Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Neunundvierzigstes Kapitel.

Nach sechs Jahren.

Unsere Geschichte ist hiermit eigentlich zu ihrem Schluß gebracht; fast alle darin aufgetretenen Personen sind auf eine lange Erwartung oder Entsagung angewiesen, und wer uns mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, wird an keinen Gott und Helfer aus den Wolken denken, der das Hangen und Bangen abkürzt und aus Rührung die Unglücklichen plötzlich glücklich macht. Isegrimm konnte nicht aus seinem Charakter fallen; er wird weder Karolinen ihren Fehltritt vergeben, noch an den Baron Eppenstein ein höfliches Billett geschrieben haben, mit der Bitte, ob er nicht wieder sein Schloß besuchen wolle, noch wird ihm endlich der Liebesjammer zwischen Albert Mauritz und Amalien so wehmütig überschlichen haben, daß er eines Tages die Tochter ihm in die Arme geworfen und gesprochen hätte: Da habt Ihr Euch! Letzteres schon um deswillen nicht, weil man im Hause überhaupt nichts von Liebesjammer merkte. Albert und Malchen lebten vielmehr wie Geschwister nebeneinander, und man hatte von ganz anderen Dingen zu sprechen als von Liebe. Die großen Ereignisse der Jahre und Tage führten aber den Kandidaten und den Major notgedrungen wieder zu einander, und aus der halben Stunde abends wurden oft mehrstündige Gespräche.

Das ist die Geschichte der kommenden Zeit, und wenn uns Gott die Kraft läßt, ihre lebensvollen Züge wieder zu einem Bilde zu verkörpern, das wir einen historischen Roman nennen, so würden wir auch wohl diese Personen als Mithandelnde wieder darin antreffen. Aber das ist eine weite Hinaussicht, und unsere Leser wollen schneller ihr Schicksal kennen lernen. Man hat es uns wenigstens bei dem Bilde, welches diesem voranging, gesagt; von allen Seiten ergingen Fragen, was aus den Leuten geworden wäre, die wir auf der Bühne oder hinter den Koulissen stehen zu lassen genötigt waren, als der Vorhang des großen historischen Dramas fiel. Es ist nun wohl gegen unsere Art, aus dem Rahmen des Bildes herauszuspringen und dem Beschauer das zu erklären, was darin vorgeht, noch mehr, nachher in einem Hohlspiegel ihm alle die Verhandlungen vorzumalen, welche die vorgestellten Gegenstände und Personen in der Zukunft zu bestehen haben. Denn es gilt uns als Aufgabe, daß ein Bild sich selbst erklären muß, und daß in einem geschichtlichen die Personen nicht los- und herausgerissen werden mögen, da sie, wenn die Arbeit ihrem Zweck entspricht, nicht eingesetzte Stifte oder eingelegte Figuren sind, sondern die natürlichen Produkte, die Pflanzen des Bodens, aus dem sie hervorwachsen. Indessen ist, wie gesagt, die Aussicht auf das nächste Gemälde eine so weitaussehende – ein historischer Roman fordert und zehrt viele Kräfte, es ist immer ein Stück Leben des Autors, und der Leser, der darüber hinblättert, verschlingt in Tagen – die Arbeit, die Sorgen und Aengsten von Jahren – und der Wunsch ist so natürlich, daß auch wir diesmal eine Ausnahme von der Regel zu machen uns gedrungen fühlen.

Unser Bild, unser Roman ist, wie gesagt, mit dem vorigen Kapitel geschlossen, und vor der Kritik, die jeder Autor sich selbst macht, wüßte er wenig hinzuzusetzen, was ein Leser mit einiger Aufmerksamkeit und Phantasie nach den gegebenen Andeutungen nicht selbst divinieren möchte. Aber fortgelebt haben alle auftretenden Personen, handelnd oder getrieben, jeder seines Schicksals eigener Schmied, mit mehr oder minderen Zufälligkeiten, die dies Leben schmückten oder befleckten, und für die, welche von einem Roman nur Zerstreuung und Erhebung wollen, nicht aber die Mühe anwenden, selbst weiter zu denken, schreiben wir hier in Kürze nach englischer Weise aus den Regesten der Personen, welche ihnen lieb oder unlieb geworden, einiges nieder.

