchen; aber er ist nicht nach Hause gekommen, mir Antwort zu sagen, so daß ich zugleich eine Geliebte und einen guten und angenehmen Diener verloren habe. Wäre er zurückgekommen und hätte mir Nachricht gebracht, daß sie noch in ihrer gewohnten Unerbittlichkeit verharrt, so hätte ich mich entschlossen, sie gar nicht länger mehr zu belästigen und mich nach einer andern umzusehen, der meine Dienste angenehmer wären; denn um die Wahrheit zu sagen, halte ich es für die größte Torheit, die zu verfolgen, die mich flieht, die zu lieben, die mich haßt, und nach der zu verlangen, die von mir nichts wissen will.«

»Nun, das läßt sich hören«, rief Pippa aus, »und ich nehme Euch beim Wort, junger Herr! Wahrhaftig, ich wäre auch nicht so närrisch, den zu lieben, der nicht in mich verliebt wäre. Aber seid einmal so gefällig, mir zu sagen: wenn nun die Nicuola Euch noch zugetan wäre, ja Euch mehr als jemals liebte, – was meintet Ihr dazu? Würde es Euch bedünken, daß sie Eurer Gegenliebe wert wäre?«

»In Wahrheit«, antwortete der Jüngling, »sie würde verdienen, daß ich sie mehr als mich selbst liebte. Aber was Ihr da sagt, kann gar nicht sein; denn sie muß mir notwendigerweise höchlich zürnen, da ich mich gar nicht um sie bekümmert habe, nachdem sie mir doch seit ihrer Rückkehr nach Esi zu wiederholten Malen geschrieben hat. Ich weiß gar nicht einmal, wo sie gegenwärtig sein mag, so lange ist es her, daß ich sie nicht gesehen habe.«

»Oh«, fiel Frau Pippa ein, »ich weiß, daß Ihr sie noch in den letzten Tagen unendlich oft gesehen und sehr vertraulich mit ihr gesprochen habt.«

»Darin irrt Ihr Euch wirklich, Frau Pippa«, antwortete Lattanzio.

»Ich irre mich nicht«, versetzte sie. »Ich muß wissen, was ich sage, und spreche nicht aufs Geratewohl in den Wind. Aber sagt mir doch, wenn es wahr wäre, was ich behaupte, und ich es Euch mit Händen greifen ließe, daß Euch Nicuola mehr als jemals liebt, – was würdet Ihr tun? Und wenn sie in Eurem Hause gewesen wäre, Euch gedient und alles getan hätte, was der geringste Knecht tun muß, ohne je von Euch erkannt zu werden, – was würdet Ihr davon denken? Laßt es Euch nicht befremden, was ich sage, und zeigt Euch nicht so verwundert und erstaunt: denn die Sache verhält sich wirklich so und kann sich nicht anders verhalten, als wie ich Euch sage. Und damit Ihr seht, daß ich die Wahrheit sage, erbiete ich mich, Euch einen so unwidersprechlichen Beweis davon zu geben, daß Ihr selbst meiner Meinung sein werdet. Doch zuerst antwortet mir: wenn Nicuola alles das getan hätte, was ich Euch sage, – was meint Ihr, daß sie verdient habe?«

»Ihr erzählt mir Märchen und Träume«, antwortete Lattanzio. »Wenn es aber wahr wäre, so wüßte ich nichts zu sagen, als daß ich verbunden bin, sie ewig zu lieben und sie zur Gebieterin meiner selbst zu erheben.«

»Wohlan denn«, sprach Pippa und rief Nicuola, die sie anwies, ihre Edelknabenkleider mitzubringen. Der Nicuola war kein Wort von dem ganzen Gespräche entgangen, und sie trat denn auf diesen Ruf, ihre männliche Kleidung in der Hand haltend, im ganzen Gesichte vor Scham erglühend, in das Gemach und näherte sich ihrer Amme und ihrem Geliebten.

»Da ist Eure Nicuola, Lattanzio!« sagte die Pippa, »Euer Romulo, Euer schmerzlich vermißter Edelknabe, der Tag und Nacht bei Euch war und Ehre und Leben aus Liebe zu Euch aufs Spiel gesetzt hat. Ja, sie hat die ganze Welt außer acht gelassen und nur für Euch gesorgt, und Ihr habt sie in so langer Zeit niemals erkannt.«

Sie erzählte hierauf mit allen kleinen Umständen, wie die Jungfrau dazu gekommen, ihm als Edelknabe zu dienen, und schloß endlich mit der Frage: »Nun, was sagt Ihr denn dazu?«

Lattanzio stand halb bewußtlos da, sah Nicuola an, glaubte zu träumen und wußte recht eigentlich nicht, was er dazu sagen sollte, daß sie als Knabe gekleidet bei ihm gewesen sei. Als er aber wieder ein wenig zu sich selbst gekommen war und der Grausamkeit Catellas gedachte, die an Schönheit sich mit Nicuola bei weitem nicht messen konnte, sowie der großen Liebe Nicuolas zu ihm und welcher Gefahr sie in der Heftigkeit ihrer Liebe sich ausgesetzt hatte, so sagte er fast weinend zu ihr: »Nicuola, ich will mich jetzt nicht in halbwahre Ausreden und Entschuldigungen verwickeln; aber wofern Ihr wirklich so gesinnt seid, wie Frau Pippa mir versichert, will ich, wenn Ihr mich haben wollt, Euch zur Frau nehmen.«

Nicuola, die auf der Welt nichts weiter als dies wünschte, und die eine solche Herzensfreudigkeit überkam, daß sie sich gar nicht halten konnte, warf sich ihm zu Füßen und antwortete ihm: »Mein Gebieter, da Ihr mich der Gnade würdigt, mich zu der Eurigen zu machen, seht mich hier bereit, Euch immerdar zu dienen; denn in allen Stücken soll ich und mein Wille beständig Euch angehören.«

Lattanzio zog hierauf einen Ring vom Finger, erklärte sie in Gegenwart Pippas für seine rechtmäßige Verlobte und sprach sodann: »Damit unsere Angelegenheiten in allen Ehren und nach dem Herkommen ausgehen, werde ich gleich nach dem Essen mich bei Eurem Vater einfinden und um Eure Hand bei ihm anhalten, und ich bin überzeugt, daß er sie mir ohne Widerrede zugestehen wird. Dann wollen wir Hochzeit halten, wie sich's gebührt.«

Um die soeben mit Worten eingegangene Ehe noch mehr zu befestigen, veranstaltete Pippa, ehe Lattanzio wegging, daß er in einer Kammer sich mit Nicuola niederlegte und die heilige Ehe vollzog, was denn beiden Teilen zur wunderbaren Genugtuung gereichte. Als sodann Lattanzio seine fernern Absichten verabredet hatte, ging er hinweg und begab sich zu Tische. Nach dem Essen aber besuchte er den Vater Nicuolas, und Nicuola ging mit Pippa nach Hause, um ebenfalls ihren Vater aufzusuchen, von dem sie freudig empfangen wurde.

Sobald Paolo sein Mittagsmahl zu sich genommen hatte, verließ er seine Herberge und machte sich nach Catellas Wohnung ganz allein auf den Weg; und als er an die Straßenecke gekommen war, sah er Gherardo eben aus dem Haus gehen, ich weiß nicht wohin. Kaum war Gherardo hinaus, als Catella sich am Fenster zeigte und den Paolo erblickte. Sie hielt ihn für ihren Romulo und winkte ihm, da er näher gekommen war, einzutreten. Um sich über diese seltsamen Dinge Aufklärung zu verschaffen, trat er in das Haus, und sogleich stieg Catella die Treppe herab, umarmte und küßte ihren vermeintlichen Romulo auf das zärtlichste und sprach: »Mein süßes Leben, letztes Ziel aller meiner Gedanken, du machst dich auch gar zu selten. Du bist mir so gut nicht, wie ich dir bin; ich habe dir schon vor zwei Tagen mein Herz erschlossen und daß ich keinen andern Gemahl als dich begehre. Laß uns hier unten in diese Kammer treten!«

Hierauf befahl sie dem Mädchen, auf die Rückkunft des Herrn acht zu haben und ihr Nachricht davon zu geben, Dann überhäufte sie den Paolo mit heißen Küssen, flüsterte ihm die süßesten Worte zu und schien, indem sie ihn neckend und scherzend auf die Lippen biß, in seinen Armen vergehen zu wollen. Er, der nichts weniger als blöde war und wohl sah, daß er mit einem andern verwechselt wurde, zeigte sich ganz entbrannt von Begierde, verstummte im Übermaß der Liebesglut und küßte sie vielmals unter tiefen Seufzern.

»Liebes Herz«, sagte sie, »ich wollte, du befreitest dich von deinem Herrn da, damit wir zu jeder Zeit ungehindert beieinander sein könnten.«

»Seid darum unbekümmert«, antwortete Paolo; »ich will es schon einrichten, daß ich ihn loswerde.«

»Tue das, mein Leben«, sagte Catella und ließ nicht ab, ihn an die Brust zu drücken und zu küssen. Paolo war ein Jüngling, ganz geschaffen, sie zu befriedigen; als er das Gras auf der Wiese emporschießen fühlte, legte er die Hände auf ihren Busen und drückte ihr zärtlich die Brüste, die noch ganz jungfräulich und fest, aber rund und voll waren wie zwei Äpfel. Und als er sah, daß sie sich nicht spröde zeigte, wurde er etwas kecker und begann mit der Hand in den Regionen zu spielen, wo alle verliebten Wünsche ihr letztes Ziel finden. Catella andererseits glühte ganz von Liebe und war so heftig entbrannt, daß sie, als sie in den Armen eines so schönen Jünglings, von dem sie sich umschlungen sah, eine nie gefühlte Lust empfand, ihn ganz machen ließ, wie er wollte. Paolo nahm daher diese Gelegenheit wahr, warf sie scherzend und schäkernd auf ein Ruhebett und ließ sie bei der ersten Lanze, die er brach, eine herbe Süßigkeit empfinden. Aber in den folgenden Gängen hielt er sich so tapfer, daß er noch vier andere Schäfte in Stücke brach zu solchem Entzücken des Mädchens, daß sie wohl gerne nochmals vier Gänge gemacht hätte. Dabei merkten sie nicht, wie die Stunden flohen.

Die Magd war indessen im Hause an die Arbeit gegangen und hatte die Tür offen gelassen. Darüber kam Gherardo zurück und trat ins Haus. Als er an der Kammer vorbeikam, wo die vom Turnier ermüdeten Liebenden sich auf eine Bank niedergelassen hatten und sich in Gesprächen ergingen, hörte er drinnen reden und rief: »Wer ist da?«

Dies rufen und mit dem Fuß wider die Türe stoßen, daß sie aufflog, war eins. Als er Paolo bei seiner Tochter erblickte, hielt er es gleich für entschieden, daß es nicht Paolo, sondern Nicuola sei, in die er, wie bereits erwähnt, heftig verliebt war. Daher verließ ihn alsbald der Zorn, in den er geraten war, da er einen Mann bei Catella zu finden glaubte; er faßte Paolo ins Auge, und je mehr er ihn betrachtete, desto mehr überzeugte er sich, daß er Nicuola vor sich habe. Catella, die beim Erscheinen ihres Vaters fast vor Schrecken gestorben war, und Paolo, der an allen Gliedern zitterte, warteten, als sie sahen, daß der Alte sich beruhige und ohne ein Wort zu sprechen dastehe, mit gefaßterem Mute den Ausgang der Sache ab. Es ist schon bemerkt worden, daß Paolo und Nicuola, seine Schwester, sich so ähnlich sahen, daß es selbst den, der sie näher kannte, die größte Mühe kostete, das Mädchen von dem Jüngling zu unterscheiden. Nachdem also Gherardo Paolo eine Weile mit Verwunderung betrachtet und sich bedacht hatte, daß Ambrogios Sohn nicht mehr vorhanden sei, so gewann er die Überzeugung, Nicuola müsse sich als Mann verkleidet haben, und sagte zu Paolo: »Nicuola, Nicuola, wenn du nicht die wärest, die du bist, so glaube mir, sollte der Spaß dir und Catella übel bekommen.«

Darauf wandte er sich zu der Tochter und gebot ihr, hinaufzugehen und Nicuola unten zu lassen, der er bessere Gesellschaft leisten werde als sie. Catella ging, indem sie sich Glück wünschte, bis hierher so wohlfeilen Kaufes davongekommen zu sein, da sie der Vater weder geschlagen noch gescholten habe. Aber sie konnte sich nicht zusammenreimen, aus welchem Grunde ihr Vater ihren Geliebten Nicuola nenne. Paolo andererseits fürchtete, der Alte möchte im Sinne haben, mit ihm so zu verfahren, wie er mit seiner Tochter verfahren war, und sprach bei sich selbst: »Der alte Narr da möchte wohl gern auf Holzwegen wandeln; allein es soll ihm nicht gelingen, wie er meint.«

Als nun Catella fort war, sagte Gherardo: »Meine teure Nicuola, welche ein Kleid ist dies, das Ihr da anhabt? Wie kann dein Vater Ambrogio dir gestatten, so allein auszugehen? Gestehe mir die Wahrheit ein, was hast du hier vorgehabt? Bist du vielleicht gekommen, nachzusehen, wie ich mein Hauswesen in Ordnung halte und welche Lebensart ich führe? Erst vor ein paar Tagen sprach ich mit deinem Vater, da er eben nach Esi zurückkam, und als ich ihn bat, sich zu entscheiden, ob er mir dich zur Frau geben wolle oder nicht, sagte er, er werde darüber nächstens mit mir sprechen. Ich versichere dich, du sollst es gut bei mir haben; das ganze Haus soll unter deinen Befehlen stehen.«

Während er ihn noch versicherte, er werde von ihm nur eine gute Behandlung erfahren, dachte Paolo bei sich selbst: »Sonderbar, das ist nun heute schon das zweitemal, daß ich mit einem andern verwechselt werde. Die Tochter dieses Alten hält mich für ihren Geliebten namens Romulo, und er meint, ich sei meine Schwester. Aber die Tochter hat sich wenigstens nicht durchaus getäuscht.«

Gherardo wiederholte einmal über das andere: »Nicuola, du antwortest mir nichts? Sage mir, was du beschließest: so will ich für alles andere sorgen.«

Hiermit wollte er ihn küssen; aber Paolo stieß ihn zurück und sagte zu ihm: »Wenn Ihr etwas von mir wollt, so sprecht mit meinem Vater und laßt mich gehen; denn ich weiß selbst nicht, wie ich dahergekommen bin.«

Der Alte, der ihn noch immer für Nicuola hielt, entgegnete: »Wohlan denn, so geh! Ich werde mit deinem Vater sprechen und schon alles ins reine bringen.«

Paolo entfernte sich und begab sich sofort in das Haus seines Vaters, wo er den Lattanzio antraf, der bereits um Nicuola angehalten, die ihm Ambrogio, der ihn als einen reichen und edeln Jüngling kannte, auch sofort zugesagt hatte. Als Paolo in das Haus trat, meinte Lattanzio bei seinem Anblick zu erstarren, und hätte Ambrogio nicht in demselben Augenblicke seine Hand in die seiner Tochter gelegt, so würde er geschworen haben, es sei Nicuola. Die grenzenlose Freude, die Ambrogio über das Wiedersehen seines von ihm totgeglaubten Sohnes empfand, läßt sich nicht ausdrücken. Die Freude über die ehrenvolle Verheiratung seiner Tochter fügte sich zu der der Wiederauffindung des Sohnes; und so konnten alle vier nicht aufhören, einander zu liebkosen und Glück zu wünschen. Das Vesperbrot wurde hereingebracht, und indem sie darüber saßen, siehe, da kam Gherardo dazu, der, wie er Nicuola mit Lattanzio scherzen und Paolo, den er für Nicuola hielt, mit seinem Vater sprechen sah, fast außer sich in die Worte ausbrach: »Herr Gott, steh mir bei! Ich weiß nicht, ob ich träume, oder wie mir geschieht.«

Er faltete die Hände und blieb staunend stehen. Paolo, dem Catellas würzige Küsse höchlich wohlgefallen hatten, bat seinen Vater um die Gunst, ihn mit Gherardos Tochter zu vermählen. Ambrogio, mit der Verwandtschaft zufrieden, erzählte also dem Alten, wie er Nicuola mit Lattanzio vermählt habe, und bat ihn, Catella seinem Sohne Paolo zur Frau zu geben, worein Gherardo denn auch am Ende willigte. So hatte er wider alles Erwarten seinen Sohn wiedererhalten, reich und gut verheiratet, und ebenso die Tochter wohl versorgt. Paolo ließ seine Dienerschaft und sein Gepäck aus dem Gasthause abholen, behielt zwei Diener für sich und befriedigte die übrigen vollkommen. Alle waren voller Freuden außer Gherardo, der Nicuola zu besitzen gewünscht hatte. Doch beruhigte er sich zuletzt. Die beiden Liebenden aber machten sich mit ihren Frauen gute Stunden und tun es noch.

Eduard der Dritte von England

(Pseudo-Shakespeare, König Eduard III.)

Nachdem ich so vieles und Verschiedenes über die Sache reden gehört habe, scheint es mir, man könne von diesen Königen von England, ob sie zur weißen oder zur roten Rose gehören, da sie ja doch alle von einem Stamme kommen, behaupten, daß fast allen anderer Leute Frauen gefallen haben, und daß alle mehr nach Menschenblut gedürstet haben als Crassus nach Gold. Und wenn man auch von andern keine Kunde hätte, so hat schon der, dessen Tod eben jetzt gemeldet wird (Heinrich VIII.), so vieles vergossen, daß man in Wahrheit sagen kann, es sei zu unserer Zeit weder unter Christen noch unter Barbaren ein so grausamer Fürst oder Tyrann gewesen, der nicht in Vergleich mit ihm noch für mitleidig gelten könnte. Daß ein Fürst, um sich in seiner Herrschaft zu behaupten, einen umbringt, der ihn daraus zu vertreiben sucht, das ist nichts Ungewöhnliches noch Neues; denn in Wahrheit kann ja ein Reich auch nicht zwei fassen. Und wenn mir die Äußerung erlaubt wäre und heilige Dinge mit ungeweihten zusammengestellt werden dürften, so würde ich sagen, unser Herrgott habe ja auch den stolzen Luzifer nicht im Himmel dulden wollen, da dieser elende ehrgeizige Engel sich ihm gleichzustellen gedachte. Aber wie man zu sagen pflegt, mit kaltem Blute einen umbringen lassen und, weil einer meinen unordentlichen Begierden sich nicht fügen will, ihn ermorden, daß das gut und erlaubt sei, davon werde ich mich nie überzeugen. Ich schäme mich daher oft im stillen, wenn ich höre, wie manche es sogar leicht nehmen, Menschen ums Leben zu bringen und zwar nicht nach Recht und Gerechtigkeit, sondern einzig und allein, um ihren krankhaften Gelüsten zu genügen. So hat es Soliman noch nicht gemacht, der gegenwärtig türkischer Kaiser ist, und von dem man bis jetzt nicht gehört hat, daß er seinem Vater und seinen Ahnen nachgeahmt habe, die alle stets geneigt waren, diese und jene umbringen zu lassen und namentlich Leute von ihrem eigenen ottomanischen Blute; denn man weiß kein Beispiel anzuführen, daß er einem nur so aus Laune das Leben nahm, sondern immer nur aus Gerechtigkeit oder um die Kriegszucht aufrechtzuerhalten. Und doch ist er ein Mohammedaner und sitzt schon siebenundzwanzig Jahre auf dem Thron. Man wird mir vielleicht einwenden, er habe Ibrahim Pascha, seinen großen Günstling, umbringen lassen. Darüber will ich euch sagen, was in Venedig von Leuten gesagt wird, die am Hofe des Großtürken bekannt sind, und die versichern, Soliman habe gefunden, daß ihm Ibrahim in den Kriegen gegen die Perser schlechte Dienste geleistet und die Aufträge, die er ihm gegeben, nicht ausgeführt habe, und deshalb habe er beschlossen, sich ihn aus den Augen zu schaffen. Weil aber Ibrahim anfangs in Gunst war, habe ihm Soliman die unbeschränkteste Sicherheit und freies Geleite gewährt und sein Wort und seine Zusage nicht brechen wollen. Er beriet sich daher mehrmals mit seinen Priestern, die (ich weiß nicht, in welchen Gesetzen sie diese Entscheidung gefunden haben mögen) ihm den Ausspruch taten, wenn er dem Ibrahim, während er schlafe, die Adern öffnen lasse, so breche er damit die gegebene Sicherheit nicht. Und wirklich wurde der unglückliche Ibrahim im Schlafe getötet. Es ist mir ganz zum Ekel, mich unter so vielen Toten zu bewegen, zumal da ihr so vieles dieser Art erzählt habt und ich gleichfalls einiges davon berichtet habe. Ich will daher diese trübseligen Dinge voll Blutes und Jammers nunmehr verlassen, und indem ich auf das komme, was eigentlich den Gegenstand meiner Erzählung bilden soll, nur noch die Bemerkung vorausschicken, daß, wie es den Appiern angeboren war, Feinde des niedern Standes der Römer zu sein, und wie die Scipionen dazu bestimmt waren, in Afrika zu siegen, daß es, wie mir scheint, ebenso diesen englischen Königen ganz eigentümlich ist, ihre Blutsverwandten auszurotten und den Adel zu verfolgen und Geistliche niederzumetzeln und Kirchengüter zu rauben.

Um nun auf meinen Gegenstand zu kommen, sage ich, daß Eduard, König von England, jener erbitterte Feind des Königreichs Frankreich, auch einen sehr heftigen Krieg mit den Schotten hatte und sie sehr in Not brachte, wie in den englischen Chroniken zu lesen ist. Er nahm zur Frau die Tochter des Grafen von Hennegau, von der ihm mehrere Söhne geboren wurden und unter andern der erstgeborne, der gleichfalls Eduard hieß, der Prinz von Wales, ein in Sachen des Kriegs sehr berühmter Jüngling, der nicht weit von Poitiers das französische Heer besiegte und mit den Waffen in der Hand den König Johann gefangennahm und ihn seinem Vater nach England schickte.

Als nun der König Eduard in Krieg mit den Schotten verwickelt war, wobei Wilhelm Montacute, sein Feldhauptmann in der Grafschaft March in Schottland, Roxburg befestigte und einige schöne Unternehmungen machte, schenkte er ihm die Grafschaft Salisbury und verheiratete ihn ehrenvoll mit einer Jungfrau aus gutem Adel. Er schickte ihn darauf in Gesellschaft des Grafen von Suffolk nach Flandern, wo sie beide von den Franzosen gefangengenommen und nach Paris in den Louvre geführt wurden. In dieser Zeit belagerten die Schotten die Burg Salisbury, wobei sich die Gräfin keineswegs als junges, zartes und schüchternes Weib benahm, sondern als eine Camilla und Penthesilea bewährte: denn sie befehligte mit so großer Klugheit, Feuer und Kraft ihre Soldaten und fügte ihren Feinden so viel Schaden zu, daß sie durch die Nachricht, der König komme dem Platze zu Hilfe, sich bewegen ließen, die Belagerung aufzuheben. Der König, der schon von Warwick aufgebrochen war und gegen Salisbury vorrückte, um die Schotten zu bekämpfen und ihnen eine Schlacht zu liefern, war, als er von ihrem Wegzug hörte, schon im Begriff, den Rückweg anzutreten; als man ihm aber von den großen Belagerungsanstalten erzählte, die die Schotten an der Burg Salisbury errichtet hätten, beschloß er, hinzugehen und sie zu sehen. Als die Gräfin, welche Alix hieß, von dem Herannahen des Königs Kunde erhielt, traf sie alle erforderlichen Vorbereitungen, soweit es in so kurzer Zeit möglich war, und sobald sie hörte, der König sei in der Nähe der Burg, eilte sie ihm entgegen, nachdem sie erst alle Tore der Burg hatte öffnen lassen. Sie war das schönste und anmutigste junge Weib auf der ganzen Insel, und wie sie alle andern Frauen an Schönheit übertraf, ebenso war sie auch jeder andern an Ehrbarkeit und guten Sitten überlegen.

Als der König sie so schön sah und so reich gekleidet, wobei der Kopfschmuck und der Aufputz ihres ganzen Leibes die angebornen Reize der Frau wunderbar erhöhten, war es ihm, als hätte er nie in seinem Leben etwas Lieblicheres und Schöneres gesehen, und er faßte alsbald Liebe für die Gräfin. Sie verbeugte sich vor ihrem König und wollte ihm ehrfurchtsvoll die Hände küssen; aber er duldete es nicht, sondern faßte sie freundlich, um nicht zu sagen liebevoll, in seine Arme und küßte sie. Alle die Barone und Herren, die mit andern Edelleuten sich im Gefolge des Königs befanden, waren über den Anblick einer so unvergleichlichen Schönheit außerordentlich erstaunt und vermeinten, kein sterbliches Weib, sondern eine göttliche Erscheinung zu sehen. Mehr als alle aber war der König selbst voll der größten Verwunderung und wußte die Augen nicht von ihr zu wenden, als die Frau, die auch schön und hold zu sprechen verstand, nachdem sie dem König ihre Ehrfurcht bezeugt hatte, ihm mit wohlgesetzten Worten den innigsten Dank ausdrückte für die ihr zugedachte Hilfeleistung und beifügte, die Schotten hätten, sobald sie von seinem Aufbruch von Warwick Kunde erhalten, die Belagerung aufgehoben und nicht das Herz gehabt, ihn zu erwarten.

Und während sie sich so über die neuesten Vorfälle unterhielten, traten sie unter Jubel und Festlichkeit miteinander in die Burg. Während das Frühstück bereitet wurde, fühlte der König, der gekommen war, das Geschütz der Schotten zu sehen, sich so sehr vom Geschütz der Liebe beunruhigt und den Weg durch die Augen zum Herzen eröffnet durch das Blitzen der schönen Augen der Frau, daß er kein Mittel wußte, sich zu verteidigen; im Gegenteil, je mehr er daran dachte, um so schneller fiel eine Mauer um die andere; mit jedem Augenblick schien es, als ob er sich von diesen schönen Augen getroffen fühlte, und er war nicht imstande, seine Aufmerksamkeit anderswohin zu lenken. Er hatte sich ganz allein an ein Fenster gelehnt, an seine Liebe denkend und auf Mittel sinnend, wie er die Neigung der Schönen erwerben könne. Mittlerweile, da sie den König so allein und so nachdenklich sah, näherte sie sich ihm ehrerbietig und sagte zu ihm: »Durchlauchtigster Herr, warum seid Ihr so in Gedanken, und Eure Züge verraten solchen Trübsinn? Es ist Zeit, Euch zu erheitern und Euch der Freude und dem Jubel hinzugeben, da Ihr, ohne eine Lanze zu brechen, Eure Feinde verjagt habt, die eben dadurch, daß sie nicht wagten, Euch zu erwarten, sich für besiegt bekannt haben. Ihr solltet daher aufgeräumt sein und durch Euren heitern Anblick Eure Soldaten ermuntern und das ganze Volk, das von Eurer Miene abhängt. Wie sollen aber sie sich erheitern, wenn sie sehen, daß Ihr, ihr Haupt, verdrießlich ausseht?«

Als der König diese holde Engelsstimme vernahm und hörte, was sie sprach, beschloß er, ihr seine Liebe zu entdecken und die Frau womöglich zur Erfüllung seiner Wünsche geneigt zu machen. Wahrlich, höchst wunderbar und eindringlich sind die Flammen der Liebe und sehr mannigfaltig, indem sie nach ihrer Verschiedenheit, wo sie sich anhängen, unterschiedliche Wirkungen hervorbringen! Da ist einer von der glühendsten Liebe entflammt, der Tag und Nacht nichts tut als klagen, weil das Feuer ihm allzu große Pein bereitet, in dessen Glut er sich elendiglich verzehrt; und wenn er gegen seine Freunde und Gefährten sich beklagt, ergießt sich ein Strom von Worten aus seinem Munde, der unaufhörlich fließt und nie vertrocknet; aber wenn er seine Geliebte sieht und sich entschließt, ihr zu sagen, wie sehr er um ihretwillen in tödlicher Pein schwebt, fürchtet er sich, wie ein Kind vor seinem Lehrmeister, und wird so stumm, daß er kein gehöriges Wort vorbringen kann, und so kann er in stiller Glut sich monate- und jahrelang verzehren. Und doch würde der, der vor den Augen der Geliebten auf diese Weise zittert und schweigt, keinen Schritt weichen vor einem, ja vor zwei gerüsteten Männern und würde vor großen Fürsten und Königen nicht nur gut, sondern mit kühner und fester Stimme seine Angelegenheiten vorbringen. Ein anderer dagegen wird in demselben Augenblicke, wo er sich verliebt, und wo er durch alle Adern das zarte, giftige, flüssige Feuer der Liebe sich verbreiten fühlt, das in ihm keinen Zoll breit undurchglüht läßt, so mutig, daß er, sooft er Gelegenheit hat, mit seiner Geliebten zu sprechen, ihr alle seine Leidenschaft in heißen Ausdrücken entdeckt, und oft ist auch schon der erste Tag seiner Liebe der erste, an dem er seine Glut offenbart. Von dieser Art war König Eduard, der, sobald die Gräfin schwieg, mit bewegter Stimme und mit tränenerfüllten Augen also zu ihr sprach: »Ach, meine teure Gräfin, weh mir! Wie weit sind meine Gedanken von dem entfernt, was Ihr Euch vielleicht einbildet!«

Und während er dies sagte, konnte er sich nicht erwehren, ein paar Tränen über die Wangen rollen zu lassen. Dann fuhr er fort: »Es ist ein glühendes Verlangen, das mich auf das heftigste belästigt, und ich bin nicht imstande, es mir aus dem Herzen zu reißen; es ist darin entsprossen erst, seit ich hier bin, und ich weiß nicht, was ich beginnen soll.«

Die Gräfin schwieg, als sie sich den König so gebärden sah, und wagte nichts zu sagen; ja sie wußte auch nicht, was sie hätte sagen sollen, bis der König mit einem kläglichen Seufzer sie fragte: »Was sagt Ihr, edle Frau? Wißt Ihr mir keinen Trost zu reichen?«

Sie ermutigte sich etwas und antwortete, da sie eher an alles andere als an die Wahrheit dachte: »Mein König, ich wüßte nicht, welches Heilmittel ich Euch reichen sollte, da ich ja das große Übel nicht kenne, das Euch zu belästigen scheint. Wenn es Euch bekümmert, daß der König von Schottland unsere Heimat beschädigt hat, so ist ja doch der Schaden nicht so groß, daß er verdiente, daß eine so hohe Person sich ernstlich darüber betrübe. Überdies seid Ihr, Gott sei Dank, in der Lage, die Schotten durch eine doppelt so große Verwüstung büßen zu lassen, wie Ihr wohl sonst schon getan habt. Durchlauchtigster Herr, es ist nun Zeit, zum Essen zu kommen, und darum müßt Ihr solche Gedanken verbannen.«

Da wurde der König etwas heiterer und sagte zu ihr: »Ach, meine teure Gräfin, ich fühle, wie mein Herz von übermäßiger Pein zerspringen will, und ich muß, wenn ich nicht mein Leben einbüßen will, Euch das Geheimnis meines Herzens eröffnen und die Ursache meines peinvollen Schmerzes entdecken; denn mir scheint, es zieme sich weder für Euch noch für mich, daß sonst noch jemand darum wisse. So vernehmet denn, daß, sowie ich in Salisbury ankam und Eure unglaubliche übermenschliche Schönheit erblickte und Euer kluges und ehrbares Wesen, Eure Anmut und Mannhaftigkeit nebst all den andern Vorzügen, die an Euch glänzen, wie ein Edelstein in helles, schimmerndes Gold gefaßt, – daß ich in demselben Augenblick als Euer Gefangener und von den göttlichen Strahlen Eurer schönen Augen mich so versengt fühlte, daß ich nicht mehr mein eigener Herr bin, sondern ganz und gar von Euch abhänge, dergestalt daß mein Leben und mein Tod in Eure Hände gelegt sind; denn sobald ich erkenne, daß Ihr zufrieden seid, mich als den Eurigen anzunehmen und Mitleid mit mir zu haben, so werde ich leben als der froheste und glückseligste Mensch von der Welt; wenn Ihr aber zu meinem Unstern Euch gegen diese meine Liebe spröde zeigt und Euch nicht geneigt erweiset, dem heftigsten Wehe Linderung zu reichen, das mich merklich immer mehr verzehrt wie das Feuer das Wachs, so wird in kurzem das Ziel meiner Tage herbeikommen; denn es ist mir ebenso unmöglich, ohne Eure Gunst zu leben, als ein Mensch ohne Seele leben kann.«

Damit beschloß der König seine Rede und erwartete die Antwort der Schönen, die, sobald sie sah, daß er geendet hatte, mit gespannter Besonnenheit und mit ernster, sittsamer Miene ihm also antwortete: »Hätte ein anderer als Ihr, mein König, diese Worte zu mir gesprochen, so weiß ich wohl, welche Antwort er von mir hätte erhalten sollen. Da ich aber wohl merke, daß Ihr Spaß treibt und aus Scherz Euch über mich lustig macht oder vielleicht mich auf die Probe stellen wollt, so will ich Euch, um diese Unterhaltung auf einmal abzuschneiden, sagen, daß mir auch nicht ein einziger Grund dafür zu sprechen scheint, daß ein so edler hoher Fürst wie Ihr nur auf den Gedanken, geschweige zu dem Entschluß kommen könne, mir meine Ehre zu rauben, die mir teurer sein muß als mein Leben. Auch werde ich nun und nimmermehr glauben, daß Ihr so wenig Rücksicht nehmt auf meinen Vater und meinen Gatten, die um Euretwillen als Gefangene in der Gewalt des Königs von Frankreich, unseres Todfeindes, sind. Gewiß, durchlauchtigster Herr, Ihr würdet sehr in der Achtung der Welt verlieren, wenn man von dieser ungeregelten Begierde erführe, und Ihr würdet auch von mir nie etwas erlangen, da ich nie daran gedacht habe und jetzt ebensowenig daran denke, meinem Gemahl Schmach anzutun; denn ich bin entschlossen, die eheliche Treue, die ich bei meiner Vermählung ihm gelobt habe, rein und unbefleckt zu erhalten bis an mein Ende. Und wenn ich je daran dächte, eine ähnliche Niederträchtigkeit mit irgendeinem Manne zu begehen, so würde es Euch, mein König, zukommen, bei der Gefangenschaft meines Vaters, meines Gatten und aller meiner Angehörigen mich deswegen eindringlich zu tadeln und mir die gebührende Züchtigung angedeihen zu lassen. Darum, ritterlicher Herr, der Ihr andere zu besiegen und zu unterwerfen pflegt, besiegt und unterjocht Euch selber, reißet die unordentlichen und unehrbaren Lüste aus Eurem Herzen und habt acht auf die Erhaltung und Mehrung des Reichs!«

Die Begleitung, die der König bei sich hatte, glaubte, als sie diese vertrauliche Unterredung bemerkte, sie sprechen von der überstandenen Belagerung und vom Kriege. Unterdessen kam der Seneschall und verkündete, die Mahlzeit sei bereit. Der König ging deshalb weg und setzte sich zu Tisch, aß aber nichts oder nur sehr wenig, da er ganz in Gedanken und seiner übeln Laune hingegeben war. Sooft er einen passenden Zeitpunkt ersah, der Frau vom Hause seine Liebe anzudeuten, warf er gierige und leidenschaftliche Blicke auf sie, und wenn er auch suchte, das kochende, hellodernde Feuer zu dämpfen, das ihn auf erbärmliche Weise versengte, so machte er es nur um so größer und verstrickte sich immer mehr in das Liebesnetz, wie ein Vogel an der Leimrute. Die Barone und andere, die diese ungewöhnliche Haltung des Königs bemerkten, wunderten sich sehr darüber; doch konnten sie die wahre Ursache nicht erraten.

Der König blieb den ganzen Tag in Salisbury, betrachtete die von den Schotten zurückgelassenen Belagerungsanstalten und sprach ausführlich darüber mit seinen Leuten, hatte aber daneben seine Gedanken beständig bei der sittsamen Antwort, die ihm die Dame gegeben hatte. Je mehr er aber die Wahrheit ihrer Gründe und die Ehrbarkeit ihrer Gesinnung achtete, desto mehr versank er in Betrübnis, ja in Verzweiflung darüber, daß er seine Absicht nicht erreichen werde, die unabänderlich dahin ging, mit ihr die Freuden der Liebe zu genießen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß fast alle diese wollüstigen Liebhaber, wenn sie in Gesellschaft ihrer Bekannten sind, wofern sie überhaupt einige Sitte und Anstand besitzen, immer die Frauen preisen, die sie lieben, sie mit rühmenden Worten bis in den dritten Himmel erheben und nie müde werden, sie zu erhöhen und zu empfehlen. Gewöhnlich sodann, wenn sie ihnen alle Lobsprüche erteilt haben, die ihnen einfallen, als über ihre Schönheit, Anmut, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Klugheit, Verstand, edles Benehmen und Gefälligkeit, so ist die hehrste und seltenste Tugend, die sie mit den pomphaftesten Lobpreisungen erheben und in Gesängen zu feiern sich abmühen, der an keiner Frau jemals nach Gebühr zu preisende Vorzug der Keuschheit und Sittsamkeit. Diese Tugend wird an den Frauen so sehr wertgehalten und geachtet und macht sie so schätzbar, ja wahrhaft bewundernswürdig, daß, wenn sie alle Reize und löbliche Eigenschaften besäßen, die dem weiblichen Geschlechte zukommen, und diese eine ginge ihnen ab, sie ganz und gar die Achtung und die Ehre verlieren und zu Weibern des Pöbels herabsinken. Die Liebhaber nun, so sehr sie an ihren Geliebten den kostbaren Schatz der Sittsamkeit erheben, empfinden dennoch, wenn sie durch eigene Erfahrung kennenlernen, daß sie keusch sind, darüber das größte Mißbehagen und möchten gerne, daß sie gegen alle anderen Männer im höchsten Grade sittsam, spröde und streng wären, wofern sie sich nur gegen sie gefällig und gegen ihre eigenen unehrbaren Gelüste fügsam finden ließen. Wenn sie aber die Erfüllung ihrer wollüstigen Wünsche nicht erreichen, so nennen sie jene keusche Gesinnung und jenes schamhafte Benehmen, das sie vorher immer lobten und so hoch erhoben, Grausamkeit, Hochmut und Stolz.

So machte es auch der König Eduard, als er sah, daß die Gräfin fest auf ihrem Vorsatz beharrte und sich seinen Bitten keineswegs fügte, sondern immer widerspenstiger dagegen sich zeigte, und er nannte sie einen wilden Tiger, ein eigensinniges grausames Weib. Da er wegen anderer dringender Geschäfte nicht Zeit hatte, länger in Salisbury zu verweilen, brach er in der Hoffnung, später einmal bessere Gelegenheit zur Förderung seiner Wünsche zu erhalten, am folgenden Tag mit dem frühesten auf und ging fort. Als er von der Dame Abschied nahm, sagte er leise zu ihr, er bitte sie, sich über diese Sache eines Bessern zu besinnen und Mitleid mit ihm zu haben. Sie aber antwortete ihm ehrerbietig, sie bitte Gott, diese Gedanken aus seinem Sinne zu verbannen und ihm Sieg über seine Feinde zu verleihen.

Mittlerweile war der Graf, ihr Gemahl, aus der Gefangenschaft frei geworden; kurz darauf aber, sei es infolge des erduldeten Ungemachs oder was die Ursache sein mochte, wurde er von einer sehr schweren Krankheit befallen und starb, ehe ihm noch eine Entschädigung zuteil wurde; und da er von seiner Gattin Alix keine Söhne noch Töchter erhalten noch auch sonst einen Erben hatte, der ihm hätte folgen können, so fiel die Grafschaft Salisbury wieder in die Hände des Königs zurück. Die Frau war äußerst betrübt über den Tod ihres Gemahls und zog sich nach einigen Tagen in das Haus ihres Vaters, des Grafen von Warwick, zurück, der als einer der Räte des Königs in London wohnte.

Es war in jener Zeit ein Krieg in der Bretagne zwischen Karl von Blois, der sich zum Herzog der Bretagne hatte erklären lassen, und der Gräfin von Montfort, der früheren Herzogin des Landes. Der König von Frankreich begünstigte Karl von Blois, seinen Vetter, und Eduard gewährte der Gräfin alle mögliche Hilfe, nachdem er erst einen Waffenstillstand mit den Schotten geschlossen hatte. Aus Veranlassung dieses Krieges wohnte er jetzt in London, und sobald er erfuhr, daß Alix sich hierher zurückgezogen hatte, dachte er, seine Liebschaft einigermaßen fördern zu können. Der König hatte diese Erinnerung in seinem Herzen immer festgehalten und vermochte seine Gedanken durchaus nicht auf einen andern Gegenstand zu lenken. Die Dame war nunmehr fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre alt und nahm sich in ihrem Witwenkleide besser aus als je. Wie schon gesagt, war sie außerordentlich schön und verband mit dieser hohen Schönheit und Anmut und ihren andern schönen Eigenschaften die vollkommenste Sittsamkeit, was denn dem König die bitterste Zeit bereitete, ihr selbst aber am Ende, wie ihr hören werdet, die ewige Seligkeit verdiente.

Der König also liebte mehr als je und setzte alle diejenigen Mittel ins Werk, durch die man die Gunst und Liebe einer Frau erwerben zu können behauptet. Da es aber dennoch mit der Erfüllung seiner Wünsche keinen beträchtlichen Schritt vorwärtsging, verzweifelte er fast an allem Erfolg seiner Liebe, und da er sich nicht losmachen wollte noch konnte, wußte er weder zu sterben, noch konnte er sich des Lebens freuen. Es war mehr als neun Monate, daß er so unglücklich liebte, und sooft er sie sah, glühte er immer von neuem Verlangen; er liebte sie mehr als alle geschaffenen Wesen, und nicht wie seine Untertanin, sondern schätzte und verehrte sie, als wäre sie die einzige Kaiserin der ganzen Welt. Doch mäßigte er sich insoweit und hielt seine Begierde im Zaum, daß er soviel als möglich allen andern diese seine glühende Liebe verhehlte und verborgen hielt. Nur einen seiner vertrautesten Kammerdiener hatte er mit in das Geheimnis gezogen; mit ihm sprach er dann oft von der Frau und von ihrer grausamen Sprödigkeit und glaubte dadurch einigermaßen seinen Liebesflammen Erleichterung zu gewähren. In der Tat muß jeder Liebende verschwiegen sein, denn die Liebe erheischt Verschwiegenheit und Treue, und nicht nur muß er sparsam sein mit Worten, die einem andern Kunde und Anzeichen geben könnten, welche Frau er liebt, sondern noch viel mehr behutsam muß er in seinen Handlungen sein, damit nicht das allzu häufige Vorübergehen vor ihrem Hause oder die vielen Höflichkeitsbezeigungen mit jenen Verbeugungen und Torheiten in spanischer Weise den Leuten das offenbaren, was man möglichst geheimhalten muß. Ich will jetzt nicht von denen sprechen, die, sobald sie eine Frau sehen, die ihnen gefällt, anfangen, ihr den Hof zu machen mit mehr Zeremonien als in der päpstlichen Kapelle zu Rom, und die sich so geschickt benehmen, daß in weniger als einer Woche die ganze Stadt merkt, daß sie eine Absicht auf jene Frau haben. Geht die Frau zur Kirche, so laufen solche Leute ihr auf dem Fuß nach und weichen Tag und Nacht nicht von ihrer Spur. In der Kirche sodann stellen sie sich ihr so gegenüber und heften ihre Blicke fest auf ihr Gesicht, als wären sie darauf festgebannt und versteinert. Dieselbe Haltung nehmen sie bei Festen, Tänzen und Spielen ein und begleiten sie auf den Straßen mit lauten feurigen Seufzern, so daß die Frau nie einen Schritt tun kann, ohne daß ihren Ohren der lästige Ton der Seufzer, ihren Augen das nachlässige Gehaben dieser zudringlichen Verliebten begegnet. Und noch nicht zufrieden mit diesen öffentlichen Schaustellungen, vielleicht aus Besorgnis, die Leute möchten nicht merken, was sie tun, wollen sie auch noch mit wirklichen Worten sich bemerklich machen; denn wo sie immer sind, wissen sie von nichts zu sprechen als von ihrer Geliebten und meinen, man müsse sie höher achten, weil sie solche Albernheiten begehen. Aber Gott bewahre alle anmutigen Frauen vor diesen ruhmredigen Narren, die nachher so weise sind, daß, wenn sie einen freundlichen Blick bekommen, sie davon auf den Märkten predigen. Stellt euch hiernach vor, was sie täten, wenn sie von ihren Geliebten eine ausgezeichnete Gunst empfingen! Ich glaube, sie würden Trompeter an jede Straßenecke hinstellen, um ihre Liebeshändel bekanntmachen zu lassen. Wie ich nun solche Unverschämte tadle und die Frauen ermahne, sich vor ihnen zu hüten wie vor der Pest, so habe ich allen Grund, diejenigen um so viel mehr zu preisen, die im stillen lieben und sich so halten, daß sie ihren Geliebten wohl zu merken geben, daß sie ihnen dienen, ohne öffentlichen Ausruf, ohne die Luft mit Seufzern zu füllen, daß es aussieht, als hätten sie einen Ätna im Leib, und ohne die Leute irgend etwas merken zu lassen. Und weil es Leute gibt, die, wenn sie eine Frau von Stande lieben, nicht wollen, daß diese Liebe irgend jemand in der Welt offenbar werde, sondern daß, wer liebt, in Schweigen glühe, so bin ich, wenn er nicht durch sich selbst einen Weg hat, sich der Geliebten zu entdecken, der entgegengesetzten Meinung und hege die bestimmte Ansicht, daß es für jeden, der liebt, sei es hoch oder niedrig, notwendig ist, einen vertrauten Genossen zu haben, aber nicht mehr, und daß er diesem seine geheimen Gedanken mitteile. Denn es hat noch niemand bezweifelt, daß oft, wer glühend liebt, Augen und Sinn dermaßen verblendet hat, daß in vielen Fällen, welche vorkommen können, er sich nicht losmachen und ohne fremde Hilfe sich nicht raten kann. Es ist gewiß, wenn ein solcher Mensch nicht jemand hat, der ihn berät, so wird er tausend ungeheure Irrtümer begehen und, verleitet von blinder Leidenschaft, unüberlegt seine zügellosen Wünsche zur Ausführung bringen und vielleicht eine solche Torheit begehen, daß Salomon mit all seiner Weisheit sie nicht mehr wiedergutmachen könnte. Wenn er aber einen Freund hat, der sich ihm durch lange Erfahrung als getreu und klug bewährt hat, so kann er in dessen Brust die ganze Bürde seiner Gedanken und jedes Geheimnis seines Herzens frei entlassen und niederlegen. Sodann kann der Freund, dem von der Leidenschaft der Liebe nicht die Augen des Verstandes umhüllt sind, ohne Gefahr alles raten und wird tausend passende Mittel, nach dem Bedürfnis, auffinden, die der von der Leidenschaft behaftete und in die Netze der Liebe verschlungene nicht in Anwendung zu bringen weiß. Wie soll denn, wenn in unglücklichen Verhältnissen der Liebende in tausend Widerwärtigkeiten verwickelt bleibt, wenn er sich abgewiesen sieht, wenn er erkennt, daß er sich umsonst abmüht, und daß seine Knechtschaft der Frau, der er folgt, nicht teuer ist, – wie, sage ich, soll er ein Mittel finden für seine Schmerzen und von selbst ohne fremde Hilfe sich aufrichten, wenn er nicht jemand hat, dem er seine Leiden mitteilen und mit dem er manchmal verhandeln kann, welches der sichere Weg ist und welches Verfahren er als das zuverlässigere verfolgen soll? Denn eine Freude und ein Vergnügen, das der Liebende genießt und das er niemand mitteilen kann, gewährt nicht halb so viel Lust wie dasjenige, das man einem Freunde eröffnet; denn die Freuden und Genüsse, die die Liebe ihren Jüngern bereitet, und die in einer einzigen Brust verschlossen bleiben, ermangeln sehr der vollendeten Lust und bleiben schwach und frostig, während diejenigen, die dem treuen Genossen geoffenbart werden, fortwährend größer werden und immer neue Befriedigung gewähren. Und was ich hier von dem Manne sage, muß ich glauben, daß auch der liebenden Frau Bedürfnis ist, da in der Regel die Frauen allesamt von schwächerem und zarterem Temperament sind als die Männer und von Natur teilnehmender und mitleidiger, auch weniger fähig, die Flammen der Liebe zu ertragen, sobald sie das gewöhnliche Maß überschreiten, da sie, verzeiht mir, ihr Männer, inbrünstiger und mit größerer Hingebung lieben als wir und nicht so zu heucheln und sich zu verstellen wissen, wie viele tun, die es wie einen Triumph ansehen, wenn sie diese und jene angeführt haben.

Um aber zu unserer Geschichte zurückzukehren, so wußte jedermann aus dem ungewöhnten Leben, das der König führte, daß er von Liebe glühe; wen er aber liebe, das konnte niemand ahnen, weil er, um sich nicht zu verraten, sich vor allen Damen verneigte und ihnen seine Ehrerbietung bezeugte, je nach Maßgabe ihres Ranges und Standes; aber über alle und mehr als alle war die schöne Alix von ihm verehrt und angebetet. Sie, die von hochstrebendem Geist und sehr verständig war, merkte leicht, daß der König damit, daß er den Ort verändert, seine Gesinnung nicht verändert habe, und daß er in der Tat noch derselbe sei, wie er sich in Salisbury ausgesprochen hatte. Nichtsdestoweniger kümmerte sie sich nicht um seine Liebe, entfernte sich nicht von ihrem keuschen Vorsatz, und wenn ein Anlaß war, ihm Ehre und Hochachtung zu beweisen, so verbeugte sie sich vor ihm als ihrem König und Herrn, zeigte aber durch ein gewisses Etwas in ihrem Gesicht dem Könige zur Genüge, daß er sich vergeblich bemühe, ihre Liebe zu erwerben und zu genießen. Ja sogar, je mehr sie sich spröde zeigte, desto mehr geriet der König in Flammen und strengte sich an, mit offeneren Erklärungen und Liebeshandlungen ihr deutlich zu machen, was ihr bereits deutlich genug war; so sah die sittsame und anmutige Alix, daß der schlimme Zustand des Königs nur noch schlimmer wurde und sein Leiden stets im Zunehmen begriffen war; um ihm daher nicht Veranlassung zu geben, etwas zu beginnen, was ihr hätte zur Schmach ausschlagen können, da sie auch nicht den entferntesten kleinsten Gedanken hatte, ihm nachzugeben, faßte sie den Entschluß, alle Gründe aus dem Wege zu räumen, die den König verleiten könnten, sie zu lieben. Sie fing daher an, seltener auszugehen, sie ließ sich auch seltener am Fenster blicken, und wenn es unvermeidlich war, einen Ausgang zu machen, so kleidete sie sich in einfache Kleider und mied alle Straßen und Orte, wo sie dem König begegnen zu können glaubte. In kurzem merkte er dies, und da er von übergroßem Liebesschmerz fast umkam, war er nahe daran, Gewalt zu gebrauchen. Weil aber, wer wahrhaft verliebt ist, niemals verzweifelt, vielmehr aufs eifrigste immer, wie ein Spürhund der Fährte des Wildes nachforscht, die seiner Geliebten und so lange verfolgt, bis er eine Spur von ihr findet, ließ er auch nicht nach und suchte so lange, daß Alix selten ausging, ohne daß er wußte, wann und wohin sie ging; da lief er ihr dann drei-, viermal in den Weg und weidete wenigstens seine Augen an ihrem holden, liebenswürdigen Anblick. Wie gesagt, legte sie grobe Gewänder an und sah so ohne ihre gewöhnlichen Kleider mehr einer Nonne ähnlich als einer weltlichen Frau. Aber die Wunde war in den Busen des Königs so tief geschlagen, daß die Frau durch all ihr Nachlassen dem König nicht viel half; denn wie unser lieblicher Petrarca ganz richtig sagt: die Wunde nimmt nicht ab durch das Nachlassen des Bogens. Dann war Alix' natürliche Schönheit so groß, daß, wenn sie auch in das rauheste und gemeinste Tuch von der Welt gekleidet gewesen wäre, man doch immer gesehen hätte, daß sie sehr schön war.

Da nun der König sah, daß er es nicht dahin bringen konnte, daß sie mit seiner Liebe Erbarmen hatte, ließ er mehrmals seinen vertrauten Kammerdiener mit ihr sprechen, verhieß ihr alles, was ihr Mund begehren könne, und ließ diejenigen Liebesworte in Anwendung bringen, die man bei ähnlichen Gesandtschaften zu sprechen pflegt. Sie aber, die in ihrem keuschen Vorhaben sich ernstlich festgesetzt hatte, gab dem Kammerdiener dasselbe zur Antwort, was sie dem König in Salisbury schon selbst gesagt hatte. Der Kammerdiener mochte sagen, soviel er wollte, und alle Beredsamkeit und Redekunst aufbieten, wie sie nur einem Demosthenes und Cicero eigen war, – er konnte keine freundliche Antwort aus ihr herausbekommen. Und da der König die Härte merkte, die ihm doch allzu roh deuchte, unterließ er doch nicht, ungeachtet er unendlichen Schmerz darüber verspürte, noch drei- oder viermal die Festigkeit der Frau auf die Probe zu stellen; aber alle Mühe war hinausgeworfen: denn sie hatte bei sich beschlossen, eher zu sterben, als ihre Ehre zu verlieren.

Da nun der König sah, daß, was er auch unternahm, ihm nicht vorwärtshalf, daß es vielmehr von Tag zu Tag schlimmer mit seiner Sache stand, kam er auf den Argwohn, ihr Vater möchte die Veranlassung ihrer Härte sein; denn er konnte nicht glauben, daß je in dem Herzen einer jungen Frau eine solche und so heftige Starrheit wohnen könne, wenn sie nicht von einer Person, die Einfluß auf sie übe, beständig genährt und erhalten werde. Diese Annahme verursachte dem König unendliche Schwermut und das äußerste Mißvergnügen; denn eine große Gerechtigkeit ist dem Liebenden eine schwere Beleidigung. Nach verschiedenen Gedanken und Überlegungen, die er bei sich selbst anstellte, da er sich vornahm, die Gewalt bis auf das letzte aufzusparen, kam er auf den Einfall, geblendet von der Fleischeslust, wie er war, mit ihrem Vater offen zu sprechen und mit Verheißungen, Schmeicheleien und Vermehrung der Einkünfte in Wort und Tat nicht nachzulassen, bis er mittels desselben in den Besitz der Tochter gekommen wäre. Siehe da, zu welcher Verblendung, zu welchem ungeheuren Irrsal die sinnliche, ungeordnete Liebe den von ihr befangenen Menschen bringt, daß sie ihn glauben macht, es sei ein leichtes, einen Vater zu überreden, daß er seine eigene Tochter zur Ware herabwürdige und, als wäre sie ein Reitpferd, mietweise ausleihe. Man sieht deutlich, daß solche Leute durchaus den Gebrauch der Vernunft verloren haben. Denn wenn sich auch manchmal Väter und noch viel öfter Mütter finden, die so wenig taugen und so verrucht sind, daß sie ihre eigenen Töchter ums Geld verkaufen wie die Metzger das Fleisch auf der Schlachtbank, so müssen wir darum doch von selbst erröten, sooft wir daran denken, sie dahin bringen zu wollen, ein so schimpfliches Verbrechen zu begehen, geschweige wenn wir schamlos von solchen Dingen mit ihnen reden.

Wohl war der König Eduard völlig von blinder Begier umnebelt und außer sich, da er im Sinne hatte, von seiner Angelegenheit mit dem Grafen Richard zu sprechen. Nachdem er nun diese Überlegung angestellt und reiflich bedacht und überdacht hatte, was er sagen wolle, teilte er alles seinem vertrauten Kammerdiener mit und bat ihn auch darüber um seinen Rat. Der Kammerdiener, ein kluger Jüngling mit offenem Kopfe, hielt es für allzu unverständig, bei einer solchen Veranlassung die Dienstleistung des Vaters in Anspruch nehmen zu wollen, um die Tochter zu verführen, und sagte, es wäre übel getan, wenn er sich dem Grafen Richard bei dieser Angelegenheit entdeckte; er müsse sich im Gegenteil vor diesem mehr in acht nehmen als vor sonst jemand. Dabei führte er viele Gründe an, die ihn zu diesem Ausspruche bewogen, und bekundete die feste Überzeugung, daß der Vater nie zu einer solchen Verruchtheit seine Zustimmung geben würde. Und möge auch daraus entspringen, was wolle, versicherte der Kammerdiener, es scheine ihm ein gar zu unanständiges Verfahren, wenn er den Grafen zu einer solchen Angelegenheit in Anspruch nehme, die eines Tages eine gefährliche Verirrung zur Folge haben könne; allein er predigte tauben Ohren. Der König war nun einmal auf diesen Gedanken verfallen, er schien ihm zweckmäßig, und so wollte er ihn auf jede Weise ins Werk gesetzt wissen.

Der Graf Richard war ein sehr wackerer Mann und in der Kriegskunst sehr berühmt; auch hatte sich seine Biederkeit und Mannhaftigkeit kurz zuvor in den in der Guienne geführten Kriegen klar ans Licht gestellt und den Vorteil der Engländer gefördert. Von Kindheit auf war er mit dem Vater des Königs aufgezogen worden, stand am Hofe lange Zeit in großer Achtung und war oft zur Ausführung ehrenvoller Unternehmungen berufen worden, aus welchen er stets mit großem Ruhm hervorging, weshalb er denn allgemein auf der ganzen Insel geliebt und geehrt wurde. Als nun der König entschlossen war, mit ihm zu sprechen, ihm seine Angelegenheiten zu erzählen und ihn um Hilfe zu bitten, ließ er ihn rufen mit der Bemerkung, er habe ihm etwas im Vertrauen mitzuteilen. Als der Graf die Botschaft vernommen hatte, kam er schnell zum König, der ihn ganz allein in einem geheimen Gemache erwartete. Als er dort angelangt und als nach der Anweisung des Königs die Tür geschlossen war, machte er ihm zuerst die schuldige Verbeugung und wartete, was der König ihm befehlen würde. Dieser saß auf einem Feldbette und lud den Grafen ein, gleichfalls neben ihm darauf Platz zu nehmen. Er wollte zwar aus Ehrfurcht nicht darein willigen; endlich aber, als der König nicht nachließ, folgte er seinem Befehl und setzte sich nieder. Der König wartete eine Weile, ohne ein Wort zu sprechen; dann nach vielen Seufzern, die er in Menge ausstieß, mit tränenschweren Augen, begann er also zu sprechen: »Ich habe Euch hierherkommen lassen, mein Graf, aus Veranlassung eines sehr drängenden Bedürfnisses, das mir nicht minder am Herzen liegt als mein eigenes Leben, und ich weiß nicht, ob je in einem Glücksfall, der mir begegnet ist, und doch sind mir viele und sehr gefährliche zugestoßen, ich mich in solcher Widerwärtigkeit und in so verdrießlichem Leidwesen befunden habe wie das, in dem ich jetzt bin; denn ich fühle mich von meinen Leidenschaften so befehdet und überwunden, daß, wenn nicht irgendeine Erleichterung in kurzem dafür erfolgt, sie mich gewiß zum verzweifeltsten Tode führen werden, den je ein Mensch erduldet hat. In der Tat kann sich der für selig halten, der mit dem Zügel der Vernunft seine Sinne in der Gewalt hat und von entfesselten Wünschen sich nicht hinreißen läßt; und wer anders urteilt, den, glaube ich, muß man nicht einen Menschen, sondern vielmehr ein unvernünftiges Tier nennen: denn dadurch sind wir einzig und allein von den Tieren unterschieden, die alles, was sie tun, nach dem Zug ihres natürlichen Instinktes ausführen und vollziehen und in allem der Begierde folgen. Wir aber können und müssen mit dem Maße der Vernunft unsere Handlungen messen und dasjenige wählen, was uns am meisten rechtmäßig und der Gerechtigkeit entsprechend scheint. Und wenn wir manchmal vom rechten und wahren Wege abirren, so liegt die Schuld nur an uns, die wir, von einem scheinbaren falschen Vergnügen gelockt, uns von der unordentlichen Lust von dem rechten Pfad und sichern Wege entfernen lassen und dann in größter Hast köpflings in tiefe Abgründe stürzen. Ich Unglücklicher, dreimal Unglücklicher, der ich alles das einsehe und verstehe, und der ich begreife, wie jählings meine unordentliche Begierde mich von der Heerstraße abführt, ohne daß ich weiß noch imstande bin, mich zurückzuhalten und auf die wahre Bahn zurückzukehren und diesen törichten Gedanken den Rücken zuzuwenden! Ich sage: »Ich bin nicht imstande« und sollte sagen: »Ich mag nicht« oder vielmehr: »Ich möchte wohl«; aber so weit habe ich mich von meinen Leidenschaften, von meinen Begierden und meinen ungeregelten Lüsten fortreißen lassen, so sehr meinem unschicklichen Verlangen den Zügel freigegeben, daß ich ihn nicht mehr zu mir zurückfordern mag. Ich bin wie einer, der, verführt von der Annehmlichkeit, ein Wild in einem dichten Walde zu verfolgen, ihm so tief hinein nachgeht, daß er nachher den Weg zur Rückkehr nicht mehr zu finden weiß, vielmehr, je weiter er drinnen herumirrt, um so mehr sich verwickelt und vertieft und vom wahren Pfade entfernt. Wie nun auch die Sache sei, alles dies habe ich Euch darum gesagt, mein Graf, nicht, weil ich nicht meine schwere Verirrung einsehe, sondern damit Ihr erkennet, daß ich nicht mehr mein eigen bin und nicht mehr meine Freiheit in der Hand habe, und damit Ihr daher Euch meiner annehmt, erbarmt und mich bemitleidet; denn, um die Wahrheit zu gestehen, ich bin so sehr in das Netz meiner zügellosen Wünsche verwickelt, daß, wiewohl ich das Bessere sehe, ich doch nichtsdestoweniger an dem Schlechteren festklebe. Ich, ach ich Unglücklicher, ich, der ich meine Feinde zu Wasser und zu Lande so ruhmvoll besiegt, der ich dem englischen Namen durch ganz Frankreich Würde, Ehre und Furcht verschafft habe, fühle mich nun durch eine eigensinnige, ungeordnete Lust dermaßen gebunden und besiegt und niedergeworfen, daß es nicht mehr in meiner Gewalt ist, mich zu lösen und zu erheben. Dieses mein Leben, das viel eher Tod genannt werden kann, ist so von Angst und tödlicher Pein erfüllt, daß ich die Herberge aller Leiden bin und die einzige Zufluchtsstätte jegliches Elends. Und welche gültige Entschuldigung kann man für meine Verirrung finden? Gewiß, wenn sich irgendeine dafür fände, wäre sie gar schal, schwach und eitel. Nur eine einzige habe ich, daß, da ich noch jung und verwitwet bin, mir es nicht schlecht ansteht, mich in die Netze der Liebe verstricken zu lassen. Und da ich mich sehr angestrengt habe, den Zaum und Zügel meiner Lüste wieder an mich zu reißen, und all meine Bemühung eitel gewesen ist, weiß ich kein anderes Mittel mehr anzuwenden gegen meine stechende Qual, als mich Euch in die Arme zu werfen, mein lieber Graf! Ihr habt, es sei Euch gedankt, zur Zeit meines Vaters oft und viel in tausend Unternehmungen, die nicht weniger Gefahr als Ruhm brachten, und wenig später in Schottland für mich und auch in Frankreich Euer Blut freigebig dargebracht und manchmal auch verspritzt; Ihr seid, und wer weiß es besser als ich, in vielen gefährlichen Fällen mir mit dem besten Rate zu Hilfe gekommen und habt mir den rechten Weg gezeigt, um die Unternehmungen aufs leichteste zum ersehnten Ziele zu führen, und nicht ein einziges Mal habt Ihr Euch widerwillig oder müde gezeigt, mir zu dienen und zu nützen. Und warum sollte ich daher nicht von Euch in einer solchen Not alle diejenige Hilfe hoffen, die ein Mensch von dem andern erwarten kann? Wer kann mir den Dienst seiner Worte verweigern, nachdem er meinem Vorteil mit seinem Blute gedient hat? Ich will keine andere Unterstützung von Euch, Graf, als Worte, und wenn diese die Wirkung haben, die ich, wenn Ihr mir aufrichtig dienen wollt, erwarten und hoffen kann, so erbiete ich mich, mit Euch mein Königreich zu teilen und Euch denjenigen Anteil daran zu lassen, der Euch am besten gefällt. Und wenn vielleicht das, was ich von Euch verlangen werde, Euch allzu schwer ausführbar scheint, so bitte ich Euch zu überlegen, daß ein so großer Dienst auch um so höher angeschlagen wird, mit je größerer Schwierigkeit seine Vollziehung verbunden ist, je mehr Beschwerde man dabei erduldet und Pein darin hegt, und je mehr Mühsal und Ungelegenheit derjenige erntet, der seinem Freunde dienen will. Bedenkt andererseits, was es heißt, einen König im Stiche lassen, den Ihr Euch ganz nach Eurem Belieben zunutze machen und den Ihr ganz so beeinflussen könnt, wie es Euch am besten behagt! Ihr habt vier Söhne und könnt nicht alle anständig zufriedenstellen; ich verpfände Euch mein Wort, daß ich die drei letzten so versorgen will, daß sie nie einen Höhern beneiden sollen. Ihr wißt ja, wie ich den begnaden kann, der mir dient. Wenn Ihr daher über das, was ich von Euch begehre, ebenso denkt wie ich, so werdet Ihr in kurzem die Frucht sehen, die daraus entspringen wird; denn wenn ich gegen andere nicht undankbar gewesen bin, werde ich es gegen Euch noch weniger sein, in dessen Hände ich mein Leben und meinen Tod lege.« In dieser Rede wurde der König von heftigem Schluchzen plötzlich unterbrochen, es entströmten ihm die heißesten Tränen, er konnte nichts mehr sprechen und schwieg. Der Graf, als er die Worte seines Königs, den er nicht wenig liebte, vernommen hatte, und als er die Tränen sah, die offenbares Zeugnis des tiefsten innern Leidens gaben, dessen Grund er nicht kannte, und von dem er sich eher alles andere vorgestellt hatte als das, worum er ersucht wurde, war vom größten Mitleid hingerissen und bot dem Könige sich, seine Kinder und alle seine Habe so unbeschränkt an, daß er unmöglich sich unbedingter hätte ausdrücken können.

