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Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
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Zweiundvierzigstes Kapitel.

Ein Doppelgänger.

Wir begleiten den unglücklichen Vater nicht auf seiner Irrfahrt. Eine solche war sein mehrtägiger Ritt. Zwar hatte er noch am selben Morgen d'Espignacs Bagagepferde eingeholt, nicht aber ihn selbst, und der Kammerdiener gab ihm eine falsche Richtung an, wo er den Kolonel, der sich von ihnen getrennt, um noch persönlich einen Seitenabstecher zu machen, treffen werde. Es war in jener Zeit bei den Kreuz- und Quermärschen der Truppen, dem Hin- und Herreiten der Kuriere, Kommissäre und Rekonvaleszenten, die ihre Truppenteile suchten, schwer, eine Spur zu verfolgen. Mochte doch dem Major noch ein anderer Umstand hinderlich sein; er überließ sich vielmehr einer gewissen Fatalität, um nicht zu ängstlich im Suchen zu erscheinen.

In seinem Sinne war seit jener Nacht eine Aenderung vorgegangen, wenn man es so nennen darf. Er war weicher gestimmt. Er hatte sich die ritterlichen Eigenschaften, die wahrhaft adligen Gesinnungen des Marquis ins Gedächtnis zurückgerufen. Nach Karolinens Aussagen hatte er die ernsthaftesten Absichten gehabt; nach dem an den Vater hinterlassenen Billett war er durch einen dringenden Ruf seines Kaisers zur schnellen, weil Intrigen im Spiele waren, zur heimlichen Abreise veranlaßt. Zwischen den glatten französischen Worten schien ein wirklicher Schmerz vorzublitzen, er sprach vom Wiedersehen, von einer Reparation. Es war also noch, wenn keine Rechtfertigung, eine Sühne möglich. Es konnte, was die Welt nannte, wieder gutgemacht werden.

Das waren seine weichen Stimmungen abends, wenn der Trotz des Tages geschmolzen, wenn die schweigenden Wälder, die aufgrünenden Fluren, die ersten Vögel von ihrem Frieden und ihrer Ruhe in die Seele träufelten. Aber am Morgen, wenn der Alp einen kalten Angstschweiß auf seiner Stirn hinterlassen, wenn er aufsprang in den unfreundlichen Gaststuben, wenn er die Klagen, Zänkereien hörte, wenn er die Verwüstungen, Greuel sah, welche die feindlichen Durchmärsche überall hinterlassen, dann schoß der Strahl des Trotzes in Seele und Leib. Der ist mal borstig! sprachen die Wirtsleute, wenn er abritt. Bekannte mied er wie Pestkranke, aber Kranke begegneten ihm auf jedem Schritt, Lazarette, Leichenbegängnisse, Verwundete – überall geöffnete Kirchhöfe. Warum ritt er auf den großen Straßen! Diese von ihren Eigentümern verlassenen, wüsten Häuser, verödeten Gehöfte, ohne Zäune, Türen und Viehstand! Ueberall Exekutoren, Plakate und keine Gegenstände zum Abpfänden, Bettler, Männer, Frauen, Kinder, Liederlichkeit und Verworfenheit. Alles hatten die Franzosen angerichtet. Was mußte er hören, was der und jener General sich schenken lassen, um Exzesse zu bestrafen. Verkaufte Gerechtigkeit! Er fragte nach den Namen der Generale. Man nannte ihm auch solche, die unverkennbar nach altem Adel klangen. Die Korruption vergiftet selbst das Blut! –

Blut! nur Blut konnte hier heilen. Endlich hatte er d'Espignacs Spur gefunden. Zwei Employés hatten in einem Wirtshaus den Namen genannt: sie begleiteten ihn mit Schimpfworten. Die Reden, die fielen, waren nicht geeignet, Isegrimms Blut zu beruhigen. Die Fremden hatten ihre Börsen an ihn verloren. Er hatte Bank gelegt. Er hielt überall Bank, wo er – Leute fand, die sich rupfen lassen wollten. Sie stritten, ob er das corriger la fortune übe? Der eine glaubte es, der andere nicht. »Er ist ein Edelmann vom alten Regime,« sagte der erstere, »die unterstehen sich wieder alles: verführen, betrügen, die Väter und Brüder, die Rechenschaft fordern, totschießen und die Gimpel, die klagen, auslachen. Einem von altem Adel sieht der Kaiser alles nach.«