*           *
*

Aus der Geschichte der Befreiungskriege sind die hitzigen Gefechte des Spätsommers 1813 auf den Kriblowitzer Höhen bekannt, infolge deren die Franzosen auch in der Provinz, wo unsere Geschichte spielt, wieder über die Elbe getrieben wurden. Es war nach dem Waffenstillstand, und die Gefechte sind ebenso denkwürdig, der glänzenden Reiterattacken wegen, die in der Kriegsgeschichte Epoche machten, als weil hier die neu gebildete Landwehr nicht allein ihre Feuerprobe ablegte, sondern sich mit unsterblichem Ruhm bedeckte. Der allgemeinen Geschichte ist freilich ein anderer Umstand nicht bekannt, der jene Gefechte für uns noch merkwürdiger macht; es waren nämlich fast alle die Persönlichkeiten, welche in der unseren auftreten, dabei beteiligt.

Daß der Graf von Heilsberg als Generalleutnant die französische Kavallerie kommandierte, und ihm gegenüber der Reichsgraf Waltron-Alledeese die Reiterei der Alliierten, ist zu notorisch, um es zu erwähnen. Das Kavalleriegefecht mit den merkwürdigen Evolutionen, wodurch einer den andern überraschte, wie aber der Geworfene immer schnell eine ebenso überraschende neue Attacke wieder formierte, und wie diese weniger blutigen als genialen Gefechte einen ganzen Tag beanspruchten, bis erst in der Nacht der geworfene, aber nicht besiegte d'Espignac den Rückzug über die Elbe antrat, hat den Ruhm beider Führer zu einem unsterblichen in der Kriegskunde erhoben, wenn auch das nur Anekdote sein mag, daß man jeden der beiden vom andern sagen läßt: er habe in ihm einen Meister in den Kavallerieattacken kennen gelernt.

Dem Reitergefecht ging aber der Tag voran, wo die Bebbiner Hügel durch die märkische Landwehr erstürmt wurden, und es ist auch wohl bekannt, daß der Obristleutnant von der Quarbitz daran den tätigten Anteil nahm. Er führte die Bataillone, bei einer plötzlichen Erkrankung des kommandierenden Generals, gegen die feindlichen Batterien und trieb sie aus Position auf Position durch die Heiden und Kieferwälder, bis sie mit Nachtanbruch an der Beeste eine unangreifbare Stellung einnahmen, und andern Tags durch d'Espignacs Kavallerie den Succurs bekamen. Merkwürdig schon, daß hier ein brandenburgischer Edelmann in die eigentümliche an das Mittelalter erinnernde Situation geriet, daß er unmittelbar für Haus und Hof kämpfen mußte, denn die französischen Paßkugeln schlugen schon in das Herrenhaus von Ilitz als er zum Bajonettangriff gegen die Franzosen kommandierte. Merkwürdiger noch, daß gerade der Herr von Quarbitz, der enragierte Kavallerist, durch Zutreffen von Umständen, welche hier zu erwähnen zu weitläufig würde, an der Spitze von Infanterie agieren mußte. Und noch merkwürdiger, daß dies gerade die Landwehr war, gegen deren Errichtung er sich bei Anfang des Krieges auf das entschiedenste und in seiner heftigen Art ausgesprochen hatte. Er war mehrmals in Berlin gewesen und hatte vergebens vorgestellt, daß mit solchen Bauernlümmeln und zusammengerafftem Gesindel aus den Städten, denen man noch dazu das Recht gewährt, ihre Offiziere selbst zu wählen, nun und nimmermehr etwas anzufangen sei. Nur die strengste Disziplin in alter Art könne aus ihnen etwas erziehen. Wenn man sie so ins Feld schicke, noch dazu halb mit Picken bewaffnet, würden sie, ja sie müßten auf den ersten Schuß davonlaufen. Mit einer Art Ingrimm hatte er sich an ihre Spitze gestellt und ihre Hurras mit einer Rede beantwortet, deren Sinn einige so auslegten: Nun, mein liebes Futter fürs Pulver, mach' dich parat zum Krepieren oder Laufen.