»Befehlt mir nur«, sagte er, »mein Gebieter, was Ihr wollt, daß ich tue, ohne alle Scheu! Denn ich schwöre Euch und verpfände Euch mein Wort der Treue, die ich Euch schon früher im Lehenseid zu eigen gegeben habe, daß, soviel diese meine Zunge vermag, soviel mein Geist und meine Kräfte imstande sind, Ihr von mir treu und redlich bedient werden sollt, und nicht allein in solchen Dingen bin ich verbunden, Euch zu dienen, sondern, wenn es nottut, will ich bereit sein, mein Leben tausend Toden auszusetzen.«

Und wer hätte seinem Fürsten in ähnlicher Lage anders geantwortet? Wer hätte gedacht, daß der König an den Grafen Richard, den er als einen Ritter von Ehre kannte, ein solches Ansinnen stellen werde? Aber oft geschehen Dinge, die allen menschlichen Glauben übersteigen, wie dies in Wahrheit hier der Fall war. Als nun der König die Rede des Grafen vernommen hatte, sprach er, das Gesicht in tausend Farben spielend, aber doch von der Liebe keck gemacht und mit etwas zitternder Stimme, in folgender Weise: »Eure Alix, mein lieber Graf, ist es allein, was mich unendlich zufrieden und Euch mit Eurem ganzen Hause glücklich machen kann; denn ich liebe sie weit mehr als mein Leben, und ich bin von ihren göttlichen Reizen dermaßen entflammt, daß ich ohne sie nicht leben kann. Wenn Ihr daher mir zu dienen wünscht, wenn es Euch daran gelegen ist, daß ich lebe, so bringt es bei ihr zuwege, daß sie sich dazu verstehe, mich zu lieben und Erbarmen mit mir zu haben! Glaubt nicht, daß ich ohne das äußerste Widerstreben und ohne endlose Scham von einem so treuen und vollkommenen Diener und Freund, wofür ich Euch stets gehalten habe und jetzt noch mehr als je halte, einen solchen Dienst in Anspruch nehme! Aber die Liebe mag mich bei Euch entschuldigen, die weit mehr vermag als Ihr und ich. Sie hat mich durch das reizende Wesen Eurer Alix so zugerichtet und so heftig außer mir gebracht und auf sie mir Herz und Sinn und alle Gedanken gewandt, daß es ohne sie nicht möglich ist, daß ich länger lebe. Ich habe mich sehr angestrengt und allen Verstand aufgeboten und alles getan, was mir erlaubt war, um diese Liebe zu verjagen, um ein so verderbliches Gift abzuführen; aber alle meine Kraft ist umsonst gewesen, und all mein Wissen hat mir nichts geholfen. Ich, der ich die ganze Welt zu besiegen glaubte, ich, der tausend Anstrengungen für nichts achtete und der zum Tanz zu gehen meinte, wenn ich in die Schlacht ging, – ich bin von einem jungen Weibe, wehe mir!, besiegt und gefangen? Ich, der ich ruhmvoll andere überwunden habe, weiß nicht über mich selber Herr zu werden? Erinnert Ihr Euch nicht, wie oft Ihr und der Herzog von Lancaster zu mir gesagt, wie Ihr mich manchmal selbst geschmält habt, daß ich mich zu sehr anstrenge, daß das allzu viele Jagen nach Hirschen, Sauen und anderem Wild mir großen Schaden bringen könnte? Glaubt Ihr, daß ich jene Mühsale, Fasten, Wachen, den Aufenthalt in Wind und Regen und im strengen Winter in Schnee und Eis zu meinem Vergnügen übernommen und daß ich große Lust dabei gefühlt habe, den ganzen Tag wie ein Wahnsinniger auf und ab zu laufen durch Berg und Tal und da und dort übers Wasser zu setzen, ohne mir Ruhe zu gönnen? Ich wollte, lieber Graf, durch anhaltendes Reiten, durch häufige Fußmärsche, durch unermüdliche Leibesbewegung, durch Erduldung aller Unbequemlichkeiten und Anstrengungen, die ich den ganzen Tag mir zumutete, überhaupt durch eine mühevolle und harte Lebensweise diese meine heftige Begier bändigen und abtöten, damit ich, wenn ich nicht die starken Ketten einer so glühenden und hartnäckigen Liebe zerreiße und zerbreche, doch ihre Bande etwas auflockere und, wenn ich keinen Frieden erreiche, doch wenigstens ein bißchen Waffenstillstand bekomme. Aber es kommt mir vor, als sei alle Mühe weggeworfen und es helfe mir alles nichts, ja, diese heftige Liebe wachse in der Pein und werde von Stunde zu Stunde größer. Ich fühle mich so lange wohl, ruhig und lebendig, als ich sie sehe, von ihr rede oder an sie denke. Und kurz, ich bin dahin gebracht, weil sie weder meine Botschaften anhören noch auf meine Briefe antworten will, wodurch ich gezwungen bin, entweder daran zu sterben oder zur Schande und zum Schaden unseres ganzen Hauses für mein schweres, heftiges, qualvolles Leiden ein Heilmittel zu finden. Ich wünschte freilich, daß es mit dem Sterben möglichst langsam ginge und daß dies das letzte wäre, was geschehen müßte. Laßt es Euch darum nicht schwer werden, mein Graf, für mein Leben diejenige Sorge zu nehmen, deren ich, wie Ihr seht, bedürftig bin! Wenn Ihr Landhäuser, Güter, Burgen, Ämter, Schätze, Pfründen oder sonst etwas begehrt, was in meiner Macht steht, – hier habt Ihr ein weißes Blatt von meiner Hand unterzeichnet und mit meinem Siegel bekräftigt. Geht und laßt von einem meiner Geheimschreiber darauf schreiben, was Ihr begehrt, – denn alles soll mir genehm sein!«

Dabei gab er das Blatt Papier, das er vor der Ankunft des Grafen fertiggemacht hatte, diesem in die Hand und hing, mit furchtsamem, bebendem Herzen die Antwort erwartend, an seinem Munde. Als der Graf die unhöfliche und unanständige Bitte seines Herrn gehört hatte, errötete er ganz im Gesicht und warf das Papier auf das Bett; dann aber, voll von Kummer, Verwunderung, Staunen, ja von keuschem Widerstreben, wußte er nicht die Zunge zum Reden zu entfesseln; doch endlich faßte er sich und antwortete dem erwartungsvollen leidenschaftlichen König also: »In der Lage, in der ich mich jetzt befinde, Sire, weiß ich nicht, was ich sagen soll: denn ich sehe mich auf zwei schmale und gefährliche Pfade beschränkt. Denke ich daran, eins von den beiden Dingen zu tun, die mir durch die Seele gehen, so kann mir dies nur die größte Gefahr bereiten. Ich habe mich an Euch gekettet durch das Band meines Wortes, daß nichts in der Welt sei, wie hart und schwer es auch sei, das ich zu Eurem Dienste und zu Eurer Errettung tun würde; dazu habe ich mich entschlossen, und das gedenke ich auch auszuführen, denn lieber wollte ich sterben als jemals mein Wort brechen. Ich werde meiner Tochter alles entdecken, was Ihr von mir verlangt habt, in der Art, wie ich es von Euch vernommen habe. Ich erinnere Euch indes, daß ich sie wohl darum bitten, nicht aber dazu zwingen kann; es ist genug, daß sie durch meinen Mund Eure Gesinnung erfahren soll. Um aber von etwas anderem zu sprechen, gestehe ich Euch, daß ich mich nicht wenig über Euch wundere und betrübe. Es sei mir verstattet, mein Gebieter, Heber bei Euch meinen herben Groll frei ausströmen zu lassen als bei andern Veranlassung zu haben, mich zu beklagen. Es schmerzt mich unendlich, daß Ihr daran gedacht habt, an meinem Blute, das in jedem Unternehmen für Euren Dienst, Eure Ehre und Euer Wohlergehen niemals mit sich geizte, eine solche Schändlichkeit zu begehen, wo man von Euch verdiente anständige Belohnung erwarten durfte. Sagt mir, ist das die Belohnung, die ich und meine Kinder von unserer Dienstbarkeit gewärtigen sollen? Wenigstens, wenn Ihr uns von dem Eurigen nicht geben wollt, wenn es Euch nicht gefällt, uns größer zu machen, so sucht doch nicht, uns die Ehre dafür zu rauben und uns für alle Zeiten der Schmach auszusetzen! Was durften wir Schlimmeres erwarten von einem unserer heftigsten Feinde ? Ihr, Sire, Ihr wollt mit einem Schlage meiner Tochter die Ehre, mir jede Zufriedenheit, meinen Söhnen den Mut, sich öffentlich sehen zu lassen, rauben und meinem ganzen Hause all seinen Ruhm entziehen? Ihr macht Euch fertig, einen so schändlichen Makel auf den reinen Glanz meines Blutes zu werfen? Ihr entschließt Euch, eine so große Verirrung zu begehen, und wollt, daß ich der Diener meines völligen Unterganges werde und wie ein schamloser Kuppler meine Tochter in das Haus der Unzucht führe? Bedenkt, Sire, bedenkt, daß es Euch zukommt, wenn ein anderer mich zu beschimpfen trachtete, Euch zu meinem Verteidiger aufzustellen und mir jede Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen! Und wenn Ihr mich beleidigt, wohin kann ich um Unterstützung meine Zuflucht nehmen? Wenn die Hand, die mich heilen sollte, diejenige ist, die mich verwundet, – wer wird mir Ersatz schenken und den Verband auflegen? Darum, wenn ich durch Euch schmerzlich verletzt bin, wenn Ihr mir gerechten Anlaß gebt, mich zu beklagen und den Ruf um Erbarmen zum Himmel zu senden, so urteilt selbst, ob ich recht habe, indem Ihr die sinnliche Lust etwas beiseite setzt und der Vernunft ins Auge seht: denn einen andern Richter suche ich nicht als Euren unbesiegten männlichen Geist. Andererseits sodann bin ich aufs äußerste erstaunt über Eure Angelegenheiten, wenn ich an das denke, was Ihr gesprochen habt; und um so mehr bin ich verwundert, je weniger es vielleicht ein anderer wäre; denn ich glaube von Eurer Kindheit an bis auf diesen Tag Eure Sitten besser gekannt zu haben als sonst jemand, und es wäre mir nie eingefallen, daß Ihr den Lüsten der Liebe unterworfen seid, während Ihr fortwährend von den Waffen und anderen Körperübungen in Anspruch genommen seid; daß Ihr aber nun Euch in die Gefangenschaft der Liebe begeben habt, scheint mir so neu und seltsam, daß ich nicht weiß, was ich darüber sagen soll. Und wenn es mir zukäme, Euch deswegen zu tadeln, so würde ich Euch Dinge sagen, die Euch außer Euch brächten; aber ich unterlasse es, damit Euer Verstand es Euch selbst vorhält. Erinnert Euch, Sire, wie Ihr noch in früher Jugend Roger von Mortimer leiden ließet, der die Königin Isabella, Eure Mutter und die Schwester Karls des Schönen von Frankreich, beherrschte, und nicht zufrieden mit dem grausamsten Tode, der über ihn verhängt ward, ließt Ihr diese Eure Mutter ebenfalls elend im Gefängnis sterben, und Gott weiß, ob der Verdacht, den man auf sie hegte, gegründet gewesen ist! Verzeiht mir, Sire, wenn ich so weit gehe in meinen Worten, und denkt besser auf Euren Vorteil! Denkt Ihr nicht daran, daß Ihr noch in Waffen seid und in größte Angst und Besorgnis verwickelt wegen der großen Rüstung, die der König von Frankreich zu Wasser und zu Lande macht, um zu sehen, ob er Euch den Schlag in dem ewig denkwürdigen Siege heimgeben kann, den Euch Gott im Kampfe mit seinem Volke zur See und in Frankreich verliehen hat? Und nun, da Ihr tagtäglich auf dem Punkte seid, übers Meer zu fahren und Eurem Feinde zuvorkommend Eure Besitzungen in Aquitanien sicherzustellen, habt Ihr der schmeichlerischen Liebe Raum gegeben? Ihr habt den schädlichen Flammen der Liebe die Brust geöffnet und laßt Euch davon Mark und Bein allmählich aufzehren? Aber wo ist, mein Gebieter, die Hoheit Eures so klaren, feinen, tugendhaften Geistes? Wo ist die Höflichkeit, die Seelengröße und Eure andern großen Vorzüge, die, verbunden mit Eurer Tapferkeit, Euch den Feinden furchtbar und schreckenerregend, den Freunden teuer und den Untertanen verehrungswürdig machten? Das, was Ihr mir zuletzt sagt, daß Ihr tun wollt, wenn meine Tochter Euch nicht willfahre, werde ich nie die Handlungsweise eines mannhaften echten Königs nennen; wohl aber kann ich frei versichern, es sei die Niederträchtigkeit eines feigen Wollüstlings, das Verfahren des schändlichsten, grausamsten Tyrannen. Ach, Sire, entferne Euch Gott einen ähnlichen Gedanken aus dem Sinn! Denn sobald Ihr anfangt, in eitelm Triebe der Wollust die Frauen Eurer Untertanen zu notzüchtigen, wird dieses Eiland nicht mehr ein Königreich sein, sondern kann mit Fug ein wilder Wald voll Räuber und Mörder genannt werden; denn wo keine Gerechtigkeit ist, was kann da Schönes und Gutes wohnen? Wenn Ihr mit Schmeicheleien, Versprechungen und Geschenken meine Tochter überreden könnt, daß sie Euren Lüsten sich fügsam ergebe, so kann ich wohl über sie jammern als über ein unenthaltsames junges Weib, das der Sittsamkeit ihrer Vorfahren nicht eingedenk ist; aber von Euch kann ich nichts weiter sagen, als daß Ihr getan habt, wie gemeiniglich die Männer tun, die so viel Weiber aufsuchen, um sie zu genießen, als sie haben können; ihr wird alsdann die Schmach zuteil werden, die gewöhnlich an solchen unkeuschen Weibern haftet. Wenn Ihr mir nun sagt, daß ein Weib so viel Gewalt über Euch hat, wie Ihr mir sagt, daß Alix es hat, so kann ich dies nicht glauben; vielmehr sind es Worte, wie jeder Liebende sie zu sagen gewohnt ist, um zu zeigen, daß er glühend liebt. Aber überlegt einmal, wie passend das ist! Es übersteigt doch allen Anstand und Vernunft, daß, wer der Untertan sein soll, der höhere sei, und daß gehorche, wer befehlen muß. Ist das, o Herr, die Beständigkeit, ist das die Stärke, ist das die Seelenkraft und Sicherheit, die die Völker Englands von Euch erwarten können, um die Gemütsberuhigung zu haben, daß sie einen mannhaften, großherzigen König besitzen? Ich zweifle sehr, daß die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Freigebigkeit, die menschliche und so höfliche Höflichkeit, die Voraussicht künftiger Fälle und die Sorge dafür und jene unermüdete fortwährende Acht noch in Euch wohnen, womit Ihr, als wir in der Picardie waren, Euer Heer mit solcher Eintracht geleitet habt, daß, obgleich es aus verschiedenen und mannigfaltigen Leuten zusammengesetzt war, nie die geringste Zwietracht darin herrschte; ich zweifle sehr, daß noch jene kriegerische List in Euch wohnt, die Euch einst so viel Ehre gemacht hat und bekanntlich so nützlich geworden ist. Und was mir von allem noch das Schlimmste scheint, ist, daß Ihr Eure Verirrung einseht und mit eigenem Munde gesteht, nichtsdestoweniger aber sie nicht verbessern wollt, vielmehr über den Fehler und die Sünde, die in Euch ist, einen Schleier und einen Schein der Sittsamkeit zu werfen sucht und doch nicht wißt, ihn aufzufinden. Ich, Sire, rufe Euch liebevoll ins Gedächtnis, daß Ihr den größten Ruhm erworben habt, indem Ihr den König Philipp und seine große und so zahlreiche Flotte, die vierhundert Schiffe zählte, zur See besiegt habt, indem Ihr sie brächet und zerstreutet und unter ihren Augen Doornick, die berühmte Stadt, besetztet, deren Bewohner einst so geachtet und in der alten Zeit Nervier geheißen waren. Und nicht geringerer Ruhm ward Euch, als Ihr ihn zu Crecy bei Abbeville besiegtet, wo französischerseits der König von Böhmen fiel, der Philipp zu Hilfe gekommen war, und viele Barone starben, die einzeln namentlich aufzuzählen zu lang wäre. Auch wuchs Euch sehr viel Ehre zu durch die Einnahme von Calais und unzählige andere Unternehmungen, die Ihr gemacht habt. Aber ich sage Euch, Sire, einen viel größeren und rühmlicheren Triumph werdet Ihr erlangen, wenn Ihr Euch selbst besiegt: denn das ist der wahre Sieg, der am meisten Ehre einbringt. Wenig half es Alexander dem Großen, so viele Provinzen besiegt und solche Heere niedergekämpft zu haben, da er sich nachher von seinen eigenen Leidenschaften besiegen und unterjochen ließ, was ihn viel kleiner machte als seinen Vater Philipp, der nicht so viele Reiche erobert hatte wie sein Sohn. Darum, mein Gebieter, besiegt diese törichte Begierde und laßt Euch nicht verleiten, durch eine so unanständige Handlung zu verlieren, was Ihr so ruhmvoll erworben habt, und einen so garstigen Fleck auf die Glätte Eures Ruhms zu werfen! Glaubt nicht, daß ich Euch so viel davon sage, bloß weil ich nicht ausführen mag, was ich Euch versprochen habe; denn ich beabsichtige, es ganz zu vollbringen; sondern, weil ich auf Eure Ehre viel eifersüchtiger geworden bin als Ihr auf die Eure und die meine seid, rate ich und bringe ich Euch dies in Erinnerung, was mir Euer Nutzen und Eure Ehre zu sein scheint. Und wenn Euch selbst nicht an Euch gelegen ist, – wem bei Gott soll an Euch liegen? Wer soll auf Eure Angelegenheiten achten, wenn Ihr nicht auf sie und auf Euch selber achtet? Aber wenn Ihr Verstand habt, wie ich weiß, daß Ihr ihn habt, so werdet Ihr bedenken, daß ein kurzes, unkeusches, flüchtiges Vergnügen, das Ihr mit Gewalt bei einem Weibe genossen, gar wenig wirkliche Freude bringen kann, da es vielmehr unendlichen Schaden verursachen würde. Ich will von Euch für mich und meine Kinder weder Habe noch Rang noch irgendeinen andern Vorteil, außer soviel mein und ihr Verdienst fordern kann. Darum behaltet Eure Schrift und gebt es andern, denen, wenn sie nur Geld und Würden erlangen, es gleich gilt, wie sie dazu kommen. Ich will, soviel ich kann, nie, daß mir oder meinen Kindern oder meinen Enkeln etwas an den Hals geworfen werde, was uns mit Recht erröten und die Gesichtsfarbe ändern machen kann; denn Ihr wißt wohl, wie manche verachtet werden, wie man mit dem Finger nach ihnen weist, die durch frühere Könige für unanständige Dienste, die sie ihnen getan haben, reich und groß geworden sind, während sie doch aus niederem Stande und ganz unadelig geboren waren. Erinnert Euch, Sire, daß Ihr vor noch nicht langer Zeit einen von diesen beim Heer gegen die Schotten ins Gesicht geschmäht habt, daß er, weil er Eures Vaters Kuppler war, vom Barbier zum Grafen geworden ist, und Ihr würdet ihn, wenn er sein Betragen nicht ändere, wieder zu seinem alten Berufe, dem Bartscheren, zurückweisen! Und hiermit, Sire, will ich meine lange Rede beschließen, indem ich Euch demütig um Verzeihung bitte, wenn ich etwas gesagt habe, was Euch mißfällt, und Euch anflehe, alles mit jener Geneigtheit aufzunehmen, von der ich gesprochen habe. So gehe ich mit Eurem Urlaub nach dem Hause meiner Tochter und will pünktlich vollführen, was Ihr von mir verlangt habt.«

Ohne noch eine Antwort des Königs zu erwarten, verließ er das Gemach und schied unter vielen und mannigfachen Gedanken über die gepflogene Unterredung. Die Gründe des Grafen verwundeten so schmerzlich das leidenschaftliche kranke Gemüt des Königs, daß er fast außer sich war und nicht wußte, was er sagen solle; sie verwundeten und durchbohrten ihn um so mehr, als er nicht so blind war, nicht einzusehen, daß er die Wahrheit sagte, und daß er als innig ergebener, treuer und echter Diener vor ihm gesprochen hatte. Daher begann er bei sich bis ins einzelne die ganze gehabte Unterredung durchzugehen, und manches von dem Gesprochenen drückte ihn so sehr, daß er über die Maßen mißvergnügt darüber war, daß er es gewagt hatte, in einem solchen Falle, um seinen Wunsch zu erlangen, den Vater seiner Geliebten in Anspruch zu nehmen, da es ihm allerdings vorkam, sein Verlangen sei tadelnswert und unehrenhaft. Darum kam er beinahe zu dem Entschluß, diesen Liebeshandel abzubrechen und sich ganz von der Sache loszuschälen. Sobald er aber an die holde Schönheit dachte und an Alix' schönes Wesen und Betragen, änderte sich plötzlich seine Ansicht, und er sprach bei sich: »Ach, ich Unglücklicher, ich sehe wohl ein, daß ich töricht und unglückselig bin, wenn ich vermeine, leben zu können, ohne diese zu lieben; werde ich mit all meiner Kraft und der ganzen Macht meines Reichs stark genug sein, von ihr abzulassen und sie mir aus dem Herzen zu reißen? Kann ich annehmen, mich so leicht von diesem unauflöslichen Knoten zu befreien und von einer so festhaftenden glühenden Liebe mich zu entbinden? Wie wird dies je möglich sein? Wer kann machen, daß ich nicht Alix ewig als meine Herrin und unumschränkte Gebieterin ansehe? Gewiß, soviel ich glaube, niemand. Sie ist geboren, um diejenige zu sein, der ich immer Untertan sein, die ich allein und ausschließlich heben sollte. Und wenn ich erkenne, daß ich nicht anders handeln könnte, wenn ich auch wollte, und daß ich nicht wollte, wenn ich auch könnte, – wozu mir noch weiter den Kopf zerbrechen? Ich liebe Alix und werde sie immer lieben, komme nun daraus auch, was da will. Der Graf ist ihr Vater und hat als Vater gesprochen, und ich hätte mich ihm nicht entdecken sollen. Und was ist nun weiter? Ich bin der König, und es scheint mir nichts so Besonderes, daß ich die Tochter eines meiner Untertanen liebe; ich bin auch nicht der erste, der dies getan hat, noch werde ich der letzte sein.«

Andererseits, als diese glühenden Gedanken etwas erkalteten, fand ein Strahl der Vernunft Eingang, der ihn das Unheil und das Ärgernis sehen ließ, das aus dieser Liebe entstehen konnte, was einigermaßen den gereizten und zur Liebe bereiten Geist abstumpfte, so daß er, indem er verschiedentlich mit sich selbst kämpfte, bald voll Hoffnung war, bald wieder alle Aussichten auf Gelingen schwinden ließ und so von einem Gedanken zum andern hin und her schwankte, da es ihm immer unmöglich schien, die Liebe zu der Frau, die er so glühend liebte, je auszulöschen, sich zuletzt entschloß, abzuwarten, was der Graf bei seiner Tochter ausrichte. Er verließ daher das Gemach, und wiewohl er ganz traurig und niedergedrückt von widrigen Empfindungen und voll Mißvergnügens war, zwang er sich doch, unter einer heitern Miene die Leidenschaft zu verbergen, die innerlich an ihm nagte.

Als der Graf vom König geschieden war, ging er geradeswegs nach seiner Wohnung und überdachte hin und her, was der König ihm mitgeteilt hatte. Als er zu Hause angekommen und in sein Zimmer getreten war, ließ er, da er vieles Vorgefallene zu berichten hatte und wußte, daß seine Tochter zu Hause war, mit der er ausführlich zu reden beschlossen hatte, sie zu sich bitten. Sie kam sogleich ohne Verzug zu ihrem Vater.

Der Graf hieß nun seine Tochter ihm gegenüber Platz nehmen und fing alsdann folgendermaßen mit ihr zu reden an: »Ich hege die bestimmte Überzeugung, meine liebste Tochter, daß nicht wenige von den Dingen, die du heute von mir hören wirst, die ich dir jetzt sagen will, dich in Verwunderung setzen werden, daß du aufs äußerste erstaunen wirst, da es dir von Rechts wegen scheinen muß, es schicke sich gar nicht für mich, bei dir ein ähnliches Amt zu versehen. Aber da man immer von zwei Übeln das geringere wählen muß, zweifle ich nicht, daß du als meine weise Tochter, wie ich dich von Kindheit auf erfunden, die Wahl treffen wirst, die ich ebenfalls getroffen habe. Ich, meine Tochter, seit ich über Gut und Böse ein Bewußtsein zu haben glaubte, habe schön als Knabe und bis auf die Gegenwart immer die Ehre höher geschätzt als das Leben; denn, nach meiner Ansicht wenigstens, ist es ein viel geringeres Übel, unschuldig und unbefleckt zu sterben, als in Schande zu leben und das Gerede des Pöbels zu werden. Du weißt, was es heißt, fremder Herrschaft unterworfen zu sein, wo man oftmals das Gegenteil von dem tun muß, was man im Sinne hat, und sich in Anbetracht der Beschaffenheit der Zeit nach den Wünschen der Gebieter in eine neue Tracht zu stecken genötigt ist. Nun, was ich dir sagen wollte, ist das: Der gnädigste König hat mich heute rufen lassen, und als ich bei ihm war, hat er mich mit den heißesten Bitten dringend ersucht und genötigt, ihm in einer Sache, die er von mir verlangen werde, und die ihm so wichtig sei wie sein Leben, dienen zu wollen, wobei er mir alles anbot, was mein Mund verlangen könne, sofern es in seiner Gewalt stehe. Ich, der ich ein geborener Lehnsmann und Untertan dieser Krone bin, verpfändete ihm unumschränkt mein reines Wort, alles, was er mir befehle, mit all meiner Macht zur Ausführung bringen zu wollen. Als er mein freies Versprechen hörte, entdeckte er sich mir endlich nach vielen von Tränen und Seufzern unterbrochenen Worten, daß er so sehr und so heftig in dich und deine Reize verliebt sei, daß er ohne deine Liebe unter keiner Bedingung leben könne. Und wer, bei Gott, hätte sich jemals eingebildet, daß der König von einer solchen Angelegenheit mit mir sprechen werde?«

Darauf erzählte der Graf die lange Geschichte der zwischen dem König und ihm vorgefallenen Gespräche, ganz Wort für Wort, und fügte dann bei: »Du siehst, meine Tochter, zu welchem Ziele mein unbedingtes einfältiges Versprechen und die zügellose Lust des Königs mich gebracht haben. Ich habe dem König gesagt, es stehe in meiner Gewalt, dich zu bitten, – aber nötigen könne ich dich nicht; daher bitte ich dich, und diese Bitte soll für tausend gelten, dem König, unserem Herrn, zu Willen zu sein. Sieh es so an, meine Tochter, als machest du deinem Vater ein Geschenk mit deiner reinen Zucht und Keuschheit! Die Sache wird so vor sich gehen, daß sie jedermann verborgen gehalten wird. Außerdem wirst du Veranlassung sein, daß deine Brüder die ersten Barone dieses Eilandes werden. Alles, meine Tochter, habe ich dir sagen wollen, um nicht gegen den König wortbrüchig zu werden. Du bist weise, und wenn du an das denkst, was ich dir gesagt habe, zweifle ich nicht, daß du eine dir angemessene Wahl treffen wirst.«

Nach diesen Worten schwieg der Graf. Die junge Frau war während der Rede ihres Vaters so heftig errötet und von keuscher Entrüstung so entflammt, daß, wer sie jetzt gesehen hätte, sie ohne Vergleich für viel liebenswürdiger und schöner noch als gewöhnlich hätte halten müssen. Ihre zwei schönen Augen waren in der Tat zwei glänzende Sterne, welche funkelnd ihre glühenden Strahlen schossen. Die Wangen glichen zwei fleischroten Rosen, im April gepflückt zu der Stunde, wo die Sonne, ihre Renner aus dem Ganges hervorpeitschend, allmählich die tauigen Kräuter zu trocknen und alle Blumen und Rosen, die vom nächtlichen Naß geschlossen sind, zu öffnen beginnt. Und der elfenbeinerne Hals, der marmorne Rücken und der Alabasterbusen, von züchtiger Glutfarbe noch neben der angebornen ungeschminkten Schönheit besprengt, zeigten sie in einem Zustande, wie ihn die Dichter ersinnen, daß Venus auf dem Ida zwischen den zwei andern Göttinnen darin vor dem trojanischen Schäfer erschien: denn sie erwies sich viel schöner als gewöhnlich, damit sie um so leichter ihre Begleiterinnen an Schönheit und Anmut übertreffe.

Nachdem nun Alix merkte, daß ihr Vater seine Rede geendet hatte und schon eine Weile schwieg, fing sie, ganz unwillig die Zunge hold entfesselnd und die Worte zwischen morgenländischen Perlen und den feinsten Rubinen hervorsendend, auf folgende Art ihre Antwort an und sprach: »Wie sehr ich mich über Euch wundere, mein Vater, nachdem ich Euch etwas habe aussprechen hören, wovon ich nie geglaubt hätte, daß ich es von Euch hören werde, – wenn auch alle Teile meines Körpers Zungen wären und alle Zungen von Stahl und die Stimme von Diamant und unermüdlich, ich glaube nicht, daß sie hinreichten, um auch nur das kleinste Teilchen meiner Verwunderung auszudrücken. Und in Wahrheit habe ich mich über Euch immerdar zu verwundern und zu beklagen, indem ich sehe, wie wenig Ihr meiner Ehre Rechnung tragt; denn wiewohl Ihr mir auch als Eurer Tochter und Sklavin befehlen könnt, hättet Ihr Euch doch ins Gedächtnis zu rufen wissen sollen, daß Ihr nie eine Handlung von mir gesehen noch ein Wort oder eine Rede von mir gehört habt, wodurch Ihr so dreist werden konntet, mir etwas minder Anständiges zu sagen. Aber sagt mir, seht Ihr nicht, daß Ihr mich um eine Sache bittet und sie fast ermahnend mir ratet, um derenwillen, wenn ich nur den geringsten Gedanken zur Ausführung hätte, ich von Euch, wenn Ihr der ehrenwerte Vater wäret, der Ihr sein sollt, ohne alles Erbarmen hingeschlachtet zu werden verdiente? Ich, mein Vater, habe, seit der König in Salisbury war, gemerkt, daß er sich in mich verliebt anstellte, und ebenso habe ich ihn hier erkannt; denn er hat mich mit Liebäugeln den ganzen Tag über, mit Botschaften und Briefen mehrmals in Versuchung geführt und nicht ermangelt, mich durch die ausgedehntesten Versprechungen bestechen zu wollen; aber es hat ihm alles nichts geholfen, denn ich habe, sooft er mit mir gesprochen, mir geschrieben oder mir Boten gesandt hat, immer gesagt, mein guter Name sei mir mehr wert als das Leben. Ich wollte Euch nichts von der Sache sagen und noch weniger meiner Mutter und meinen Brüdern, um Euch nicht Anlaß zu geben, gegen unsern König bitter zu werden, da ich wußte, daß schon durch ähnliche Vorfälle viele Ärgernisse erfolgt und Städte und Reiche untergegangen sind. Aber Gott sei Lob und Dank, daß ich nicht nötig hatte, zu zögern, Euch die Waffen in die Hand zu geben, da ich Euch zu einem so unehrenhaften Dienste so bereit und eifrig sehe! Ich schwieg also, um größeres Übel zu verhindern, und hielt mich zurück, Euch etwas zu offenbaren, indem ich immer hoffte, wenn der König meine unbestechliche feste Keuschheit sehe, müsse er von einem so schlecht begonnenen Unternehmen abstehen und zugeben, daß ich mit meinem sittsamen Vorsatz meiner würdig lebe. Wenn Ihr mich daher in den letzten Tagen selten habt ausgehen sehen und bemerkt habt, wie schlechtgekleidet ich war, so habe ich das zu keinem andern Zwecke getan als um, soviel an mir wäre, der Begegnung des Königs auszuweichen, und damit, wenn er dann sähe, wie niedrig ich gekleidet war, er auf den Gedanken komme, daß mein Sinn ganz woanders sei als bei Liebessachen. Weil er nun hartnäckig ist und ich nie freiwillig ihm zu Gefallen etwas Unschickliches zu tun geneigt bin, will ich, damit er nicht mit Gewalt, was Gott verhüte, mit mir seine Lust befriedige, Eurem Rate folgen und von zwei Übeln das geringere wählen, indem ich lieber mich selber ums Leben bringe, als daß ich je dulde, daß ein solcher Makel und ein so großer Schandfleck meiner Ehre zutage komme und man auf der Straße auf mich mit Fingern als auf die Buhlerin des Königs zeigt. Tausendmal habe ich sagen hören, und Ihr habt es mir auch gesagt, daß die Ehre weit höher geschätzt werden muß als das Leben; und gewiß, das Leben ohne Ehre ist wie ein schimpflicher, schmachvoller Tod. Verhüte Gott, daß ich je die Buhldirne irgend jemandes auf der Welt werde, und daß ich etwas im geheimen tue, was, wenn es nachher offenbar würde, Veranlassung werden könnte, daß ich die Farbe wechseln muß! Sagt mir, Vater, wie stünde es um Eure Ehre, wenn ich etwas Unsittsames mir zuschulden kommen ließe, und wenn Ihr, durch die Stadt oder an Hof gehend, den Pöbel sagen hörtet: ›Dies ist der Vater von der und der; das ist der, der seine Tochter verkauft hat und dadurch an Rang und Reichtümern gewachsen ist.‹ Glaubtet Ihr etwa, eine so große Missetat dürfte verborgen bleiben? Und wenn die Leute aus Furcht nicht den Mund zu öffnen wagten, wer hielte ihre Hände zurück, Zettel zu schreiben und auf den Straßen umherzustreuen und sie an allen Ecken der Stadt anzuheften? Als der König, wie ich habe sagen hören, seinem Oheim, dem Lord Kent, und bald darauf Roger von Mortimer den Kopf abschlagen und die Mutter im Kerker sterben ließ, wurden Blätter an den Straßen angeheftet zum Tadel des Königs; und obschon er heftig darüber zürnte und einige enthaupten ließ, die er in Verdacht hatte, Verfasser dieser Schriften zu sein, blieben nicht doch bei alledem viele übrig, welche Lust hatten, übel von ihm zu reden, und die andere Schriften auf verschiedenen Wegen ausstreuten? Denkt nur, daß man von Euch und von mir die schimpflichsten Dinge von der Welt sagen würde! Aber setzen wir den Fall, daß die Sache geheim bliebe: wißt Ihr nicht, daß alle Männer und namentlich vornehme Herren heute nach der einen und morgen nach einer andern Wünsche fassen, wie ihnen gerade das Gelüste kommt? Lassen wir die Sünde gegen Gott beiseite, wiewohl dies das erste ist, was man vor Augen haben muß, wenn wir vernünftige Geschöpfe und nicht Tiere sein wollen; aber ich weiß, wenn der König meiner satt und dieser wollüstige Kitzel bei ihm vorübergegangen ist, der gewöhnlich gar leicht vorüberzugehen und sich abzukühlen pflegt bei allen Menschen, sobald sie ihre Besinnung wiedererlangt haben, so wird er mich für das achten, wozu Ihr mich habt machen wollen: für eine Sudeldirne. Wenn ich sodann mich auch versichert und vergewissert habe, daß er mich lange und sehr glühend heben müsse, – muß ich nicht denken, daß dieses Verfahren einmal ein Ende nehmen muß, wie ja unter diesem wechselnden Monde nichts ist, das nicht sein Ende fände? Dreht die Sache demnach, nach welcher Seite Ihr wollt, – ich sehe darin nichts Gutes. Ich merke dabei wohl, daß ich den Rest meines Lebens in meinem Gesicht mit etwas anderem geschmückt wäre als mit Perlen und Edelsteinen und nie wieder wagen dürfte, mich öffentlich sehen zu lassen. In betreff dessen sodann, daß Ihr sagtet, Ihr habet ihm Euer Wort verpfändet, so habt Ihr nicht in Betracht gezogen, wie weit bei einer solchen Angelegenheit die Gewalt des Vaters über die Kinder sich erstreckt: denn diese sind nicht verbunden, bei Dingen, die wider Gott laufen, den Eltern zu gehorchen. Überdies sind so unkeusche und blutschänderische Zusagen ungültig, und bei sündhafterweise gegebenen Versprechungen ist es Pflicht, das gegebene Wort zu brechen. Ich bekenne, daß ich Eure Tochter und verpflichtet bin, sooft Ihr mir befehlt, Euch zu gehorchen, aber nur in erlaubten und ehrenhaften Fällen. Auch erinnere ich Euch, obgleich Ihr es besser wißt als ich, daß Ihr und ich und alle andern, die da waren, sind und sein werden, einen Vater und Herrn haben, wie ich oftmals von wackern und angesehenen Predigern auf den Kanzeln in den Kirchen habe versichern hören, welchen wir mehr verpflichtet sind zu gehorchen als unsern leiblichen Vätern. Überdies erinnere ich Euch, daß es niemand, wer es auch sei, erlaubt ist, Gesetze und Verordnungen zu geben, die mit den göttlichen Vorschriften und Gesetzen im Widerspruche stehen. Da Ihr nun in der schmählichen Sache, zu deren Ausführung Ihr mich ermahnt, ganz offenbar gegen Gott Euch empört, – wie könnt Ihr verlangen, daß ich Euch gehorche und nicht viel lieber gegen Euch mich empöre und tödliche Feindschaft fasse? Hegt daher andere Gedanken, wenn Ihr wollt, daß ich Euch als meinen Vater ansehe und ehre, wie man gute Eltern ehren muß, so seid für die Zukunft nie mehr so kühn, mich um eine solche Niederträchtigkeit anzugehen, noch gegen mich ein einziges Wort darüber zu verlieren: denn, beim Kreuz des Erlösers, ich würde Euch vor aller Welt dafür diejenige Ehre erzeigen, die Ihr verdient! Aber Gott verhüte, daß es dahin komme! Oh, wieviel besser wäre es gewesen, Ihr hättet dem König versprochen und geschworen, mich lieber eigenhändig mit einem Messer zu entleiben, als mich je in ein so verabscheuungswürdiges Verbrechen fallen zulassen! Das hätte Euch mehr Ehre gebracht und wäre für Euch viel leichter ausführbar gewesen; auch hätte sicherlich der König und ich Euch darum viel höher gehalten und geachtet, und die Welt, die die Ursache meines Todes erfahren hätte, würde Euch ewig mit den echtesten Lobsprüchen zum Himmel erhoben haben. Um nun diese Reden zu beschließen, die mir den größten Unwillen rege machen und deren Gedächtnis mir immer die Quelle des herbsten Grams sein wird, – dies ist mein letzter, fester, nach reiflicher Überlegung gefaßter Entschluß, den Ihr für so wahr halten dürft wie das Evangelium: daß ich eher bereit bin, mich umbringen zu lassen und jegliche Qual zu erdulden, als daß ich je zu etwas Unzüchtigem meine Einwilligung gebe; und wenn der König gewaltsam mit mir einen wollüstigen Genuß haben will, so will ich es schon veranstalten, daß seine und aller andern Gewalt umsonst ist, und will immer im Gedächtnis behalten, daß ein schöner Tod das ganze frühere Leben ehrt.«

Der Vater erkannte aus der klugen und edelmütigen Antwort der Tochter die Tugendstärke und Seelengröße, die in ihr wohnten, und gab ihr in seinem Herzen viele Lobsprüche und segnete sie, indem er sie viel höher achtete als zuvor. Er meinte auch, er habe ausführlicher und mehr gesprochen, als einem Vater zieme, zu seiner Tochter zu sprechen, und wollte daher auch ihr für jetzt nichts weiter sagen, sondern stand von seinem Sitze auf und ließ sie ihren Geschäften nachgehen. Er bedachte sodann und überlegte reiflich, was er dem König antworten sollte, und ging dann an den Hof.

»Sire«, sagte er, »ich wollte nicht verfehlen, mein Euch gegebenes Wort zu halten, und schwöre Euch daher bei der Treue, die ich Gott und Euch schuldig bin, daß ich, zu Hause angelangt, Alix auf mein Zimmer gefordert und ihr Euern Willen auseinandergesetzt habe, mit der Ermahnung, sie solle sich dazu verstehen, Euch zu Willen zu sein. Aber sie hat mir nach vielen Überlegungen aufs entschiedenste geantwortet, daß sie eher entschlossen sei, zu sterben, als je etwas Unanständiges zu begehen; und sonst konnte ich nichts aus ihr herausbringen. Ihr wißt, daß ich Euch sagte, ich könne sie bitten, aber keineswegs zwingen. Da ich also ausgeführt habe, was mir von Euch auferlegt worden ist und wozu ich mich verpflichtet habe, will ich mit Eurer Gunst weggehen, um ein Geschäft auf einem meiner Schlösser zu besorgen.«

Der König entließ ihn und blieb ganz außer sich zurück, verschiedene Dinge in Gedanken umherwälzend. Der Graf verließ den Hof und ging am folgenden Tage mit seinen Söhnen in seine Grafschaft, während seine Gattin und Tochter mit einem Teile der Dienerschaft in London zurückblieben. Er dachte darüber nach, wie es möglich sei, sich aus dieser Angelegenheit loszulösen, ohne die Ungnade des Königs auf sich zu laden. Er wollte die Tochter nicht fortführen, um nicht den König noch ärgerlicher zu stimmen, als er es schon war, und auch um ihm zu verstehen zu gehen, daß er sie seinem Zartgefühl überlasse; denn er hielt es für sicher, daß er keinerlei Gewalt anwenden werde. Außerdem hatte er großes Vertrauen auf die Sittsamkeit und Seelengröße seiner Tochter, von der er dachte, sie werde sich so gut zu verteidigen wissen, daß sie mit Ehren aus einer so großen Gefahr hervorgehen werde.

Der König andererseits erfuhr nicht so bald, daß der Graf London verlassen habe und Alix daselbst zurückgeblieben sei, als er das Ganze richtig durchschaute. Er geriet daher in solche Verzweiflung über diese seine Liebe, daß er nahe daran war, verrückt zu werden. Alle Tage und Nächte gingen ihm gleichmäßig ruhelos hin; er aß nichts oder wenig, lachte nie, seufzte immer, entzog sich, soviel ihm möglich war, der Gesellschaft und schloß sich allein in sein Gemach ein, wobei er an nichts weiter dachte als an die grausame Sprödigkeit seiner Dame, denn Sprödigkeit nannte er ihre wackere, unerschütterliche Keuschheit. Bei dieser Lebensweise fing er auch an, die Audienzen, die er früher dreimal in der Woche öffentlich seinen Untertanen zu geben pflegte, durch einen Mittelsmann zu erteilen. Und in der Tat, eine der lobenswürdigsten Eigenschaften, die jeder wahre Fürst besitzt, besteht darin, den Klagen und dem Flehen der Seinigen leicht zugänglich zu sein und sich von allem unterrichten zu lassen, was in seinem Gebiete geschieht. Und man muß nicht so unbeschränkt auf seine Diener vertrauen, denn oft begehen sie viele Irrtümer und die schreiendsten Ungerechtigkeiten; denn wenn der Herrscher begierig wäre, zu erfahren, auf welche Art sein Staat regiert, und welche Aufmerksamkeit den Lenkern geschenkt wird, so würden diese viel besser regieren und sich hüten, etwas zu begehen, was getadelt werden könnte. Der König also verfiel in den Fehler, fast niemand Audienz zu erteilen, Waffenhandwerk, Turnier, Buhurt, Jagd, was ihm sonst so viele Freude machte, gefiel ihm nicht mehr; und die Jagd vornehmlich, an deren Übung er sich so sehr zu ergötzen pflegte, und andere Spiele gewährten ihm keine Unterhaltung mehr.

Er hatte an der Themse, dem Flusse Londons, einen sehr schönen Garten mit einem bequemen, heitern Palast, den er gebaut hatte, um sich durch den Aufenthalt daselbst zu erholen. Und weil er auf dem Wege vom Hofe dahin, sei es zu Land oder zu Schiff auf dem Flusse, an dem Hause des Grafen Richard vorüber mußte, machte der König täglich, bald zu Wasser, bald auf der Straße am Hause vorüber, das er von Alix bewohnt wußte, seinen Ausflug dahin, aus Verlangen, sie zu sehen, die stets in seinem Geiste weilte. Es gelang ihm indes selten, sie zu sehen, da sie von den Fenstern gegen die Straße oder von dem Erker gegen die Themse zu, sobald sie merkte, daß der König kam, sich plötzlich zurückzog und versteckte, worüber der König aufs äußerste betrübt war. Und doch freute es ihn schon, nur die Mauern gesehen zu haben, hinter welchen seine grausame und stolze Dame weilte. Aber weil es die Art der feurig Liebenden ist, daß sie, je mehr ihnen der Anblick ihrer Geliebten streitig gemacht wird, diese um so mehr zu sehen wünschen und verlangen, so gab sich der König, dem mehr daran gelegen war, Alix' Anblick teilhaftig zu werden, als seine Herrschaft in Frankreich zu befestigen, je mehr er sich das Liebäugeln versagt sah, um so mehr Mühe und versuchte auf jede Art, wie es ihm gelingen möchte, ihrer ansichtig zu werden. Deshalb fing er an, ganz rücksichtslos nicht nur ihr drei-, viermal des Tages am Hause vorüberzugehen oder mehr oder weniger, je nachdem ihn die Liebe zog, sondern oft ging er auch geradezu ohne sonstige Absicht vor dem Hause auf und ab, so daß in kurzem jedem die Liebe des Königs klar wurde, und was allen verborgen war, das entdeckte sich dem ganzen Volke. So wurde denn unter groß und klein diese Verliebtheit ruchbar; alle hörten von der Sprödigkeit und Grausamkeit der Dame, die sich fast nie mehr an Erker noch Fenster sehen ließ, weshalb alle miteinander die Frau tadelten und bald über dies, bald über jenes sie beschuldigten, indem alle wollten, daß sie sich dem König zur Beute hätte geben sollen. Allen Leuten ist es meistens eine Freude, zu den Festen anderer zu gehen und Gesang und Tanz beizuwohnen; niemand aber mag solches Turnier im eigenen Hause. Alle möchten gern, daß ihre Herren heiter in Lust und Liebe leben, weil man meint, wenn der Herr verliebt ist, seien alle seine Untertanen in Freude und Wonne; niemand aber behagt es, wenn er in seinem Hause mit seinen Frauen schäkert. So hätten denn alle Engländer gern gehabt, wenn der König seinen Zweck erreicht und seine Zeit gut hingebracht hätte; niemand aber wäre es lieb gewesen, hätte sich der König in seine Frau, Tochter, Schwester oder sonstige Angehörige verliebt.

Der König beharrte nun in seinem herben, mühevollen Leben; da er aber immer weniger von der starren und unbezwinglichen Keuschheit der Alix hoffte, wurde er täglich schwermütiger, so daß er mehr einem wilden Tiere des Waldes glich als einem Menschen. Darum wurde nicht nur von der Stadt London, sondern von der ganzen Insel, die bereits in die Mitwissenschaft dieser Liebesangelegenheit gekommen war, die Standhaftigkeit und das keusche Beharren der Frau verabscheut und getadelt, da das Volk immer geneigter ist, das Gute zu tadeln, als das Böse. Dann waren einige am Hofe, die durch Sendungen und Botschaften zugunsten des Königs die Frau versuchten, teils schmeichelnd, teils drohend. Andere sprachen mit ihrer Mutter eindringlich zum Vorteil des Königs und stellten ihr den Vorteil vor, der daraus erfolgen müsse, wenn Alix sich entschlösse, den Willen des Königs zu erfüllen, und welcher und wie großer Schaden im Gegenteil ihr drohe, wenn sie auf solcher Härte beharre. So bemühte sich der eine auf diese, der andere auf andere Weise, die Mutter dahin zu bringen, daß sie die Tochter bitte, dem König seinen Willen zu tun, und die Tochter, daß sie die große Härte ablege, sich fügsam erweise und gegen eine so erhabene und so heftige Liebe nicht immer spröde bleibe.

Alix aber, was man ihr auch sagen oder vorstellen mochte, wich und wankte nie in ihrem Vorsatz. Da sie jedoch fürchtete, der König möchte vielleicht eines Tages Gewalt gegen sie gebrauchen, wußte sie sich ein scharfes, schneidendes Messer zu verschaffen, das sie unter den Kleidern an einem Gürtel befestigte, mit dem Vorsatz, sobald sie sehe, daß ihr Gewalt geschehe, sich lieber selbst ums Leben zu bringen, als die Notzucht zu ertragen. Die Mutter, was auch der Grund sein mochte, stand in der Mitte: sie hatte den reichen Verheißungen und Anerbietungen ihr Ohr geöffnet, die ihr von Seiten des Königs gemacht worden waren; der Ehrgeiz kämpfte mit ihr, indem sie sich vorstellte, wenn ihre Tochter die Freundin des Königs würde, sei sie die erste Frau und Baronin der Insel. Sie ließ sich daher mehrmals mit ihrer Tochter ins Gespräch ein, redete hin und her und mühte sich ab, sie dahin zu bringen, so dringenden Bitten des Königs sich zu fügen; aber sie fand sie immer in derselben Haltung, fester als einen unbeweglichen harten Fels, wenn die hochgeschwollenen drohenden Meereswogen ihn bekämpfen. Als endlich der König merkte, daß alle Versuche umsonst waren, und daß, wenn er nicht einen andern Weg einschlage, er weiter als je vom Ziele entfernt sei, wußte er gar nicht, wohinaus, da es ihm nicht gefiel, Gewalt zu gebrauchen, wiewohl ihn vielmals die Lust ankam, sie förmlich zu rauben. Diese seine Liebe war so bekannt und allgemein verbreitet, daß man in der Residenz zu London von nichts anderem sprach; ja, es war so weit gekommen, daß, mit wem immer er sich unterhielt, er nichts anderes wußte, als von der Sprödigkeit seiner Geliebten zu plaudern, wobei er jedermann bat, ihm mit Rat und Hilfe beizustehen.

Ich bin genötigt, eine kleine Abschweifung zu machen und zwei Worte zu sagen, die mir eben einfallen. Wenn jene Hofleute, die mit dem König sprachen, wahre Hofleute gewesen wären, hätten sie sich bemüht, dem König zu raten, sich von einer so törichten eiteln Liebe zurückzuziehen, und sie hätten ihn mit einem so nützlichen Rat zugleich unterstützt. Sonst waren die Hofleute rechtliche und wohlgesittete Männer, voll Höflichkeit und mit jeder Tugend begabt; die aber, die heutzutage sich Hofleute nennen (ich spreche von den schlimmen, nicht von den guten) haben nichts anderes vom Hof, als daß sie am Hofe leben; und wenn sie nur in der Kleidung mehr als andere geordnet und geputzt erscheinen, so meinen sie, sie seien die ersten Männer von der Welt. Denn während sonst die echten guten Hofleute sich mit der Übung der Waffen, der Wissenschaften und anderer löblicher Dinge ergötzten und ihre ganze Zeit hinbrachten mit Höflichkeiten, mit Friedenstiften unter Feinden, mit Wiederherstellung der Eintracht zwischen Zwieträchtigen, mit Vereinigung Entzweiter, tun diese gerade das Gegenteil, und wenn sie gegen einen, der weniger vermag als sie, den Bramarbas spielen, meinen sie schon, sie seien der große Tamerlan. Wenn die guten Höflinge sich durch Übung zu rüstigen, gewandten und biedern Rittern machten, so sind die, von denen ich spreche, nur darum bekümmert, nicht es zu sein, sondern mit einem schönen Degen an der Seite zu erscheinen, und sie halten mehr darauf, daß man von ihnen sage, sie taugen etwas, als daß sie wirklich etwas taugen. Wissenschaftlich gebildet zu sein, halten sie für eine Schande und sagen, Studieren und über Büchern Bleichwerden sei Sache der Doktoren, Priester und Mönche. Nichtsdestoweniger sind sie unverschämt und keck genug, wenn sie irgendwohin kommen, wo zwischen höheren Geistern über irgendeinen merkwürdigen Gegenstand gestritten wird, sei es aus menschlichen oder göttlichen Wissenschaften, daß sie, die doch gern als gelehrt erscheinen möchten, anmaßenderweise die ersten sind, die mit ihrer Vorlautheit kurzweg alles entscheiden wollen, so daß sie oft die größten Tölpeleien und lächerlichsten Dummheiten vorbringen, die man je gehört hat, und noch verlangen, daß man ihnen auf das bloße Ansehen des Namens glaube, als wären sie Aristoteles und Plato. Das, was in ihrem unwissenden Gehirn nicht Platz findet, wollen sie als etwas Unmögliches nicht hören. Sie sind höflich in Worten, aber die Taten wirst du den Reden ganz widersprechend finden; denn sie werden dir aufs ausgedehnteste zusagen, deine Angelegenheiten bei dem Gebieter zu begünstigen, werden aber nichts tun, weil dein Gegner ihnen viel mehr gegeben hat als du. Aber darum wird der, der mit dir prozessiert, nicht mehr begünstigt werden als du: denn wie du betrogen wirst, findet sich auch der andere getäuscht. Es reicht diesen hagern Höflingen hin, wenn der Pöbel glaubt, sie stehen in großem Ansehen beim Fürsten, und wenn sie von diesem und jenem Geld ziehen. Sie werden dir versprechen, mit dem Herrn über deine Angelegenheiten zu reden, und werden mit ihm in deiner Gegenwart über andere Dinge flüstern und dich glauben machen, sie haben von dir gesprochen, und werden dir stets tausend Fabeln feilbieten. Von der Zahl dieser war Vetronius Turinus bei Alexander Severus, dem römischen Kaiser; als nachmals seine Schlechtigkeit entdeckt und durch die List eben dieses Alexander für mehr als wahr erfunden ward, bekam er die verdiente Züchtigung. Es wurde nämlich das Urteil gesprochen, Turinus solle an einen großen Pfahl mitten auf dem Platz gebunden, um den Pfahl her aber ein Feuer aus grünem Reisig und Gesträuch angezündet werden, das einen ganz dunkeln, langsamen Rauch errege, in dem der unglückliche Turinus allmählich ersticken mußte. Und während der Elende diese Qual erduldete, rief ein Hofbedienter unaufhörlich: »Durch Rauch läßt man Turinus sterben, denn er hat Rauch verkauft.« Auf diese Weise also starb der eitle, rauchige Turinus an Rauch. Würde man es in unserer Zeit noch so machen, so wären die Höfe in größerer Achtung, als sie jetzt sind, und außer dem Feilbieten von Rauch, das etwas aus der Mode käme, würden die Hofleute nicht so stets bei der Hand sein, Lügen feilzubieten, noch würden sie den Hunden ähnlich werden, indem sie einander beißen und zerfleischen; denn sobald der Herr ihnen Gehör schenkt, kann ich euch sagen, daß sie nicht übel musizieren und von diesen und jenen schlecht reden, die vielleicht besser sind als sie. Aber der Neid macht sie so eiskalt, daß sie es nicht aushalten können, einen zu sehen, der mehr als sie wert ist, aus Furcht, ein solcher möchte bei dem Fürsten in Gunst kommen, und daß sie ihn aus seiner Stellung verdrängen. Wenn sie sodann ihren Gebieter getäuscht oder in Irrtum über irgend etwas befindlich sehen, sofern nur die Angelegenheit sie nicht selbst berührt, so glaubt ja nicht, daß sie sich bemühen, ihn zu enttäuschen! Alle gehen hinter dem Willen des Herrn her, entstehe daraus Gutes oder Schlimmes. Und die Veranlassung hiervon ist die Feigheit vieler, die nicht den Mut haben, die Wahrheit zu sagen; sondern wenn der Herr »Ja« sagt, so bekräftigen sie es; sagt er »Nein«, so stimmen sie denselben Ton an, ohne Rücksicht darauf, ob das, was sie sagen, gut oder schlecht abläuft. Ich will sodann gar nicht von jenen Küchenfalken sprechen, die aus keinem andern Grunde an den Höfen sich aufhalten, als um an den reichen und fetten Tischen der Herren zu sitzen, und die zu nichts gut sind, als das zu verschlingen, was wackern Rittern und tugendhafteren als sie ziemen würde. Wenigstens sollten sie Hofnarren und Schmarotzer genannt werden und sich nicht den Namen Edelmann anmaßen, da sie der Gesittung und feinern Bildung so wenig Ehre machen. Und wiewohl alle diejenigen, die unter das Banner des Hoflebens gestellt sein und doch nicht als wahre Hofleute leben wollen, unendlich tadelnswürdig sind und ihr Umgang von allen Guten geflohen werden muß, scheint es mir nichtsdestoweniger, daß ihre Herren ebensoviel Tadel verdienen, wenn sie so leben, daß sie nicht wollen, daß man ihnen die Wahrheit sagt, vielmehr diejenigen für schön und rechtschaffen halten, die ihnen nie widersprechen. Das sind dann solche, die alles mit ihrer offenbaren falschen Schmeichelei beraten und anordnen. Hieraus ist jenes Sprichwort entstanden, das man zuweilen hört:

Wer Schmeicheln nicht versteht,
Vom Hofe bald weggeht.

Und dennoch ist die größte Pest, das verderblichste Gift an einem Hofe eben die Schmeichelei. Es gefällt mir auch nicht, daß ein Hofmann, so vornehm er auch sei, sich je herausnehme, den Fürsten öffentlich zu tadeln und in Gegenwart anderer mit ihm zu keifen. Ich versichere, daß jeder treue Diener, wenn er seinen Herrn im Irrtum sieht, mit Gewandtheit und Ehrerbietung und mit Wahrnehmung der schicklichen Zeit ihn ermahnen und mit sanftem anständigen Betragen zur Annahme der Wahrheit geeignet machen soll. O wie viel besser daran, wie viel glücklicher wären die Fürsten, wenn ihnen einer freimütig von vielen Dingen, die sie tun, den daraus erfolgenden Schaden zeigte, die Meinung, die das Volk von ihnen hegt, was das Gerücht von ihnen sagt, und die schlechte Verwaltung ihrer Minister, die auf nichts anderes hinarbeiten, als den Staatsschatz zu berauben und alles zum eigenen Nutzen zu verwenden! Wenn die Fürsten diese Dinge einsähen, würden ihre Besitzungen vortrefflich regiert sein. Es ist freilich nicht zu zweifeln, daß unser Herr und Heiland Jesus Christus alles wußte, was die Völker von ihm sagten: denn er wußte bis ins kleinste alles, und nie war ihm etwas verborgen; und doch verschmähte er nicht, seine Jünger zu fragen, was die Leute von ihm sagten. Und warum, glaubt ihr, hat er eine solche Frage gestellt ? Aus keinem andern Grunde (dafür zeugt uns jede seiner Handlungen), als um denen, die die Völker lenken, und allen andern Gläubigen eine Weisung zu erteilen, daß sie bemüht sein sollen, zu vernehmen, welche Meinung man von ihnen hat, damit sie im Guten beharren und vom Bösen sich abwenden können. Und in Wahrheit, die Fürsten brauchen sonst nichts, als daß sie redliche, aufrichtige und tugendhafte Personen haben, die ihnen liebreich, ungeschminkt und ungeheuchelt die Wahrheit sagen. Solche Leute sollten sie immer bei sich haben und nicht tun wollen, wie viele tun, welche glauben, aus einer Pflaume eine Pomeranze, ich will nicht sagen aus einem Esel einen Renner, zu machen. Aber ich bin gar zu sehr abgeschweift; denn von Kindheit auf bin ich immer an sehr viele Höfe gekommen und weiß gar wohl, wie es daselbst zuzugehen pflegt. Ich sage also, die Hofleute beim König Eduard waren keine von der guten Schule, sondern Schmeichler und Leute von geringem Urteil und grundschlechtem Wesen; darum predigten sie, ohne der Sache auf den Grund zu gehen, alle den Kreuzzug gegen den Grafen Richard, seine Frau, Söhne und Tochter, und die am meisten Schlimmes sagten, hielten sich am höchsten und meinten, gar weise geredet zu haben, die vielleicht, wenn der Graf oder seine Söhne dabei gegenwärtig gewesen wären, großenteils die Zunge im Hals und hinter den Zähnen gehalten und, wie man im Sprichwort sagt, den Schwanz zwischen die Reine genommen und nicht gewagt hätten, den Mund aufzutun. Das Ende war nun, daß die Mehrzahl von ihnen den König ermahnte, mit Gewalt Alix holen zu lassen, sie in den Palast zu bringen und wider ihren Willen seine Wünsche mit ihr zu befriedigen; denn es nehme sich doch nicht gut aus, meinten sie, wenn ein Weib ihres Königs spotten dürfe, und dem Begehren eines Herrschers zieme sich nicht solche Sprödigkeit entgegenzustellen. Dann waren auch noch andere solche da, die den Fisch gesehen hatten und sich erboten, selbst in Person ihn zu fangen; und wenn sie nicht gutwillig mitgehe, so wollten sie sie an den Haaren herbeischleppen. Der König, der den ernstlichen Zorn sich bis zuletzt aufsparte und noch nicht Gewalt gebrauchen wollte, gedachte, zuerst die Gesinnung der Mutter dieser Alix auf die Probe zu stellen, und schickte einen vertrauten Kämmerer zu ihr, der über alles vortrefflich unterrichtet war. Dieser suchte sogleich die Gräfin auf und sagte zu ihr nach den geziemenden Begrüßungen: »Der König, unser Herr, Frau Gräfin, grüßt Euch angelegentlichst und gibt Euch durch mich zu erkennen, daß er alles mögliche getan hat und vielleicht mehr, als ihm ziemte, um die Gunst und Liebe Eurer Tochter zu gewinnen und es so einzuleiten, daß alles insgeheim vor sich gehe und nicht in das Gerede der Leute komme. Da er nun sieht, daß er diesen seinen Wunsch nicht erreichen kann, was er auch tut und getan hat, und daß er keine ausreichende Befriedigung findet, wenn er hier nicht Gewalt gebraucht, so läßt er Euch melden, daß, wenn Ihr nicht für Eure Angelegenheiten sorgt und darauf hinwirkt, daß er seinen Zweck erreicht, Ihr versichert sein könnt, daß er Euch zum Trotz öffentlich und ohne Rücksicht auf Euer aller Ehre die Tochter mit bewaffneter Hand aus dem Hause wird holen lassen, und während es seine Absicht war, mit dem Grafen und allen freund zu sein und ihnen Gutes zu erweisen, ihr größter Feind werden wird. Er wird zeigen, was er ausrichten kann, wenn er erzürnt ist und wenn eine Ansicht sich in seinem Kopfe festgesetzt hat und er sich entschließt, etwas zu wollen, wie er dazu jetzt entschlossen ist, da er denkt, er dürfe doch nicht den ganzen Tag schmachten und andere über ihn lachen und höhnen lassen. Hiermit, Frau Gräfin, Gott befohlen!« Als sie diese unverhoffte heftige Äußerung hörte, wurde sie von solchem Schrecken überfallen, daß sie schon mitanzusehen meinte, wie ihre Tochter ihr vor den Augen an den Haaren aus dem Hause gezogen, ihr die Kleider zerrissen werden und sie mit lauter Stimme um Gnade rufe, weshalb sie weinend und zitternd den Kämmerer inständigst bat, er möge sie der Huld des Königs empfehlen und ihn ersuchen, nicht so in rasender Wut das Haus des Grafen zu verunehren, der ihm stets ein so treuer Diener gewesen sei. Sodann sagte sie zu ihm, sie wolle mit ihrer Tochter reden und nicht nachlassen, bis sie sie dahin gebracht habe, dem König zu Gefallen zu sein. Mit dieser guten Antwort nahm der Kämmerer Abschied; die Gräfin aber ging weinend in das Gemach der Alix, die mit ihren Jungfrauen an der Arbeit saß. Die Gräfin schickte alle Frauen aus dem Zimmer und setzte sich neben Alix, die aufgestanden war, um sie ehrerbietig zu empfangen, voll Verwunderung über ihre Tränen. Sie hieß nun ihre Tochter niedersitzen und sagte ihr, der Kämmerer des Königs sei gekommen, und was er ihr zuletzt mitgeteilt habe.

