Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Achtundvierzigstes Kapitel.

Friede und Resignation.

Die Gesellschaft war beim Frühstück in Gruppen geteilt. Die beiden Genesenden, oder sie waren schon genesen, saßen am Fenster Der Freiherr namentlich sah heiterer aus, als wir ihn kennen. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben,« sagte er, als die Gräfin Thusnelde in dem schönen Tage gern ein Omen für die nächste Zukunft erblickt hätte.

»Wie wunderschön sie ist!« bemerkte der Wirt zu seinem Gaste.

»Nur zu exzentrisch,« erwiderte der Freiherr.

»Für unsere Sache hätte ich gewünscht, daß lieber ihr Bruder Ew. Exzellenz Beispiel gefolgt wäre. Graf Waltron hätte sich auch entschließen, vergeben sollen, und wieder Dienste nehmen.«

»Er ist zu sehr beschäftigt mit den französischen Kommissären, seine Vermögensangelegenheiten zu regulieren. Ich fürchte, er wird einen schlechten Abschluß machen. Bei beschränkten Mitteln wird er schwer zu einer standesgemäßen Heirat sich entschließen, und damit erlischt wieder eines der wahrhaft edlen Geschlechter Deutschlands. – Ihn kümmert es indes mehr, daß für seine Schwester, die wie geboren scheint, die Mutter eines neuen Heldengeschlechts zu werden, alle Aussicht auf eine Heirat verloren ist. Er opferte ihr gern alles, was ihm bleibt.«

»Ist es mit dem Gelübde der Komteß so ernst gemeint?«

»Wenn sie es nicht schon geleistet, würde sie es jeden Tag wieder leisten. Ach, bis die Franzosen über den Rhein gejagt! Sie zählt vierundzwanzig Sommer würden die Dichter sagen; wie viel Winter wird sie noch zählen bis dann! –«

»Ich erinnere mich, daß ein junger Leutnant Fouqué ein toll exzentrisches Gedicht auf sie schrieb – er besingt sie als das Ideal einer deutschen Jungfrau!«

Der Freiherr hatte nur halb darauf gehört: »Sie will auch nach Memel, aus Fürsorge für mich, aus Liebe für die Königin, aus Begeisterung für die Sache. Aber was sie sonst will, da besorge ich, daß meine Frau recht hat! Wo wir Männer schon den Verstand zusammenhalten müssen, wie in dem Wirrwarr das Einfachste, Nächste zu finden, was suchen da die Frauen! Ihr Kopf ist voll Ideen, liebenswürdig, phantastisch, patriotisch, wunderlich, aber unpraktisch – von geheimen Bündnissen, Frauenvereinen durch alle Gauen Deutschlands, voll Entsagung, Opfern, Haß und Liebe. Sie sollen die Verwundeten pflegen, den Lazaretten vorstehen, die Küchen der Armen besorgen – es spukt sogar der Gedanke, daß die Frauen auch gegen den Feind sich wappnen und ausrücken könnten.«

»Vor der Tollheit bewahre uns der Himmel!« rief der Major.

»Wie vor vielen anderen, die immer die Ausgeburt außerordentlicher Zeiten sind. Wir bedürfen des Exzentrischen, mein Freund, gewiß! wie sollte sonst die tote Masse lebendig gerüttelt werden! Zuweilen bangt mich aber doch vor den unreifen Gedanken und Ideen, die aus den Schleusen mit herausbrechen werden. Sie werden dann wuchern in deutscher Weise zum Krassen, Widerwärtigen, die Theorie wird sich des praktisch Errungenen bemächtigen und es so zum Gipfelpunkt treiben, bis Vernunft, Unsinn, Wohltat, Plage, der Verdruß daran wieder Rück- und Umschläge bereitet, und man am Ende das Kind mit dem Bade verschüttet.«