Der Major hatte nicht nötig, »die beiden erbärmlichen Gimpel« mit einer Frage zu beehren. Aus ihrem Gespräch erfuhr er, daß d'Espignac als Adjutant des Marschalls *** in dessen Hauptquartier stehe. Der Marschall achte ihn nicht eben, aber habe ihn nötig, seiner Kenntnisse, besonders seiner mathematischen, wegen; so dürfe man ihn gewissermaßen dessen rechte Hand nennen. Deshalb könne man ihm leider nicht zu Leibe gehen.

Isegrimm rief sich zu, als er wieder zu Pferde saß: »Ich will's doch, und werde es.« Konnte er doch sagen, daß das Glück ihm besonders gelächelt. In preußischer Armeeuniform, mit Seitengewehr und Pistolen und ohne Paß, war er unangehalten, kaum befragt, in einer Strecke von so vielen, vielen Meilen, durch so viele, verschiedenartige französische Marschkolonnen und Garnisonen bis an den Ort gekommen, wo der Marschall sein Hauptquartier hielt.

Ein anderes Glück; er wurde vorgelassen und der Marschall hatte ihn angehört. Der Befehlshaber hatte von einem preußischen Kavallerieoffizier, der sich in einer »äußerst dringenden Angelegenheit« bei ihm melden lassen, alles andere eher erwartet, als was der Major in militärischer Kürze vortrug: er sei in seiner Familienehre von einem seiner Offiziere gekränkt; worin diese Kränkung bestehe, bitte er für sich behalten zu dürfen; er fordere den Marschall bei seiner Offiziersehre auf, ihm den Beleidiger zu stellen; bei dem Gespräch, das er mit demselben zu wechseln, dürfte kein Zeuge zugegen sein, auch nicht der hohe Vorgesetzte des Offiziers selbst, mit dem er die Ehre habe, zu reden, ja, er bitte um verschlossene Türen. Wenn das Gespräch den Ausgang nehme, den er erwarte, erwarte er auch von dem militärischen Ehrensinn des Generals, daß dem Austrage der Sache, auf den er bestehen müsse, nicht allein keine Hindernisse in den Weg gelegt würden, sondern daß man ihm, der ohne Freund, Begleiter angekommen, kameradschaftlich einen Sekundanten bestelle, dann ein sicher Geleit gewähre, wenn er als Sieger davongehe, ein einfach Soldatenbegräbnis, wenn er falle.

Der Marschall mußte bei guter Laune sein. Ein Titel zu allen diesen Ansprüchen fehlte, aber die ritterliche Haltung des Majors imponierte wie seine Forderung: »Das erwarten Sie alles von mir?«

»Von Eurer Exzellenz.«

»Wenn aber der Offizier, den Sie noch nicht die Güte hatten zu nennen, keine Lust zu dem Zwiegespräch empfindet?«

»Dann erwarte ich, daß Eure Exzellenz ihm die Lust beibringen werden.«

»Die Forderung klingt seltsam. Die Anklagepunkte verschweigen Sie, und der Ankläger – ist unser Feind. Das sind Sie doch, Herr von – ich kann Ihren Namen nicht aussprechen.«

»Mir Leib und Seele, Exzellenz, und eben um deswillen fordere ich, daß Sie als Feind dem Feinde die Gerechtigkeit gewähren, ohne die der Militärstand zum Assassinen, zum Schlächterhandwerk herabsinkt. Ich übergab mich Ihnen ohne vorherige Anfrage und Bürgschaft. Sie nahmen mich so an, nach dem Codex der Ehre sind Sie dafür zur Revanche mir verpflichtet.«

