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Istar, der Morgen- und Abendstern

Paul Scheerbart: Istar, der Morgen- und Abendstern - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer alte Orient
authorPaul Scheerbart
year1999
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-589-4
titleIstar, der Morgen- und Abendstern
pages77-82
created20010721
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Paul Scheerbart

Istar, der Morgen- und Abendstern

Babylonische Sternwarten-Novellette

Hoch oben auf der Sternwarte des Tempels in Babylon waren die Oberpriester aus ganz Babylonien zusammengekommen – siebzehn an der Zahl. Und ihr König Nabukudurusur, den die Griechen Nebukadnezar nannten, war auch dabei – oben auf der Sternwarte – als der achtzehnte.

Da saßen sie nun oben im Halbkreise auf achtzehn prächtigen Sesseln – gleichwie auf Thronen. Hinter jedem Thron brannte auf drei riesig hohen zusammengebundenen Lanzen eine eherne Schale mit Pech flackernd zum Himmel empor. Die offene Seite des Halbkreises lag nach Westen zu, wo gerade die Sonne untergegangen war.

Jetzt kamen die Sterne – und zuerst vor allen der Stern Istar – der Abendstern.

Auf der Sternwarte des Esaggil wußte man ganz genau, daß der Abendstern auch der Morgenstern war.

Hinter jedem Thron in respektvoller Entfernung standen viele Sklaven in reicher Tracht. In der Mitte des Halbkreises saß der Oberpriester des Esaggil Nabu-sumi und neben ihm zur Linken der Oberpriester Kurgal-nasir, der die Sternwarte des Esaggil leitete.

Vorne links im Halbkreise saß der Oberpriester Belsarusur, der im Tempel Ezida bei Borsippa regierte. Vorne rechts der König, dessen fein gekräuselte Barthaare bereits ergrauten.

Vor jedem der achtzehn Herren stand ein ovaler Achattisch. Auf jedem Achattisch stand eine kleine Istar-Statuette – in der Form einer Frauengestalt. Goldene Becher und Krüge mit Wein standen auch auf den Tischen – und Obst in Schalen aus Lapislazuli – und auch feuchte Tonplatten zum Schreiben mit dem Elfenbeingriffel in Keilschrift. Und kleine Öllampen brannten auf den Achattischen.

Und es wurde dunkel.

Und die Sterne wurden immer heller.

»Von der Istar«, sagte leise der Nabu-sumi, Oberpriester des Esaggil, »wollen wir jetzt reden. Dieser erhabenen Göttin wegen sind wir allhier zusammengekommen. Wir wollen versuchen, eine einheitliche Auffassung dieser erhabenen Sterngöttin festzustellen und allmählich dem Volke zu übermitteln.«

»Es ist«, sagte der Oberpriester Belsarusur vom Ezida, »nach meinem Dafürhalten nicht so wichtig, das, was wir hier feststellen wollen, dem Volke zu übermitteln. Es ist gut, wenn das Volk bei der einfachen sinnlichen Erscheinung der Istarstatuetten bleibt. Es ist nach meinem Dafürhalten nicht nötig, unsere besseren Erkenntnisse zu verbreiten. Wer weiter will, wird ja Priester. Und wer es nicht will, kann ja glauben, was die alten Leute glauben. Wir können doch nicht alle Menschen zu Priestern machen.«

»Schön wäre das schon«, bemerkte leise der König Nabukudu, »aber ich bitte sehr, nicht darüber weiter zu sprechen. Sprechen wir von der großen allmächtigen Istar, die uns als Abendstern jetzt von Westen her entgegenleuchtet – grün leuchtet sie.«

Belsarusur fährt fort:

»Es will mir möglich erscheinen, daß die Istar eine große leuchtende Glaskugel ist, in der die hehre Göttin wohnt. Zweifelhaft erscheint mir, ob die Göttin eine den Frauen ähnliche Gestalt hat. Es ist doch sehr wohl möglich, daß die Götter in anderer Gestalt erscheinen.«

Nun rief heftig der Astronom und Oberpriester Kurgal-nasir: »In welcher Gestalt aber dann? Das müssen wir doch wissen. Wir können doch nicht wie die Ägypter unsern Göttern Tiergestalten und Tierköpfe geben. In Assyrien und Babylon haben die Götter Köpfe, die den Menschen ähnlich sind.«

Belsarusur versetzte:

»Eine blumenartige Gestalt ist doch wohl möglich. Die Blume kann noch viel reicher geformt sein als alle Blumen der Erde.«

»Ich bitte«, sagte nun wieder der König Nabukudu, »auch über die Gestalt der Göttin nicht weiter zu sprechen. Mir scheint die blumenartige Gestalt in der Glaskugel wohl annehmbar zu sein. Es kann ja auch anders sein. Aber auf das Äußere kommt es doch nicht so sehr an. Das Innerliche ist wichtiger – davon wollen wir jetzt sprechen.«

Und Belsarusur fuhr abermals fort:

»Daß die Istar immer in der Nähe der Sonne ist, zeigt, daß sie gleichsam der Vezier des Sonnenkönigs ist. Die Sonne bringt die Fruchtbarkeit auf der Erde hervor. Und somit muß die Istar dem Sonnenkönig stets raten, die Fruchtbarkeit zu fördern. Ich gehe aber weiter und tiefer in dieses Mysterium zwischen König und Vezier, wenn ich sage – daß die Istar immer wieder die Umwandlung unsres ganzen Lebens herbeiführen will. Nur darum wird der Sonnengott dazu verführt, der Erde die Fruchtbarkeit beizubringen. Die soll uns alle immer wieder umwandeln, uns immer wieder ein neues Gesicht geben. Die Fruchtbarkeit führt die Völkerwanderungen herbei – und damit auch die Völkermischungen – und damit auch die Entstehung ganz neuer Rassen. Die Menschen sollen sich aber immer wieder verändern. Das ist das große Lebensgrundgesetz, das von der erhabenen Istar eingeführt wird. Wodurch aber verändern wir persönlich uns am meisten? Doch dadurch, daß wir in einem andern leben – in diesem ganz aufgehen – plötzlich so denken, wie der andre denkt. Dadurch werden wir am schnellsten anders. Dieses Aufgehen im andern – dieses Leben im andern – im andern Menschen und im andern Gott – wandelt uns immer wieder um, bringt das Fließende in unser Leben. Wir verwandeln uns so immer wieder von neuem – auch in unserm Einzelleben. Und darum steht der Tod am Ende unseres Lebens – der doch nur eine vollkommene Umwandlung in ein ganz Neues – noch ganz Unbekanntes bedeutet. Der Tod ist noch mehr als eine Völkerverschiebung. Der Tod ist vielleicht das endgültige Aufgehen in einer Gottheit – und damit die herrlichste Verwandlung in unserm Leben.«

Nabu-sumi sagte:

»Das geht aber doch nach meinem Dafürhalten zu weit, wenn wir die Istar, die Göttin des Lebens, so auch gleich mit dem Tode zusammenbringen möchten.«

Die anderen Priester brummten und nickten dazu.

Der König sagte – wieder ganz leise:

»Warum wollt ihr dagegen sein? Man muß doch mal alles auf der Erde so durchlebt haben, daß man's nicht besser mehr durchleben kann – und dann ist die vollständige Veränderung doch der einzige Weg, auf dem wir wieder zu neuem, frischem Leben gelangen können. Man kann doch nicht immer auf der Erde verwandlungs fähig sein.«

Kurgal-nasir sagte:

»Die leichteste Verwandlung sehe ich im Weine. Der macht uns sehr schnell anders.«

Alle lächelten.

Und sie tranken alle.

Und das Gespräch wurde jetzt allgemein und bald sehr heftig.

»Ist es möglich«, rief Nabu-sumi einem andern Oberpriester zu, »du meinst, daß die Istar größer ist als Babylon?«

»Freilich«, erwiderte dieser, der ein großer Astronom war, »vielleicht ist die Istar hundert Mal größer als Ägypten und Babylonien zusammen.«

Da lachten sehr viele.

Und Kurgal-nasir rief:

»Ei! vielleicht ist die Istar größer als unser großer König Nabukudu.«

Da sprang Nabukudu mit einem Ruck von seinem Thron, warf dabei seinen ovalen Achattisch um und rief:

»Freilich ist die Istar größer als Nabukudu. Sage nichts Selbstverständliches, Kurgal-nasir. Auch wenn du berauscht bist, darfst du nichts Selbstverständliches sagen. Die Götter sind sehr groß.«

Und er warf sich vor der Istar auf den Boden der Dachterrasse, berührte mit der Stirn siebenmal die Alabasterfliesen. Und die siebzehn andern Herren taten auch so, wie der König tat. Und dann setzte man sich wieder.