Der Freiherr mochte fühlen, daß er sich übereilt hatte und der Major am wenigsten der Mann war, um ihn zum Vertrauten dieser seiner fernhintreffenden Befürchtungen zu machen. Er mochte mit sich selbst schon um deswillen unzufrieden sein, daß er an einem mit guten Aussichten beginnenden Tage diesen trüben Raum gegeben; er erhob sich daher mit der Bemerkung, daß die Damen auf ihr Aparte-Gespräch zürnen würden. Die gute Frau von Ilitz versicherte nachher, er sei der liebenswürdigste Gesellschafter gewesen. Auch hatte er, was sie immer gefürchtet, auf die Vertauschung der Strümpfe nicht einmal angespielt. An Liebenswürdigkeit wetteiferte mit ihm die Reichsgräfin, nur daß sie es insofern noch geschickter machte, als sie mit weiblicher Neugierde und weiblichem Verstande in der kurzen Zeit bereits in die Familienverhältnisse, vielleicht auch in einige Geheimnisse eingedrungen war, daher hier über gefährliche Klippen hinwegspielen, dort durch angenehme Anspielungen die Gemüter wohltätig berühren konnte. Was half es aber! die Zeit lag zu schwer auf allen, die Stunde war auch zu kostbar, als daß man nicht aus dem Spiele immer bald wieder auf den Ernst, der sie zusammengeführt, zurückgekommen wäre. Der Freiherr und der Major standen bald wieder in einer Ecke und besprachen das große, erwartete Ereignis, dem jener zwar die ernsteste Teilnahme schenkte, doch aber oft die Achseln zuckte: »Es kommt zu unvorbereitet; das Volk ist noch nicht reif, sich selbst Hilfe zu schaffen, und wenn es im günstigsten Falle gelingt, fehlt der Nachdruck. Es kann aufblitzen und verpaffen und wir sind dann noch schlimmer daran. Preußen ist einmal daran gewöhnt, daß alle Organisation von oben ausgeht, deshalb ist meine Meinung, daß erst am Hofe, im Kabinett, in den Bureaus der Gedanke siegen muß, um von da wärmend ins Volk zu dringen. In jenem glücklichen Fall wird man es als eine militärische Operation betrachten, bei der auch Landleute, Bürger, Zivilisten mitgeholfen haben. Das hilft dem kranken Staate nicht zur Gesundheit, wie man ein chronisches Uebel nicht durch einen einzigen akuten Angriff heilte Es fordert eine lange allmähliche Behandlung, einen Moses, der sein Volk durch die Wüste führt.«

»Vierzig Jahr, das wäre eine lange Frist,« unterbrach der Major. »Sonst wäre die Wüste da, und den Moses sehe ich wohl auch.«

Der Freiherr achtete nicht auf das skeptische Kompliment: »Von innen heraus muß die Kur sein, sie muß Herz und Nieren erschüttern; dann allein kann der Arzt wirken.«

»Was fesselt unsere Kleine dort am Fenster?« sprach die Gräfin. »Sie hört mich nicht und ihr Blick ist unverwandt auf einen Punkt gerichtete

Malchen hatte sich plötzlich umgewandt, ihr Gesicht glühte: »Er kommt – er hat –!«

Die Tür ward aufgerissen, der Kandidat stürzte herein, in einer Aufregung, die der des jungen Mädchens wenigstens gleich war. Er wollte auf den Major zueilen, sein Blick fiel aber wie gestört und fragend auf die Damen und schien zu sprechen: »Darf ich?«

»Freudiges?« rief der Hausherr. »Ihr Blick sagt es. Dann 'raus; was heut Geheimnis, wissen morgen alle.«

»Die englische Flotte – Lord Cathcart – in vollen Segeln um Rügen – Blücher – die Schweden – morgen überschreiten sie die Peene – morgen stehen sie auf preußischen Grund und Boden – Brune, seine schwachen Truppen konzentrierend, kann nicht alle Wege verlegen. – In drei Tagen können wir die preußischen Fahnen wehen sehen, die preußische Trommel wird wirbeln. – Es lebe der König! – Sie wird nicht umsonst wirbeln.«

Sie mußte schon durch die Luft des Zimmers wirbeln, sie blitzte in den Augen, sie rauschte draußen in den Rüsterästen; die Sonne selbst schien vor banger Freude in ihrem Laufe zu zittern. Es war eine kurze, aber tiefe Pause. Wer Malchens Gesicht, wer den Hauch beobachtet hätte, der sie auf ihren Füßen erhob! So hatte Mauritz nie ihre Augen glänzen sehen. Eine Sekunde nur, und sie wäre dem Ueberbringer der Botschaft an den Hals geflogen, aber der Gedanke überflügelt auch die Sekunde; selbst der Gedanke, der den bleiernen Ballast der Rücksicht auf seinen Flügeln trägt. Ihr Blick fiel auf den Vater, der im Impuls des Moments um die Hüften griff, als schnallte er den Säbel fest. Sie drückte rasch die Hand dem zitternden Jüngling und stürzte sich an des Vaters Brust.

Woher der Kandidat die Kunde hatte! Was kümmert es uns, ob ein fliegender Bote sie dem Adjutanten des Majors gebracht, ob, wie andere glaubten, von den Mitwissenden eine Art Telegraphie an den Kirchtürmen angebracht war. Genug, es war keiner, der zweifelte.