Aber sie liefen nicht auf den ersten, auch nicht auf den zweiten Schuß, auch nicht als die folgenden in ihren Reihen lichteten. Ihre zornfunkelnden Blicke forderten vielmehr, daß er sie zum Sturmangriff führe. »Nun denn in drei Teufels Namen drauf los!« soll er beim Kommando gerufen haben, was er aber selbst entschieden in Abrede stellte. Und dann machte es sich, einige behaupteten, ganz wie von selbst, denn der gewiegte Militär habe beim Anfang des Gefechtes auf seinem Pferd wie ein vom Starrkrampf Ergriffener gesessen, als traue er seinen eigenen Augen nicht in dem, was er sehe. Als seine Kerle aber die erste Kanone genommen und eine Kompagnie Franzosen, durch einen Kiefernbusch mit dem Bajonett getrieben, in heller Flucht auf ihr Gros zurannte, da sei er plötzlich wie erwacht und habe nun kommandiert, daß es eine Freude gewesen, ihm zuzusehen und die Freude ihm auch aus dem Gesicht gelacht.

Wie das Gefecht sich weiter entwickelt, geht uns nichts an, wir wissen alle, daß mehr gestochen als geschossen wurde, daß die guten Landwehrmänner aber in ihrem Eifer auch das Stechen für zu langsam hielten und lieber das Gewehr umdrehten, und mit den Kolben auf die kleinen Franzosen losschlugen. Als die Adjutanten den Kommandeur darauf hinwiesen, soll er geantwortet haben: »Laßt sie nur, wenn's ihnen so bequemer ist. Ihre Vorfahren haben auch mit Keulen auf die Schweden gedroschen.«

Die erste Kanone war aber nicht ohne einen herben Verlust genommen. Die Kompagnie, meist Querbelitzer und Ilitzer, hatte ihren Hauptmann verloren. Er hatte sie durch Wort und Blick angefeuert, er war beim Sturm voran gewesen, er hatte, kann man sagen, die Kanone selbst genommen, und nun lag er, durch einen tückischen Flintenschuß aus dem Kiefernbusch in die Seite getroffen, gerad über der Kanone, besinnungslos, den Degen aber noch fest in der Hand. Es war der Kandidat Albert Mauritz. Zum Offizier von seinen Kameraden gewählt, hatte er sich schon in den Vorgefechten so ausgezeichnet, daß er beim Wiederausbruch des Feldzuges zum Hauptmann ernannt worden, um mit einer glücklichen Tat seine kriegerische Laufbahn zu schließen.

Als das Treffen nach der ersten gewonnenen Schanze sich in ein Tirailleurgefecht zeitweilig auflöste, hatte der Kommandierende Zeit, heranzureiten. Isegrimm sprang vom Pferde und drückte ihm die kalte Hand: »Er war mir mehr als Freund . . . Ich gönne Dir die ewige Seligkeit!« –»I, der kann auch hier wohl noch selig werden, wenn der rechte Schneider ihn zurechtflickt,« rief ein Feldwebel, in dem wir den Quilitzer Kutscher Lamprecht erkennen, und der eben Kiefernäste abgehauen hatte, aus denen sie eine Bahre zurichteten. »Was soll's?« fragte Isegrimm. – »Nach Ilitz, der Pflasterkasten wartet ja schon. Die zuerst kommen, da giebt so ein Gregorius sich noch die meiste Mühe.« – »Und Er, Lamprecht –« fragte der Kommandeur. – »Bringe ihn selbst hin. Werde doch unsern besten Offizier nicht den ungeschickten Lümmeln überlassen; die schüttelten ihn ja, daß er unterwegs schon dran glauben muß.« – Rüstige Leute läßt ein Kommandierender ungern aus dem Gefecht, um Verwundete aus der Schlacht zu tragen; es mußte aber hier wohl eine besondere Bewandtnis haben. Isegrimm ritt schweigend fort. War doch der Ilitzer Kutscher der erste auf der Schanze gewesen und hatte zwei Kanoniere niedergehauen. Aus Feigheit tat er's nicht. Das dachte Isegrimm, lauter sprach er für sich, als er in die Schlacht zurückkehrte: »Das arme Malchen!«

Auch der Obristleutnant von der Quarbitz ward im Gefecht an den Bebbiner Höhen verwundet. Weil's nur ein Streifschuß am Arm, achtete er es wenig, kommandierte nur und blieb im Feuer. Als die Abendnebel kamen und er fieberte, drangen aber die Offiziere in ihn, daß er nach Ilitz zurückreise und sich verbinden und pflegen lasse, ehe es schlimmer würde. Er müsse sich dem König und dem Vaterland retten. Es war so angetan, daß er selbst wohl glaubte, das Weitere werde auch ohne ihn gehen. Wie er beim Vorüberreiten an den Reihen der Landwehrmänner den alten Hut lüftete – zum Tschako hatte er sich noch nicht bequemen mögen – verwunderten sich die Soldaten. Das hatten sie nie von ihm gesehen und für möglich gehalten.