»Eine seltsame Konklusion. Wir überlassen jedem Militär, sein eigener Richter in Ehrenangelegenheiten zu sein, und viele meinen, daß ihr Blut und Leben zuerst dem Kaiser, dann erst ihren Privatangelegenheiten gehört.«

»Der Marquis d'Espignac wird der Ansicht sein, daß die Ehre ein Separatgut des Edelmannes ist.«

»d'Espignac« rief der Marschall verwundert. »In welche Dinge hat sich unser Philosoph eingelassen! Unmöglich!«

»Mit dem Kolonel d'Espignac habe ich zu reden und bin des Vertrauens, daß er auf meinen Anruf als Kavalier antworten wird,«

»Kolonel! Ei, auch das wissen Sie schon! Das Patent kam erst vor wenigen Stunden aus dem kaiserlichen Hauptquartier. Kaum möglich!«

»Daß er seine Charge vor mir antizipierte, ändert in meinen Relationen zu ihm nichts.«

Der Marschall blickte zweifelhaft und lächelnd auf den Fremden: »Die von Ihnen erbetene Garantie verspreche ich. Daß Sie gerade unseren d'Espignac rufen lassen, bedaure ich – für ihn. Sie unterbrechen den Herrn Marquis in einer sehr interessanten Whistpartie.«

Der Major mußte lange warten. Und doch hatte er deutlich durch die Tür gehört, wie der Marschall seinen Auftrag im Durchgehen durch die Stube der Spieler ausgerichtet. Was d'Espignac seinem Oberen geantwortet, konnte er nicht hören. Antwort genug: er konnte minutenlang – es war eine Viertelstunde! – fortspielen. Die Trümpfe, ein Schnalzen der Lippen, halb artikulierte Verwünschungen, der Klang hingeworfener Geldstücke, in der atemlosen Stube war alles hörbar, nur nicht, was ein Vater, dessen Herz verblutet, erwarten sollte. Endlich rückte ein Stuhl, ein kurzes Zwiegespräch, ein Gemurmel und die Tür ging auf. d'Espignac trat ein.

»Monsieur! Der Herr doch, der mich in einem Ehrenpunkt sprechen wollte? Verzeihung, wenn ich Sie warten ließ. Wer trennt sich leicht von der Pikdame, wenn Fortuna uns aus vollen Backen zulacht. Sie lächelt nicht immer. – Jetzt stehe ich ganz zu Ihren Diensten,« fuhr er fort, als der Major sprachlos einen Schritt zurückfuhr. »Sie ließen mich als Kavalier rufen. Wie 's Ihnen beliebt. Was wünschen Sie?«

Der Major hatte noch nicht die Sprache gefunden; so wurzelten seine Blicke auf der unerwarteten Erscheinung. Das war nicht der hochgewachsene, stolz schöne Offizier, der, obgleich Napoleons Soldat, wie oft hatte er es sich wider Willen gestehen müssen, ihn an das Ideal wahrer Ritterlichkeit erinnerte. Ein Mann von untersetzter Statur, aber von einem Ebenmaß, welches die zu kurzen Maße, welche die Natur ihm angelegt, wenn er sich in die Brust warf, vergessen machen konnte. Schön war er nicht, aber ein lebhaftes, durchdringend blickendes graues Auge belebte zuweilen in eigentümlicher Art das blatternarbige Gesicht, auf dem mehr die Stürme des Lebens als die der Zeit ihre Spuren zurückgelassen hatten. In der Hand wehte er mit dem Taschentuch, was als Friedenszeichen hätte gelten können, da er auch ohne Degen an der Seite erschien, wenn er nicht das Tuch nur gebraucht, um die Folgen des vorangegangenen Echauffements von seiner blassen Stirn zu wischen. Uniform und Weste waren aufgeknöpft. An Napoleons Offiziere die Forderung der Adrettität der preußischen aus Friedrichs Schule zu legen, hatte der Major verlernt, obgleich sein Kolonel ihn auch daran gemahnt; an diesem war aber etwas, was der Major an seinen Offizieren geradezu als »Malpropreté« gerügt hätte. Als erster Gedanke schoß ihm zu Kopf: »Der Kerl kann ja nicht zu Pferde sitzen.« Und doch kam er ihm im zweiten Augenblick bekannt vor. Es war nur eine Täuschung oder ein zufälliges Zusammentreffen; er dachte an den berühmten Schauspieler, den er in der Rolle des Riccaut de la Marliniere in Berlin gesehen.