Auch der Freiherr nicht, auch sein Gesicht belebte sich bei dem frohen Gedanken. Aber der nächste war an seine Pflicht. Er durfte nun keinen Augenblick länger weilen, um auf den Nebenwegen, auf die seine Reise berechnet war, den Ostseestrand zu erreichen, von wo er nach Preußen überschiffen wollte.

»Es tut mir nur leid. daß ich die Briefe aus Berlin nicht fand, die ich gewiß erwartete. Auch wollte mein ehemaliger Sekretär, van Asten, mich hier treffen.«

Die Post aus Berlin war überhaupt seit einigen Tagen ausgeblieben; es hieß, weil es an Pferden mangele.

»Es mußte der Freiherr von Stein sein, dem ich meine Pferde gebe,« sagte der Major, »denn wahrhaftig, wir werden sie nötiger hier brauchen als für Reisende!«

Darauf folgten andere, auch sehr ernste Gedanken. Der Freiherr studierte die Karte, während man schon das Anspannen auf dem Hofe hörte, und schüttelte den Kopf. Wenn der Angriff aus Schwedisch-Pommern Erfolg hatte, wenn Brune geworfen und umgangen wurde, wenn die in und um die Hauptstadt stehenden Truppen den Preußen entgegenrückten, mußte das Kriegstheater sich hier entwickeln. Es konnte nicht ohne dringende Gefahren abgehen. Das konnte der Staatsmann, ohne Militär zu sein, divinieren, und hielt es für Pflicht, darauf aufmerksam zu machen. Die Frage war wieder, ob es nicht Pflicht sei, die Damen zu entfernen?

Das war ein Dämpfer in die allgemeine Freude, die sich selbst der Mutter bemächtigt hatte. Jede Dröhnung ist ansteckend, und die nicht Denkenden sind ihr zunächst unterworfen. Jetzt war es anders. Die Schrecken von Brand, Plünderung, Gemetzel malten sich auf dem Gesicht der Guten. »Wenn Wolf nur mit uns ginge,« meinte sie. – »Wir haben so vieles überstanden und Gott war uns gnädig,« sagte Malchen, »warum sollen wir uns diesmal – von Vatern trennen.« Es war sonst nicht des stillen Kindes Art, ungefragt ihre Meinung abzugeben. Die Gräfin Thusnelde ergriff das Wort:

»Wenn ich mir nicht das Wort gegeben, unsern edlen Freund und Retter, der der Pflege besonders bei der angreifenden Seefahrt bedarf, nicht aus dem Auge zu lassen, bis er an seinem Bestimmungsorte angelangt, würde es mir ein Vergnügen sein, hier zu bleiben. Was Schöneres, Edleres, Natürlicheres gibt es, als daß deutsche Frauen in der Nähe ihrer kämpfenden Männer, Väter, Brüder sind, ihre Entbehrungen zu teilen, ihre Schmerzen zu lindern, ihre Wunden zu verbinden, ihren Mut zu verdoppeln, wenn sie wissen, daß sie um ihr Teuerstes kämpfen. So standen die Frauen der Cimbern und Teutonen in der Wagenburg hinter der Schlacht, mutig sich den Tod gebend, als alles verloren war. So muß es wieder kommen, wenn wir siegen sollen; die Streiter für die heilige Sache müssen nicht für die Sache, das Prinzip allein, sie müssen wissen, daß sie für ihr Liebstes, ihr Teuerstes, ihr Alles hinter sich kämpfen. Erst wenn wir eine Kriegsschar, von diesem Bewußtsein erfüllt, ins Feld führen, werden wir überwinden.«

Der Freiherr bemerkte: »Das ist sehr schön gesagt und empfunden, meine liebe Komteß, aber der Fall ist hier noch nicht. Von Ueberwinden ist noch nicht die Rede, nur von einem Koup, der, wenn er gelingt, von glücklichen Folgen sein kann. Wir können uns auch in keine Wagenburg hinter einem großen deutschen Heere verschanzen, sondern wir erwarten nur ein kleines preußisches Streifkorps, alliiert mit Schweden und Engländern, deren Bestimmung ist, den Feind zu überrumpeln, rasch zu werfen und auf die Hauptstadt loszumarschieren. Wenn es gut geht, steht das Landvolk auf und wir bekommen viel Zuzügler, dabei aber eine Verwirrung, wo für Damen gar kein Platz ist, und, erlauben Sie es mir zu sagen, sie würden die Verwirrung nur vergrößern.« Die Mutter und Minchen waren derselben Meinung; die letztere äußerte gar: wer sie denn beschützen solle, wenn die Männer in der Schlacht wären, als eine neue Stimme sich erhob: »Dafür, hoffe ich, werden wir gut sein.«

Der Baron Eppenstein war unbemerkt eingetreten. In seinem knapp anschließenden grünen Jagdrock, einen Hirschfänger umgeschnallt und einen Stutzen in der Hand, konnte er schon wie gerüstet zum Kriegsausbruch erscheinen, wenngleich die Kleidung sich auch offiziell als nur zur Jagdpartie angelegt rechtfertigen ließ.

