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Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Nachtgespenster.

Die Klaviertöne kamen aus Karolinens Zimmer. Seit der Einquartierung war das Instrument hinaufgewandert. Sie hatte wohl nicht beachtet, daß die Tür hinter ihr wieder aufgesprungen war; Türen und Fenster schlossen nicht mehr gut in Haus Ilitz. Sonst hätte Herr Mauritz oben nicht das: »Kennst du das Land« so deutlich gehört. Das alte Klavier stöhnte, daß es die schwellenden Töne, so stürmisch, so tief bewegt, wie sie aus der Brust kamen, wiedergeben sollte! Und plötzlich hielt die Spielerin inne, ein nicht gelöster Ton verhallte als Dissonanz. Sie lehnte die Wange über die ausgespannte Hand; der Schatten ihrer Locken spielte auf den Tasten. Bald aber spielte etwas anderes darauf, die Tasten gaben wieder Töne, das Lied fortsetzend, und ein warmem Hauch berührte ihre Schläfen.

Was kümmerte die stürmische Nacht nun die beiden, was störte das Wetter, das gegen die Mauern und Fenster peitschte, ihr stilles Geflüster? Sie lasen an den Blicken ab, was einer dem anderen sagte. Und wieviel hatte jeder zu sagen, als lägen nicht Tage, als lägen Monate, Jahre zwischen ihrer Trennung.

»Und bist Du jetzt frei?« Sie sah ihm bang ins Gesicht.

»Ich ward es.«

Welche Ketten hatte er zerrissen: War es ein Liebesband, was sie gefürchtet? Er lächelte und schüttelte den Kopf, mit Küssen auf ihre Hände, ihn an ihrer Brust verbergend, mit ihren Locken spielend.

Sie fragte, ob es sich für den stolzesten Ritter des stolzesten Kriegesfürsten schicke, den verliebten Schäfer zu spielen?

»Wer im Leben nicht einmal wenigstens wahnsinnig war, kann der sagen, daß er gelebt hat! O gönne mir den holden Wahnsinn in diesem Zauberlande, mit seinen dunkeln Wäldern und treuen Herzen. Was sind die Goldorangen, die Auen, Lüfte, gegen die blauen Augen eines deutschen Mädchens!«

»Wie oft hast Du das zu den schönen Italienerinnen gesagt! Ach und erst zu Deinen Französinnen!«

»Was sündigen nicht die Lippen, wo das Herz nichts davon weiß! O dies Land, das Herz Europas, mit seinen Frauen, die unsere Galanterien zurückweisen, die den Mut haben, treu und tugendhaft zu sein, auch wenn sie Neigung fühlen, die aber, wenn sie lieben, für den geliebten Mann Vater und Mutter verlassen, Märtyrerinnen der Liebe und Treue!«

Sie hatte ihn scharf angesehen und erschrak, als das Wort heraus war: »Bist du auch wahr? – Du redest nicht wie deine Landsleute?« Er erschrak nicht, er erwiderte den Blick ebenso fest:

»Wahr, wie ich frei bin! Das ist's ja eben. Ich bin kein Franzos mehr. Wie in der Trunkenheit, so ist im Wahnsinn eine Wahrheit. Es löst sich nur, was im Innern schlummerte, es treten Bilder, Wissen, Bewußtsein heraus, wie jenen Jüngern, die ein Strahl durchzückte, ihre Gaben, ihre Sprachen, die sie nicht kannten.«

»Werde mir nur kein Prophet, Raoul! Ich will die Zukunft nicht wissen, ich bin ja selig. Es kam zu wunderbar, zu mächtig, Geliebter. Dich, den ich hassen sollte, beim ersten Erblicken dort am Tor fühlte ich, daß ich dich nicht hassen könne! Ich wollte es lernen; das heißt, mit einem Schleier dem Winde entgegengehen und probieren, ob er nicht weht. Dann das andere –«

»Wie du mich aus der Gefangenschaft rettetest, damit ich auf immer ein Gefangener würde.«

