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Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Einquartierung.

Der Major, als er die Treppe hinabstieg, erwartete nicht anders, als daß der Sergeant, welcher im Flur auf und ab klirrte, ihm seinen Arrest ankündigen solle. Er war auf alles gefaßt. Aber der Soldat ließ ihn ruhig vorüber, er trat sogar in einer Art zurück, als wollte er dem alten Offizier die Honneurs machen. Im Saal war niemand. Er lehnte sich ans Fenster, das nach dem Hofe hinausging. In den Ställen wirtschafteten die Dragoner. »Wie die Kerle mit den Pferden umgehen!« brummte er zwischen den Zähnen. Der alte Diener schlich vorüber und blickte fast scheu zu seinem Herrn hinauf: »'s ist richtig, gnädiger Herr! Die Querbelitzer sind fort.« Er wußte noch mehr; der Herr aber sah in dem Augenblick etwas anderes, weshalb er das Fenster zuschlug.

Bald darauf war so ziemlich die ganze Familie im Zimmer versammelt; es war einer jener peinlichen Auftritte, von denen wir schon einen Abschmack haben. Er hatte seine Frau und die Töchter mit dem fremden Offizier durch den Korridor gehen sehen und wollte nicht begreifen, daß es für die Damen eine Notwendigkeit gewesen, dem höflichen und artigen Colonel, der sich ihrer angenommen, eine Aufmerksamkeit zu erweisen.

An welche kleinen Dinge rankt sich die Intrige! Von Nauwalk durfte man dem Major nicht sprechen, es erweckte immer unangenehme Erinnerungen und ätzte seine Laune. Aber es galt jetzt, ihn zu bestimmen, daß er den Offizier zum Familientische einlade. Die letzt Einquartierten hatte er auf ihrem Zimmer servieren lassen. Der Einwand, daß das viel mehr koste, war schon früher zurückgewiesen: Man gibt ihnen zu essen, bis wir aufgezehrt sind; dann bleiben sie von selbst fort! Aber Wilhelmine tat eine Frage, bei der sich die Gesichter aufklärten. Der Vater hatte ehedem gern eine Geschichte aus dem Feldzuge in der Champagne erzählt. Er war als Kapitän in ein Dorf eingelagert worden, wo man sich Exzesse gegen preußische Soldaten erlaubt; es sollte eine Art Strafexekution sein, und er selbst war erbittert genug, um die rauheste Seite herauszukehren. Aber die Familie des Gutsherrn hatte ihn so freundlich empfangen, er war sofort an die Tafel gezogen worden, die Töchter waren so liebenswürdig gewesen, die Mutter so sorgsam, der Vater so verständig, die Unterhaltung so unbefangen und angenehm, daß sein Zorn schon beim Dessert verraucht war und seine Exekution in der mildesten Weise vollzogen ward. So muß man vorsichtig sein, pflegte dann der Vater hinzuzusetzen, unter einer Gesellschaft von Schuften findet man auch manchmal einen honetten Mann. Wilhelminens Frage jetzt lautete:

»Papa, wie hieß doch das Dorf in der Champagne, wo es Dir so gefallen hat?«

Aber die Kriegslist schlug diesmal fehl, weil der Vater die Absicht merkte:

»Das waren Franzosen von ehemals, dies aufgetriebene Gesindel von jetzt ist mit ihnen nicht zu vergleichen. Der französische Adel auf dem Lande war überhaupt –«

Die diplomatische Kunst verließ wieder die gute Mutter, indem sie einfiel: »O, Du mußt diesen Obristen erst kennen lernen –«

»Wenn man die Rasse kennt,« schnitt der Vater ab, »weiß man, was das Tier wert ist.«

»Sie sagten in Nau– sie sagten da, man glaube, er sei ein Edelmann aus einer alten Familie.«

Der Major lachte höhnisch auf:

»Daun wäre er nicht Kommandeur eines Regimentes. Wenn man auch etwas gutes Blut in den Schlamm geknetet hat, damit er hält, so läßt die Canaille es doch nicht aufkommen. Man stößt allerdings in der Armee auf einige aus guten Familie,« setzte er hinzu, »aber was sind sie? Sergeanten, Brigadiers, sie bleiben Subalterne; wer Fortune machen will, muß aus dem Kot gebacken sein. Und wenn sie sich auch noch so spreizen in ihren goldgestickten Flipsen, mit Tressen, Bändern und Federn, schon aus dem Knarren ihrer Stiefel höre ich heraus, wo sie her sind. Es ist nicht Art –«

