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Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
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Siebenundvierzigstes Kapitel.

Ein ernstes Zwiegespräch.

Malchen hatte geglaubt, den Vater noch im Bett zu überraschen, er saß aber schon in seinem Sorgenstuhle. Im Spiegel hatte er ihr leises Eintreten bemerkt und reichte ihr rückwärts mit tonlos gesprochenen Worten: »Komm nur dreist, ich bin nicht mehr bös,« die Hand.

Sie kniete am Stuhl nieder und drückte seine Hand an die Lippen. Er sah sie noch nicht an, als er weitersprach:

»Ich hab's mir überdacht. Du kannst nicht dafür: der – Mensch vielleicht auch nicht in dem Maße, als ich gestern meinte. Wer konnte in so schwerer Zeit an alles denken, wer an alle Winkel im Haus, wo alles draußen und drinnen im Argen liegt. Ich will's als ein albernes Kinderspiel betrachten, woran ich mit schuld war. Hörst Du? Auch er – mag nicht so schuldig sein. Ihr gehorchtet Gefühlen, die niemand beachtete, regulierte – wie konntet Ihr wissen, wohin die Ehre die Gefühle leiten muß.«

»Vater!«

»Ich meine nichts, was Dich kränken kann; Du bist ein gutes Kind, gewissermaßen ist er auch ein guter Mensch. Daß man auch für einen Erzieher einen Erzieher braucht, hatte ich eben nicht bedacht, oder doch nicht Zeit gehabt, daran zu denken. Er hat dich getröstet im Schmerz Deiner ersten kindischen Liebe, da wird Deine Zuneigung entschuldbarer. Du siehst, ich habe als guter Vater alles, was für Dich spricht, zusammengesucht. Auch das böse Beispiel, was Deine Schwester gab, konnte nicht ohne Einfluß sein.«

»Nein, Vater!« unterbrach sie ihn mit fester, klarer Stimme. »Da war ich Albert schon so gut, als ich ihm jetzt bin. Da erschrak ich vielmehr, ob ich nicht auch im Unrecht wäre; ich betete inbrünstig zum lieben Gott –«

»Und der liebe Gott hat Dir gesagt, daß Du ihn nur ruhig fortlieben solltest. Das kenne ich. Der Mensch läßt den lieben Gott immer das sagen, was er wünscht. Du wardst nun vernünftiger und wirst mich vernünftig anhören. Ich betrachte es als einen Fortschritt in der Erkenntnis, daß Du gestern offen und ehrlich gestanden hast. Hättest Du's früher getan, es wäre noch besser, wir wären schon heute viel weiter in Ruhe und Du in Frieden. – Hast Du noch etwas auf dem Herzen, Malchen?«

»Nein, lieber Vater. Wie ich am ersten Tage, wo es mir klar ward, für ihn fühlte, so fühle ich auch heute.«

»Das ist mir lieb. Nun will ich Dir auch von meinen Gefühlen sagen. Meine, sie gehören nicht mir, sie sind die des Stammhalters, des Seniors meiner Familie. Es ist nicht mein Eigentum, worüber ich schalten und walten kann, wie mir beliebt. Ich muß Rechenschaft dafür stehen, wie der Verwalter über ein anvertrautes Gut, denen vor mir und denen nach mir. Was ich hier sage, ist nur zu Dir gesprochen. Nimm es als ein Zeichen meines Vertrauens, der Achtung, die ich für Dich hege, trotz Deiner Verirrung. Aber stehe auf, Malchen, es schickt sich nicht für die Tochter Deines Vaters, vor ihm zu knien, wenn er Dich zu Rate zieht.«

Sie war aufgestanden. Er schien mit wehmütiger Lust in ihren seelenvollen Zügen zu lesen:

»Ich gönnte ihn Dir gern, 's ist manches Gute an ihm, was die Tochter eines Bürgers glücklich machen könnte. Es geht nun einmal nicht. Mein Kind, ich verberge es mir zum wenigsten, wie es mit unseren Adelsgeschlechtern steht. Wir sind selbst daran schuld, daß unser Ansehen geschwunden ist. Wo der Kaufmannsgeist, das Interesse sich in die Vorstellungen und Bestrebungen einschleicht, hilft es nichts, auch wenn wir alle unsere Rechte festhielten und selbst die verlorenen wiedergewönnen. Keine fremde Hand, kein Gott aus den Wolken erhebt uns aus dem Schlamm der allgemeinen Nüchternheit und Gemeinheit, wenn unser Sinn in dem Sumpfe schwimmen bleibt. Es gilt, diesen unsern Sinn wieder zu stählen und zu adeln. Das ist die Aufgabe des wahren Aristokraten, edel und groß zu denken, und diese Gesinnung auf seine Kinder und Nachkommen zu impfen. Liebes Kind, ich bin – ich bin kein glücklicher Vaters Womit hab' ich's verschuldet, daß ich umsonst nach diesem Sinne in meiner Familie umsuche! Meine Knaben – Du kennst ihre Anlagen, ihren Sinn. Vergebens suche ich mich zu trösten, daß sie mit den Jahren sich anders entwickeln werden. Ein edler Keim zeigt sich schon in den ersten Knospen. Es kann manches gebessert werden, aber die Natur, jene Natur! Jene – nun ja, die hat meinen Sinn, die ist nun ihre eigenen Wege gegangen, wir kommen nicht mehr zusammen. – Still, das ist ein abgehauener Zweig, er versprach so schöne Blüten! – Wilhelmine ist das bravste Mädchen von der Welt, jedes Elternpaar könnte sich glücklich schätzen zu einer solchen Tochter. Zu uns gehört sie nicht; ein Spiel der Natur – wer begreift es – daß kein Funken adligen Bluter durch ihre Adern glüht. Ich liebe sie wie Dich, wie ich jene liebte; sie kann nicht dafür, aber sie ist und bleibt nur die Tochter Deines Vaters, Deiner Mutter, nicht unseres Hauses. So bleibst Du allein unser wahres Kind, Du allein hast den adligen Sinn bewahrt, schon in der Wiege zeigte er sich, und mit stiller Freude sah ich ihn sich entfalten. Da könnte ich Dir viel von erzählen, wie ich ihn beobachtet habe, ganz still, ganz von fern, und jeder Zug Deines Wesens, Seele und Körper, entsprach meiner Erwartung. Die erste Neigung des Kindes zu Theodor, heut will ich Dir gestehen, sie freute mich, nicht um des Zieles willen, sondern wie Du innig, aufopfernd, schön geliebt hast. Auch wie Du seinen Tod ertrugst, ich sah den ganzen Adel Deiner Seele darin, den Sieg der Vernunft und Besonnenheit. Und selbst wie Du dem jungen Menschen Dein Herz geschenkt, wie nicht Eitelkeit, Leidenschaft, Sinnenglut dabei vorwaltete, wie Du in ihm seine Vaterlandsliebe, seine guten Maximen, seine sittliche Aufführung geehrt und geliebt hast, zeigt mir, daß ein anderes Metall, daß vom Eisenstoff in Deinem Blute ist. – Du solltest mir verloren gehen, Du mich verlassen, mein einziges Kind! Nein, nimmermehr! Ich habe etwas von meinen Vätern überkommen, das soll wenigstens einem meiner Kinder fortleben für die nach mir kommen. Du wirst mich nicht dastehen lassen wie einen welken Stamm, der auf die Axt wartet, und dann, wenn sie auch die Wurzeln ausgruben, ist er verschwunden.«

Das hatte Malchen nicht erwartet. Auf bittere Vorwürfe, auf heftige Zornesworte war sie gefaßt, nicht auf Bitten, die sie nur halb verstand. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, als sie den Vater umschlang. »Will ich Dich denn verlassen, werde ich denn Deiner unwert, wenn ich einem würdigen Manne meine Hand reiche?«

Auch er hatte auf seine Worte eine andere Antwort erwartet; auf Gründe hatte er sich nie gegen seine Kinder eingelassen, noch weniger auf Gründe, die mit einer Bitte an ihr Herz schlossen. Sein Wille genügte und er erwartete Gehorsam. Aber er zürnte auch jetzt nicht, er ließ sie sprechen, wie es ihr aus dem Herzen kam, zuerst schüchtern, dann ein reicher, voller Strom, Worte, Lob des Geliebten, wie die Liebe es eben nur diktiert. Aber die Wirkung war eine andere. War er vorhin weich, so stählte ihn die weiche, süße Sprache, und er stand wieder vor ihr, der eiserne Mann, den sie erweckt hatte, als er ruhig entgegnete:

»Habe ich das je abgestritten, daß er ein braver Mann ist? Es gibt viele noch bravere, und denen ich doch nicht meine Tochter zum Weibe gäbe. Ein Komödienstück spielen wir nicht, wo der polternde Vater endlich seine Tochter um irgend eine gute Tat dem Liebenden in die Arme schleudert, damit das gerührte Publikum klatscht. Ich erwartete schon, daß Du die Affäre da auf der Leiter in Rechnung bringen würdest. Es zeigt Deinen richtigen Sinn, daß Du es nicht tatest. Und hätte er wirklich den Knaben gerettet, so hätte er nur wie ein mutiger und geschickter Mann gehandelt, und ich weiß von ihm, was mehr Mut bewies und ihm mehr Ehre brächte. Das ist nun aber nichts; was hast Du sonst zu sagen?«

»Vater – lieber Vater –« die Sprache versagte ihr, die Tränen in ihrem blassen Gesicht wurden von dem schneidenden Blick zurückgedrängt.