»O still, Raoul, ich bitte dich, mein Kopf ist schwindlig, ich ward ja auch schon eine andere. Was mußtest du meinen Kopf verwirren; was hauchtest du den Duft aus den Blumen der reichen, üppigen Länder in die Blumen der Heide? Fort aus dem Wunderkreise, sprich, wie du zu den anderen sprichst. Ich fürchte mich sonst, daß es doch nur ein Traum ist – das Erwachen wäre schrecklich. – O keine Rätsel mehr, wie wardst du so frei?«

»Die Ketten, die ich brach, hatte ich selbst um mich geschlungen. Der Ehrgeiz ist nur gerechtfertigt, hat ein Dichter gesagt, wenn es um Kronen gilt. Nach einer Krone habe ich doch nicht getrachtet!«

»Wie schön sie auf deiner schönen, ernsten Stirn leuchten würde.«

Er blickte sehr ernst vor sich hin, und sein schwimmendes Auge leuchtete.

»Sind ihre Träger glücklich? Die, auf deren Häuptern die ererbten schwanken? O sieh, wie sie im Sturm mit beiden Händen danach greifen, wie sie dem Winde ungeschickte Komplimente machen, damit er nicht zu barbarisch mit ihnen umspringt! Wär's nicht zu tragisch, es wäre zum Lachen. Oder sind sie glücklicher, deren Kronen noch von der Politur des Juweliers glänzen? Ach, wer in ihre Schlafstuben blickte, wie sie, erschöpft von der Anstrengung, anders zu scheinen, als sie sind, sich in eine Rolle hineinzulügen, zu der sie nicht geboren, auf das Ruhebett sich werfen, und die gemeine Natur pustet und krächzt heraus gegen den Kammerdiener. Er – selbst nahm Privatstunde bei einem Talma! Aber nun erst die Brüder, Vettern, Lieblinge, die er zu Königen backen ließ, aber der Teig wollte nicht in die Form. Ja, wäre es auf den Schlachtfeldern abgetan – da ist jeder Tapfere König – aber die neuen müssen doch Antichambres haben, und weißt du, wer mehr zittert, wenn die Türflügel aufgerissen werden: die auf die Audienz warten, oder der sie erteilt? Es geht sich schwer mit Reiterstiefeln auf den polierten Dielen; wer da fällt, ist verloren, und die feine Nase des geborenen Hofmannes riecht den Kasernengeruch durch alle Ambradüfte.«

»Auf den Schlachtfeldern ist jeder Tapfere ein König,« wiederholte sie seine Worte.

Er schüttelte den Kopf: »Wenn die Sonne gerade auf den Fleck scheint, wo er kämpft. Wenn es da dunkel ist, mag er wie ein Herkules gestritten haben, seine Heldentaten werden eingerollt in die Masse des Geschehenen. Der Obergeneral freut sich, je weniger er zu berichten, die Geschichte, an die wir so gern appellieren, je weniger Namen sie zu nennen hat. Man kann ein Gott der Schlachten gewesen sein, man wird nicht genannt, man ist vergessen, wenn der Kommandierende einen anderen begünstigen will, vielleicht sogar, wenn eine Ordonnanz unseren Namen verwechselt hat. Was geschieht, ist ein großes Lottospiel; der den Treffer zieht, heißt ein Genius. Welcher Name oben aufschwimmt, eingetragen in die Bulletins, in den Zeitungen durch die Welt schwimmend, bis er zum Stern oder Meteor wird, das die Geschichte für die Nachwelt verzeichnet, das ist alles, alles ein reiner – reiner Zufall.«

»Aber das Bewußtsein des Edlen!« rief sie mit funkelndem Auge. »Da leuchtet der Stern mit unerlöschlichem Glanze.«

Ein seltsam Muskelspiel, über sein Gesicht fahrend, kräuselte sich auf den Lippen: »Das ist ein echt deutscher Gedanke. Da leuchtet er freilich so intensiv, daß niemand das Licht sieht.« –

»Du hast mir nie erzählt von deinen Kriegstaten,« untere brach sie eine Pause. »Du bist mehr, als du scheinst, du hast viel getan, du verdientest – weiß ich was? für mich das Höchste – aber Du wardst verkannt – sonst wärst Du –«