»Die Damen,« sprach er, »werden nichts zu besorgen haben. Wenn hier die Stimmung wie in meinem Dörfchen ist, werden die Franzosen es schwerlich auf das Aeußerste ankommen lassen, sondern, ich wette darauf, Exzesse und Gefecht vermeidend, sich durchzuschlängeln suchen, um ihre Festungen oder ein Hauptkorps zu gewinnen. Herr Kommandeur,« sprach er, sich zum Major gravitätisch wendend, »ich melde Ihnen, vorausgesetzt, daß Sie die Würde, die Ihnen zukommt, nicht ablehnen, daß auf meinen Gütern allein zweihundert und etliche Burschen den Tag nicht abwarten können, wo es losgeht. So ein vierzig davon werden sich auch zu Pferde ganz gut ausnehmen.«

»Zweihundert, das ist eine hübsche Zahl,« sagte Isegrimm, der bis dahin geschwiegen. »Wir wollen ja sehen, ob sie im Feuer aushalten werden. – Ihr nicht,« wandte er sich zu den Frauen. »Euch schicke ich heut noch nach Berlin. Herr Mauritz wird die Gefälligkeit haben, Euch zu begleiten und dort am besten herausfühlen, ob Ihr sicher seid, oder wohin Ihr Euch wenden sollt. Den alten Hans könnt Ihr bei Euch behalten: er taugt hier auch nichts.«

Es war in dem Ton gesprochen, der keine Widerrede duldete. Der Ton galt vielleicht nur dem Baron, er traf den Kandidaten.

»Ich glaubte, Herr Major, daß Sie mich zu andern Aufträgen hier behalten würden, auf die ich vorbereitet, die dringender wären.«

»Um sich auszuzeichnen, ist freilich keine Gelegenheit auf einer Fluchtreise; indes meinte ich, es schickte sich mehr für einen Theologen – kein Blut zu vergießen. Blutdürstige Menschen, lieber Mauritz, sind hier genug, die ihre Bravour zeigen möchten, gleichviel vor wem. Ich liebe nicht das Bravourzeigen, vor Frauen oder Männern gleichviel, und mich gewinnt man damit nicht. Im übrigen steht es ja bei Ihnen, was Sie vorziehen –«

Aus allen Zweifeln riß den Kandidaten der Eintritt einer neuen Person. Das Posthorn hätte man vorher schon schmettern hören können. Blaß und erschöpft trat Walter von Asten ein. Er war die Nacht durch gefahren, wie man nachher erfuhr; eine Nachtfahrt und die Strapazen einer noch so beschwerlichen Reise hätten indes den kräftigen Mann nicht so mitnehmen können; es war ein moralischer Schmerz, mit dem er rang. Kaum hatte er die Anwesenden begrüßt: »So wissen Sie's noch nicht?«

»Was?«

In einem heisern Ton, zwischen Weinen und Gelächter brach das Wort über die Lippen: »Friede!«

Eine lange Pause: »Was für ein Friede?«

»Den Sie erwarten können nach einem Krieg ohne Sieg und Ruhm, den Sie erwarten können, wo Napoleon ihn diktiert und Rußland uns verlassen hat, ein Friede, der –«

Der Bote schien von einem Schwindel befallen; die Gräfin schob ihm einen Sessel hin. Die Arme auf der Stuhllehne, und den Kopf im Arm, mochte er ausruhen oder die Erinnerungen sammeln.

»Das Schlimmste ist besser als Ungewißheit,« sagte Thusnelde. »Es wirft uns nicht um. Ermannen Sie sich und sprechen.«

»Berlin war gestern abend, als ich ausfuhr illuminiert – auf Befehl – auch ein Tedeum war befohlen – o, die Lichter brannten hell – und auch witzig! Ein kleiner Tischler hatte einen Sarg illuminiert. Daran stand geschrieben: ›Hier ist der wahre bekannte und unbekannte Friede‹ – In dem Sarg, meine Herren, lag viel – alle, alle unsere Hoffnungen.«