»Daß Du ihn unaussprechlich liebst und unaussprechlich unglücklich würdest, nicht wahr? – Ich glaube Dir das eine und das andere ohne Beweise. Wohl verstanden, weil Du es sagst, glaube ich es, ob ich schon sonst meine, daß, was sie von der Macht der Liebe faseln, mehr Illusion als Wahrheit ist. Der Mensch kann, wenn nicht alles, viel, um solche Affekte zu dämmen, ohne daß darum das Herz bricht. Ja, mein Kind, Du wirst unglücklich sein. Vielleicht überwindest Du die Erinnerung Dein Leben hindurch nicht ganz. Auch das will ich zugeben. Nun denn, eine solche Erinnerung bringt den Menschen auch noch nicht um; im Gegenteil, sie läutert und adelt ihn, sie warnt ihn vor Irrwegen und führt ihn zum Rechten. Dir will ich noch ein Bekenntnis ablegen, das kein Mensch auf der Welt ahnt. Die Tochter eines französischen Gutsbesitzers in Champagne hat Dein Vater geliebt, geliebt wie – doch das gehört nicht her. Ich bin nicht davon gestorben, nicht verkümmert, nicht schlechter geworden, als die Natur mich gemacht. Ich habe es überwunden; längst schon als die Trompeten bliesen und ich ihr das Lebewohl auf Nimmerwiedersehen zurief, war es überwunden. Und die Erinnerung ist mir ein rosiger Streif, der zuweilen über einen grauen Himmel zückt. Mein Kind, wir leben nicht, um glücklich zu sein, sondern um recht zu handeln.«

»Hat die Französin Dich auch – so geliebt?«

»Ich glaube – ja, sie hat

»Was ward aus der Verlassenen?«

»Sie hat einen anderen geheiratet und wird sich getröstet haben.«

Das arme Kind, es glaubte sich stark, als es eintrat, die Flügel der Hoffnung hoben sich bei des Vaters weicher Sprache. Es war ein Schmetterling, den der erste Sonnenschein verlockt, und nun kommt Schnee und Frost, und er sinkt zusammen mit erstarrten Flügeln: »Ich würde nie Trost finden, lieber Vater.«

»Das würde mir leid tun. Wer siebzehn Jahre alt ist, hat ein langes Leben vor sich.«

Sie warf einen letzten, bang fragenden Blick auf ihn. »Ein langes Leben ohne alle Hoffnung?«

»Das Hoffen hängt von Dir ab, Malchen. Mehr noch Deine Zukunft. Meinen Willen kennst Du; Du weißt auch, daß weder Gründe noch Bitten ihn erschüttern. Das übrige ist an Dir.«

»An mir?«

»Habe ich Deine Schwester eingesperrt unter Schloß und Riegel? Sie geht mit ihrem Franzosen fort, wohin sie will. Werde ich Wilhelminen hindern? Meine Kinder haben volle Freiheit, ihre Eltern, ihr Vaterhaus, ihre Namen, ihre Ehre zu verlassen. Ich bin kein Despot.«

»Du legst mir stärkere Fesseln an, Vater, als Schloß und Riegel, Fesseln, die ich nicht – ich kann sie niemals sprengen. Ich bin zu schwach.«

»Sagst Du's! – Malchen, mein liebes einziges Kind! – Bist Du zu dem Entschluß gekommen, dann wird Dir auch wieder die Hoffnung aufblühen. Gott belohnt die gehorsamen Kinder.«

Er wollte sie ans Herz drücken, sie war einen Schritt zurückgeschnellt: »Gehorsam, Vater, weil ich nichts gegen Deinen Willen tun werde. Dies Wort gebe ich Dir; ich werde Dir keinen Kummer machen, ich werde keinem die Hand reichen, von dem Du sagst, daß er Deinem Hause und Namen keine Ehre bringt. Aber mehr fordere nicht, weiter geht auch der Kindesgehorsam nicht. Denn Du willst ja, daß Deine Kinder einen eigenen Willen haben. Den habe ich nun. Albert hat mein Wort, meine Treue, meine Seele. Ich will und werde mein Wort nicht brechen, ich kann meine Seele nicht zerreißen. Ich hab's gelobt an dem Tage, als der arme Theodor seine Seele aushauchte; ich brauchte es nicht zu geloben, denn es ist ein Eid, den ich nicht brechen kann, auch wenn ich ihn nie geschworen. Treue bis ins Grab! Sie sagen, das ist Illusion, eine Selbsttäuschung, oder wie sie's nennen. Mir ist, als werde ich noch recht lange leben, um es beweisen zu können, daß es kein Wahn ist. Der liebe Gott wird mir Kraft geben.«

»Und wenn Mauritz das Wort Dir zurückgibt? – Wenn er eine andere heiratet?«

Auch das kam ihr unerwartet; sie blickte erschreckt, fast verwildert auf, bis ihre Züge sich aufklärten und fast in einem Lächeln sich lösten:

»Wie kann er mir zurückgeben, was mir gehört! Die Treue und die Liebe ist mein. Du kannst ihm drohen und ihn bitten. – Nein, das wirst Du nicht; Du kannst ihm nicht etwas Falsches sagen, um ihn zu täuschen; mein Vater kann niemand täuschen, am wenigsten, um für sich Vorteil daraus zu ziehen.«

»Nein, das kann er nicht. – Guten Morgen, Malchen, wir sprachen uns nun aus, jeder weiß, was er vom anderen zu erwarten hat. Das ist gut. Hätte ich nicht schon die beste Meinung von Dir, ich würde sie jetzt gewonnen haben. Du wirst auch von mir nicht schlechter denken. – Ist der Abschied von ihm schon vorüber?«

Sie schien ihn nicht zu verstehen.