»Was wäre ich dann? – Einige Goldstickereien und Troddeln hingen mehr an meinem Rock.«

»Du hast Feinde, Neider, die Deinen Ruhm verdunkelten, Du bist zu großmütig, ihren Namen zu nennen.«

»Ich kenne meine Feinde, und wenn ich ihnen begegnete –« Ein leichter Fluch verrauchte über seine zusammengebissenen Lippen: »Pah, was ist's! Davoust kann mich nicht leiden; ich ihn auch nicht. Er ist eine ordinäre Natur, ein Rechenmeister – Blutsauger nennen sie ihn. Er verträgt um sich edlere Naturen nicht, das hat er mit dem großen Kaiser gemein, darum vertragen sich beide zuweilen. Schon vor dem Frieden von Campo Formio ward ich – o Torheit, darüber noch ein Wort verlieren. An Napoleons Seite in Berlin einziehend, erhielt ich einige Gnadenblicke; Murat wollte mich nach Polen schicken – dort mir eine glänzende Laufbahn öffnen. – Meine Equipage war bestellt, ich sollte unter dem polnischen Adel mit dem Lüster eines kaiserlichen Generals und alten Edelmannes auftreten. Da stockte es plötzlich. – Napoleon wollte den Adel meiner Familie nicht anerkennen. Misere über Misere. Man schickte mich hier hin unter General Brunes Korps. Brune ist als alter Republikaner dem Kaiser unliebsam. Herrliche Gelegenheit, entfernt vom Schauspiel der großen Taten, vergessen zu werden, herrliche Stelle, den Aufpasser und Denunzianten zu spielen und den Ruhm und Ruf des Ehrenmannen und Ritters aufs Spiel zu setzen. Ich wandte mich an Bernadotte; vorhin in der Stadt erhielt ich seine Antwort – er zuckt die Achseln, auf dem Papier, er kämpft selbst mit Napoleons Neid, kann daher nichts tun –«

»Vielleicht« – Karoline war aufgesprungen. »Was ich vergaß! Ein Expresser brachte einen Brief an Dich. Ich habe eine Ahnung, daß er wichtige Nachrichten enthält.«

Mit einem verächtlichen Zucken der Lippen hatte d'Espignac die Aufschrift gelesen und den Brief in seinen Hut geworfen: »Der soll uns nicht eine Sekunde dieser seligen Stunde trüben.«

»Vielleicht enthält er doch frohe Botschaft? – Ist er von einem Freunde?«

Mit einem wehmütigen Blicke antwortete der Kolonel: »Von einem Freunde, wie es Tausende gibt. In dieser Welt des Egoismus denkt jeder nur an sich. Wer einem anderen vor den Mächtigen das Wort redet, tut es nur, um einem dritten damit zu schaden, einen, den er noch mehr fürchtet und haßt, entfernt zu halten.«

»Einen kenne ich,« entgegnete Karoline, »der davon eine Ausnahme machen würde.«

»Nenne mich nicht, ich gehöre nicht mehr in jene Kreise. Nur Eid und Pflicht hält mich noch; nur die dünne Wurzelfaser ist noch nicht zerrissen, die mein Herz mit dem unglücklichen Boden verbindet, wo ich geboren ward.«

»Was willst du tun?«

»Was Ritterehre mir gebietet. Aushalten in schweigendem Gehorsam. Ich bin kein Mann, um Verschwörungen anzustiften, die politischen Parteien, die ins Heer übergingen, sind mir fremd. Sobald der Krieg vorüber, reiße ich diesen Rock vom Leibe, lege diesen Degen nieder, den Rock, den Degen, die mich oft mit Schamröte übergossen.«

»Den Dienst deines Kaisers aufgeben? – Wohin?«

»Irgendwo auf der Erde wird doch ein Fleck sei, wo das Waffengeräusch nicht hindringt, irgendwo ein Geschlecht mit natürlicher Empfindung, in dessen Sein und Wesen die Modenamen und Worte, die Parteien nicht eingedrungen sind, irgendwo ein stiller Winkel, wo man vergißt, daß der Sohn meiner Väter –«