»Mein Herr, hier ist eine Verwechselung. Sie sind –?«

»Immer ich selbst, der Marquis de la Tour d'Espignac, da Sie mich als Kavalier rufen ließen.«

»Doch eine Verwechselung! Ich suchte den Marquis Gouvion de la Tour d'Espignac.«

»Der bin ich auch. Die ganze Branche der de la Tour d'Espignac seit den Tagen der Fronde führt den Vornamen Gouvion, die andere ließ sich zur Unterscheidung Armand taufen.«

»Dennoch ging ich falsch,« sagte der Major mit Betonung, »ich suche den Marquis Bienaimé Gouvion.«

»Eben das sind meine Vornamen,« lächelte der Marquis. –

»So hat ein Spiel des Zufalls gewollt, daß ein Verwandter in der Taufe Ihre Namen erhielt, – obgleich ich wirklich nichts Verwandtes zwischen ihnen finde,« setzte er für sich hinzu.

»Mein Herr, ich bin, soviel ich weiß, der Letzte meiner Branche. Qu'importe, ich will es aber auf Ehre nicht beschwören. Ich schätze es für ein besonderes Glück, wenn eine Verwechslung mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschaffte, und noch dazu in einer Ehrenfache, muß aber bitten, daß Sie mir dieselbe ein andermal auf längere Zeit schenken, da ich diesmal, wie Sie sehen, etwas pressiert bin. Ein Remplaçant ist nicht der Spieler selbst, und überdies muß meiner auf die Wacht.«

Der Major neigte sich stumm: »Ich bedaure, wenn ich dem Marquis d'Espignac nur einen Augenblick seiner kostbaren Zeit geraubt habe. In meinem Vaterlande würde einem alten Edelmanne der Boden unter den Sohlen brennen, wenn er hört, daß ein –« er wollte Schurke sagen, er korrigierte es in – »ein anderer unter seinem Namen –« er wollte sagen, Schandtaten verübet, er korrigierte es und wiederholte: »wenn er hört, daß ein anderer unter seinem Namen sich in das Herz einer arglosen Familie schleicht, die auf diesen Namen vertraute, und entflieht, nachdem er ihr Frieden und Ruhe gestohlen.«

»Ah, das ist etwas anderes,« rief der Marquis.

»Ich empfehle mich Ihnen, mein Herr,« fuhr der Major fort, »und werde für mich allein den Schurken suchen, da mein Herr Marquis und Kolonel unmöglich Ihre Whistpartie im Stich lassen können, um mir Renseignements zu verschaffen.«

»Warten Sie, mein Herr, wenn die Sache so ernsthaft ist – Verwandte habe ich wirklich nicht. Wem könnte es denn einfallen, meine Rolle spielen zu wollen, da mich zuweilen bedünken will, daß nichts Beneidenswertes daran ist! – Civil, oder ist er Militär?«

»Ich hoffe doch, daß er wenigstens das ist! Kolonel und Kommandeur des *** Kürassierregiments.«

Die Augen des Marquis blitzten schelmisch auf:

»Ah, le fils du confiseur

Es war ein eigentümliches Mienenspiel, Verwunderung und Enttäuschung. Die Hand hatte eine Bewegung nach der Stirn gemacht, als wollte er sich züchtigen für eine Gedankensünde, dann brach ein kurzes Gelächter aus, das er doch ebenso schnell unterdrückte und sich zum Ernst zwang:

»Ah, das ist etwas anderes. Beruhigen Sie sich. Es ist alles in der Ordnung.«

»Sie kennen den Mann, den Sie –« der Major verstummte.