Wilhelmine mußte es noch mehr verderben; sie erinnerte den Vater, daß jene Familie in der Champagne ja auch nicht von Adel gewesen. Er hatte es oft selbst gesagt, wie er sich gewundert, unter diesen Bürgerlichen so vielen Anstand, so feine Sitten zu finden. Und der Besitzer war noch dazu ein Käufer von Nationalgütern, ein fanatischer Anhänger der Revolution; die Söhne, für den Kriegsdienst glühend, zu dem sie nur noch nicht das Alter gehabt, hätten die Marseillaise vor seinem Fenster gesungen, und das alles hatte ihn damals nicht gekränkt.

»Papa, wenn nun der Obrist der Sohn wäre von dem Mann in der Champagne? Denke Dir, wenn er herkäme als Gastfreund, damit wir ihm vergelten, was sie Dir damals getan.«

Ein sehr ungelegener Einwand für den Major. Dachte er einen Augenblick an ein romanhaftes Eintreffen, als er erklärte, daß er Romane nicht liebe; er hoffe auch, daß seine Töchter von der unnützen Lektüre sich frei gehalten, was bei Karolinen vielleicht nicht der Fall war. Ob der Gedanke ihn ernsthafter beschäftigte, als er auseinandersetzte, daß jene Leute da zu den eifrigsten und strengsten Republikanern gehört. Um Bonaparte und seine Trabanten recht schwarz zu malen, verfiel er in eine Art Lob der damaligen Republikaner, wie jugendlich und frisch, mäßig und bescheiden jene ersten Soldaten gewesen, fortgerissene Söhne anständiger Eltern, während diesen jetzigen Raubgier und Uebermut schon aus den Augen blitze. »Damals, ja damals,« schloß er in einem weicheren Tone. »Es waren andere Zeiten; wer sah alles das Uebel voraus, das kommen würde! In jüngeren Jahren gibt man den Gefühlen zuweilen mehr Rechte, als sie haben sollten; das bereut man im Alter. Was hilft es, das ableugnen! Es ist geschehen! Man trällerte wohl auch das ça ira, nur im Scherz, aus Uebermut, oder auch nicht aus Scherz, weil wir den Oesterreichern übel wollten, weil mancher an eine Allianz mit den Neu-Franzosen dachte. – Es waren nicht die Schlechtesten in der Armee. – Man soll nicht phantasieren, nicht spekulieren – man soll auch nicht dem Gefühl nachgeben.«

So schloß er mit sinkender Stimme, ein Zeichen, daß er selbst einem Gefühl nachgegeben. Hätte man ihn jetzt sich selbst überlassen! Aber die Verschworenen waren zu hastig, es war Gefahr im Verzuge, und so verraten wir es denn, Mutter und Tochter hatten den Obristen schon zur Mittagstafel eingeladen. Es mußte alles gewagt sein, dachte Karoline. Sie erzählte, in welcher Achtung der Obrist bei seinen Kameraden gestanden. Ueber seine Bravour sei nur eine Stimme, obwohl seine Mannszucht vielen zu strenge dünke. Dies, und weil er nicht mit jedem umgehe, habe ihm in der Armee Feinde gemacht. Man beneide und hasse ihn, weil er so schnell avanciert, was er allein seiner Tapferkeit in den italienischen Feldzügen verdankt.

»Und wenn Sie ihn kennen lernen, Papa,« schloß sie, »so würden auch Sie eingestehen, daß er von einer nobleren Art ist; das wenigstens meinten alle französischen Offiziere, seine Feinde sowohl als seine Freunde.«

»Hast Du mit so vielen Offizieren Bekanntschaft gemacht? – Ich kenne keinen einzigen, das aber weiß ich, ohne daß ich die Ehre gehabt, wie Karoline, bei ihrem Kriegsrat mitzusitzen, daß nicht eben viel an ihm sein muß, nämlich als Offizier, was kümmert mich sonst der Kerl; die ihm scheinen zu was zu taugen, schickt sein Kaiser voran. Um hier Fourage einzutreiben und Polizei zu spielen, dazu verwendet man, die sich drücken, Marodeure und Krümper. Mögen auch nobler Art sein, ist nur nicht meine Art.«