»Meine teure Tochter«, fügte die Gräfin weinend hinzu, »es gab eine Zeit, wo, wenn ich sah, wie du unter den schönen Frauen dieses Reiches die schönste und allersittsamste warst, ich mich für eine überschwenglich glückliche Mutter hielt und mich in dem Glauben bestärkte, wegen deiner so seltenen Eigenschaften müsse uns Ehre und Nutzen zuteil werden. Aber ich habe mich gar sehr geirrt und fürchte, du seiest zu unserem Untergang und unserem gänzlichen Sturz geboren, und du seiest, was Gott verhüte, die Ursache des Todes unser aller. Wenn du nun einigermaßen deine Starrheit beugen und dich berichten lassen willst, so würde sich der ganze Schmerz und unsere Trauer in Lust und Freude verwandeln. Weißt du nicht, meine Tochter, daß ich dich immer zärtlicher als alle meine andern Kinder geliebt habe, und was du von mir im geheimen erhalten hast, als der Graf von Salisbury, den Gott selig haben möge, dich zur Frau nahm? Warum willst du also nicht aus Liebe zu mir diese deine Härte brechen und dich von mir leiten lassen, die ich ja deine Mutter und deine liebevolle Mutter bin? Bedenke, daß der König nicht nur in dich verliebt, sondern fast verrückt ist durch deine spröde Grausamkeit! Er befindet sich sehr übel, und sein Leben schwebt in größter Gefahr. Alle Welt weiß, daß deine Hartnäckigkeit sein Übel und seine Unzufriedenheit veranlaßt hat, so daß wir den Haß aller auf uns laden, denen das Wohl des Königs am Herzen liegt, und das wünschen alle außer dir. Erinnerst du dich nicht, daß es oft vorgekommen ist, wenn wir zur Messe oder sonst in andern Angelegenheiten ausgegangen sind, daß wir von groß und klein viel Übles auf uns sagen hörten? 'Seht da' hieß es, 'die Bluthündinnen, die an unserm König saugen, seht die Mörderinnen, die ihm nie auch nur eine freundliche Miene gönnten, noch ein gefälliges Wort, – die wollen die Heiligen spielen, und am Ende, wenn man recht nachforschte, stellte sich heraus, daß ein Stallknecht oder ein Barkenführer sie genießt. Käme doch Donner und Wetter vom Himmel, um sie alle zu verbrennen und zu verzehren!' Diese Worte hast du gewiß so gut gehört wie ich, und welchen Unmut und Kummer mir dies verursacht hat und noch immer verursacht, das möge Gott dir sagen. Jedoch, meine teuerste Tochter, bitte ich dich flehentlich, du mögest meinen Bitten dich etwas fügen und nicht unser Unheil und Verderben werden. Du mußt wissen, daß Fürsten und Könige, wenn sie einen ihrer Untertanen gebeten haben, dem sie befehlen können, und sehen, daß ihre Bitten nicht den Erfolg haben, den sie haben sollten, sich zur Gewalt wenden und dem Widerspenstigen zum Trotz, auch ohne daß es ihren Untertanen gefällt, alles tun, was ihnen genehm ist. Unser König wird es ebenso machen und hat mir bereits damit gedroht, dies zu tun; so daß, was leicht und im stillen hätte geschehen können, auf eine Weise zur Ausführung kommt, daß die ganze Insel und Frankreich obendrein zu unserer ewigen Schmach es erfahren wird; und für alles, was der König tut, wird er dir nicht dankbar noch erkenntlich sein, vielmehr wird uns nur Unehre und Spott zuteil werden. Darum, meine Tochter, bitte ich dich, es nicht bis dahin kommen zu lassen. Überlege ein wenig, wie wir hier im Hause von Dienerschaft entblößt sind, seit dein Vater und deine Brüder uns verlassen haben: denn jeder fürchtet die Wut des Königs. Siehst du nicht, daß ich um deinetwillen fast Witwe geworden bin? Dein Vater und deine Brüder haben London verlassen, um nicht solchen Hohn stets vor Augen zu haben, da sie ahnten, daß irgendein großes Ärgernis bevorstehe. Dies wird auch ganz gewiß zu unser aller Schmach und Schaden eintreffen, wenn du nichts anderes tust, als du bisher getan hast. Wie viel besser wäre es für uns gewesen, wenn der erste Tag, der dich ins Leben rief, auch der letzte gewesen, oder wenn ich an der Geburt gestorben wäre, um mich nicht jetzt in dieser Bedrängnis zu sehen! Ach, und als der Graf von Salisbury aus dem Gefängnis kam. und starb, warum bist nicht du an seiner Statt gestorben? Ich bitte unsern Herrn im Himmel, mich aus solcher Pein und Qual zu erlösen, da du dazu entschlossen bist, in solcher Starrheit zu verharren, und du dich um den Untergang des ganzen Geschlechts nicht kümmerst. Glaubst du, ich merkte nicht, daß du meinen Tod wünschest, grausame, undankbare Tochter, die so wenig Rücksicht und Liebe für ihre Eltern hat? Und freilich würde ich jetzt mehr als gerne sterben, da ich einsehe, daß es mir eine geringere Qual wäre, zu sterben, als in diesem jammervollen Kummer zu verharren, von welchem ich fortwährend mein Herz in den herbsten Schmerzen verwundet sehe.«

Mehr konnte die bekümmerte Gräfin nicht sprechen, weil sie eine heftige Ohnmacht befiel und ihr mit so außerordentlichem Schmerz das Herz zusammenpreßte und sie so unterdrückte, daß sie mehr einer Toten als einer Lebenden glich und Alix in den Schoß sank. Die Gräfin schien vollständig ins andere Leben übergegangen zu sein, so blaß war sie im Gesicht, so kalt an allen Teilen des Körpers und ohne Bewegung. Sie hätte wilde Tiere und kalten Marmor zum Mitleid gebracht, geschweige eine Tochter, die, da sie sie von so seltsamem und heftigem Anfall geplagt sah, sie für tot oder dem Tode nahe hielt, weshalb sie die Tränen nicht zurückzuhalten vermochte. Unter bitterem Weinen löste sie daher der bekümmerten Mutter die Kleider, rief tiefbewegt ihren Namen, rieb sie am Leib, bewegte sie hin und her und mühte sich ab, die verirrten Lebensgeister zurückzuholen. Sie rief sodann ihre Frauen, ließ sich warme Tücher bringen und Wasser, um es der Mutter ins Gesicht zu spritzen, die denn nach einer guten Weile schwer aufatmend wieder zu sich kam und sprach: »Weh mir, wo bin ich ?« Alix küßte sie, suchte sie aufzurichten und überhäufte sie mit Schmeicheleien und Liebkosungen aller Art. Unterdessen befiel die Gräfin eine andere Ohnmacht mit einer Beklemmung des Herzens und so heftigen Anfällen, daß in ihr von neuem jedes Lebenszeichen erlosch; weshalb man nochmals sich genötigt sah, weitere Mittel anzuwenden, um sie wieder ins Leben zurufen, und es dauerte nicht lange, bis dies geschah. Bei diesen kläglichen Anfällen konnte es nicht fehlen, daß Alix nicht aus Erbarmen mit ihrer Mutter das Herz im Leibe sich umkehrte, ihre Demanthärte einigermaßen sich erweichte und ihre Starrheit in etwas nachließ. Dieser unbesiegte Geist, dieser ihr so fester Wille, der von so vielen andern Angriffen und Entgegnungen umsonst bekämpft worden war, konnte bei einem so kläglichen Falle der Mutter nicht standhalten; übermannt von tiefgefühltem Mitleid, faßte vielmehr Alix den Gedanken, die Ihrigen aus der Mühsal zu befreien.

Als daher die Gräfin schon wieder ziemlich zu sich gekommen war und noch immer weinte und seufzte, sprach Alix auf folgende Weise zu ihrer Mutter: »Trocknet die Tränen, meine Mutter, und grämt Euch nicht mehr! Seid gutes Muts und tröstet Euch, denn ich bin geneigt und bereit, zu tun, was Ihr verlangt. Verhüte Gott, daß man je sage, daß ich den Meinigen so viel Pein verursacht habe, wie Ihr zu dulden scheint! Ich will nicht, daß mein Vater und meine Brüder um meinetwillen sich irgendeinem Schaden aussetzen; denn ich bin verpflichtet, mit aller Anstrengung von meiner Seite ihre Wohltat anzuerkennen und zu sterben, damit sie leben. Seht, ich bin bereit, mit Euch den König aufzusuchen, damit wir beide ohne fremde Vermittelung unsere Angelegenheiten abmachen: denn wir werden dies besser tun als irgend jemand sonst. Wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren, nicht mehr weinen, sondern uns an die Ausführung dessen machen, was zu tun ist.«

Als ihre Mutter diese unerwartete und unverhoffte Antwort hörte, war sie so erfüllt von Freude, daß sie fast nicht glauben konnte, diese Worte gehört zu haben. Und nachdem kurz zuvor die Herbheit des Schmerzes sie außer sich gebracht hatte, war sie nun fast wieder ebendahin gebracht aus Übermaß ihrer Freude. Sie hob daher beide Hände gen Himmel und dankte Gott aufrichtig, daß er der Tochter Willen so gelenkt habe, als gäbe Gott Ehebruch und Hurerei ein. O wie töricht sind doch so oft die unglücklichen und unwissenden Sterblichen, die lachen, wo sie weinen sollten, die sich betrüben, wo sie heiter sein dürften! So machte es auch diese gute Frau, die, indem sie Kupplerin ihrer Tochter wurde, Gott ein Opfer zu bringen vermeinte. Sie umarmte sie daher zärtlich, weinte vor Freude, küßte sie vielmals und konnte sich nicht von ihrem Halse losreißen.

Es war gerade der Monat Juni und die Mittagsstunde, wo wegen der Hitze viele Leute zu schlafen pflegen. In dieser Zeit ließ die Gräfin eine kleine Barke bereit machen, um zu Wasser nach dem Garten des Königs zu kommen, von dem ich bereits gesprochen habe, und wohin er sich damals zurückgezogen hatte, um mehr allein und ungestört zu sein. Alix ging inzwischen in ihr Gemach, kleidete sich aber nicht anders an, als sie bereits war, sondern nahm ihr scharfes Messer und hängte es unter ihren Gewändern an einen Gürtel; darauf trat sie vor ein Bild, das die Königin des Himmels, die Mutter Gottes und die Zuflucht der Bedrängten, darstellte, wie sie in ihren Armen das Bild ihres allerliebsten Söhnleins hielt, sank auf die Kniee und bat sie inbrünstig, ihren Sohn ihr günstig zu stimmen, damit sie ihr keusches Vorhaben durchzuführen imstande sei. Dann stand sie voll Vertrauen und Standhaftigkeit auf und wandte sich zu der harrenden Mutter, die schon alles hatte vorbereiten lassen. Der Garten des Hauses des Grafen Richard stieß an die Themse, und es war daselbst eine Tür, an der die Barke hielt. Dorthin ging die Gräfin mit Alix und mit zwei Fräulein, und sie stiegen alle in die Barke, die von zwei Dienern geleitet war, und flußabwärts schwimmend gelangte das kleine Fahrzeug an den Rand des königlichen Gartens. Das Gestade war so eingerichtet, daß man durch eine einzige Tür hinaufsteigen konnte; die ganze übrige Umgebung war von hohen Mauern eingeschlossen. Die Tür war kurz zuvor von dem Kämmerer geöffnet worden, der um die Liebe des Königs wußte, und dieser war um dieselbe Zeit ganz allein am Ufer des Flusses; er hatte sich, um besser über seine Liebe nachzudenken, von seinen Hofleuten heimlich entfernt und nicht weit davon unter kühlem Schatten auf duftigen Kräutern niedergelassen. Der Kämmerer saß der geöffneten Tür gegenüber unter Gebüschen, teils um die frische Luft zu genießen, die von den gekräuselten Gewässern sanft herwehte, und andererseits, damit niemand hereinkomme. Als nun die Frauen diesen Ort erreicht hatten, stiegen sie am Uferrande des Flusses aus und befahlen den Barkenführern, sich nicht mit der Barke von hier zu entfernen. Dann stiegen sie einige Stufen empor und traten in die Tür. Als der Kämmerer sie sah und die Gräfin erkannte, wunderte er sich sehr; aber noch viel mehr nahm ihn wunder, als er die schöne Alix erblickte. Er ging ihnen daher entgegen, empfing sie ehrerbietig, grüßte sie und fragte sie, was sie tun wollten.

»Wir sind gekommen«, sagte die Gräfin, »um dem gnädigsten König, unserm Herrn, aufzuwarten, da er eben erst Euch erklärt hat, daß er mich dazu zwingen werde.« Voll unendlicher Freude ließ der Kämmerer die beiden Diener mit ihrem Fahrzeug in eine kleine Bucht fahren, wo der König seine Barken verschlossen hatte, riegelte die Gartentür zu und machte sich im Gespräche mit der Gräfin nach der Stelle, wo der König saß, auf den Weg. Wie schon bemerkt worden ist, saß in diesem Augenblick der König im Schatten unter Gedanken über die Grausamkeit und Härte der Alix. Zugleich betrachtete er mit den Augen des Geistes ihre reizende Schönheit, die ihm die schönste und wundervollste deuchte, die er je gesehen und von der er je hatte reden hören; er hatte sich so sehr in seine Gedanken vertieft, wobei ihm tausend Dinge durch den Sinn hin und her gingen, daß er auf nichts sonst acht hatte. Der Kämmerer führte die Frauen so weit, daß sie den König sahen, ehe er sie hörte oder bemerkte.

Da wandte sich der Kämmerer zu der schönen Alix: »Seht, gnädige Frau«, sagte er, »hier ist Euer König, und gewiß denkt er an nichts anderes als an Euch; und wenn man ihn jetzt nicht störte, bliebe er so allein und nachdenklich drei, ja vier Stunden lang sitzen, so heftig ist er verstrickt in die Netze Eurer Liebe.«

Die junge Frau, von sittsamer Entrüstung durchglüht, fühlte in diesem Augenblick ihr Blut kälter als Eis durch alle Adern rinnen, im nämlichen Moment aber sich ganz in Flammen stehen. Dies machte ihr Angesicht noch schöner, farbiger, reizender als gewöhnlich. Sie hatten sich auf weniger als fünf Schritte dem König genähert, als der vertraute Kämmerer vor ihn trat und zu ihm sprach: »Gnädigster Herr, hier ist die schöne Gesellschaft, die Ihr so sehr gewünscht habt, und sie kommt Euch aufzuwarten.«

Wie aus tiefem Schlafe erwachend, hob der König das Haupt empor, und als er die Gräfin erkannte, wunderte er sich sehr über ihr Kommen; er stand sodann auf und sagte zu ihr: »Seid willkommen, Frau Gräfin! Welche guten Neuigkeiten führen Euch zu so heißer Stunde hierher?«

Sie machte darauf eine tiefe Verbeugung und antwortete mit gedämpfter, zitternder Stimme: »Seht hier, gnädigster Herr, Eure ersehnte Alix, welche, ihre Härte und Sprödigkeit bereuend, kommt, um Euch die geziemende Ehrfurcht zu bezeugen und eine Weile bei Euch zu bleiben, länger oder kürzer, ganz nach Eurem Gefallen.«

Als er hörte, daß Alix bei ihrer Mutter war, und diese, die unter ihren Fräulein verschämt und entrüstet dastand, bemerkte, war er so erfüllt von Freude, daß er sich gar nicht zu fassen wußte und nie eine solche Lust gefühlt zu haben wähnte. Er näherte sich daher ihr, die ihre schönen Augen zur Erde geneigt hatte, und sprach zu ihr: »Sei willkommen, mein Leben, meine Seele!«

Damit küßte er sie, die sich unwillig zeigte, trotz ihrem Widerstreben, so gut er konnte, und nahm sie bei der Hand. Wer vermöchte die unendliche Genugtuung, die unermeßliche Freude des Königs zu schildern und die äußerste Unzufriedenheit, den grenzenlosen Unmut der Alix? Dem König war es, als wäre er im Paradiese und schwämme in einem weiten Meere der Wonne; die junge Frau aber deuchte sich in der Hölle, versenkt in jenes Feuer der Qual.

Als nun der König bemerkte, daß sie ganz zitternd und verschämt die Hand zurückgezogen hatte und ihm auch nicht eine Silbe erwiderte, meinte er, die Anwesenheit der Mutter, ihrer Frauen und des Kämmerers verursachten diese Sprödigkeit. Er nahm daher die Gräfin bei der Hand, sagte ihr, sie solle ihre Frauen nachkommen heißen, und so schlug er den Weg nach seinen Zimmern ein. Auf geheimen Pfaden gelangten sie nun alle in die königliche Wohnung. Der Garten und der Palast waren so gelegen, daß der König auf geheimen Wegen an den Fluß hinabsteigen und in seine Gemächer zurückkehren konnte, ohne von jemand anders gesehen zu werden, als wen er mit sich führte. Als nun alle in dem Gemache waren, sagte der König zu der Gräfin: »Gnädige Frau, mit Eurer günstigen Genehmigung will ich mit Frau Alix in jenes kleine Zimmer treten, um mich mit ihr zu besprechen.«

Er nahm diese sofort bei der Hand und lud sie gar höflich ein, hier mit ihm einzutreten. Alix, ganz verschämt, faßte doch einen Löwenmut und trat hinein; der König aber, als er sie drinnen sah, verschloß die Tür der Kammer mit dem Riegel. Kaum hatte der König die Tür verschlossen, als Alix, um zu verhindern, daß er ihr Gewalt antue, vor ihm auf die Kniee sank und mit fester Stimme und gebietendem Wesen also zu ihm sprach: »Gnädigster Fürst, ein ungewohnter Trieb hat mich vor Euch geführt, wohin ich nie auf diese Art zu kommen hoffte; aber entschlossen, mich von der Überlast Eurer Gesandten und Botschaften zu befreien und meinen Eltern zu genügen, die, von Euch bestochen, mich den ganzen Tag aufmuntern, Euch zu Willen zu sein, während sie mich eher hätten erdrosseln sollen, – fest in meinem Innern entschlossen, dasjenige auszuführen, was ich im Sinne habe, bin ich hier bereit, Euren Befehlen zu gehorchen. Ehe ich mich aber Eurer ganz freien Verfügung hingebe und Ihr mit mir Euch den Genuß verschafft, wonach Ihr, wie Ihr zeigt, so sehr trachtet, will ich mich durch die Erfahrung vergewissern, ob Eure Liebe zu mir so glühend ist, wie Ihr mir in so vielen Briefen geschrieben, wie Ihr mir noch weit öfter mündlich habt sagen lassen. Und wenn es so ist, wie Ihr mich glauben machen wollt, so werdet Ihr mir eine kleine Gunst erzeigen, die Euch leicht ausführbar ein, mir aber die größte Freude machen wird, die ich je hoffen und erhalten könnte. Wenn nun das, was ich von Euch verlangen werde, Euch vielleicht hart und schwer ausführbar erscheinen wird, so will ich von Euch hören, ob Ihr es tun werdet oder nicht; sonst hofft nicht, daß ich, solange ich noch einen Hauch des Lebens in mir habe, Euch je in irgend etwas werde zu Willen sein! Erinnert Euch, mein König, an das, was Ihr schon zu Salisbury zu mir gesagt und nachher mir geschrieben und mitgeteilt habt, daß, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr mir etwas Angenehmes erweisen könntet, ich Euch nicht so viel befehlen könnte, als nicht von Euch sogleich zur Ausführung gebracht würde. Nun befehle ich Euch nicht – denn das darf ich mir nie anmaßen –, vielmehr bitte ich Euch ganz untertänig und flehe, daß Ihr geruhen wollt, mir Euer Wort und Eure Ehre zu verpfänden, daß Ihr tun wollt, um was ich Euch anflehe, und erinnert Euch, daß Königswort nicht lügen noch eitel sein darf!«

Der König, der während ihrer Rede ihr fest in ihr schönes Gesicht geblickt hatte, und dem sie ohne Vergleich viel schöner und liebenswürdiger vorkam, als er sie je gesehen hatte, würde, als er sich nun so inständig anflehen hörte von diesem Munde, von dem er einen Kuß der Liebe so sehnlich wünschte, ihr nicht nur eine kleine Gnade, sondern das ganze Königreich versprochen haben. Er rief daher Gott und alle Heiligen des Paradieses zu Zeugen an für alles, was er ihr sagen und versprechen wolle, und antwortete ihr in folgender Gestalt: »Meine Einzige und von mir unendlich und über alles, was erschaffen ist, Geliebte, meine Gebieterin, da Ihr, Dank sei Euch dafür, geruht habt, hier in unser Haus zu kommen, und von mir verlangt, daß ich, ehe ich meinen Willen mit Euch erfülle, Euch eine Gnade erweise, bin ich bereit, Euern Wunsch zu tun, und schwöre Euch bei der Taufe, die ich auf dem Haupte habe, und bei aller Liebe, die ich für Euch hege – denn ein höheres Gelübde kann ich nicht ablegen –, daß ich alles, was Ihr mir zu tun anmutet, ohne Widerrede leisten will, vorausgesetzt, daß Ihr mir nicht befehlt, Euch nicht zu lieben, noch Euch, wie ich es bin und stets bleiben werde, ein rechtschaffener treuer Diener zu sein; denn wenn ich Euch dies auch verspräche und mit tausend und aber tausend Eiden bekräftigte, so könnte ich das doch niemals halten: so wenig der Mensch ohne Seele leben kann, könnte ich Euch zu lieben aufhören; und eher geschähen alle unmöglichen Dinge, als daß ich Euch nicht liebte. Verlanget daher kühn, was Euch beliebt: denn ich und mein Reich sind in Eurer Gewalt. Und wenn ich je daran denken sollte, Euch nicht zu halten, was Ihr von mir verlangt, wenn es doch in meiner Gewalt ist oder in der Gewalt irgendeines Menschen, der in meinem Reiche sich findet, so bitte ich Gott andächtig, daß er an dem Prinzen von Wales, Eduard, meinem Erstgebornen, und an meinen andern Söhnen oder an allem, was mir sonst teuer ist, mich ferner keine Freude mehr erleben lasse!«

Die schöne Alix wollte jetzt, obschon sie eingeladen ward, sich zu erheben, noch nicht aufstehen; sie faßte vielmehr knieend, wie sie war, sittsam die Hand des Königs und sprach also zu ihm: »Und ich, Sire, indem ich Euch die königliche Hand küsse, danke Euch für die Gnade, die Ihr mir erweiset, unendlich und bin Euch aufs höchste verpflichtet. Ich vertraue daher schuldigermaßen auf Euer königliches Wort und werde Euch um das Geschenk anflehen, das ich wünsche wie mein Leben.« Der König, der in der Tat gerührt war von aufrichtiger Liebe, und der Alix mehr liebte als seinen Augapfel, schwur ihr von neuem auf das eindringlichste, er wolle treu und ohne Arglist königlich alles leisten, was sie von ihm verlange. Indessen zog sie das schneidende Messer hervor, das eine mehr als zwei Spannen lange Klinge hatte, vergoß die heißesten Tränen, die ihr die schönen, rosigen Wangen netzten, und sagte in jammerndem Tone zum König, der voll Staunen und Verwunderung war: »Herr, das Geschenk, das ich von Euch verlange, und das Ihr mir zu gewähren Euch verpflichtet habt, besteht darin, daß ich Euch von ganzem Herzen bitte und inständig anflehe, daß Ihr mir meine Ehre nicht nehmen wollet, sondern daß Euch lieber gefalle, mit Euerm Degen mir dieses hinfällige und gebrechliche Leben zu nehmen, damit, wenn ich bisher standesgemäß unbescholten gelebt habe, ich auch standesgemäß in Ehren sterbe. Wenn ich diese Gnade von Euch erlange, daß Ihr mich eher ermordet, als daß Ihr mir meine Ehre nehmt, so bitte ich Gott, unsern Herrn, daß er Euch stets glücklich erhalten möge und Euch völlige Genüge aller Eurer Wünsche gebe. Andererseits aber gelobe ich Gott und verspreche Euch aufrichtig, wenn Ihr mir das Versprechen nicht haltet, daß ich mich selbst mit diesem scharfen Messer umbringen und daß ich nie zugeben werde, solange ein Atemzug in mir ist, daß man mich mit Gewalt schände. Bedenkt, Sire, daß Ihr das, was Ihr von mir begehrt, von tausend und aber tausend andern schönen Frauen ohne Schwierigkeit erlangen könnt: denn sie werden Euch willig gefällig sein, – während ich aufs festeste entschlossen bin, lieber das Leben verlieren zu wollen als Ehre und guten Namen. Und wie groß wird Euer Vergnügen sein, wenn Ihr klar einseht, wenn Ihr mit Gewalt mir das entreißt, was Ihr so sehr zu verlangen scheint, daß Ihr nur meinen Körper unter Eurer Herrschaft habt, nicht aber meinen Geist noch meinen Willen, die Euch immer Widerstand leisten, ja Euch hassen werden, solange ich lebe, und die nicht aufhören sollen, die Rache Gottes für Euch anzusprechen. Aber Gottes Güte verhüte, daß Ihr mir Gewalt antuet! Bedenkt, Sire, bedenkt, daß Euer wollüstiger Genuß vorübergehen wird wie ein Nebel vor dem Winde, um Euch immer die Reue zurückzulassen und einen stechenden Wurm im Herzen wegen der schimpflichen Schmach der an mir verübten Gewalttat, einen Wurm, der nie aufhören wird, Euch zu nagen und zu peinigen! Ferner wird die abscheuliche Schande und die tadelnswürdige Beschimpfung, die Ihr auf die Reinheit meiner Sittsamkeit werfet, nebst meinem daraus erfolgenden frühzeitigen Tod Euern Namen mit ewigen Vorwürfen und unaufhörlicher Verrufenheit belasten. Und glaubt nicht, daß der Ruf dieser Übeltat sich nur in die Grenzen Englands und der benachbarten Inseln verschließen werde; vielmehr wird er den Ozean überschreiten, durch ganz Europa, ja über die ganze Welt mit dem lautesten Schrei die Ungerechtigkeit und Grausamkeit eines so hohen Fürsten, wie Ihr seid, verbreiten; und in den kommenden Jahrhunderten wird die Sage davon den Nachkommen Eure Schmach vergrößern, während sie Euch bei Euern Lebzeiten mit Schanden in das Gerede der Leute bringt. Kaum eine Sekunde Zeit wird Eure Freude einnehmen, während die Schande davon an jedem Ort, wo Menschen wohnen, und zu jeder Zeit gepredigt werden wird; und nicht allein werdet Ihr getadelt werden, sondern auch Eure Nachkommen werden den Makel davon an sich tragen. Wollt Ihr, daß man sage, ich, die aus edelstem und hehrem Blut geboren bin, einem alten und untadeligen Geschlecht angehöre, deren Verwandte, Ahnen und Urahnen für Englands Krone so oftmals ihr Blut verspritzt haben, ich sei von Euch überwältigt und zur Metze gemacht worden? Erinnert Ihr Euch nicht, wie viele Ihr bestraft habt, die mit freier Einstimmung Ehebruch getrieben haben? Und jetzt wollt Ihr selbst in die Verirrung verfallen, die Ihr selbst so streng gezüchtigt habt? Erinnert Euch, daß mein Gemahl in Euern Diensten gestorben ist, der Euch so treu und ergeben war; und gewiß, obschon er tot ist, wird er bei Gott nach Gerechtigkeit gegen Euch schreien. Ist das also der Lohn, den Ihr ihm bereit haltet, das der Ersatz, den er für seine Mühsale erwarten könnte, wenn er noch am Leben wäre? Aber, um zum Schluß zu kommen, mein Gebieter, tut nun eines von beiden: haltet mir entweder, was Ihr mir durch Wort und Eid zu halten Euch verpflichtet habt, oder raubt mir wenigstens nicht dasjenige, was Ihr, wenn Ihr mir es entwendet habt, mir nie mehr erstatten könnt, welche Macht und Schätze Ihr auch besitzet! Was von beiden Ihr auch tun möget, ich bin von Euch so wohl befriedigt, als sich nur sagen läßt. Was denkt Ihr, Herr? Was beabsichtigt Ihr? Entweder haltet mir das Versprechen, oder zücket Euern Degen und bringt mich um! Hier ist die Kehle, hier ist die Brust! Was zaudert Ihr?«

Indem sie dies sprach, breitete sie unerschüttert den schneeweißen, schönen Hals mit dem Marmorbusen vor dem König aus und bat ihn zärtlich, sie zu ermorden. Außer sich bei einem so entsetzlichen kläglichen Schauspiel, war er unbeweglich geworden; sie aber, die in dieser erschütternden Szene einen Berg von Erz hätte in Stücke schlagen können, sank, als sie ausgeredet hatte, voll Aufregung, wie eine reuige Magdalena vor Christus, zu den Füßen des Königs nieder, ließ aber darum ihr Messer nicht los, badete es mit heißen Tränen und erwartete entweder erwünschte Antwort vom König oder mit unbesiegtem ruhigem Mute den Tod. Der König verharrte eine gute Weile in dieser Stellung, ohne sich irgend zu rühren, Verschiedenes im Innern bewegend und von tausend Gedanken bekämpft, ganz unentschlossen, wobei Alix indes nicht aufhörte, ihn zu bitten, er möge eines oder das andere ausführen.

Am Ende, als der König die Standhaftigkeit, Festigkeit und Charakterstärke seiner Geliebten, die er mehr als sich selbst liebte, überlegt hatte und die festeste Meinung hegte, daß wenige so vortreffliche Frauen aufgefunden werden können, und daß sie jeder Ehre und Hochachtung würdig sei, reichte er ihr mit einem heißen Seufzer die Hand und sagte zu ihr mit Rührung: »Steht auf, meine Herrin, und fürchtet nicht von mir, daß ich je etwas anderes von Euch verlangen werde, als was Euch so sehr angelegen ist! Gott bewahre mich, daß ich die Frau, die ich wie mein Herz, ja noch, weit mehr liebe, umbringe; denn jeden, der ihr nur zur Last fallen, geschweige der sie umbringen wollte, würde ich als meinen Todfeind erwürgen. Steht auf um Gottes willen, edle Frau, steht auf! Dieses schneidende und in Wahrheit, wie mir scheint, bedeutungsvolle Messer bleibe in Euern Händen als untrügliches Zeugnis Eurer unbesiegten und fleckenlosen Keuschheit vor Gott und den Menschen. Diesen reinen Anblick konnte die irdische, fleischliche Liebe nicht ertragen, sie ist voll Schande und Beschämung von mir geflohen und hat der aufrichtigen und wahren Liebe Platz gemacht. Wenn ich in früherer Zeit meine Feinde zu besiegen wußte, will ich jetzt zeigen, daß, indem ich mich selbst überwinde und meine unanständigen Begierden zügle, ich auch über meinen Willen Herr werden und mit mir und meinen Trieben anfangen kann, was ich will. Was ich aber im Sinn habe und zu tun und auszuführen entschlossen bin, das werdet Ihr, zu Eurer größten Genugtuung, wie ich mir schmeichle, und vielleicht mit nicht geringerer Verwunderung mit Gottes Hilfe bald sehen; dies wird auch zu meiner unermeßlichen Zufriedenheit geschehen. Und ich verlange für jetzt nichts anderes von Euch als einen Kuß in allen Ehren zum Angeld auf das, was bald die Welt mit Verwunderung sehen und zweifelsohne loben wird.«

Nachdem der König Alix mit großer Lust geküßt hatte, öffnete er die Tür des Gemachs und hieß die Gräfin, den Kämmerer und die Frauen hereinkommen. Wenn alle beim Anblick der weinenden Alix mit dem bloßen Messer in der Hand voll Verwunderung und Staunen waren, so ist das nicht zu verwundern, da sie nicht wußten, was die Sache bedeute. Als sie eingetreten waren, trug der König dem Kämmerer auf, in dem Zimmer alle Hofleute und Adligen, die sich im Palaste befänden, zu versammeln, was auch in kürzester Zeit ausgeführt ward. Dabei war unter andern der Bischof von York, ein Mann von der größten Geschäftsgewandtheit und seltener Gelehrsamkeit, nebst dem Admiral der Flotte. Ferner befand sich darunter der erste Sekretär des Königs. Diese drei mit dem Kämmerer hieß der König in das kleine Gemach treten, sonst niemand; in dem großen Zimmer aber waren viele Barone und Herren. Der Bischof und die beiden andern standen drinnen voll der größten Verwunderung da, als sie die Gräfin mit ihrer Tochter sahen, die auf des Königs Befehl das Messer in der Hand hielt und deren Tränen noch nicht getrocknet waren. In gespannter Erwartung harrten sie, zu erfahren, was das bedeute, und da sie sich den wahren Verlauf dieses wunderbaren Schauspiels gar nicht einbilden konnten, schwiegen sie still.

Die Tür des kleinen Gemachs war bereits verschlossen, und die im Saale draußen warteten, zu vernehmen, zu welchem Zwecke sie berufen seien. Der König hatte in Gegenwart aller das zu tun gedacht, was er hernach tat; darauf aber hatte er seinen Plan geändert und wollte keine weiteren Zeugen als die in dem kleinen Gemach. Hier erzählte er denn genau die ganze Geschichte seiner Liebe und das, was ihm soeben mit Alix begegnet war. Er lobte unaufhörlich ihre göttliche Sittsamkeit und ihren beständigen Sinn nebst der unbesiegten Festigkeit ihres keuschen Vorhabens, das nie genug gelobt werden könne, und nachdem er sie mit Worten über alle keuschen Frauen der Vorzeit erhoben hatte, wandte er sich zu ihr und sprach freundlich mit heiterer Miene zu ihr: »Frau Alix, wenn es Euch gefällt, mich zu Euerm rechtmäßigen Gemahl anzunehmen, so bin ich hier bereit, Euch zu heiraten als meine echte und rechtmäßige Gattin. In diesem Falle bedürft weder Ihr noch ich Rat noch Unterweisung über die Wichtigkeit der Sache; denn Ihr wißt bereits aus Erfahrung, welches Band und welche Fessel es für eine Frau ist, einen Gatten zu haben, da Ihr bereits verheiratet gewesen seid, und ich weiß ebenso, welche Last es ist, eine Gattin sich zur Seite zu wissen, wenn die Frau widerwärtig ist. Es sei aber, wie es wolle, – wenn Ihr mich wollt, so will ich Euch.« Die junge Frau, voll unendlicher Freudigkeit und wonniger Verwunderung, wußte kein Wort hervorzubringen. Als die Gräfin eine so unerwartete hochwichtige Kunde vernahm, hüpfte sie vor Freude und war nahe daran, an ihrer Tochter Statt zu antworten und »Ja« zu sagen, als der König nochmals dieselben Worte an Alix richtete. Nun machte diese eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, als sie den König so wacker reden hörte, und antwortete bescheiden, sie sei seine Magd, und wiewohl man wisse, daß man nicht hoffen noch sich anmaßen dürfe, einen König zum Gemahl zu bekommen, so sei sie demungeachtet, wenn er so wolle, bereit zu gehorchen. »Und Ihr, bischöfliche Gnaden von York«, fügte der König hinzu, »sprecht die gewohnten Worte, die bei Eheverlöbnissen gebräuchlich sind!«

Auf die Befragung des Prälaten antworteten denn beide: »Ja!« Der König zog einen kostbaren Ring vom Finger und vermählte sich damit seiner teuern Alix, gab ihr den Kuß der Liebe und sprach: »Gnädige Frau, Ihr seid Königin von England, und ich schenke Euch von nun an zu Euerm Unterhalt jährlich dreißigtausend Taler und diese Kiste hier voll Gold und Edelsteinen. Hier ist der Schlüssel dazu: nehmt ihn! Da ferner das Herzogtum Lancaster dem königlichen Schatze heimgefallen ist, verleihe ich Euch dasselbe und will, daß es Euch frei angehöre, und daß Ihr darüber verfügen, es verschenken und verkaufen könnt, wie es Euch genehm ist.«

Darauf wandte er sich an den Sekretär und befahl ihm, der Königin für diese Schenkungen eine ausführliche Verschreibung auszustellen. Sodann verordnete er, daß diese Heirat ohne seine Genehmigung nicht bekanntgemacht werde. Er ließ sodann die Anwesenden auf den geheimen Weg gehen und blieb mit der Königin allein, um die Ehe mit ihr zu vollziehen, wobei er einen Teil der Frucht seiner langen und glühenden Liebe mit unsäglichem Vergnügen pflückte. Dann ging er auch mit ihr hinab in den geheimen Weg, wo der Bischof und die andern waren, und ohne von jemand gesehen zu werden, begleiteten sie die neue Königin in die Barke. Der König blieb mit den Seinigen zurück; die Frauen aber gingen nach Hause, indem die schöne Königin Gott Lob und Dank sagte, daß er ihren Mühsalen ein so freudiges Ende und einen so erhabenen Ersatz für dieselben gegeben habe. Die Mutter, die ihre Tochter zum König geführt hatte, um sie zur Hure zu machen, brachte sie als Königin wieder heim.

In zehn Tagen hatte der König alles angeordnet; er schickte seinen vertrauten Kämmerer mit Briefen von ihm, der Gräfin und der Königin an den Grafen, seinen Schwiegervater, und lud ihn mit seinen Söhnen zur Hochzeit ein. Als der Graf so gute und unerwartete Nachrichten hörte, machte er dem Kämmerer unendliche Liebkosungen und schenkte ihm viele schöne Dinge. In Begleitung desselben und seiner Söhne ging er auch erfreut und übermäßig heiter alsbald nach London. Die Begrüßung zwischen dem Vater und der Tochter, der neuen Königin, und zwischen den Brüdern und ihr war sehr innig, und die Begrüßung wollte nicht aufhören, denn sie konnten nicht satt werden, sich miteinander zu freuen. Der Vater war erfreut, als er sah, daß die Meinung, die er von der Seelengröße seiner Tochter gehabt hatte, zur Ehre und Erhöhung des Hauses ausgeschlagen war, und er segnete die Stunde, in der sie geboren wurde. Vielmals ließ er sich die ganze Geschichte von dem, was zwischen ihr und dem König vorgefallen war, wiedererzählen. Die Gräfin konnte daher nicht umhin zu erröten, als sie die Ermunterungen wieder erwähnen hörte, die sie ihrer Tochter erteilte, daß sie dem König zu Willen sei, und daß sie die Mittlerin und Führerin gemacht habe, die sie zum König gebracht. Doch führte sie auch für sich einige Gründe an, indem sie geltend machte, wie ungern sie gegangen sei; die Furcht aber, ihren Gatten samt ihren Söhnen und dem ganzen Hause dem Untergang geweiht zu sehen, habe sie gezwungen, von zwei Übeln das geringere zu wählen; und so stritten sie freundlich miteinander. Vor allem aber dankte die neue Königin inbrünstig Gott, daß er ihre keusche Absicht berücksichtigt und in seiner unendlichen Güte sie zu einer so erhabenen königlichen Höhe erhoben habe.

Sofort ging der Graf Richard mit seinen Söhnen hin, dem König aufzuwarten, der alle sehr ehrenvoll und höflich aufnahm, indem er den Grafen als seinen Schwäher und Vater ehrte und seine Söhne als seine rechten Schwäger, die sie auch waren. Sodann sprach der König ausführlich über die Art, wie man die Königin zur Krönung nach dem Palaste einholen müsse; es wurde die schickliche Zurüstung zu der künftigen Hochzeitsfeier gemacht. Der König ließ seine neue Verehelichung bekanntmachen und alle Herzoge, Markgrafen, Grafen, Freiherren und andere Edelleute von seinen Vasallen einladen, sich zu London am 1. Juli zur Hochzeit und Krönung der Königin einzufinden. Unterdessen ging der König insgeheim in das Haus des Grafen und brachte eine oder zwei Stunden des Tages in Freuden bei seinem liebsten Ehegemahl zu. Als dann der erste Juli gekommen war, ging der König am Morgen unter ehrenvollster Begleitung in das Haus des Grafen, seines Schwähers, und fand dort die frohe Alix als Königin gekleidet und den Palast prunkvoll geschmückt. Mit einem Gefolge von vielen Frauen und Fräulein gingen sie dann in die Kirche, um die Messe zu hören, und als diese zu Ende war, vermählte sich der König von neuem öffentlich mit ihr. Und auf dem Markte, wo die feierlichste Zurüstung gemacht war, wurde sie als Königin von England gekrönt mit einer sehr reichen Krone, die man ihr aufsetzte. Von da begab man sich in die königliche Burg zur Tafel. Die Mahlzeit war kostbar und schön, wie es sich für einen solchen König schickte; er hielt einen Monat lang ununterbrochen Hof mit den prächtigsten Aufzügen und Festlichkeiten, wobei er einen Pomp entfaltete, als wäre die Tochter eines Königs oder Kaisers seine Frau geworden.

Die Königin wurde in kurzer Zeit so beliebt bei dem Volk und dem Adel, daß jeder den König höchlich pries, daß er eine so gute Wahl mit seiner Gattin getroffen hatte. Auch der König war von Tag zu Tag vergnügter, und seine Liebe zu der Königin schien immer zu wachsen. Er verlangte, daß beständig durch einen Knappen der Königin, wenn sie ausging oder wenn sie zur Tafel kam, das Messer entblößt vorangetragen wurde, womit sie sich einst bewaffnet hatte, zum Zeugnis für ihre unüberwindliche Keuschheit. Der König brachte es dann in kurzer Zeit dahin, daß der Graf, sein Schwäher, der reichste und angesehenste Baron der Insel wurde, und versorgte alle seine Schwäger mit Gütern und Einkünften so reichlich, daß sie auf immer zufrieden sein mußten.

Solche Erhöhung also erlebte die schöne, sittsame Alix, sie wurde Königin und war in d«r Tat würdig, ohne Ende gefeiert zu werden. Nicht weniger Lob aber verdient in diesem Falle der hochherzige, tugendhafte König, der durch sein Verfahren in dieser Sache sich als wahren König, nicht als Tyrannen erwies. Und gewiß ist er in dem, was er mit Alix tat, jedes schönen Preises würdig; sein ruhmvoller Sieg über sich selbst machte ihm auch seine Untertanen anhänglich und gehorsam und gab andern das Vorbild für eine rechtschaffene Handlungsweise: denn alle sahen daraus, daß man auf diese Art unvergänglichen Ruhm erwirbt. Und ich meinesteils glaube und hege die feste Überzeugung, daß er darum, weil er so gut seine unordentlichen Triebe zu regeln und seine Liebesleidenschaft zu überwinden verstand, keinen geringeren Ruhm verdient, als der ist, den er durch viele und glorreiche Siege im Waffenhandwerk sich erworben hat.

Die Errettung aus dem Grabe

Man hat heute schon gar lange von vielen und mannigfachen Zufällen gesprochen, die oft gegen alle menschliche Berechnung bei gewagten Liebeshändeln einzutreten pflegen, und daß gar häufig in dem Augenblicke, wo man ohne alle Hoffnung ist, das sehnlichst gewünschte Ziel erreichen zu können, eine Aussicht lebendig wird und man das, was man als verloren beweint hat, plötzlich wiedererwirbt. Und in der Tat sind diese Ereignisse in den meisten Fällen wunderbar für den, der daran denkt, und schwer zu glauben für einen, der nicht die Unbeständigkeit der Dinge, welche unter dem Monde in beständiger Bewegung sind, in Betracht zieht. Einer, der es für sicher hielt, das so sehr gewünschte Ziel seines Unternehmens zu erreichen, sieht sich mit einem Schlage weit davon entfernt, ja sieht es ganz aus den Augen verschwunden. Der andere findet nach langen und peinvollen Mühen, daß er sie umsonst angewandt hat; und während die Seele der früheren Begierde sich entschlägt und einen andern Weg wählt, siehe, da findet sich die schon preisgegebene Sache unvermutet wieder unter den Händen, und man gelangt in völligen Besitz dessen, was man niemals bekommen zu können wähnte. So spielt häufig in den menschlichen Dingen mit der Scheibe seines unbeständigen Rades das blinde Glück, das zwar in allen seinen Handlungen wankelmütig und wechselnd ist, am unbeständigsten aber in Liebessachen sich zeigt. Weil aber nach dem gemeinen Sprichworte Beispiele viel weiter helfen als Worte und der Rede zweifellosen Glauben verschaffen, so möchte ich euch demgemäß eine Geschichte erzählen, die in der erlauchten Stadt Venedig vorgefallen ist.

Es befanden sich nämlich daselbst zwei Edelleute, wie man aus den öffentlichen Urkunden des gestrengen Magistrats der Schirmvögte der Gemeinde noch heutigentages sehen kann; sie waren reich an Glücksgütern und besaßen Paläste an dem großen Kanal, einander fast gerade gegenüber. Der Besitzer des einen hieß Messer Paolo und hatte von seiner Frau eine Tochter und einen Sohn namens Gerardo, sonst keine Kinder. Der andere Edelmann hieß Messer Pietro, der von seiner Gattin bloß ein einziges Kind hatte, ein Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren, namens Elena, die unglaublich schön war und mit jedem Tage neue Reize entfaltete. Der etwa zwanzigjährige Gerardo hatte ein vertrauliches Liebesverhältnis mit der sehr verlockenden und gefälligen Frau eines Barbiers. Fast täglich stieg er mit seinem Diener in die Gondel, fuhr über den Kanal hin und in einen kleinen Kanal hinein, der das Haus von Elenas Vater bespülte, unter dessen Fenstern hinweg, und machte den gewohnten Besuch. Da geschah es, wie denn je zuweilen Unglücksfälle eintreten, wenn man sie gerade am wenigsten erwartet, daß die Mutter Elenas erkrankte und zum schmerzlichsten Leidwesen ihres Mannes und ihrer einzigen Tochter starb.

Auf der andern Seite des kleinen Kanals, schrägüber von Messer Pietros Wohnung, wohnte ein Edelmann mit seiner Frau und vier Töchtern. Messer Pietro, der angelegentlich wünschte, seine Tochter bei guter Laune zu erhalten und durch ehrbare Gesellschaft zu zerstreuen, schickte wenige Wochen nach dem Tode seiner Frau die noch im Hause wohnende ehemalige Amme Elenas zu dem Vater der vier Töchter ab und ließ ihn bitten, am nächsten Festtage die Erlaubnis zu geben, daß seine Töchter auf Besuch zu Elena herüberkommen und sich mit ihr unterhalten. Der höfliche Nachbar erteilte seine Zustimmung, und so fanden sich fast an jedem Festtage die vier Schwestern ungehindert und mit Vergnügen in Elenas Hause ein, indem sie, ohne von jemand gesehen zu werden, auf der Wasserseite des Hauses in die Gondel stiegen und sich bis zum Wassertore des gegenüberliegenden Hauses Messer Pietros übersetzten. Wenn dann die fünf Mädchen beisammen waren, spielten sie manchmal ihrem Alter und Geschlechte angemessene Spiele, und unter anderen auch die Forfetta. Es soll dies ein Spiel mit einem Balle gewesen sein, den sie einander zuwarfen; und wer ihn nicht im Fluge auffangen konnte, sondern ihn zu Boden fallen ließ, der hatte gefehlt und das Spiel verloren. Die vier Schwestern standen im Alter von siebzehn bis zwanzig oder einundzwanzig Jahren, und eine jede war in einen jungen Mann verliebt. Deshalb liefen sie oft während des Spieles, bald die eine, bald die andere, oft auch drei, ja alle vier zusammen nach den Balkonen, um ihre Geliebten zu sehen, wenn sie darunter vorüberfuhren. Die unschuldige, mit den Liebesflammen noch unbekannte Elena war darüber so unwillig und mißvergnügt, daß sie die andern oft an den Kleidern zum Spiele zurückzog. Es lag ihnen freilich an dem Anblick der Jünglinge mehr als an dem Ball, und so verweilten sie an den Fenstern, unbekümmert um Elena, und warfen manchmal Blumen oder andere kleine Sachen, wie es sich gerade fügte, ihren Geliebten zu, wenn sie unter den Balkonen vorüberfuhren.

Eines Tages, als eine von den vier Schwestern auch wieder von Elena mit Zureden belästigt wurde, den Balkon zu verlassen, sagte sie zu ihr: »O Elena, wenn du nur einen kleinen Teil des Vergnügens empfändest, das wir hier an den Fenstern genießen, du würdest beim Himmel ebenso gerne hier verweilen wie wir selbst und dich nicht um das Ballspiel kümmern. Aber du bist ein kindisches Mädchen und verstehst noch nichts von diesen Dingen.«

Elena kehrte sich an ihre Worte nicht und fuhr fort, sie mit kindischer Zudringlichkeit zum Spiele anzuhalten. Inzwischen kam wieder ein Feiertag heran, und die vier Schwestern waren diesmal verhindert, Elena zu besuchen. Betrübt und verdüstert darüber trat sie an eines der Fenster, die dem Hause ihrer Freundinnen gegenüber auf den kleinen Kanal gingen. Dort fühlte sie sich denn recht traurig und einsam ohne ihre Freundinnen, an die sie sich nun schon ganz gewöhnt hatte. Da trug es sich zu, während das unschuldige Kind so dastand, daß Gerardo in seiner kleinen Barke vorüberglitt, um die Frau des Barbiers zu besuchen, und, zufälligerweise emporblickend, das einfältige Kind am Fenster stehen sah. Als sie dies bemerkte, wendete sie ihm gleich ihr Köpfchen zu und sah ihn freundlich an, wie sie es ihre Gespielinnen mit ihren Liebhabern hatte machen sehen. Der verwunderte Gerardo, der vielleicht noch nie an sie gedacht oder sie gesehen hatte, unterließ nicht, ihr verliebte Blicke zuzuwerfen, und sie erwiderte sie lächelnd, in der Meinung, dies gehöre eben zum Spiele. Gerardo fuhr weiter. Als er aber eine kleine Strecke entfernt war, sagte sein Barkenführer zu ihm: »Lieber Herr, habt Ihr nicht das schöne Mädchen gesehen und darauf geachtet, mit wie heiterer Miene und entgegenkommender Freundlichkeit sie fortwährend mit Euch liebäugelte? Bei Sankt Zacharias, die ist doch eine andere und schmackhaftere Speise dem Ansehen nach, als die Barbiersfrau; das kann ich Euch versichern, sie gäbe Euch eine lustige Nacht und schlechten Schlaf.«

Gerardo tat, als habe er nicht darauf geachtet, und sagte zu dem Diener: »Ich will doch einmal sehen, wer sie ist, und ob sie mir auch so schön vorkommt, wie du behauptest. Wende die Gondel um und rudere ganz sachte dicht am Hause hin!«

Elena hatte sich noch nicht vom Balkon entfernt. Der Jüngling sah sie also wieder, indem er in seiner unbedeckten Barke langsam vorüberfuhr, betrachtete sie mit heiterem Gesicht und warf ihr verstohlen einige lüsterne Blicke zu. Sie hatte gerade eine schöne blühende Nelke im Haar, nahm sie heraus, als die Gondel unter dem Balkon vorüberfuhr, und ließ die schöne duftende Blume so nahe wie möglich an dem Jüngling hinunterfallen. Außer sich vor Freude über diese Gunst, erfaßte Gerardo die frische Blume, verneigte sich geziemend vor der Jungfrau und küßte die blühende Gabe zu wiederholten Malen. Ihr voller würziger Duft und die Schönheit Elenas drangen so tief in das Herz des Jünglings ein, daß jede andere Glut, die darin brannte, augenblicklich erlosch und die Flammen der schönen Elena es mit solcher Gewalt entzündeten, daß das Feuer nie mehr, geschweige zu löschen, ja nicht einmal irgend zu mildern war. Da also Gerardo von neuen Flammen glühte, gab er den Umgang mit der Barbiersfrau völlig auf, um sich dem schönen Kinde ganz zu eigen zu geben. Elena hingegen, deren reine Brust noch für die Pfeile der Liebe unempfänglich war, sah zwar Gerardo recht gern unter ihren Fenstern vorübergleiten, empfand aber doch, wenn sie ihm in seine sich zu ihr aufschlagenden Augen blickte, nicht mehr und nicht weniger als bei einem andern Spiele.

Alle Tage, ja vier bis sechs Male des Tages legte der verliebte Jüngling denselben Weg zurück, fand aber nie Gelegenheit, Elena zu sehen, außer an Festtagen, weil sie in ihrer Einfalt und Liebesunerfahrenheit meinte, an Werktagen schicke es sich nicht, zu spielen. Gerardo, der sie glühend liebte, bereitete sie kein geringes Leidwesen dadurch, daß sie ihm weder Gelegenheit bot, sie zu sehen, noch viel weniger die, ihr mündlich oder schriftlich seine Liebe zu erklären. Während er sich so ohne Nutzen in Glut verzehrte, bemühte er sich wenigstens, wenn er sie festtags sah, ihr mit Gebärden, so gut er konnte, die heftigen ihn verzehrenden Flammen kundzutun; aber sie verstand wenig von solchen Gebärden. Nichtsdestoweniger empfand Elena am Ende ein gewisses nicht geringes Vergnügen, Gerardo zu sehen, und hätte gewünscht, ihn zwanzigmal in der Stunde vor Augen zu haben, aber doch nur am Festtage. Um aus diesem Grunde an den Feiertagen nicht von ihren Gespielinnen gestört zu werden, und weil ihr Gerardos Anblick wünschenswerter als das Ballspiel geworden war, fing sie bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande an, sich der Gesellschaft der vier Schwestern zu entziehen.

Derweil die Sachen so standen, ging der trostlose Liebhaber eines Tages auf dem Fußwege oder den Fundamenten, wie man in Venedig statt Kai sagt, hin und sah Elenas Amme, die früher die seinige gewesen war, an Elenas Türe pochen und im Begriff, ins Haus zu treten. Er rief ihr wiederholt schon aus der Ferne zu: »Amme, Amme!«

Ihr Pochen an der Tür des Hauses übertäubte aber seine Stimme; es ward aufgemacht, und sie ging hinein. Der junge Mann beeilte sich jedoch, die Amme zu erreichen, ehe sie ins Haus eintrat, und rief sie unausgesetzt. Indem sie nun die Tür hinter sich zumachen wollte und sich umwendete, sah sie Gerardo, der seine Schritte nicht so sehr hatte beschleunigen können, daß er so bald wie sie angekommen wäre. Als sie daher schon die Tür verschließen wollte, hielt sie inne und erwartete den jungen Mann, der gleich darauf herankam. Als er auf der Schwelle der Tür stand, gewahrte er im Hofe Elena, die um häuslicher Verrichtungen willen herabgekommen war. War es nun allzu große Freude über ihre unverhoffte Nähe, oder Erschöpfung, was ihm das Herz beklemmte, oder was sonst, – kurz, er war plötzlich so beengt und bange, daß er halbtot zu Boden sank und so blaß wurde, daß er in der Tat einem Toten gleich sah. Bei diesem unerwarteten kläglichen Anblick fing die Amme wie Elena und eine mit ihr im Hofe anwesende Magd ganz bestürzt und wehklagend an um Hilfe zu rufen. Elena, von ihrer geheimen Neigung hingerissen, warf sich weinend über ihn her; aber die kluge Amme ließ sie sogleich wegnehmen und in ein Zimmer im Halbgeschoß bringen. Dann wandte sie sich zu Gerardo, den sie rieb und rüttelte, beim Namen rief und am Ende, da er kein Lebenszeichen von sich gab, mit Hilfe der Magd in das Haus zog, das sie hinter sich verschloß. Die Amme hatte den ohnmächtigen Jüngling, den sie ja an ihren Brüsten genährt, so zärtlich lieb, daß sie, über seinen Unfall sehr bestürzt, bitterlich zu weinen anfing. Der im Hause gegenwärtige Messer Pietro und andere von der Dienerschaft vernahmen ihren lauten Schmerz und eilten hinab. Messer Pietro wollte von ihr hören, was ihr widerfahren sei, und die Amme erzählte ihm alles ausführlich. Als ein gefälliger und mitleidiger Edelmann befahl er, den Jüngling sanft aufzunehmen, hinaufzutragen und auf ein weiches Bett zu legen, wo dann die väterlichste Pflege zu seiner Unterstützung angewandt wurde. Als er aber sah, daß ihm kein Mittel half, beschloß er, ihn in das Haus des Messer Paolo, seines Vaters, bringen zu lassen. Er wurde in eine Gondel getragen und über den Kanal geführt. Ein verständiger Diener und die Amme mußten Gerardo begleiten und seinem Vater den ganzen Vorfall berichten. Messer Paolo war, als er alles vernommen hatte und den scheintoten Sohn vor sich sah, nahe daran, von seinem äußersten Schmerz übermannt, bewußtlos umzusinken. Eine Vorstellung von den Tränen, die er vergoß, und den Wehklagen, die er ausstieß, mag sich ein jeder Vater machen, der einmal einen zärtlich geliebten Sohn so vor sich sehen mußte. Wiewohl er noch eine bereits verheiratete Tochter hatte, erkannte er doch in Gerardo seinen einzigen Sohn, den er grenzenlos liebte. Zur innigsten Betrübnis des Vaters und der Mutter und aller Hausgenossen ward also der verunglückte Jüngling in seine Kammer gebracht und zu Bette gelegt. Einige Ärzte kamen dazu und ein sehr erfahrener Apotheker, und sie boten ihre ganze Heilkunst auf, die entflohenen Lebensgeister in dem Jüngling zurückzurufen, die ihn ganz zu verlassen strebten. Ihre angestrengten Bemühungen hatten endlich den Erfolg, daß Gerardo allmählich wieder aufzuatmen und zu sich zu kommen anfing. Sobald er die Zunge wieder bewegen konnte, sagte er stammelnd: »Amme, Amme!«

Sie war bei ihm und antwortete: »Hier bin ich, mein Sohn! Was willst du?«

Der Jüngling, der sich noch nicht gänzlich wiedergefunden hatte und in Gedanken immer der Amme nachzulaufen glaubte, rief immer wieder nach ihr. Als er aber wieder zu sich kam und mit der Zeit erkannte, wo er war, und daß Vater und Mutter und Schwester und Schwager, die man herbeigerufen hatte, und andere Verwandte und Freunde sein Bett umgaben, so vermochte er sich zwar noch nicht zu erklären, was eigentlich mit ihm vorgegangen war, hatte jedoch Überlegungskraft genug, einzusehen, daß dies nicht der schickliche Ort sei, um mit der Amme zu besprechen, was er von ihr wissen wollte. Er ging daher auf andere Gegenstände ein und sagte, er empfinde keinerlei Übel und Beschwerde mehr, was die Seinigen mit unglaublicher Freude erfüllte. Von seinem Vater und den Ärzten befragt, was ihn denn so sehr niedergeschlagen und außer sich gebracht habe, antwortete er, er wisse es nicht. Darauf nahmen sie einer um den andern Abschied und verließen das Gemach, bis er mit seiner Amme allein war. Er wendete sich nun in tiefer Rührung zu ihr und sagte zu ihr nach heißen Seufzern: »Ihr werdet, holdeste Mutter, aus meinem grausamen Unfalle leicht haben erraten können, wie es mit mir steht. Denn mein Leben muß in der Tat in kurzem bitterlich zu Ende gehen, wofern mir nicht bald geholfen wird. Und ich weiß gar nicht, wohin ich mich um Hilfe wenden soll, als an Euch allein, in deren Händen es offenbar beruht, mich lebendig zu erhalten oder zu töten. Ihr seid es, wenn Ihr wollt, die mir diejenige Hilfe reichen kann, welche genügt, um mich am Leben zu erhalten. Aber wenn Ihr mir Euern Beistand verweigert, so nehmt Ihr mir ganz sicher das Leben und werdet an mir zur Mörderin.«

Die mitleidige, liebevolle Amme tröstete auf diese Worte den betrübten Gerardo, ermahnte ihn, gutes Mutes zu sein und dafür zu sorgen, daß er seine verlorenen Kräfte wiederbekomme, und versprach ihm bereitwillig jeden Beistand; was von ihrer Seite in dieser Sache geschehen könne, dazu erklärte sie sich von ganzem Herzen bereit, und sie wolle sich alle mögliche Mühe geben, ihm zu helfen; er solle sie niemals in Besorgung seiner Angelegenheiten müde finden. Als der Jüngling diese ausgedehnten Versprechungen vernahm, tröstete er sich vollständig und dankte der Amme für diese gute und freundliche Gesinnung auf das inständigste. Darauf bat und beschwor er sie wiederholt mit den eindringlichsten Worten, die er finden konnte, erzählte ihr die seltsame Art seiner Liebe, konnte aber freilich den Namen seiner Geliebten nicht nennen und wußte nur anzugeben, daß es eines von den fünf Mädchen sei, die er festtags, zuweilen einzeln, zuweilen miteinander an den Fenstern von Messer Pietros Hause sah. Die Amme hörte aufmerksam an, was ihr der Jüngling sagte, und indem sie bei sich im stillen überlegte, wer wohl das Mädchen sein könne, zu dem Gerardo eine so heftige Liebe fühle, hielt sie es für ausgemacht, es müsse eine von Elenas Freundinnen sein, die sie als keck und aufgeweckt kannte. Auf Elena, deren Einfalt und Reinheit sie kannte, hatte sie nicht den geringsten Verdacht. Gerardo ließ sich bald zufriedenstellen und gab auf die Versprechungen seiner Amme sich erneuten Hoffnungen hin. Sie kamen überein, daß die Amme am nächsten Festtage mit den Mädchen an den Fenstern stehen und genau aufpassen solle, um zu bemerken, wer Gerardos Geliebte sei, damit sie am rechten Platz und Augenblick zu seinen Gunsten unterhandeln könne. Gerardo sollte an dem verabredeten Tage wiederholt in seiner Gondel durch den Kanal fahren. Da sie diesen Beschluß an einem Montag faßten, so befolgte der Jüngling, obwohl er sich ganz wohl fühlte, willig den Rat seines Vaters, auf ein ihnen gehöriges Gut auf dem Festland, etwa sechs bis sieben Meilen von Venedig, zu gehen. Er belustigte sich daselbst auf mancherlei Weise bis Freitag morgens und kehrte dann nach Venedig zurück.