Im Hause sehen wir ihn mit verbundenem Arm im Sorgenstuhl neben dem Lager, auf das sie den schwerverwundeten Hauptmann gebettet hatten. Auf die Aerzte hörte er nie viel, er nannte sie Quacksalber; darum war ihm auch der Ausspruch des Wundarztes, der vom Kranken nach dem Verbande gesagt: bei seiner gesunden Konstitution sei eine Erholung wohl möglich, kein Trost. Er beobachtete ihn selbst sehr aufmerksam, ohne auf die Bitten von Frau und Kindern zu hören, daß er sich nicht noch mehr aufregen, sondern die eigene Wunde schonen und sich niederlegen solle. Er hieß sie schweigen und zu Bette gehen, der Kranke dürfe nicht durch Geplärr gestört werden. Um Mitternacht stellte sich das Wundfieber heftiger ein. Isegrimm war sehr aufmerksam, er beugte sich über ihn und schien jeden Atemzug zu belauschen. Auch schien ihm lieb, daß Malchen im Winkel des Zimmers geblieben, er winkte sie zu Handleistungen heran. Als der Verwundete mit rollenden Augen sich wild warf, schüttelte er den Kopf und drückte sanft die Hand des Kindes. Dann aber ward es besser, das Fieber ließ nach, er atmete und schien zu schlafen. Da streichelte Isegrimm sanft das Haar über Malchens Schläfen. Nachher als der Kranke die Augen aufschlug und zu fragen schien, wo bin ich, zog er die Tochter aus ihrem Rückhalt ans Bett, sie mußte sich auf den Stuhl daneben setzen und er legte sanft beider Hände ineinander: »Stille« flüsterte er, »nun wird er sich schon erholen,« wandte rasch ihnen den Rücken und ging hinaus.

Daß er seine Wunde vernachlässigt, zog ihm aber selbst ein Fieber zu, daß er am folgenden Tag nicht, wie er gewollt, zu seinen Leuten hinausreiten konnte, um so verdrießlicher, als er von dem Succurs vernahm, den die Franzosen durch Kavallerie von jenseits der Elbe erhielten, und daß der Kampf noch immer nicht ausgetragen sei, sondern mit jeder Stunde sich erneue. Besorgt war er nicht sowohl um den Ausgang, als verdrießlich, indem er, durch die Rapporte, die mehrmals am Tage ihm gebracht wurden, immer vom Stande der Dinge au fait gesetzt war, und als Kavallerieoffizier manche Bewegungen nicht billigen konnte. Er verschwor sich mehrmals, wäre er an des Reichsgrafen Stelle, hätte er die Franzosen längst in die Elbe gejagt. Was ihm vielleicht noch verdrießlicher war, aber er äußerte es nur gegen die Karte, wenn er sich auf sie überbeugte, er mußte dem französischen Anführer in seinen Evolutionen zustimmen, oder wie er in sich brummte: »Der Kunstreiter kennt sein Terrain und weiß seine Truppen besser zu brauchen.«