Es waren nur noch Minuten bis zur Mittagsglocke. Die Frauen sahen sich an. Wer sollte mit dem schweren Geständnis herausrücken? Wilhelmine trat vor:

»Ja, Papa, was machen wir da? Er hat sich selbst zu Tisch gemeldet. Wir konnten doch nicht sagen: Gott bewahre, wir essen mit keinem Franzosen aus einer Schüssel. Wir haben geknickst und gesagt, es würde uns eine Ehre und ein Vergnügen sein. Sollen wir nun doch hinaus sagen lassen: nein, Herr Oberst, wir haben uns anders besonnen, es ist uns keine Ehre und kein Vergnügen?«

Der Major zerknitterte die alten Zeitungen, die er in der Hand gehalten, zu einem Ballen und warf sie auf die Erde:

»Ihr sollt das Vergnügen und die Ehre haben, mit ihm allein zu speisen,« sprang er auf. »Ich melde mich krank – und das ist keine Lüge.«

Die Tür flog hinter ihm ins Schloß, daß die Schildereien an der Wand zitterten. Als er oben in der Stube sich auf den Lehnstuhl warf, war er aber nicht allein. Es führte noch eine kleine Wendeltreppe hinauf. Durch diese war Malchen ihm vorauf gesprungen, ohne daß die andern es gemerkt oder geahnt, wie sie überhaupt auf das Kind weniger acht hatten; sonst würden sie seine Unruhe, und daß es nur ab und zu unten im Saale war, bemerkt haben. Aber es war angenommen, daß Malchen wenig tauge, wenn es eine gemeinschaftliche Operation gegen den Vater galt, am wenigsten seit den Vorfällen in Nauwalk. Sie war so still und in sich versessen; einmal, als man sie fragte, warum sie das Spiel verderben wolle? war sie rot geworden und hatte das Wort verschluckt, das über die Lippen wollte.

Am weichen Druck der Arme, die sich um seinen Hals schlangen, erkannte der Major sein Lieblingskind, ehe sie noch aus der Brust die Worte preßte: »Tu es doch, lieber Vater, iß mit uns.«

Er hatte, ohne aufzufahren, einen Kuß auf ihre Augen gedrückt, dann hielt er das Mädchen vor sich, mit beiden Armen gefaßt, und sah sie ernst an.

»Warum, Malchen? Du bist verständig genug, um Dir Rechenschaft zu geben, weshalb Du etwas bittest, was ich eben abschlug.«

Sie sah ihn klar an. »Vater, Du mußt es tun, um uns alle, um Dich selbst.«

»Kommt das von Dir?«

Sie schlug die Augen nieder und errötete etwas; die Antwort kam nicht mit so fester Stimme: »Ja – auch Herr Mauritz hat es gesagt.«

»Was hat Herr Mauritz hier zu sagen? Wenn er etwas will, warum kommt er nicht selbst?«

»Vater,« entgegnete sie stockend, doch dann mit sicherer Stimme, »Du warst in letzter Zeit nicht so gegen Herrn Mauritz, daß er –«

»Wagen sollte, mir seinen Rat zu präsentieren,« unterbrach er. »Lassen wir das ruhen. Aber der Kandidat ist beim Pastor zu Mittag.«

»Er kam vorhin durch den Garten gestürzt und wollte mich herausrufen lassen – ich traf ihn, als ich aus der Speisekammer trat. Schon als er aus der Kirche kam, hatte er am Kruge von den schrecklichen Nachrichten gehört –«

»In Querbelitz haben sie einen dummen Streich gemacht – einen von den französischen großen Kerlen gepackt, auf den Schlitten geladen. – Tolles Zeug, Köpkes Jungen sind mit ihm durchgegangen. Ich weiß alles – Herr Mauritz hätte Dir die Angst ersparen können, denn Du siehst, ich bin nicht in Angst.«

Malchen sah ihn an, wie um zu prüfen, ob es wahr sei. »Herr Mauritz, weil der Frau Pastor Kalbsbraten erst zwei Stunden gebraten, ging aufs Feld, um zu überlegen, was er tun solle. Da kam aus Quilitz des Verwalters Sohn in Carriere geritten.«