»Nun, an roten Augen konnt' ich's nicht merken, denn die Tränen wirst Du überwunden haben. Wohin ging der Herr Kandidat?«

»Er wartet im Korridor, um mit Dir zu sprechen.«

»Das ist mir lieb zu hören, denn ich habe auch noch mit ihm zu sprechen. Ruf' ihn herein und sorge, wenn der Freiherr schon auf ist, daß Minchen das Frühstück bereit hält. Erinnere sie daran, er liebt die englische Sitte, geröstete Semmeln mit frischer Butter zum Kaffee.«

Der Kandidat war eingetreten. Der Hausherr ging ihm in seiner aufgerichteten Würde halb entgegen, aber es war eher ein milder als harter Ton in seiner Anrede:

»Es freut mich, daß Sie noch hier sind, Herr Kandidat. Ich hätte mich sonst in der Angelegenheit schriftlich an Sie wenden müssen, und es ist unter Männern so besser. Ich habe mich gestern gegen Sie – übereilt; ich will es geradezu aussprechen – vergangen habe ich mich, indem ich mich zu einer Drohung hinreißen ließ, die Ihren Rock, Ihre Stellung in der Kirche verletzt. Es tut mir aufrichtig leid, und darin, daß Sie so freundlich sind, mich noch persönlich vor ihrer Abreise aufzusuchen, sehe ich ein Zeichen, daß Sie mir nicht nachtragen wollen.«

»Nur meinen Rock?« sagte der Kandidat. »Nicht den Menschen, nicht die Menschenwürde, die ein edler Mann in jedem Rocke zu achten hat, nicht den Hausgenossen, den Mann, der an Sitte, Bildung, Gesinnung Ihnen nicht nachsteht, dem Sie Ihr Vertrauen geschenkt, und der glaubt, es verdient zu haben?«

»Ich könnte darauf sagen: Sie hätten dies Vertrauen nicht erwidert. Davon will ich nicht sprechen. Das betrachte ich als eine erledigte Sache, die wir ruhen lassen wollen. Es ist besser, Herr Mauritz, daß wir beide davon schweigen. So erwidere ich Ihnen denn, ich achte und liebe Sie als Mensch, Charakter; auch als Hausfreund hatte ich Ihren Wert erkannt, und um deswillen tut es mir leid, daß ich mich zu einer unwürdigen Drohung hinreißen ließ. Mehr kann ich nicht sagen, mehr werden Sie auch in Ihrer Stellung – ich meine nicht zu mir, in Ihrem Stande – nicht fordern wollen. – Was Sie etwa an Achtungsbezeugung vor den Leuten, was Sie sonst wünschen, um Ihr Fortkommen zu befördern und in meinen Kräften steht, dazu sollen Sie mich, wie einen wahren Freund, bereitwillig finden. Da Sie noch hier sind, hoffe ich, Sie werden auch noch an unserem Frühstück teilnehmen. Ich wünsche für Sie und mich, daß der Freiherr und die Gräfin uns in bestem Einvernehmen scheiden sieht.«

»Ich reise nicht fort, Herr Major!«

»Was soll das heißen?«

»Wenn Sie unser Verhältnis brechen wollen, so bedenken Sie, daß nicht Sie, sondern das Konsistorium mich hierhergestellt. Ihnen brauche ich doch nicht zu sagen, daß ein guter Soldat seinen Posten nur auf Befehl seiner Obern verläßt.«

Daran hatte der Major nicht gedacht. Er durchschritt, nachsinnend, einigemal die Stube: »Auch das wird sich arrangieren lassen bei gegenseitiger Bereitwilligkeit. Daran zweifle ich nicht von Ihrer Seite. Aber freilich, Zeit vergeht darüber. In der Pfarre können Sie nicht wohnen, aber der Schulz hat eine Erkerstube. Wir wollen sie einrichten.«

»Unter welchem Vorwande soll ich dahin ziehen? – Vergessen Sie, daß andere Bande uns aneinanderknüpfen? daß jeden Tag, heute schon, die Feuerzeichen am Himmel lodern können, daß die innigste Einigkeit unter allen Verbündeten not tut, daß wir unsere Worte, Blicke ablauschen müssen.«

»Herr! zwingen Sie mich nicht zu einer neuen Beleidigung,« fuhr der Major auf. »Ich ward gestern abend durch den Freiherrn überwunden; um des allgemeinen willen opferte ich meine persönlichen Gefühle. Lassen Sie mich nicht denken – nein, es ist unmöglich.«