Der Wind, schon lange draußen wütend, mußte durch eine aufgerissene Dachluke den Eingang ins Haus ertrotzt haben; er heulte im Bodenraum, Türen und Fenster klappten und die Kerze auf dem Tisch flackte. Die beiden waren aufgesprungen und ihre erschreckten Blicke suchten nach der Stubentür. Es rüttelte daran, als wolle ein polternder Störenfried den Eingang ertrotzen. Seine Stirn erheiterte sich zuerst und sein Auge begegnete dem der Geliebten mit dem Blick der Zuversicht: »Auf Ueberfälle muß ein Soldat gefaßt sein!«

»Wir müssen scheiden,« flüsterte sie.

»Um uns nie mehr zu trennen.«

Wie war das Erz in der stolzen Soldatennatur geschmolzen, wie weich war seine Sprache: »Und ich sollte, meinst Du kein stilles Eiland uns bereiten können! Sieh, wie Du hier gewaltet hast, ein Armide, die in der Wüstenei des alten Steinhauses diese Oase kunstreich bildete. Wie Du die nackten rauhen Wände bekleidet hast, die Ecken, die das Auge verwunden, sinnreich versteckt! Die bunte Decke verbirgt den wurmstichigen Tisch, der Teppich die berstenden Dielen. Diese dunklen traulichen Ecken, das schwellende Polster – was wäre das Leben mit seinen Rissen und Ecken, wenn wir die Kunst nie erlernten, durch bunte Decken, durch Farbe, Licht und Schein ein freundlicheres Ansehen darüber zu breiten. Ich will bei dir in die Lehre gehen.«

Sie machte sich sanft aus seinen Armen los und sah ihn feierlich an: »Raoul – Du und ein Leben in der Fliederhütte! Nein, nein, ich will, darf, ich kann nicht deine Mörderin sein.«

»Wenn ich nun ermordet sein will! Du so stark, Mädchen, hältst Du mich für so schwach? Du würdest den Fluch des Vaters, den Tränen der Mutter trotzen, Dich verbannen von allem, was Dir teuer und mir folgen, wo nichts Dich begleitet als meine Liebe, und ich, der Mann, sollte nicht der Kraft fähig sein, mir eine neue Heimat zu erschaffen! – Karoline,« sprach er feierlich, die Hand an der Brust, »ich bewies schon mehr, was ich kann – Nichts davon, die Erinnerung sei begraben, mein Vaterland ist es, meine Ahnen schlummern in ihren Grüften. Da wecke sie niemand, niemand! Ich lebe nur für die Zukunft. O wie hell strahlt sie auf und licht!«

Sie hatten nicht gemerkt, wie die Kerze herabgeglüht war, so ernsthaft hatte sie diese Zukunft besprochen. Die Abneigung des Vaters war ja nicht gegen seine Person gerichtet, sie galt seinem Rocke, seinem Dienste, seinem Ursprunge. Wenn er den Rock auszog, den Dienst verließ, wenn er ein neues Vaterland erwählte! Wie viele Franzosen hatten sich niedergelassen, seit alter und neuer Zeit; sie waren Deutsche geworden. Und wenn er doch nicht den Vorstellungen der Liebe, der Vernunft nachgäbe – sie hatte ihm mit bedeutsamem Blick die Hand gereicht. Die Welt ist weit, und schöne Fluren finden sich überall, Täler zu Hütten für die Liebe. Nicht – in deinem Frankreich selbst? hatte sie vielleicht geflüstert. Er hatte den Kopf geschüttelt. Seiner Väter Schlösser waren ja zerbrochen, ihr Land zerteilt, im friedlichen Besitz vieler, sein Name fast verschollen. Laßt ihr Recht der Gegenwart, dem Winde, was ihm gehört. Auch Schätze hatte er aus den zerstörten Schlössern nicht mitgenommen; aber der Krieg trug den Kommandierenden der Franzosen Früchte, Beute unter anderm Namen. Der Kolonel hatte erworben, um mit Decken und Teppichen auch eine Hütte auszuschmücken Und wenn er ein neues Vaterland gewonnen, wer gebot dann, daß er nur in der Hütte seinen Flieder ziehen, seinen Kohl bauen solle. Er war voll Kraft, Jugend, Kenntnissen, Geist, um auch dereinst dem neuen Vaterlande dienen zu können. Die Zukunft, als die Stunde der Trennung schlug, lag nicht mehr wie ein ferner Dämmerschein vor ihnen; aus den Nebeln hatte sich ein Lichtbild entwickelt, immer deutlicher, mit geschlängelten Wegen und großen Straßen, mit lachenden Feldern, blühenden Lauben und Gärten. Aber das Auge entdeckte auch schon feste Mauern, erleuchtete Fenster, rauchende Schornsteine –