»Weiß es unser Vetter auch schon! Er ist's am Ende, der mich warnen läßt –«

»Ja, lieber Vater, der Verwalterssohn sollte es Dir heimlich stechen, aber nicht merken lassen, von woher es kam, daher war er zufrieden, daß er Herrn Mauritz traf, der es übernahm.«

»Und was gibt's?«

»Der Vetter aus Quilitz läßt Dir sagen, daß der Colonel zurückmarschiert ist. Er hat expresse Ordre zum Rückmarsch bekommen von der See, wo er war, als er den kleinen Krieg hier mit allen Mitteln unterdrücken soll. Es heiße in der Ordre aus Berlin, er solle ihn an der Wurzel anfassen und mit allen Fasern ausziehen. Er solle nicht viel nachfragen, sondern auf der Stelle arretieren, füsilieren lassen. Er darf auch Höfe und Dörfer, wo die Brigands Zuflucht finden, der Erde gleich machen lassen. Und so rasch wie möglich und ohne viel Aufhebens, damit der Kaiser nichts davon erfährt. Die Sache läge nun ernsthaft, läßt der Vetter Dir sagen. Er weiß von einer Liste, worauf alle Edelleute stehen, die über Nacht aufgehoben werden sollen, er weiß nur nicht, ob der Colonel sie hat. Wenn der aber von dem Streich in Querbelitz erfährt, da bleibe weiter nichts übrig, als entweder auf der Stelle selbst angeben, und die französischen Behörden zur Hilfe auffordern gegen die rebellischen Bauern, oder sich so rasch wie möglich aus dem Staube machen und versteckt halten, bis das Ungewitter vorüber.«

»Und mein Vetter hat die erste Rolle gewählt, mir überläßt er die zweite. Nicht wahr?«

»Lieber, lieber Vater, Du mußt uns erhalten werden!«

»Und den Verräter spielen!« Seine Stirn runzelte; sie hing an seinem Halse und weinte: »Nimmermehr, das kannst Du nicht, Aber Du wirst auch nicht fliehen, nicht Dich verstecken. Nicht wahr? Du bist ja nicht schuldig, Du hast es selbst einen törichten, dummen Streich genannt. Wenn Du jetzt fortgehst und Dich verbirgst, trifft Dich der Verdacht, daß Du darum gewußt hast; sie sagen, daß Du die Hand im Spiele hattest. Das wäre nicht schlimm, vor Gott und Deinem König, aber jetzt wäre es so, die bösen Feinde legten es noch schlimmer aus.«

Der Major war aufgestanden; er schien mit einem bösen Gedanken zu kämpfen, indem er die Worte vor sich wiederholte:

»Böse Feinde! – Wer sind denn meine bösen Feinde? Es wäre vielleicht manchem jetzt ganz angenehm, wenn ich verschwände und dem Verdacht dadurch erst Kraft gäbe! – Nein, nein, pfui! das sind häßliche Gedanken – Gedanken, die nur der böse Feind eingibt!« Er blieb vor der Tochter stehen und legte die Hand auf ihre Stirn: »War das Deiner? – Ich meine der gute, helle, klare Gedanke, daß Dein Vater jetzt nicht fort darf? Ich habe Dir immer viel Einsicht und über Deine Jahre zugetraut, aber –« er stockte – »Deine Schwestern und Deine Mutter, wenn sie es wüßten, würden mich mit Bitten bestürmen, daß ich fliehen sollte, und sie lieben mich doch gewiß so, wie Du mich liebst. Warum willst Du nun, daß ich mich der Gefahr aussetze?«

»Lieber Vater, weil ich Dich kenne, weil ich weiß, daß Du – bist wie Du bist – Du hast nie etwas versteckt, nicht was Du denkst, nicht was Du fühlst – nun wirst Du auch Dich selbst nicht verstecken wollen, wo Du Dich unschuldig fühlst, wo Du unschuldig bist– auch da nicht, wo Gefahr ist. Ich tue es um Dich selbst, Vater. Denn wenn Du jetzt dem Vetter nachgäbest, so würdest Du es Dir nachher nicht vergeben können. Du wärst unglücklich, und Du sollst nicht unglücklich sein.«

Der Major hatte Amalie an seine Brust gedrückt; sie fühlte eine Träne auf ihrer Stirn. Er wischte hastig das Auge.