Wie dem nun sei, der Reichsgraf Waltron-Alledeese hatte zuletzt den Feind auf seine Art über die Elbe geworfen, und es galt als eine glänzende Waffentat für die Alliierten. In einer Hütte am Ufer des Flusses schrieb er die Depeschen, die einen nach dem Hauptquartier der Monarchen, die andern an den Obristleutnant von der Quarbitz, mit Weisungen, wohin er seinen Landwehrbataillonen folgen und welche Stellung einnehmen solle. Zwei Ordonnanzen warteten vor der Tür, um die Ueberbringer der Depeschen zu sein. Man hatte die, welche sich unter den Freiwilligen am tapfersten und geschicktesten gezeigt, dazu auserwählt. Der eine war der Baron Eppenstein; Schrammen an der Stirn, die ihn nicht entstellten, und ein Verband an der linken Hand, waren sprechende Zeugen seiner Bravour. Der Graf schien zweifelhaft, wem er den wichtigsten Brief, den ins Hauptquartier, sicherlich auch den lohnendsten für den Ueberbringer, anvertrauen solle, als er den Baron heranwinkte. »Sie, Baron Eppenstein, haben bei gleicher Bravour den Lohn wohl am meisten verdient. Wer zehn Kavalleristen auf eigene Kosten ausgerüstet und beritten gemacht, hat ein Recht, seinem König vorgestellt zu werden. Also rasch auf den Sattel und nach Schlesien!« Da griff ein weiblicher Arm dem Grafen über die Schulter; es war Gräfin Thusnelde, von der es nicht unbekannt war, daß sie durch nichts sich abhalten lassen, ihrem Bruder ins Feld zu folgen, wenn sie auch nicht, wie das Gerücht sagte, als Amazone, mit dem Schleppsäbel an der Seite, in Stiefeln und Sporen neben ihm geritten und mit eingehauen. Sie hielt sich nur immer in der Nähe und sorgte nur für die Verwundeten. Aber, wenn es gewesen, eine Amazone war es auch, die sich sehen ließ, denn die dreißig Sommer als Winter hatten nichts von ihrer Anmut fort gefurcht, sie glühte in der Schönheit der Siegesfreude selbst wie eine Siegesgöttin: »Lieber Bruder,« sagte sie zum General, »wenn Du dem Baron einen Liebesdienst erweisen willst, meine ich, Du sendest lieber ihn mit der frohen Botschaft nach Ilitz.« Der Reichsgraf sah lächelnd die Bestätigung aus dem Gesicht des jungen Kriegers. »So reiten Sie denn, lieber Graf . . . ins Hauptquartier und holen sich den verdienten Dank. Ihrem Kameraden ist es mehr um ein frohes Gesicht zu tun.« Während er dem Baron noch Privataufträge an seinen Freund erteilte, bemühte sich die Gräfin mit weiblichem Eifer um die Toilette des jungen Mannes. »Ein Soldat, liebes Kind, kann doch nicht besser erscheinen, als wenn Staub und Schweiß von seinen Taten sprechen,« meinte Waltron. »Ja, vor Deinem Major Isegrimm,« antwortete Thusnelde, »aber wie er vor Damen aussehen muß, die auch an seinem Rapport ein Wohlgefallen haben sollen, das verstehen wir besser,« und knüpfte ihm die Krawatte fester. Es war ein anmutiges Bild, der schöne junge Mann in aufrecht militärischer Haltung, wie es der Ordonnanz vor dem Kommandeur geziemte, und das schöne Mädchen, das mit ihren feinen weißen Fingern um sein gebräuntes Gesicht hantierte und Kragen und Locken zurechtstrich: »Nun sind Sie zur Eroberung adjustiert. Glückauf, junger Ritter, und dies zum Pfand Ihres Sieges!« sprach sie und hauchte einen Kuß auf seine Stirn.

Wie ein Trunkener, um den die Dinge sich drehen, trat der junge Mann aus der Tür und schwang sich aufs Pferd. Auch auf dem ganzen Ritt sah er und hörte auch nichts, als das Klirren seines Säbels.

Leider sollte er den Herrn von der Quarbitz nicht in einem ähnlichen Siegesrausche antreffen. Der Verdruß des Kavallerieoffiziers war noch nicht verwunden, auch als schon früh am Morgen nach der zweiten Nacht Nachrichten vom Ausgang des Gefechtes zu ihm gedrungen waren. Auch daß Hauptmann Mauritz sich zusehends besserte, die stille Ruhe und Zufriedenheit auf Malchens Gesicht, die helle Freude auf dem der Mutter und Wilhelminens, stimmten ihn nicht um, da noch ein anderer Umstand heute morgen hinzugekommen war. Den Quilitzer, wie man den Kutscher Lamprecht, den jetzigen Unteroffizier und designierten Feldwebel hierorts noch immer nannte, wollte er zu seinem Bataillon zurückschicken, wie sich das wohl von selbst verstand; aber er war vom Schulzen Gottlieb Köpke begleitet erschienen und hatte dagegen remonstriert. Oder es war vielmehr der Schulze, der dem gnädigen Herrn erklärte: Da nun einmal sein Sohn Gottlieb (der Zweite) damals bei Belgrad für Gott, König und Vaterland zusammengehauen worden, und sein anderer Sohn, Peter, bei den Husaren partout bleiben wolle und auch schon Unteroffizier sei, und er alt werde, und die Wirtschaft doch ein Paar tüchtige Arme haben müsse, und, was mehr, das Schulzenamt einen Vorsteher, der sich Respekt zu schaffen wisse, und da die Marta, die schon sonst gut wäre, doch auch wieder einen Mann haben müsse, und nun nicht länger warten könne und wolle, so wollte er ihr nun den Lamprecht geben, der solle in die Wirtschaft, wo's wahrhaftig not tue und noch mehr im Schulzenamt, darum möge er ihn freilassen.