»Aber der Inhalt des Friedens? – wo ward er abgeschlossen?«

»In Tilsit – Preußen halbiert. Die Elbe künftig die Grenze – alle die schönen, treuen, reichen Lande drüben französisch. – Auch die treuen Westfälinger französisch, ihr geliebtes Magdeburg, trotz der Bitten der Königin, verloren. Die Altmark von den Marken abgerissen. Unsere Festungen bleiben besetzt, im Herzen des Staates Franzosen, Blutsauger, Spione, Polizei, bis die unerschwingliche Kontribution bezahlt ist – zermalmt, vernichtet.«

*           *
*

Es war ein tiefer Riß; wer beschreibt die Wehlaute noch, die aus seinen Klüftungen hervorklangen, wer malt auf den verschiedenen Gesichtern den verschiedenen Ausdruck. Ein grauer Nebel lag auf dem Zimmer, ob doch die Sonne draußen lustig wie vorher im Blätterwerk der Ulmen spielte, und die Vögel noch lustiger, mutwilliger zu zwitschern schienen.

Isegrimm war der erste, der wie eine lebendige Gestalt aus einem Nebelbilde sich entwickelte. Er hatte seine Pfeife gestopft und räusperte sich, als er zum Freiherrn sich wandte: »Meine Pferde kriegen Sie nun heute nicht, Exzellenz; ich muß Bohnenstroh fahren. Ob Sie einen Tag früher oder später nach Königsberg kommen, das ist egal. Exzellenz ist heut mittag unser Gast, Minchen, sieh Dich vor, daß Du Deiner Küche Ehre machst.«

Der Freiherr war mit eben empfangenen Briefen beschäftigt, der Major trat zu den andern Herren: »Bedaure, daß Sie Ihre Kourage unnötigerweise aufgeboten haben. Wir brauchen hier keine mehr; das Vaterland würde Ihnen vermutlich danken, wenn eins da wäre. Müssen nun schon sehen, wie sie sich anderweitig losschlagen. Jeder sorgt für sich, das ist Geschäftssache. Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst.«

Die Worte und die tiefere Verbeugung, als Isegrimm sie gewöhnlich machte, konnten dem Förster des Barons nicht gelten, auch nicht dem Kandidaten, der ja im Hause blieb, es ist also zu vermuten, daß sie nur an den Baron Eppenstein gerichtet waren, der sie auch als solche empfing. Er wollte die Lippen öffnen, aber schwieg. Mit ritterlichem Anstand verneigte er sich gegen die Damen, vornehm gegen den Hausherrn und mit einer leichten Schwenkung schritt er rasch zur Tür hinaus.

»Das ist abscheulich!« sagte die Gräfin, als sie die Röte auf Minchens Gesicht bemerkte. »Ein so hübscher junger Mann, und so ritterliche Gesinnungen!«

Die Briefe hatte van Asten überbracht. Er stand mit dem Freiherrn in einem Gespräch begriffen, als Isegrimm an ihn herantrat. Zu Tisch war er mitgeladen, als der Vertraute des vornehmen Gastes, aber an den Mienen, wie der Hausherr ihn ansah, versprachen die Damen sich nicht eben Gutes; denn wenn der Major als brummender Bär umging, pflegte er die Tatzen auf jeden zu legen, dem er begegnete. Es ging indes diesmal gnädiger ab.

»Ich freue mich, Sie nun auch einmal zu sehen wie Gott Sie geschaffen hat. Denn ehrlich gesagt, bis jetzt wußte ich nicht, in welcher Haut Sie steckten. Komödie spielen mag schon nötig sein, da's so viele Komödianten gibt, auf dem Theater und noch mehr draußen, aber meine Männer sind das sonst nicht, die darin ein Pläsier suchen.«

»Was jedem Vergnügen macht, pflege ich ihm selbst zu überlassen,« hatte Asten erwidert, »und begebe mich des Urteils in Dingen, wo es mir nicht zusteht; in denen, die das allgemeine Wohl angehen, höre ich aber nur auf die Stimme der Pflicht und meine Obern.«

»Das ist wenigstens deutlich gesprochen,« sagte Isegrimm. »Wenn Sie aber künftig das Geschäft fortsetzen sollten, das Kolportieren, mein' ich, von Briefen und Nachrichten, so rat' ich Ihnen, nicht so deutlich zu sprechen, Sie könnten an den Unrechten geraten.«

Die Frau von Ilitz hatte auch Briefe erhalten. Sie erbrach den einen: »Von Karolinen! – Das ist doch ihre Hand – Wolf, sieh einmal, was soll denn die Unterschrift bedeuten?« Die gute Mutter hatte vermutlich die Brille nicht zur Hand, oder das Lesen von Geschriebenem ging ihr nicht recht ab. Isegrimm ergriff den Brief: »Karoline, Komtesse de Heilsberg, das ist ja ganz deutlich. Was geht's mich an! Bei den Franzosen kann jeder Namen schmieden, stehlen, borgen, wie es ihm Pläsier macht.«