»Verrate das niemand, Kind; ich glaubte darüber hinweg zu sein. Aber es war die Freude, daß ich ein Kind habe, das mich versteht. – Ich glaubte auch, daß ich mich nicht recht freuen könne. Du kleine Hexe hast das gemacht. Wollte Gott, daß meine Jungen auch so ausschlügen wie Du! Doch – weg die Gedanken, der liebe Gott geht auch seine eigenen Wege. Eins versprich mir nur– Du hast mich recht erkannt, ich kann keine Unwahrheit ausstehen – sei Du auch nie unwahr, verstecke Dich auch nicht – gegen niemand – am wenigsten gegen mich. Was Dein Herz drückt – Dein Vater sei Dein bester Freund. – Topp! Nicht Tränen, nicht Küsse – die Hand drauf, wie ein deutsches Mädchen.«

Nach dem Handschlag senkte Malchen die Augen, sie wollte gehen, aber sie wandte sich zurück:

»Vater – wenn ich ganz wahr sein soll – ich habe doch eine Unwahrheit gesagt. Der Gedanke – eigentlich – kam er nicht von mir – Herr Mauritz war es, der es meinte – er sprach es zuerst aus, er glaubte nicht, daß es sich für Dich schicke, noch daß Du es tun würdest. Aber wie er es gesagt hatte, so klar und warm und verständig, da war es mir auch mit einemmal ganz klar, als wenn ich es längst so gedacht haben müßte. Die Gelehrten sind doch recht glücklich, daß sie das alles in Worten sagen können, was wir nur fühlen.«

»Was hast Du mit dem Gelehrten zu schaffen! Es kommt auch vor, daß sie etwas sagen, was sie nicht fühlen. Der Kandidat ist kein Gelehrter. Einen Gelehrten hätte ich nicht ins Haus genommen. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck. Das ist's. – Der Mensch hätte übrigens auch zu Tisch kommen können, und mit uns essen.«

Sie legte schmeichlerisch die Hände um seine Backen, und mit der sanftesten Stimme sagte sie: »Aber Du, Vater, issest heut mit uns?«

Ein tiefer, krächzender Seufzer war die deutliche Antwort, der nur der Nachsatz folgte:

»Aber Ihr müßt die Unterhaltung führen; ich spreche mit dem Kerl kein Wort.«

Die Mittagsglocke tönte durch die Gänge. Der Major hatte sich unnötig von Amalien die Treppe hinabführen lassen, wir meinen, er hatte umsonst einen Anfall von Podagra bekommen oder fingiert, um als Kranker an der Tafel zu sitzen. Unten war neue Bestürzung. Der Obrist hatte sich eben entschuldigen lassen, daß er nicht bei Tisch erscheinen werde, da ihn ein dringendes Geschäft auf der Stelle nach dem benachbarten Dorfe Querbelitz rufe.

»Dann muß er mit Aufgewärmtem vorlieb nehmen,« sprach der Major, sich rasch hinsetzend, als fürchte er von seiner Frau den Vorschlag, mit dem Essen bis zu seiner Rückkehr zu warten.

Der Hausherr schien bei vielem Appetit, während Mutter und Töchter die Bissen kaum herunterwürgten. Wußten sie noch nicht das Schlimme, so stürzte es mit einem Male heraus, als der Diener ängstlich meldete, die Kürassiere hätten die Ausgänge des Schlosses besetzt; es werde niemand ausgelassen. »Ach, Du mein Gott, was soll das?« Die Mutter rief es, Malchen fiel die Gabel aus der Hand, sie sah totenblaß den Vater an. »Was es soll?« sagte dieser. »Sie haben zu kommandieren, wir zu gehorchen.