»Den – Lamprecht!« hatte der gnädige Herr gerufen, der in dem Augenblick den Kommandeur vergaß. »Den Kerl der –«

»Schon recht, gnädiger Herr,« hatte der Schulze erwidert, »er taugt nichts, nämlich mit einem Wort, er ist ein Quilitzer, daß man's oft selbst mit ihm nicht aushält. Aber sonst ist er schon gut. Und bei meinen Querbelitzern, Gott sei's geklagt, seit sie Soldat spielen, da ist ja auch kein Aushalten mehr. Die Autorität geht verloren, wenn's nicht einer ist, der ihnen den Daumen auf den Nacken drückt. Das Schulzenamt, gnädiger Herr, das ist die Hauptsache; wenn's keine Schulzen mehr gibt, die Ordnung halten, dann gibt's auch keine Bauern mehr; das Schulzenamt, das ist von Gott. – Ein gottloses Maul hat der Schlingel, das ist wahr, aber er kann auch schreiben, und pfiffig ist er, das muß ein Schulze zuweilen auch sein; und grob ist er, das tut auch not, und er und die Marta, wenn sie sich auch untereinander prügeln, von andern lassen sie sich nichts gefallen, darauf können sich der gnädige Herr verlassen. Und die Marta will ihn und er will sie. Kinder werden sie wohl nicht mehr kriegen, sie ist bald vierzig, und wenn, nun lieber Gott, Brot ist auch noch im Schulzenhofe, und wer weiß, wie viel Bauerssöhne noch totgeschossen werden; da braucht der König neue. – Und aufschieben geht auch nicht. Das Faullenzen im Kriege tut Bauerssöhnen nicht gut; sie wollen nicht arbeiten nachher. Jetzt taugt der Quilitzer noch halbwege: wenn er aber aus dem Kriege retour kommt, nach einem halben oder einem ganzen Jahr, was weiß ich's, dann ist er gar ein Tunichtgut.«

Der Kommandeur der Landwehr würde wohl kaum diesen Gründen nachgegeben haben, wenn der Schulz nicht ein Zertifikat des Landrats und ein Attest des Bataillonschefs mit überreicht hätte, wonach er gegen Lamprechts Entlassung für den Fall nichts einzuwenden hatte, daß Lamprechts Gutsherr die Unentbehrlichkeit des Unteroffiziers in Hof und Ort bestätige.

Lamprecht war wohl schon entlassen, als Isegrimm ihn anredete: »Und Er, Kerl, mit Knochen wie ein Ochs, Er, der schon weiß, wie's im Kriege zugeht, und wie ein rechtschaffener Soldat losschlagen muß, Er will gern aus dem Dienst für König und Vaterland, um in ein Weiberbett zu kriechen?«

»Gern, gnädiger Herr, daß ich nun gerade nicht wüßte, denn sterben müssen wir schon mal, und eins ist soviel wie's andere, aber man verpaßt doch auch nicht gern die Gelegenheit. Und dann meine ich, als wie daß jeder Mensch das Seine tun muß, oder was die gnädigen Herren nennen, Opfer bringen. Ich kalkuliere nun, daß ich schon mein Opfer gebracht habe, und freiwillig, dazumal beim Schill und so weiter jetzt. Und aus unserm Schulzenhof haben sie's auch; das weiß jedes Kind. Und aus Querbelitz auch. Also meine ich, wir haben nun genug getan, und nun können andere dran kommen. Man muß es den andern doch auch lassen, daß sie für König und Vaterland sich opfern. Da will ich schon für stehen, wenn ich erst Schulze bin, ich will sie aus den Betten treiben, wo sich einer verkriechen tut. Darauf können sich der gnädige Herr verlassen.«

Der gnädige Herr mußte ihm sehr ungnädig den Rücken gekehrt haben, denn Lamprecht machte an der Tür Kehrt und schulterte plötzlich vor dem Kommandeur:

»Herr Obristleutnant halten zu Gnaden. Wenn's Ihnen nicht recht ist, mir ist's auch egal, Frau oder Krieg. Wollen Sie mich wieder zum Soldaten haben, mag sich die Marta und der Schulz einen anderen ins Bett und ins Amt suchen.«

»Kehrt! Marsch!« kommandierte Isegrimm. »Ins Teufels Namen laß Er sich lieber heut als morgen trauen.«

Da war gerade Baron Eppenstein in den Hof geritten gekommen. Es war ein Hallo im ganzen Haus. Sie wußten vom glücklichen Ausgang der Gefechte, sie hatten in der Ordonnanz den jungen Edelmann schon von fern erkannt. Die gnädige Frau, die Töchter und was im Hause war, war mit ihm die Treppe heraufgekommen, die frohe Botschaft mit anzuhören. Sich zu begrüßen als alte Bekannte und zu freundlichem Gespräch, dazu war freilich noch nicht Zeit, die Ordonnanz blieb Soldat und erst wenn seine Meldung getan und die Depeschen abgeliefert, würde der Kommandierende das Kommandowort: »Rührt Euch!« geben. Dann konnte er doch nicht anders, dachten Mutter und Töchter, als ihn zum Mittagstisch invitieren. Ein wie anderer Herr war in den sechs Jahren der Baron von Wüstelang geworden! Acht- oder neunundzwanzig Jahr war er jetzt, etwas gebräunt, fester und stolzer um sich blickend, aber hübsch noch immer. Und was hatte er nach dem Frieden mit seiner Branntweinbrennerei und dann mit seiner Tuchfabrik für Geschäfte gemacht! Drei bis vier Güter in der schlimmen Zeit zugekauft, und der Vetter aus Quilitz hatte beim letzten Besuch gemeint, man könne ihn gut und gern auf eine halbe Million schätzen. Zehn Kavalleristen von Kopf bis zu Fuß gerüstet hatte er gestellt und er sich dazu als elften. Das mußte doch des Vaters Sinn umändern – so dachte vielleicht Minchen, die, etwas verlegen und gerötet, den jungen Krieger nur von fern betrachtete.

Aber der Obristleutnant nahm den Rapport mit so scharf musternden Blicken entgegen, daß die Ordonnanz sich einige Male versprach. Dann hatte er etwas an der Montur auszusetzen, und als er die Depeschen in die Hand nahm, brummte er zwischen den Zähnen: »Gottes Wunder, das war ein Exerzitium, ich meinte, die Franzosen hätten Euch alle in die Schwemme treiben müssen!«

Er hatte nicht kommandiert: Rührt Euch! als er mit den Depeschen ins Nebenzimmer trat, aber in der gnädigen Frau rührte sich alles. Sie hatte, militärische Rangordnung und Disziplin vergessend, den Herrn Baron ersucht, daß er doch Platz nehme, und er möchte entschuldigen, wenn er noch alles so in Unordnung fände, aber wegen der Verwundeten hätten sie nicht waschen und nicht einmal die Gardinen abnehmen können; sie hatte auch schon den Mund aufgetan, um ihre Hoffnung auszusprechen, daß er heut mittag mit ihnen vorlieb nehmen werde auf ein Gericht Gerngesehen, als Isegrimm die Tür halb aufriß und herausrief:

»Frau! Schnell der Ordonnanz einen Schnaps und eine Schmalzstulle! Sie muß auf der Stelle retourreiten, wenn ich den Brief zugemacht.«

*           *
*

Die Ordonnanz ist auf der Stelle retourgeritten. Sie hat den Schnaps nicht getrunken und die Schmalzstulle nicht gegessen. Sie machte, als der Obristleutnant ihr die Depesche übergeben, auf den Hacken Kehrt, und ohne einen Laut, einen Blick seitwärts, schritt sie zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, schwang sich aufs Pferd und ist nie wieder nach Haus Ilitz zurückgekehrt.