Die böse Stunde der Trennung! Daß der Windstoß in die schönen Bilder fahren sollte, ehe sie fest waren! »O wäre die Stunde schon gekommen!« hauchte sein Kuß auf ihre Lippen.

Ihr Herzschlag antwortete mit einem bangen Seufzer: »O könnte ich sie heranzaubern –« flüsterte wieder sein heißer Kuß. »Bald, – verlaß mich, Raoul – o ich bitte Dich –«Da heulte ein Windstoß durch den Korridor, einer der schrillenden, schneidenden Töne, wo das Herz unwillkürlich erbebt. Der Kolonel horchte auf: »Waren das nicht Tritte?« – Sie war blaß geworden. »Um Gottes willen, – wenn es wäre –«d'Espignac glaubte nicht an Gespenster, das sagte sein Lächeln; aber wer konnte so lange im Schlosse sein, ohne die Geschichte vom schwarzen Wolf und dem gelben Fräulein zu kennen. »Wenn es die wären, heut wollt ich es mit ihnen aufnehmen!«

Warum mußte er so militärisch rasch die Tür aufstoßen? Wer Geister fürchtet, schlägt ein Kreuz, und wer heimlich von der Geliebten schleichen will, huscht auf den Zehen über die Schwelle. Warum hatte der Wind die düstre Lampe auf dem Korridor nicht ausgelöscht? Warum drängten beide zugleich hinaus, ihr Kopf dicht an seinem? Warum kreuzten sich doch ihre Blicke? Warum ihrer nach links, seiner nach rechts? – Der unterdrückte Schrei kam aus ihrem Munde; aber eiskalt war sein Arm, als er sie zurückriß. Der Wind, der die Tür wieder zuschlug, löschte die Kerze. »Es war nichts,« hauchte er der Besinnungslosen zu, »der Schein der flackernden Lampe täuschte die Augen. Die kalten Bewohner der Grüfte haben kein Recht, wo Liebe regiert; sie wagen nicht umzugehen, wo warme Herzen aneinander schlagen.«

Ob es Augentäuschung gewesen? Das Gespenst, das er gesehen, war wenigstens nicht der schwarze Wolf, es war der Kandidat Mauritz, der von der Treppe herunterglitt. Der Geist, den der Kolonel gesehen, war auch nicht das gelbe Fräulein, sondern Malchen, die, in ihre Nachtkleider gehüllt, starr wie vor Entsetzen unter der Lampe stehen blieb. So starr und wie gelähmt, daß sie selbst nicht fliehen, sich nicht umwenden konnte, als sie des Kandidaten ansichtig war. Sie gewann erst Kraft, die Augen zu senken, als der Kandidat ihre Hand ergriffen. Sie lispelte: »Allmächtiger Gott, was war das? – Ach, Albert, was müssen wir tun?«

»Schweigen!« sprach er. »Deine unglückliche Schwester vergaß heut abend das Gebet des Herrn: Führe uns nicht in Versuchung. Malchen vergiß es, dränge es aus dem Sinn; dann aber laß uns beten – vielleicht haucht sein Engel uns einen Rat ein, nach dem Du und ich vergebens suchen.«

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