Van Asten hatte vorhin von den letzten traurigen Ereignissen des Feldzuges mitgeteilt, was ihm davon bekannt war. Der Name Heilsberg rief seine Aufmerksamkeit jetzt an: »Ich habe Ihnen wohl nicht bemerkt, daß an dieser für uns so unglücklichen Schlacht der Kolonel d'Espignac einen viel besprochenen Anteil hat. Einer Schwenkung mit seinen Kürassieren, die ihm nicht befohlen war, aber unerwartet günstig für die Franzosen ausschlug verdankt Napoleon den letzten entscheidenden Ausgang. Er ward auf dem Schlachtfelde zum General ernannt und es verlautete daß der Kaiser ihn zum Grafen von Heilsberg ernannt habe.«

Karoline korrespondierte nur mit der Mutter; eine Stelle in diesem Briefe war aber wohl nur für den Vater bestimmt. Mit schwerem Herzen meldete sie etwas, was sie gern unberührt ließe. Man möge aber nur in der Seele ihres Gatten lesen, wie es seinem edlen Geiste noch schwerer geworden, es über sich zu gewinnen. Es habe jedoch gegolten nicht allein die Gunst des Kaisers sondern das Vertrauen aller seiner Kameraden verscherzen, wenn er es ausschlug. »So mußte ein Marquis Latour d'Espignac den stolzen Nacken beugen und das Diplom eines Kaiserlich Napoleonischen Grafen hinnehmen! Wir sind nun gegraft vor der Welt; vor unseren Ahnen in den Grüften, auch vor denen, die nach uns kommen, bleiben wir was wir waren. Mögen jene uns die Schwäche vergeben, eine Stufe herabzusteigen unter uns selbst, es ist einmal die Zeit der Resignation; vor unsern Nachkommen, hoffen mein Gemahl und ich, werden wir nicht um Verzeihung zu bitten haben, wir werden, wenn wir gefehlt, es wieder gutgemacht haben.«

»Also Komteß Heilsberg!« murmelte Isegrimm für sich, als der Diener zur Tafel rief. »Es ist immer gut, wenn man für ein Ding einen Namen hat.«

Bei Tisch war der Freiherr sehr einsilbig. Nach dem Essen hatte er neue Briefe empfangen, die beantwortet werden mußten; van Asten und die Gräfin halfen ihm, auch der Major ward herbeigezogen, doch nur gelegentlich. So nahte die Stunde des Abschieds des Freiherrn. – Bei so bewandten Umständen hatte Gräfin Thusnelde ihren Entschluß geändert, wohl nicht ohne sein Zureden, und nicht ohne daß es ihm willkommen war: »Was soll ich noch an dem Hofe, der den Mut verloren hat, sich selbst zu helfen,« hatte sie erklärt.