Nach der lauten Freude am Morgen ward es jetzt sehr still, fast traurig. Teilnehmende Seelen fehlten nicht. Auch Malchen, deren kleines Herz so wonnevoll unter dem Mieder schlug, vergoß eine stille Träne, den Arm um Wilhelminens Hals. »Es wird noch alles gut werden; es ist ja auch mit mir so wunderbar gut geworden,« hauchte sie ihr ins Ohr. Minchen antwortete: »Das ist nun alles vorbei; er sah mich ja nicht mal an.«

Noch am selben Morgen erhielten sie einen vornehmen Besuch: die Reichsgräfin Waltron kam angefahren, um für das kleine in Ilitz aufgeschlagene Lazarett zu sorgen: »Gott sei gelobt!« sagte sie zum Hausherrn, der meinte, es sei hier nicht Raumes genug, »dessen wird es hier nicht bedürfen; der Krieg geht über die Elbe und dort im großen Deutschland wird die Entscheidungsschlacht geschlagen werden.«

Wie liebreich sie war, wie eine strahlende Morgenröte, die nach einer langen stürmischen Nacht eine Gegend anleuchtet. Auch Isegrimm lächelte wieder; er hatte, um einer solchen Schwester willen, dem Reichsgrafen im Herzen die Vorwürfe schon abgebeten, die er dem Reitergeneral gemacht. Thusnelde tippte mit ihrem sanften Finger auf seine Stirn und versicherte, sie wolle auch die letzte Runzel daraus fortstreicheln. Diese Zuversicht hatte sie auch Wilhelminen einzuflößen versucht: »Wir gehen einer großen Zukunft entgegen, wo alles neu, schön und herrlich wird. Der Adler der deutschen Nation wird wie ein Phönix seine Flügel im Morgenrot über die ganze Welt entfalten, geehrt und geachtet: Deutsch zu sein, wird so viel gelten als rein, makellos, treu und edel. Das allgemeine Glück wird aus dem Herzen in alle Adern zurückträufeln, die allgemeine Befriedigung und Seligkeit wird auch in der Brust jedes einzelnen schwellen. Wir hatten entsagt und hatten überwunden, nun kommt die Belohnung. Auch Ihnen, süße Wilhelmine, meine deutsche Jungfrau! den bräutlichen Myrtenkranz sehe ich schon in den Wolken schweben, er senkt sich herab auf Ihre reine Stirn, denn reine Liebe adelt alles, sie muß siegen und überwindet jeden Widerstand.«

»Nur nicht Liebe, liebe Reichsgräfin,« entgegnete Minchen. »Das ist nichts, das weiß ich jetzt. Heiraten, das ist möglich, aber nur nicht lieben. Linchen ist dadurch unglücklich geworden; wenn sie auch vornehm und reich ist, so ist sie beim Feinde, für uns ist sie verloren, der Vater sieht sie nicht wieder. Malchen, die wird allerdings im nächsten Jahre Frau Pastorin, aber sechs Jahre hat sie sich quälen müssen. Und ich, wer weiß, ich wäre auch schon zufrieden und glücklich, wenn nicht doch so ein Bißchen in mir für den Baron gesprochen hätte. Gott sei Dank, der ist nun ausgerissen, denn einmal ansehen hätte er mich können, als er fortritt, das darf auch eine Ordonnanz, aber er war nur grimmig. Nun gut, nun bin ich's auch. Nein. das nicht, aber ganz gleichgültig, ich versichere Sie, total gleichgültig, Und merk' ich noch so was von einer Empfindung, so rick racks 'raus, wie ich an meiner Moosrose tue, wenn ein Grashälmchen im Torf aufschießen will. Da hab' ich Augen für. Sie müssen's auch schon in der Erde merken, denn es untersteht sich keines mehr, vorzugucken. So werde ich ganz glücklich und ruhig werden, und dann mag der Himmel über mich beschließen, was er will.«

»Was kann der Himmel über Dich beschließen als Gutes, wenn er sich in Deinem hellblauen Auge widerspiegelt?«

»Das soll mir nun ganz egal sein, ob ich eine alte Jungfer werde oder nicht. Wenn man's vierundzwanzig Jahre ausgehalten hat, dann hält man's auch noch ein paar oder ein paar Dutzend länger aus und ist gewiß weniger inkommodiert. Wenn ich aber doch einen Mann bekommen soll, dann lieber einen Lahmen, Blinden oder Alten, den ich pflegen kann, als einen jungen, den ich noch lieben soll und muß.«

Es zuckte ein eigentümlicher Strahl in Thnsneldens Augen, wie wenn ein blitzartiger Gedanke sie durchfuhr: »Ach, das wäre charmant!« rief sie und schloß Minchen in ihre Arme.

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.