An dem von dem Liebhaber und der Amme so sehnlich erwarteten Sonntag ließen die vier Schwestern Elena wissen, daß sie sich ihrer Gewohnheit nach bei ihr einzufinden gedächten. Elena, die schon anfing, an der Liebe des Jünglings zu erwärmen, und seit seiner Ohnmacht ein gewisses Etwas im Herzen empfunden hatte, das sie zu inniger Teilnahme an ihm erregte, und die auch viel an ihn dachte und ihn gerne gesehen hätte, machte sich unter allerlei Vorwänden, so gut sie konnte, von dem angekündigten Besuche los. Sie tat dies, damit sie, wenn ihr Geliebter, wie sie hoffte, vorüberführe, von niemand verhindert wäre, ihn nach Bequemlichkeit zu betrachten. Der Amme kam die Nachricht, daß die vier Schwestern Elena nicht besuchen werden, sehr unerwünscht, weil sie nun nicht mehr wußte, wie sie Gerardos Verlangen befriedigen solle. Da sie indessen sah, daß Elena nach dem Essen gar keine Ruhe fand und tausendmal in der Stunde ans Fenster lief, so geriet sie auf die Vermutung, sie möge auch mit einem jungen Manne einen Liebeshandel haben; und um sich desto besser über die Sache aufzuklären, gab sie vor, sie wolle ein wenig schlafen. Elena war dieser Vorschlag nicht nur ganz recht, weil sie so freies Feld hatte, um nach Belieben an die Fenster zu geben, sondern sie redete sogar der guten Alten noch liebreich zu, der Ruhe zu pflegen. Sobald sie sah, daß die Amme sich ins Schlafzimmer zurückgezogen hatte, ging sie selbst in ein anderes Gemach, um ihr ersehntes verliebtes Spiel zu beginnen, und wurde dabei auch entschieden vom Glück begünstigt. Denn kaum hatte sie sich ans Fenster gelegt, als Gerardo, der nicht schlief, sondern sehr wachsam seine Angelegenheit verfolgte, sich in dem kleinen Kanal sehen ließ. Die schlaue Amme war ebenfalls ans Fenster getreten und hatte, wie sie den Jüngling in der Gondel erscheinen sah, das Fenster ins Auge gefaßt, an dem Elena stand, die, über Gerardos Anblick vor Freude strahlend, ihm durch kindische Gebärden zu seiner Genesung Glück zu wünschen schien. Sie hatte einen Blumenstrauß in der Hand und warf ihn, als die Gondel unter ihr hinfuhr, dem Jüngling zu. Als die Amme dieses Verfahren sah, bedurfte sie keiner weiteren Beweise, daß Elena Gerardos Geliebte sei, und da sie glaubte, ein Ehebündnis könne zwischen ihnen beiden recht wohl in allen Ehren zustande kommen, wofern ihr Wunsch sei, sich zu verheiraten, trat sie schnell in Elenas Gemach, die noch immer am Fenster stand und mit ihrem Gerardo liebäugelte, und sagte zu ihr: »Ei, sage mir, meine liebe Tochter, was ich da von dir sehen muß! Was hast du mit dem Jünglinge zu schaffen, der eben durch den Kanal fuhr ? Ei, die schöne und ehrbare Tochter, die den ganzen Tag am Fenster steht und den Vorübergehenden Sträuße zuwirft! Wehe dir, wenn dein Vater jemals etwas davon erführe! Das kann ich dir sagen, er würde dir so mitspielen, daß du fürwahr die Toten beneidetest.«

Die Jungfrau entsetzte sich über diesen bittern Tadel dermaßen, daß sie nicht wagte noch imstande war, einen Laut zu erwidern. Doch sah sie der Amme im Gesicht an, wenn sie sie auch derb ausgezankt hatte, daß sie darum nicht sehr erzürnt auf sie sei. Sie warf ihr die Arme um den Hals, küßte sie kindlich und sagte mit holdem Tone zu ihr: »Mein liebes Mütterchen, ich bitte Euch demütig um Vergebung, wenn ich in dem Scherze, den Ihr eben mitangesehen habt, ohne mein Wissen gefehlt habe. Aber wenn Euch an meiner Zufriedenheit gelegen ist, so hört doch ein wenig meine Gründe, und wenn Ihr dann glaubt, ich habe in diesem Spiele unrecht gehabt, so gebt mir eine Strafe, die Euch angemessen scheint! Ihr wißt, daß mein Herr Vater an den Sonntagen vier Schwestern hat ins Haus kommen lassen, die hier gegenüber wohnen, damit wir in geselligen Spielen uns miteinander unterhalten. Sie lehrten mich zuerst das Forfettaspiel; dann sagten sie mir, ein viel ergötzlicheres Spiel noch sei es, ans Fenster zu treten und, wenn junge Männer auf dem Kanal in Gondeln vorüberfahren, ihnen Rosen, Blüten, Nelken und dergleichen zuzuwerfen und so mit ihnen zu spielen. Dies gefiel mir ganz wohl, und ich wählte mir zu meinem Spiel denjenigen Jüngling aus, mit dem Ihr mich spielen gesehen habt. Ich meinesteils wünschte, daß er recht oft hier vorbeikäme; und ich weiß nicht, was Ihr an diesem Spiele auszusetzen habt; wenn ich aber hierin unrecht habe, so gebe ich es willig auf.«

Die Amme konnte sich nicht enthalten zu lachen, als sie hörte, wie einfältig und ohne alles Falsch das gute Kind sich aussprach, und nahm sich vor, die im Scherz angefangene Sache einem ernsten Ziele entgegenzuführen. Sie antwortete daher Elena: »Mein aller liebstes Töchterchen, ich muß dir notwendig sagen, daß ich den Jüngling, der eben vorüberfuhr, an meiner eigenen Brust gesäugt habe. Er heißt Gerardo und ist der Sohn des Messer Paolo, der auf der andern Seite des großen Kanals den schönen und bequemen Palast besitzt. Ich wohnte über zwei Jahre in seinem Hause. Darum liebe ich ihn denn auch wie einen Sohn und bin immer in seinem Hause wohlbekannt, von allen gerngesehen und wertgehalten worden. Aus diesem Grunde hegt mir sein Wohl, Ehre und Frommen ebenso am Herzen wie mein eigenes – gerade wie ich auch deine Zufriedenheit wünsche; und so werde ich mich für dich und für ihn stets so sehr bemühen wie nur für irgend jemand, den ich bis jetzt kenne.«

Im Verlaufe des Gesprächs belehrte dann die Amme das Mädchen über die Gefahren, die unter diesem Spiele der Liebe verborgen liegen, infolgedessen schon so manche einfältige Mädchen und Frauen von den Männern berückt worden seien. Sie machte ihr auch begreiflich, wie jedes weibliche Wesen, es möge sein, welches es wolle, seine Ehre über alles heilig halten und bewahren müsse, und sagte ihr schließlich noch mancherlei andere Ermahnungen, um zu ihrem Zwecke zu gelangen; wenn sie ihr verliebtes Spiel, wie sie es nenne, auf eine ehrbare Weise zu beendigen wünsche, so müsse sie durchaus den Mut fassen, die Gattin ihres Gerardo zu werden. Wie unerfahren und kindlich das junge Mädchen auch noch war, so ließ ihre gesunde Natur sie doch alles verstehen, was die Amme ihr sagte. Zugleich erwachte in ihrem Busen die Liebe, die sie für Gerardo hegte, und nahm zu, so daß sie der Amme antwortete, sie sei bereit, ihn zum Mann zu nehmen, lieber als jeden andern Edelmann von Venedig.

Mit dieser günstigen Antwort nahm die Amme die Gelegenheit wahr, zu dem zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden verliebten Gerardo zu gehen. Wie der Jüngling die Amme mit heiterer Miene auf sich zukommen sah, fand er darin gleich eine glückliche Vorbedeutung für die Erreichung des Zieles seiner Hoffnung, bewillkommnete sie dankbar auf das freudigste und sagte: »Willkommen, mein gutes Mütterchen! Was bringt Ihr mir gutes Neues?«

Die Amme entgegnete: »Ich bringe dir die besten Nachrichten, mein Sohn, wenn du noch desselben Sinnes bist.« Sie fing hierauf von vorne an, erzählte ihm ihr ganzes mit Elena geführtes Gespräch und schloß mit der Versicherung, daß diese jederzeit, wenn er es verlange, bereitwillig sei, seine Gattin zu werden. Bei seiner heißen Liebe für das reizende Kind kannte er keinen höheren Wunsch, als sie zur rechtmäßigen Gattin zu bekommen, und dies um so mehr, als er wußte, daß sie die einzige Tochter von Messer Pietro war. Er dankte also seiner Amme bestens für ihre Dienste und verabredete mit ihr, wie und wann er sich mit Elena zusammenfinden könne zum erwünschten süßen Abschluß der so sehr ersehnten Vermählung. Als dies unter ihnen angeordnet war, kehrte die Amme nach Hause zurück.

Die gute Elena, die noch nie die Liebe gekostet hatte, fühlte nun doch bereits ein gewisses Etwas in ihrem Herzchen sich regen, was sie hold brannte und stachelte, und wenn sie daran dachte, daß sie in kurzem die Gattin ihres teuern Gerardo werden werde, so wußte sie sich gar nicht mehr zu lassen. Die Sehnsucht, mit ihrem Geliebten ein Spiel zu spielen, das ihr noch ein verschlossenes Geheimnis war, das sie aber für äußerst anmutig hielt, trieb sie sehr zur Hochzeit. Mit Entsetzen und Eiseskälte durchschauerte sie hingegen das Bewußtsein, ohne Vorwissen und Erlaubnis des Vaters zu handeln, und die Besorgnis, es möchte irgendein großes Ärgernis daraus entstehen. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend und also im Kampfe mit sich selbst begriffen, redete sie innerlich mit sich: »Werde ich denn,« sagte sie, »je so kühn, ja verwegen sein, so etwas heimlicherweise zu tun?« Dann verscheuchte sie diesen Gedanken und sagte: »Sollte ich nicht alles tun, um die süße Freude zu haben, immerdar mit meinem Gerardo zu spielen?«

So faßte sie am Ende nach langem Besinnen und Schwanken den Entschluß, ihren Liebhaber zu heiraten, es möge dann daraus werden, was da wolle. Hinterbrachte nun die teure Amme dem jungen Mädchen bald die frohe Botschaft von Gerardos unverändert guten Gesinnungen gegen sie, so war sie darüber äußerst vergnügt. Nach verschiedenen Besprechungen setzten sie fest, eines Tages eine große Wäsche anzustellen und alle Mägde dabei gerade zu der Zeit zu beschäftigen, wo Messer Pietro ausgegangen sei, damit Gerardo ohne Schwierigkeit in ihr Haus kommen könne. Nach dieser Beratschlagung wurde Gerardo von der schlauen Amme die anberaumte Zeit mitgeteilt.

Die Stunde kam. Messer Pietro war schon in die Senatsversammlung gegangen, die Amme und Elena hatten der sämtlichen Dienerschaft des Hauses bei der Wäsche zu tun gegeben. So kam denn Gerardo ans Haus, drückte sachte die Tür auf, die er angelehnt fand, trat hinein, schlich, ohne von jemandem gesehen zu werden, die Treppen empor und versteckte sich in einem Gemach, das die Amme ihm angewiesen hatte. Dort erwartete er die Amme, die zu ihm kommen sollte und auch nicht versäumte, ihn abzuholen, und ihn auf einer kleinen geheimen Treppe nach dem Gemache führte, woselbst Elena seine Ankunft erwartete. Das einfältige schüchterne Mädchen zitterte; eine eisige Angst befiel sie, und ein kalter Schweiß machte alle ihre Glieder erstarren, so daß sie sich nicht bewegen konnte und nicht wußte, was sie sagen solle. Auch Gerardo war anfangs durch die ihn ganz erfüllende unerfaßlich große Freude des Gebrauchs der Sprache beraubt, bis er wieder Mut bekam, die Bande der Zunge löste und die Geliebte mit schuldiger Ehrerbietung und bebender Stimme begrüßte. Das verschämte Mädchen hieß ihn ihrerseits willkommen, und die Amme sprach lächelnd zu dem schweigenden Liebespaar: »Ihr scheint ja fast eine stumme Musik aufführen zu wollen. Da indes ein jedes von euch beiden die Ursache weiß, warum ihr hierher gekommen seid, so ist es nach meinem Rate besser, keine Zeit zu verlieren, die euch zur Befriedigung eurer keuschen Sehnsucht vergönnt ist. Seht hier über diesem Bette das Bild der glorreichen Himmelskönigin mit dem Bilde ihres Sohnes, unseres Erlösers, im Arme, und betet mit mir zu beiden, daß die Ehe, die ihr durch euer Verlöbnis miteinander hier vollzieht, durch einen guten Anfang, bessern Fortgang und das beste Ende von ihnen gesegnet werde!«

Nach diesem Eingange sprach die gute Amme die bei solchen Trauungen nach dem löblichen Gebrauche der römisch-katholischen Kirche üblichen Worte, und Gerardo überreichte seiner geliebten Elena den Ring. Wie groß jetzt die Freude der Neuvermählten war, könnt ihr euch denken. Als die Amme die Sache zu diesem guten Ziele geführt hatte, ermahnte sie sie, da sie bequeme Zeit dazu hätten, sich miteinander zu unterhalten. Dann nahm sie Abschied, ließ die Kämpen allein auf der Bahn und ging hinab zu der Wäsche. Was die in die Kammer eingeschlossenen Neuvermählten taten, kann ich euch nicht sagen, da keine Zeugen dabei waren. Doch ist niemand unter uns, der nicht genau sich selbst einbilden kann, wie es war, wenn er daran denkt, ob er schon selbst in ähnlicher Lage war.

Als die Amme dachte, die Kämpfenden seien nun lange genug beisammen gewesen, kam sie wieder in ihr Gemach, wo sie sie zwar nicht gesättigt, aber doch wohl ermüdet wiederfand, und ließ sich in allerlei Gespräche und ergötzliche Reden ein, die sie noch weit mehr aufheitern mußten. Alle drei nahmen miteinander Abrede zu ferneren ungefährdeten heimlichen Zusammenkünften, bis daß die Gelegenheit sich darböte, den also geschlossenen Bund der Ehe öffentlich gelten zu machen, und Gerardo entfernte sich nach vielen süßen Küssen unter der Leitung und dem Beistande der schlauen Amme unbemerkt wieder aus dem Zimmer und dem Hause, fast außerstande, sich über die ihm zuteil gewordene überschwengliche Freude zu fassen.

Elena blieb über die Trennung von ihrem Gatten wohl betrübt, übrigens aber unsäglich froh. Sie war das zufriedenste Weib in ganz Venedig und segnete die Stunde und den Augenblick, wo sie Gerardo zuerst gesehen hatte. Was sollen wir aber sagen von der wunderbaren und gewaltigen Kraft der Liebe, die sich an Elena erwies? Sowie sie anfing, das Minnespiel zu schmecken, und die göttlichen Flammen der Liebe ihr Herz erwärmten und entzündeten, gingen ihr auch sogleich die Augen des Verstandes auf. Sie ward so klug, behutsam, schlau und anmutig, daß wenige in Venedig ihr gleichkamen, keine aber sie an Anmut, Schönheit, weiblicher Klugheit übertraf, und daß Tag für Tag ihre Gaben zunahmen.

Gerardo ward stündlich vergnügter und ging, sooft es mit Hilfe der listigen Amme geschehen konnte, jede Nacht, um bei seiner teuern Frau zu schlafen, wo sich beide die beste Zeit und das wonnigste Leben von der Welt verschafften.

Während nun beide freudig ihre Vereinigung genossen, bereitete das feindliche Schicksal, das nie jemand, und namentlich Liebenden nicht, lange große Ruhe gönnt, auch Gerardo und Elena neue Störung und Hemmnis, und nachdem sie etwa zwei Jahre aufs glücklichste zusammen gelebt hatten, sollten sie nun auch ein wenig die bittere Galle des Ungemachs kosten, die das Geschick in die schönsten Teile des Lebens, und zwar gerade je süßer das Leben ist, plötzlich um so lieber zu mischen pflegt. Es war in Venedig ein altes Herkommen, daß der Rat alljährlich einige Galeeren nach Beirut sendete und ihre desfallsige Absicht öffentlich ausrufen ließ, damit die, welche die Reise zu machen Lust hatten, gegen Bezahlung an die Republik eine ihnen zusagende Galeere mieten konnten. Messer Paolo, Gerardos Vater, welcher sehnlich wünschte, wie es gute Väter meist tun, daß sein Sohn sich allmählich an die Handelsgeschäfte gewöhne und mit den Angelegenheiten der Stadt näher bekannt mache, zahlte den bedungenen Preis im Namen Gerardos und mietete für ihn, ohne ihm ein Wort zu sagen, eine der Galeeren. Messer Paolo hatte gerade eine große Menge nach Beirut bestimmter Waren auf dem Lager und wünschte, daß der Sohn sie dahin führe und andere Waren nach Venedig zurückbringe, und gedachte nicht nur damit sein Vermögen um ein ansehnliches Teil zu vermehren, sondern auch hernach Gerardo ein Weib zu geben und ihm zu gleicher Zeit alle seine eigenen Geschäfte zu übertragen, um sich selber ausschließlich mit Staatssachen zu befassen.

Als er nun, wie gesagt, die Galeere gemietet hatte und nach Hause kam, speiste er zu Mittag, und nach aufgehobener Tafel, als Vater und Sohn allein waren, sagte Messer Paolo nach einigen andern Gesprächen: »Du weißt, mein Sohn, daß wir Güter nach Beirut im Hause haben und als Rückfracht dort dergleichen Waren einkaufen müssen, wie man sie hier braucht und wie sie guten Absatz finden. Um deswillen habe ich diesen Morgen in deinem Namen eine Galeere gemietet, damit du dich ein wenig in der Welt umsiehst und auch allmählich anfängst, durch eigene Erfahrungen ein tüchtiger Geschäftsmann zu werden; denn was am leichtesten Besonnenheit macht und den Verstand weckt, ist eben, mancherlei Städte, verschiedene Länder und Sitten dieses und jenes Volkes zu sehen. Du siehst in dieser unserer Stadt täglich, wie junge Männer, die bald im Morgenlande, bald im Abendlande und anderwärts auf Reisen waren und nach wohlverrichteten Geschäften wiederkehren, zu Hause für gescheite, erfahrene und brauchbare Männer gelten, und daß solche sogar oft zu Ratsherren und öffentlichen Beamten des Staats gewählt werden; was hingegen keineswegs denen widerfährt, die sich um nichts bekümmern, sondern den ganzen Tag müßig gehen und mit schlechten Weibern verkehren. Gemeiniglich währt die Reise nach Beirut sechs, höchstens sieben Monate. Versorge dich denn, mein lieber Sohn, auf meine Kosten mit allem, was du zu einer solchen Reise bedarfst! Wenn du sodann zurückgekehrt sein wirst, wollen wir unsere künftige Haushaltung so einrichten, wie es uns unser Herrgott in den Sinn geben wird.«

Messer Paolo erwartete, sein Sohn werde ihm mit Freudigkeit antworten, daß er zu allem bereit und willig sei, weil er ihn hier mit einer ebenso ehrenvollen als nützlichen Reise zu beauftragen meinte. Gerardo aber, dem es unmöglich schien, auch nur einen einzigen Tag fern von seiner Geliebten leben zu können, war darüber außerordentlich bestürzt; und wenn er auch seinen Unmut und Schmerz nicht geradezu äußerte, so sprach er doch auch sonst kein Wort. »Du antwortest mir nicht?« sagte endlich sein Vater zu ihm.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, antwortete Gerardo; »denn wie gerne ich Euch auch gehorchen möchte, so bin ich doch nicht imstande, es zu tun, da mir jede Seereise von Natur zuwider und unerträglich ist. Wenn ich mich einem Schiffe anvertraute, würde ich glauben, freiwillig einem sichern Tode entgegenzugehen. Darum habt die Güte, mir zu verzeihen und Euch meine gerechte Entschuldigung gefallen zu lassen! Es tut mir in der Tat unendlich leid, Euch nicht gehorchen zu können.«

Messer Paolo hätte sich nimmermehr träumen lassen, eine solche Antwort von seinem Sohne zu bekommen, und war darob über die Maßen erstaunt und zugleich betrübt. Er bat ihn wieder und wieder und hielt ihn mit milden und scharfen Worten zum Gehorsam an, aber immer umsonst. Gerardo gab durchaus keine Antwort als die frühere. So standen sie in Unfrieden von ihren Sitzen auf, und der eine ging rechts, der andere links. Der Vater begab sich in seinem Schmerz über den Vorfall auf den Rialto und fand daselbst seinen Eidam, einen reichen, edeln jungen Mann, zu dem er nach manchem Hinundwiderreden sprach: »Lionardo (so hieß der Eidam), Lionardo, ich hatte eine Galeere gemietet, um darauf meinen Sohn mit einer Partie Waren nach Beirut zu senden. Aber als ich ihm meine Absicht eröffnete, suchte er mir durch allerlei Ausflüchte zu beweisen, daß er nicht fahren könne. Gesetzt nun, daß du die Reise machen wolltest, so bedürfte es zwischen dir und mir weiter nicht vieler Worte, und ich würde dir den Teil des Gewinns überlassen, den du selbst irgend verlangen möchtest.«

Lionardo sagte seinem Schwiegervater für dieses Anerbieten den herzlichsten Dank, erklärte sich in allen Dingen zu seinem Willen bereit und verständigte sich mit ihm über das Nähere in wenig Augenblicken.

Gerardo andererseits erwartete die kommende Nacht und gab seiner Gattin das gewohnte Zeichen seiner Wünsche. Als die passende Stunde gekommen war, trat er ins Haus, schlich sich in ihr Gemach, und nach den gewohnten Grüßen, Umarmungen und Küssen setzten sie sich zusammen, und Gerardo sagte zu seiner Frau: »Meine Gattin, die mir teurer ist als mein Leben, Ihr habt Euch vielleicht verwundert, daß ich schon heute wieder so dringend gewünscht habe, Euch zu besuchen, da ich erst die vergangene Nacht mit Euch zugebracht habe. Abgesehen aber davon, daß ich unablässige Sehnsucht danach in meinem Herzen trage, wovon Ihr hinreichend überzeugt sein werdet, so hat mich gegenwärtig ein ganz anderer Beweggrund zu Euch geführt.«

Darauf erzählte er ihr den ganzen Verlauf der Unterredung, die er mit seinem Vater gehabt hatte. Elena hörte mit der größten Aufmerksamkeit an, was ihr Gatte zu ihr sagte, und als sie vernahm, daß seine Mitteilung zu Ende sei, antwortete sie, deren Reife und Schärfe des Geistes weit ihre kleine Zahl von Jahren übertraf, nach einem bewegten Seufzer ihrem Manne also: »Wehe mir, mein teurer Gemahl, wenn ich nicht aus andern Umständen die Größe Eurer Liebe zu mir erkannt hätte, als aus dem, was Ihr mir eben auseinandergesetzt habt! Denn indem Ihr Eurem Vater nicht gehorchen wollt, versetzt Ihr mir jetzt den eindringlichsten Schlag und verschließt mir jeden Weg zur Hoffnung auf ein dereinstiges frohes Zusammenleben mit Euch!«

Heftiges, peinvolles Schluchzen unterbrach hier ihre Stimme, und ein unbändiges Weinen machte sich Bahn. Nachdem der wilde Schmerz durch die vergossenen Tränen einige Linderung erhalten hatte, schöpfte sie ein wenig Atem und sagte zu ihrem Gatten, immerfort noch weinend: »Ach, mein geliebtes Leben, wie sehr habt Ihr unrecht getan, Eurem Vater nicht bereitwillig Gehorsam zu leisten! Wie beklagenswert, wie unselig bin ich, daß ich meinem geehrten Schwiegervater, noch ehe er mich kennt, ja ehe er mich gesehen hat, solchen Schaden, solche Mißachtung, so herben Kummer zuziehe! Wird er mich wohl irgend lieben können, wenn er mich auf solche Art kennenlernt? Muß er nicht sagen, ich sei der böse Engel seines Hauses, der seinen Frieden stört, seinen Untergang bezweckt? Ganz gewiß hat er alles Recht dazu. Ich bitte Euch daher, und meine Bitte soll für tausend gelten, wenn Ihr mich nur ein wenig liebt – und ich glaube doch, von Euch geliebt zu sein –, und wenn ich je einen sichern Beweis für Eure Liebe sehen soll, so bitte ich Euch, Eurem Vater durchaus gehorsam zu sein und die Trennung von meinem Gesichtskreise so wenige Monate geduldig zu ertragen. Also, mein teurer Gatte, tretet Eure Reise glücklich an und bleibt meiner eingedenk, wie ich Euer! Ich werde Euch stets in Gedanken überallhin begleiten, denn meine Sehnsucht ist nur darauf gerichtet, im Leben wie im Tode ewig die Eure zu sein. Gott möge mich bewahren, Euch je Anlaß zu werden, daß Ihr mit Eurem Vater nicht beständig in der Eintracht und dem Frieden lebt, wie es Euch beiden ziemt!«

Die Liebenden wechselten noch viele andere Worte über diesen Gegenstand. Am Ende aber gab Gerardo den vernünftigen Gründen des klugen, vorsichtigen jungen Weibes nach und ging unter vielen Tränen zur gewohnten Stunde von ihr an seine Geschäfte. Er setzte sich hernach mit seinem mißvergnügten Vater zu Tisch, und nach dem Essen, als alle andern den Saal verlassen hatten, stand Gerardo von seinem Sessel auf, ließ sich vor seinem Vater auf die Knie nieder und sagte zu ihm mit entblößtem Haupte: »Mein hochverehrter und ruhmwürdiger Vater! Ich habe in der vergangenen Nacht der Seefahrt nach Beirut reiflich nachgedacht, die Ihr mir gestern vorschlugt, und bin zur klaren Erkenntnis des großen Fehlers gekommen, dessen ich mich durch Ungehorsam gegen Eure Bitten schuldig machen würde, die mir doch überall und jederzeit als Befehle gelten sollten, so daß ich Euch hiermit demütigst und von ganzem Herzen ersuche, mir meine Torheit und Unverständigkeit zu vergeben und, uneingedenk des Euch erwiesenen Mangels an Ehrerbietung, mich Eurer gewohnten Gnade wieder teilhaft zu machen. Seht, mein verehrtester Vater, ich bin hier vollkommen bereit, Euch zu gehorchen und nicht allein nach Beirut zu fahren, sondern überallhin zu gehen, wohin es Euch gefällig ist, mich zu schicken; denn ich bin entschlossen, lieber zu sterben, als mich Euren Wünschen fernerhin zu widersetzen.«

Als der liebreiche Vater diese Worte vernommen hatte, hieß er seinen Sohn aufstehen und wollte reden, war aber so gerührt, daß er von den in großen Tropfen seinen Augen entrollenden Tränen daran verhindert wurde und eine lange Weile an Gerardos Halse hing, ohne der Sprache mächtig zu sein. Aus kindlichem Mitgefühle über die heißen, liebevollen Tränen des Vaters mußte auch der Sohn weinen; doch stillte er bald ermannt seine Tränen, und nachdem er sie getrocknet und etwas aufgeatmet hatte, bemühte er sich, mit liebevollen Worten seinen Vater zu trösten.

Als Messer Paolo ausgeweint, beschloß er voll ungemessener Freude, nach seinem Eidam auszuschicken, um ihn zu vermögen, diese Reise demnach Gerardo zu überlassen; er wolle ihn dann einmal für eine andere Reise ausstatten. Als der Eidam kam, teilte ihm der Schwäher die große Freude mit, die ihm der Entschluß seines Sohnes, nach Beirut zu gehen, verursache. Sodann bat er ihn inständig um die Gefälligkeit, diesmal zu Hause zu bleiben; er wolle sodann bei der nächsten Gelegenheit für ihn sorgen, was er auch kurz darauf tat. Wie wenig nun auch Lionardo, der die Reise gar gerne gemacht hätte, mit dieser Kunde zufrieden war, so verhehlte er doch, als ein verständiger Jüngling, sein Mißvergnügen und erklärte seinem Schwiegervater, daß er aus Liebe zu ihm und zu seinem Schwager mit allem zufrieden sei und ihnen zu Gefallen noch zu weit Größerem bereit wäre. Messer Paolo und Gerardo dankten Lionardo für seinen guten Willen auf das wärmste. Sodann schickte man sich an, die Galeere mit allem Erforderlichen auszurüsten und mit ihren Waren zu befrachten.

Wer nun aber die wenigen Nächte schildern wollte, die zwischen dem Entschluß Gerardos zu gehen und der letzten Nacht vor dem Tage seiner Abreise lagen, was darin vorging und die Liebesfreuden, die die jungen Gatten sich erlaubten, die Tränen, die sie beim Scheiden vergossen, der hätte die Hände voll zu tun; und vielleicht waren die Tränen, die die trauernde Fiammetta um Pamfilo vergossen zu haben berichtet, nicht so zahlreich wie die Gerardos und Elenas. Ich will also alles der Einbildungskraft eines jeden überlassen, der wahrhaft liebt und geliebt hat, wie es in einem solchen Falle sein müsse.

Als die Zeit der Abreise kam, lösten die Matrosen die Taue der Galeeren und segelten mit günstigem Wind und Wetter von dannen. War Gerardos Sinnen und Denken zur See unablässig seiner teuern, geliebten Gattin zugewandt, so beschäftigte sein Andenken sie nicht weniger. Sie hatte vor ihm den Trost voraus, daß sie mit ihrer treuen Amme fortwährend von dem teuern Gatten sprechen konnte, und wenn manchmal ein Zweifel in ihr aufstieg über seine Liebe, so sprach ihr die gute Amme Trost ein und versicherte sie, daß Gerardo sonst kein Weib liebe als sie. Gerardo hatte diesen Trost nicht, und je heimlicher sein Liebesfeuer brannte, desto heftiger empfand er nun den Schmerz. Er hatte niemand, bei dem er seine Liebespein auslassen konnte, und nie hatte er jemand zum Vertrauten in diesem Liebeshandel gemacht. Lassen wir ihn aber für jetzt auf seiner Reise! Wir werden ihn später schon wohlbehalten zurückführen.

Schon waren etwa sechs Monate verflossen, seit Gerardo Venedig verlassen hatte. Elena zählte inzwischen Stunden, Tage, Wochen und Monate in Erwartung der Wiederkehr des teuern Gatten, worauf sie sich so sehr freute, obwohl ihr die Stunde sich zum Jahrtausend auszudehnen schien, so lange, meinte sie, kehre er nicht zurück. »Jetzt sind es nicht mehr vierzehn Tage,« sagte sie zu der getreuen Amme, »oder höchstens drei Wochen, so muß mein ersehnter Gemahl in Venedig sein. Und außer seinen Waren wird er tausend schöne Sächelchen mitbringen. Er sagte mir auch, als er wegging, er wolle auch für Euch viele kostbare Geschenke mitbringen.«

Und so erhielt sich das verliebte junge Weib bei fröhlichem Mute, ohne zu ahnen, daß ein Anschlag gegen sie im Werke sei, der sie aufs äußerste in Schmerz und Betrübnis versetzen werde. Da nämlich ihr Vater sah, daß sie über ihr Alter verständig und anmutig und aus der Maßen schön geworden war, und bedachte, daß er doch im Hause keine passende weibliche Aufsicht über sie habe, fürchtete er, es möchte etwas ihm Unangenehmes vorfallen, was freilich längst geschehen war, und beschloß daher, sie zu verheiraten. Er bedurfte nicht langer Zeit, um einen ihm zusagenden Eidam zu finden; denn da er adlig und reich und seine Tochter sehr schön und liebreizend war, hätten sich viele seines Standes gerne verwandtschaftlich mit ihm verbunden. Messer Pietro wählte daher einen Jüngling aus, der wegen seines Reichtums und seiner edeln Familie ihm gefiel, und kam mit ihm und den beiderseitigen Verwandten und Freunden überein, daß er am nächstkommenden Sonnabend Elena sehen und, wenn sie ihm gefalle, am Sonntag drauf ihr den Ring geben solle, um dann gleich in der Nacht die Vermählung zu vollziehen. Nach dieser Verabredung wurden große Vorbereitungen zu der geplanten Hochzeitsfeier getroffen, und Messer Pietro sagte zu seiner Tochter, daß er beschlossen habe, sie zu verheiraten. Diese so unerwartete traurige Botschaft war Elena ebenso schmerzlich, wie wenn einer zu ihr gesagt hätte: »Morgen will dich der Rat auf dem Sankt-Markusplatze zwischen den zwei Säulen aufhängen lassen.«

Sie wurde über die Maßen betrübt, und grenzenlos gequält von heftigem Leid, vermochte sie ihrem Vater kein Wort zu entgegnen. Er, der nicht an Weiteres dachte, hielt dies für ein Zeichen kindlicher Verschämtheit und fügte auch nichts weiter hinzu, sondern entfernte sich, um das Notwendige zu besorgen, daß die Hochzeit in aller Ordnung und mit einem ausgewählten Mahle prunkvoll gefeiert werden könne, wie es seinem und seines Schwiegersohnes Adel und Reichtum geziemte. Am Abend des Samstags, nachdem der Bräutigam sie schon gesehen und sein Gefallen an ihr ausgesprochen hatte, genoß Elena wenig oder nichts; und als sie sich später mit ihrer Amme in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, brach sie in das bitterste und heftigste Weinen aus, das man sich denken kann, ohne daß es der guten Alten gelingen wollte, ihr auch nur den mindesten Trost zuzusprechen, weil sie gar keine Mittel und Wege aufzufinden verstand, um dem zu entgehen, daß sie am folgenden Tage vermählt und in das Bett des neuen Gatten gebracht werde. Das aber, komme, was da wolle, war sie entschlossen, nie und nimmermehr geschehen zu lassen. Dem Vater ihre Verheiratung zu offenbaren wagte sie nicht, und zwar nicht sowohl aus Furcht vor den Ausbrüchen seines Zornes gegen sie, denn sie hätte sogar den Tod mit Freuden erlitten, sondern vielmehr, weil sie fürchtete, durch Veröffentlichung ihrer Verheiratung ihren Gerardo zu verletzen. Sie war auf dem Punkte, in dieser Nacht mit Hilfe der Amme sich aus dem Hause zu schleichen und ihren Schwiegervater aufzusuchen, sich ihm in die Arme zu werfen und ihn in das Geheimnis ihres Verhältnisses zu Gerardo einzuweihen; aber sie wußte nicht, ob ihr Gatte damit einverstanden gewesen wäre. Wer alle die Gedanken und Pläne einzeln aufführen wollte, die in dieser Nacht ihren Kopf durchkreuzten, möchte ebensowohl die Sterne zählen, die sein Blick an dem nächtlichen klaren Himmel strahlen sieht. Ihr dürft aber glauben und euch überzeugt halten, daß ihr Leiden unglaublich und unvergleichlich war. Die ganze Nacht über quälte sich die arme trostlose Elena, ohne einen Augenblick der Ruhe zu gewinnen.

Mit dem Anbruche des neuen Tages verließ die Amme das Gemach, um im Hause ihren Dienst und ihre Obliegenheiten zu versehen, unablässig, wiewohl fruchtlos, sinnend und trachtend, das verzweifelte junge Weib aus seinen ratlosen Nöten zu befreien. In der Tat war ihr Schmerz nicht geringer als der Elenas. Diese hatte sich die ganze Nacht über nicht ausgekleidet. Sobald sie sich nun allein sah, verschloß sie sich, bestürmt von seltsamen bösen Gedanken, in das Gemach, bestieg dann, angekleidet, wie sie war, ihr Bett und legte ihre Gewänder, so sittsam als möglich, um sich her. Dann sammelte sie alle ihre Gedanken auf den einen Punkt, und da ihr Herz es nicht ertragen konnte, diesen zu heiraten, den ihr Vater ihr vorgeschlagen hatte, und da sie auch nicht wußte, wann ihr Gerardo zurückkommen werde, faßte sie den Entschluß, nicht mehr leben zu wollen. Da sie des Mutes ermangelte, sich den Dolch in das Herz zu stoßen oder sich selbst zu erwürgen, und auch kein Gift in Händen hatte, hielt sie, sich ganz in sich versenkend, so lange den Atem an sich, bis sie, da auch der Schmerz fortwährend an ihrem Herzen nagte, das Bewußtsein verlor und von ihren verirrten Lebensgeistern fast ganz verlassen ward.

Als die Zeit zum Aufstehen da war, begab sich die Amme wiederum in das Schlafzimmer, um Elena zu wecken und anzuziehen, fand aber zu ihrer Verwunderung die Tür verriegelt. Indem sie zu wiederholten Malen daran pochte und heftig klopfte, aber durchaus keine Antwort erfolgte, kam Messer Pietro auf das von ihm vernommene Geräusch hinzu. Nach langem, vergeblichem Pochen wurde zuletzt die Tür mit Gewalt eingedrückt und zu Boden geworfen. Der Vater drang mit andern Hausgenossen in das Gemach, man riß die Fensterläden auf, und alle sahen nun die arme Elena wie tot auf dem Bette hingestreckt liegen. Es erhob sich darüber der größte Aufruhr: der unglückliche Vater weinte jämmerlich, und Klagerufe stiegen von ihm zum Himmel empor. Die Amme warf sich schreiend und heulend wie eine Rasende über sie her. Es gab kein Auge im ganzen Hause, das nicht von bitteren Tränen überfloß. Man schickte nach Ärzten, nach dem Bräutigam, nach Verwandten. Alles wurde versucht, unzählige Mittel angewendet, um Elena wieder zu sich zu bringen; aber völlig umsonst. Die Amme wurde ernstlich befragt und gab an, nachdem Elena die Nacht über sehr unruhig gewesen, wie wenn sie vom heftigsten Fieber geplagt würde, habe das Fräulein, als sie das Zimmer verlassen, gewacht. Innerlich aber hegte sie die feste Überzeugung, dem armen Weibe sei aus übergroßem Leidwesen das Herz gebrochen, und sie konnte sich nicht fassen noch zufrieden geben. Der trostlose Vater weinte unmäßig und sagte Dinge, die hätten Steine erbarmen mögen, geschweige Menschen. Als man nun nach Anwendung von tausend Hilfsmitteln einsah, daß der jungen Frau gar nichts half, nahmen die Ärzte an, sie müsse infolge eines aus dem Kopf auf das Herz getretenen Flusses vom Schlage getroffen und getötet worden sein. Da nun alle sie für tot hielten, traf man Veranstaltungen, sie noch am selbigen Abend ehrenvoll nach ihrem Range zum Begräbnis zu tragen nach dem Castello in das Patriarchat und sie in der marmornen Gruft ihrer Vorfahren beisetzen zu lassen, die außerhalb der Kirche war. So wurde das unglückliche junge Weib unter allgemeinem Wehklagen ihrer Bekannten zur Erde bestattet.

Hier könnt ihr nun sehen, wie wunderbarerweise zuweilen Glücksfälle herbeigeführt werden, und wahrnehmen, daß man nie eine vollkommene Freude haben kann, in die sich nicht einige Trauer mischte, und daß mit dem süßen Honig nie so viel bitterer Wermut gemengt ist, daß man nicht die Süßigkeit der Lust doch einigermaßen schmeckte. An dem nämlichen Tage mußte es geschehen, daß Gerardo am Strande bei Venedig mit seiner Galeere landete, nachdem er seine Reise so glücklich vollendet hatte, wie er sich nur hatte wünschen mögen, und reich an Gewinn. Es ist ein löblicher Gebrauch in Venedig, daß jedesmal, wenn Schiffe oder Galeeren von weiten Reisen zurückkehren, und namentlich wenn sie prachtvoll ausgestattet sind, Freunde und Verwandte ihnen zum Empfang entgegengehen, um sich mit ihnen über die gute und glückliche Zurückkunft zu freuen. Es zogen daher nicht wenige junge Leute und andere Bürger zu heiterem Empfange dem ankommenden Gerardo entgegen, welcher äußerst vergnügt ankam, nicht sowohl weil er reich und wohlversorgt heimkehrte, als in der Hoffnung, seine teuerste, von ihm über alles zärtlich geliebte Gattin wiederzusehen. Aber der Unglückliche wußte nicht, daß in derselben Stunde, wo er am Strande anlegte, sie zur Erde bestattet wurde. So trügerisch sind unsere Gedanken. Er landete eine halbe oder eine Stunde nach Sonnenuntergang, und um diese Stunde eben ging der Trauergottesdienst der unglücklichen Elena zu Ende, und die brennenden Lichter sendeten davon ihren hellen Strahl herüber.

Einige von denen, die von Beirut zurückkamen, fragten die ihnen Entgegenkommenden, was die vielen Lichter zu dieser Stunde bedeuteten. Es waren darunter viele junge Männer, die den Unglücksfall der armen Elena wohl kannten, und diese erzählten, sie habe sich heute verheiraten sollen, sei aber diesen Morgen in ihrem Schlafzimmer tot gefunden worden; wahrscheinlich werde sie nun in diesem Augenblick begraben. Bei dieser kläglichen rührenden Nachricht bedauerte gewiß jedermann das arme Mädchen. Gerardo aber vor allen fühlte nicht nur das größte Mitleid, sondern einen solchen Schmerz, der ihn so heftig quälte, daß es ein großes Wunder war, wie er nur die Tränen zurückzuhalten und sich so zu bemeistern vermochte, daß er nicht durch Jammerrufe das innere Weh offenbarte, das ihn so elendiglich peinigte. Doch gewann er es über sich, standhaft zu bleiben.

Sobald es ihm aber möglich war, trennte er sich von seinen Schiffsgenossen und von denen, die ihm zu Ehren entgegengekommen waren und nun nach Venedig zurückkehrten, und er war entschlossen, keinesfalls seine geliebte Elena überleben zu wollen. Er hing der festen Meinung an, daß das unglückliche Weib sich vergiftet habe, um nicht einen Mann heiraten zu müssen, den ihr Vater ihr aufgedrungen. Ehe er jedoch sich vergiftete oder anderswie Hand an sein Leben legte, nahm er sich vor, da er auch noch nicht entschlossen war, welche Todesart er wählen solle, zuerst nach der Gruft hinzugehen, wo Elena lag, sie zu erbrechen, seine Gattin – wenn auch tot – nochmals zu sehen und dann an ihrer Seite gleichfalls zu sterben.

Da er aber nicht wußte, wie er allein mit der Öffnung der Gruft fertigwerden solle, gedachte er sich dem Bootsmann der Galeere, der sein vertrauter Freund war, anzuvertrauen und ihm die Geschichte seiner Liebe zu offenbaren. Er nahm ihn also beiseite und eröffnete ihm, was zwischen Elena und ihm vorgefallen war, und was er zu tun im Sinne habe, verschwieg jedoch die Absicht, sich zu töten. Der Bootsmann widerriet ihm zwar aus allen Kräften diesen Gang und das Aufbrechen der Begräbnisstätte wegen der Mißhelligkeiten, die es geben könnte; sobald er ihn aber fest dazu entschlossen sah, bot er ihm seinen Beistand an und versicherte ihn, daß er ihn nicht verlassen, sondern ein und dasselbe Schicksal mit ihm teilen werde. Sie bestiegen nun miteinander ohne weitere Begleitung eine Barke, übertrugen die Leitung der Galeere einem zuverlässigen Seemanne und stießen nach Venedig ab. Dann fuhren sie nach der Wohnung des Bootsmanns und versahen sich mit den zu ihrem Plane notwendigen Eisenwerkzeugen. Dann stiegen sie wieder in die Barke und ruderten nach Castello zum Patriarchat.

Es war ungefähr Mitternacht, als sie die Gruft öffneten. Nachdem sie den Deckel wieder geschlossen hatten, stieg Gerardo hinab und fiel über den Leichnam seiner Gattin herüber, so daß, wer sie beide gesehen hätte, kaum unterscheiden konnte, wer mehr einem Toten gleiche, der Mann oder die Frau. Als Gerardo darauf wieder zu sich kam, weinte er bitterlich und bedeckte Gesicht und Mund seiner Geliebten mit Tränen und Küssen. Der Bootsmann fürchtete immer, in dieser Arbeit von der Scharwache überrascht zu werden, und mahnte Gerardo wiederholt, hinauszugehen. Dieser aber vermochte nicht aufzustehen. Ja, Gerardo war so sehr außer sich, daß, als er von seinem Freund genötigt ward, fortzugehen, er trotz des Widerstrebens von Seiten des Bootsmanns seine Gattin mit sich hinwegnehmen wollte. Sie nahmen sie also sanft heraus, schlossen die Gruft und trugen die junge Frau in die Barke. Dort ließ sich Gerardo von neuem an ihrer Seite nieder und konnte nicht satt werden, sie zu umarmen und zu küssen. Der Bootsmann tadelte jedoch heftig diese Torheit, den toten Leichnam mit sichherumzuführen, ohne zu wissen, wohin; und am Ende gab Gerardo dem vernünftigen Zuspruche des Bootsmanns nach und beschloß, den Leichnam in die Gruft zurückzuschaffen. Als sie dann bereits die kleine Barke wieder dem Patriarchat zugewendet hatten und Gerardo sich noch immer nicht aus den Umarmungen der Frau losmachen konnte, kam es ihm vor, als spüre er eine gewisse Regung in ihr. Er sagte daher zu dem Bootsmann: »Mein teurer Freund, ich fühle etwas in ihr, was mich hoffen läßt, daß sie noch nicht tot ist.«

Eingedenk der häufig vorkommenden ähnlichen Fälle verwarf der Bootsmann durchaus nicht diesen Verdacht, sondern bog sich zu den Liebenden hinab, legte seine Hand unter die linke Brust der jungen Frau und fand auch in der Tat das Fleisch etwas lauwarm und fühlte ein schwaches Klopfen des Herzens.

»Herr«, sagte er darum zu Gerardo, »faßt hierher, und Ihr werdet finden, daß sie nicht ganz tot ist.«

Voller Freude über diese glückliche Kunde legte Gerardo ihr die Hand auf das Herz, welches immer stärker pochte, da die Natur die verirrten Lebensgeister zurückrufen wollte.

»In der Tat«, rief er, »sie lebt. Aber was fangen wir nun an?«

»Wir wollen schon fertigwerden«, versetzte der Bootsmann. »Seid nur getrosten Muts und unbesorgt, wir werden schon für alles Erforderliche Rat schaffen. In den Sarg darf sie auf keinen Fall zurückgebracht werden. Gehen wir in mein Haus, das nicht weit von hier ist! Ich habe meine Mutter bei mir, eine alte, erfahrene Frau.«

So begaben sie sich an das Haus des Bootsmanns. Dort angelangt, pochten sie heftig an die Tür, wurden gehört und der Bootsmann erkannt. Das erstemal, als er an das Haus kam, hatte die Mutter nichts gehört. Die gute Alte, hocherfreut über die Rückkehr ihres Sohnes, ließ von der Magd Licht anzünden und die Tür öffnen. Der Bootsmann umarmte seine teure Mutter, schickte die Magd mit gewissen Aufträgen hinweg und trug mit Gerardo, ohne von ihr bemerkt zu werden, Elena in ein wohnliches Zimmer, wo sie sie entkleidet in ein treffliches Bett legten. Nachdem sodann Feuer angemacht und leinene Tücher gewärmt waren, auch die gute Alte sich in das ganze Geheimnis hatte einweihen lassen, fingen sie an, die Scheintote allmählich zu erwärmen und zu reiben. Dies setzten sie so lange und eifrig fort, bis die junge Frau nach und nach wiedererwachte und zur Besinnung kam, ja sogar mit stammelnder und zitternder Stimme einige halblaute Worte sprach. Sie schlug die Augen auf und gewann die Sehkraft allmählich wieder: dann erkannte sie ihren Gerardo, schien jedoch nicht völlig im Bewußtsein ihrer selbst: sie wußte nicht, ob sie träume, oder ob es wahr sei, was sie sehe. Bei so überzeugenden Lebenszeichen umarmte und küßte Gerardo seine teuerste Gattin aufs zärtlichste und vergoß, von der Fülle der Wonne überströmend, heiße Tränen. Sobald aber die junge Frau wieder ganz zu sich gekommen war und von dem Gatten und dem Bootsmann den Hergang vernommen hatte, und wie sie begraben und aus der Gruft errettet worden sei, fehlte nicht viel, daß sie vor Schreck und Freude wieder ohnmächtig geworden wäre. Wer nun meinte oder glaubte, die Wonne und das Glück der beiden Liebenden schildern zu können, wäre sehr im Irrtum; denn in der Tat, der tausendste Teil ihrer vollkommenen Seligkeit könnte nicht ausgedrückt werden. Die von den Toten wiedererstandene Elena wurde nun mit frischen Eiern, Pistaziennüssen, Backwerk und köstlichem Malvasier erquickt. Schon nahte die Morgenröte, aber Elena wurde von allen gebeten, sich der Ruhe zu überlassen und sich durch einen erquickenden Schlaf noch weiter zu stärken. Sie legte sich daher zur Ruhe nieder, und da sie in dieser und der vorhergehenden Nacht nicht geschlafen hatte, schlummerte sie nunmehr bald ein.

Als der Tag gekommen war, ließ Gerardo Elena noch ruhen und schickte den Bootsmann nach der Galeere zurück, während er selbst sich in einer Gondel nach dem Hause seines Vaters begab. Dieser war bereits aufgestanden und umarmte seinen Sohn mit lautem Jubel. Der glückliche und vergnügte Gerardo unterrichtete seinen Vater kurz über den ganzen Hergang seiner wohlgelungenen Reise, wie er beim Verkauf der mitgenommenen Waren einen beträchtlichen Gewinn gemacht habe und nicht minder im Einkauf der mit nach Hause gebrachten Waren. Der Vater war darüber vollkommen zufriedengestellt und segnete seinen Sohn tausendmal. Gerardo speiste diesen Morgen zu Hause mit seinen Eltern in größter Heiterkeit. Nach Tische verbrachte er einige Zeit damit, seine Galeere in Venedig einlaufen zu lassen und die nötigen Gänge zu tun. Sodann besuchte er mit dem Bootsmann seine Elena, bei der er fröhlich zu Abend speiste und in der Nacht schlief.

Am Morgen darauf beriet er sich sodann mit dem getreuen Bootsmann über das, was in betreff Elenas ferner vorzukehren sei. Nach vielfältigem Nachdenken kam er auf den Schluß, sie würde bis zur Veröffentlichung ihrer Vermählung am bequemsten und anständigsten bei seinem Schwager Lionardo aufgehoben sein; weshalb er denn am folgenden Tag mit ihm und seiner Schwester zu Mittag speiste. Nach Tisch bat er sie, sich mit ihm in ein Nebenzimmer zurückzuziehen, weil er ihnen ein Geheimnis mitzuteilen habe. Sie begaben sich daher aus dem Speisesaale hinweg, und Gerardo begann auf folgende Weise zu ihnen zu reden: »Hochgeehrter Schwager und teuerste Schwester, der Grund, weshalb ich euch bemüht habe, mich abseits zu führen, ist eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit für mich, wobei ich eure Verschwiegenheit und euern Beistand in Anspruch nehmen muß. Ich weiß, wie sehr ihr mich beide liebt, und daß ich, um eine Gefälligkeit von euch zu erlangen, nicht den Umschweif von Redensarten nötig habe, den ich anwenden würde, um von einem Fremden etwas zu erbitten. Darum komme ich zur Sache.«

Hier erzählte er ihnen nun die ganze Geschichte seiner Liebe von Anfang bis zu Ende und das schauerliche Begegnis, das seiner Gattin widerfahren war, die er in dem Hause seines Bootsmanns untergebracht habe, und er schloß mit der Bitte, sie bis zur Veröffentlichung seiner Verbindung in ihr Haus bringen und unter ihren Schutz stellen zu dürfen, da er nicht wüßte, wo er sie ehrenhafter und sicherer unterbringen könnte, als wenn er sie ihren Händen übergäbe. Lionardo und seine Gattin waren über das seltsame und gefährliche Abenteuer ihrer Schwägerin im höchsten Grade erstaunt und meinten, er erzähle ihnen ein Märchen. Nachdem sie sich aber versichert hatten, daß die Sache so sei, wie sie gehört hatten, übernahmen sie sehr gern die Aufgabe, für ihre Schwägerin zu sorgen. Sie stiegen daher gemeinschaftlich in eine Gondel und begaben sich in das Haus des Bootsmanns, um Elena abzuholen, und führten sie in Lionardos Wohnung.

Was sollen wir nun aber von der trostlosen Amme sagen? Sie hatte mittlerweile Gerardos Rückkehr vernommen, wagte aber aus Verzweiflung über Elenas Verlust nicht, ihm vor die Augen zu treten.

Es vergingen nicht viele Tage nach Gerardos Rückkehr, als sein Vater mit ihm davon anfing, daß er ihn verheiraten wolle. Er entschuldigte sich aber immer mit seiner Jugend und gab vor, noch nicht die Stimmung gefunden zu haben, in der er seinen Nacken unter das Joch der Ehe beugen möge; es scheine ihm viel angemessener, seine Jugend in Freiheit zu genießen, wie sein Vater auch getan habe, der zur Zeit seiner Verheiratung viel älter war als er. Über diesen Verhandlungen zwischen Vater und Sohn vergingen mehrere Tage, und Gerardo versäumte fast nie, die Nacht in Wonne mit seiner Frau zuzubringen. Messer Paolo wußte nun, daß sein Sohn fast regelmäßig außer dem Hause schlief, wußte aber nicht, wo, und geriet nun auf die Vermutung, er weise wegen unerlaubten Umganges mit irgendeiner Buhlerin oder andern schlechten Frauensperson jede eheliche Verbindung von sich. Um diesen Verdacht zu entfernen und weil er auch seines Alters wegen ernstlich wünschte, ihn verheiratet zu sehen, rief er ihn eines Tages zu sich und redete ihn folgendermaßen an: »Ich habe dir schon vielmals zugeredet, Gerardo, du möchtest dir eine Frau nehmen, und du hast dich noch immer meinen Wünschen nicht bequemt. Da ich nun des Trostes nicht entbehren möchte, dein Schicksal vor meinem Ende bestimmt zu sehen, so fordere ich dich jetzt auf, mir zu sagen, ob du mir gehorchen willst oder nicht, auf daß ich weiß, was ich weiter zu tun habe. Wenn du dir nur irgendeine Frau nehmen willst, so will ich dir so weit entgegenkommen, daß mir eine jede recht sein soll, die du wählst. Lehnst du hingegen jede Heirat von dir ab, so schwöre ich dir bei dem Evangelium des Sankt Markus, ich nehme einen von den Söhnen Lionardos und deiner Schwester an Kindes Statt an und hinterlasse dir auch nicht einen roten Heller.«

Da Gerardo seines Vaters Angesicht sehr zornig werden sah, schien es ihm nicht mehr an der Zeit zu sein, das Geschehene verborgen zu halten. Er erzählte ihm darum mit wenigen Worten den Hergang seiner Verheiratung sowie den Scheintod und die Genesung seiner Gattin. Als Messer Paolo die Erzählung seines Sohnes hörte, meinte er zu träumen und konnte ihm erst gar keinen Glauben beimessen. Zuletzt aber, als er die Standhaftigkeit der Behauptung seines Sohnes sah, erklärte er, er wolle morgen nach dem Frühmahl durch Elenas Anblick sich von der Wahrheit überzeugen und werde, wenn dem wirklich so sei, gern alles billigen. Gerardo bat ihn sodann dafür, daß er sich ohne seine Erlaubnis verheiratet habe, um Verzeihung und erhielt diese denn von dem zärtlichen Vater auch ohne Schwierigkeit.

An demselben Tage besuchte Gerardo seine Gattin und eröffnete ihr, dem Schwager und der Schwester alles, was zwischen ihm und seinem Vater besprochen und beraten worden war. Am folgenden Tage nach dem Frühmahle gingen Messer Paolo und Gerardo zu Fuß auf dem Kai ohne alle Begleitung hin, um Elena zu besuchen. Sie kamen an die Türe und pochten, und es ward ihnen geöffnet. Kaum waren sie eingetreten, als Elena die Treppe herabeilte, dem Schwiegervater zu Füßen fiel und ihn unter Tränen um Verzeihung bat, daß sie, wenngleich ihm unbekannt, für ihn eine Ursache der Besorgnis oder des Kummers geworden sei. Der gute Greis weinte vor Rührung bei dem Anblick seiner wunderschönen Schwiegertochter, hob sie vom Boden auf, küßte und segnete sie und hieß sie als eine geliebte Tochter willkommen. Darauf stiegen sie die Treppen empor, und Messer Paolo blieb bei dem Eidam und der Tochter eine gute Weile und konnte nicht satt werden, mit Elena zu reden, die ihm in der Tat äußerst anmutig und klug im Gespräch und gewandt in ihren Antworten schien.

Binnen wenigen Tagen fand in einer benachbarten Kirche ein sehr schönes Fest statt. Messer Paolo wollte, daß mit demselben zugleich die Hochzeit gefeiert und Elena reich gekleidet zur Messe geführt und dann ehrenvoll nach Hause geleitet werde. Er traf alle nötigen Veranstaltungen und lud viele Frauen ein, denen man sagen ließ, die Braut sei eine Fremde. Gerardo lud auch seinen in das Geheimnis eingeweihten Bootsmann und einige Edelleute aus den besten Häusern ein, welche alle meinten, die Braut sei eine Ausländerin. Am bezeichneten Tage führten sie sie also zur Messe mit großem Pomp und Gepränge. Von allen, die sie sahen, wurde sie für die schönste Jungfrau in Venedig gehalten, und niemand war, der sie nicht mit großer Verwunderung betrachtet hätte.

Der Zufall fügte es nun, daß eben der junge Mann, dem Elenas Vater sie anfänglich zum Weibe versprochen hatte, mit einem seiner vertrauten Freunde, der auch bei ihm gewesen war, als er einst sonnabends bei Elena Brautschau gehalten, zu gleicher Zeit in der Kirche war. Beide betrachteten, wie es so zu geschehen pflegt, die junge Braut mit großer Aufmerksamkeit, priesen sie als außerordentlich schön und konnten nicht umhin, zwischen ihr und der verstorbenen Elena eine auffallende Ähnlichkeit wahrzunehmen. Sie hefteten daher ihre Blicke um so fester auf sie, als wollten sie sie mit den Augen verschlingen. Da die junge Frau sich dessen versah und die beiden Jünglinge wieder erkannte, war sie nicht imstande, sich eines Lächelns zu erwehren und dann anderwärts hinzublicken. Die beiden Freunde fanden darin eine Bestätigung ihres Argwohns, daß Elena die Braut sei. Sie verließen daher die Kirche und begaben sich geradeswegs nach dem Patriarchat, wo sie nicht nachließen, bis der Patriarch ihnen verstattete, die Gruft zu öffnen, in der Elena beigesetzt worden war. Da sie dort weder Fleisch noch Knochen vorfanden, machten die beiden Jünglinge ein gewaltiges Aufsehen in der Stadt, drangen in das Haus, wo die Hochzeit gehalten wurde, und verlangten Elena zu erhalten, indem sie behaupteten, sie sei einem von ihnen von ihrem Vater versprochen worden. Es kam daher zu heftigem Wortwechsel, und Gerardo und sein Nebenbuhler bestellten einander auf zwanzig Uhr mit Schwert und Schild auf einen der gewöhnlichen Kampfplätze der Venezianer. Als aber die Sache zur Kenntnis des Rates der Zehn gelangte, wurden die Waffen verboten und bestimmt, daß die Sache auf dem Rechtswege zu erledigen sei. Vor Gericht wußte freilich der zu spät gekommene Freier nichts weiter für sich anzuführen als das Versprechen des Vaters, und da Gerardo durch die Amme bewies, daß er sie geheiratet und die Ehe vollzogen habe, auch Elena selbst dies bekräftigte, erfolgte der Spruch, sie sei Gerardos rechtmäßige Frau.

Sobald Messer Pietro, der während dieser Vorgänge von Venedig abwesend war, diese Nachricht hörte, nahm er, da er Gerardo als einen edeln und reichen jungen Mann kannte, ihn nicht allein als Schwiegersohn, sondern als Sohn an, so daß der wackere Gerardo aus einem reichen Manne ein sehr reicher wurde und lange in Frieden und Freude mit seiner Elena lebte, wobei er oftmals mit ihr und der teuern Amme des vergangenen Mißgeschicks gedachte, das nur ein kleiner Teil ihres Schadens war: denn nun ging es stets besser.

Die Herzogin von Savoyen

Es bestand in Spanien bittere Feindschaft und blutiger Krieg zwischen zwei sehr edeln Geschlechtern, nämlich zwischen den Häusern der Mendozzi und der Toledo. Beide waren sehr reich und mächtig durch Güter und Vasallen. Oft und viel hatten sie gegeneinander gekämpft, und auf beiden Seiten hatten viele Menschen den Tod gefunden. Jetzt aber war Zwietracht und Fehde zwischen ihnen weit heftiger als je, der Haß hatte sich tief in ihre Herzen eingefressen, und es fand sich kein Mittel, ihn beizulegen. Nun begab es sich, daß Don Giovanni von Mendozza, ein sehr reicher und äußerst mutvoller Jüngling, das Haupt der Seinigen war, und daß beide Parteien einander mit zahlreichen Scharen schlagfertig gegenüberstanden. Die Schwester Don Giovannis, die Witwe eines edeln Spaniers, hatte sich zu ihrem Bruder zurückgezogen, und als sie diese bösen Nachrichten erfuhr, bat sie Gott, zwischen den beiden Parteien Frieden zu stiften und so vielem Elende doch ein Ende zu setzen. Als sie dann aber zu der Einsicht gelangte, daß keine andere Entscheidung als die der Waffen möglich sei, und da sie doch ihren Bruder wie ihr Leben liebte, so gelobte sie Gott, wenn er ihn diesen Tag siegreich bestehen lasse, zu Fuß eine Pilgerfahrt nach Rom zum Besuche der Kirche des seligen Apostels Petrus auszuführen.

Die wilde Schlacht wurde geschlagen, und die Toledo erlitten eine gänzliche Niederlage, während Don Giovanni nur mit geringem Verluste der Seinigen das Feld behauptete. Frau Isabella (so hieß die junge Witwe) teilte ihr Gelübde ihrem Bruder mit, und wie ungern dieser sie auch eine so weite Reise zu Fuß unternehmen ließ, gab er dazu doch seine Einwilligung und veranstaltete nur, daß sie wohlbegleitet und womöglich mit allen Bequemlichkeiten versehen in kleinen Tagereisen ihren Weg antrat. Frau Isabella verließ Spanien, stieg über die Pyrenäen nach Frankreich hinüber, überschritt die Alpen ebenfalls und gelangte nach Turin. Gemahlin des Herzogs von Savoyen war damals eine Schwester des Königs von England, und sie galt für die schönste Frau des ganzen Abendlandes. Die spanische Pilgerin wünschte diese Herzogin zu sehen, um sich zu überzeugen, ob die Wirklichkeit dem Gerüchte gleichkomme, das allenthalben ihre große Schönheit pries. Das Glück war ihr hierbei sehr günstig: denn indem sie in Turin einwanderte, fanden sich am Tore gerade so viele Fuhrwerke zusammen, welche hineinwollten, daß sie den Pferden Eingang und Ausgang eine Weile erschwerten und versperrten. Die Herzogin, die in einem sehr schönen Wagen saß und herauswollte, um vor der Stadt spazierenzufahren – es war im Sommer nach dem Abendessen –, sah sich genötigt, drinnen zu bleiben, bis die äußeren Wagen hinein waren. Die Pilgerin schlüpfte mit ihrem Gefolge, weil sie zu Fuß war, leicht hinein, und als sie erfahren hatte, daß die im Wagen Wartende die so sehr gefeierte Herzogin sei, trat sie zu ihr, die am Schlage des Wagens saß, nahe heran. Die Pilgerin begann hier die schöne Herzogin sehr aufmerksam und fest zu betrachten und von allen Seiten mit prüfendem Blicke ins Auge zu fassen, und sie schien ihr in der Tat die schönste und reizendste Frau, die sie jemals gesehen hatte; ja sie glaubte, das Gerücht bleibe diesfalls hinter der Wirklichkeit zurück, und es sei leichter, eine so große Schönheit und Anmut wie diese zu bewundern, als jemand zu schildern. Ganz außer sich vor Entzücken rief sie daher ganz laut in spanischer Sprache: »Gott im Himmel, das ist doch die schönste und reizendste Frau, die man sehen kann! Was müßte das für Kinder geben, wenn mein Bruder sich mit ihr verbände! Wahrhaftig, das würden ganze Engel!«

Don Giovanni war dazumal einer der schönsten Ritter, die man finden konnte. Die Herzogin, welche vollkommen gut Spanisch verstand, das sie schon in England gelernt hatte, rief einen ihrer Lakaien und befahl ihm, der spanischen Pilgerin unbemerkt in ihre Herberge zu folgen und sie später auf das Schloß zu bringen, was denn auch pünktlich ausgeführt wurde. Die ganze Zeit über, wo die Herzogin sodann an den Ufern des Po lustwandelte, konnte sie an nichts anderes denken, als an die Worte der Pilgerin; sie bildete sich tausend und aber tausend Vorstellungen darüber und kam doch nie auf das Wahre. Als sie nun in das Schloß zurückkehrte, fand sie die Pilgerin, die infolge der Anordnung ihres Lakaien sie erwartete und auch ihre Begleitung bei sich hatte. Die Herzogin zog die Pilgerin beiseite und begann sie zu befragen, aus welcher Provinz von Spanien sie sei, aus welchem Geschlechte und wohin sie gehe. Sie antwortete auf alles mit Überlegung und entdeckte der Herzogin die Ursache, warum sie nach Rom wallfahrte.