»Von Jugend auf, mein Herr. Er wird zehn Jahre jünger sein, als ich, ich kann aber dem Herrn Kolonel das Zeugnis geben, wenn er sich auch nicht darauf berufen wird, daß er immer das war, was wir Franzosen und Soldaten un bon garçon nennen.«

»Er ist nicht aus Ihrer Familie, – nicht Marquis! – Nicht einmal von Adel!«

Der Marquis zuckte mit Schelmenaugen die Achseln: »Ich kann wirklich nicht dafür.«

Isegrimm knirschte, der Degen in seiner Linken zitterte, als spüre er Lust, gegen den Mann aus der Scheide zu fahren, der keinen an seiner Seite hatte. »Genug, wer ist er?« rief er.

»Er ist, der er ist! Auf mein Ehrenwort! Einer der bravsten Kavallerieoffiziere Seiner Majestät des Kaisers. Daß er nicht immer gewesen ist, was er ist, kann ihm um so weniger zum Vorwurf gereichen, als er alles, was er ist, durch sich geworden ist.«

»Sein Vater –?«

»War auch ein sehr braver Mann; ich kann es aus eigener Erfahrung sagen. – Herr d'Espignac kreditierte uns Offizieren von der Garnison ohne Murren und Zweifel an unserem Wort – der beste Konditor in Lyon. Sein Sohn –«

»Weiter, weiter, mein Herr!«

»Ein hübscher, fähiger Knabe. Wir prophezeiten ihm alle ein Sort. Ich sehe ihn noch, den Spitzbuben, wie er mit der weißen Mütze und Schürze die Kaffeetassen graziös umhertrug. Raoul! rief es links, Raoul! rechts, er flog wie ein Ganymed oder Triesel und wußte jedem Gast etwas Pikantes zu sagen, jedem seine Eigenheit abzulauschen. Hinterm Rücken kopierte der Schelm uns alle und machte sich über uns lustig.«

»Auch das noch!«

»Als er aufs Theater ging, empfing die ganze Garnison ihren Liebling mit einem stürmischen Beifall.«

»Komödiant!«

»Und was für einer! Ich bin noch heut der Meinung, daß er ein vortrefflicher Akteur geworden wäre, wenn er nur nicht den Tick gehabt, immer in tragischen Rollen aufzutreten, und wir machten in unserem mutwilligen Applaus aus den Tragödien Lustspiele. Da kam die Katastrophe mit dem Cid.«

»Den hat er auch gespielt?«

»Als siebzehnjähriger Bursch! Die Direktion ließ es natürlich nur zu, weil das Haus brechen mußte. Es brach denn auch und zu dreifachen Preisen. Wer in Lyon wollte sich das Götterschauspiel versagen, den kleinen Konditorjungen Raoul als Don Rodrigo wüten zu sehen! Eine deliziöse Erinnerung. Nie ist in einer Tragödie so gelacht und so geschrieen worden. Endlich ward's ihm zu arg. Ich sehe ihn noch, wie der arme Junge, die dicken Tränen im Auge, an die Lampen trat. Das Schwert funkelte in seiner Rechten, er schwang es, als wollte er uns alle als Mohren in die Pfanne hauen. Das waren Verwünschungen, die er gegen die Lyoneser Barbaren aussprach, und unter einem unermeßlichen Chorus von Bravos, Evvivas, Händeklatschen und Pochen flog er in die Coulissen, um nicht wiederzukehren.«

»Die Sache wird ja immer interessanter!« sagte der Major, der sich auf einen Stuhl niedergelassen.