»Daß ich die Sache meines Vaterlandes verlassen könnte, um mich an Ihnen zu rächen? Nein, Herr Major, ich traue Ihnen nicht zu, daß Sie einen solchen Verrat mir zutrauen. Aber ich bin gewissermaßen Ihr Adjutant, es kommt so viel auf augenblickliche Mitteilungen an; ich muß, wenn der Aufstand losbricht, um Ihre Person, ich muß im Schlosse sein. – Wie würde man meine Abwesenheit deuten? Doch lassen wir auch dies beiseite. – Wie deutet man es überall, wenn Sie mich plötzlich ausstoßen, aus Ihrem Hause, Familienkreise, und doch in der innigsten persönlichen Berührung mit mir bleiben? – Haben Sie nicht Wache zu stehen für die Ehre, den guten Leumund Ihrer Tochter? – Wenn ich nach jenem Auftritt ruhig, wie vorhin, in Ihrem Hause bleibe, wird das Gerede bald verstummen, man wird es für eine Aufwallung, ein Mißverständnis erklären. Als der Kolonel plötzlich verschwand, Karoline plötzlich abreiste, hat man es anders gedeutet. – Ich bitte nicht für mich, daß Sie mich in Ihrem Hause dulden, ich ginge jetzt, mit Schmerz, aber gern fort, der Aufenthalt unter diesen Verhältnissen kann für mich eine Folter werden, aber ich bin es Ihnen, ich bin es Amalien schuldig, daß ich bleibe. Ich erwarte Ihre Entscheidung.«

»Sie trauen mir, sich, uns allen, sehr viel zu,« sagte der Hausherr nach einer Pause. »Der Rat ist klug, aber gefährlich. – Nicht für Malchen. Sie ist ihres Vaters wahres, echtes Kind. Ich wollte sie mit Ihnen allein nach Berlin schicken, wenn wieder Gefahr hier wäre. Aber – Sie nehmen über sich mehr, als ich übernähme. Woher kommt dieser Mut?«

»Diesmal, Herr von Quarbitz, aus meinem Stolz! – Den Mann, der mich so gekränkt, so tief verwundet hat, könnte ich, wäre ich nicht Christ und Geistlicher, vor die Gesetze, welche die Welt die Ehre nennt, gerufen haben. Das ist überwunden. Aber nun und nimmermehr könnte ich ihn nun beschleichen, betrügen, bestehlen, um mich an ihm zu rächen. Zwischen meinen Wünschen und mir liegt nun ein eisernes Schwert. Das bleibt heilig ruhend wo es liegt, wenn es kein anderer aufhebt. Meine Hand greift nicht danach; darauf haben Sie mein Wort.«

Der Major ließ das Auge eine Weile auf dem Boden ruhen: »Das könnte mir genügen, aber so wollen wir heute nicht auseinandergehen. Beleidigt habe ich Sie, ja, und es war im Affekt, den ein Mann nicht aufkommen lassen soll; die Art war unrecht, aber das Recht auf meiner Seite. Erkennen Sie dies Recht des tiefverletzten Vaters reuevoll an, dann wird sich alles freundlicher ausgleichen.«

»Die Reue fordere ich von Ihnen.«

»Das ist arg! – Schießt Ihnen das Blut zu Kopf, Mauritz? Ich habe gefehlt, daß ich das zuließ, was ich nicht für möglich hielt.«

»Sie haben gespielt mit Menschenherzen und Menschenglück, auf unverantwortliche Weise. Nicht zu ließen Sie es, Sie forderten, Sie munterten dazu auf. Was! hielten Sie das Herz Ihrer Tochter von Stein, mich aus Eisen geschmiedet, als Sie, nicht ein- – zwei-, dreimal mich mit Aufträgen betrauten, die ein Vater, wenn einem anderen, nur einem Manne erteilt, den er auch für mehr wert hält, als sein Knecht und Verwalter zu sein? In ihr Herz sollte ich blicken, ihre Neigungen lenken, ihre Schmerzen stillen, ihre Hoffnung erwecken, zum Vormund bestellten Sie mich, einen jungen Mann, über Ihre Familie, über Erwachsene und Lebenserfahrene. Wem solche Macht über Frauen in die Hand gegeben ward, den müssen sie entweder hassen oder lieben; gleichgültig kann er ihnen nicht bleiben. Die eine lernte mich hassen, die andere lieben. Das wollten Sie nicht, nein, gewiß nicht. Auch nicht, was einer wohl hätte denken mögen – ich selbst dachte einmal daran – mich in Versuchung führen, damit ich strauchelte, damit Sie sich über mich lustig machen oder mich fortweisen konnten. Nein, Sie waren so sicher, als wenn Sie Ihre Uhr aufziehen, daß sie nicht schneller rennt als die Zeit, daß sie nicht länger geht, als die Kette ums Rad sich windet. Ihr Instrument war ich, weiter nichts. Daß dies Instrument von dem Leim ist, dem der Allmächtige Atem, Seele, Willen und Freiheit eingehaucht, daß ich fühlen, denken, handeln könnte auch für mich, kam Ihnen nicht in den Sinn. Es war nicht Vorsatz, nicht Leichtsinn, nicht Mangel an Klugheit, Herr Major, Sie hielten, wie Sie es sagten, für unmöglich, was natürlich war, weil Ihr Stolz, nein, Ihr Hochmut, die Schranken zwischen dem Sohne eines Dorfmusikanten und einem alten Edelmanne für eine ewige, von Gott aus Diamant erbaute, unübersteigliche Mauer ansah.« –