Als die Herzogin den Adel der Fremden vernahm, entschuldigte sie sich bei ihr darüber, daß sie sie nicht gleich anfangs mehr geehrt habe; der Grund sei bloß der gewesen, daß sie sie nicht gekannt habe. So wechselte sie noch eine ganze Weile mit ihr höfliche Reden. Am Ende aber kam die Herzogin zur Sache und wollte wissen, zu welchem Zwecke die Pilgerin die früher erwähnten Worte gesprochen habe, als sie sie in dem Wagen bemerkte. Frau Isabella antwortete ganz unbefangen: »Frau Herzogin, der Herr Don Giovanni Mendozza, mein Bruder, ist einer der schönsten Jünglinge, die man heutzutage kennt; dies behauptet wenigstens ein jeder, der ihn sieht; ich würde mir selbst nicht glauben, daß seine Schönheit so groß ist, wie ich Euch hier sage, wenn das allgemeine und einstimmige Urteil aller, die ihn kennen, es nicht versicherte. Von seiner Mannhaftigkeit und seinen andern Eigenschaften, wie sie einem ausgezeichneten Ritter geziemen, zu reden, schickt sich für mich als seine Schwester nicht; wenn Ihr aber davon selbst mit seinen Feinden reden würdet, so könntet Ihr sie alle sagen hören, daß er ein mannhafter und vollkommener Ritter ist.«

Die Herzogin war von Liebe zu dem Ritter schon etwas entzündet durch die Worte, die sie früher im Wagen sitzend vernommen hatte, und wünschte über die Maßen ihn zu sehen. Als sie nun aber auf diese Weise seine Schwester ihn so entschieden loben hörte, öffnete sie ihre Brust weit für die Flammen der Liebe und ließ sich so innig davon durchglühen, daß sie ganz entzündet ward und an nichts anderes mehr dachte, als wie sie Don Giovanni zu Gesicht bekommen könne, und sie vertiefte sich in diese Gedanken so, daß sie gar häufig fast ganz außer sich kam. In ihrem eigenen Sinne fand sie keine Abhilfe für solche Not, und je hoffnungsloser sie war, um so mehr verlangte sie, den Ritter zu sehen; daher beschloß sie, eine ihrer ergebensten Kammerfrauen in ihr Vertrauen zu ziehen. Die Kammerfrau hieß Giulia; sie war sehr schön, äußerst klug und so anmutig, daß sie von dem ganzen Hofe fast auf den Händen getragen wurde. Ihr also vertraute die Herzogin alle Geheimnisse ihrer Liebe an und bat sie um Rat und Hilfe. Als Giulia, die ihre Gebieterin mehr als ihr Leben liebte, ihre Absicht erfuhr, hatte sie mit ihr das größte Mitleiden; sie bemühte sich, so gut sie konnte, sie zu trösten, und versprach ihr, alle Mühe anzuwenden, um Mittel und Wege zu finden, dieses Unternehmen zu Ende zu führen. Der Zuspruch der treuen Kammerfrau und ihre ausgedehnten Verheißungen erleichterten die Pein der Herzogin sehr. Giulia dachte hin und her nach über die ihr mitgeteilte Angelegenheit, und nach tausend und aber tausend Gedanken hielt sie endlich bei einem Punkte fest, der ihr der passendste schien: ohne den Beistand eines klugen und verständigen Mannes sei es fast unmöglich, die Krankheit ihrer Gebieterin an Geist und Herz zu heilen.

Bekanntlich ist es Sitte, daß allenthalben an den Höfen die Hofleute Liebschaften haben und sich mit den Damen daselbst Kurzweil verschaffen. Die Frau Herzogin hatte dazumal zum Arzt einen Mailänder Bürger namens Magister Francesco Appiano, Urgroßvater unseres wertesten Magisters Francesco Appiano, des Arztes Francesco Sforzas IL, Herzogs von Mailand. Giulia hatte sich bis jetzt nicht viel um die Liebe des Arztes bekümmert, wiewohl sie ihn nicht gerade ungern sah. Da sie nun aber gegenwärtig bedachte, daß es ein wohlgesitteter, kluger und einnehmender Mann sei, der gewiß jedes Unternehmen von der rechten Seite aufzufassen verstehe, kam sie mit sich überein, niemand passe besser für ihre Pläne als er. Darüber mit sich selbst einig, besprach sie es auch mit der Herzogin. Diese billigte ihre Gründe und forderte sie auf, den Arzt fortan durch süße und verliebte Blicke soviel als möglich an sich anzulocken, was die kluge und listige Zofe auch auf das geschickteste auszuführen verstand. Der Arzt, der in der Tat in sie verliebt war, fühlte sich sehr glücklich und strahlte von Freude in der Hoffnung, mit seiner Liebe zum erwünschten Ziele zu gelangen. Nachdem sie dem von ihrer Gebieterin erhaltenen Befehle zufolge ihn gehörig in Brand gesteckt zu haben glaubte, sagte sie eines Abends zu ihm: »Die Frau Herzogin fühlt sich etwas unwohl und wünschte, daß Ihr morgen, ehe sie aufsteht, in das Zimmer kommt, um von ihr die Zufälle ihres Unwohlseins zu vernehmen, die Anzeichen zu untersuchen und die Maßregeln zu ergreifen, die ihre Krankheit verlangt.«

Der Arzt versprach, es zu tun. Als sodann der Morgen kam, ging er in das Schloß, trat in das Vorzimmer und wartete, bis er hineingelassen würde. Die Herzogin und Giulia hatten schon miteinander ausgemacht, was sie dem Arzte sagen wollten, der denn auch wirklich glaubte, die Herzogin sei unpäßlich und kränklich; und allerdings war sie leidend, aber freilich nicht an einer Krankheit, wo Galen, Hippokrates und Avicenna ihre Arzneien zu verordnen brauchten. Als die Herzogin hörte, daß der Arzt gekommen sei, ließ sie ihn in das Zimmer kommen und die anderen Frauen abtreten, während sie bloß Giulia und den Arzt bei sich behielt. Dann wandte sie sich zu diesem und redete ihn folgendermaßen an: »Wenn Ihr, Meister Francesco, der freundliche und kluge Mann seid, als den man mir Euch schildert, so bin ich versichert, daß ich in betreff dessen, was ich Euch eröffnen werde, zweierlei an Euch vorfinden werde, erstens, daß Ihr mir unverbrüchliche Treue und Verschwiegenheit halten werdet, sodann, daß Ihr Mitleid habt mit meiner Not und Mittel finden möget, sie zu lindern; denn ich halte Euch für einen nicht minder geschickten Arzt von Leiden der Seele als des Körpers. Ihr wißt ja wohl, was es um ein junges, in weichlichem Leben sich bewegendes Weib ist, das sich mit einem betagten Manne vermählt sieht, der, offengesagt, im Frauendienst wenig oder nichts vermag; wiewohl mir nichtsdestoweniger nichts Unehrbares in den Sinn gekommen ist noch mein Wille dahin geht, etwas zu tun, was meinem Herrn und Herzoge mißfallen könnte. Aber seit einigen Tagen fühle ich mich so heftig durchglüht von dem Verlangen, einen Mann zu sehen, den ich niemals gesehen habe, daß, wenn ich diesem Gelüste nicht genüge, ich klar einsehe, daß es mir unmöglich ist, am Leben zu bleiben, wiewohl ich mir alle Gewalt angetan und auf tausenderlei Art und Weise mich bemüht habe, diese Phantasie mir aus dem Sinne zu schlagen, – aber alles war umsonst: denn so sehr ich strebe und mich anstrenge, dieses glühende Verlangen, ich sage nicht zu löschen, sondern nur, es zu dämpfen, um so mehr entzündet es sich und wird mit jedem Augenblick größer. Ich sehe, daß es mich offenbar ins Grab bringt, wenn ich hier nicht ein ernstliches Mittel anwende, und so habe ich denn beschlossen, alles zu tun, um nur nicht umzukommen; denn das letzte, was ich wünsche, wäre allerdings, mich dem Tode in den Rachen zu stürzen.«

Die Herzogin erzählte nun weiter, was sie von der Pilgerin über ihren Bruder hatte sagen hören, und erklärte, sie sei entschlossen, alles zu tun, um den berühmten Ritter zu sehen, wobei sie den Arzt immer wieder bat, ein passendes Mittel zu suchen, um dieses ihr Verlangen zu Ende zu führen. Nachdem sie ihm dafür goldene Berge verheißen, stellte sie ihm endlich auch noch die Hand Giulias in Aussicht. Der Arzt liebte Giulia wie sein Leben und wünschte nichts sehnlicher, als sie zur Gattin zu erhalten; sobald er daher diese Saite berühren hörte, gab er der Herzogin das unbedingte Versprechen, mit aller Mühe das Mittel ausfindig machen zu wollen, das für ein solches Unternehmen passe; um aber die Wichtigkeit des Falles reiflich zu erwägen und ein Mittel zu finden, daß niemand die List bemerke, erbat er sich zwei Tage Frist, um verschiedene Mittel zu überlegen und wieder in Betracht zu ziehen. Inzwischen hatte er bereits einen Anschlag in Gedanken gefaßt, der ihm gar wohl gefiel, und ermahnte die Herzogin, im Bette zu bleiben und auszusprengen, sie sei etwas unwohl, und um seinem Plane einen rechten Anstrich zu geben, verordnete er ihr eine Latwerge und andere Arzneien. Darauf verließ er sie, ging nach Hause und fing nun an, seinen Verstand recht anzustrengen und allerlei Hirngespinste und seltsame Ränke auszuklügeln, so daß sein Geist vollständig in dieses Unternehmen versenkt war. Nachdem er denn viele Luftschlösser erbaut und die Schärfe seiner Einsicht übermäßig in Anspruch genommen, auch verschiedene Listen ersonnen hatte, fiel er endlich als auf das sicherste und beste Mittel darauf, sie sollte nach Sankt Jakob in Galizien gehen unter dem Vorwande, daß sie ein Gelübde getan habe, persönlich und zu Fuß die heiligen Reliquien des Apostels zu besuchen.

Als bei dem schlauen Appiano dieser Entschluß feststand, wartete er der Herzogin wieder auf und eröffnete ihr in Gegenwart seiner Giulia, was er ausgedacht hatte; und damit die Herzogin einen anständigen und gültigen Grund habe zu einem solchen Gelübde, wollte Appiano, daß sie sich sehr krank stelle und es hernach den Anschein gewinne, sie sei durch ein Wunder des heiligen Jakob genesen. Der Herzogin gefiel dies um so mehr, als der gefällige Arzt ihr überdies ein gutes Mittel angab, wie sie ihre Kammerfrauen mit guter Art auf den Glauben bringen könne, daß sie den heiligen Apostel der Herzogin haben leibhaftig erscheinen sehen. Die Herzogin fing also an, sich übelgelaunt zu betragen, vor allen Speisen, die man ihr vorsetzte, Ekel zu erkennen zu geben und heftig über Magenschmerzen zu klagen. Sie hatte neben anderen Verordnungen Appianos Räucherungen mit Mutterkümmel vorgenommen, so daß sie ganz bleich geworden war. Es wurden andere Ärzte zur Behandlung gerufen, die, als sie sie so bleich sahen, heftig erschraken. Sie wurden von Appiano über den Fall unterrichtet, der nach seiner Art ihnen einen langen Vortrag über das Leiden und die verschiedenen Krankheitsfälle, die die Herzogin gehabt haben sollte, vorerzählte, und so verließen sie sich auf ihn, der doch die Natur der Kranken am besten kenne. Als er sah, daß die Sache ging, wie er gedacht hatte, beriet er mit ihnen einige Mittel, die er anzuwenden beschlossen, welche denn auch von allen vollständig gutgeheißen wurden.

Indessen schien sich der Zustand der Herzogin von Tag zu Tag zu verschlimmern; sie aß nur heimlich nahrhafte Speisen, die ihr Appiano verschaffte, und so verbreitete sich durch ganz Turin das Gerücht, die Herzogin sei in Todesgefahr. Dies versicherten auch die anderen Ärzte, weil Appiano mit Giulias Hilfe das Wasser dermaßen verfälschte, daß sich die Zeichen des Todes darin fanden. Der Weihbischof des Erzbischofs von Turin war ein Bischof, dessen Bistum in den Ländern der Ungläubigen lag, ein armer Mann ohne Besitz, der aber sehr einfältig war und einen frommen Wandel führte. Bei diesem nahm sich die Herzogin vor zu beichten und legte ihm eine Beichte ab wie Ser Ciappelletto, indem sie ihm mitteilte, wie sie ganz sicher ihre Lebenskräfte hinschwinden und den Tod herannahen fühle, wobei sie ihn bat, für sie zu beten. Der leichtgläubige Alte tröstete sie dagegen mit frommen Worten und ermahnte sie, ihre Seele Gott zu empfehlen und auf sein himmlisches Erbarmen zu hoffen. Auch veranstaltete der gute Bischof, daß tags darauf eine große Prozession gehalten und von der ganzen Klerisei der Stadt um die Gesundheit der Herzogin gebetet wurde.

Appiano hatte mit eigener Hand ein meisterhaftes Abbild Sankt Jakobs von Galizien verfertigt, so wie man sich ihn gemeiniglich vorstellt. Es war zusammengepappt und außen mit schönen Farben angestrichen, denn Appiano war nicht allein ein gelehrter Arzt, sondern auch in tausenderlei Kunstfertigkeiten geübt. Er legte diese Figur in einen Kasten zu leinenen Tüchern, die er vorher wohl mit gebrannten Wassern durchnäßt und in Spiritus getränkt hatte, und übergab die Kiste Giulia, die sie als voll von ihr zugehörigen Habseligkeiten sogleich auf das Schloß schaffen und hinter das Bett der Herzogin stellen ließ. Die Herzogin hatte für die Dauer ihrer erdichteten Krankheit zwei einfältige alte Weiber gewählt, um die Nacht in ihrem Schlafzimmer zuzubringen, wo auch Giulia schlief. In der Nacht nach dem Tage also, wo die erwähnte Prozession gehalten wurde, um Mitternacht, als Giulia sah, daß die alten Weiber, welche lange gewacht hatten, in tiefen Schlaf gesunken waren, öffnete sie leise die Kiste, nahm das Bild des Sankt Jakob heraus und befestigte es mit Hilfe der Herzogin an der Wand gerade hinter dem Bette, worauf sie die Bettvorhänge zurückschlug und dicht an dem Bilde die leinenen getränkten Tücher anzündete. Das Standbild des Heiligen war so eingerichtet, daß es, wenn man einen daran befestigten weißen Faden Zwirn anzog, den rechten Arm erhob, wie um Segen zu spenden. Da stieß Giulia plötzlich einen so lauten Schrei aus, daß die beiden guten Alten erwachen mußten. Giulia warf sich zwischen Wand und Bett auf die Knie nieder, zog an dem Faden und rief: »Wunder, ein Wunder!«

Die Herzogin stand vom Bette auf, stürzte ebenfalls vor dem Heiligen nieder und bat ihn, sie zu heilen, wofür sie ihm zu wiederholten Malen gelobte, eine Wallfahrt zu seinen heiligen Resten zu unternehmen. Die beiden guten Alten sahen, wie das Bild die Herzogin segnete, und die brennenden Tücher verbreiteten einen so schönen hellen und bunten Glanz um den Heiligen, daß jene steif und fest glaubten, es sei Sankt Jakob der Ältere, Bruder des Evangelisten Johannes, und vor Rührung weinend andächtig niederknieten. Die guten Alten hörten die Herzogin das Gelübde mehrmals wiederholen, und sobald diese den Glanz der getränkten Tücher abnehmen sah, hieß sie die beiden Alten aus dem Zimmer gehen und den Arzt herbeiholen, der in einem nicht sehr entfernten Zimmer auf der Burg sich zur Ruhe begeben hatte. Während die guten Mütterchen hingingen, den Arzt zu rufen, nahmen die Herzogin und Giulia die Figur weg, und Giulia brachte sie schnell in die Kiste zurück. Die beiden Alten machten einen solchen Lärm, daß sie nicht allein Appiano aufweckten, sondern fast alle Bewohner des Schlosses aufscheuchten mit ihrem Geschrei: »Wunder, ein Wunder!«

Auch der Herzog stand auf bei dem Lärm und begab sich mit vielen in das Gemach der Herzogin. Die Herzogin war schon angekleidet und zeigte sich so heiter aussehend, als man nur wünschen konnte. Sobald sie den Herzog erblickte, ging sie ihm entgegen, ihm ihre Ehrerbietung zu bezeugen, und sagte ganz froh und heiter zu ihm: »Mein Herr, ich bin die glücklichste Frau von der Welt, denn unser Herrgott hat mich gewürdigt, durch Vermittelung seines glorreichen Apostels Sankt Jakob von Galizien mir meine Gesundheit wiederzugeben.«

Darauf erzählte sie ihm das schöne Wunder. Die beiden Alten und Giulia versicherten, den Apostel leibhaftig gesehen zu haben. Appiano, auf den der Herzog großes Vertrauen setzte, sagte, beim Eintreten in das Zimmer habe er eine große Helle um den Heiligen bemerkt, der aber im Nu verschwunden sei fast in demselben Augenblick, wo der Herzog ins Zimmer trat. Es wäre zu weitläufig, die verschiedenen Dinge zu erzählen, die noch gesprochen wurden; kurz, die Herzogin bat ihren Gemahl, das Gelübde zu genehmigen, das sie getan hatte, und er bestätigte es.

Am Morgen verbreitete sich bald das Gerücht von diesem Wunder, und niemand sprach von etwas anderem. Der Weihbischof kam in das Schloß, um die Herzogin, den Arzt, die beiden Alten und Giulia gründlich zu verhören; alle bezeugten einstimmig, den heiligen Apostel gesehen zu haben, wie er die Herzogin segnete, und wie es viele Leute gibt, die sich schämen zu müssen glauben, etwas nicht gesehen zu haben, was andere sahen, zumal in Dingen des Glaubens und der Wunder, so waren auch hier am Hofe viele Männer und Frauen, welche versicherten, beim Eintreten in das Zimmer den Heiligen und den Glanz um ihn her gesehen zu haben. Darum beschloß denn der Weihbischof, noch am nämlichen Morgen die feierliche Messe dieses Apostels zu lesen, wobei ein großer Zulauf entstand. Bei der Messe hielt der ehrliche Weihbischof eine kleine Predigt, erzählte darin das schöne Wunder und die Gnade der Genesung ihrer Herzogin und berichtete alles, wie wenn er es selbst gesehen hätte. Der ganze Hof und die Stadt waren in größtem Jubel, und es wurde Buhurt und Turnier gehalten.

Frau Isabella Mendozza hatte unterdessen ihre Pilgerfahrt vollendet und kam auf dem Rückwege nach Turin, wo sie dem Versprechen gemäß der Herzogin aufwartete, die mit großem Verlangen ihrer harrte. Die Herzogin hieß die spanische Pilgerin mit tausend Freuden willkommen und ließ sie im Schlosse beherbergen. Sie sagte dann bei passender Gelegenheit zu dem Herzog, es sei eine spanische Edelfrau von Rom mit anständigem Gefolge angekommen, die auf dem Heimwege nach Hause begriffen sei; wenn es ihm genehm sei, wäre sie entschlossen, mit ihr zu gehen und ihr Gelübde zu erfüllen. Der Herzog, der an nichts weiter dachte, war zufrieden, daß sie hinziehe; er versah sie mit einem anständigen Gefolge und mit Geld und wünschte ihr Glück auf den Weg. Die Herzogin wünschte unter ihren Begleitern den gefälligen Appiano und Giulia zu haben. Es war ein herrlicher Anblick, diese zwei ausgezeichneten Pilgerinnen mit so ehrenvollem Geleite von Männern und Frauen, alle zu Fuß und in Pilgertracht. Indessen hatten sie einige Wagen bei sich, die ihnen Betten und andere Bequemlichkeiten nachführten. Sie machten also ihre Tagereisen, überstiegen die schneeigen Alpen, durchzogen die Provence und gelangten an die Pyrenäen. Durch die Grafschaft Roussillon kamen sie endlich, immer in kleinen Tagmärschen vorschreitend, nach Spanien. Die Herzogin hatte die Mendozza und alle ihre Begleiter verpflichtet, niemandem zu offenbaren, daß sie die Herzogin von Savoyen sei. Wollte man alle die Gespräche erzählen, die die Herzogin auf dieser Reise mit Appiano und Giulia führte, so wäre das eine gar zu große Arbeit. Sie versicherte, die mühsame, lange Pilgerfahrt falle ihr keineswegs zur Last, vielmehr fühle sie sich von Stunde zu Stunde rüstiger, und je weiter sie komme, um so mehr fühle sie sich erglühen und steige das Verlangen, den so sehr ersehnten und hochgepriesenen Don Giovanni zu sehen. Von ihr konnte wohl der schöne Vers unseres liebeseligen Petrarca gelten:

Lebend'ge Liebe, die im Leiden wächst.

Als sie nun in die Nähe der Stadt kamen, wo Don Giovanni gewöhnlich wohnte, sagte Frau Isabella zu der Herzogin: »Gnädige Frau, wir sind nun nur noch zwei kleine Tagereisen von einer der Städte meines Herrn Bruders entfernt. Mit Eurer Erlaubnis will ich vorauseilen, um die Herberge für Euch und Euer Gefolge in Bereitschaft zu setzen, und will, wenn es Euch recht ist, meinem Herrn Bruder sagen, eine edle Lombardin, die mir in ihrem Hause viel Ehre erwiesen, komme mit mir, um bei mir zu wohnen. Außerdem will ich ihm nicht näher sagen, wer Ihr seid.«

Sie ging also voraus, konnte sie aber nicht enthalten, ihrem Bruder zu sagen, daß die Erwartete die Schwester des Königs von England und Gattin des Herzogs von Savoyen sei, und erzählte ihm die erste Unterredung mit ihr in dem Wägelchen, das Gelübde, Sankt Jakob zu besuchen, und ihren Wunsch, nicht erkannt zu werden. Don Giovanni ermahnte die Schwester, die erlauchte Pilgerin auf jede mögliche Weise zu ehren, und als ein kluger und listiger Mann kam er mehr und mehr auf den Gedanken, daß es um diese Pilgerfahrt eine andere Bewandtnis habe, als seine Schwester denke. Doch ließ er sie nichts davon merken. Frau Isabella ordnete sofort an, was sie für nötig hielt, und kehrte dann um, die Herzogin zu empfangen.

Sobald Don Giovanni dachte, es sei Zeit, stieg er mit vielen seiner Edelleute zu Pferde und sagte, er wolle ausgehen, um ein paar Hasen zu jagen; während er nun mit seinem Gefolge da und dort pirschte, kam er auch auf den Weg, welchen die schönen Pilgerinnen einherkamen. Die Herzogin fragte, was das für Leute seien. Frau Isabella antwortete: »Gnädige Frau, es ist mein Bruder Herr Don Giovanni, der zu seinem Vergnügen jagt; der ist es auf dem hermelinweißen leichten Renner, seht, der mit den weißen Federn auf dem Hute.«

Die Herzogin, die, ohne ihn gesehen zu haben, sich durch den bloßen Ruf von seiner Schönheit in ihn verliebt hatte, fand ihn nun noch weit schöner und liebenswürdiger, als sie sich gedacht hatte, und war von der Schönheit und Liebenswürdigkeit des Ritters so eingenommen und so heftig entzündet, daß sie ganz außer sich und wie in ihn verwandelt fast keinen Schritt tun konnte, sondern nur ihm starr ins Gesicht sah, da sie meinte, sie habe nie in ihrem Leben eine solche Wonne gefühlt wie bei seinem Anblick, und gerne wäre sie hier nur immer stehengeblieben, um ihn besser und bequemer betrachten zu können. Don Giovanni stieg vom Pferde und kam höflich heran, ihr die Hände zu küssen als einer Edelfrau, die in Italien seiner Schwester Freundlichkeit erzeigt, ihr dafür zu danken und sie willkommen zu heißen, wobei er ihr sich mit Gut und Leben ergeben erklärte. Unter diesen Höflichkeitsbezeigungen und Danksagungen schien es dem Ritter, sie sei die schönste und anmutigste Frau, die er je gesehen habe. Und bei den wenigen Worten, die sie miteinander wechselten, begab es sich zufällig, daß beider Blicke sich gegenseitig begegneten, so daß, wenn es möglich war, das Liebesfeuer der Herzogin neue Nahrung sog und der Ritter von dem Glanze der beiden glühenden Lichter so heftig entflammt wurde, daß er sich sogleich darin gefangen fühlte und nicht umhin konnte, ganz in Liebe zu der schönen Pilgerin zu erglühen. Indessen wagte keines von beiden sein inneres Gefühl gegen das andere laut werden zu lassen; vielmehr suchte jedes so viel als möglich die brennenden Flammen zu verbergen. Darum verzehrten sie sich auf klägliche Weise; denn je mehr das Liebesfeuer versteckt wird, um so mehr verbrennt und verzehrt es den Liebenden.

Die Herzogin ruhte drei Tage lang höchlich geehrt und gefeiert in Don Giovannis Hause aus und strebte durch den Anblick des geliebten Gegenstandes einige Linderung ihres Leidens zu erlangen, wiewohl dasselbe im Gegenteil nur immer heftiger wurde. Ebenso ging es dem Ritter, der, je mehr er die schönen und holden Reize der Frau betrachtete und bei sich lobte, um so mehr durch die Augen das unsichtbare Liebesgift schlürfte, so daß er übermäßig erglühend nicht wußte, was er tun solle. Am vierten Tage nun stand, was immer der Grund sein mochte, die Herzogin früh auf, nahm Abschied von Frau Isabella, ging mit ihrem Gefolge weg und schlug die Richtung nach Sankt Jakob ein.

Als Don Giovanni die plötzliche Entfernung der Herzogin vernahm, war er sehr verstimmt und konnte sich nicht vorstellen, was die Herzogin bewogen habe, auf diese Weise wegzugehen. Er ließ also Pferde satteln, folgte mit einigen seiner Leute der Herzogin auf dem Fuße und ritt so schnell, daß er sie, die zu Fuß ging, in kurzem einholte. Sobald er sie erreicht hatte, stieg er ab, machte der Herzogin die gebührende Verbeugung und sprach zu ihr: »Gnädige Frau, ich weiß nicht, warum Ihr so unversehens abgereist seid, und es tut mir sehr leid, daß ich Euch nicht die Ehre und die Gefälligkeit erwidern konnte, die Ihr freundlich genug meiner Schwester erwiesen habt. Wenn unglücklicherweise Euch oder einem von Euern Leuten etwas Unschickliches widerfahren sein sollte, so werde ich, sobald Ihr geruht, mir es zu wissen zu tun, Euch jede billige Entschädigung gewähren.«

Die Herzogin dankte dem Ritter und sagte, sie habe von ihm und seinen Leuten nichts als Ehre und Höflichkeit erfahren; sie bekenne sich dafür als seine Schuldnerin; und wenn sie abgereist sei, ohne ihn davon zu benachrichtigen, so sei es lediglich aus dem Grunde geschehen, um ihn nicht aufzuwecken. Unter diesen Gesprächen begleitete sie der Ritter zu Fuß, und als es sich dabei fügte, daß gerade niemand in der Nähe war, der ihn hätte hören können, sagte er zu ihr: »Gnädige Frau, ich bin höchst betrübt, daß es Euch nicht hat gefallen wollen, Euch Euerm Stande gemäß in meinem Hause verehren zu lassen; denn wenn Ihr die Schwester eines Königs und die Gattin eines Herzogs seid, muß ich es immer schmerzlich bedauern, Euch nicht behandelt zu haben, wie Ihr es verdientet und wie es meine Schuldigkeit war. Wenn man jemals erfährt, daß Ihr in meinem Hause gewohnt habt, und wie wenig Rücksicht ich auf eine so hohe Frau genommen habe, so wird die Welt mich für einen sehr unansehnlichen Ritter halten, und während ich doch keine Schuld trage, wird jedermann mir Vorwürfe machen. Erweiset mir wenigstens die Gunst, gnädige Frau, daß mir bei Eurer Rückreise vergönnt sei, Euch als eine königliche Frau und Eurer Würde gemäß zu verehren: denn wenn Ihr mir so große Gnade erweist, werde ich mich ewig Euch dafür verbunden erachten.«

Nun sprachen sie noch mancherlei miteinander, indem die Herzogin sich über Frau Isabellas Verrat beschwerte. Am Ende, als sie beide über die Maßen füreinander erglühten, wußten sie ihre Liebe nicht mehr so gut zu verbergen, daß nicht die glühenden und lebhaften Flammen Funken aufgesprüht und sich geoffenbart hätten. Da sie so ihre beiderseitige Sehnsucht erkannten, eröffneten sie sich ihre Liebe und kamen überein, daß die Herzogin, nachdem sie die Reliquien des Heiligen besucht und in dem Tempel die neuntägige Andacht verrichtet nach Art aller Pilger, die neun Tage hintereinander täglich gewisse Zeremonien in jener Kirche mitmachen, wieder zu ihm kommen und einige Tage bei ihm verweilen wolle. Nach dieser Verabredung beurlaubte er sich; die Herzogin setzte ihren Weg nach dem Heiligen fort, der Ritter aber kehrte voll Freude nach Hause zurück. Verlassen wir nun auf eine Weile die Verliebten und gönnen ihnen Zeit, an ihre Liebe zu denken, während wir ein wenig vom Herzoge von Savoyen reden, dem es nach geraumer Zeit beifiel, er habe doch nicht wohlgetan, eine Schwester des Königs von England und seine Gemahlin so heimlich und prunklos einen so langen Weg ziehen gelassen zu haben. Sich deshalb eines Bessern besinnend und voll Verlangens, den begangenen Fehler wiedergutzumachen, berief er seine Räte zusammen und trug ihnen die Sache vor. Alle waren der Meinung, so schnell als möglich das Versäumnis wiedereinzubringen, und der Zeitersparnis wegen solle der Herzog selbst zur See nachreisen. Er ließ daher einige Schiffe teeren, die er in der Nähe von Nizza hatte, und stach mit ehrenvollem Gefolge vieler Ritter und Edelleute in See. Ein günstiger Wind führte ihn rasch über das Mittelmeer durch die Meerenge von Gibraltar nach Galizien, und so erreichte er die heilige Stätte gerade am neunten Tage, indem die Herzogin ihre Andachtsübungen daselbst beschloß. Ihre Begleiter waren über den Anblick ihres Gebieters höchlich erfreut; desto mißvergnügter aber war die Herzogin, die sich also den Weg zu ihrer Liebe abgeschnitten fand. Ebenso betrübten sich Appiano und Giulia, die Vertrauten ihres Herzens, wenn sie auch ihren Arger zu verbergen und äußerlich vergnügt zu scheinen wußten. Der Herzog erklärte seiner Gemahlin, warum er ihr nachgekommen sei, brachte noch den nächstfolgenden Tag selbst damit zu, die heiligen Reliquien des Apostels zu besuchen und andächtig zu verehren, und schiffte sich darauf mit seiner Gemahlin und seinem ganzen Gefolge wieder ein, um vor der Heimfahrt seinen Schwager in England zu besuchen. Nach glücklicher Fahrt gelangte er dahin und wurde von dem König freudig aufgenommen; ihm zu Ehren wurden große Festlichkeiten veranstaltet.

Die Herzogin, wenn sie gleich ein heiteres Antlitz öffentlich zur Schau trug, war diese Zeit über dennoch im tiefsten Innern betrübt und machte, sooft sie Gelegenheit hatte, bei Appiano und Giulia sich Luft, weinte bitterlich über ihren Verlust und hielt ihr Schicksal für allzu schwer zu ertragen, das in voller Blüte ihrer Liebe, als die ersehnte Frucht schon im Entstehen war, ihr nach so vielen Mühen und Anfechtungen von Körper und Geist die Blüte entblättern und vernichten und jede Hoffnung entziehen sollte, jemals die Frucht zu pflücken. Appiano und Giulia trösteten sie inzwischen nach bestem Vermögen mit der Vorstellung, daß Don Giovanni sie ganz gewiß in Turin aufsuchen werde; aber sie wollte von keinem solchen Zuspruche hören, so tief war sie in Schwermut versunken. Um jedoch ihrem Gatten und ihrem königlichen Bruder keinen Anlaß zum Verdacht zu geben, zeigte sie sich äußerlich heiter und verbarg, so gut sie konnte, ihr tiefes Leidwesen.

Sie verweilten einige Tage in England, wo der König nichts unterließ, um dem Schwager und der Schwester Freude und Ehre zu machen. Der Herzog, dem die lange Seefahrt beschwerlich wurde, wollte nicht wieder den früheren Weg machen, sondern beschloß, in Calais zu landen und durch Frankreich in die Heimat zurückzukehren. Der König schenkte seiner Schwester beim Abschied einen kostbaren Diamant von mehr als hunderttausend Dukaten im Werte. Der Herzog und die Herzogin gingen also von England weg nach Calais, schickten dort die Schiffe weiter, versahen sich mit Pferden und zogen nach Paris, wo der Allerchristlichste König sie freudig und ehrenvoll aufnahm, zumal der Herzog von Savoyen Generalkapitän des Königs war. Von dort aus begaben sie sich sodann nach Savoyen, wo sie einige Tage verweilten, und dann überschritten sie die Alpen und gelangten nach Turin. Die Herzogin war äußerst betrübt, und ihr Schmerz ward um so größer, je weniger sie ihm offen Luft machen durfte; denn sie wagte ihn gegen niemand als gegen Appiano und Giulia zu offenbaren.

Was meint ihr aber, daß Don Giovanni getan habe, der nicht weniger als die Herzogin glühte? Er sah die Herzogin nicht zur verabredeten Zeit zurückkommen; er zählte nicht nur Tage, sondern Stunden; und nachdem er fünf bis sechs Tage über die Frist vergeblich gewartet hatte, war er höchlich erstaunt und fürchtete, es möchte ihr irgendein unerwarteter Zufall zugestoßen sein. Er schickte daher einen vertrauten Mann nach Galizien, um zu erkunden, was es sei. Der Bote ging hin, erkundigte sich und vernahm von den Einwohnern des Orts, die Pilgerin, die den Apostel besucht habe, sei die Herzogin von Savoyen, und der Herzog, ihr Gemahl, sei auch dahin gekommen und habe sie zu Schiff abgeholt. Der Bote kehrte zurück und erzählte dem Don Giovanni alles ausführlich. Als der Ritter diese Kunde vernahm, glaubte er, die Sache sei vorsätzlich so angelegt, und die Herzogin habe nichts anderes als ihn hintergehen wollen. Dennoch erduldete er große und unsägliche Liebespein, und es schien ihm immer, als ob seine Glut sich noch mehr entzünde und das Verlangen, die Herzogin zu sehen, jeden Augenblick wachse. So führte der unglückliche Liebende glühend und erstarrend, hoffend und verzweifelnd, und mehr als je verliebt das traurigste Leben.

Während er sich auf diese Weise verzehrte und die Herzogin nicht weniger litt als er, geschah es, daß die Deutschen mit großer Heeresmacht in Frankreich einfielen und Brand und Verheerung verbreiteten, wohin sie kamen. Der Herzog von Savoyen wurde als Generalkapitän des Königs beizeiten davon benachrichtigt und brach mit allen seinen Kriegsleuten zum Kampfe auf. Beim Abschied von Turin bestellte er neben der Herzogin zu seinem Statthalter seinen Vetter, den Grafen von Pancalieri, nebst seinem Rat. Der Graf regierte nun das Herzogtum, so gut er konnte, und teilte nach dem Befehle des Herzogs alles der Herzogin mit, so daß er stündlich zu ihr kam; und da er beständig mit ihr umging und ihre hohe Schönheit sah, wurde er aus einem Statthalter ein Bewunderer und Verehrer der Schönheit der Herzogin und verliebte sich auf diese Weise so heftig in sie, daß er keine Ruhe fand. Er hatte nie eine Frau noch Kinder gehabt; statt eines eigenen Sohnes hatte er aber einen Neffen, seines Bruders, des Herrn von Raconigi, Sohn, bei sich. Der Jüngling war am Hofe der Herzogin; er mochte fünfzehn bis sechzehn Jahre alt sein, als er hinkam, und hatte nun über zwei Jahre gedient und war ein sehr schöner, wohlgesitteter Mensch. Der Graf, sein Oheim, der eher dumm als klug war, ließ sich von seiner unmäßigen Liebeslust zu der Meinung verführen, jede Frau, auch die höchste und schönste, müsse es für eine Gnade erachten, von ihm geliebt zu werden, erkühnte sich also, die Herzogin um Liebe anzugehen und ihr zu erzählen, wie er von Liebe zu ihr heftig glühe. Sie aber, die ihre Gedanken anderswo hatte und ihn nicht hätte würdigen mögen, ihm auch nur die Spitze eines ihrer Schuhe zu zeigen, sagte ihm mit ernstem Gesichte, er solle sich nicht unterstehen, solcher Torheiten jemals wieder ihr gegenüber zu gedenken. Aber der arme, vom Liebesfeuer rastlos gequälte Mann kam dennoch wieder auf seine Anträge zurück und beschwor sie noch dringender als zuvor, sich seiner zu erbarmen. Über diese Frechheit höchst entrüstet, schalt sie ihn ernstlich und mit drohender Stimme deswegen aus und sagte: »Graf, ich habe Euch das erstemal – wiewohl unverdientermaßen – verziehen, aber ich verzeihe Euch diese Eure zweite törichte und verbrecherische Anmaßung gleichfalls. Nehmt Euch aber in acht, mir nicht noch einmal so zu kommen, und erkühnt Euch nicht nochmals, mir von ähnlichen Ruchlosigkeiten zu reden: denn sonst spiele ich Euch einen Streich, der Euch nicht gefallen würde. Steht Euerm Amte vor, das mein Herr Gemahl Euch übertragen hat, und verirrt Euch nicht wieder auf solche Art, so lieb Euch Euer Leben ist!«

Der Graf ersah hieraus die unerschütterliche Keuschheit der Herzogin und kam zu der Überzeugung, daß seine Bemühungen umsonst seien. Da er nun befürchtete, die Herzogin möge seine Torheit dem Herzoge entdecken, so beschloß er bei sich, ihr den Vorteil abzugewinnen und sie selbst zu verderben. Seine brünstige Liebe zu ihr verwandelte sich mit einem Male in grausamen Haß, der ihm den Gedanken eingab, sie auf eine schmähliche Weise sterben zu lassen. Er verleugnete in Worten und Handlungen gänzlich seine frühere Liebe und erfüllte seine Pflicht im Regimente des Landes. Er fing darauf an, sich mit seinem zuvor genannten Neffen mehr als bisher vertraut zu machen und fast als mit seinesgleichen mit ihm umzugehen, und sprach mit ihm von nichts als Liebeshändeln. Eines Tages sagte er zu ihm, es gebe auf der Welt kein größeres Vergnügen als dasjenige, das ein junger Mensch empfinde, wenn er ein schönes, hochgestelltes Weib liebe, und zwar um so mehr, wenn seine Liebe Gegenliebe finde. Nachdem er durch solcherlei Reden den Jüngling genugsam gekirrt, sprach er insgeheim zu ihm: »Mein lieber Neffe, der du mir so teuer bist wie mein eigener Sohn, merke wohl auf das, was ich dir jetzt sage: denn wenn du weise sein und meinem Rate folgen willst, so verspreche ich dir, daß es dir wohler werden soll als irgendeinem andern Manne hierzulande.«

Der Knabe, der seinen Oheim wie seinen Vater ansah, erwiderte, er sei bereit, ihm zu gehorchen und zu tun, was er ihm befehle.

Auf der Stelle sagte nun der verräterische Graf: »Ich habe wahrgenommen, mein lieber Sohn, daß unsere Herzogin dir sehr wohlwill und dich über alle Maßen liebt. Ich weiß ganz gewiß, daß sie wie Wachs am Feuer sich verzehrt und nach nichts mehr verlangt als nach einer vertrauten Stunde mit dir. Aber sie macht es wie im allgemeinen alle Frauen, die, wenn sie eine Sache auch noch so innig wünschen, doch meist darum gebeten sein wollen und es für ihr größtes Glück ansehen, von den Männern verführt und durch List oder Gewalt dahin gebracht zu werden, sich ihnen preiszugeben. Lieben sie dagegen einen jungen Menschen und wird es ihnen am Ende klar, daß er weder verwegen noch behutsam ist, so erzürnen sie sich über ihn und wenden ihre Liebe einem andern zu. Ich spreche aus eigener Erfahrung, lieber Neffe! Darum glaube mir und tue, was ich dir sage! Ich rate dir nämlich, diesen Abend, wenn du die Gelegenheit ersiehst, dich unter dem Bett der Herzogin zu verbergen und daselbst bis etwa um die siebente Nachtstunde anzudauern: denn dann ist sie in den ersten Schlaf gesunken, und auch ihre Frauen schlafen alle. Dann mußt du leise hervorkriechen, zu ihr an das Bett treten, ihr die Hand auf die Brust legen und dich ihr nach und nach mit Vorsicht zu erkennen geben. Ich weiß, was ich dir sage, und daß es keine leeren Worte sind. Sobald sie dich erkennt, wird sie dich zu sich in das Bett nehmen und ihren völligen Besitz dir zugestehen, an dessen Stelle ich mich selig preisen würde.«

Der einfältige Jüngling glaubte seinem Oheim; denn er mochte sich wohl gar einbilden, er rede mit ihm im Auftrage der Herzogin. Und wer hätte einem leiblichen Oheim nicht geglaubt, wenn er ihn so zuversichtlich sprechen hörte? Der Jüngling handelte also nach dem verbrecherischen Rate des verruchten verräterischen Oheims, paßte die Gelegenheit ab und verbarg sich unter dem Bett. Die Herzogin legte sich gegen fünf Uhr nieder; der treulose, schnöde Graf aber wartete die Stunde nicht ab, die er seinem Neffen bestimmt, sondern nahm, als es sechs Uhr geschlagen hatte, damit sein Verrat nicht fehlschlage, einige Leute von der Schloßwache und drei Räte mit sich (denn als dem Stellvertreter ihres Herrn gehorchte ihm jeder, und er konnte im Schlosse aus- und eingehen, sooft er wollte) und begab sich in solcher Begleitung nach dem Schlafgemache der Herzogin, ohne irgend jemand wissen zu lassen, was er im Schilde führe. Hierauf klopfte er stark an den Eingang an, bis er geöffnet wurde, und trat mit vielen Lichtern und mit den Bewaffneten ein; er selbst hielt einen bloßen Degen in der Hand, Die erschrockene Herzogin erstaunte höchlich über dieses Verfahren und wußte nicht, was sie sagen solle, als schon der verbrecherische Graf seinen leiblichen Neffen unter ihrem Bette hervorziehen ließ, und ehe der arme Knabe ein einziges Wort hervorbringen konnte, rief er, damit er nicht aussagen konnte, daß der Oheim selbst ihm hier sich zu verstecken befohlen habe, ihm zu: »Verräter, du bist des Todes!« Damit stieß er ihm den Degen in die Brust und durchbohrte ihn vollständig. Der arme Jüngling aber fiel plötzlich vorwärts tot zur Erde. Nunmehr wandte sich der pflichtvergessene verräterische Graf an die Räte und sagte zu ihnen: »Meine Herren, es ist schon eine geraume Zeit her, daß ich mich der unzüchtigen Liebe dieses meines nichtswürdigen Vogels von Neffen versah, der einen nur zu ehrenvollen Tod erlitten hat und verdient hätte, verbrannt oder von Pferden gevierteilt zu werden. An der Frau Herzogin will ich mich nicht vergreifen; denn ihr wißt, daß in Piemont und Savoyen ein Gesetz besteht, wonach jede im Ehebruch betroffene Frau verbrannt werden muß, wenn nicht binnen Jahr und Tag ein Ritter erscheint, um für sie zu kämpfen. Ich werde dem Könige, ihrem Bruder, und dem Herrn Herzoge den Fall berichten, wie er sich ereignet hat. Inzwischen verbleibe die Frau Herzogin hier in diesen Zimmern mit ihren Frauen unter sicherem Gewahrsam!« Die Räte und alle andern Anwesenden standen bei diesem unerhörten Vorgange wie vom Donner gerührt. Die Herzogin entschuldigte sich zwar genugsam und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen, daß der arme Jüngling mit ihrer Zustimmung nimmermehr unter ihr Bett gekrochen sei: aber es half alles nichts. Die trostlose Herzogin blieb also in ihr Zimmer verschlossen. Der arme Jüngling aber wurde am Morgen in aller Stille zur Erde bestattet. Der verräterische Graf war trunken vor Freude über das Gelingen seiner Rache, schrieb durch einen außerordentlichen Boten an den König von England und an den Herzog, was mit der Herzogin vorgegangen sei, und verlangte, daß auch die Räte in gleicher Richtung schreiben sollten.

Die Herzogin war bei allen ihren Untertanen in hohem Grade beliebt, weil sie nie gerne jemandem weh tat, vielmehr alle soviel wie möglich erfreute: daher fand denn auch ihr Unglück im Lande allgemeine Teilnahme. Die Wachen, unter deren Obhut sie stand, waren nachsichtig genug, den Arzt unbeachtet bei ihr aus- und eingehen zu lassen, und mit Appianos Hilfe gelang es denn auch der Herzogin, allmählich all ihr Geld und ihre Juwelen und viel Goldmünzen in Sicherheit zu bringen. Das alles nahm Appiano in sein Haus in Verwahrung. Der König und der Herzog waren nach dem Empfang der Briefe über die erhaltene schändliche Nachricht äußerst aufgebracht. Die Sache und die Anklage des treulosen Grafen fand vornehmlich Bestätigung darin, daß er seinen eigenen Neffen aufgeopfert hatte, da man wußte, wie sehr er ihn liebte, und daß er ihn zu seinem Erben ausersehen hatte. Der Herzog antwortete seinem Statthalter und dem Rate, der alte Landesbrauch solle hierin beobachtet werden. Es wurde also vor Turin auf der Ebene zwischen der Pobrücke und der Stadt an eine hohe Marmorsäule, die zu solchen Zwecken schon vorlängst hier hingestellt war, die Anklage des Grafen von Pancalieri gegen die Herzogin angeschlagen. In welche Betrübnis die Herzogin versank, als sie den letzten von dem Herzog gekommenen Beschluß hörte, ist nicht zu sagen. Sie war um so mehr verletzt, je mehr sie sich von der ihr schuldgegebenen Sünde rein wußte. Sie brachte daher ihre Angelegenheiten in Ordnung, legte Trauerkleider an und führte ein elendes Leben. Das Beste, was sie besaß, hatte sie, wie schon gesagt, zu ihrem Arzte Appiano fortgeschafft; bei sich behalten hatte sie nur – ich weiß nicht, aus welchem Grunde – den kostbaren Diamant, den der König, ihr Bruder, ihr in England geschenkt hatte. Der böse Statthalter entfernte von ihr auch alle ihre bisherigen Dienerinnen. Indessen wußte sich doch Giulia so gut zu betragen, daß er sie allein ermächtigte, ihrer Gebieterin den Tag über Gesellschaft zu leisten.

In dieser Zeit war auch Don Giovanni Mendozza, der in der Meinung, von der Herzogin hintergangen worden zu sein, sich sehr beleidigt fühlte, noch von einem andern schlimmen Schicksal betroffen worden und war nahe daran, Land und Leben zu verlieren. Das schon erwähnte edle Geschlecht von Toledo, dem er, wie ich erzählt habe, eine große Niederlage beigebracht hatte, sann nämlich nur darauf, an Mendozza reichliche Vergeltung zu üben und Don Giovanni womöglich zu töten. Der König von Spanien sah zwar wohl das schwere Unheil ein, das diese zwei mächtigen Parteien in seinem Reiche verursachten; dennoch aber ließ er sich wenig angelegen sein, Frieden zwischen ihnen zu stiften; er schien vielmehr ein gewisses Vergnügen daran zu finden, daß sie sich untereinander zugrunde richteten, um sie alsdann geschwächt desto besser im Gehorsam zu erhalten. Es kam denn also so weit, daß beide Parteien bewaffnet im offenen Felde mit zahlreichen und mächtigen Scharen zusammentrafen und sich eine förmliche Schlacht lieferten, in der Don Giovanni sich zwar durch persönliche Tapferkeit und Mut als Krieger und durch Umsicht und Weisheit als Heerführer auszeichnete, aber dennoch unterlag und sich nur mit genauer Not in eine Stadt retten konnte. Die Stadt war sehr fest und mit Lebensmitteln und Kriegern für ein Jahr wohl versehen. Dort ward Don Giovanni von seinen Feinden belagert mit geringer Aussicht, Hilfstruppen zu bekommen.

So waren also die beiden Liebenden in die schlimmste Lage versetzt. Aber wer vermöchte die Tränen zu schildern, welche Giulia fast täglich vergoß, wenn sie die Frau Herzogin besuchte? Die Herzogin ertrug dieses ihr Mißgeschick mit kräftigem Mute und sprach sogar, sobald sie dessen bedurfte, Giulia Trost zu und ermunterte sie, alles gelassen zu ertragen und sich nicht zu betrüben. Eines Tages kamen sodann beide miteinander darin überein, daß es das beste sein dürfte, wenn Appiano in angestrengten Tagreisen nach Spanien ginge, um bei Don Giovanni Hilfe zu suchen, die er auf die bestmögliche Weise anwenden möge, und ihn zu versichern, daß die Herzogin fälschlich angeklagt sei. Die Herzogin verfaßte dazu ein eigenhändiges Beglaubigungsschreiben an Don Giovanni. Appiano nahm Postpferde, beschleunigte seinen Weg aufs äußerste und kam nahe an die belagerte Stadt. Als er aber hörte, wie die Sache stand, war er sehr mißvergnügt: denn er dachte, es sei nun Don Giovanni unmöglich, der Herzogin zu Hilfe zu kommen. Doch entschloß er sich als ein pflichtgetreuer und gewissenhafter Diener der Herzogin, der er über alles helfen zu können wünschte, nicht zu weichen, ehe er Don Giovanni gesprochen habe. Da trug es sich zu, daß eben zwischen Belagerern und Belagerten ein heftiges Scharmützel entstand. Der brave Arzt fand Gelegenheit, sich – ich weiß nicht wie – einen Schild zu verschaffen, mischte sich, den bloßen Degen in der Hand, damit mutig ins Gefecht und drang im Kampfe so weit vor, daß er von den Belagerten gefangengenommen wurde. Zu diesen sagte er: »Führt mich sogleich zu Herrn Don Giovanni, denn ich habe ihm Dinge von der größten Wichtigkeit zu eröffnen.«

Er wurde sogleich vor Don Giovanni geführt, der ihn gleich als einen von denen wiedererkannte, die er bei der Herzogin gesehen hatte, und ihn gnädig aufnahm. Er zog ihn beiseite und fragte ihn, ob er gute Nachrichten von seiner Gebieterin bringe.

»Im Gegenteil sehr schlechte«, sagte Appiano, »denn sie schwebt in größter Gefahr, schmachvoll verbrannt zu werden, wofern ihr niemand Hilfe bringt.«

Er erzählte ihm hierauf von Anfang an, wie leid es der Herzogin gewesen sei, von ihrem Gemahl in Galizien zu Schiffe abgeholt worden zu sein, da sie eingesehen, daß es unmöglich sei, ihm ihr Versprechen zu erfüllen. Er sagte ihm ferner, die ganze Hoffnung ihrer Befreiung setze die Herzogin auf ihn, und er versicherte ihn, daß sie nimmermehr schuld sei an alledem, dessen man sie angeklagt habe. Er bat ihn darum flehentlich und drang in ihn, sie in ihrer großen Not nicht zu verlassen. Der Arzt bot hierbei alle Überredungskunst auf, die ihm zu Gebote stand, um Don Giovanni zum Mitleid mit der unglücklichen Herzogin zu bewegen und dazu, daß er sich zu ihrer Befreiung anschicke. Don Giovanni war sehr ergriffen von dem durch Appiano gemeldeten Unglück und war um so mehr dadurch bekümmert, als er von seinen Feinden belagert und keine Möglichkeit vorhanden war, die Stadt zu verlassen. Appiano, welcher sah, daß die Sachen wirklich so standen, wußte gar nicht, was er sagen sollte. Als er am Ende sah, daß er sich hier vergeblich bemühte, entschloß er sich, weiter keine Zeit mehr zu verlieren und nach Turin zurückzukehren. Don Giovanni machte einen allgemeinen Ausfall, währenddessen er den Arzt durch einige seiner Leute in Sicherheit wieder hinausbringen ließ. Appiano langte in Turin an und tat der Herzogin durch Giulia zu wissen, wie er Don Giovanni gefunden und was sie miteinander gesprochen hätten. Als die Herzogin diese schlimme Nachricht erfuhr, verzweifelte sie an jeder Hilfe und wußte nicht mehr, was hier zu sagen und zu tun sei und wohin man sich in dieser Not wenden müsse.

Einige Tage nun, nachdem Appiano die belagerte Stadt verlassen hatte, dachte Don Giovanni an das Unglück der Herzogin und nahm sich ihre Liebe zu Herzen, aus der sie von Turin bis nach Galizien zu Fuß gewandert war, einzig aus Liebe zu ihm; er glaubte daher, sehr unrecht getan zu haben, indem er nicht plötzlich zu ihrer Befreiung eilte, und wollte nun nicht nur sein Land aufs Spiel setzen um ihretwillen, sondern auch sein Leben, ja tausend Leben, wenn er so viele gehabt hätte. Er fand auf die Dauer gar keine Ruhe mehr vor dieser Vorstellung, und so faßte er kurz und gut den Entschluß, entstehe daraus, was da wolle, Land und Leute so gut zu verwahren als möglich und stracks nach Italien aufzubrechen, um die arme Herzogin aus ihrer Drangsal zu erlösen. Einmal über die Hauptsache mit sich im reinen, nahm er die Verteidigungsmittel der Stadt in genauen Augenschein und fand dabei, daß sie mit allem wohlversehen war, um sich noch acht bis neun Monate zu halten, und wußte, daß deren Einwohner und Besatzung ihm aufs getreulichste anhingen. Er ließ also die Ältesten der Stadt und die Kriegshauptleute zu sich kommen und erklärte ihnen, daß er beschlossen habe, von dannen zu gehen, um Hilfe und Ersatz aufzubringen, daß er sie aber ermächtige, wenn er nach Ablauf einer gewissen Frist nicht wieder bei ihnen sei, selbst für sich und das Ihrige zu sorgen; sie würden übrigens ohne allen Zweifel vor Ablauf der angesetzten Frist ihn mit starker Hilfsmannschaft zurückkehren sehen. Sodann bestellte er einen seiner Verwandten, einen sehr mannhaften Ritter, zu seinem Stellvertreter. Er ordnete nun einen heftigen Angriff auf die Feinde an, verließ, ohne von ihnen gesehen zu werden, während desselben auf einem edeln, mutigen Renner die Stadt und schlug die Straße nach Frankreich ein. Dort angelangt, kaufte er ein gutes Schlachtroß und Waffen und nahm einen Diener an. Von niemand, selbst von seinem Diener nicht gekannt, überstieg er die Alpen und verfügte sich nach Turin.

Bereits war daselbst, wie gesagt, der Arzt angekommen, und wiewohl die Herzogin dadurch die Hoffnung auf Don Giovannis Hilfe verloren hatte, so meinte sie doch, in der Erinnerung an das, was sie aus Liebe zu ihm getan habe, dürfe sie wieder einige Hoffnung schöpfen, da es unmöglich sei, daß er ablehne, zu kommen und für sie gegen den verräterischen Grafen von Pancalieri zu kämpfen; und in dieser Hoffnung lebte sie längere Zeit. Da sie nun aber sah, daß weder Bote noch Nachricht von ihm kam, entrüstete sie sich dermaßen darüber, daß sich ihre heiße Liebe in den heftigsten Haß verwandelte; und indem sie bedachte, was sie für ihn getan hatte, geriet sie in heftigen Zorn und sprach bei sich selbst: »Wehe mir, wie war ich verblendet, wie war ich von Sinnen, wie hatte ich völlig meinen gesunden Verstand verloren, daß ich von einem Pflichtvergessenen Treue erwartete!« Und nun sprach die trostlose Herzogin, überwältigt von der Bitterkeit ihres Leides, so viel Übles von Don Giovanni, als man nur von einem Undankbaren und Treulosen sagen kann, und beschwichtigte damit einigermaßen ihren herben Schmerz.

Giulia, die sich nicht überzeugen konnte, daß der König von England nicht einen Kämpfer seiner Schwester zu Hilfe schicken werde, ging täglich mehrmals nach dem Kampfplatz, um zu sehen, ob niemand erscheine. Der englische König glaubte aber, seine Schwester sei in der Tat im Ehebruch erwischt worden, war daher heftig erzürnt über sie und sagte, sie verdiene es, verbrannt zu werden.

Don Giovanni kam des Abends nach Turin und kehrte in der Vorstadt bei einem Gastwirte ein, der ein braver Mann war, und von dem er im Gespräche vernahm, der Herzog sei gegen die Deutschen im Felde und die Herzogin liege im Gefängnis, welches harte Schicksal aber männiglich betrübe, weil sie im ganzen Lande unglaublich beliebt sei. Er hörte ferner, in der Stadt sei ein ehrwürdiger spanischer Geistlicher, der bei dem herzoglichen Rate und dem ganzen Volke im größten Ansehen stehe, und ließ sich von ihm die Kirche nennen, wo er sich aufhielt. Am andern Morgen verließ Don Giovanni früh seine Herberge und ließ sich nach der Kirche des spanischen Geistlichen führen. Er klopfte an die Pforte seiner Wohnung an; der gute Bruder öffnete ihm, und Don Giovanni begrüßte ihn auf spanisch mit den Worten: »Mein Vater, Gott grüße Euch! Ich bin ein Spanier, der in Geschäften fremd nach diesem Lande kommt; da ich nun hörte, daß Ihr ein Spanier seid, wollte ich bei Euch einkehren und verlange von Euch nichts weiter als ein Obdach für mich und meine Pferde, insofern dieser mein Diener für alle unsere Bedürfnisse im übrigen selbst sorgen würde.«

Der gute Geistliche nahm ihn willig bei sich auf und führte ihn in das Haus ein; und derweil der Diener in der Stadt umherging, Lebensmittel einzukaufen, fragte Don Giovanni den Bruder, aus welcher Gegend von Spanien er sei. Er sagte es ihm offen, und Don Giovanni erkannte hieraus in ihm einen seiner Untertanen, der dazu aus eben der Stadt gebürtig war, die jetzt belagert wurde; er fragte ihn sodann über vielerlei aus, bis er sich vollständig vergewissert hatte, daß dies einer seiner Leute sei. Er entdeckte sich ihm darum und sagte ihm, wer er war. Als der Bruder dies hörte und ihn genauer angeblickt, erkannte er ihn gleich, da er noch kürzlich in seinem Vaterlande gewesen war; er wollte sich ihm nach spanischer Sitte zu Füßen werfen, was aber Don Giovanni nicht duldete. Dieser erzählte ihm nunmehr, warum er so unbekannt nach Turin gekommen sei, und sagte: »Ihr wißt, Vater, daß ich ein Ritter und als solcher gehalten bin, die Frauen gegen Ungebühr zu verteidigen. Es ist mir aus guter Quelle bekannt, wie diese Herzogin mit großem Unrecht und fälschlicherweise angeklagt wurde; aber um mich dessen zu vergewissern, wünschte ich sie doch selbst zu sprechen und unter dem Anscheine der Beichte die lautere Wahrheit aus ihrem Munde zu vernehmen. Kleidet Ihr mich als Mönch ein und verschafft Euch von ihren Wächtern die Erlaubnis, sie zu besuchen, zu trösten und zu ermahnen, geduldig zu Abbüßung ihrer Sünden den Tod zu leiden, wo dann Ihr, wenn wir nur erst drinnen sind, das Weitere mir zu besorgen überlassen mögt!«

Der Ritter wußte noch so viele andere Dinge dem einfältigen Bruder zu sagen, der eben keiner der scharfsinnigsten und gelehrtesten Männer des Landes war, daß dieser sich übertäuben ließ und, nachdem er dem Ritter vorher eine Kutte angezogen und die Platte geschoren, zu dem Statthalter ging und sagte: »Gnädiger Herr, da ich die Zeit nahen sehe, wo die unglückliche Herzogin sterben soll, ist mein Herz mehr und mehr von Bekümmernis um ihr Seelenheil ergriffen; wenn sie um ihrer Sünden willen ihres Leibes Leben verliert, soll ihre Seele nicht auch noch das ewige Leben einbüßen. Ich will ihr einen geistlichen Zuspruch tun, je nach dem, was mir unser Herrgott dazu eingibt, und hoffe auf ihn, daß er mein Bemühen, sie auf einen geduldigen Tod vorzubereiten, segnen wird.«

Wie schlecht und böse nun auch der Graf war, so wollte er doch gegen das Volk gern den Anschein gewinnen, als tue der Tod der Herzogin ihm leid. Er entgegnete also, er willige in dieses Verlangen ein, und befahl dem Schloßhauptmann, dem Mönche nebst seinem Begleiter Einlaß in den Kerker zu verstatten, um mit der Frau Herzogin zu reden. Sie erschienen beide vor der Herzogin, und da der Zeitpunkt ihres Todes nahe war, glaubte jedermann, der Statthalter habe die beiden Mönche zu ihr gesandt, um die letzte Beichte der armen Herzogin zu hören. Das Zimmer, in dem die Herzogin gefangensaß, war groß und geräumig, die Fenster desselben dagegen dergestalt verschlossen, daß gar kein oder nur sehr wenig Licht hineindringen konnte. Als die Brüder eingetreten waren, sagte Don Giovanni, der das Italienische geläufig sprach: »Der Friede unseres Erlösers sei mit Euch, gnädige Frau!«

Die Herzogin, die ganz verzagt in einem Winkel saß, antwortete: »Wer seid Ihr, daß Ihr mir hier von Frieden sprecht, die ich alles Friedens und alles Heiles beraubt bin und in kurzem, allem Rechte zuwider, einen schmachvollen, unverdienten Tod gewärtige?«

Don Giovanni folgte dem Klange ihrer Stimme nach, trat der Herzogin zur Seite und sagte: »Gnädige Frau, ich bin ein armer Bruder, der in diese Stadt kommend Euer erschreckliches Mißgeschick vernommen hat, und darüber fühle ich nun solches Mitleid, daß ich komme, Euch zu besuchen und zu trösten.«

Und also fuhr Don Giovanni in seinem Zuspruch mit so gutem Erfolge fort, daß die Herzogin zuletzt beschloß, bei ihm zu beichten. Sie fing damit an, und da ihr keine Hoffnung mehr übrig war, am Leben zu bleiben, legte sie eine vollständige allgemeine Beichte ab, so daß Don Giovanni leicht und entschieden daraus ihre vollständige Unschuld abnahm. Die Herzogin hatte in dieser Beichte bekannt, daß ihre Reise zum heiligen Jakob ihr bloß als Vorwand und Mittel gedient habe, einen falschen und undankbaren spanischen Ritter zu sehen. Don Giovanni ermahnte sie nun, alle Beleidigungen zu verzeihen, die sie jemals empfangen habe; worauf sie erwiderte, sie verzeihe allen ihren Beleidigern von Herzen, so wie sie wünsche, daß Gott ihr selbst verzeihen möge; sie wisse aber nicht, wie sie jenem undankbaren Ritter zu verzeihen imstande sei, den sie mehr als sich selbst geliebt habe. Don Giovanni freute sich innerlich über diese Worte, ermahnte sie aber nichtsdestoweniger wiederholt, die Kränkungen zu vergessen, bis am Ende die Herzogin versprach, allen ohne Unterschied zu vergeben.