»Er war aus Lyon verschwunden,« fuhr der Marquis fort, »und ich war wirklich um meinen kleinen Kousin bekümmert.«

Ein boshafter Blick schoß unter den gesenkten Brauen des Herrn von Ilitz zum Marquis auf: »Es ist doch hübsch von Ihnen, daß Sie ihn als Verwandten gelten ließen.«

»Kameradschaftlicher Scherz! Er hieß von früh an mon petit Cousin. Wer wollte auch so grausam sein, die Möglichkeit auszuschließen, daß vom Blute meiner Ahnen ein Tropfen seitwärts in die Kuchenbäckerfamilie d'Espignac gespritzt war. Daß er aber auch die freundliche Rücksicht gehabt, sich mit meinen anderen Vornamen, Bienaimé und Gouvion taufen zu lassen überrascht mich.«

»Mich überrascht nichts mehr.«

»Frappiert war ich doch, als ich ihn in drei Jahren schon in Besançon als perfekten Kunstreiter wiedersah«

»Das wissen wir auch.«

»Die Damen trugen ihn auf den Händen. Er hatte in Spanien vortreffliche Studien gemacht.«

»Und vermutlich den Degen des Cid mitgebracht.«

»Pardon, ich glaube, es war der aus Lyon.«

»Und dann –«

»Er wollte in Kompagnie mit einem jungen Manne, einem gewissen Franconi, eine große Arena für equilibristische Kunststücke entrieren; die Sache zerschlug sich indes mit der Revolution –«

»Ich weiß genug,« sagte der Major aufstehend, »ich danke Ihnen, mein Herr Marquis, für Ihre Renseignements.«

»Erzeigen Sie mir das Vergnügen, Sie in das Bureau des Generalstabs begleiten zu dürfen. Dort finden Sie die sichersten Nachrichten, wo Sie meinen Kousin treffen.«

»Mein Reisezweck ist erfüllt. Mich verlangt nach keiner weiteren Zusammenkunft und Bekanntschaft, weder mit dem Kunstreiter d'Espignac – noch seiner noblen Familie.«

»Sie sind erbittert, mein Herr! Mein Kousin stürzte sich allerdings in die Revolution, aber er ließ –«

»Vielleicht wie Collot d'Herbois, auch den Lyonesern Kartätschen pfeifen, weil sie ihn ausgepfiffen!«

»Er war nie ein politischer Charakter, wenigstens damals nicht, er war ganz Soldat, berühmt sogar eine Zeitlang durch seine brillanten Reiterattacken. Wie das so zu gehen pflegt, dann kamen andere, jüngere, und er in die Arrieregarde. Wer seine Fortune machen will, muß von sich sprechen lassen, es ist aber nicht gut, wenn zuviel gesprochen wird. Der Neid sitzt uns gleich auf dem Nacken.«

»Ich bewundere Ihre Philosophie und habe die Ehre, mich zu empfehlen.«

»Hätten Sie mir nichts mehr zu sagen, mein Herr von –?«

»Eine Frage. Das Haus der Latour d'Espignac wird schon unter den Kapetingern genannt. Mein Herr Marquis, ich will nicht bezweifeln, daß auf dem Stammbaum auch Ihre Väter verzeichnet sind. Wie – Herr! – um Gottes willen – regt sich denn kein Funken adliges Feuer mehr im altfranzösischen Blute, siedet es nicht auf zu unauslöschlichem Zorn, wenn ein hergelaufener Abenteurer – einer, der – wenn er nicht allein Ihren Namen, auch Ihr Wappen, Ihre Ahnen Ihnen stahl, wenn er auch mit diesem angelogenen, gestohlenen Namen – Dinge verübt, die auf die Ehre Ihrer Familie zurückfallen?«

Das Blut des Marquis siedete nicht auf, er lächelte: »Wenn wir auf der Retirade ein lästiges Kleidungsstück fortwerfen und mein Kamerad mit stärkeren Schultern nimmt es auf, so nennen wir das nicht Diebstahl.«

»Bodenloser Leichtsinn!« stand unausgesprochen auf den Lippen des Majors: »Ich gratuliere Ihnen zu einer Philosophie, die gegen nichts mehr protestiert.«

»Es wäre doch möglich – ich kann mir wenigstens Fälle denken. – Aber wenn auch deshalb kein Arrangement zwischen uns stattgefunden hätte –«

»Ein Arrangement! Immer besser,« dachte der preußische Edelmann.