Und die Sklaven stellten des Königs Achattisch wieder auf seine vier Beine und brachten neuen Wein.

Man sprach sehr erregt immer nur von der Istar, pries sie als Frühlingsgöttin, als Göttin des Lebens, als Göttin der unaufhörlichen Tätigkeit – als das Fruchtbarste der Welt – als die Göttin des Lebens und des Sterbens.

Und damit ging die ganze Nacht hin.

Man ließ schließlich die Tische und die hohen Sessel zusammenrücken, um sich besser verstehen zu können.

Und oben die Pechflammen in den Schalen brannten ganz aus. Und der Morgen kam – im Osten. Kurgal-nasir sagte:

»Die Erde hat sich gedreht – wie eine Blume. Der Rand der Blume hat sich nur gedreht. Darum kam es uns so vor, als gingen die Sterne im Kreise an uns vorbei. Wenn aber die Erde nur Teil einer Blume ist – nur ein Blütenkelch – so kann die Istar doch auch eine Blume sein. Belsarusur, ich trinke auf das Wohl unserer Verwandlungsfähigkeit. Vielleicht werden wir auch noch mal ein paar Blumen.«

Da lachten alle – selbst der König.

Und dann ließ sich einer nach dem andern in Sänften von den Sklaven forttragen.

Als die Sonne aufging, war der König mit Belsarusur ganz allein auf der Dachterrasse der Sternwarte.

Der König bat den Oberpriester, mit ihm in den großen Rosengarten zu kommen.

Und die Sklaven trugen die beiden bei den ersten Sonnenstrahlen durch die prächtigsten Rosengebüsche – rechts und links immer gelbe, rote und weiße Rosen – auf den Wegen Alabasterfliesen überall; die Sklaven auf lautlosen Sandalen. Der Himmel tiefblau.

Und ein berauschender Rosenduft überall.

»Sage mal«, sagte der König Nabukudu, »weißt du ganz gewiß, daß die Fruchtbarkeit der Menschen nur dazu da ist, uns immer wieder zu verwandeln?«

»Ich glaub's!« versetzte Belsarusur leise, »das Lächerliche hat oft einen tiefen Sinn. Daß die Verwandlung durch ein Lächerliches herbeigeführt wird, schadet dieser Verwandlung doch nicht. Durch die lächerlichsten Dinge können doch die allergrößten Dinge hervorgerufen werden. Das Lächerliche schadet selbst den Göttern nicht. Denk nur an Essen und Trinken der Menschen – das ist auch lächerlich. Und doch – wir werden immer wieder auch dadurch verwandelt. Und diese Verwandlung ist etwas Erhabenes. Und das Erhabene dieser steten Verwandlung wird durch das Lächerliche nicht gestört.«

»Hat aber«, fragte der König, »das Lächerliche nicht noch einen tieferen Sinn? Den möchte ich so gerne entdecken.«

»Ja«, versetzte Belsarusur hart, »das Lächerliche soll uns darauf aufmerksam machen, daß Speisen, Getränke und schöne Frauen nicht das Höchste auf dieser Erdblume darstellen. Es gibt Höheres.«

»Wo?« fragte der König.

Und Belsarusur sprang aus seiner Sänfte, hob beide Arme zum Himmel auf und rief:

»Dort oben, wo die Sterne sind, da ist das Allergrößte – bei Istar – bei der großen Sonne. Dort müssen wir auch hin. Wir kommen nur hin, wenn wir sterben.«

Der König war auch aus der Sänfte gesprungen und ergriff Belsarusurs Hand.

Da sank der Oberpriester zur Seite in ein Rosengebüsch. Und seine Augen wurden starr – er starb. Und er lächelte, während seine Augen ganz starr in die Sonne blickten.

Der König erschrak und sah in sein Gesicht, und er näherte sein Ohr dem Munde des Oberpriesters und flüsterte:

»Bist du verwandelt? Bist du oben, wo die Sterne sind?«

Keine Antwort bekam der König.

Die Rosen dufteten berauschend. Und die Sonne stieg immer höher.

Die Sklaven brachten den toten Belsarusur in den Tempel Esaggil.

Und der König ging ganz allein hinunter zum Euphrat – und seine Augen leuchteten und starrten in das weite Land und in die große Stadt Babylon hinein......








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