»Wir brauchen Mut und vielen Mut,« sprach er, mit Bezug auf Isegrimms Worte vorhin, »und Sie hatten recht, zu Ihren Freunden zu sagen, daß sie ihn sparen sollten. Es werden Zeiten kommen, wo sie ihn besser losschlagen können. Weiß Gott, woher mich das, was Sie, meine Freunde, mit Recht so tief betrübt, anders stimmt! Es war noch nicht an der Zeit, es wäre ein unnützes Blutvergießen geworden. Ich steige mit neuem Vertrauen, mit frischem Mute in den Wagen – zu der großen Arbeit, die vielleicht meine Kräfte übersteigt, das fühle ich; aber wehe dem, der darum eine Aufgabe nicht übernimmt, zu der er berufen ist. Ich bin kein Moses, Preußen ist aber noch keine Wüste, und was in der Vorzeit einen Prozeß von vierzig Jahren forderte, dazu brauchen wir in unserer wohl eine kürzere Frist. Aber auf Jahre müssen wir uns gefaßt machen, jahrelange Resignation, jahrelanges Dulden, bis der Geist erstarkt, die geschwundenen Kräfte wieder gewachsen sind. Statt an das Volk Gottes, was hier nicht paßt, erinnern wir uns lieber an das Beispiel der Westgoten, der christlichen Germanen, die mehr gegen den gemeinsamen Feind als wir verloren hatten, die auf den äußersten Zipfel ihrer Insel zurückgedrängt waren. Und blicken wir nicht sowohl auf die Kreuzfahrer, die aus allen Nationen ihnen Hilfe bringend zuströmten – die hätten es nicht gemacht – als auf die germanische Ausdauer den Glaubensmut dieser Asturier, Kastilianer, Arragonesen. Damit, Schritt für Schritt, eroberten sie ihr ganzes, großes Vaterland zurück. – Nur vor allem und zuerst Ausdauer im Mut, im Vertrauen, Glaube – auch an uns selbst! Nicht wie mein trefflicher Freund Niebuhr, der nun einmal nicht dafür kann, daß er alles schwarz ansieht, mir eben schreibt: ›Wie schmerzvoll auch der Anblick, wie gigantisch das Unternehmen, wie dunkel die Zukunft, das wird Sie in Ihrem Beruf zu retten nicht abschrecken. Aber die bleibende Lähmung, die schwerlich auch nur aus ihrem jetzigen Besitz zu verdrängende Mittelmäßigkeit und Schlechtigkeit, die Torheit der Hoffnung, daß auf die Nacht der Unfähigkeit und Gemeinheit ein besserer Tag folgen müsse, das muß Widerwillen erzeugen; zur Gigantenarbeit sind sie befähigt, aber nicht zu der des Sisyphus.‹ – Auch das, meine Freunde, soll, es wird mich nicht abschrecken. Den Widerwillen will ich bekämpfen, gegen den Stein des Sisyphus meine Schultern stemmen; und ich werde Männer finden, die mit mir sehen, hören, fühlen, denken, die mit mir tragen, reden, handeln. Schon hat das Unglück seine beste Frucht getragen, es hat Geister geweckt und beschworen aus ihrem Todesschlafe. Wir werden uns mutig die Hände reichen im Kampf gegen die Lähmung, Erschlaffung gegen das verjährte Unrecht. Gerade in dem fernen, durch Sandsteppen und träge Flüsse vom Herzen Deutschlands getrennten Ostpreußen fand ich schon viele solcher Männer von echtdeutschem Sinn, spröde Naturen, zäh, aber voll Mark, Schärfe und Ausdauer, Männer, die nicht allein von Opfern, die sie bringen wollen, sprechen, sondern sie in den Opferstock des Vaterlandes werfen, auch ohne es zu sagen. Da, dort an der einsamen Bernsteinküste hat sich ein Rest des deutschen Eichenwaldes erhalten, auf den Deutschland stolz sein kann. Es freut mich, Herr von Quarbitz, daß es gerade deutsche Edelleute vom ältesten Namen sind. Möge die Geschichte dereinst die aus ihr so lange verschwundenen wieder mit Stolz aufzeichnen.«

»Exzellenz werden einen schweren Stand haben, wenn Sie alles Unkraut ausrotten wollen,« sprach der Wirt, beim Zusammenpacken der vielen Briefschaften hilfreiche Hand leistend.

»Um so mehr, da es immer wieder aufschießt, und selbst da, wo wir es zum wenigsten erwartet,« entgegnete Stein mit einem halben Lächeln, indem seine Hand einen der zuletzt empfangenen Briefe aufnahm. »Da lesen Sie, was Domherr Graf Spiegel mir über ›das physische Höllenfeuer der wieder auftauchenden Pfaffheit‹ schreibt. Wer hätte daran gedacht! Das fehlte noch, um uns völlig zu zerreißen und zu zersplittern, der alte Kampf zwischen Katholiken und Protestanten, um unser Grab zu graben unter dem Hohngelächter der andern Nationen. ›In der Zerrüttung des preußischen Staates liegt das Grab seiner Wirksamkeit für echte Menschenbildung und intellektuelle Kultur,‹ schließt er, so spornt man uns von allen Seiten, und unsere Aufgabe wird immer schwieriger, größer und heiliger.«

»Auch hier werden Gebete und Wünsche Ihre Arbeit begleiten.«

»Werden sie's?« sagte der Freiherr betonend, indem er zum Abschied die Hand des Wirtes drückte. »Auch wenn wir Opfer nicht nur entgegennehmen, wenn wir sie fordern – fordern müssen, darauf bestehen? Möchte es sein, möchte ich mich täuschen, aber Abrahams Glaube, als Jehovah von seinem Fleische forderte, ich fürchte, daß solcher Glaube noch nicht im ganzen Israel ist. Von ihren Fleischtöpfen werden sie seufzend geben, aber werden sie nicht schreien, wenn unser Messer auch an ihr Fleisch greift! Gott besser's, es geht nicht anders.«

*           *
*

Der Wagen war längst auf einer Hauptstraße, die nach dem fernen Osten sich schlängelte, als auch die Gräfin Thusnelde Abschied nahm. Die hohe schöne Gestalt hielt die beiden Schwestern umschlungen; wie eine Juno oder Minerva jüngere Liebesgöttinnen hätte ein antiker Dichter sagen mögen, aber es war nichts Antikes, weder in der Physiognomie der Minerva noch in den Grazien.