»Auch dann wäre ich ja ein Tor, wenn ich eine solche mir angetragene Verwandtschaft fortstieße. Wären wir noch in der Republik, da wäre er längst General, vielleicht kommandierender, möglicherweise –«

»Eben beliebten Sie zu sagen, daß er gar keine politischen Grundsätze hat.«

»Desto bessere Anwartschaft hat er zum Avancement. Das, dünkt mich, trifft auf jede Regierungsform zu. Wer keine Meinungen und Grundsätze in der Politik hat, stößt gegen keinen an. Oder wäre es bei Ihnen in Preußen anders? Was tut es! Auch unter dem Kaiser wird ihm seine Fortune nicht immer verkümmert bleiben. Er hat Feinde, die zieht der Ehrgeiz an, wie die Sonne das Wasser. Feinde ziehen wieder die Feinde der Feinde als Freunde an. Das gleicht sich alles aus. Es sind mathematische Gesetze. Man hat ihn jüngst als Ideologen anzuschwärzen gewußt. Sie wissen, daß dem Kaiser das immer den Appetit verdirbt. Nun ja, warum überkam ihn die Manie, sich in die Bücher zu werfen, sich vornehm, rar zu machen, bezaubert zu sein von deutscher Vorzeit und Mystik. Er studiert sich in alles hinein, was er einmal angreift. Ich könnte Ihnen merkwürdige Beispiele davon erzählen: hier nur eins. Der Kaiser, der alles gern selbst verstehen möchte, was zu Frankreichs Prosperität gereichen könnte, bekam einmal die Manie nach einer technischen Erfindung. Es sollte absolut eine künstliche Kratzbürste, welche die Kardendistel bei der Tuchbereitung entbehrlich mache, hergestellt werden, weil die Phantasie ihn quälte, daß einmal ein Mißwachs in den Disteln eintreten und die Armee kein Tuch haben könnte. Die Erfindung ließ sich nicht machen, aber Napoleon, wie große Männer zuweilen sind, war einige Wochen durch entêtiert, nur und nur davon zu sprechen. Mein Kousin, der zur Tafel geladen war und die Krankheit des Kaisers kannte, blätterte in der Nacht vorher ein paar Bücher durch über die Tuchschererei und die Kardendistel, zwei Dinge, von denen er bis dahin kein Wort wußte und keinen Begriff hatte. Andern Tages an der Tafel sprach er mit solcher Gelehrsamkeit und Umsicht über beide Gegenstände, konjekturierte aus dem einen ins andere und stellte Systeme auf, daß nicht allein der Verfasser des einen Buches, der auch zur Tafel gezogen war, vor Erstaunen verstummte, sondern Napoleon zog meinen Kousin nachher noch apart in sein Kabinett und beide unterhielten sich zwei Stunden lang gründlich über einen Gegenstand, von dem vermutlich keiner von beiden etwas verstand. Dem armen Raoul hätte es schlimm ergehen können, denn der Kaiser hatte nicht übel Lust, ihn zum Präfekten oder General-Dirigenten über alle Kardendistelfelder und Tuchfabriken in Frankreich zu ernennen. Glücklicherweise dauerte die Phantasie nicht lange, und er entschlüpfte wieder zur Kavallerie. Wir wußten das schon von ihm zu Lyon.

Summa, es ist zu bedauern, daß er nicht Komödiant blieb. Das französische Theater hat vielleicht einen zweiten Talma verloren.«

Der Major war im Gehen. Der Marquis hatte ihn begleitet, aber mit einem ernsthafteren Gesicht hielt er ihn an der Tür fest.