»Ihre Predigt nun zu Ende?«

»Nein, wenn Sie mich weiter hören wollen.«

»Dem Beleidigten gestehe ich sein Recht zu.«

»Was ich sprach, wird an Ihrem Ohr verhallen. Sie können das Unrecht nicht bereuen, weil Ihr Hochmut für Menschenwürde und das Recht der Kreaturen, die aufrecht zum Himmel schauen, die Gott zu seinem Ebenbilde erschuf, keinen Maßstab hat. Mich glaubten Sie ein Recht zu haben zu gebrauchen, je wie Sie Lust hatten, weil ich in Ihrem Dienst, weil ich ja bezahlt ward. Aber zu Ihrem Kinde standen Sie anders. Nicht frage ich, wer Ihnen ein Recht gab, ein so vermessenes Spiel mit ihr zu spielen; nein, den klugen, umsichtigen, welterfahrenen Mann frage ich, ob in den Träumen seiner Nächte, in den bangen Stunden seines Wachens ihn niemals die Ahnung beschlich, daß ein Funke in diese klare Seele fallen dürfe, der, still wachsend, zum Brande ausschlüge? Sie sahen einen solchen Brand, er drohte Ihr Haus zu vernichten. Und doch hielten Sie es noch für unmöglich, daß eines Dorfmusikanten Sohn dieselben Gefühle erwecken könne wie ein französischer Reiteroffizier. Kalten Blutes sehen Sie das Herz einer edlen Tochter bluten, Sie nehmen ohne Zaudern, ohne Gewissensbisse das Opfer entgegen, was sie Ihnen in stummer Pflicht hinlegt am Opfersteine Ihres Wahnes. Sie, ein Christ, ein gläubiger Bekenner der Religion, deren erstes Gebot Liebe heißt, stehen wie ein stoischer Heide an dem Blutaltar; wie jener Römer könnten Sie den Stahl in das Herz der einzigen, geliebten Tochter bohren, um sie vor der Befleckung zu bewahren, die ehrenhafte Gattin eines Mannes zu werden, der nicht zu Ihrem Stande gehört. Und hören Sie denn kein dämonisches Gelächter über sich, fühlen nicht den Atemhauch des Geistes der Finsternis? Die Tochter, welche dem wilden Rufe ihrer Leidenschaft folgte, – die ward glücklich, Ihre tugendhafte Tochter –«

»Kann, wenn sie will, so glücklich werden wie die andere,« unterbrach der Vater. »Sie ist frei. Das geht über die Rechte des Beleidigten hinaus, mein Herr Kandidat. Sie greifen mich auf einem Felde an, das mir gehört. Um meine Tochter, sei Ihnen beiläufig gesagt, bin ich unbesorgt, das Blut ihrer Ahnen fließt nicht nur in ihren Adern, seine Eisenteile haben auch ihren Sinn und Verstand geklärt. Wie sie den Verlust ihres Kousins überstanden, wird sie auch die Affektion zu Ihnen überwinden. Und es ist mir jetzt sogar lieb, daß Sie im Hause bleiben. Wenn man sich täglich sieht –«

»Da ist Ihr definitiver Beschluß?«

»Wir bleiben doch nun gute Freunde. Auch unser Verhältnis wird klarer, besser werden. Sie müssen mir zugestehen, daß ich Ihnen das äußerste Maß in der Verteidigung zuließ. Sie führten Ihre Waffen geschickt, ich ehre Sie darum. Meine Zusage in betreff der Pfarre bleibt Ihnen, wenn Faßbinder einmal, so oder so, abgeht. Unser gesellschaftliches Verhältnis kann sich da ganz hübsch gestalten, vorausgesetzt, daß Sie eine Ihrer würdige Frau nahmen, woran ich nicht zweifle. – Ich hätte vielleicht auch nichts dagegen, wenn Minchen Sie in Affektion nähme; besser einen Geistlichen, als einen neugebackenen Edelmann – besser Sie, als den Branntweindestillateur mit den Klappstiefeln. Guten Morgen. Zum Kaffee sehen wir uns wieder.«

Er hatte die Wendung gemacht, welche den Abschied bedeutete, und stopfte die Pfeife, als er den Fortgehenden noch auf ein Wort zurückrief:

»Nicht wahr, ich bin ein barbarischer, grausamer, engherziger, adelsstolzer Mann. In Ihnen kocht's noch. Die Predigt war Ihnen nicht lang genug; möchten mich in der Kirche abkanzeln als einen hartherzigen Vater, der das Glück seiner Tochter einem Vorurteil opfert. – Was würden Sie an meiner Stelle tun? Nicht wahr, Freiheit und Gleichheit proklamieren, nicht wie die drüben, sondern in Christenliebe. In mystischer Seelensympathie soll alles durcheinanderschwimmen, Krethi und Plethi. Die Prinzen und Könige möchten sich Schankwirtstöchter nehmen, wenn sie ihnen gefallen, und Reichsgräfinnen sich in Tischlergesellen verlieben und an der Hobelbank waschen. Das gäbe dann ein so schönes mongolisch-chinesisches Mischmasch, wo Namen gar nicht nötig sind, Nummern reichen aus, und der Mandarinenbambus bringt die Schichtung hinein.«