Der Stallknecht meldete, daß sie auch um das Dorf Posten gestellt; auch da werde niemand hinausgelassen. »Ganz wie ihr Plaisier ist,« sagte der Major. »In die Keller dürfen wir doch? Eine Flasche Wein, Hans!« Auf die verwunderten Blicke antwortete er: »Ich bin nun heute einmal vergnügt. Wir wollen anstoßen.«

»Wolf, Wolf!« Der guten Frau stürzten die Tränen aus den Augen. »Wir sind alle gefangen!«

»Vielleicht!« entgegnete er, »aber gewiß ist, daß auch von ihnen einer es ist, und ein recht infamer, borstiger, aufgeblasener Fuchs; und da soll man nicht lustig sein?«

Das war ein langer Sonntagnachmittag. Den Frauen standen immer die Tränen im Auge, der Vater rauchte im Lehnstuhl, als sei ihm so recht wohl. Als Minchen schon den Kaffee hereintrug, bestellte er noch eine zweite Flasche Wein, und als der Kandidat zurückkam, lud er ihn zu sich an das Weintischchen und rief nach einem zweiten Römerglase. Sie sahen ihn immer ängstlicher an.

»Meine braven Querbelitzer sollen leben! Angestoßen, Herr Mauritz!«

Der Kandidat berührte bescheiden das Glas des Gutsherrn, aber er bemerkte leise, die Sache scheine ihm doch bedenklicher, und es wäre vielleicht besser –

»Ihr nicht ins Auge zu sehen? Was! auf der Kanzel reden Sie dem Volk Mut ein, und hier, wo es gilt, ihn zeigen, schlagen Sie sich zu den Frauenzimmern!«

»Gilt es schon?« entgegnete der andere. »Wir wissen noch nicht, was kommt, ob wir nicht den Mut für den entscheidenden Augenblick aufsparen müssen.«

»Darin ist etwas Wahres, wie es ein Gelehrter auffaßt. Aber der Militär, der nicht in jedem Augenblick adrett, alert, gestiefelt und gespornt ist, ist's auch nicht im Moment der Gefahr. Haben Sie erfahren, wann man den Herrn Colonel zurückerwartet?«

»Im Pfarrhaus meinte der Rittmeister: vor Abend.«

Der Major ging hinaus, um nach einer Weile, in welcher die vorsorgliche Wirtin den Abendtisch decken ließ, zur großen Verwunderung der anderen in seiner Armeeuniform zurückzukehren. Er trug sie selten; am Halse hing der pour le mérite und das große Komturkreuz eines Stiftes; an der Brust war das Johanniterkreuz.

»Lichter, Kinder! Es wird schon dunkel. Man muß sich doch ins Gesicht sehen, wenn man sich kennen lernen will.«

Stellte der Mann gerade eine Kerze unter den Stammbaum der Familie, der an der Wand hing! So was versteckt man doch jetzt lieber, als daß man's zur Schau stellt! – dachte die Frau von Ilitz; es laut auszusprechen, war nicht an der Zeit.

»Bier!« rief der Major und nahm die Weinflaschen vom Tisch.

»Aber Wolf! – Liebster Vater!«

»Ich sagte, wir trinken heut abend Bier. Andere Gläser auch, wenn's beliebt!«

Es war ein Ton, ein Blick, gegen den kein Widerspruch galt. Karoline zerdrückte eine Träne zur Mutter gewandt, welche doch sonst nicht ihre Vertraute war: »So gegen den einzigen Mann, der es vielleicht mit uns gut meint.«

Der einzige Mann war erschienen, nicht unerwartet, da das Pferdegetrampel auf dem Damm seine Ankunft schon verkündet hatte, aber sein Eintritt hatte nichts Besonderes. Er entschuldigte sich leicht gegen die Hausfrau, wenn er durch sein verspätetes Kommen die Hausordnung derangiert haben sollte, aber ein Geschäft, das sich nicht aufschieben lasse, habe ihn dazu gezwungen.

»Hat gar nichts zu sagen,« rief als Antwort die Stimme des Majors aus der anderen Ecke des Zimmers, wo er seine Pfeife ausklopfte. »Tun Herr Obrist, als wären Sie zu Hause. Wir lassen uns auch nicht derangieren.«

»C'est mon mari sagte die Hausfrau.