Die Herzogin hatte, wie schon gesagt, ihren reichsten Diamant bei sich behalten, ihr Gold, ihre Perlen und Juwelen aber und anderes hatten Appiano und Giulia beiseite geschafft; ihre Absicht war, daß es ihnen verbleiben sollte, denn sie hatten sich das Versprechen gegeben, einander zu heiraten. Da sie demnach nichts anderes mehr besaß, um ein Almosen zu spenden, sagte sie zu dem vermeintlichen Bruder: »Mein Vater, von allem, was ich mein genannt, ist mir nichts als dieser Diamant übriggeblieben, den mir der König, mein Bruder, geschenkt hat, und der, wie mir die angesehensten Juweliere öfters versicherten, über hunderttausend Dukaten wert ist. Ich gebe ihn Euch. Ihr mögt ihn an den König von Frankreich verkaufen, der sehr Freude daran findet, und von der Summe, die Ihr dafür empfangt, laßt Messen und andere Feierlichkeiten veranstalten zum Heil meiner Seele! Stattet auch damit arme Mädchen aus und gebt um Christi willen den Armen und den Gottesstätten! Für Euch und Eure eigenen Bedürfnisse behaltet davon, soviel Euch gefällt, und betet zu Gott für meine Seele!«

Nach noch vielen andern Gesprächen empfahl er die Herzogin dem Himmel, die guten Mönche verließen das Gemach und gingen nach Hause. Die Herzogin fühlte sich wunderbar getröstet und gestärkt, ohne sich Rechenschaft darüber geben zu können, wie. Don Giovanni gab dem Bruder viel Geld und ließ durch seinen Diener seine Waffen zurüsten und das Pferd instand setzen. Am Abende sodann vor dem vorletzten Abend der Jahres- und Tagesfrist verließ er Turin spät und begab sich in das Haus des Gastwirts, der ihn sonst schon beherbergt hatte.

Am Morgen sodann mit Tagesanbruch stieg er wie ein Sankt Georg bewaffnet zu Pferde und ritt an das Stadttor, wo er einen der Wächter anrief und zu ihm sagte: »Freund, geh hin und sage dem Grafen von Pancalieri, daß er sich bereithalte, seine falsche Anklage gegen die Frau Herzogin von Turin zu verfechten, weil ein Ritter angekommen ist, der sich ihren Kämpen nennt, und der ihn zwingen wolle, was er zu ihrer Unehre ausgesagt, zu widerrufen.« Der Torwächter vollzog diesen Auftrag, und der Ritter zog zu der großen Säule, an der die Anklage geschrieben stand, lehnte seine Lanze daran und wartete daselbst ab, bis der Ankläger erschien. Das Gerücht von diesem Kämpen verbreitete sich rasch in der Stadt. Giulia eilte hinaus, um zu sehen, und als sie den Ritter sah, trat sie zu ihm, um sich besser zu überzeugen, und fragte ihn, ob er gekommen sei, um die Frau Herzogin zu verteidigen. – Der Ritter erkannte in ihr die vertraute Kammerfrau der Herzogin und antwortete ihr freundlich, er sei zur Errettung der Herzogin genaht und hoffe zu Gott, an diesem Tage ihre Unschuld klar zu machen. – Giulia dagegen, die ihn nicht wiedererkannte, lief wie närrisch nach der Stadt zurück und rief, Gott habe ihrer Gebieterin einen Engel zu Hilfe gesandt.

Der Graf von Pancalieri machte Schwierigkeiten und wollte nicht eher in den Schranken erscheinen, bis er wisse, wer der Kämpfer der Herzogin sei. Die ganze Stadt war im Aufruhr, und alles wünschte die Herzogin befreit zu sehen. Die herzoglichen Räte entgegneten dem Grafen, nach den alten Verordnungen des Herzogtums sei der Ankläger gehalten, mit jedem zu kämpfen, der als Verteidiger des Angeklagten und Schuldigen auftrete; auch stehe dem Verteidiger die Wahl der Waffen zu; die Beklagte müsse unter sicherer Bedeckung vor die Kämpfenden geführt werden.

Der verräterische Graf hatte nicht mehr Herz als ein elender Hase, da ihm sein Gewissen sagte, er kämpfe für die Lüge. Dessenungeachtet faßte er guten Mut, sobald er einsah, daß er dem Kampfe nicht entgehen konnte, wappnete sich und ritt auf den Kampfplatz, wohin bereits die zitternde Herzogin, von vielen begleitet, geführt worden war. Wie dann daselbst die Unglückliche ihres Kämpfers ansichtig wurde, kniete sie nieder und flehte, andächtig ihr Herz zu Gott emporrichtend, seine himmlische Barmherzigkeit an, ihrem Ritter den Sieg zu verleihen und nicht zuzulassen, daß Bosheit und Falschheit die Unschuld in den Staub trete. Die beiden Streiter bereiteten sich zum Angriffe vor und sprengten mit eingelegten Lanzen gegeneinander, die lustig splitterten. Darauf griffen sie zu den Schwertern und begannen wilde Streiche zu führen. Sie waren aber noch gar nicht lange handgemein geworden, als Don Giovanni einen so gewichtigen und harten Schlag dem Grafen auf den rechten Arm versetzte und ihm am Handgelenk eine so tiefe Wunde beibrachte, daß der Graf sein Schwert zu Boden fallen lassen mußte. Zu gleicher Zeit drang auch das Schwert des Ritters durch das Helmvisier des Grafen ein und stach ihm ein Auge aus. Vor Bangen um die halb abgetrennte Hand und vor Schmerzen über das verlorene Auge vergehend, sank der Graf zurück und wurde nun von seinem tapferen Gegner zu Boden gezogen. Don Giovanni sprang alsbald vom Pferde, löste dem Grafen den Helm ab und sprach, indem er ihm die Spitze des Degens an die Gurgel setzte, mit wilder und strenger Miene: »Verräter, gestehe hier gleich angesichts der Frau Herzogin, ihrer Räte und alles Volks, wer dir offenbart hat, daß dein Neffe unter dem Bette der Frau Herzogin verborgen sei!«

Der Graf, der sich dem Tode nahe sah, stieß einen herzbrechenden Seufzer aus und sagte: »Wolle Gott nicht, daß mir mit dem Körper zugleich auch meine Seele verlorengehe!«

Darauf gestand er den ganzen Verrat, den er gesponnen, und wie er seinen armen Neffen verleitet habe, jene Torheit zu begehen, und aus welchem Grunde.

Das Volk schrie: »Nieder, nieder mit dem Verräter!«

Don Giovanni aber schwang sich sofort auf sein Roß und rief laut: »Mein Eisen befleckt sich nicht mit dem Blute eines Sterbenden.« Nunmehr pries sich jeder glücklich, der in die Nähe der Herzogin kommen und ihr mit Worten und Gebärden bezeigen konnte, wie froh er sei, sie befreit zu sehen. Andere machten sich ungestüm daran, den schon halbtoten Grafen zu entwaffnen, und schleppten ihn auf dem Kampfplatze umher, bis er alsbald vollends den Geist aufgab.

Während dies geschah, winkte der siegesfrohe Don Giovanni seinen Diener zu sich, sprengte über die Pobrücke und begab sich über Cheri und Asti nach Genua, wo er sich nach Spanien einschiffte. Die Herzogin befand sich inmitten des Gedränges der Ihrigen, und es beeiferten sich alle dermaßen um sie herum, daß niemand sich der Entfernung ihres Kämpfers und Befreiers versah. Als die Herzogin endlich vernahm, daß er nicht mehr zugegen sei, empfand sie darob kein geringes Leid und konnte niemand finden, der ihr sagte, nach welcher Seite hin der mannhafte Kämpfer von dannen gegangen sei. Don Giovanni kam bald in Spanien an, wo er hörte, daß sich seine Stadt noch wacker hielt, verpfändete an einige genuesische Kaufleute den Diamant, den er von der Herzogin erhalten, und einige andere Juwelen, die er von Hause mitgenommen hatte, und nahm überdies von einigen ihm befreundeten Fürsten noch andere Gelder auf. So warb er einige tausend auserlesene Söldner, die er so gut zu nutzen verstand, daß er, nachdem er die Seinigen in der Stadt durch Spione von der Lage der Dinge unterrichtet, das Lager der Feinde nächtlicher Weile unversehens überfiel. Die Belagerten machten zu gleicher Zeit einen mutigen Ausfall aus der Stadt, und so mochte es zugehen, daß die von hinten und von vorn angegriffenen Belagerer eine gänzliche Niederlage erlitten und in der Mehrzahl tot auf dem Platze blieben. Nachdem Don Giovanni seine Stadt befreit hatte, unterließ er so wenig wie die Seinigen, sein gutes Glück nach Kräften und zwar also zu verfolgen, daß er nach Verlauf von wenigen Tagen nicht allein sein eigenes Land wiedereroberte, sondern auch mehrere feste Schlösser seiner Feinde dazu wegnahm, auf welche Weise er zu gar großer Macht und Ansehen bei dem Könige gelangte.

In denselben Tagen, als Don Giovanni sein verlorenes Land wiedergewann, kam es zwischen Deutschen und Franzosen zu einem Treffen, in dem nach langem Widerstande die Franzosen den kürzeren zogen und ihr oberster Heerführer getötet wurde, der, wie gesagt, der Herzog von Savoyen war. Zu dem Könige von England war bereits die Nachricht von der Befreiung seiner Schwester gelangt, worüber er eine unbegrenzte Freude empfand, nicht sowohl wegen ihrer Befreiung an sich, sondern weil sie unschuldig erfunden war; er ließ ihr daher durch einen seiner Edelleute, den er an sie absandte, seine freudige Teilnahme bezeugen. Sowie dann auch die Nachricht von dem Tode des Herzogs zu ihm gedrungen war, sandte er ein ehrenvolles Geleite an seine Schwester ab, um sie in Empfang zu nehmen und sie ihm nach England zuzuführen, von wannen er im Sinne hatte, sie wieder zu vermählen. Bis er ihr eine angemessene Heirat fände, übergab er ihrer Obhut seine sechzehn- bis siebzehnjährige Tochter, deretwegen er bereits in Unterhandlungen stand, um sie dem erstgeborenen Sohne des Königs von Spanien zu vermählen, der heutzutage der Prinz von Spanien heißt.

Kaum hatte aber auch der König von England in Erfahrung gebracht, in welcher Art und Weise seine Schwester gerettet worden, und daß ihr tapferer Kämpfer ihr völlig unbekannt geblieben war, so versprach er ihr, wenn ihm derselbe jemals offenbar werden würde, ihm nach Würden und Verdienst zu lohnen. Des nämlichen Sinnes war die Herzogin selbst, die kein heißeres Verlangen als das hatte, diesen ihren Ritter zu kennen und ihn mit Dank und Ehren zu überhäufen. Hingegen richtete sie all ihr Sinnen und Streben darauf, Don Giovanni ermorden zu lassen, den sie für den undankbarsten Menschen ansah, der je geboren wurde; und von diesem Gedanken ließ sie niemals ab.

Man kam hiernächst überein, die Tochter des Königs von England mit dem Prinzen von Spanien zu vermählen. Der Vater des Prinzen wählte daher die ersten Edelleute Spaniens, stellte Don Giovanni an ihre Spitze und sandte sie mit einem Vollmachtsschreiben, um namens des Prinzen die Tochter des Königs von England sich antrauen zu lassen, nach England. Sobald der König die Ankunft einer so ausgezeichneten Gesellschaft vernahm, ließ er ihr den ehrenvollsten Empfang bereiten. Als aber die Herzogin Don Giovanni erblickte, geriet sie ganz aus der Fassung und entfernte sich aus seiner Gegenwart, als er kam, der Prinzessin seine Ehrerbietung zu bezeugen; sie zog sich in ein anderes Gemach zurück, wo sie bei sich sprach: »Wie ist es doch möglich, daß diese Spanier so anmaßend sind! Dieser Verräter weiß sehr wohl, was er an mir verbrochen hat, und ist nichtsdestoweniger unverschämt genug, mir vor Augen zu treten; aber ich werde mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich ihn tot vor meinen Füßen liegen sehe.«

Der König, der nichts von dem ahnte, was zwischen seiner Schwester und Don Giovanni vorgefallen war, ließ ihr sagen, sie möge den spanischen Ritter, der gekommen sei, als Bevollmächtigter des Prinzen die Trauung mit seiner Tochter zu vollziehen, mit Auszeichnung empfangen. Die Herzogin verließ also, wiewohl ungern, ihr Zimmer und trat in hoher Aufregung in den Saal. Don Giovanni trat hinzu und wollte ihr ehrerbietig die Hände küssen; aber sie duldete es nicht, zog ihre Hand zurück und wendete sich gesprächsweise an einen andern Spanier. Des Abends beim Festmahle kam Don Giovanni an die Seite der Herzogin zu sitzen; da nahm sie an seiner Hand den reichen Diamant wahr, den sie sogleich für denjenigen erkannte, den sie in ihrem Gefängnisse dem Klosterbruder gegeben hatte. Begierig zu erfahren, wie er in den Besitz des Ritters gekommen sei, sprach sie deshalb mit Appiano, den sie nebst Giulia mit nach England genommen hatte. Appiano knüpfte darauf mit dem Ritter ein Gespräch an und fragte ihn, wie er den kostbaren Ring erworben habe. Er erwiderte ihm lächelnd, er wolle es sehr gerne der Frau Herzogin vertrauen und ihr Dinge sagen, die ihr angenehm zu hören sein werden. Als die Herzogin diese Antwort des Ritters vernahm, zeigte sie sich höchst abgeneigt, mit ihm zu sprechen. Aber ihr Verlangen, zu erfahren, wie es mit dem Ringe ergangen sei, zwang sie dennoch, sich dazu zu verstehen. Der Ritter erzählte ihr darauf mit kurzen Worten, in welchem Irrtum er befangen gewesen, als er sie von Sankt Jakob nicht habe wiederkehren sehen, wie er darauf von seinen Feinden bedrängt worden sei, als Appiano ihn ihretwegen aufgesucht habe, und wie schwer er es bereut habe, nicht auf der Stelle zu ihrer Befreiung fortgeeilt zu sein, nachdem er sich doch habe selbst sagen müssen, daß er ihr die Erfüllung dieser Pflicht schuldig geworden sei. Er fuhr ferner fort, ihr zu sagen, wie er sodann nach Turin abgereist sei und sich mit dem spanischen Geistlichen bekannt gemacht habe, und wie er es endlich selbst gewesen sei, der ihr im Kerker das und das gesagt und von ihr den kostbaren Ring erhalten habe. Zur Urkund gab er ihr so viele Zeichen, daß sie nicht umhin konnte, in Don Giovanni ihren Retter zu erkennen. Sie legte daher allen Unwillen ab und ließ die alte Liebesflamme zu ihm in ihrer Brust wieder auflodern, so daß sie sich kaum enthielt, ihm die Arme um den Hals zu schlingen und ihn mit tausend Küssen zu bedecken. Sie sprach sodann mit dem Könige, dem sie Don Giovanni als ihren Befreier zu erkennen gab, und sagte zu ihm: »Mein Gebieter, Ihr habt mir versprochen, mich wieder zu verheiraten und meinen Retter zu belohnen. Welchen Gemahl könntet Ihr mir aber wohl geben, der mich mehr verdiente, als dieser mein getreuer mannhafter Ritter?«

Der König gab gern seine Zustimmung und lobte die Wünsche seiner Schwester über die Maßen und vermählte also die Liebenden zu ihrem beiderseitigen großen Vergnügen miteinander. Die Neuvermählte wollte, daß zugleich ihre treue Giulia mit Appiano Hochzeit mache, wodurch sich die Festlichkeit noch erhöhte. Wenige Tage darauf schifften sie, gut geleitet von englischen Herren, alle miteinander froh nach Spanien über, wo die Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin in Pracht und Herrlichkeit gefeiert wurde. Don Giovanni selbst begab sich hernach mit seiner Gemahlin nach seinen Gütern, wo er viele Tage lang offene Tafel hielt. Er lebte lange mit ihr in der glücklichsten Ehe und hinterließ Kinder und Enkel.

Filiberto

In Moncalieri, einer Burg nicht weit von Turin, lebte eine Witwe, genannt Frau Zilia Duca, die erst kurz ihren Gatten verloren hatte. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt und noch gar schön, aber von rauhem Wesen, das mehr an das Bäurische streifte als feingesittet zu nennen war. Sie hatte sich auch vorgenommen, nicht mehr zu heiraten, und war darauf bedacht, einem Knaben, ihrem einzigen Kinde, das drei bis vier Jahre alt war, einiges Vermögen zu sammeln. Sie lebte in einem Hause, das nicht für eine Edelfrau ihresgleichen paßte, sondern eher für ein armes Weib; auch versah sie alle niedrigen Geschäfte im Hause, um an Dienerinnen zu sparen und so wenige als möglich halten zu müssen. Selten ließ sie sich sehen, und an Festtagen ging sie des Morgens in der Frühe zur ersten Messe in ein Kirchlein neben ihrem Hause und kehrte darauf schnell nach ihrer Wohnung zurück. Es ist eine allgemeine Sitte bei den Frauen des Landes, alle Fremden zu küssen, die in ihr Haus kommen oder von denen sie besucht werden, und sich vertraulich mit einem jeden zu unterhalten; sie aber wich allen diesen Gewohnheiten aus und lebte allein.

Es war nun einst ein Edelmann des Landes, Herr Filiberto, von Virle nach Moncalieri gekommen, ein sehr wackerer und durch persönliche Tapferkeit ausgezeichneter Soldat, und er war schon im Begriff, nach Virle zurückzukehren, ging aber noch zur Messe in die Kirche, wo Frau Zilia war, die ihm beim ersten Anblick schön und gar anmutig vorkam. Er fragte daher, wer sie sei, und fühlte sich schon in seinem Innern ganz glühen von Liebe. Er hörte von ihrer Art und Weise, konnte aber, obgleich sie ihm mißfiel, doch nicht umhin, sie zu lieben. Er ging an diesem Tage nach Virle, wo er, nachdem er gewisse Geschäfte in Ordnung gebracht, sich sogleich entschloß, nach Moncalieri, welches nicht weit entfernt war, zurückzukehren, daselbst so lange als möglich zu verweilen und auf alle Weise zu versuchen, ob er die Liebe der Frau erwerben könne. Er erspähte daher die günstige Gelegenheit und mietete ein Haus in Moncalieri, das er auch bezog, und gab sich alle Mühe, die Frau recht oft zu sehen. Doch konnte er sie kaum an Festtagen zu Gesicht bekommen, und wenn er mit ihr sprechen und sich in längere Unterhaltungen mit ihr einlassen wollte, so nahm sie nach zwei Worten von ihm Abschied und ging nach Hause. Er war darüber sehr unmutig und konnte sich auf keine Weise von dieser seiner Liebe losreißen. Er bediente sich anderer Frauen, die mit ihr sprechen mußten, und wendete alles Mögliche an; aber alles war umsonst, denn sie blieb härter als ein Fels im Meer und ließ sich nie herab, ihm eine freundliche Antwort zu geben. Da der unglückliche Liebhaber kein Genüge in dieser seiner Liebe fand und sich doch nicht von dem Vorhaben losreißen konnte, das ihm schon den Schlaf und dann auch den Appetit gekostet hatte, wurde er am Ende ziemlich schwer krank. Und da die Ärzte sein Leiden nicht kannten, wußten sie auch nicht, welches Heilmittel sie ihm zu reichen hatten; weshalb denn der arme Jüngling mit schnellen Schritten unaufhaltsam dem Tod zueilte. Es besuchte ihn, während er im Bette lag, ein Kriegsmann aus Spoleto, der ganz vertraut mit ihm stand. Diesem erzählte Herr Filiberto die ganze Geschichte seiner Liebe und die rauhe Strenge seiner harten und grausamen Dame und schloß damit, wenn er keine andere Hilfe finde, so müsse er vor Schmerz und allzu großer Pein sterben. Als der Spoletiner die Ursache der Krankheit des Herrn Filiberto hörte, dem er außerordentlich geneigt war, sagte er zu ihm: »Filiberto, laß mich machen: ich will schon Mittel und Wege finden, daß du mit dieser Frau nach deinem Belieben sprechen sollst.«

»Ich verlange nichts sonst«, antwortete der Kranke, »denn wenn ich das habe, so gibt es mir den Mut, sie dahin zu bringen, daß sie Mitleid mit mir hat. Aber wie willst du es anstellen? Ich habe mir damit immer vergeblich große Mühe gegeben, habe ihr Boten geschickt, reiche Geschenke, sehr große Versprechungen und habe doch nie etwas von ihr erreichen können.«

»Mach nur«, fügte der Spoletiner hinzu, »daß du gesund wirst, und für das übrige laß mich sorgen!«

Über diese Antwort wurde Filiberto so sehr zufrieden, daß er sich in kurzem bedeutend besser fühlte und wenige Tage später das Bett verlassen konnte. Alle Spoletiner sind, wie ihr wißt, große Schwätzer und ziehen durch ganz Italien und ernten fast regelmäßig die Almosen des ehrenfesten Herrn Sankt Anton: denn sie sind allmächtig in der Redseligkeit, frech und keck, lassen sich nie den Stoff des Gesprächs ausgehen und wissen auf wunderbare Weise zu allem zu überreden, was ihnen anzuraten in den Sinn kommt. Auch die meisten derer, welche die einfältigen Leute hinters Licht führen, indem sie ihnen den Segen Sankt Pauls verleihen, Schlangen, Nattern und Blindschleichen umhertragen und dergleichen Gewerbe treiben und auf den öffentlichen Plätzen singen, sind Spoletiner. Der Freund des Herrn Filiberto war nun von dieser Nation und war vielleicht seinerzeit auf mehr als einem Markte gestanden, um Bohnenpulver für Krätzsalbe zu verkaufen. Sobald er Herrn Filiberto geheilt sah, suchte er, des ihm gegebenen Versprechens eingedenk, Mittel und Wege, einen von denen zu finden, die mit einem um den Hals befestigten und unter dem linken Arme hängenden Korbe durch die Straßen gehen und Bänder, Fingerhüte, Stecknadeln, Schnüre, Borten, Paternosterkränze und andere ähnliche Sächelchen für Frauen zum Verkauf ausrufen. Er kam also mit diesem überein, stellte ihn zufrieden, nahm seine Kleider und seinen Korb und verkleidete sich in einen solchen Krämer. So ging er in die Straße, wo der Frau Zilia Haus lag, und fing an, im Aufundabgehen zu rufen, wie es üblich war. Als Frau Zilia es hörte, ließ sie ihn, da sie einen Schleier nötig hatte, ins Haus rufen. Da er sah, daß sein Anschlag ihm gelang, trat er beherzt in das Haus und grüßte die Frau mit liebevollen, schönen Worten, gerade als wäre er sehr vertraut mit ihr gewesen. Sie griff in den Korb und fing an, dies und jenes in die Hand zu nehmen; er aber ließ sie durchaus gewähren und entfaltete vor ihr bald Bänder, bald Schleier. Als sie nun einen Schleier sah, wie sie ihn brauchte, und er ihr sehr wohl gefiel, sagte sie: »Nun, guter Freund, wie verkauft Ihr die Elle von diesem Flor? Wenn Ihr mir einen billigen Preis macht, so nehme ich Euch fünfunddreißig Ellen ab.«

»Gnädige Frau«, antwortete der Spoletiner, »wenn Euch der Stoff gefällt, so nehmt ihn und forscht nicht weiter, wie man ihn verkauft, denn er ist schon bezahlt; und nicht allein der Flor, sondern alles, was ich hier habe, gehört Euch ohne alles Weitere, wofern Ihr es nur annehmen wollt.«

»Oh, das mag ich nicht«, sagte die Frau; »das wäre nicht anständig. Ich danke Euch für Euer Anerbieten. Sagt mir nur, was Ihr für den Flor wollt, und ich will Euch befriedigen; denn es wäre nicht recht, da Ihr mit dieser Beschäftigung Euern Lebensunterhalt erwerbt, wenn Ihr so gewaltig an mir verlöret! Macht mir einen anständigen Preis, und ich will Euch Euer Geld geben.«

»Ich verliere nichts, vielmehr gewinne ich sehr viel, wenn etwas unter meinen Sachen ist, was Euch gefällt«, antwortete der Spoletiner. »Und wenn Ihr ein so edles Herz habt, wie Euer Äußeres darauf schließen läßt, so nehmt Ihr das Geschenk dieses Flors an und auch das der andern Stücke, wenn sie Euch gefallen; denn es schenkt sie Euch einer, der für Euch nicht nur seine Habe, sondern sein Leben hingäbe, um Euch zu gefallen.« Als die Frau dies hörte, wurde sie über und über rot wie eine Rose, wenn sie im Mai beim Erscheinen der Sonne ihre jungen Blätter zu entfalten beginnt. Sie schaute dem Spoletiner scharf ins Gesicht und sagte zu ihm: »Ihr setzt mich sehr in Verwunderung mit dieser Eurer Rede. Daher erführe ich gern, wer Ihr seid und in welcher Absicht Ihr dies zu mir gesprochen habt; denn ich muß denken, Ihr habt Euch verirrt, da ich nicht von der Art bin, wie Ihr Euch vielleicht einbildet.«

Er ließ sich hierdurch keineswegs außer Fassung bringen und erzählte ihr mit wohlgesetzten Worten, da er, wie gesagt, von Spoleto war, in welcher Pein um ihrer Liebe willen Herr Filiberto lebte, wie sehr er ihr ein treuer Diener sei, und daß sie niemand auf der Welt habe, über den sie mehr verfügen könne als über ihn sowie über alles, was er auf Erden besitze; denn er sei auch reich, einer von den Herren von Virle, und überdies ein ganz schmucker Geselle. Kurz, er wußte so gut zu sprechen und sie so zu bearbeiten, daß sie es zufrieden war, daß ihr Liebhaber heimlich komme, um mit ihr zu sprechen, und ihm Ort und Zeit bezeichnete.

Als Herr Filiberto diese gute Nachricht erhielt, war er äußerst befriedigt über den Spoletiner und begab sich nach der getroffenen Verabredung zu dem Zwiegespräch mit Frau Zilia in ein Zimmer im Erdgeschoß ihres Hauses. Dort angelangt, fand er die Frau, die ihn schon erwartete und eine ihrer Dienerinnen bei sich hatte. Das Gemach war ziemlich groß, und die beiden konnten sich leicht unterreden, ohne daß die Magd etwas davon hören mußte. Herr Filiberto fing also an, mit den zierlichsten Worten, die er wußte, der Frau seine leidenschaftliche Liebe vorzutragen und ihr zu schildern, wie viel er um dieser Liebe zu ihr willen erduldet habe, wobei er sie auf das eindringlichste bat, ihn zu erhören und Mitleid mit ihm zu haben, und sie versicherte, daß er in Ewigkeit ihr Diener bleiben wolle. Soviel er aber auch zu sprechen wußte, konnte er doch nichts anderes von ihr herausbringen, als sie sei Witwe, und es stehe ihr nicht wohl an, dergleichen Dingen nachzugeben; sie wolle all ihre Sorge auf die Erziehung ihres Sohnes wenden; ihm werde es nicht an andern, schöneren Frauen als sie fehlen. Nach vielem Hinundwiderreden sah der arme Verliebte, daß er sich vergeblich abmühe, und daß sie auf keine Weise geneigt sei, ihn zufriedenzustellen. Er war darüber in den Tod betrübt und sagte ihr mit Tränen in den Augen auf eine Erbarmen erregende Weise: »Da Ihr, gnädige Frau, mir durchaus alle Hoffnung nehmt, daß Ihr mich als Euern Diener anerkennen werdet, und da ich in so großer Traurigkeit von Euch scheiden muß, ja, da sich mir vielleicht niemals wieder Gelegenheit bietet, mit Euch zu sprechen, so gebt mir wenigstens zum Schluß bei meinem Scheiden zum Lohn für all die Liebe, die ich gegen Euch gehegt habe, hege und hegen werde, solange ich lebe, einen einzigen Kuß, den ich, als ich hierherkam, nach Landessitte von Euch in Empfang nehmen wollte, den Ihr aber, unserem löblichen Brauch zuwider, mir verweigert habt. Ihr wißt ja, daß sich auf der offenen Straße küssen keine Schande ist, wenn Männer den Frauen begegnen.«

Die Frau besann sich ein wenig und antwortete darauf: »Ich will sehen, Herr Filiberto, ob Eure Liebe so heiß ist, wie Ihr rühmt. Ihr sollt von mir sogleich den Kuß erhalten, um den Ihr mich ersucht, wenn Ihr schwöret, etwas zu vollbringen, worum ich Euch ersuchen will. Haltet Ihr Euern Schwur, so kann ich mich überzeugen, daß ich so sehr von Euch geliebt werde, wie Ihr mir gesagt habt.«

Der unvorsichtige Liebhaber schwor, alles zu tun, was in seiner Kraft stehe. Er hieß sie befehlen, was sie wolle, und harrte begierig des Befehls der Frau. Da schlang sie ihm die Arme um den Hals, küßte ihn auf den Mund und sagte, als sie ihn geküßt hatte: »Herr Filiberto, ich habe Euch den Kuß gegeben, den Ihr von mir verlangt habt, in der Hoffnung, daß Ihr das tun werdet, was ich Euch auferlege. Mein Wille geht nun dahin, daß Ihr, um Euer Wort zu erfüllen, von heute an drei volle Jahre nie mehr mit irgend jemand in der Welt, Mann oder Weib, ein Wort sprecht, so daß Ihr also drei Jahre lang stumm bleibt.«

Herr Filiberto stand eine Weile ganz staunend da; aber so unschicklich, unvernünftig und äußerst schwer genau zu befolgen dieses Gebot ihm auch schien, so winkte er ihr doch mit der Hand, daß er tun werde, was sie ihm befohlen. Er neigte sich vor ihr, ging hinweg und kehrte in seine Herberge zurück. Dort überdachte er denn seine Lage: der harte Schwur, den er getan, trat ihm mit seinem ganzen Ernste vor den Sinn. Doch war er entschlossen, wenn er auch leichtsinnig sein eidliches Wort verpfändet, es mit aufrichtigem Beharren und vollkommener Treue zu halten. Er tat daher, als habe er zufällig die Sprache verloren, zog wieder von Moncalieri weg und begab sich nach Virle, wo er wie ein Stummer lebte und mit Gebärden und Schrift sich verständlich machte. Das Mitleid, das man mit ihm hatte, war allgemein, und jedermann konnte sich nicht genug wundern, wie er so ohne Krankheit die Redefähigkeit verloren habe. Messere Filiberto brachte indessen schnellmöglichst seine Angelegenheiten in Ordnung, bestellte einen leiblichen Vetter zu seinem Anwalt, machte sich wohlberitten und reiste, nachdem er Sorge getragen hatte, daß ihm zu gewissen Zeiten Gelder nachgeschickt wurden, von Piemont auf und ging nach Lyon in Frankreich. Er war sehr schön von Gestalt, stark gebaut und edel von Ansehen, so daß, wohin er ging und wo man sein Mißgeschick erfuhr, jeder mit ihm Bedauern hatte.

In jenen Zeiten hatte König Karl VII. von Frankreich einen grausamen Krieg mit den Engländern gehabt, der noch nicht ganz zu Ende war; denn er entriß ihnen mit Gewalt der Waffen alles wieder, was sie seit vielen Jahren den andern Königen von Frankreich abgenommen hatten. Indem er sie nun gegenwärtig aus der Gascogne und andern Gegenden vertrieb, war er auch dabei, die Normandie und andere von ihnen zu reinigen. Auf diese Nachricht beschloß Messer Filiberto, an den Hof des Königs Karl zu gehen, der eben in der Normandie war. Bei seiner Ankunft fand er unter den anwesenden Baronen einige Freunde, die ihm einen sehr guten Empfang bereiteten und ihn bemitleideten, als er ihnen zu verstehen gab, er habe durch ein rätselhaftes Mißgeschick die Sprache verloren. Er deutete ihnen an, er sei gekommen, um im Dienste des Königs das Waffenhandwerk zu üben. Über diese seine Absicht waren sie sehr erfreut, da sie ihn schon von früher als einen Mann von hohem Mute und von großer Tapferkeit kannten, und so geschah es, daß unmittelbar nach seiner vollständigen Ausrüstung mit Waffen und Pferden ein Angriff auf Rouen, die Hauptstadt der Normandie, unternommen wurde. Messere Filiberto zeichnete sich bei diesem Sturme gleich den besten Rittern des Heeres aus, und König Karl bemerkte mehrmals von ihm Handlungen eines tapfern und klugen Kriegers. So trug er nicht wenig dazu bei, daß Rouen bei einem zweiten Sturme fiel.

Nach erfolgter Einnahme von Rouen ließ der König Messer Filiberto vor sich rufen, um zu erfahren, wer er sei, und um ihm den verdienten Lohn seiner Taten zu geben. Und als er darauf hörte, daß er einer der Herren von Virle in Piemont und vor kurzem ohne ersichtliche Veranlassung stumm geworden sei, so behielt er ihn als Kammerherrn mit Verleihung des üblichen Gehalts bei sich und ließ ihm zweitausend Franken gleich bar auszahlen, indem er ihn ermahnte, ihm ferner so zu dienen, wie er bereits den Anfang gemacht habe, und ihm versprach, zu seiner Wiederherstellung alles mögliche zu tun. Messer Filiberto dankte dem König mit stummen Gebärden demütig für alle Gnade und erhob die Hand zum Zeichen, daß er nicht ermangeln werde, ihm getreulich zu dienen.

Eines Tages trug es sich zu, daß beim Übergang über eine Brücke ein heftiges Scharmützel zwischen den Franzosen und ihren Feinden entstand, und da man mit den Trompeten Alarm blies und der Lärm unter den Soldaten immer größer wurde, ging der König zur Ermutigung der Seinigen selbst hin. Talbot, der englische Feldherr, führte die Seinen; er stand selbst auf der Brücke und hatte sie fast ganz besetzt. Der König ermunterte die Seinigen und sandte bald diesen, bald jenen zu Hilfe, als der tapfere, mannhafte Messer Filiberto gerüstet auf einem starken Renner herbeieilte. Beim ersten Anlauf sprengte er mit eingelegter Lanze so mutig auf Talbot los, daß er ihn und sein Pferd zu Boden warf. Er nahm dann einen starken und gewichtigen Streitkolben zur Hand, stürzte sich damit unter die Engländer, schlug wütend um sich und tat keinen Hieb umsonst, sondern tötete oder schmetterte mit jedem wenigstens einen Engländer zu Boden, so daß die Feinde genötigt waren, die Brücke zu verlassen und ohne Ordnung zu fliehen. Talbot wurde von den Seinen aufs Pferd gehoben und entkam mit Mühe. Dieser Sieg hatte die Folge, daß fast die ganze Normandie dem König Karl in die Hände fiel. Als daher der gute König sah, wie viel ihm Messer Filiberto genützt hatte, pries er ihn auf sehr ehrenvolle Weise in Gegenwart aller Barone seines Hofes und schenkte ihm einige Burgen nebst der Führung von hundert Bewaffneten, vergrößerte ihm auch bedeutend sein Gehalt und gab ihm durch tägliche Begünstigungen seine Huld zu erkennen.

Nach Beendigung dieses Krieges stellte der König in Rouen ein festliches Kampfspiel an, bei dem sich die Blüte der französischen Ritterschaft vereinigte und Messer Filiberto den ersten Preis gewann. Der König, der ihn sehr liebte und heftig wünschte, daß er geheilt werde, um mit ihm sprechen zu können, ließ in allen seinen Provinzen bekanntmachen, er habe einen Edelmann, der über Nacht stumm geworden sei, und finde sich jemand, der ihn wiederherstellen könne, so solle derselbe sogleich zehntausend Franken erhalten. Die königliche Bekanntmachung verbreitete sich nicht nur durch ganz Frankreich, sondern kam auch nach Italien, und die Habsucht trieb in der Tat viele Italiener und Franzosen an, einen Versuch zu wagen. Aber freilich war die Bemühung der Ärzte umsonst: denn der verstellte Stumme ließ sich nicht zum Sprechen bewegen. Der König wurde endlich unwillig, daß kein Arzt sich fand, der ihn zu heilen wußte, ungeachtet daß er sie den ganzen Tag scharenweise herbeikommen sah, sowohl eigentliche Arzte, als auch andere, die durch ihre Versuche ihn zu heilen gedachten; er merkte, daß sie mehr durch den Reiz des Gewinns als durch ihre Gelehrsamkeit oder die Hoffnung, ihm Heilung zu bringen, herbeigelockt seien. Daher ließ er aufs neue kundmachen, daß, wer Monsignor Filiberto heilen wolle, sich eine Frist nehme, wie sie ihm zur Kur geeignet scheine, und wenn er sie glücklich vollbracht habe, die zehntausend Franken nebst vielen andern Geschenken erhalten solle, wogegen er, wenn sie ihm fehlschlage und er nicht selbst zehntausend Franken entrichten könne, seines Kopfes verlustig gehe. Nachdem dieser strenge Beschluß allgemein verbreitet worden war, verlor sich die Zahl der Ärzte mit einem Male, wiewohl doch noch einige sich von eitler Hoffnung verblenden ließen, die große Gefahr zu bestehen; und weil sie ihn nicht heilen konnten, wurden einige verurteilt, die zehntausend Franken zu bezahlen oder den Kopf zu verlieren, und einige andere wurden auf Lebenszeit in den Kerker gesprochen.

Der Ruf dieser Angelegenheit war bereits nach Moncalieri gedrungen, daß Monsignor Filiberto von Virle in großem Ansehen beim König von Frankreich und sehr reich geworden sei. Als nun Madonna Zilia davon hörte, sie, die am besten wußte, weshalb Messer Filiberto nicht sprach, und sah, daß schon zwei Jahre vorüber waren, dachte sie, er schweige nicht sowohl aus Ehrfurcht vor dem geleisteten strengen Schwur, als aus Liebe zu ihr, um ihr sein Wort zu halten. Sie hegte überdies die Meinung, daß diese Liebe zu ihr noch in derselben Inbrunst fortbestehe, die er ihr in Moncalieri dargetan hatte, und beschloß, nach Paris zu gehen, wo sich der König damals aufhielt, und Herrn Filiberto die Zunge zu lösen, um die zehntausend Franken zu gewinnen. An die Möglichkeit, daß der auf ihr Verlangen Verstummte, wenn er sie sähe und von ihr gebeten würde zu sprechen, etwa doch nicht sprechen wolle, dachte sie gar nicht. Sie machte daher ihre Vorbereitungen, setzte gewisse Gerüchte in Umlauf und machte sich nach Frankreich auf den Weg. In Paris angelangt, begab sie sich ohne Verzug zu den königlichen Beamten, denen die Sorge für Monsignor Filibertos Wiederherstellung aufgetragen war, und sagte zu ihnen: »Ihr Herren, ich bin hierhergekommen, um Monsignor Filiberto zu heilen. Ich besitze einige vortreffliche Geheimnisse in dieser Kunst, durch die ich es mit Gottes Hilfe dahin zu bringen hoffe, daß er in vierzehn Tagen vollkommen gut sprechen wird. Stelle ich binnen dieser Zeit seine Gesundheit nicht vollkommen her, so will ich mein Haupt verlieren. Ich verlange aber, solange die Kur dauert, mit Monsignor Filiberto in einem Zimmer alleingelassen zu werden, weil ich nicht will, daß jemand das Heilmittel lerne, das ich hierbei anzuwenden willens bin. Ich muß Tag und Nacht bei ihm bleiben, denn auch bei Nacht müssen zu gewissen Stunden meine Arzneien angewandt werden.«

Als die Herren Beamten diese Edelfrau so dreist und zuversichtlich in so gefährlichem Falle reden hörten, wo die gelehrtesten Arzte Frankreichs und anderer Länder sich getäuscht sahen, berichteten sie Monsignor Filiberto, es sei eine Dame aus Piemont gekommen und erbiete sich, ihn zu heilen. Er ließ sie in seine Wohnung bringen und erkannte sie auf der Stelle. Er hielt aber dafür, sie habe nicht aus Liebe zu ihm, sondern aus Begierde nach den zehntausend Franken sich die Beschwerde dieser Reise aufgebürdet; er zog ihre große ihm erwiesene Härte und Grausamkeit und alle Leiden, die sie ihm bereitet hatte, in Erwägung, und so fühlte er, daß sich seine vordem so brünstige, doch schon erkaltete Liebe in den gerechten Durst nach Rache umwandelte. Er beschloß deswegen, sich mit ihr den Genuß zu verschaffen, der ihm von seinem guten Glücke dargeboten ward, und sie mit verdienter Münze zu bezahlen. Sobald sich daher Frau Zilia mit ihm allein in seinem Zimmer befand, das sie von innen verschlossen hatte, sprach sie zu ihm: »Mein Herr, kennt Ihr mich nicht? Seht Ihr nicht, daß ich Eure teure Zilia bin, die Ihr einmal so innig zu lieben vorgabt?«

Er nickte ihr bejahend zu, daß er sie wohl kenne, legte aber zum Zeichen, daß er nicht reden könne, den Finger an die Zunge und zuckte die Achseln. Und wiewohl ihm die Frau versicherte, daß sie ihn des ihm gegebenen Schwurs und Wortes entbinde und nur in der Absicht nach Paris gekommen sei, um alles zu tun und zu dulden, was er ihr befehlen werde, tat er doch nichts anderes, als mit den Achseln zucken und die Zunge mit dem Finger berühren. Da Madonna Zilia nun zu ihrem großen Mißvergnügen sah, daß Monsignor Filiberto sein Betragen gegen sie nicht änderte, und daß alle ihre Bitten keinen Eindruck auf ihn machten, so begann sie ihn zärtlich zu küssen und mit allen möglichen Liebkosungen zu überschütten. Daher fühlte er, als ein junger Mann, der früher auch glühend die in Wahrheit sehr schöne Frau geliebt hatte, die sinnliche Lust erwachen und sich regen, was vielleicht schlief; und stumm verharrend genoß er mit ihr die Freuden der Liebe, wonach er sich so sehr gesehnt hatte. Auf diese Weise unterhielt er sich im Laufe der vierzehn Tage vielmals mit ihr im Minnespiel; wenn er aber dabei auch all seinen Gliedern freien Lauf ließ, so ließ er doch nicht der Zunge den Lauf, weil ihm bedünkte, daß jener ihm in Moncalieri vergönnte Kuß eine so lange und schwere Strafe wohl verdiene. Wollte man all die Vorstellungen berichten, die sie ihm machte, die heißen Bitten, womit sie ihn bestürmte, die Tränen, die sie vergoß, um ihn zum Sprechen zu bewegen, so würde man bis heute nacht nicht damit fertig.

Als nun das Ende der von ihr in Anspruch genommenen Frist herankam und Monsignor Filiberto nicht sprechen wollte, erkannte sie endlich ihre große Einfalt und Verwegenheit sowie die Grausamkeit, die sie gegen ihren Liebhaber angewendet hatte, und gab ihr Leben verloren. Es wurde ihr nun nach Ablauf der angesetzten Frist angedeutet, sie möge die zehntausend Franken zahlen oder beichten, weil ihr des andern Tages das Haupt werde abgeschlagen werden. Sie wurde daher aus dem Zimmer des Monsignor Filiberto abgeholt und ins Gefängnis geführt. Ihr Vermögen reichte nicht hin, um die Strafe zu bezahlen; daher bereitete sie sich zum Tode vor.

Als Monsignor Filiberto dies hörte, meinte er, er habe sie nunmehr genugsam geplagt und sich hinlänglich an ihr gerächt. Er ging daher zum König, verbeugte sich mit schuldiger Ehrfurcht vor ihm, hub zum freudigen Erstaunen des Königs und aller zu reden an und erzählte ihm die ganze Geschichte dieses seines langen Schweigens. Er bat darauf den König untertänigst, alle seinethalb Eingekerkerte zu begnadigen und ebenso auch die Dame, was der König bereitwillig tat. Frau Zilia ward ihrer Haft entlassen und wollte tiefbeschämt nach Piemont zurückkehren; Monsignor Filiberto wünschte aber, daß sie mit ihrer Begleitung sich abermals in seine Behausung möge aufnehmen lassen. Er rief sie sodann beiseite und sprach zu ihr: »Madonna, Ihr wißt, daß ich Euch in Moncalieri viele Monate lang meine Dienste widmete, weil ich in Wahrheit in heftiger Liebe zu Euch entbrannt war. Ihr erinnert Euch auch noch, daß Ihr mir nur für einen Kuß befohlen habt, drei Jahre lang stumm zu bleiben. Und ich schwöre Euch, hättet Ihr mich damals oder nachher, als ich nach Virle ging, meines Eides entbunden, ich würde Euch immer und ewig ein getreuer Diener gewesen sein. Aber Eure Grausamkeit hat Euch fast drei Jahre lang unstet in der Welt mich umtreiben lassen, und Gott, nicht Euch habe ich es zu danken, daß es mir so gut gegangen ist, daß ich hier reich geworden bin und mich der Huld meines Königs erfreue. Ich glaube nun an Euch gerechte Rache genommen zu haben, und ich will mich insofern gefällig gegen Euch beweisen, daß ich Euch nicht den Kopf abschlagen lasse und Euch die Kosten der unternommenen Reise und des Rückwegs reichlich ersetze. Lernt nun hieraus, inskünftige mit Klugheit zu Werke gehen und Edelleuten größere Achtung bezeugen: denn, wie man im Sprichwort sagt, die Menschen kommen zusammen, die Berge aber nicht.« Hierauf ließ er sie freigebig beschenkt von dannen ziehen. Der König wünschte, daß er sich vermähle, und gab ihm eine reiche junge Frau, die ihm mehrere Schlösser einbrachte. Er ließ sodann seinen Spoletiner Freund rufen und behielt ihn bei sich, indem er ihm eine gemächliche Zukunft bereitete. Er selbst erhielt sich fortwährend in der Huld seines königlichen Herrn und Gebieters und wußte sich auch nach Karls VII. Ableben bei dessen Nachfolger Ludwig XI. beliebt zu machen

Die Schloßherrin von Vergy

In der Zeit, wo ganz Burgund nur von einem einzigen Fürsten beherrscht wurde, lebte daselbst ein hochsinniger Herzog, der nach dem Tode seiner ersten Gattin eine sehr schöne Frau in zweiter Ehe zur Gemahlin hatte, die er im höchsten Grade liebte, da er ihr Gemüt nicht durchaus kannte: denn sie war nicht eben tugendhaft und wußte listig ihre verkehrte Natur zu verbergen. Der Herzog hielt an seinem Hofe in großer Gunst einen rechtschaffenen Edelmann, der mit all den guten Eigenschaften begabt war, die zu einem vollkommenen Hofmann erfordert werden, so daß er wegen seines reinen Betragens, seines höfischen, edeln Wesens von hoch und nieder geliebt und geachtet wurde. Der Herzog hatte den jungen Mann von Kindesbeinen an sorgfältig erziehen und ernähren lassen und liebte ihn auch wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften; und da er wußte, daß er zwar von ganz edlem Blute, aber mit Glücksgütern sehr wenig reichlich ausgestattet war, hatte er ihm viel Gutes getan und ihm einige Burgen geschenkt; dabei verließ er sich auf ihn in allen Stücken wie auf sich selber, zog ihn bei jeder Angelegenheit zu Rate und fand seine Ratschläge immer gut und weise.

Der neuen Herzogin nun aber genügten die Umarmungen ihres Gatten nicht; vielmehr wünschte sie einen zu finden, der ihr manchmal besser das Pelzchen schüttelte, und uneingedenk ihres Standes und der Liebe und des fortwährend guten Bezeugens ihres Gatten gegen sie, warf sie ihr lüsternes Augenmerk auf den tugendhaften Jüngling, welcher Carlo hieß, und weil er ihr ausnehmend wohlgefiel, teils wegen seiner Schönheit, in der er blühte, teils wegen der guten und löblichen Eigenschaften, die sie an ihm bemerkte, setzte sie gegen alle Pflicht und Anstand ihre und ihres Mannes, des erhabenen Fürsten, Ehre außer Augen und entbrannte so heftig für Carlo, daß sie nicht satt werden konnte, ihn zu betrachten, sooft sich Gelegenheit dazu gab, und das geschah hundertmal des Tages; denn nie wich er dem Fürsten von der Seite, dem er von ganzem Herzen diente, und den er wie einen Gott auf Erden ehrte. Sie wagte zwar nicht, mit ihm von Liebe zu reden; aber sie bemühte sich, mit Blicken und verliebten Seufzern ihm die Liebesflamme einzuflößen, die sie elendiglich verzehrte. Es blieb freilich alles vergebens, da Carlos Sinnen anderswohin gerichtet war und ihm nicht gestattete, auf ihr Tun und Lassen zu achten. So entschloß sich denn das glühende Weib zuletzt, von ihrer nicht mehr zu zügelnden Begierde überwunden und hingerissen, seine etwaige Bewerbung nicht abzuwarten, sondern Carlo selbst ihr stechendes Liebesweh zu entdecken. Sie meinte, schriftlich ihre verliebte Flamme nicht so gut ausdrücken zu können, wie sie es mündlich tun würde, wenn sie ihre Worte mit fünfundzwanzig Tränchen und ebenso vielen glühenden Seufzern begleite. Als daher der Herzog eines Tages dem Botschafter des Königs von Frankreich geheimes Gehör verlieh und sich mit ihm und einigen Räten in sein Kabinett verschlossen hatte, benutzte sie Zeit und Gelegenheit, rief Carlo zu sich, gleich als ob sie über wichtige Dinge mit ihm zu sprechen hätte, trat mit ihm in eine Galerie und führte, auf und ab wandelnd, folgendes Gespräch:

»Ich verwundere mich sehr«, sprach sie, »wie es möglich ist, daß du in der Blüte deiner Jugend und als der schönste und vorzüglichste Hofmann an unserem Hofe nicht irgendeine der vielen schönen Frauen oder anmutigen Fräulein dieses Landes zu lieben scheinst. Du kannst doch wohl sehen, daß es am Hofe keinen einzigen Edelmann gibt, der sich nicht mit irgendeiner von diesen Frauen unterhielte und nicht, wie man bei uns sagt, eine Verwandtschaft schlösse, um diese Base, jene Schwester, eine dritte Schwägerin, Gemahlin oder Freundin nennen zu können, und alle ohne Ausnahme ergeben sich dem Frauendienste. Nur du allein machst dich mit keiner vertraut. Ich möchte gern wissen, woher diese deine Wildheit rührt.«

Carlo erwiderte hierauf höchst ehrerbietig also: »Madame, wenn ich mich der Gunst würdig hielte, daß eine dieser Damen sich mit ihren Gedanken bis zu mir herablassen könnte, so würde ich vielleicht dann und wann so frei sein, einer von ihnen meine Dienste zu widmen. Da ich aber, wie es denn sehr leicht geschehen könnte, verschmäht und verspottet zu werden fürchte, so wage ich nicht, auf ein verliebtes Abenteuer einzugehen.«

Die kluge Antwort des Jünglings mißfiel der Herzogin nicht und machte ihre Liebe zu ihm nur um so inbrünstiger. Sie sagte daher mit fast bebender Stimme zu ihm: »Ich versichere dich, Carlo, daß keine Dame, wenn sie auch noch so hoch stehe, an diesem Hofe und im ganzen Lande ist, die sich nicht für beglückt hielte, wenn sie dich zum Liebhaber bekäme und du ihr, wie es gebräuchlich ist, den Hof machtest.«

Während die Herzogin sprach – und es fehlte ihr nicht an Worten –, hielt Carlo die Augen zu Boden geheftet, ohne so kühn zu sein, ihr ins Angesicht zu schauen. Alsdann beurlaubte er sich bei ihr und ging hinweg zum höchlichen Mißvergnügen der Herzogin, die ihre Unterhaltung mit ihm noch fortzusetzen gewünscht hätte. Wie bedenkliche Einbildungen auch Carlos Sinn erfüllten, so gab er sich doch nichtsdestoweniger nie weder mit Gebärden noch mit Worten den Anschein, die Absichten und Wünsche der Herzogin durchschaut und erraten zu haben, sondern beherrschte sich nach wie vor, was in der Tat ihr, die etwas anderes wollte als Worte, höchst verdrießlich und Anlaß zum kummervollsten Leben war. Und da sie wegen ihrer großen Schönheit und ihres hohen Ranges darauf gerechnet hatte, sich mit dringenden Bitten um ihre Gunst bestürmt zu sehen, war ihr das unbefangene Betragen Carlos um so unerwarteter, der ihre sie so erbärmlich verzehrende Liebe gänzlich zu übersehen schien.

Endlich konnte sie die Pein nicht länger mehr ertragen. Mit Verleugnung aller Scham und Scheu beschloß sie also, selbst Carlo ihre Liebe zu offenbaren und ihn demütig zu bitten, mit ihr Erbarmen zu haben. Als sie ihn daher eines Tages ganz allein antraf, sagte sie zu ihm mit gedämpfter Stimme: »Carlo, ich habe dir Dinge von der größten Wichtigkeit mitzuteilen.«

Mit der ihr schuldigen Ehrerbietung erwiderte er: »Madame, ich bin bereit, Euch in allem, wo ich kann, zu gehorchen.«

Die Herzogin trat hierauf an ein Fenster, ziemlich entfernt von allen anwesenden Herren und Frauen, verlangte, daß er sich mit ihr in die Brüstung lehnte, und fing wieder das nämliche Gespräch wie früher an, indem sie ihn schalt, sich immer noch keine Dame zur Gebieterin seines Herzens auserwählt zu haben, und sich erbot, ihm in dieser Angelegenheit hilfreichen Beistand zu leisten.

Carlo gab ihr zur Antwort: »Ich habe Euch schon gesagt, gnädigste Frau, und sage Euch jetzt abermals, daß meine unmäßige Furcht, verschmäht zu werden, mich nicht in dieses gefahrvolle Labyrinth der Liebe eintreten läßt, weil ich die Natur meines Herzens kenne und weiß, daß ich, wenn ich einmal meine Liebesmühen zurückgewiesen und nicht erhört sähe, niemals wieder in dieser Welt froh werden und fürder ein schlimmer als Tod zu nennendes Leben führen würde.«

Die Herzogin errötete in ihrem Gesicht wie eine von der Morgensonne erschlossene Rose, und in der Hoffnung, ihn zu besiegen und zu gewinnen, sprach sie zitternd: »Du bist in einem großen Irrtum befangen, Carlo, und täuschest dich sehr: denn ich weiß, wenn du ihr ein getreuer und aufrichtiger Liebhaber sein willst, würde die schönste Dame dieses Kreises sich glücklich schätzen, von dir geliebt zu sein und dich mit dem Geschenk ihrer Liebe zum Herrn ihrer Person zu machen.«

Er fügte jedoch hinzu, er könne sich nicht überreden, daß in dieser ehrenwerten Gesellschaft eine Dame genugsam verblendet und übelberaten sei, ihn einer so hohen Gunst würdig zu achten. Die Herzogin nahm daraus ab, daß er sie nicht verstehen könne oder vielmehr nicht verstehen wolle, da er doch, wie sie wußte, schlau und verschlagen war. Sie entschloß sich daher, geradezu die Maske abzuwerfen und, eine deutlichere Sprache führend, ihm nicht nur zu er öffnen, welche Pein sie aus Liebe zu ihm erdulde, sondern auch zu schildern, wie ihre Schmerzen sie beinahe töteten. Sie stellte ihm daher die folgende Frage: »Carlo, wenn nun dein gutes Glück und ein günstiger Himmel dir so hold gelächelt und dich so hoch erhoben hätten, daß ich es selbst wäre, die dir ihr Herz mit treuer, heißer Liebe widmete, – was tätest du?«

Sobald Carlo diese Worte von ihr hörte, ließ er sich auf ein Knie nieder und entgegnete ihr fast außer sich: »Gnädigste Frau, wofern unser Herrgott mich der ausgezeichneten Gnade würdigte, mir des Herzogs, meines Herrn, und Eure Huld beständig zuzuwenden, so würde ich mich für den glücklichsten Menschen dieser Welt halten, weil eben dieser Lohn der einzige und höchste wäre, den ich für beharrliche, treue und redliche Dienste suche und verlange, da ich mehr als irgend jemand mich verpflichtet fühle, jede Stunde dieses meines Lebens selbst in offenbarster Gefahr zu Euer beider Dienste zu verwenden. Ich bin fest überzeugt, daß die Liebe, die Ihr für diesen meinen Herrn hegt, so groß und rein ist, daß geschweige ich, der kleine Erdenwurm, aber nicht einmal der größte Fürst und hochgestellteste Herr im mindesten daran denken dürfte, sie irgend zu beflecken oder ihr den geringsten Schaden zuzufügen. Und was mich betrifft, so hat dieser mein Herzog als Herr und Beschützer mich immer von Kindesbeinen auf ernährt und zu dem gemacht, was ich bin und mein Leben lang sein werde, so daß ich nimmermehr mich irgend unterfangen würde, seine Frau oder Tochter, Schwester oder Mutter mit anderem Auge, Gedanken oder Absicht zu betrachten, denn als einem treu ergebenen Diener geziemt.«

Als die Herzogin dies hörte, ließ sie ihn nicht weitersprechen, da sie sich offenbar von ihm verschmäht sah. Weil nun einem Weibe überhaupt, es mag sein, wes Standes es wolle, keine größere Beleidigung widerfahren kann, als da, wo es liebt, nicht wiedergeliebt zu werden, so verwandelte sich plötzlich ihre glühende Liebe in wilden, grausamen Haß, und sie sagte, von Zorn und Wut erfüllt, mit drohender Stimme und finsterem Angesicht die drohenden Worte: »Ich glaube, nichtswürdiger Mensch, der du bist, daß du dir gar einbildest, ich sei in dich verliebt. Du eitler, armseliger Tor, du triffst bei weitem fehl, wenn du dir dergleichen alberne Gedanken machst. Wer hat etwas dieser Art zu dir gesagt? Du glaubst wohl, daß die ganze Welt in deine Schönheit vernarrt sei, und daß die Fliegen in der Luft für dich schwärmen? Solltest du frech und übermütig genug sein, dich zu vermessen, mich mit deiner Liebe in Versuchung zu bringen, so gedenke ich dir zu deinem äußersten Verderben den Beweis zu führen, daß ich dich nicht liebe, noch jemals einen andern Mann als den Herrn Herzog, meinen Herrn und Gemahl, lieben werde. Die Reden, die ich bisher mit dir über die Liebe wechselte, dienten mir bloß zum Zeitvertreib und wurden von mir geführt, um deine Gesinnung zu ergründen und dich zu verspotten, wie es dir als einem eingebildeten Gecken gebührt.«

»Dafür«, erwiderte Carlo, »habe ich bis jetzt alles, was Ihr zu mir sagtet, angesehen und sehe es noch an, weil ich weiß, wie es Euch vornehme Frauen alle ergötzt, die Männer zum besten zu haben.«

Bei diesen Worten ging die Herzogin, welche keine Lust hatte, mehr zu hören, in ihr Gemach und schloß sich in einem kleinen geheimen Zimmer ein, wo sie voll törichten Sinnes und in größtem Schmerz auf Rache an Carlo sann. Auf der einen Seite war ihr jetzt ihre ehemalige Liebe zu ihm eine bittere, empfindliche Pein geworden; auf der andern Seite konnte sie sich über ihre Selbsterniedrigung nicht zufrieden geben, auf solche Weise, wie es geschehen war, mit ihm geredet zu haben und sich von ihm antworten zu lassen. Sie erhitzte sich durch diese Vorstellungen nach und nach zu solcher Wut, daß sie wie eine Rasende nicht mehr wußte, was sie tat. Es kam ihr einmal die Lust an, sich zu töten, um sich von allem Kummer zu befreien. Dann wollte sie aber wieder am Leben bleiben, bloß um des Vergnügens willen, ihre ganze Rache an Carlo zu sättigen, den sie für ihren grausamsten Feind ansah. Die unglückliche Herzogin weinte bitterlich und ließ den gehässigen Gedanken, die sie Umtrieben, freien Lauf. Am Ende, nachdem sie, von ihrer Unzucht verleitet, lange genug irre geredet und zwei unversiegbare Tränenströme geweint hatte, trocknete sie ihre Augen und stellte sich vor ihren Leuten an, krank zu sein, um nicht mit dem Herzoge, den Carlo als Mundschenk gewöhnlich bediente, zu Abend speisen zu müssen.

Als der Herzog, der seine Gattin in der Tat zärtlich liebte, vernahm, daß sie unwohl sei, kam er zu ihr, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie sagte zu ihm: »Mein Gebieter, ich glaube schwanger zu sein, und ich vermute, daß mir die Schwangerschaft einen Fluß zugezogen hat, der mir einigermaßen lästig fällt. Es wird indessen vorübergehen, und mein Übel erfordert keinen Arzt; denn wir Frauen helfen uns in dergleichen Fällen besser selbst, als die Ärzte mit ihren Arzneien imstande sind.«

Sie wies also ärztliche Hilfe von sich und brachte drei Tage höchst schwermutsvoll zu. Endlich kam dem Herzog ein Gedanke, es möge wohl etwas anderes als Schwangerschaft die Herzogin veranlassen, das Bett zu hüten. Um daher ihren Sinn desto besser zu ergründen, schlief er die nächstfolgende Nacht bei ihr, liebkoste sie und scherzte mit ihr zärtlicher als je. Und da er sah, daß aus ihrer bewegten Brust fortwährend heiße Seufzer emporstiegen, bestärkte er sich noch weit mehr in der Meinung, die er hegte. Er faßte sie daher in seine Arme, küßte sie oft auf das zärtlichste und sagte zu ihr: »Meine teure Gattin, Ihr wißt sehr wohl, wie sehr ich Euch liebe, und wie Euer Leben mit dem meinigen so eng zusammenhängt, daß ich auch sterben würde, sobald Euch der Tod beträfe. Wenn daher mein Leben Euch irgend teuer ist, und das muß es doch, so steht es Euch durchaus zu, mir den wahren Grund dieser Eurer glühenden Seufzer zu entdecken, den ich nicht wohl in einer etwa bei Euch eingetretenen Schwangerschaft finden kann. Sagt mir, mein Herz und meine Seele, was es ist, das Euch betrübt?«

Die Herzogin, die ihren Gemahl so gut für sich gestimmt sah, glaubte, die Zeit sei nun gekommen, ihr Gift gegen den von ihr tödlich gehaßten unschuldigen Carlo auszuspritzen. Sie küßte den Herzog liebevoll, ließ zu gleicher Zeit dem Strom ihrer Tränen freien Lauf und löste unter unendlichem Schluchzen ihre Zunge, indem sie mit schwacher Stimme sprach: »Ach, gnädiger Herr, das mich niederdrückende Übel besteht darin, daß ich Euch auf eine höchst unwürdige Weise von dem betrügen sehe, der Euch so sehr verpflichtet ist und dafür sein eigenes Leben jedweder Gefahr in Eurem Dienste aussetzen sollte, statt dessen aber Euch zu entehren und die Reinheit Eures Rufes mit Schande zu beflecken strebt.«

Durch diese Worte mit mächtigem Verlangen erfüllt, der Sache auf den Grund zu kommen, bat der Herzog seine Gemahlin inständigst, ihm ohne Rücksichten alles, was sie auf dem Herzen habe, zu erzählen, und sie gab ihm, nachdem sie ihn lange und wiederholt hatte bitten lassen, die folgende Antwort: »Ich werde mich nimmermehr wundern, mein teurer Herr und Gemahl, wenn ich in dieser verderbten Welt wieder höre, daß ein Fremder seinem Herrn Schaden zufügt, da Eure eigenen Untertanen und Vasallen Euch solchen Nachteil zuzufügen wagen, der weit mehr von Belang ist als der Verlust aller Glücksgüter; denn die Ehre ist weit mehr wert und muß viel höher angeschlagen werden als alle Schätze und alle Reiche der Welt. Euer von Euch so sehr geliebter Günstling Carlo, den Ihr nicht als Euern Diener, sondern als Euern nahen und vertrauten Verwandten auferzogen und behandelt habt, hat sich unterstanden, mir seine Liebe zu erklären und mich auf das dringendste zu bitten, daß ich seine Freundin werde. Er hat dadurch bewiesen, daß er mich wie ein Dieb berauben und meine Ehre beflecken wollte, in der doch ganz sicher auch die Eurige und die Eures ganzen Hauses beruht. Auf dieses freche, anmaßende Ansinnen habe ich ihm zwar nach Gebühr geantwortet, daß mein Herz an nichts anderes denke, als Euch meine eheliche Treue rein und unbefleckt zu erhalten, und daß er sich nimmermehr erkühnen solle, von so etwas mir ferner zureden. Diese seine verruchte Keckheit hat mich aber bei alledem so sehr verdrossen, daß ich fast darüber gestorben wäre und den Tag nicht ansehen mag. Dadurch habe ich mich auch veranlaßt gefunden, mich zu Bette zu legen. Ich flehe Euch daher von ganzem Herzen demütig an, mein Gemahl, einen so ruchlosen und verderblichen Menschen durchaus nicht mehr in Euerm Hause behalten zu wollen, weil er in der Ungewißheit, ob ich Euch sein Verbrechen offenbart habe, wohl noch gar irgendeine große gefährliche Missetat wider Eure Person unternehmen könnte. Denn wenn er sich nicht gescheut hat, Euer Haupt mit so schändlicher Schmach zu krönen und Euch zum Herrn von Hörnerheim zu machen, so könnt Ihr Euch wohl vorstellen, daß er auch keinen Anstand nehmen wird, wider Euer Leben Anschläge zu ersinnen. Ihr seid weise und wißt besser als ich, ob die Sache von Belang ist. Erteilt ihm also die gebührende Strafe für dieses ungeheure Vergehen!«

Hier schwieg das gottvergessene Weib und sank bitterlich weinend ihrem Gatten in die Arme. Er, der einerseits seine Frau zärtlich liebte und sich, wenn es so war, auf das schwerste von Carlo beleidigt hörte, den er immer für einen guten und getreuen Diener gehalten, weil er ihn in vielen Angelegenheiten als zuverlässig erprobt hatte, wußte keine Entscheidung zu fassen; er fühlte sich wie zwischen Amboß und Hammer, und verschiedene widerstreitende Gedanken bewegten ihn heftig. Sehr schwer fiel ihm zu glauben, daß Carlo einer solchen Bosheit fähig sei. Seine Gemahlin freilich klagte ihn fortwährend an, und er konnte nicht ahnen, zu welchem Zwecke sie ihm ein solches Märchen ersonnen hätte, so daß er äußerst schmerzlich erregt war. Wie sehr ihn aber auch sein Zorn und seine Wut antrieben, an Carlo herbe Rache zu nehmen, so gestattete ihm doch seine Klugheit nicht, blindlings dreinzufahren. Er nahm sich daher vor, Carlos Betragen sorgsam zu prüfen, um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. In sein Gemach zurückkehrend, schickte er einen seiner Kämmerlinge an Carlo aus, um ihm sagen zu lassen, er solle sich nicht erkühnen, zu ihm zu kommen, sondern auf seinem Zimmer warten, was weiter mit ihm geschehen werde. Der Herzog glaubte, wenn Carlo schuldig sei, werde er aus diesem Befehle gewiß erkennen, daß die Herzogin ihn verraten habe, und außer Landes eine sichere Zuflucht suchen. Umgekehrt war er fest überzeugt, wenn er unschuldig sei, so werde er vor allem die Ursache des Unwillens seines Herrn zu ergründen und sich zu rechtfertigen streben.