»Ich erkenne die Stände, ich erkenne auch das Naturgesetz, das Gleiches zu Gleichem zieht.«

»Aber für sich wollen Sie eine Exzeption? Sie, Gelehrter, wozu haben Sie Bücher studiert? So war Gottes Ordnung, wenn Sie Ihre Geschichte nicht ausgeschwitzt haben. Unten der Bauer, seitwärts der Bürger, darüber der Edelmann, und über allen der Fürst. Das ist die Säule, welche die Ordnung in der Welt trägt. Rüttle einer daran, und wir haben die Bescherung, die wir in Frankreich sahen. Jeder hat sein Recht, sein besonderes, selbständiges, und jeder Griff da hinein, uns besser zu machen, ist ein Mißgriff; jeder Angriff gegen ein altes Recht ein Unrecht, und wenn er's bekleistert noch so sehr mit guten Zwecken und Vorsätzen. Der Weg zur Hölle, wissen Sie, ist mit lauter guten Vorsätzen gepflastert; die Schlimmsten aber sind die, welche andere glücklich machen und die Glückseligkeit auf dieser Erde einführen wollen, die einmal ein Jammertal ist, was Sie als lutherischer Theologe besser wissen müssen als ich. Für sein Glück mag jeder selbst sorgen, wenn er Zeit dazu hat; denn ich meine, er hat genug zu tun, wenn er nur seine Pflichten erfüllt und seine Rechte sich erhält; was er andern von dem, was er zu viel hat, abgibt, ist seine Sache und er hat niemand danach zu fragen, es sind Almosen, und die Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut. Am wenigsten ist einer dazu berufen, für das Glück aller zu sorgen; dies den Erdball meliorieren und das Menschengeschlecht in Pausch und Bogen korrigieren, kultivieren wollen, ist geradezu eine Mission des Satans; der allmächtige Gott hat die Welt gemacht, wie sie ist, und als sie fertig war, sah er sich um und fand, daß alles gut war. Diese Revolutionen kamen, Gott sei's geklagt, zuerst von den Thronen herab, weil die drauf saßen, sich zu nahe dem Himmel dünkten, indem sie vergessen hatten, daß sie aus dem Volk, ich meine aus dem Adel, hinaufgestiegen waren. Wollen sie sich noch nicht daran erinnern lassen, auch jetzt nicht, nachdem die Philanthropen und andere häßliche und kleine Affen es ihnen nachgemacht und den Brei und Sumpf zugerichtet, darin alles Feste, Edle und Gute untersinkt, nun so komme es über sie, daß sie im Schlamme mit versinken, und wenn nicht Gottes Zornrute sie spaltet, die Erde ein Ball voll dicken Schimmels wird. – Das gibt uns aber kein Recht, daß wir nicht, jeder was an ihm, seine Schuldigkeit tun, um diese Säule, die Gottes Ordnung auf Erden ist, zu erhalten. Und wer da nur einen kleinen Finger nachgiebt, gibt auch die Hand, und bald ist er mit Leib und Seele hinübergezogen. Das ist die ständische Gliederung, daß zusammenhalten soll, was Gott zusammen schuf, daß wir nicht Brücken bauen, wo er die Erde durch Meer und Berge zerriß und die Felsen geklüftet hat. Jeder Stand muß auf sich halten und seine Ehre für sich haben, wenn sie auch den anderen eine Torheit dünkt, und den Philosophen und Philanthropen voran. Das ist auch eine Ehre. Ich, wohlan, mein Herr, will an dieser Säule nicht rütteln, zum wenigsten aus Sentimentalität, und läge sie auch in Trümmern, will ich auch auf denen stehen, bis sie mich drunter begraben. Kennen Sie Festeres, Theolog?«