»Mein Herr, den ich nicht die Ehre habe zu kennen, ich ließ mich zu Expektorationen verleiten, die ein Philosoph wenigstens für die Welt verschwiegen haben sollte. Ich hoffe, daß ich einen Mann von Ehre vor mir sehe, also auch auf Ihre Verschwiegenheit rechnen kann, wenn ich Sie darum, wie hiermit geschieht, ernsthaft ersuche.«

Der Major schwieg zu dem unerwarteten Antrage.

»Doch Sie haben vielleicht selbst den triftigsten Grund zur Erfüllung der Bitte, die ich eben die Ehre hatte auszusprechen.«

Der Major ward rot. Er trat einen Schritt zurück, als der Marquis die Hand ihm entgegenhielt.

»Wenn ich schweige, ist es aus freiem Willen. Um den Konditorjungen doch kein Ehrenwort und kein Handschlag.«

Der Marquis verzog sein ernsthaftes Gesicht zu keinem mokanten Zuge; es ward eher noch ernsthafter.

»Wie Ihnen beliebt. Nicht jeder Garçon einer Kaffeestube bringt es in Revolutionen bis zum Regimentskommandeur, und nicht jeder vertieft sich in eine Manie, die ihm nichts nützt. Meine Philosophie wenigstens faßt es nicht, warum ein Mann, aus dem Holze geschnitten, aus dem Napoleon Marschälle macht, Herzöge, Fürsten, vielleicht auch Könige, warum er, vergilbte Pergamente und alte heraldische Bücher studierend, sich in etwas hineinlügt, was nicht mehr gilt und – ist. Vergessen Sie nicht, er will nicht andere täuschen, er arbeitet mit aller Seelenkraft dahin, sich selbst zu täuschen Man hat mir gesagt, dies sich selbst Vergessen und Aufgehen in fremden Wesen sei in der deutschen Natur; ich glaubte, mein Herr, Sie, als Deutscher, sollten das schätzen. Auch gibt es andere unter uns, ich könnte alte Edelleute nennen, welche die Lage des Kolonel rührend finden, bei soviel Verdiensten und solchem Ruhm durch den lächerlichen Schatten seiner Jugend bei jedem Schritte sich gehemmt zu fühlen. Vernünftige sagen, es ist eben nur eine Luftblase, aber jede Blase zerstört die harmonische Fläche eines Spiegels, warum nicht die Harmonie eines Lebens, wenn ein Mensch mit krankhafter Nervosität seinen ganzen Wunsch drauf gesetzt hat, daß gerade diese Blase verschwinden soll. Diese Vernünftigen unter uns begreifen daher Raoul d'Espignacs stillen Wahnsinn, sich in eine Existenz, in eine Gewesenheit hineinzulegen, um im Reich seiner Phantasie die Erinnerung an eine unangenehme Wirklichkeit zu verdunkeln, wo nicht zu vergessen. Sie meinen auch, das sei der Sporn zu den schönen und großen Taten, und um den Zweck dürfe man über die Mittel wegsehen. Ich, mein Herr, gehöre nicht zu diesen Vernünftigen, denn ich bin weder vom Ehrgeiz gestachelt, noch begreife ich, warum ein Schatzgräber seine Seele dem Teufel verschreibt, wenn er doch weiß, daß der Schatz, den er heben will, aus Goldstücken besteht, deren Gepräge keine Gültigkeit und deren Metall keinen Wert mehr hat. Ich erinnere Sie nur daran, daß der Kolonel d'Espignac von einem Metall ist, das unter jedem Gepräge seinen Wert behalten wird, daß er nach mathematischer Berechnung im Kurswert steigen muß, und daß es für mich von üblen Folgen wäre, wenn er von unserm Gespräch erführe. Ihnen, mein Herr, überlasse ich nachzudenken, ohne in Ihre Geheimnisse eindringen zu wollen, ob es nicht auch für Sie geratener wäre, was ich Ihnen mitgeteilt, vor anderen und vor sich selbst zu vergessen.«

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