Carlo war über den unerwarteten ungnädigen Befehl so unaussprechlich niedergeschlagen und betrübt, daß ich es nicht ausdrücken kann; denn er war sich bewußt, in keiner Beziehung gegen seinen Herrn so gefehlt zu haben, daß er eine solche Zurechtweisung verdient hätte. Im Bewußtsein seiner Unschuld also und außerstande, den Grund sich einzubilden, warum ihn der Herzog vom Hofe verwiesen habe, besuchte er einen ihm befreundeten Höfling, erzählte ihm sein Mißgeschick und bat ihn, dem Herzoge gelegentlich einen Brief von ihm zuzustellen. Dessen Inhalt war die untertänige Bitte, der Herzog möge nicht auf verleumderische Berichte hin, die ihm etwa erstattet worden seien, glauben, daß er in Wort oder Tat ihn irgend beleidigt habe, sondern geruhen, sein gegebenes Urteil aufzuheben, bis er die Wahrheit der Sache klar einsehe; denn er habe nie den Gedanken gehabt, wider ihn sich auf irgendeine Weise zu vergehen, geschweige daß er sich wirklich vergangen habe. Carlos Freund ging hin und versah treulich den schuldigen Dienst und gab dem Herzog den Brief. Der Herzog las, was ihm Carlo schrieb, und entnahm aus dem Wunsche, sich zu rechtfertigen, mit Sicherheit seine Unschuld. Daher glaubte er, die Herzogin müsse wegen irgendeines Weibergrolls gegen Carlo aufgebracht sein. Der Wahrheit aber kam er nicht auf den Grund. Er befahl sodann Carlo, ihn zu einer Unterredung insgeheim aufzusuchen. Der unschuldige Carlo versäumte nicht, sich sogleich seinem Herrn vorzustellen. Sobald der Herzog ihn sah, sagte er, um desto besser sein Inneres zu erforschen, mit entrüstetem Aussehen und drohender, zorniger Stimme: »Carlo, Carlo, die Erziehung, die ich dir von Kindheit auf habe zuteil werden lassen, und die Wohltaten, die ich dir erwiesen habe, verdienen, sollte ich meinen, nicht, daß du dich bemühst, mich zu entehren, indem du meine Gemahlin zu schänden und mit mir meinen ganzen Stamm mit Schmach zu bedecken suchst. Hätte ich nach deinem Verdienste an dir gehandelt, so würdest du jetzt nicht mehr am Leben sein, sondern die Frucht deiner bösen Saaten geerntet haben. Allerdings bin ich sehr zweifelhaft, ob die Sache wirklich sich so verhält, wie sie mir berichtet worden ist.«

Carlo ward von diesen Worten durchaus nicht betroffen, sondern dankte dem Herzoge mit festem Mut dafür, daß er nicht übereilt gehandelt habe, und erbot sich, jedwede Prüfung seiner Unschuld zu bestehen; und wer ihn immer anklage, gegen den wolle er mit den Waffen in der Hand behaupten, daß er lüge; denn wo keine glaubwürdigen Zeugen seien, müsse man zum Beweise durch die Waffen seine Zuflucht nehmen.

»Der Ankläger«, erwiderte der Herzog, »führt keine anderen Waffen als seine unbefleckte Sittsamkeit; denn es ist meine Gemahlin, die mich auffordert, Rache an dir zu nehmen, da du die Frechheit gehabt habest, sie um Liebe anzugehen.«

Carlo ermaß zwar hiernach die innere Schlechtigkeit der Herzogin, wollte aber doch seinerseits nicht durch Auseinandersetzung der Sache, wie sie war, beim Herzog Klage gegen sie führen, sondern antwortete seinem Gebieter ehrfurchtsvoll, jedoch mit fester Stimme: »Mein erlauchter Herr, die gnädige Frau mag reden, was ihr beliebt; ich erlaube mir aber zu behaupten, daß sie sich meinetwegen in einem großen Irrtum befindet, und ich behaupte in diesem Punkte meine vollkommene Unschuld. Bedenkt selbst, mein gnädiger Herr, ob ich Euch jemals Ursache gegeben habe, mich in Verdacht zuziehen; oder ob jemand am Hofe ist, der mich hätte insgeheim mit ihr sprechen oder sie in ihrem Gemache besuchen sehen, wenn nicht Ihr selbst mich dahin geschickt habt. Das Feuer der Liebe läßt sich nimmermehr verbergen. Es muß sich notwendig auf irgendeine Weise Luft machen, ja, es verblendet die von ihm Ergriffenen dergestalt, daß es sie oft die größten und übermäßigsten Fehler begehen läßt, so daß groß und klein die Sache merkt. Darum, mein gnädiger Gebieter, bitte ich Euch demütig, mir zwei Dinge glauben zu wollen, deren vollständige Wahrheit Ihr einsehen werdet: einmal, daß ich Euch ein getreuer und ergebener Diener bin, der entschlossen ist, Euch aufrichtig zu dienen; und wenn die gnädige Frau die größte Schönheit der Welt wäre, würde die Liebe mit all ihrer Gewalt niemals imstande sein, mich in meiner Pflicht der Untertänigkeit gegen Euch wankend zu machen; sodann seid versichert, wenn sie auch nicht Eure Gemahlin wäre, so erscheint sie meinen Augen in einem Lichte, daß ich mich auf keine Weise dazu hergeben könnte, sie zu lieben, weil mein Blut von dem ihrigen viel zu sehr verschieden ist. Ich kenne viele andere Frauen, mit welchen ich leicht Vertraulichkeit schlösse, in der Ansicht, daß ihre Natur mit der meinigen mehr übereinstimmt!«

Der Herzog, dem es allzu schwer fiel, von Carlo in diesem Punkte übel zu denken, antwortete ihm: »Carlo, ich will dir in dem, was du hierüber aussagst, glauben. Darum geh hin und diene mir ferner, wie du es bisher gewohnt gewesen bist! Sei versichert, wenn ich mich überzeuge, daß die Sache so ist, so werde ich dich immer lieber und lieber gewinnen; wenn ich aber das Gegenteil erfahre, so bedenke, daß dein Leben in meinen Händen ist!«

Carlo dankte hierauf, so demütig er konnte, dem Herzog und versicherte ihm, jederzeit, wenn er von ihm strafbar erfunden würde, sich seinem Urteilsspruche zu unterwerfen. Die verräterische Herzogin aber, als sie Carlo nach wie vor seinen Dienst versehen und wieder in des Herzogs Gunst zurückgekehrt sah, war ganz toll vor Ingrimm und Bosheit und konnte es nicht ertragen, von ihrem Gemahl so sehr, wie sie meinte, mißachtet zu werden. Überwältigt von dem an ihr nagenden unerträglichen Ärger, der ihr keine Stunde mehr Ruhe ließ, brachte sie eines Nachts im Bette bei dem Herzog wieder die Rede auf Carlo und sagte: »Es würde Euch fürwahr ganz recht geschehen, mein Gemahl, wenn er Euch vergiftete, da Ihr Eurem tödlichsten Feinde mehr vertraut als der, die Euch hebt. Wißt Ihr nicht mehr, was ich Euch von dem Buben Carlo gesagt habe?«

Der Herzog erwiderte ihr darauffolgendes: »Meine teure Gattin, macht Euch darüber keine Gedanken! Ich versichere Euch, daß Carlo auf das härteste bestraft werden soll, sobald ich gefunden habe, daß er schuldig ist. Vorderhand aber haben mich die untrüglichsten Beweise von seiner Unschuld überzeugt. Was hätte ich auch mit ihm tun können, da kein sicherer Beweis vorlag und niemand gegen ihn zeugte? Es könnte ja sein, daß er manchmal ein Wort im Scherz zu Euch sprach, das Ihr ihm, eifersüchtig auf Euern Ruf und Eure Ehre, im entgegengesetzten Sinne deutetet. Indesssen fürchtet nicht: er soll seiner Strafe nicht entgehen, wofern er sie verdient. Er kann unmöglich diese Stadt verlassen, ohne daß ich es erfahre; denn ich habe ihm so viele Kundschafter zur Seite gegeben, daß er keinen Schritt tun kann, ohne daß ich davon unterrichtet werde.«

Die nichtswürdige Herzogin, die keinen andern Wunsch kannte, als Carlo zu verderben, und die ihm so unversöhnlich grollte, daß sie, um Carlo beide Augen verlieren zu sehen, gern eines der ihrigen aufgeopfert hätte, gab dem Herzog zur Antwort: »Bei meiner Treue, teurer Herr, Eure allzu große Güte macht die Schlechtigkeit dieses Sünders um so abscheulicher, je mehr Vertrauen Ihr in ihn setzt. Verlangt Ihr bei Gott noch größere Beweise der Schuld bei einem solchen Menschen, als die Euch sein bisher geführtes Leben selbst gibt? Der listige Bube wußte sich zu halten, daß nie jemand eine Handlung an ihm bemerken konnte, die ihn in irgendeine Frau oder ein Fräulein dieses Hofes verliebt gezeigt hätte. Ich muß notwendig glauben, und ich wünsche, daß Ihr auch des Glaubens wäret, mein teurer Herr, daß er ohne das hohe Unternehmen, mein Diener zu sein, das er sich albernerweise in den Kopf gesetzt hat, sich unmöglich so lange enthalten habe, hier oder anderswo Liebe zu suchen und diese seine Liebe so lange zu verbergen. Wann sah man in so guter Gesellschaft einen Mann, der ein so einsames, liebeloses Leben führte wie er? Er tut dies aber deswegen, weil er in seiner törichten Einbildung sein Herz auf hohe Minne gestellt zu haben meint; er weidete sich an dieser albernen, eiteln Hoffnung und dachte mich glauben zu machen, er sei ein treu ergebener Liebhaber und widme mir allein seine ganze Neigung. Aber wenn er irgend Einsicht hat, muß er einsehen, daß er falsch berechnet hat. Habt Ihr nun, mein Gemahl, so festes Vertrauen zu ihm, und haltet Ihr dafür, daß er Euch die Geheimnisse seines Herzens nicht verbergen darf, so nötigt ihn mit einem teuern Schwüre, Euch zu sagen, ob er liebt, und wer die Frau ist, die er liebt. Im Fall er eine Geliebte hat, bin ich einverstanden, daß Ihr ihm glaubt; wenn er aber nicht liebt, so seid versichert, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe!«

Dem Herzoge leuchteten die Gründe seiner Frau für diese Handlungsweise ein, und so rief er, als er sich eines Tages auf der Jagd befand, Carlo zu sich, entfernte sich mit ihm an einen Ort, wo sie von niemand gesehen werden konnten, und der Herzog sprach zu Carlo: »Carlo, meine Gemahlin beharrt auf ihrer Meinung in bezug auf dich und hat mir dafür einige nicht unwahrscheinliche Gründe angeführt, die mich fast geneigt machen, das Üble zu glauben, was sie mir dieser Tage von dir gesagt hat. Ich bitte dich also gegenwärtig als meinen Freund und gebiete dir auf das strengste als meinem Untertan und Dienstmann, mir zu gestehen, ob du hier oder anderwärts irgendeine Frau liebst, und wer die ist, die du liebst?«

Obwohl nun Carlo vorher fest entschlossen war, nie jemand seine Liebe zu offenbaren, so erwiderte er doch, von seinem Gebieter dazu gezwungen, teils um ihn seiner falschen Eifersucht zu entheben, teils um sich den weitern Verfolgungen der bösen Herzogin zu entziehen: »Gnädiger Herr, Ihr drängt mich, etwas zu tun, was mein Tod sein wird.«

Er beteuerte ihm mit einem Schwüre, daß er in der Tat eine Dame liebe, derengleichen an Anmut, guter Erziehung und Sittenreinheit keine zu finden sei, ohne alle Ausnahme. »An Schönheit sodann, an Freundlichkeit, bin ich fest überzeugt, daß in ganz Frankreich keine es ihr zugleich tun kann. Ich sage noch mehr: selbst die Herzogin ist im Vergleich mit ihr durchaus nicht mehr schön. Ich bitte Euch aber auf das demütigste und ersuche Euch, aus besonderer Gnade mich nicht zu nötigen, ihren Namen zu nennen; denn wir verpflichteten uns gegenseitig mit den heiligsten Schwüren vor den glorreichen Bildern unseres Herrn Jesu Christi und der Himmelskönigin, der Jungfrau Maria, seiner Mutter, nicht anders als mit beiderseitiger Zustimmung irgendeinem Menschen den uns vereinigenden unauflöslichen Bund zu offenbaren.«

Der Herzog ließ sich an dieser Auskunft genügen und versprach ihm, ihn nicht zu zwingen, zu gestehen, wer es sei, und war auch von der Zeit an gegen Carlo freundlicher als je. Das Teufelsweib, die Herzogin, aber, da sie alle ihre Lügen und Betrügereien nichts fruchten sah, war in Wort und Tat nicht ruhig und bestürmte Tag und Nacht die Ohren des Herzogs mit Bitten, Carlo zur Nennung seiner Geliebten zu zwingen, indem sie behauptete, es seien nichts als Erfindungen, um seine Verworfenheit zu verstecken, und wenn er sie nicht nenne, so schenke sie all dem Geschwätz Carlos keinen Glauben. Als daher der Herzog einige Zeit darauf in seinem Garten spazierenging, rief er, genötigt durch das unaufhörliche über lästige Treiben der Schlangenzunge seiner verbrecherischen Gattin, Carlo zu sich und sagte zu ihm: »Ich finde vor meiner Gemahlin deinetwegen keine Ruhe mehr. Sie bringt mich noch ums Leben mit ihrer fortwährenden Anklage, daß du mich hintergehest, weil du mir den Namen deiner Dame nicht nennen wollest. Wenn dir also daran gelegen ist, daß ich diese Pein endlich loswerde und zur Ruhe komme, so mußt du mir ihren Namen anvertrauen.«

Carlo, von diesen Worten ganz betäubt, sagte ihm, in bittere Tränen ausbrechend: »Wenn wir an einem Orte wären, gnädiger Herr, wo uns niemand sähe, würde ich mich Euch zu Füßen werfen und Euch untertänigst anflehen, wie ich jetzt von ganzem Herzen tue, mich nicht zum Verrat meiner Dame und zu einer solchen Untreue gegen diejenige zu zwingen, die ich schon über sieben Jahre liebe und anbete, und die ich bisher immer unserer beschworenen Übereinkunft gemäß vor jedem verborgen gehalten habe. Ich würde daher lieber sterben, als diese Treulosigkeit an ihr begehen, da es keinen Zweifel erleidet, daß mir in einer Stunde verlorenginge, was ich allmählich in so vielen Jahren erst erworben habe.«

Als der Herzog so vielen Widerstand sah, geriet er in die heftigste Eifersucht und befürchtete, es möchten alle die böswilligen Einflüsterungen seiner Gemahlin gegründet sein. Mit finsterem Angesichte und voll Zorn sagte er also: »Du hast unter den beiden Vorschlägen, die ich dir jetzt tun werde, zu wählen, Carlo! Entweder du nennst mir die Dame, die du liebst, oder du bist auf immerdar aus meinen Staaten verbannt. Ich gebe dir acht Tage Zeit, um deine Angelegenheiten zu ordnen. Wirst du jedoch nach Ablauf dieser Frist noch auf meinem Gebiete betroffen, so fällst du der grausamsten Todesstrafe anheim.«

Wenn jemals eine herbe Pein und ein wilder Schmerz das Herz eines getreuen, echten und redlichen Liebhabers zerriß, so war es der, der wie ein scharfes Messer die Seele des armen, unglücklichen Carlo durchschnitt; denn er wußte, wenn er den Namen seiner teuern Geliebten enthülle und dies je wieder bekannt werde, so müsse dies ganz sicher ihren Untergang zur Folge haben; wenn er aber nichts sagte, so sah er sich aus dem Lande und der Gegend verbannt, wo sie wohnte, und ohne Hoffnung, sie je wiederzusehen. Dieser verzweifelte Wechselfall brachte ihn fast einer Ohnmacht nahe, und es trat ein eiskalter Schweiß ihm auf die Stirn. Wie der Herzog ihn so verwandelt und eher einem Marmorbilde als einem lebendigen Menschen ähnlich sah, kam er auf die Meinung, Carlo liebe doch keine andere als die Herzogin. Daher sprach er zu ihm in bitterem Unwillen und Groll: »Carlo, Carlo, wäre deine Geliebte eine andere als meine Frau, du zaudertest fürwahr nicht so lange, sie zu nennen. Mir scheint es aber, deine Schelmerei verwirrt dich.«

Carlo, der den Herzog unendlich mehr als sich selbst liebte, war von diesen Worten schwer betroffen und tief verletzt, und er beschloß, ihm seine Geliebte zu nennen, im Vertrauen auf die Redlichkeit und den Edelsinn des Herzogs und weil er gewiß zu sein glaubte, daß er es nicht weitersagen werde. Nachdem er dies überlegt hatte, sagte er zu ihm: »Mein Gebieter, die große Verbindlichkeit, die ich gegen Euch habe und nicht außer acht lasse, für die vielfachen von Euch empfangenen Wohltaten und die Liebe, die ich für Euch hege, mehr als die Furcht vor tausend Toden bewegen mich, da ich Euch durch einen Irrwahn in die verheerende Krankheit der Eifersucht verfallen sehe, um Euch jeden Verdacht zu nehmen und meine Unschuld an den Tag zu geben, zu einem Schritte, den mir alle Foltern der Welt nie abgenötigt hätten; ich bitte Euch aber, mein teuerster Gebieter, mir bei der Ehre Gottes zu versprechen und auf Euer Wort als echter Fürst und gläubiger Christ zu schwören, das Geheimnis, das ich Euch nun enthüllen werde, niemand auf der Welt und in keiner Weise zu offenbaren, vielmehr es immerdar in Eurer Brust verschlossen zu halten.«

Der Herzog schwur nun bei allem Heiligen, was ihm einfiel, und rief Gott und den himmlischen Hof zu Zeugen, daß, was Carlo ihm sagen werde, niemandem durch Wort, Schrift, Wink oder anderswie geoffenbart werden solle, und legte einen körperlichen Eid darüber auf das Kreuz seines Degengefäßes ab. Sobald Carlo dieses Versprechen hatte und da er dem Worte eines so tugendhaften Fürsten, wie er den Herzog kannte, sicher traute, fing er an, ihm die Geschichte seiner bis dahin ganz geheimen und glücklichen Liebe in folgender Weise zu erzählen.

»Mein durchlauchtiger Herr«, sagte er, »es sind sieben Jahre vorüber, daß ich zum ersten Male die angeborene unglaubliche und anmutreiche Schönheit der Frau von Vergy sah, Eurer leiblichen, eben damals verwitweten Nichte, und ich fühlte mich gedrungen zu versuchen, ob ich ihre Gunst erwerben könne. Im Gefühle meiner Niedrigkeit und ihrer Größe bestrebte ich mich, ihr untertäniger Diener zu sein, und begnügte mich mit dem Wunsche, daß sie meine Dienste annehme und sich meine Liebe gefallen lasse. Ihre Güte würdigte mich nicht nur dieses Glücks, sondern nahm mich sogar zum Gatten. Und so hat unsere Liebe Gott sei Dank bis jetzt zu unserer größten Befriedigung, wie man sich nur denken kann, tief im verborgenen gedauert und außer Gott nie jemand davon eine Ahnung gehabt. Ihr, mein Gebieter, seid der erste, dem ich es jetzt offenbare, in dessen Hände ich nach der zwischen ihr und mir beschworenen Übereinkunft mein Leben und meinen Tod lege, wie ich schon sagte, weshalb ich Euch denn jetzt nochmals auf das allerinständigste bitte, es geheimzuhalten und diese Eure Nichte darum nicht geringer zu schätzen, weil sie in zweiter Ehe ihren Stand verleugnet hat. Ihr kennt ja die Sitte dieses Landes, wonach eine Frau, wäre sie auch in erster Ehe Königin gewesen, wenn sie sich zum andern Male vermählen will, jeden Edelmann heiraten kann ohne Tadel. Darum bitte ich Euch, gnädiger Herr, geruhet sie in der Stellung als Eure Nichte fortan zu erhalten wie bisher, mich aber als Euern getreuen Diener, der ich bin und immer sein werde!«

Dem Herzoge mißfiel um seiner Liebe zu Carlo willen diese Ehe nicht, und er wußte auch, daß bei der wunderbaren Schönheit seiner Nichte die Herzogin sich allerdings mit ihr nicht vergleichen könne. Höchst seltsam wollte es ihn aber bedünken, daß eine so wichtige Angelegenheit ohne Beihilfe oder Vermittelung irgendeines Menschen zu Ende geführt worden sei. Er bat daher Carlo, ihm zu eröffnen, wie er ein so schönes Unternehmen für sich allein ausgeführt habe, und Carlo befriedigte seine Neugier folgendergestalt: »Nachdem zwischen der gnädigen Frau und mir ohne Mitwissen irgendeines Menschen beschlossen worden war, das Band der Ehe zwischen uns zu schließen, befahl sie mir, in der folgenden Nacht zu einer bestimmten Stunde ganz allein in ihren herrlichen Garten zu kommen, der, wie Ihr wißt, ganz in der Nähe ist, und gab mir die Tür an, durch die ich in denselben eintreten könne. Ihr Gemach hat ein kleines Pförtchen, das in den Garten führt. Sobald ihre Frauen sich von ihr entfernt haben, öffnet sie ganz leise diese Pforte und schickt ihr Schoßhündchen hinaus, das im Garten zu bellen anfing. Ich, der ich zwischen den Gebüschen versteckt war, schlich, sobald ich das Bellen hörte, ganz leise in das Zimmer, wo ich bei der ersten Zusammenkunft ihrem Willen gemäß sie als Frau heiratete unter den schon angegebenen Verabredungen, diese Ehe nicht ohne ihre Einwilligung zu veröffentlichen. Wir legten uns sodann zu Bett und vollzogen mit großer Freude die heilige Ehe, verabredeten auch, wie ich mich in Zukunft zu verhalten habe. Und so habe ich nie versäumt, ihr zu gehorchen, außer die wenigen Male, wo Ihr meine Dienste in Anspruch nahmt und ich deshalb genötigt war, zurückzubleiben. Eine Stunde vor der Morgenröte stahl ich mich jedesmal wieder von ihr hinweg.«

Der Herzog, der zu den neugierigen Männern auf Erden gehörte und, wiewohl er in seiner Jugend mannigfache Liebesabenteuer gehabt hatte, diese Geschichte doch für die seltsamste hielt, die er jemals vernommen, und meinte, etwas Ähnliches könne gar nie vorgekommen sein, bat Carlo dringend, das nächstemal, wo er wieder in den Garten gehe, ihn nicht als seinen Fürsten und Herzog, sondern als seinen Begleiter mitzunehmen. Carlo versprach es ihm und setzte hinzu, er müsse schon heute abend hingehen; worüber der Herzog sich äußerst erfreut zeigte. Der Herzog ließ nun insgeheim in Carlos Wohnung zwei Pferde bereithalten, und als die Stunde kam, stiegen die beiden auf und machten sich von Argilli, wo der Herzog damals sich aufhielt, nach dem Garten auf den Weg. In kurzer Zeit daselbst angelangt, ließen sie ihre beiden Rosse außerhalb desselben an einem sicheren Orte und traten dann an der bezeichneten Stelle in den Garten selbst. Nach dem Eintritt ließ Carlo den Herzog hinter eine alte, sehr dicke Eiche stellen, wo er spähen und alles deutlich sehen konnte, um sich vollständig zu überzeugen, daß er ihm die Wahrheit gesagt habe. Und sie mußten nicht lange warten, bis das treue Hündchen kam und zu bellen anfing. Carlo ließ nunmehr den Herzog allein und ging zu dem Turme, in dem das Gemach seiner Geliebten war, die ihm entgegenkam, ihn umarmte und grüßte und zu ihm sagte, es scheinen ihr hundert Jahre, seit sie ihn nicht gesehen habe. Sie gingen dann einander umhalsend nach dem Turm, schlössen die Tür, traten in die Kammer und waren darauf bedacht, ihre Liebesglut zu dämpfen.

Es war eine ziemlich helle Nacht: denn der silberne Mond, wiewohl zuweilen von einigen Wölkchen verdeckt, sendete doch seine Strahlen da und dort durch die Wolken hin. Der Herzog konnte deshalb deutlich seine Nichte erkennen, sah alles und hatte auch ihre Worte vernommen, so daß er vollkommen befriedigt war und Carlo für einen der glücklichsten Edelleute in Burgund ansah. Carlo brachte eine, geraume Weile bei seiner Gemahlin zu und beschloß endlich vor der Zeit aufzubrechen, um den Herzog nicht allzu lange warten zu lassen. Er nahm daher Abschied und sagte zu seiner Dame, er müsse vor Tag zu früher Stunde in des Herzogs Gemache sein, denn dieser habe ihm dies befohlen. Sie wollte ihn nach ihrer Gewohnheit bis zum Ausgang des Gartens begleiten; er gab es aber nicht zu und machte, daß sie zurückblieb. Er suchte sodann den Herzog auf; sie gingen hinaus, stiegen zu Pferde und kehrten in die Burg Argilli zurück.

Während des Heimreitens versicherte der Herzog Carlo von neuem, seine glückliche Liebe immer geheimzuhalten, und wenn er ihn schon bisher liebte, so hielt er ihn nun, da er ihm so nahe verwandt geworden war, um so mehr wert, so daß Carlo am Hofe bei dem Herzog der erste Günstling ward. Als die verruchte, vom Teufel besessene Herzogin dies sah, wollte sie ganz verzweifeln und vor Zorn und Wut rasend werden, und sie meinte, nicht mehr leben zu können, wenn sie nicht Carlos Tod gesehen habe, und beklagte sich oft über ihn bei dem Herzog. Er durchschaute indes ihre bösen Absichten klar genug und untersagte ihr ausdrücklich, über diesen Gegenstand ein Wort noch bei ihm fallen zu lassen: denn er habe den handgreiflichsten Beweis, daß Carlos Freundin viel schöner und liebenswürdiger sei als sie. Dieser Ausspruch war denn freilich vollends das Beil und die Axt, die dem Herzen der bösen Herzogin die tiefste und unheilbarste Wunde schlug, so daß sie eine schlimmere Krankheit befiel als das Zehrfieber. Der Herzog besuchte sie, um zu hören, was ihr fehle; die Ärzte versicherten jedoch, kein Zeichen von Krankheit an ihr zu entdecken außer einer gewissen Unbehaglichkeit, die aus einem nicht zu befriedigenden Gelüste entstanden sein möge. Da der Herzog die Ursache wußte, redete er ihr tröstend zu. Aber alles war umsonst, wenn sie nicht den Namen von Carlos Freundin erfuhr. Sie zwang daher den Herzog auf das zudringlichste, ihr zu offenbaren, wer diese vortreffliche Dame sei. Der Herzog ging sehr erzürnt weg und sagte: »Mein liebes Weib, laßt diese Reden bleiben und sprecht mir nicht mehr davon: denn ich versichere Euch, wenn Ihr mich noch mehr damit beunruhigt, so trennen wir uns: ich komme nicht mehr in Euer Zimmer, und Ihr sollt keinen Fuß mehr in das meinige setzen!«

Damit ging er weg und ließ seine Frau unwillig zurück, daß sie sich etwas so bestimmt abgeschlagen sah, was sie so sehr zu erfahren wünschte. Nach einigen Tagen nahm das Unwohlsein der Herzogin zu mit vielen verschiedenen Anfällen, Beengungen, kalten Schweißen und Ohnmächten, und ihre Lust, zu erfahren, was sie wünschte, steigerte sich mehr und mehr. Da nun der Herzog meinte, sie sei in gesegneten Umständen, ging er aus Furcht, es möchte schlimm mit ihr gehen und eine zu frühe Niederkunft erfolgen, da er über alles wünschte, Kinder zu bekommen, des Nachts zu ihr, schlief bei ihr und liebkoste sie aufs zärtlichste, um sie zu trösten. Trotz dem Verbote des Herzogs kam sie aber immer wieder darauf zurück, ihn zu versuchen, ob sie nicht erfahren könne, wer Carlos Geliebte sei. Es ist doch etwas Arges (verzeiht mir, gnädige Frau und ihr andern Damen!), daß in der Regel, wenn eine Frau sich in den Kopf gesetzt hat, etwas von ihrem Gatten zu wollen, sie am Ende so viel Mittel und Künste der Überredung zu finden weiß, daß sie trotz dem Manne ihren Zweck erreicht, so daß er recht eigentlich mit Gewalt gezwungen wird, ihr nachzugeben, so ungern er es auch tut. Nach verschiedenen Gesprächen also zwischen den beiden, da der Herzog Carlos Dame nicht nennen wollte, fing sie an zu weinen und sagte nach tausend heißen Seufzern: »Ach, mein lieber Herr, welche Hoffnung kann ich auf Euch setzen, daß um meinetwillen etwas geschähe, was mit großer Schwierigkeit verbunden wäre, nachdem Ihr etwas so Leichtes und Unbedeutendes zu tun mir verweigert! Ihr nehmt mehr Rücksicht auf Euern elenden Diener als auf mich. Ich war bisher, und wohl der Vernunft gemäß, der Meinung, eins mit Euch zu sein; aber ich habe mich schwer getäuscht: denn Ihr wollt mir nicht einmal eine so winzige Gunst erzeigen, um die ich so inständig gebeten habe. Ihr habt mir doch oft und viel Geheimnisse vom größten Gewicht anvertraut, und niemals habe ich eines ausgeplaudert. Wenn Ihr auch geschworen habt, dieses nie zu sagen, so dürft Ihr versichert sein, damit, daß Ihr es mir sagt, Euern Schwur durchaus nicht zu verletzen: denn Ihr sagt es ja Euch selbst, da Ihr und ich eine und dieselbe Person sind, zwei Seelen und ein Fleisch. Ich bin in der Hoffnung von Euch... (Darin log sie, denn sie war gar nicht schwanger). Ich denke, Ihr wollet nicht, daß ich und die Frucht, die ich unter dem Herzen trage, zugrunde gehen. Der Mangel an Liebe, den Ihr mir jetzt beweist, zehrt mich aber allmählich ganz in meiner Schwermut auf.«

Der Herzog glaubte in der Tat an ihre Schwangerschaft und fürchtete sich vor ihrem und des erhofften Erben möglichem Verluste so sehr, daß er sie zu befriedigen und ihre Neugier zu stillen beschloß. Zuvor redete er sie jedoch noch einmal mit strengem Angesicht und fester Stimme folgendermaßen an: »Ihr seid das hartnäckigste Weib auf dieser Welt. Ihr seht doch, welchen Widerwillen ich bisher fortwährend geäußert habe, Euch das Geheimnis zu offenbaren; aber trotzdem und meinem Willen völlig entgegen wollt Ihr durchaus es mir entreißen. Ich gelobe Euch nun aber vor Gott und schwöre Euch bei der Taufe, die ich empfangen habe, und bei Fürstenwort: wenn Ihr je, was ich Euch jetzt sage, durch Wort, Schrift oder Gebärde andeutet, so schneide ich Euch ohne Erbarmen mit eigener Hand die Kehle durch. Und merkt Euch das wohl, denn bei Gott, Ihr sollt keines andern Todes sterben, als durch meine Hand!«

Verblendet von ihrer zügellosen Begierde, das Geheimnis zu erfahren, ging die Herzogin unbedenklich diese Bedingung ein. Darauf erzählte ihr dann der Herzog die ganze Geschichte Carlos von Vaudrai und der Frau von Vergy. Die Familie Vaudrai ist in Burgund sehr alt und von gutem Adel und besitzt viele Burgen; Adrian aber, Carlos Vater, hatte fast alle Güter verschwendet, und Carlo blieb nur noch ein einziges kleines Schloß zu eigen. Als die verruchte Herzogin diese erhabene Geschichte hörte, tat sie, als wäre ihr die Sache äußerst lieb; doch verbarg sie aus Furcht vor dem Herzoge in ihrem Herzen ihren wilden Schmerz der Eifersucht und des Grolls.

Nach Verlauf einiger Tage geschah es, daß der Herzog ein großes Fest ansagen und alle Damen und Edelfrauen der Gegend zu einem achttägigen großen Hoflager einladen ließ. Unter vielen andern Frauen und Fräulein kam dahin auch die Frau von Vergy. Wie nun eines Tages getanzt ward und eben viele Frauen und Fräulein um die Herzogin herum saßen, nahm diese in ihrer höchst gereizten, über Carlo ärgerlichen Stimmung die unvergleichliche und wunderbare Schönheit der Frau von Vergy wahr und fing mit diesem Kreise von Liebe zu reden an, worüber jede der Damen ihre Meinung sagte. Da sie aber sah, daß die Frau von Vergy nur den andern zuhörte und nichts sprach, wandte sie sich plötzlich an sie mit einem von der äußersten Eifersucht erfüllten Herzen und fragte: »Und Ihr, schöne Nichte? Ist es möglich, daß diese Eure große Schönheit ohne Freund und Diener ist?«

Die Frau von Vergy erwiderte mit der größten Anmut ehrerbietig: »Frau Herzogin, meine Schönheit, wie sie eben ist, hat mir noch keinen Freund und Diener zugeführt.«

Von Neid und Eifersucht berstend, warf die Herzogin bei diesen Worten verächtlich den Kopf empor und sagte: »Schöne Nichte, schöne Nichte, ich muß Euch sagen, daß es in der Welt keine so verborgene Liebe gibt, die nicht am Ende an das Tageslicht gezogen würde, und auch kein so meisterlich abgerichtetes und gezogenes Hündchen, dessen Bellen zu rechter Zeit sich nicht auf die Dauer vernehmen ließe.«

Ihr mögt Euch vorstellen, erlauchte Frau, und ihr, liebenswürdige Frauen und edle Herren, wie groß der Schmerz und die entsetzliche Bedrängnis war, die das Herz der unglücklichen Frau von Vergy befiel, als sie diesen so lange verborgen gehaltenen Umstand nun entdeckt sah. Sie meinte aus einer Äußerung, die Carlo früher über die Herzogin getan, er sei in der Tat in diese verliebt und habe ihr deshalb den Umstand mit dem Hündchen mitgeteilt. Dies quälte sie über alles; denn ihr Herz ward von dem kalten fressenden Wurm der verpesteten Eifersucht zernagt. Und wiewohl sie vor Schmerz ihre Kräfte schwinden fühlte, so blieb doch ihre Kraft ausdauernd und stark genug, um die Leidenschaften und Schmerzen ihres Innern zu unterdrücken und mit fast lachendem Mute der Herzogin zu antworten, sie verstehe sich nicht auf die Sprache der Tiere. Es war unter den die Herzogin umgebenden Frauen keine einzige, die diese Anspielung auf das Bellen des Hundes verstanden hätte. Die Frau von Vergy blieb noch eine Weile; dann stand sie auf und begab sich, äußerst betrübt und von unendlichem Kummer erfüllt, in das Gemach des Herzogs, und aus diesem trat sie in das, das man ihr zur Wohnung eingerichtet hatte. Der Herzog schritt auf und ab, sah seine Nichte in das Gemach eintreten und meinte, sie habe irgend etwas daselbst zu besorgen. Als nun die Unglückliche ihr Zimmer erreicht hatte, warf sie sich, ohne die Tür zu verschließen, in der Meinung, allein zu sein, wie mit einem Male aller Kräfte beraubt, auf ihr Bett. Es hatte sich jedoch zwischen den Bettvorhängen und der Wand eine Zofe verborgen, um zu schlafen; diese vernahm das Geräusch des Hinsinkens der unglücklichen Dame auf ihr Bett, erhob ein wenig den Vorhang und erkannte nun die Dame; allein sie wagte nichts zu sagen, sondern blieb ganz ruhig.

Die Dame ließ ihren bitteren Tränen freien Lauf und suchte ihren herben Schmerz dadurch zu dämpfen, daß sie mit schwacher Stimme sprach: »Ach, ich Unglückliche! Welche Worte habe ich gehört? Sie sind mir der bestimmte Spruch des Todesurteils. So ist mir denn das Ende eines bisher so glücklichen, jetzt höchst unseligen Lebens genaht! O du, wie kein anderer je von einem Weibe Geliebter! Ist das der Lohn, ist das die Vergeltung meiner sittsamen, keuschen und tugendhaften Liebe? Ach, mein Herz, wie konntest du je eine so verderbliche, unüberlegte Wahl treffen, den Pflichtvergessensten und Treulosesten für den Getreuesten, den Lügenhaftesten und Doppelzüngigsten für den Wahrhaftesten und Offensten, den eitelsten Schwätzer und Plauderer für den verschwiegensten Mann zu halten? Ach, ist es möglich, daß eine den Augen der ganzen Welt verheimlichte Sache der Herzogin bekannt worden ist? Ach, mein getreues Hündchen, du gut abgerichteter Mitwisser meiner schamhaften Liebe, du bist es gewiß nicht gewesen, der sie veröffentlicht hat. Wer ist aber sonst der Verräter? Wer hat das Geheimnis entdeckt, um sich zu rühmen? Einer, der eine viel lautere Stimme hat als du, mein vertrautestes Hündchen, und ein viel undankbareres Herz als alle Tiere der Welt. Er war es, der gegen seinen Eid, gegen das beschworene Versprechen, gegen das verpfändete Wort, gegen den Adel seines Blutes das einst so selige Leben geoffenbart hat, das wir, ohne jemand zu beleidigen, lange glücklich zusammen geführt haben. Oh, mein Freund, dem ich mit einer so tief in mein Herz gewurzelten Liebe zugetan war, daß diese allein mein Leben erhielt, – muß ich Euch gegenwärtig nicht für meinen grausamsten und tödlichsten Feind ansehen, nachdem Eure Ehre wie Staub im Winde zu Eurer immerwährenden Schande verflüchtigt ist? Mein Leben geht zu Ende, da es so nicht mehr dauern kann. Mein Körper möge der Erde zurückgegeben werden und meine Seele dahin eilen, wohin es Gott gefällt, um entweder als auserwählt der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden oder als verdammt in den Flammenpfuhl des höllischen Feuers zu versinken! Aber sage mir nur, du Wortbrüchiger, sage mir, du Undankbarster und Ungetreuester von allen Undankbarsten, ist die Schönheit und sind die Reize der Herzogin in der Tat so vortrefflich, daß sie dich verwandelt haben, wie Circe mit ihren Zaubersprüchen die Menschen in verschiedene Tiere, Bäume und Steine umgestaltete? Hat sie dich aus einem tugendhaften Manne zur Arche aller Laster verkehrt? aus einem guten zum schlimmen? aus einem Menschen zum grausamsten Tiere? O mein falscher Freund, wenn du mir auch dein Versprechen und dein beschworenes Wort verletzt hast, so will ich dir nichtsdestoweniger das halten, was ich dir versprochen habe, nicht mehr leben zu wollen, wenn du unsere Liebe ausplauderst. Aber weil ich ohne deinen Anblick nicht zu leben wüßte noch vermöchte, würde ich gerne, wäre nicht die Furcht vor der ewigen Verdammnis, mir mit eigener Hand den Tod geben, um dich vollkommen zufriedenzustellen. Aber mit dem tiefen Schmerz, der allmählich mein Herz angreift, will ich mich vertragen; denn ich fühle, daß er in kurzem den Faden meines geplagten Lebens abschneiden wird. Gegen diesen heilsamen Schmerz will ich mich nach keiner Arznei umsehen, weder durch Vernunftgründe noch durch ärztliche Mittel. Der Tod allein kann das alles enden, und ich will ihn weit lieber freiwillig eingehen, als ohne Liebe und Zufriedenheit am Leben bleiben. Ach, du trügerisches Geschick, das andere um ihren Besitz beneidet, welchen bösen Lohn hast du meinen Verdiensten gegeben! Ach, Herzogin, welche Freude konntet Ihr daran haben, Euch über mich lustig zu machen und, ohne daß ich Euch je ein Leids tat, mir so an öffentlichem Orte zu sagen, was Euch gutdünkt! So freuet Euch denn des Gutes, das nur mir gehörte und niemand sonst! Spottet über die, welche sich einredete, frei zu sein von jedem Spotte, wenn sie ihre Angelegenheiten verheimliche und tugendhaft Hebe! Aber der Scherz mit dem Bellen, wehe mir!, hat mir das Herz getroffen: ich mußte erröten im Gesichte und erblassen vor Eifersucht. Ach, mein armes Herz, ich fühle deutlich, daß du nicht mehr am Leben bleiben kannst. Die schlecht erkannte Liebe versengt dich, die Eifersucht und erlittene Unbill macht dich erstarren und zerspaltet dich, und die Beleidigung nebst dem unendlichen Schmerz, den ich dulde, erlaubt mir nicht, dir etwelchen Trost zu reichen: denn ich bin die trostloseste Frau, die je geboren ward. Ach, meine arme, unglückliche Seele, die du aus allzu großer Liebe, ja Anbetung eines Geschöpfes deinen eigenen Schöpfer vergessen hast, du mußt nun mit wahrhafter Reue und Zerknirschung über deine Sünden zu der unermeßlichen Barmherzigkeit deines Schöpfers deine Zuflucht nehmen, den du um deiner eiteln Liebe willen fast verleugnet hast. Sei voll Zuversicht, meine Seele, daß, wenn du dich mit Reue über deine vergangenen Irrtümer ihm zuwendest, du ganz sicherlich einen bessern und liebevolleren Vater finden wirst, als ich einen guten und treuen Freund an dem gefunden habe, um dessenwillen ich ihn gar oft beleidigte! Ach, mein Gott und Schöpfer, der du die wahre und vollkommene Liebe bist, um dessen Gnade willen ich bei der Liebe, die ich für meinen Gatten hegte, keinen Fehler begangen habe, als daß ich den zu sehr liebte, den ich nicht heben sollte, und daß ich gegen die Kirchengesetze die Ehe verborgen hielt, – ich bitte demütig um dein gnädiges Erbarmen und deine verzeihende Liebe, vermöge deren du deinen eingeborenen Sohn gesandt hast, das Fleisch der Menschen anzunehmen und den bittern, schimpflichen Tod zu erdulden, um das Menschengeschlecht zu erlösen, – ich bitte dich wieder und wieder, o Herr, nach deiner Gnade die Seele derjenigen aufzunehmen, die schmerzvoll und reuig, dich beleidigt und deine Gebote nicht gehalten zu haben, ihre Schuld bekennt. Ich flehe dich nochmals demütig an, o Herr, bei den Verdiensten deines Sohnes, meinen lieblosen, ungetreuen und undankbaren Gatten seine Verirrung gegen mich erkennen zu lassen.«

Die unselige Frau wollte noch weiterreden; aber sie wurde ohnmächtig und so verändert im Gesicht, daß sie einem Marmorbild ähnlich wurde. Derweil sie noch so schmerzlich und kläglich jammerte und fast außer sich über Carlo sich beschwerte, trat dieser selbst in den Saal und, da er hier seine Geliebte nicht fand, in das Gemach, in dem der Herzog auf und ab ging. Sobald dieser Carlos ansichtig wurde, dachte er sich gleich, daß er seine Gemahlin suche, trat daher zu ihm und sagte ihm leise ins Ohr: »Sie ist in ihrer Kammer. Sie scheint mir etwas unwohl.«

Carlo ging mit des Herzogs Erlaubnis in das Zimmer in dem Augenblicke, wo sie ihre Klage geendet hatte und in tödlicher Bangigkeit ohnmächtig und halbtot dalag. Als Carlo sie auf diese Weise mehr tot als lebendig fand, war er aus der Maßen betrübt, nahm sie, so sanft er konnte, in die Arme und sprach bitterlich weinend: »Ach, meine Gebieterin, welch ein seltsamer Zufall ist das? Wollt Ihr uns so plötzlich verlassen?«

Als die unglückliche Frau die Stimme des Gatten vernahm, die sie nur allzu gut kannte, gewann sie wieder einige Lebenskraft, schlug ihre matten Augen auf und heftete sie Jammer voll auf das Gesicht des Gatten, als wollte sie sich über ihn beklagen, daß er ihre Liebe geoffenbart habe; sie vermochte aber kein Wort hervorzubringen, stieß einen tiefen Seufzer aus und gab in den Armen ihres Geliebten und Gatten ihren Geist ihrem Schöpfer zurück.

Die Zofe war mittlerweile hinter dem Vorhang hervorgetreten, und Carlo fragte sie, was denn der Dame gefehlt habe. Sie wußte nichts zu sagen, als daß sie ihm die große jämmerliche Klage erzählte, die sie so rührend ausgestoßen hatte. Der unglückliche Carlo erkannte daraus deutlich, daß der Herzog der Herzogin das Geheimnis seiner Liebe mitgeteilt habe. Da erfaßte ihn ein so heftiger Schmerz, und eine so peinvolle Angst umnachtete ihm das Herz, daß ich gar nicht weiß, wie er am Leben bleiben konnte. Er preßte daher wieder den Leichnam seiner geliebten Frau krampfhaft in seine Arme unter reichlichem Erguß seiner bittern Tränen und sagte, ihr blasses Gesicht fortwährend badend, zu ihr: »Wehe mir, Verräter, der ich war, ich schnöder, verbrecherischer Meineidiger, der jede Strafe verdient, ich unseligster Mensch, der je gewesen, warum ist die Strafe meiner Sünde nicht auf mich gefallen statt auf dieses völlig unschuldige Weib, das das längste Leben verdient hätte? Wehe mir, Herr und Gott, warum hast du erlaubt, daß diese die Strafe für anderer Menschen Sünde dulde? Warum unterließ der Himmel, mich zu zerschmettern mit seinen brennenden Pfeilen in jener verhängnisschweren verfluchten Stunde, wo sich meine Zunge vermaß, das Geheimnis unserer tugendhaften Liebe zu entweihen, die in Wahrheit eines glücklicheren Endes wert war? Warum tat sich damals nicht die Erde auf, um mich zu verschlingen, ehe ich die beschworene Treue brach? Ich, ich hätte augenblicklich versinken und hinabgeschleudert werden sollen bis zum Mittelpunkt der Erde. Ach, du böse Schlangenzunge, du verdienst wohl in den tiefen Abgrund der Hölle verstoßen zu werden zu jenem reichen Prasser und nie mehr Erfrischung zu finden! Ha, du mein verbrecherisches Herz, das allzusehr den Tod oder die beständige Verbannung fürchtet, warum wirst du nicht die unsterbliche Speise eines hungrigen Adlers, wie das des Prometheus, oder, wie die Leber des Tityus, zernagt von einem heftigen gefräßigen Geier? Ach, meine Geliebte, das größte Unglück, das je unter den Sternen widerfuhr, ist mir geschehen und hat mich von unsäglicher Wonne in das äußerste und unaufhörliche Elend geschleudert! Während ich glaubte, Euch zu gewinnen, habe ich Euch elendiglich verloren; und während ich hoffte, Euch lange am Leben zu sehen und mit Euch dieses unser Leben mit sittsamer Freude und vollkommener Zufriedenheit zu genießen, halte ich Euch nunmehr tot in meinen Armen, verzweifelt am weitern Leben und voll Mißmut über mein Herz und meine geschwätzige Zunge. Ha, du Zunge, die du so lange geschwiegen hast und verschlossen, treu und ergeben gewesen bist, wie konntest du am Ende plauderhaft, unbeständig, wankelmütig, treulos und verräterisch werden? Aber ich darf mich über nichts als über mich selbst beschweren. Ich bin es, den ich verräterisch, undankbar, verbrecherisch, abtrünnig, verrucht und im höchsten Grade treulos nennen muß. Ich würde mich gerne beklagen über den Herzog wegen des Versprechens, dem ich vertraute, in der Hoffnung, um so unangefochtener zu leben und friedlicher meine Liebe zu genießen. Aber ich Unseliger mußte wohl denken, daß ein so wichtiges Geheimnis wie das meinige von keinem besser werde bewahrt werden als von mir. Der Herzog hat weit mehr recht, seine Geheimnisse seiner Frau zu sagen, als ich, die Geheimnisse meiner Gattin zu enthüllen. Ich habe mich demnach über niemand zu beklagen als über mich selbst, der ich die größte und schändlichste Verruchtheit begangen habe, die sich denken läßt. Ich hätte lieber jede Marter und tausend Tode erdulden sollen, geschweige die Verbannung, ehe ich den Mund öffnete, um das zu sagen, dessen Veröffentlichung mir verboten war. So wäre wenigstens meine liebenswürdigste Herrin am Leben geblieben, und ich wäre rühmlich gestorben, indem ich standhaft den zwischen uns aufgerichteten Vertrag gehalten hätte. Sie hätte alsdann klar erkannt, wie vollkommen ich sie liebte. Nun ich aber ihrem Willen zuwidergehandelt habe, lebe ich noch, und sie, weil sie mich vollkommen geliebt, wird von unerträglichem Schmerz zernagt und ist tot. Ach, meine unvergleichliche Geliebte, das ist geschehen, weil Euer reines, unbeflecktes Herz den Fehler Eures treulosen Freundes nicht zu ertragen wußte. Darum habt Ihr den Tod dem Leben vorgezogen. Wehe, warum bin ich so leichtsinnig und verblendet gewesen? Ach, mein undankbares Herz, warum bist du nicht geborsten, als ich den Mund öffnete, um das Geheimnis zu enthüllen, das verborgen bleiben mußte? Das kleine Hündchen verdient mir vorgezogen zu werden, da es treuer als ich seine Herrin geliebt hat. Ach, mein teurer Hund, die unsägliche Freude, die dein Bellen hold mir verkündete, hat sich mir Unglücklichem in tödliche bittere Trauer verwandelt, nachdem durch meine Zunge andere als wir beide vernommen haben, was deine Stimme bedeutet. Möchte nur meine unvergleichliche Gattin, wo sie immer jetzt sein mag, erfahren, daß die Liebe der Herzogin, sooft sie auch versucht hat, mich zu verlocken, so wenig als die einer andern Frau mich das beschworene Versprechen zu verletzen veranlaßt hat! Ein mir unbekanntes Etwas vielmehr hat mir den Verstand geblendet, indem ich dachte, wenn ich den geheimen Namen dem Herzog offenbare, sei die fortwährende Heimlichkeit unserer Liebe gesichert. Und wenn ich es auch unwissend tat, so bin ich darum doch nicht minder schuldig, da eine auch noch so große Unwissenheit mich keineswegs rechtfertigt; denn ich mußte immer im Gedächtnis behalten, daß ein solches Geheimnis niemals enthüllt werden darf. Und dies ist der einzige Grund, weshalb ich sie hier tot vor mir sehe. Mir, teure Frau, wird der Tod weit weniger hart sein als Euch, die Ihr für allzu treue Liebe Eurem unschuldigen Leben dieses Ziel gesetzt habt. Aber welcher Tod wird mich treffen? Ich bin Euch untreu gewesen, meine Geliebte, und habe Euch verraten. Und welche schrecklichere und entsetzlichere Fehler als diese zwei können in Menschenleibern wohnen? Kann ich das Licht und den Anblick der Menschen mit diesem meinem entehrten Leben ertragen? Wird nicht alles mit Fingern auf mich zeigen? Wird nicht groß und klein sagen: ›Das ist Carlo Vaudrai, die Schande seines Stammes, der ehedem Burgund so viele ehrenwerte Barone und berühmte Ritter lieferte?‹

Aber ich würde mich nichts um das Geschwätz des Pöbels bekümmern, meine Geliebte, wenn ich nur nicht die Ursache Eures vorzeitigen Todes wäre. Ich, der jeden Eurer Feinde hätte umbringen sollen, wehe, ich habe Euch umgebracht! Ich Unglücklicher, hätte sich jemand erkühnt, aus irgendwelchem Grunde in meiner Gegenwart die Hand ans Schwert zu legen, um Euch zu beleidigen, – wäre ich nicht eiligst mit den Waffen in der Hand herzugeeilt, um Euch zu verteidigen und mich tausendfach in Todesgefahr zu begeben, um Euer Leben zu retten? Ganz sicher hätte ich alles furchtlos gewagt. Und wenn ich das in Wirklichkeit getan hätte, ist es nicht recht und billig und verlangt es nicht alle Gerechtigkeit, daß an einem so schnöden Mörder, an dem treulosesten Totschläger, der Euch ums Leben gebracht hat, von mir die gebührende Rache geübt werde? Er hat Euch, meine liebenswürdigste Gattin, mit einem andern Schlage als mit Schwert oder Dolch elendiglich gemeuchelt. Darum muß unter allen Umständen dieser offenbare verruchte Mörder durch die Hand eines schnöden Henkers sterben. Und welchen niederträchtigeren Henker kann man auf der Welt finden als mich? O blinde Liebe, ich habe dich höchlich beleidigt, da ich so fahrlässig war in deinem weiten Liebesreich. Daher verlangt keine Billigkeit, daß du mir zu Hilfe kommst, wie du dieser getan hast, die dein Gesetz treu bewahrte, und es schickt sich nicht, daß ich mit einem so schönen Tode mein Dasein endige. Es ziemt sich vielmehr, daß ich mit eigenen Händen diese verruchte Seele aus diesem Leibe verjage.«

Mit diesen Worten legte er den Leichnam der Frau auf das Bett, nahm den Dolch, den er an der Seite führte, brachte sich eine tödliche Wunde in der Brust bei und nahm dann sogleich den Leichnam seiner Geliebten wieder in den Arm.

Als die Zofe dies sah, fing sie an wie wahnsinnig um Hilfe zu rufen. Der Herzog eilte auf das Geschrei in die Kammer, und da er das liebende Paar in dieser Weise fand, bemühte er sich, Carlo aufzuheben; aber sein Bestreben war umsonst, und als Carlo sich schütteln fühlte und den Herzog an der Stimme erkannte, wendete er den Kopf etwas gegen ihn und sprach mit mannigfach unterbrochener schwacher Stimme: »Da seht, mein Gebieter, wohin meine und Eure Zunge meine teure Gattin und mich geführt haben! Gott möge es Euch verzeihen und möge auch mir meine Sünden verzeihen, da ich in tiefster Trauer mir die Schuld beimesse!«

Der Herzog wollte Carlo noch aufheben; in demselben Augenblicke aber fiel dieser mit dem Gesicht über seine Gattin hin und blieb tot liegen. Nachdem sodann der Herzog von der Zofe den Hergang des Ganzen vernommen hatte, kniete er vor den Leichen der unglücklichen Liebenden nieder, weinte bittere Tränen, küßte sie mehrmals ins Gesicht und bat sie um Vergebung. Dann zog er den blutigen Dolch aus Carlos Brust und trat damit ganz rasend in den Saal, wo die Herzogin lustig tanzte, im frohen Gefühl, sich an Carlo und der Frau von Vergy gerächt zu haben.

Wütend trat er mit dem Dolche zu ihr.

»Verworfenes, böses Weib«, sagte er zu ihr, »denkt Ihr nicht mehr daran, daß Ihr das Geheimnis, das ich Euch mitteilte, auf Euern Eid genommen habt ?«

Bei diesen Worten ermordete er sie mit mehrfachen Stichen.

Die ganze Gesellschaft im Saale war bestürzt und meinte fast, der Herzog sei verrückt geworden. Er winkte aber zur Stille und erzählte ihnen die klägliche Geschichte der beiden Liebenden. Die Herzogin wurde sodann in einer Kirche beigesetzt, nachdem man gefunden hatte, daß sie nicht schwanger war. Dem unglücklichen Liebespaare ließ der Herzog ein herrliches, reiches Grabmal von Marmor errichten mit meisterhaften wunderschönen Bildwerken und ließ es in eine Abtei bringen, die er kurz zuvor gegründet hatte. Dort wurden die beiden Liebenden beigesetzt mit einer Grabschrift, die die Geschichte ihrer Liebe enthielt nebst ihrem kläglichen Ende im Tode.

Carlo hatte einen Bruder Rodolfo; diesem schenkte der Herzog zwei Schlösser, Bersalino und Corlaonio, für sich und seine Erben.

Einige Zeit darauf unternahm der Herzog eine Reise übers Meer zur Verteidigung des heiligen Landes mit Ehren und Nutzen. Nach Burgund zurückgekehrt, trat er seinem leiblichen Bruder die Regierung des Herzogtums ab und zog sich, um Buße zu tun, in die Abtei zurück, worin die zwei unglücklichen Liebenden begraben worden waren. Dort brachte er unter strenger Lebensweise im frommen Dienste Gottes sein Alter hin.

Ein Witwenleben in Mailand

Durch Mailand kommend, hörte ich von einem meiner Freunde, es lebe daselbst noch eine edle Witwe, die sehr jung, sehr reich und ausnehmend schön – sich dennoch entschloß, nie wieder zu heiraten, obwohl sie noch nicht über zweiundzwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein kleines noch nicht einjähriges Söhnchen in der Wiege, das sie ihrem Gatten geboren hatte. Als ihr Gatte zu sterben kam, machte er sein Testament und setzte seinen Sohn zum Gesamterben ein. Seiner Frau legte er zu ihrer Mitgift noch fünftausend Dukaten und setzte sie über das ganze Vermögen, ohne Verbindlichkeit, irgend jemand von ihrer Verwaltung Rechenschaft abzulegen, mit Ausnahme, daß es ihr nicht gestattet war, die liegenden Güter zu veräußern oder zu verpfänden. Als sie nun Witwe geworden war, wandte sie alle ihre Aufmerksamkeit auf die Erziehung ihres Söhnchens. Sie bewohnte einen prächtigen Palast, der ganz mit den prachtvollsten flandrischen und alexandrinischen Teppichen und mit reichen und weichen Betten ausgestattet war wie nur irgendeiner in Mailand. Auch hielt sie eine sehr anständige Kutsche mit vier stattlichen Rossen, und wenn sie auch nicht mehr so viele Aufwärter und Dienerschaft hielt wie zu Lebzeiten ihres Mannes, so hatte sie doch noch zahlreiche Bedienung, unter andern einen sehr alten Sekretär, der schon bei ihrem Schwiegervater und ihrem Gatten gedient hatte, einen Verwalter der auswärtigen Güter und einen bejahrten Hausmeister nebst zwei Reitknechten und einigen Edelknaben. Außerdem hatte sie einige Frauen neben dem Hausvogt und der Amme. Sie verlangte nun, daß sie sich jeden Abend zu schicklicher Stunde in ihre Gemächer zurückzogen, und sobald der Palast abends geschlossen wurde, ließ sie sich die Schlüssel zu den Toren in ihr Schlafzimmer bringen, wo sie sie die Nacht über behielt. So lebte sie in ungestörter Ruhe und Eingezogenheit, sah ihre Verwandten selten, andere noch weniger; das einsiedlerische Leben gefiel ihr, und sie war fest entschlossen, kein neues Eheband einzugehen.

Sie war aus edlem Geschlecht, besaß eine schöne Mitgift, der ihr Gemahl noch zugelegt hatte; sie hatte in sehr vornehmer Ehe gelebt, und man nahm für gewiß an, daß sie stets viele Tausende von Dukaten in der Kasse haben mußte, da man die großen Einkünfte und den geringen Aufwand kannte, der im Hause üblich war. Darum stellte ihr ein hübscher Trupp von Edelleuten nach, um ihre Liebe zu gewinnen, die einen, um ihre hohen Reize zu genießen, die andern, um sie zur Ehe zu bekommen. Aber alles war umsonst; denn sie sagte, sie habe den feinsten und höflichsten Mann, den es geben könne, zum Gatten gehabt und seine ausschließliche Liebe besessen, wie er im Tode noch durch die reinste Anhänglichkeit dargetan habe; sie wolle daher die Götter nicht versuchen, aus Furcht, an irgendeinen jener widerwärtigen, eifersüchtigen und argwöhnischen Männer zu geraten, wie sie der Spott der Nachbarn und die Zuchtrute des Hauses sind, und der ihr keine erwünschte Gesellschaft leisten würde. Bei diesem Entschluß kümmerte sie sich gar nicht um die Bewerbungen dieser aller, die ihr den ganzen Tag den Hof machten oder sie zur Frau wollten; und es konnte keiner bemerken, daß sie den einen freundlicher angeblickt hätte als den andern.

Es dauerte etwa zwei Jahre, ohne daß sie für jemand Neigung faßte; sie schien vielmehr die ganze Welt gering zu schätzen: kein einziges Mal kam ihr der Wunsch, sich zu verlieben oder dem Joche der Ehe zu unterwerfen. Aber Amor ergrimmte nun über die Härte dieser Frau und beschloß, unter allen Umständen sie dahin zu bringen, ihren keuschen Vorsatz zu brechen und ihm den Sieg über sie zu gönnen. Als nun das Jahresfest der Verkündigung der Himmelskönigin gefeiert wurde, wobei, wie mir gesagt wurde, gewöhnlich vollkommener Ablaß gespendet wird, das eine Jahr im größern Hospital, das andere im Dom, sah sie, diesmal im Hospital, fast sich gegenüber einen Edelmann im Gespräche. Die Frau war nämlich zur Beichte gegangen, um vollständigen Ablaß zu erlangen, und ward plötzlich von so heftiger Liebe ergriffen, daß sie die Augen aufschlug, um den Edelmann nochmals zu betrachten, der in der Tat sehr schön, tapfer, tugendhaft und reich und mit den besten Sitten ausgestattet war. Die Frau meinte, in ihrem Leben nie einen edleren und anmutigeren jungen Mann als ihn gesehen zu haben, und vermochte ihre Blicke nicht von ihm abzuwenden. Der Edelmann aber, der nicht an sie dachte, kümmerte sich nicht darum. Sie wünschte gar sehr, daß er sich zu ihr wende; denn sie meinte, daraus, daß er sie ansehe, ein wunderbares Vergnügen zu schöpfen. Indessen trat der Apotheker, dessen sich die Frau sowohl für Arzneien als für Eingemachtes bediente, zu dem Jüngling und fing an, mit ihm zu sprechen. Da ihre Unterhaltung lange dauerte, winkte sie den Hausvogt, der sie begleitet hatte, zu sich heran, der ehrerbietig näher trat. Sie fragte ihn nun mit gedämpfter Stimme, ob er den Edelmann kenne, der mit dem Apotheker sprach. Auf erhaltene verneinende Antwort trug sie ihm auf, mit geschickter Weise genau zu erkunden, wie er heiße. Bald darauf ging der junge Mann hinweg, und der Hausvogt schlich bedächtig hinter ihm drein, bis er einem Lastträger begegnete, den er gut kannte. Und da die Lastträger in allen Häusern der Stadt einheimisch zu sein pflegen und fast jeden kennen, fragte er ihn, wer der sei, der mit drei Dienern ihm vorausgehe, und ob er ihn kenne.