»Den Geist Gottes, der über den Wassern schwebte, als er die Welt schuf, den Geist Gottes, der noch heut über die Schöpfung weht wie am ersten Tage. Dieser Geist ist Bewegung, rauschend wie das Wasser, sprühend wie das Feuer, ewig neu schaffend, wie die Erde in jedem Frühjahr ihre Scholle neu aufwirft und neu sich kleidet. Gottes Odem weht, atmet in dem, den er sich zum Ebenbilde schuf, den er nicht an die Scholle kettete, wie Strauch und Baum, den er frei aussetzte in seine Welt, nicht wie das Tier, dem Triebe zu folgen, sondern dem Lichte seiner Vernunft. Was ist denn auf der Erde wie es war, und wer hat es anders gemacht; wer hat Brücken über die Meere geschlagen, wer Wüsteneien in Gärten verwandelt, wer den Nordpol mit dem Südpol verbunden, als der Mensch! Sein Treiben ist rastlos, und jeder Schritt, jeder Gedanke, ob er sich zu den Sternen schwingt, oder in die Tiefen der Erde dringt, ist eine Bewegung, die Altes zerstört, um Neues zu bauen. Was ist fester als der Wandel? Wandel und Fortbewegung ist sein Gesetz in der Körper- und Geisterwelt, und der große Prozeß seiner Offenbarung auf dieser Erde heißt Geschichte. Da rauscht er hin in Strömungen, die keines Menschen Weisheit berechnet, zeitlos, maßlos. Die Nationen gehen wie Inseln im Strome unter, um neuen Platz zu machen, und in einem Atemzuge der Ewigkeit – was kümmert es ihn, daß wir sie Jahrhunderte nennen – sind die verschwunden, spurlos, von deren Namen der Erdkreis bebte. Wer setzt der Geschichte Schranken und Ziel? wer spricht: bis hierher und nicht weiter! Wer vermißt sich zu sagen: das war unrecht, das recht – vor Ihm, der die Unschuldigen zertreten werden ließ und die Schuldigen triumphieren! Wo mißt der Maulwurf die Höhe eines Kirchturms: und wir mit den Maulwurfsaugen sollen messen, wie hoch die Alpen sich türmen, die Sterne kreisen dürfen über den Zenith? Wer bestimmt: hier dringt der Geist zu tief, hier schreitet er zu weit aus in das Unerlaubte! Der das Pulver erfand, das die Burgen niederwarf und das Faustrecht vernichtete, und der den zuckenden Blitz am Draht auffing und in die Erde senkte, wer wagt noch zu sagen, daß sie Frevler waren, wie jener Titane, den die Heidenwelt an den Fels am Meere schmiedete, weil er das Feuer vom Himmel stahl? – Und Ihr kleinen Menschen wollt aus der großen Geschichte, die Gott Tausende von Jahren zündend, weckend, belebend um den Erdball rauschen ließ, einen Zeitraum von ein paar hundert Jahren herausgreifen, Mittelalter genannt, und bestimmen, was damals war und galt, das müsse gelten und sein in Ewigkeit, da allein habe Gott sich in der Geschichte offenbart, da allein habe er die Säulen seiner Ordnung gesetzt, die gelten soll in Ewigkeit, und wer daran rüttelt, ist Rebell gegen ihn! Das ist die Weisheit der Auster, die aus ihrer Schale dem Universum Gesetze geben will, daß alles sein soll draußen so eng und, dumpf, als in ihrem Hause. Und auf dieser Austernweisheit beruht Euer Stolz, weil Ihr den Schöpfer nur seht in dem kleinen Kreise, den Euer Auge mißt. Wehe, wenn der Euch die Augen aufreißt, daß Ihr ihn rauschen seht in seiner Majestät. Was sind Eure kleinen verbrieften Rechte vor ihm, hundertjährige und seien es tausendjährige, vor dessen Atem Kronen und Throne wie Spreu im Winde fliegen! Seien sie wertvoll gewesen für ihre Zeit mögen sie fortleben, wenn Lebenskraft in ihnen ist, Eure zünftigen und ständischen Rechte; aber sie sind kein Grundstein und kein Eckstein der Säule seiner Ordnung, denn diese Säule ist unsichtbar. Ewig ist nur Gott; ob die Geschichte ewig ist, weiß nur Er; Eure Satzungen aber, vor denen Ihr auf den Knien liegt, sind es nicht. Nur der Widerschein von einem Gewesenen, werden sie zu Götzen, auf die das Auge seines Zorns fallen muß, wenn Ihr im verstockten Aberglauben über die Anbetung der Bilder das Urbild vergeßt. – Darum, Herr Major, auch ich achte diese Satzungen, wo sie den Menschengeist nicht fesseln, aber von ihm zur Freiheit bestimmt –«

»Hat jeder Mensch das Recht sie umzuschmeißen, der die hohe Intuition hat, daß sie nichts taugen! Das gefällt mir; grad heraus! Probieren wir's. Draußen stehen die Hungrigen, drinnen die sich sattgegessen haben, so meinen Sie. Darauf läuft's hinaus, das andere sind Redensarten. Das Rechenexempel ist nun, wer mehr Kourage hat, die Satten oder die Hungrigen? Der Hungrige springt und klettert lustiger, das geb' ich Ihnen zu; merken Sie sich aber das, Herr Mauritz, die Satten haben mehr Ausdauer, sie können's abwarten. – Nun hätten wir ja wohl nichts mehr zu besprechen. Einer kennt den andern und wir bleiben ehrliche Feinde. Nota bene: solange Sie in meinem Hause sind, Waffenstillstand! Wenn Sie einen Sturm versuchen wollen, oder ich einen Ausfall für nötig finde, vorher gegenseitige Aufkündigung. Ihre Hand darauf!«

Der Kandidat reichte sie: »Das Schwert bleibt zwischen uns liegen. Wer länger ausdauert, Herr Major, ob Ihre Hungrigen, ob Ihre Satten, das ist die große Frage, die doch noch nicht entschieden ist. Wann wird sie je entschieden werden? Ich – mein festes Wort, ich lasse meine Ansprüche ruhen, bis Sie freiwillig erklären, – ich habe ein Recht erworben.«

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