»Es ist die Zeit der Resignation, meine Freundinnen, auch wir sind auf sie angewiesen. Und wenn wir verzweifeln möchten in der langen Nebelzeit, blicken wir nur nach den drei Sternen am grauen Firmament: Glaube, Liebe Hoffnung! Sie werden immer heller leuchten, je mehr wir unser inneres Auge anstrengen, sie leuchten bis ins Grab. Wir leben nicht für uns, für das Vaterland. Und das kann nicht sterben.«

Bald darauf finden wir die Gräfin und Herrn van Asten, beide in Reisekleidern sich begegnend; ein anderer Wagen stand im Hofe angespannt:

»Was Sie mir von Frau von Bovillard mitgeteilt,« sagte die Gräfin, »hat mich erfreut. So haben wir also dort eine Bundesgenossin, auf die wir uns ganz verlassen können. Wenn nur der Einfluß der liebenswürdigen Frau auf Ihre Majestät die Königin unerschüttert bleibt!«

Walter zuckte die Achseln: »Wer kann das verbürgen! Die Luftströmungen an einem Hofe berechnet niemand.«

»So denn nach Berlin mein Freund!« sprach die Komteß mit einem tiefen Seufzer. »Ich schaudere ordentlich vor dem Gedanken, diese frivole, glaubenlose Stadt zum erstenmal mit Augen zu sehen, und selbst, wenn Sie den wahren Pulsschlag heraus gefühlt haben, und von dort unser Heil geboren werden sollte, wenn nicht die Verzweiflung über die Einquartierung, sondern die Macht der Ideen, dort gezeugt, genährt, Deutschland endlich befreien sollte, gerade diese Vorstellung bleibt für mich rebutant. Dieses tote Machwerk eines undeutschen Königs, der, ohne Glaube, Liebe, Hoffnung, nur Geist und Verstand war, diese Häusermasse im Sande, die, wie die Lianen in der Wüste, allen Saft aus Luft und Boden saugt, ohne selbst ein Baum zu werden, der Schatten wirft, diese eitle, dünkelvolle, sarkastische Bevölkerung, mit dem Sinn nur auf Erwerb und Vergnügen gerichtet, eine Stadt ohne gotische Münster aber mit heidnischen Tempeln: statt des erhabenen Glockengeläutes, das den Sinn zur Ahnung erhebt, mit Janitscharenmusik und Leierkasten; eine Nation, die auf ihre Geschichte stolz und ohne Monumente, selbst ohne Bildsäulen ihrer historischen Größen, und dafür in ihrem bestäubten Tiergarten karikierte griechische Götzenbilder! Das Volk nennt sie mit Recht seine Puppen. Wo, frage ich, kann da eine religiöse Erhebung, ein geistiger deutscher Aufschwung möglich sein, wo kein Adel, nicht in der Geburt, nicht in der Gesinnung, wo nur der frivole Witz herrscht! Ich folge Ihnen, weil Sie mich dazu auffordern, aber Sie wissen nicht, was es mich kostet.«

»Resignation,« entgegnete Asten, »auf die wir alle angewiesen sind, Ausdauer, Glaube, Liebe und – Hoffnung. Uebrigens, gnädigste Gräfin, sieht manches in der Nähe anders aus, als wir es uns in der Ferne vorstellen.«

»Aber schickt sich denn das, Wolf, daß die Komteß mit dem Herrn Asten, oder wie er heißt, allein reist; er ist doch ein weit jüngerer Mann als Seine Exzellenz der Herr Minister?«

So fragte die gute Frau von Ilitz ihren Mann, als sie aus dem Fenster dem fortrollenden Wagen nachsahen.

»Er ist ja Kommissarius vom Tugendbunde,« erwiderte Isegrimm und klopfte seine lange Pfeife an der Mauer ab.

»Resignation und Ausdauer!« seufzte er nach einer Weilen »Ja, ja, wir werden sie brauchen,« und ging auf sein Zimmer. Er war gewohnt, allabendlich den Kandidaten rufen zu lassen, mit dem er dann ein Stündchen plauderte oder disputierte. Er wollte eben an der Glocke ziehen, als er die Hand wieder sinken ließ: »Das geht nun auch nicht mehr,« seufzte er. »Man muß sich resignieren.«

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.