»Wie?«, antwortete der Lastträger, »ich bin ganz gut bekannt in seinem Hause und habe dort die Woche über tausenderlei zu tun.«

Dann sagte er ihm seinen eigenen und seinen Familiennamen und in welcher Straße er wohne.

»Sieh doch«, versetzte der kluge Hausvogt, um dem Lastträger die Fährte zu verwischen, »sieh, wie sehr ich mich getäuscht habe! Ich glaubte, es sei ein anderer, dem er sehr ähnlich sieht.«

Dann meldete er alles seiner Gebieterin, sobald er nach Hause kam. Sie hatte den Namen von ihrem seligen Gatten öfters nennen und ihn als edel, reich und gebildet rühmen hören und fing nun an, sich öfters an die Fenster zu stellen, um zu sehen, ob der Jüngling nie durch diese Straße komme. Das Glück war ihr hierbei sehr günstig, da der Jüngling nicht auf geraderem Wege in den Palast des Podestà kommen konnte, wohin er eines Prozesses wegen oft ging, ohne eben vor dem Hause dieser jungen Witwe vorüberzukommen. Diese Beobachtung verursachte ihr die größte Freude. Da sie ihn nun oft in ihrer Straße hin und her gehen sah, bemerkte sie dabei, daß, wenn er nicht zuweilen in Gesellschaft eines seiner Advokaten oder eines Sachwalters war, in dessen Händen sein Prozeß lag, er sich nie sonst in Gesellschaft blicken ließ. Ebenso ritt er stets allein, wenn er durch die Stadt ritt. Wenn sie eine Spazierfahrt über Land machte, wie das bei allen Edelfrauen dort Sitte ist, begegnete sie ihm immer allein, und er hatte in der Regel nur einen Edelknaben und zwei oder drei Diener bei sich, obwohl er zu Hause eine zahlreiche Dienerschaft hielt. Wenn der junge Mann der Witwe begegnete, sei es zu Wagen oder zu Fuß, schwenkte er immer sein Barett und bezeigte ihr seine Verehrung durch eine anständige Verbeugung, wie nach der löblichen Sitte jeder Edelmann den Edelfrauen seine Achtung und Verehrung kundgibt. Auch sie erwiderte nicht nur ihm, sondern allen, die sich vor ihr verneigten, mit sehr anständigem Kopfnicken und je nach dem Range der Personen mit tiefen Verbeugungen ihre Ehrenbezeigung nach Gebühr, hielt sich dabei indes so, daß niemand merken konnte, daß sie einem mehr zugetan sei als dem andern. Sie fühlte mehr als gewöhnliche Liebe gegen den jungen Mann, war aber sittsam und vorsichtig genug, um mit keiner Gebärde ihre Liebe zu verraten. Auf diese Weise glühend und schmachtend, sehnte sie sich außerordentlich nach Gegenliebe und wagte doch nicht mit Briefen noch Botschaften ihm ihre heftige Liebe zu offenbaren und noch weniger es ihn mit Blicken und Handlungen merken zu lassen; sie trug also mehrere Tage ihre Liebe still und innig in sich herum und wußte nicht, wie sie es angreifen sollte. Am Ende brachte ihr die Liebe eine neue Art in den Sinn, wie sie ihres Geliebten sich erfreuen könnte, ohne von ihm erkannt noch gesehen zu werden, eine Weise, die vielleicht sonst nie zur Ausführung kam. Nun hört, meine Herren, die List und Gewandtheit dieses Weibes! Zuerst entdeckte sie sich dem Hausvogt und der Amme und setzte ihnen mit bewegenden Gründen auseinander, wie sie entschlossen sei, unter keiner Bedingung sich wieder zu verheiraten; bei ihrer Jugend und üppigen Lebensweise aber erfahre sie von den Regungen des Fleisches gewaltige Anfechtungen, denen sie zwar lange Zeit Widerstand geleistet habe; am Ende aber sei sie unterlegen und wolle nun nicht mehr auf diese Weise leben, sondern sich um Abhilfe umsehen. Sie beabsichtige daher mit der größtmöglichen Heimlichkeit, um ihre Ehre unbefleckt zu erhalten, einen jungen und wohlgesitteten Liebhaber aufzufinden, der ihr die Nacht über Gesellschaft leisten könnte. Sie gab daher dem Hausvogt genaue Weisungen darüber, was sie nun von ihm ausgeführt wünschte. Es waren die zügellosen Tage des Faschings, an denen bekanntlich jedermann maskiert umhergehen darf. Sie war etwa ein Jahr Witwe, als ihr im Hospitale der Jüngling so sehr gefiel, und seither sann und dachte sie beständig an diese Liebe und wußte nicht, was zu tun sei. Endlich den Tag, nachdem sie sich dem Hausvogte anvertraut, befahl sie ihm, sich zu maskieren und so den Jüngling aufzusuchen, um mit ihm zu reden. Der tätige Hausvogt schickte sich an, nahm einen Mietgaul und ritt so lange in der Stadt umher, bis er dem Jüngling begegnete, der ohne Gesellschaft auf einem spanischen Klepper durch die Straßen spazierenritt. Der Hausvogt näherte sich ihm und sagte: »Mein Herr, ich möchte mit Euch reden, wenn es Euch gelegen ist.«

Der Jüngling erwiderte, er sei gerne bereit, ihn anzuhören, und bat ihn, ihm zu sagen, wer er sei. »Wer ich bin, mein Herr, kann ich Euch nicht sagen; aber hört, was ich Euch sonst mitzuteilen habe! Es lebt in dieser Stadt eine sehr schöne und edle Frau, sehr reich an Glücksgütern; diese ist so erglüht von Liebe zu Euch, wie nur je eine Frau in der Welt gegen irgendeinen Mann. Sie hält Euch für einen der wackersten, gebildetsten und klügsten Jünglinge der Stadt, und wenn sie nicht eine solche Meinung von Euch hätte, wünschte sie um alles Gold der Welt keinen Umgang mit Euch. Weil es aber viele junge Leute gibt, die wenig Grütze im Schädel und nicht mehr Hirn unter der Mütze haben als über derselben, und die ein freundliches Gesicht und einen holden Blick von ihrer Geliebten plötzlich in den Kirchen und auf den Plätzen ausschreien, will sie vorerst Eure Standhaftigkeit, Verschwiegenheit und Treue auf die Probe setzen. Sie wünscht sonach, daß Ihr sie bei Nacht besucht, aber so, daß Ihr sie weder sehen noch erkennen könnt. Wenn es Euch daher gefällig ist, so findet Euch in der künftigen Nacht zwischen drei und vier Stunden nach Sonnenuntergang an der und der Straßenecke ein: ich werde Euch maskiert abholen. Es steht Euch frei, wenn Ihr wollt, bewaffnet zu sein, wie Euch gutdünkt. Sobald ich komme, ziehe ich Euch eine Kapuze über den Kopf, damit Ihr nicht sehen könnt, wohin ich Euch führe. Ich versichere Euch bestimmt, daß Ihr keinerlei Betrug zu fürchten habt; vielmehr führe ich Euch an die Seite der anmutigsten und schönsten Frau in der Lombardei. Überlegt es wohl und handelt dann!«

Nach diesen Worten entfernte sich der Hausvogt und ging auf ungewohnten Wegen nach seiner Wohnung zurück. Der junge Mann aber stand da: tausend Gedanken kreuzten sich wirr in seinem Kopfe, und er wußte nicht, was in einem solchen Falle zu tun sei.

»Weiß ich,« sprach er bei sich selbst, »ob nicht ein Feind von mir unter dieser Lockspeise mir Gift gelegt hat und mich wie einen einfältigen Schöps auf die Schlachtbank zu bringen trachtet? Aber ich habe meines Wissens keinen Feind, denn ich habe ja niemandem ein Leid zugefügt, weder großes noch kleines. Ich kann mir nicht denken, wer nach meinem Blute trachten sollte. Auch sagte ja der, der mit mir sprach, ich könne, wenn ich wolle, gut bewaffnet gehen. Aber freilich, ich mag noch so gut mit Waffen versehen sein, wenn ich eine Kapuze über den Kopf habe, so sehe ich ja gar nicht, wer mir etwas zuleide tun will. Wer hat je etwas Ähnliches gehört, daß eine Frau heftig in einen Mann verliebt gewesen wäre und sich nicht von ihm sehen lassen wollte? Weiß ich, ob ich, vermeinend, eine zarte und reiche junge Frau zu umarmen, mich am Busen einer schnöden, garstigen Hure befinde, die, freigebig mit ihren Reizen, unbedenklich jeden Lump und Lastträger über sich läßt? Es könnte auch eine mit dem französischen Übel behaftete sein, die mir ihre Livrei mitteilte und mich auf meine Lebtage zum Krüppel machte, so daß ich kein Mensch mehr wäre.«

Unter diesen und ähnlichen Gedanken überlegte der junge Mann, was aus dieser Sache werden möchte, und war bis zur Nacht ganz außer sich und wußte zu keinem Entschlusse zu kommen. Er speiste um zwei Uhr zu Nacht, aß aber nur sehr wenig und dachte immer darüber nach, was er zu tun habe. Am Ende entschloß er sich, das Unternehmen zu versuchen, bewaffnete sich um drei Uhr und begab sich an die bezeichnete Stelle. Und er durfte nicht lange warten, so kam der Hausvogt in der verabredeten Weise dahin, grüßte ihn und setzte ihm die Kapuze auf.

»Mein Herr«, sagte er sodann, »faßt mit einer Hand meinen Rock von hinten und folgt mir!«

Er ging sodann durch verschiedene Straßen da- und dorthin, kehrte auch manchmal zurück und verfehlte oft seinen Weg absichtlich, so daß der Hausvogt selbst das nächstemal denselben Weg unmöglich wiedergefunden hätte. Zuletzt führte er ihn in das Haus der Witwe und ließ ihn im Erdgeschoß in ein Zimmer treten, das aufs reichste ausgestattet und mit einem so zierlich geputzten Bett geschmückt war, mit zwei allerliebsten Kopfkissen, von purpurner Seide und mit Goldfäden so kunstreich und meisterhaft durchwirkt, daß auch der reichste König sich dadurch ehrenvoll befriedigt erachtet hätte. Das Gemach selbst war ganz durchduftet von den lieblichsten Gerüchen. Ein Feuer brannte im Zimmer, und auf einem Tischchen stand ein silberner Leuchter mit einer brennenden Kerze aus dem weißesten Wachse. Daneben lag ein seidenes Tuch, mit bunten Farben durchwebt und meisterhaft mit Gold und Seide nach alexandrinischer Weise gestickt; darauf fanden sich in schönster Ordnung Kämme von Elfenbein und Ebenholz, um Bart und Haupt zu kämmen, nebst den schönsten Netzen und Tüchern, um sie beim Kämmen auf die Schultern zu legen und die Hände abzutrocknen. Was soll ich aber von dem Schmuck des Zimmers rings an den Wänden sagen? Statt der Tapeten waren daran Behänge von überreichen Goldteppichen und in jedem derselben die Wappen des verstorbenen Gemahls und seiner Witwe. Damit aber der Liebhaber nicht etwa sie daraus erkenne, hatte die kluge Frau durch andere anmutige und kostbare Stickereien diese kunstreich verdeckt, und das Ganze paßte so gut, daß daran nichts auszusetzen war. Ferner war ihm in den feinsten Majolikagefäßen ein feiner, köstlicher Imbiß bereitet, der in dem besten süßen Backwerk und duftenden herrlichen Weinen von Montebriantino bestand.

Sobald er im Zimmer war, nahm ihm der Hausvogt die Kapuze vom Kopfe und sagte zu ihm: »Mein Herr, Euch ist wohl kalt: wärmt Euch nach Belieben!«

Dann bot er ihm den Imbiß an.

Der Jüngling dankte ihm; zu essen und zu trinken begehrte er nicht, stellte sich dagegen ans Feuer und betrachtete die äußerst reiche Ausstattung des Zimmers. Er war vom höchsten Erstaunen erfüllt, ja fast außer sich, als er im einzelnen den edeln königlichen Schmuck betrachtete, und schloß daraus, die Besitzerin dieses Gemachs müsse eine der vornehmsten Edelfrauen von Mailand sein. Sobald er sich gewärmt hatte, wärmte der vorsichtige Hausvogt mit einer silbernen Wärmflasche das Bett aufs beste durch und half dem Jüngling sogleich, sich zu entkleiden und zu Bette zu legen. Kaum befand er sich daselbst, als die Witwe eintrat mit einer Maske über dem Gesichte. Sie trug ein Jäckchen von schwarzbraunem Damast, das überall mit kleinen Schnüren von feinem Gold und karmesinroter Seide verbrämt war, und darunter hatte sie einen Rock von Goldstoff, der ganz mit der schönsten Arbeit gestickt war. Bei ihr war ihre Amme, gleichfalls maskiert; diese half ihrer Gebieterin sich entkleiden. So betrachtete der glückliche Jüngling mit unverwandten gierigen Blicken die Gestalt der schlanken und wohlgebildeten Frau mit vollem Ebenmaß ihrer Glieder, blendend weißem, sittsam gehobenem Busen und zwei runden, nicht im mindesten herabhängenden Brüsten, die von wahrer Künstlerhand geformt schienen. Ihr schönes, zartes Fleisch war von natürlicher Farbe gerötet.

Sobald sie entkleidet war, legte sie sich neben den Jüngling, ohne ihn indes zu berühren, und behielt fortwährend die Maske auf dem Gesichte. Der Hausvogt und die Amme verhüllten nun das Feuer so, daß es durchaus keine Helle verbreiten konnte, so geschickt war es angebracht und versteckt. Ebenso löschten sie darauf die Kerze und begaben sich hinweg, die Tür der Kammer hinter sich verschließend. Die Witwe nahm sich nun die Maske vom Gesichte, steckte sie hinter das Kopfende und sprach freundlich zu dem Jüngling also: »Mein Herr, gebt mir Eure Hand!«

Der Jüngling tat dies voll Ehrerbietung, und als er die Feinheit und Zartheit ihrer allerliebsten Hand fühlte, rollte ihm das Blut rüstiger durch die Adern, und er harrte begierig, was sie zu ihm sagen werde.

»Mein Herr«, fuhr sie nun fort, »den ich mehr liebe als meine Augäpfel, ich denke mir, daß Ihr sehr verwundert seid über die Art, wie ich Euch hierhergeführt habe. Diese Verwunderung muß jedoch aufhören, da, wie ich weiß, mein Abgesandter Euch den Grund entdeckt hat. Dennoch wiederhole ich Euch, daß, solange ich nicht fest überzeugt bin von Eurer Standhaftigkeit, Verschwiegenheit und Heimlichkeit, Ihr nie erfahren werdet, wer ich bin. Ihr müßt Euch daher dazu verstehen, nie ein Wort ausgehen zu lassen über die Art Eures Hierherkommens; denn auf das kleinste Wörtchen, das Ihr darüber ausplaudertet, und das mir wieder zu Ohren käme, würde Euch die Rückkehr zu mir für immer abgeschnitten sein. Das zweite, was ich von Euch begehre, ist, daß Ihr nicht zu erfahren strebt, wer ich bin. Wenn Ihr das haltet, so bin ich immer die Eure und werde nie einen Mann auf der Welt lieben außer Euch.«

Der Jüngling versprach, alles getreulich zu halten und noch weit mehr, was sie ihm sonst auftragen werde. Nunmehr gab sie sich den Armen ihres Geliebten hin, und sie genossen die Wonne der Liebe die ganze Nacht durch in beiderseitigem unendlichen Entzücken. Und wenn der Jüngling der Frau gefiel, so genügte nicht minder sie ihm; man kann daher nicht sagen, wer den anderen am meisten befriedigte.

Eine gute Stunde vor Tagesanbruch kam nun der Hausvogt und zündete mit der Amme das Feuer an; beide waren maskiert und kleideten den Jüngling an. Die Frau hatte, sobald sie das Zimmer öffnen hörte, die Maske genommen und angelegt. »Auf«, sagte sie dann zu dem Geliebten, »auf, Herr! Es ist Zeit, sich zu erheben!«

Der Jüngling zog seine Kleider und Waffen an, sagte der Frau Lebewohl und wurde von dem Hausvogt auf Umwegen an den Ort zurückgebracht, wo er ihn abgeholt hatte, worauf er ihm die Kapuze abnahm und auf anderem Wege nach Hause zurückkehrte.

Dieses Verhältnis dauerte vielleicht sieben Jahre mit der größten Befriedigung der beiden Liebenden, und der Jüngling hielt sich die Zeit über für den seligsten und glücklichsten Liebhaber von der Welt. Das neidische Schicksal aber, das Liebenden nie lange ein glückliches Leben verstattet, trennte durch des Jünglings Tod diesen so sorgfältig geleiteten Liebesbund. Ein bösartiges hitziges Fieber befiel den besagten Edelmann, wogegen die Ärzte mit aller ihrer Kunst nicht Abhilfe noch Linderung zu finden wußten. Darum starb er nach sieben Tagen zum unsäglichen bitteren Schmerz seiner Geliebten, die ihn noch jetzt unablässig Tag und Nacht mit heißen Tränen beweint.

Die Kaufleute aus Lucca in Antwerpen

Ihr ladet mich ein, hochwohlgeborne Frau und geehrte Herren, da ich eben von der großen volkreichen, an allem, was zu unserem Leben nicht nur nötig ist, sondern ihm Erheiterung, Verfeinerung und Genuß verschaffen kann, überfließenden Stadt, von Paris, komme, daß ich euch etwas Neues erzähle. Es scheint fast unmöglich, daß einer, der seine meiste Zeit in Paris zubringt, wenn er einmal herauskommt, nicht mit Neuigkeiten vollgestopft sei. Lassen wir aber für diesmal die Geschichten jener heitern Residenz beiseite, die, wie man von Afrika schreibt, immer etwas Neues hat; wir wollen auch nicht von den Verhandlungen sprechen, die jetzt unter unsern christlichen Fürsten im Gange sind, und von denen man so mannigfache Berichte hört und gerade von Leuten, die am wenigsten davon wissen, – ich will euch aber einen jammervollen und bedauernswürdigen Vorfall erzählen, der durch die höchste ersinnliche Verruchtheit hervorgebracht wurde. Der Fall trug sich zu zwischen zwei Kaufleuten aus der hübschen Stadt Lucca drüben in Flandern in der vielgenannten reichen, handelsblühenden und heitern Stadt Antwerpen. Auf diesem Platze ist fast ein allgemeiner Markt für alle Christen von Europa und auswärts und ein sehr freies und viel ungezwungeneres Leben als an vielen andern Orten. Zu diesen ungezwungenen Verhältnissen, die in Antwerpen üblich sind, gehört zum Beispiel das, was ich euch sogleich angeben werde: Heiratsfähige Töchter pflegen, sobald sie einigermaßen erwachsen sind, alle ein paar in sie verliebte junge Männer zu haben, die sie ihre Diener nennen. Je mehr eine hat, desto mehr ist sie geachtet. Die Jünglinge, die ihnen den Hof machen und sich für ihre Diener erklären, gehen den ganzen Tag frei in ihre Häuser, und mögen auch die Eltern anwesend sein, so hören sie doch nicht auf, sie zu besuchen und ihnen den Hof zu machen und selbst morgens und abends der Unterhaltung mit ihnen zu pflegen. Auch laden sie sie gar häufig zu Mittags- und Abendessen und zu Schmausen in verschiedene Gärten ein, wohin die Mädchen und Jungfrauen ohne irgendwelche Obhut ganz ungezwungen mit ihren Liebhabern gehen; dort bleiben sie dann den ganzen Tag unter Gesang, Musik, Tanz, Essen und Trinken und Spielen in der Gesellschaft, die der Liebhaber einlädt. Am Abend nimmt der Liebhaber seine Dame, begleitet sie nach Hause und gibt sie der Mutter zurück, die dem Jüngling freundlich für die Güte und Ehre dankt, die er ihrer Tochter erwiesen. Er küßt sodann ehrerbietig Mutter und Tochter und geht seiner Wege. Das Küssen ist dort überall und immer jedem erlaubt. So leben dort die ledigen Töchter; sobald sie aber verheiratet sind, dürfen sie sich mit niemand mehr in einen Liebeshandel einlassen, wenigstens nicht offen. Was dann die verheirateten Weiber tun, bin ich nicht sehr neugierig gewesen zu erforschen; denn das sind Dinge, die im geheimen geschehen.

Es mögen jetzt etwa vierzehn bis fünfzehn Jahre sein, da stand in Antwerpen durch Adel, ehrbaren Reichtum und ungezwungenes feines Benehmen Fräulein Maria Verue, aus einer der ersten Familien der Stadt, in größter Achtung und steht noch darin, obwohl sie jetzt in reiferem Alter und noch unverheiratet ist. Wegen ihrer Schönheit, ihrer angenehmen heitern Unterhaltungsgabe und anderer guten Eigenschaften hatte sie mehr Diener und Liebhaber als alle andern Jungfrauen Antwerpens; denn Flamen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, Spanier und von allen möglichen andern Völkern Jünglinge, die nach Antwerpen kamen, machten ihr sämtlich den Hof und waren ihre erklärten Diener; ihr Haus gewann dadurch das Ansehen wie das eines Befehlshabers der Stadt, so strömten beständig ihre Liebhaber herzu. Filibert, Prinz von Oranien, welcher General des Kaisers in Italien war und bei der Belagerung von Florenz starb, war einer ihrer Verehrer, und es herrschte einige Zeit lang allgemein die Meinung, daß er sie zur Frau nehmen werde.

Um diese Zeit nun war in Antwerpen ein Lucchese Simone Turchi, Geschäftsführer des berühmten Handelshauses der Buonvisi in Lucca. Er machte die Bekanntschaft von Fräulein Maria Verue vor etwa vierzehn Jahren und begann mit solcher Emsigkeit ihr den Hof zu machen und ihr zu dienen, daß er niemals von ihr wegkam und jedes andere Geschäft beiseite ließ; daher es denn auch den Anschein gewann, Fräulein Verue schätze ihn sehr hoch. Sie hatte in einem ihrer Gemächer, in dem sie die Huldigungen ihrer Verehrer annahm, die nach dem Leben gezeichneten Bildnisse aller derer aufgehängt, die ihr ihre Dienste widmeten. So schickte ihr jeder, sobald er anfing, ihr den Hof zu machen, sein Konterfei von der Hand eines edeln Malers, und sie ließ es gleich in dem Saale an die Wand hängen. Sie hatte deren über vierzig. Vier Jahre, nachdem Simone Turchi in Antwerpen angekommen war, begab sich auch der Lucchese Gieronimo Deodati mit einer ansehnlichen Summe Geldes dahin, ließ sich daselbst nieder, um Handelsgeschäfte zu treiben, und trat in wenigen Tagen in die Zahl der Diener des Fräulein Verue ein. Er knüpfte ein enges Verhältnis mit Turchi an, der, wie gesagt, nicht sehr eifrig seinen Geschäften für die Buonvisi oblag. Wenn Simone Geld brauchte, so bat er den Deodati darum, der ihm in mehreren Absätzen zusammen etwa dreitausend Taler lieh. Die Buonvisi erfuhren die schlechte Wirtschaft, die Turchi in ihren Angelegenheiten machte, nahmen ihm daher die Rechnung und das ganze Geschäft ab und wollten seine Dienste nicht länger verwenden. Da nun Turchi für sich selbst keine Mittel besaß, um einen Handel zu treiben, kehrte er nach Lucca zurück, um sich an einen Kaufmann anzulehnen, der in Antwerpen Geschäfte machte.

Um dieselbe Zeit begab es sich, daß auch Deodati nach Lucca zurückkehrte, um mit seinen Brüdern über die von ihm gemachten Geschäfte zu verhandeln. Er zeigte ihnen seine Rechnungen, und darin fand sich Simone Turchi als sein Schuldner für etwa dreitausend Taler. Gieronimo ward deshalb von seinen Brüdern angehalten, sich von ihm unverweilt bezahlen zu lassen. Deodati suchte Simone auf und sagte ihm, wie er die Rechnung mit seinen Brüdern nicht ins reine bringen könne, wenn er ihm nicht die Schuld mit dem ihm den in seiner Hand befindlichen Quittungen zufolge in Antwerpen geliehenen Gelde bezahle. Turchi entschuldigte sich, so gut er konnte, wich der Zahlung aus und verschob sie von einem Tage zum andern. Die Brüder trieben andererseits den Gieronimo unaufhörlich an, nicht auf das Geschwätz des Turchi zu achten, und die Sache kam so weit, daß Gieronimo die Schuldscheine vor Gericht brachte und Simone von den Häschern auf dem Marktplatz von Lucca festgenommen und ins Gefängnis gebracht wurde. Er mußte also, wenn er aus dem Gefängnis entlassen werden wollte, die Schuld befriedigen, die er gegen Deodati hatte. Er aber hielt sich dadurch für schwer beleidigt, und es entstand in seinem Herzen ein wilder, unauslöschlicher Haß gegen Gieronimo, wiewohl er ihn äußerlich sich nicht anmerken ließ. Er hörte aber doch nicht auf, beständig nachzuspüren und auf Mittel und Wege zu sinnen, um sich zum unendlichen Schaden des Deodati zu rächen.

Unterdessen kehrten beide, aber nicht mehr miteinander, nach Antwerpen zurück, und da die Feindschaft schon unter ihnen begonnen hatte, gingen sie nicht mehr vertraulich miteinander um wie das erstemal. Dennoch waren sie beide unverdrossen im Dienste des Fräulein Verue. Als eines Tages in größerer Gesellschaft von Simone und seinen Angelegenheiten die Rede war, sagte Gieronimo ziemlich geringschätzig, er wisse nicht, was Turchi in Antwerpen tun könne, als Zwischenhändler werden oder das, was wir in Italien »Sensal« nennen: denn er selbst habe keine Mittel zu einem selbständigen Handel, er besitze weder Geld noch Kredit. Diese Äußerung schürte in hohem Maße den Haß, von dem Turchi gegen Deodati entbrannt war, und machte es wie die vom Blasebalg angefachten Kohlen, die, wenn Wasser auf sie gespritzt wird, sich nur noch mehr entzünden und größere Kraft und Leben gewinnen. So erwachte also Turchis Haß gegen Gieronimo von neuem und wurde viel größer und bitterer, wiewohl er sich geheimhielt. Einer von den Weisen Griechenlands hat den Ausspruch getan: wenn man in das menschliche Herz blicken und sehen könnte, was für Wahnsinn und Aberwitz dasselbe durchzieht, wenn man zornig, ganz der Rachelust hingegeben und voll Unwillens ist, so würde man ein heißes Gefäß sehen wie einen vollen Topf, wenn ein großes Feuer darunter angezündet ist und das Wasser darin in glühenden Kreisen schäumt und wallt. So brauste es in Turchis Gemüt: bald kam ihm dieser, bald jener Gedanke; immer quälte es ihn; alle seine Sinne zielten nur auf Tod und Untergang Deodatis. Doch verbarg er als ein echter zweiter Simon seine bösen und in Wut alles Maß überschreitenden Pläne zu seinem Nachteil und sagte, Gieronimo täusche sich, er sei Manns genug, um für sich Geschäfte zu machen.

Beide fuhren beharrlich fort, nebst vielen andern, Fräulein Verue den Hof zu machen; allmählich fingen sie an, sich zu beruhigen, und es schien, als seien sie wieder gute Freunde geworden. Dieses Fräulein Verue begünstigte, wie man deutlich sah, Turchis Bewerbungen vor andern, sei es, daß er ihr gefiel, oder weil er besonders reichlich ihr schenkte, was er hatte; denn er machte hier in der Tat großen Aufwand und weit mehr, als sein Stand mit sich brachte. Einige glaubten, Simone habe ihre letzte Gunst genossen, wie denn die Menschen immer geeigneter sind, das Böse zu glauben, als das Gute. Soll ich sagen, was ich davon hörte, als ich in Antwerpen war, so rührten alle diese Verdächtigungen von Neidern und Verleumdern her. Was nun auch der Grund sein mochte, Turchi wußte es so geschickt anzufangen mit Worten und Handlungen und verstand so gut zu schwatzen, daß er das Fräulein überredete und dahin brachte, einen Teil ihrer Besitzungen zu verkaufen und das Geld auf Gewinn in der Bank anzulegen, nachdem er ihr mit eindringlichen Gründen den großen Vorteil nachgewiesen hatte, der daraus erwachsen würde. Sie folgte seinem Rate, verkaufte von ihrer Habe im Wert von vier- bis fünftausend Talern und händigte den baren Erlös dem Turchi ein. Sobald Simone diese ansehnliche Summe erhalten hatte, assoziierte er sich mit Vicenzo Castrucci aus Lucca und fing ein Handelsgeschäft an. Um aber dem Dienste des Fräulein Verue um so ungestörter leben zu können, überließ er die Sorge für die Bank seinem Neffen Gioseffo Turchi.

Die besagte Handelsgenossenschaft dauerte etwa drei Jahre und löste sich auf durch Castruccis Tod. Unterdessen war Simone, wie es schien, wieder in Deodatis Freundschaft vollständig eingetreten, und nach einiger Zeit bat ihn Turchi, er möchte ihm den Gefallen tun, ihm dreitausend Taler nach Spanien zu leihen. Gieronimo, der sorglos und, wie man sagt, in den Tag hinein lebte, tat es gerne, und zur festgesetzten Zeit erhielt er von ihm die schuldige Zahlung. Unterdessen vergesellte sich Turchi mit den Gigli aus Lucca, die in Antwerpen Bank hielten, und Gieronimo erwartete von einem Tage zum andern die Frau, die er genommen hatte (es war eine Tochter von Gian Bernardini, einem Edelmann aus Lucca); dessenungeachtet besuchte er noch immer Fräulein Verue, die ihn sehr freundlich aufnahm und als Freund, nicht als Diener behandelte, seit sie gehört hatte, daß er eine Frau genommen.

Fräulein Verue bekam nun, ich weiß nicht wie, einigen Verdacht, es möchte mit Turchis Angelegenheiten nicht zum besten gehen, da sie sah, wie nachlässig er seine Handelschaft besorgte; darum fürchtete sie auch für das Geld, das sie ihm eingehändigt hatte, um es arbeiten zu lassen. Sie war von einigen Lucchesen und andern gewarnt worden und schwankte mehrere Tage, ob sie mit ihm davon sprechen sollte. Endlich beschloß sie, mit Deodati zu reden und ihn zu Rat zu ziehen; sie bat ihn inständig, ihr seine Ansicht zu sagen und was er tun würde, wenn er in ihrem Falle wäre; als sie nun eines Tages lange und allein sich mit ihm unterhielt, schüttete sie ihr Herz vor ihm aus, und Gieronimo antwortete ihr folgendermaßen: »Liebes Fräulein, da Ihr mir die Güte erweiset, in diesem Euch bedrängenden Falle mich um meine Äußerung anzugehen, würde ich glauben, das größte Unrecht zu begehen, wenn ich nicht frei, da ich Euch ein ergebener und getreuer Diener stets gewesen bin und noch jetzt bin, Euch sagte, was meiner aufrichtigen Meinung zufolge Euer Vorteil erheischt und was ich selbst tun würde, wenn es sich um meine Interessen handelte. Ihr versichert mich, daß viele von meinen Landsleuten und noch andere Euch gewarnt und geraten haben, Euch der Summen genau zu versichern, die Ihr dem Turchi anvertraut habt. Ich bin in der Tat derselben Ansicht, und zwar je früher, je besser. Ich rate Euch daher, eines von beiden zu tun, nämlich das Geld zurückzunehmen oder doch zu veranlassen, daß die Gigli, rechtliche und zuverlässige Kaufleute, die ganze Summe samt dem in der Zeit daraus erwachsenen Gewinn als ihre Schuld gegen Euch anerkennen.«

Dieser kluge Rat gefiel Fräulein Verue ausnehmend, und sie beschloß ihn auszuführen. Sie nahm also die Gelegenheit wahr und entdeckte Simone ihren Wunsch mit der Bemerkung, es sei ihr dies von vielen, namentlich Lucchesen angeraten worden. Nach der Versicherung von einigen nannte sie dabei Deodati ausdrücklich; und es ist auch in der Tat ein großer Fehler, etwas, was geheim bleiben soll, Frauen zu erzählen: denn in der Tat, die meisten von ihnen verstehen nichts zu verschweigen, wenn sie nicht ihren Vorteil dabei sehen. Daher pflegte Cato Censorius zu sagen, man müsse über nichts mehr bekümmert sein, als wenn man etwas, was geheimgehalten werden sollte, einem Weibe anvertraut habe. Bekanntlich sind in der Regel fast alle Frauen ehrgeizig und meinen alle, weit mehr zu wissen, als sie wissen, und alle wünschen, in Ansehen zu stehen, als seien sie im Besitze einer großen Herrschaft; ja oftmals entschlüpft einigen die Äußerung, wenn sie das Szepter in der Hand hätten, wüßten sie besser einen Staat zu regieren als die Männer. Und ich glaube gerne, daß sie manchmal die Wahrheit sagen gegenüber von vielen Männern von so wenig Verstand und geringer Fähigkeit in tüchtigem Tun, daß sie das Wasser nicht verdienen, das sie zum Waschen der Hände brauchen. Aber ich will jetzt nicht den Richter machen zwischen Männern und Weibern, sintemal ja meine Mutter ein Weib war und ich ein Mann geboren bin. Es genüge, euch für jetzt zu sagen, daß Gieronimo seine Sache nicht eben gut machte, indem er vor Fräulein Verue Schlechtes von Turchi sagte; denn er konnte sie nicht auffordern, das Geld ihm aus der Hand zu nehmen, als weil er es schlecht verwaltete und weil er nicht zuverlässig war, und somit stellte er ihn als einen Menschen hin, der seine Angelegenheiten nicht in Ordnung zu halten verstehe. Andererseits aber machte auch die Dame einen Fehler und noch viel mehr, indem sie dem Turchi anvertraute, wer ihr diesen Rat gegeben habe. Es wäre schon genug gewesen, ihm zu sagen, einige rechtschaffene Kaufleute hätten sie warnend aufgefordert, sich ihres Eigentums zu versichern, ohne sich auf irgendwelche Einzelheit einzulassen. Das mußte ich hier bemerken; denn Turchi hielt sich schon für beleidigt durch die Gefangenschaft in Lucca, dann wieder in Antwerpen, weil Gieronimo sagte, er wisse nicht, was er anfangen könne, wenn er nicht Makler werden wolle; und wiewohl er sich hernach mit ihm versöhnt hatte, war er doch entschlossen, sich dafür an ihm zu rächen; später hatte der Umstand, daß er ihm dreitausend Dukaten für Spanien lieh, die Bitterkeit seines alten Hasses so versüßt, daß er fast ganz erloschen war, wie Simone später, als er verbrannt werden sollte, eingestand. Diese letzte Beleidigung aber, die er für die größte und herbste erachtete, war Veranlassung, daß die nur schlummernde Glut des alten Hasses von neuem so aufloderte und sich entflammte, daß Simone sich vornahm, Gieronimo aus dem Wege zu räumen, entstehe daraus, was da wolle. Dazu kam noch, daß er sich in diesem schlimmen Vorsatz um so mehr befestigte, als einige Tage zuvor, indem er nachts umherging, einer seiner Feinde ihm eine garstige Schmarre ins Gesicht gehauen hatte; er glaubte nun, Gieronimo sei derjenige gewesen, der ihn verwundet hatte. Er täuschte sich übrigens hierin sehr, wie man später entdeckte, wo man den, der ihn geschlagen hatte, ausfindig machte. Außerdem muß ich bemerken, was ich von vielen glaubwürdigen Leuten gehört habe, daß Simone ein Mann von der bösesten Gemütsart und den schlechtesten Sitten war, und unter andern Scharten hatte er die schärfste und giftigste Zunge, von der man jemals gehört hat. Um Zwietracht zwischen Freunden zu stiften, war er wundersam geschickt, und er zettelte seine trügerischen Fäden so meisterhaft, daß er sie als wahrscheinlich hinstellte. Kurz, er war ein Pfuhl jedes Lasters und jeder Bosheit, und während es Pflicht ist, mit dem Unglück des Nächsten Mitleid zu haben und sich über sein Wohlergehen zu freuen, tat er gerade das Gegenteil. Er konnte die von verschiedenen Tyrannen verübten Grausamkeiten höchlich loben Und gab sich Mühe, die Art, eine solche auszuführen, zu erlernen. Dann führte er beständig im Munde, es gebe nichts Süßeres auf der Welt, als für erfahrene Beleidigungen eine möglichst grausame Rache zu nehmen.

Der furchtbare Kitzel der Rache hatte ihm so sehr den Kopf eingenommen, daß er Gieronimo umbringen und auf so schauerliche Weise zurichten wollte, daß man auf lange Zeiten hin von ihm sprechen müsse; überdies wollte er sich in einer Art rächen, daß ihm die Gerechtigkeit nichts anhaben könne und doch jedermann wisse, daß er der Mörder gewesen sei. Nachdem er diesen ruchlosen, aber festen Entschluß gefaßt, fiel es ihm ein, Gift anzuwenden. Da er aber nicht wußte, wie er welches bekommen solle, ohne daß man es erführe, stand er von diesem Plane als einem leichtsinnigen und gefährlichen ab und beschloß bei sich, die Sache mit dem Eisen auszuführen. Er war indes gichtisch und schwach in den Armen und Händen und erkannte, daß seine Kräfte nicht hinreichten, um den Mord auszuführen, und daß er einen Genossen haben müsse zu einem solchen Zwecke. Die Verwaltung der Bank hatte er, wie gesagt, seinem Neffen Gioseffo überlassen: dem wollte er sich nicht anvertrauen; er wandte sich daher an einen Diener, den er hatte, einen gewissen Giulio aus der Romagna: dem sagte er, er wolle Deodati umbringen. Der gottlose, verräterische Romagner, der von gleicher Gemütsart wie Turchi war, erbot sich, alles auszuführen.

Die Gigli hatten, Simone zu ehren, da sie seine böse Natur nicht kannten, ihm in den letzten Tagen die Geschäftsführung der Bank gewährt und ihm darüber den Vollmachtsbrief zugesandt. So ließ denn Simone als Sachwalter der Gigli in ihrem Namen durch einen öffentlichen Notar ein Schriftstück aufsetzen, wodurch die Gigli gegen Fräulein Verue sich als Schuldner für die Summe bekannten, die sie dem Turchi übergeben hatte. Damit war sie denn zufriedengestellt. Nun wuchs aber in Turchi täglich mehr das Verlangen, den Gieronimo totzuschlagen; da begab es sich einstmals, daß er beim Besuche im Hause einer Base von Fräulein Verue eine eigentümliche Art von Stuhl sah: sobald man darauf saß, senkte sich nämlich plötzlich der Sitz, und von den Seiten, worauf man die Arme zu stützen pflegt, fuhren aus dem Holze zwei dicke und starke Eisen, die in die Rippen des Sitzenden dermaßen eindrangen, daß dieser völlig eingeklemmt war und sich nicht rühren, viel weniger aber hinwegkommen konnte ohne einen besonders dazu gehörigen Schlüssel. Diesen Sitz ließ sich Turchi leihen und in seinen Garten bringen, wo er öfters Schmause für Fräulein Verue und andere gab.

Nachdem er nun beschlossen hatte, sich des besagten Sessels zu seinem Zwecke zu bedienen, sagte er, als er eines Tages mit Deodati sprach, er habe in seinem Garten den schönsten Blumenkohl, den man je in Antwerpen gesehen. Gieronimo fragte, ob er davon haben könne, um ihn auch in seinem Garten zu pflanzen; Turchi antwortete, er solle kommen, wann er wolle, und sich die Stöcke auswählen, die ihm am besten gefallen. Deodati beeilte sich indes nicht, hinzugehen, da er vielleicht durch andere Geschäfte verhindert war. Als Simone dies sah, sagte er eines Tages ganz früh zu Deodati: »Gieronimo, es ist ein Kaufmann von Lyon gekommen, der für jetzt nicht in Antwerpen gekannt sein will und sich in meinen Garten zurückgezogen hat. Er läßt dich durch mich ersuchen, dahin zu kommen; denn er hat über Dinge von höchster Wichtigkeit mit dir zu sprechen.«

Gieronimo glaubte dem Turchi und versprach zu kommen; auch ging er wirklich gleich nach dem Essen hin. Da er aber den Kaufmann nicht dort fand, fragte er, wo er sei. Turchi antwortete, er sei zu einem Geschäfte weggegangen, werde aber sogleich zurückkommen. In dem Augenblicke kam der Schurke von Romagner herbei und meldete, der Kaufmann komme; und da er sah, daß Deodati neben dem kunstvollen Sessel stand, packte er ihn unvermutet und setzte ihn hinein. Gieronimo meinte anfangs, der Romagner mache Spaß; doch war er nicht so bald niedergesessen, als er merkte, daß er eingeklemmt und gefangen war, und er wußte in der Bestürzung gar nicht, was er sagen sollte. Der verruchte Romagner verließ den Saal und schloß die Tür. Deodati war wie im Traume, als der Verräter Turchi einen neben ihm Hegenden kurzen Säbel ergriff und sprach: »Gieronimo, du mußt dich der schweren Beleidigungen erinnern, die du mir in Lucca und hier zugefügt hast. Jetzt sind wir nicht in Lucca, wo du mich einsperren lassen kannst; jetzt bist du in meiner Gewalt. Entweder entschließe dich, mir ein Schriftstück auszustellen des Inhalts wie das hier von mir niedergeschriebene, oder ich nehme dir mit diesem Messer das Leben.«

Der arme Deodati las das Schriftstück, durch das er sich als Schuldner von einigen tausend Talern gegen Turchi bekannte. Turchi sagte, er solle ein ähnliches Schriftstück aufsetzen. Er tat es dann eigenhändig, unterschrieb es und setzte das Datum um einige Monate zurück. Viele versichern, das Schriftstück sei andern Inhalts gewesen, Gieronimo nämlich bekenne darin, gegen Turchi in Lucca böslich verfahren zu sein; auch sei er es gewesen, der ihm die Schmarre über das Gesicht gehauen habe, damit sich ergebe, daß Turchi einen gerechten Grund gehabt habe, ihn umzubringen. Sei dem aber, wie ihm wolle, beides ist möglich. Nachdem Turchi das Schriftstück in Händen und zu sich gesteckt hatte, zog er den Säbel und versetzte dem Deodati einen Hieb über den Kopf. Da er aber schwach war, verwundete er ihn nur wenig am Schädel und an der Wange.

Der arme Gieronimo bat kläglich um Gnade: »Um Gottes willen«, rief er, »habt Erbarmen und bringt mich nicht um!«

Sei es, daß sich das Mitleid in Turchi regte, oder weil er sich nicht stark genug fühlte, was glaublicher ist, oder was immer der Grund sein mochte, – er warf den Säbel zu Boden und lief hinaus. Dort traf er Giulio, der auf ihn wartete, und sprach zu ihm: »Ich habe ihm eine Wunde beigebracht; ich kann mich aber nicht überwinden, ihn zu töten. Was sollen wir tun?«

»Was wir tun sollen?« antwortete der verruchte Romagner. »Lieber Herr, da wir den Tanz angefangen haben, müssen wir ihn auch zu Ende führen und ihn umbringen. Sonst, wenn die Sache hierbei ihr Bewenden hat, bringt er uns um den Hals.«

»So geh du«, versetzte Turchi, »und nimm ihm vollends das Leben!«

Giulio mochte in der Romagna bei ihren verwünschten Parteiungen, wo sie selbst die Kinder in der Wiege und Leute in den Kirchen umbringen, auf hundert Morde gekommen sein; so trat er denn jetzt in den Saal, hob den Säbel auf und ging auf den unglücklichen Deodati zu, der, als er ihn hinter sich herkommen sah, mit rührender Stimme zu ihm sagte: »Ach, Giulio, um Gottes Barmherzigkeit willen, bringt mich nicht um! Ich habe dir ja nie etwas zuleide getan. Wenn du mich von hier erlösen willst, so stelle ich dir im Augenblick eine eigenhändige Urkunde aus für zwei- oder dreitausend Dukaten oder noch viel mehr, wenn du mehr begehrst, und verspreche dir bei meiner Ehre, dir nie weder mit Worten noch mit Taten etwas zuleide zu tun.«

Er wollte noch weiter reden; aber der grausame Romagner versetzte ihm einen tödlichen Hieb auf den Kopf und ein paar Faustschläge auf die Brust, so daß der unglückliche Gieronimo elendiglich ums Leben kam. Als dieser schauderhafte Mord vollbracht war, trat Simone herein, machte ihn mit Giulios Hilfe vom Sessel los und schleppte die Leiche hinaus. Da ihn nun beide nicht tragen konnten, schleiften sie ihn auf dem Boden in den Keller hinab und begruben ihn dort in einem Winkel. Dann gingen sie ihren Geschäften nach, wobei sie so heiter und aufgeräumt aussahen, als hätten sie eine fromme, löbliche Handlung vollbracht.

Am Abend ward Gieronimo umsonst von den Seinigen erwartet: er kam nicht zu Tische noch zum Schlafen nach Hause. Da sich auch am folgenden Tage Gieronimo nirgends zeigte, entstanden in Antwerpen die verschiedensten Gerüchte. Die zwei Gerichtshalter, der bürgerliche und der Strafrichter, waren Vettern des Fräulein Verue; mit beiden war Turchi genau bekannt, und oft pflegten sie in traulichem Kreise zusammen zu speisen. Darum ging dieser Turchi am zweiten Tage nach vollbrachtem Morde zum Nachtessen zu dem bürgerlichen Richter, um zu erkunden, was man von Deodati sage. Sobald daher das Gespräch auf diesen Vorfall kam und wie auffallend es sei, daß sich gar keine Spur von Gieronimo zeige, wohin er gegangen sei, sagte Turchi: »Da gilt es, lieber Herr, alle Sorgfalt anzuwenden, um zu sehen, ob es möglich ist, etwas von ihm zu erspähen.«

»Wir haben«, fügte der Richter hinzu, »heute im Rate beschlossen, morgen alle Gärten und Häuser zu durchsuchen, die auf der Seite liegen, wo auch ich meinen Garten habe, und man wird nicht ermangeln, alle Plätze zu durchstöbern, die er zu besuchen pflegte.«

Simone sagte, das sei sehr wohlgetan, konnte aber nicht erwarten, bis er von hier wegkam. Sobald fertiggegessen war, nahm er auch unter irgendeinem Vorwand Abschied und sagte, als er nach Hause kam, zu Giulio: »Wir müssen Argusaugen haben, Giulio, und heute nacht sorgen, daß wir nicht morgen früh überrascht werden.«

Dann erzählte er ihm von dem im Rate gefaßten Beschluß und fügte hinzu: »Du weißt, daß der Sessel noch voll Blut ist. Du mußt nun im Augenblick in den Garten gehen und den Stuhl ganz rein waschen, so daß auch kein Tröpfchen Blut mehr daran bleibt. Auch ist die Wand der Mauer, an der der Sessel lehnte, von Blut, das hinaufspritzte, beschmutzt. Deswegen muß man auch die Wand reinigen und genau und sorgfältig auf dem Pflaster zusehen, ob, als wir den Leichnam in den Keller schleppten, die Wunden die Stelle mit Blut befleckt haben, damit auch nicht das geringste Fleckchen Blut übrigbleibe; denn die Angabe, man wolle alle jene Stellen durchsuchen, bringt mich auf die Besorgnis, es könne ein Zeichen oder ein Verdacht des Geschehenen vorhanden sein, oder es argwöhne wenigstens der Richter das Vorgefallene. Wenn dann alles geschehen ist, was ich dir gesagt habe, so mußt du die Leiche ausgraben, auf den Rücken nehmen und in den Brunnen werfen, dort am Kreuzwege, wo die drei Straßen zusammenlaufen. Die Nacht wird finster werden, und niemand geht um diese Stunde auf der Straße; auf diese Weise können wir uns also ganz sicherstellen.«

Giulio antwortete, er werde alles pünktlich ausführen; nur dazu habe er den Mut nicht, jene Leiche zu tragen: sie sei gar zu schwer, und er solle sich erinnern, daß, als sie sie beerdigt hätten, sie kaum selbander imstande gewesen seien, sie auf dem Boden zu schleppen.

»Wohlan«, fügte Simone hinzu, »geh und besorge indes das übrige! Ich will dir dann den Piemontesen schicken und ihm auftragen, zu tun, was du ihm angibst. Aber hab acht darauf, sobald ihr den Leichnam in den Brunnen geworfen habt, daß du womöglich durch List es dahin bringst, den Piemontesen gleich darauf hinunterzustürzen! Der Brunnen ist sehr tief, und wenn er hineinfällt, muß er im Augenblick ertrinken. Wenn dir aber das nicht gelingen sollte, so weißt du, daß er keine Waffen bei sich hat und feiger ist als ein Kaninchen. Gürte den kleinen Säbel um, bring ihn damit ums Leben und laß ihn dort auf der Straße liegen! Wer wird dann auf die Vermutung kommen, daß er durch uns umgekommen sei?«

Nun seht, wie weit dieser Turchi es in der Verruchtheit gebracht hatte! Nicht zufrieden, den armen Deodati grausam ermordet und ums Leben gebracht zu haben, wollte er nun auch noch den Piemontesen umbringen, der einer seiner Diener war und ihn nie beleidigt hatte.

Nachdem diese Verabredung mit Giulio getroffen war, ging dieser hinweg, um das Haus zu reinigen und zu fegen, wie man ihm befohlen hatte. Simone rief sodann, sobald es ihm gelegene Zeit schien, den Piemontesen zu sich, befahl ihm, sogleich in den Garten zu gehen und zu tun, was Giulio ihm auftragen werde. Der Piemontese ging hin, pochte an der Tür und wurde, nachdem er sich durch seine Stimme zu erkennen gegeben hatte, von Giulio eingeführt. Giulio hatte ein Licht in der Hand, ging voraus und sagte zu dem Piemontesen, er solle ihm folgen. Schon war er fertig geworden mit der Reinigung des Stuhls, hatte überall die Blutspuren aufgewaschen und die Leiche fast ganz wieder ausgegraben. Als sie in den Keller kamen, stellte Giulio das Licht auf eine Bank und sprach: »Piemontese, hilf mir diesen Leichnam aus dieser Grube ziehen!«

»Weh«, antwortete dieser, »wer ist dieser Tote?« »Forsche nicht weiter!«, rief ihm Giulio zu, »sondern hilf mir ohne Umstände! Wir müssen ihn an den Brunnen tragen und dort hinunterwerfen.«

Der Piemontese war ein guter, schüchterner Mensch; er wußte, daß der Romagner ein ganz böser, frecher und handfertiger Bursche war, und tat also, was er wollte. Sie zogen die Leiche heraus, und nun erkannte der Piemontese an Gesicht und Kleidern sogleich darin den armen Deodati. Er wunderte sich darob nicht wenig, wagte aber doch nichts zu sagen. Sie packten nun die Leiche, der eine an den Füßen, der andere am Kopf, und gingen zum Garten hinaus. Sobald sie vor dem Tore waren, ließ der Piemontese den Körper zu Boden fallen und fing an, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, zu laufen und zu fliehen; so daß Giulio in der Überraschung nicht so gewandt war, ihm zu folgen, da jener schon einen Vorsprang gewonnen hatte. Giulio lief ihm eine gute Strecke nach, verlor aber in der Dunkelheit der Nacht seine Spur und kehrte, da er seinen Tritt nicht mehr hörte, an den Garten zurück, wo er sich alle Mühe gab, den Leichnam in den Brunnen zu schleppen, aber umsonst. Er schleifte ihn daher ins Haus zurück, denn er war noch nicht vier Schritte vor dem Tor, schloß den Eingang und eilte ganz bestürzt und höchst verdrießlich zu Simone und erzählte ihm alles, was vorgegangen war. Turchi war fast in Verzweiflung und wußte nicht, was anfangen, da er seinen Untergang vor Augen sah. Da begann Giulio also zu sprechen: »Ich weiß nicht, wohin dieser feige Hund von Piemontesen geflohen ist; aber da er weiß, daß ich den Leichnam Gieronimos ausgegraben habe, den er ohne Zweifel erkannt haben wird, so bin ich in Todesgefahr. Mir scheint es unumgänglich, daß ich entfliehe, denn der Piemontese klagt mich an, und wenn ich geflohen bin, Ihr aber hierbleibt, so ergibt sich daraus offenbar, daß nicht Ihr des Todes Gieronimos schuldig seid, sondern ich.«

Dem Turchi gefiel der Rat des Romagners wohl. Er gab ihm daher alles Geld, was er im Beutel hatte, außerdem zwei goldene Ketten, die er in seiner Tasche fand, und die je etwa dreißig bis dreiunddreißig Taler schwer sein mochten, und versprach ihm, wohin er ginge, ihn immer mit Geld zu unterstützen. Giulio ging, als man die Tore der Stadt öffnete, hinaus und wandte sich nach Aachen.

Der Piemontese irrte die ganze Nacht umher, indem er bei sich überlegte, was er tun solle. Simone, voll schwerer Gedanken, konnte auch nicht schlafen und wußte nicht, was anfangen. Mehrmals entschloß er sich, sobald der Tag komme, zu fliehen; dann schien es ihm aber wieder, er mache sich dadurch in hohem Grade verdächtig und des vollbrachten Mordes schuldig, und da Giulio weggegangen sei, sei es sicherer für ihn, zu bleiben. Sobald es Tag wurde, suchte der Piemontese die Leute des Deodati auf und erzählte ihnen, was vorgefallen war. Dies wurde, ich weiß nicht auf welche Art, sogleich dem Simone hinterbracht. Sobald er es erfuhr, ging er in das Haus des Strafrichters und machte ihm die Anzeige, er habe gehört, daß Giulio, sein Diener, den Deodati umgebracht habe und entflohen sei. Sobald der Gerichtshalter diese Angabe erhalten hatte, suchte er seinen Oheim, einen alten und in gerichtlichen Angelegenheiten sehr gewandten Mann, auf, der auch zu seinen Gunsten auf diese Gerichtsstelle verzichtet hatte, und teilte ihm mit, was ihm über den Tod des Deodati hinterbracht worden war. Der Alte fragte ihn, ob er den Turchi festgehalten habe; er sagte: »Nein«. Dafür tadelte ihn der Oheim heftig und trug ihm auf, ihn sogleich verhaften zu lassen.

Unterdessen waren die Leute des Gieronimo, als sie den schweren und schändlichen Vorfall vernommen, zu einigen Landsleuten, die mit Gieronimo befreundet waren, gegangen, um sie zu Rat zu ziehen, was sie in diesem Falle zu tun hätten, so daß allmählich in ganz Antwerpen der Greuel dieses schändlichen Mordes bekannt wurde. Der Strafrichter schickte sogleich nach Simone und befahl ihm, als er kam, dieses Haus nicht mehr zu verlassen. Er antwortete, er werde gehorchen. Der Richter bemerkte, daß Turchi, als er diesen Befehl empfing, ganz erblaßte, und schöpfte daraus nicht geringen Verdacht, er werde schuldig sein.

Simone hatte noch Gieronimos eigenhändige Verschreibung in der Tasche. Er nahm sie, trat an das Feuer, das im Kamin brannte, und warf sie hinein. Der Gerichtshalter bemerkte dies und fragte ihn, was er hier verbrannt habe; er erhielt zur Antwort, es sei ein Papier ohne Belang. Während dies vorging, kamen die Freunde Deodatis und brachten den Piemontesen mit sich, der dem Gerichtshalter in einem geheimen Verhör Punkt für Punkt erzählte, was ihm begegnet war. Er sagte zu Deodatis Freunden, sie sollten nur ruhig sein: es werde alle Gerechtigkeit geübt werden, die ein so ungeheurer Fall erfordere. Er behielt den Piemontesen bei sich, den er, als die andern weggegangen waren, dem Turchi gegenüberstellte. Simone konnte nicht leugnen, daß er dem Piemontesen befohlen habe, nach dem Garten zu gehen und Giulio zu gehorchen, gab aber als Grund dieses Befehls an, Giulio habe ihm gesagt, er müsse einige Bettstellen rücken und aufschlagen, womit er nicht allein fertig werden könne. Doch sagte er dies so zaghaft, daß er großen Verdacht gegen sich erweckte. Deshalb ward er denn ins Gefängnis gebracht. Der Piemontese blieb im Hause des Richters. Man ließ den Leichnam Deodatis holen; er wurde vor Turchi gebracht, mehr um dem Verlangen vieler zu genügen, welche behaupteten, wenn Simone ihn getötet habe, so werden die Wunden von Blute triefen. Allein dieser Glaube ermangelt der Begründung, und um so mehr in unserem Fall, als in jenem Leichnam gar kein Blut mehr übriggeblieben war. Turchi wurde gefragt, wessen Leiche dies sei; er antwortete, es scheine ihm der Körper des Deodati. Der Gerichtsrat versammelte sich, und es wurde beraten, was mit Turchi anzufangen sei, ob man ihn foltern könne oder nicht. Die Meinungen waren geteilt, und man kam langsam vorwärts; denn viele glaubten, es sei kein Grund zur Folter vorhanden.

Die Sache zog sich in die Länge; Giulio war indessen in Aachen angelangt und beschloß einen Boten nach Antwerpen zu schicken, um Turchi zu benachrichtigen, wo er sei, und um sich einige Kleider bringen zu lassen, die er in Antwerpen im Hause einer Dirne liegen hatte, mit der er in vertrautem Umgang lebte. Er schrieb also an Simone, er sei in Aachen, und wenn man ihn nach Gieronimos Tode frage, solle er antworten, er wisse nichts davon, und wenn der Leichnam in seinem Garten gefunden worden sei, so glaube er sicher, Giulio sei der Mörder gewesen, was seine Flucht auf das deutlichste ausweise. Als dieser Brief fertig war, unterrichtete er einen Landmann, wie er sich zu verhalten habe, um den Turchi zu finden, und schickte ihn nach Antwerpen. Der Landmann ging hin, vergaß aber unterwegs den Namen des Turchi, konnte auch nicht lesen, und da er nach Turchi sich erkundigen wollte, nannte er, ich weiß nicht recht wie, den Namen des Romagners Giulio. Da es nun überall hieß, der Romagner habe den Deodati ermordet, brachte ein zufällig anwesender, mit dem Strafrichter bekannter Bürger den Landmann in das Haus dieses Richters. Dort wurde der arme Mensch verhört und übergab den an Turchi gerichteten Brief dem Richter. Der Richter las den Brief, verhörte Simone von neuem und ließ ihn nun auf die Folter spannen. Der schuftige Turchi aber, wie er auch bei der Ermordung Gieronimos kleinmütig gewesen war, weinte wie ein gepeitschtes Kind und bekannte, ohne die Folter zu erwarten, auf das kleinmütigste seinen Mord.

Der Prozeß wurde ihm nun gemacht; der Schuldige bestätigte seine Bekenntnisse von neuem, das Endurteil ward gefällt und dem Turchi zuerkannt, daß er öffentlich auf dem Marktplatze von Antwerpen mit kleinem und langsamem Feuer verbrannt werden solle. Als der armselige Turchi den grausamen Tod hörte, den er erdulden sollte, war er eine gute Weile wie außer sich und wußte wie verzweifelt sich nicht zum Tode zu entschließen, und doch sah er die Notwendigkeit vor sich, in kurzem zu sterben. Man schickte ihm einen Priester, um ihn zu veranlassen, zu beichten und geduldig den verdienten Tod zu erdulden, um Abbüßung seiner Sünden zu gewinnen durch die Kraft des Leidens unseres Erlösers; man schickte ihm einen italienischen Franziskanermönch, einen sehr beredten, tugendhaften Mann. Mit Hilfe Gottes predigte er ihm auch so kräftig und ermahnte ihn so eindringlich, daß der arme Turchi mit großer Zerknirschung eine allgemeine Beichte ablegte und sich bereitete, den Tod mit aller möglichen Geduld zu ertragen. Der fromme Bruder bat ihn, wenn er verbrannt würde und er zu ihm sage: »Simone, nun kommt die Stunde der Buße«, zu antworten: »Ja, Vater!«

Turchi versprach es zu tun.

Am festgesetzten Tage wurde er in denselben Stuhl eingezwängt, in dem Gieronimo ermordet worden war, auf einen Karren gesetzt und durch alle Straßen Antwerpens geführt; der gute Bruder begleitete ihn fortwährend und sprach ihm Trost zu. Als man aber an den Markt kam, wurde der Stuhl mit dem darin eingeklemmten Simone herabgenommen und von den Gerichtsdienern rings um ihn her ein nicht sehr großes Feuer angezündet. Sie legten Holz zu, wie es erforderlich war, doch immer so, daß das Feuer nicht zu heftig wurde und der unglückliche Turchi ganz allmählich unter den größten Qualen briet. Der edle Mönch stand so nahe bei ihm, als die Glut des Feuers es erlaubte, und sprach gar oft zu ihm: »Simone, das ist die fruchtreiche Stunde der Buße.«

Der arme Mensch hatte kaum Atem, um zu reden, antwortete aber immer: »Ja, Vater!«

Und soviel sich aus äußerlichen Handlungen entnehmen und urteilen läßt, zeigte der arme Turchi die größte Zerknirschung und Geduld und ließ sich den bittern und schmählichen Tod gerne gefallen, den der Unglückliche erdulden mußte.

Als sie ihn sodann tot sahen, nahmen sie den Leichnam, ehe ihn das Feuer ganz verzehrt hatte, halb verbrannt heraus, trugen ihn vor die Stadt und banden ihn an einen hohen Balken, mit eisernen Ketten gefesselt, und gürteten ihm den Pistojer Säbel um, womit er den Deodati umgebracht hatte. Dieser Balken ward fest in die Erde gerammt an einer viel gebrauchten Hauptstraße, damit jedermann sehe, welch ein schmählicher Tod dem widerfahren sei, der einen solchen Mord so grausam ausgeführt hatte.

Ich glaube nun gerne, daß der arme Simone seine Sünden bereute und, wie der Augenschein ergab, zum Tode gefaßt war, und da er einmal durchaus sterben mußte, auch sich wenig darum kümmerte, welches Todes er sterben müsse, wenn er nur ohne Schmach und Schande gestorben wäre; denn nicht die Art der Todesstrafe, sondern die Ursache desselben ist es, die den Tod verabscheuenswürdig und schimpflich macht. Die Tugend kann jede Art des Todes zu Ehren bringen; der Tod aber, in welcher Weise er auch komme, kann der Tugend niemals einen Flecken anhängen.

Da der Bauer, den Giulio mit dem Briefe hergesandt hatte, von dem Richter festgehalten ward, schickte der Rat von Antwerpen einen Botschafter nach Aachen an den Gerichtshof mit dem Ersuchen, den treulosen Romagner herzusenden, um ihn strenge zu bestrafen. Jene Herren wollten ihn aber nicht ausliefern; damit jedoch sein Verbrechen nicht unbestraft bleibe, ließen sie ihn festsetzen, und er bekannte den Mord, wie er vorgefallen war. Man ließ ihm daher Arme, Schenkel und Beine abschlagen, die Brust zerstoßen und flocht ihn sodann auf ein Rad, wo er nach zwei Tagen verdientermaßen starb.

Um nun aber zu schließen, so kann man sagen, daß, wer das Ende seiner Handlungen wohlbedenkt, selten schlecht handelt; und wer nicht daran denkt, der lebt und stirbt wie ein Tier. Daher kann man behaupten, daß dieses unser Leben ein wogendes Meer sei voll alles Elends. Auch muß ich euch sagen, daß Herr Johannes der Blonde, der das Chronicon Carionis vom Latein ins Französische übersetzte, in seinen Zugaben kurz dieses schauderhaften Falles Erwähnung tut und Simone Turchi und Gieronimo Deodati namentlich nennt, damit man nicht glaube, ich allein erzähle von diesem fluchwürdigen Morde.

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