Der Colonel war charmé, seine Bekanntschaft zu machen; aber in der leichten französischen Weise, daß weder Ernst noch Beleidigung darin lag. Wie ein Polierer die Unebenheiten im Holz ausgleicht, ohne daß man seiner leichten Hand die Anstrengung anmerkt, schien der Offizier die Sprünge schnell vertuscht zu haben, welche den übrigen wie klaffende Risse erschienen, von denen das ganze Gebäude krachend bersten müsse. Die Unterhaltung strich über Wind, Wetter, schlechte Wege. Den schweren Ernst, welcher unverkennbar auf des Offiziers Stirn lag, suchte das lebhafte Spiel der schön geformten Lippen wegzuspielen. Wie aber errötete Caroline, als der Vater aus dem Henkelkruge ein Glas schäumend füllte und es dem Gaste mit den Worten: »Wenn's beliebt?« hinschob. Sie erwartete doch nicht anders, als daß er es ebenso errötend von sich schieben würde. Aber er nahm es mit einer leichten Neigung und brachte es an die Lippen. Dann machte er die Bemerkung:

»Es ist nicht die unangenehmste Seite des Krieges, daß die Völker ihre verschiedenen Sitten kennen lernen. Was in Frankreich eine Beleidigung wäre, daß der Wirt dem Gaste einschenkt, ist hier ein Zeichen edlen Vertrauens.«

»Und ein edler Gast ist der, welcher das Zeichen so annimmt,« fiel Karoline rasch ein.

»In Spanien, auch in Italien, würde ich als Einquartierter mich noch bedenken,« entgegnete der Offizier, »während ich in Deutschland den dargereichten Becher rasch ausstürze. In jedem Hause,« setzte er hinzu, »auch wenn ich der noblen Gesinnung seiner Bewohner nicht versichert wäre.«

»Ja, das Giftmischen überlassen wir anderen,« war die schnelle Replik des Majors. »Wir schenken jedermann reinen Wein.«

»Oder klares Bier,« versetzte Minchen.

Das Schweigen, welches darauf eintrat, unterbrach die Bemerkung des Offiziers etwas unangenehm: »Man soll den Charakter einer Nation in ihren Verbrechergeschichten studieren können. Da fiel es mir auf, daß bei meiner Anwesenheit in der Hauptstadt von furchtbaren Kriminalfällen so viel die Rede war – eine vornehme Dame, die ihren Gatten, ihren Bedienten, ja unschuldige Kinder aus reiner Wollust am Vernichten vergiftet habe. Ebenso erzählt man von einem wahren Monstrum, einem Aventurier, der –«

»Um Gottes willen, nichts von den gräßlichen Menschen!« unterbrach die Mutter.

»Ich bin auch überzeugt, daß es nur Ausnahmefälle sind. Wo aber finden diese Geschwüre den Stoff, die Nahrung, in einem sonst gesunden Körper!«

»In der Lektüre französischer Bücher, mein Herr Colonel, in der Nachäffung französischer Moden und Sitten und – Schminke. Diese Pariser Schminke, die die schlechten Dinge gut malt, ist ein Gift, das seit einem Jahrhundert in seinen pulverisierten Rationen über den Rhein geblasen wird, so fein, daß die ehrlichen Deutschen es nicht merken. Jetzt fangen sie endlich an, da es ihre Haut nicht mehr kitzelt, sondern brennt, und wir müßten eigentlich gewissen Prokureurs sehr obligiert sein, daß sie uns dieses Gift als Pferdekur offerierten.«

»Auch wir vielleicht,« sagte der Gast mit Nachdruck und einem ruhigen Blick auf den Wirt, während doch die weiblichen Familienmitglieder ängstlich seine Gesichtszüge bewachten. »Auch wir vielleicht,« wiederholte er mit einem Seufzer, »sollten den fürchterlichen Aerzten Dank schulden, die uns nicht allein von den Giftpülverchen der Voisins und Brinvilliers rein gemacht, sondern, was mehr wert, von denen, welche die Philosophen und Encyklopädisten nur unmerklich ins Blut, in unsere Denkweise, in unser ganzes Sein und Leben gemischt.«

Die Tafel war endlich aufgehoben. Mutter und Töchter hatten auf Nadeln gesessen. Wenn der Zunder keinen Funken fing, so lag es nicht an dem, welcher beständig Stahl und Feuerstein aneinander schlug. Sie begriffen den Vater nicht. Was aber bewog den Colonel, mit solcher Kunst den Streichen, auf ihn gerichtet, zu parieren und dem Blitz immer wieder einen neuen Ableiter hinzuhalten? Wilhelmine hatte ihn mit steigender Teilnahme angesehen. Sie bemerkte, daß es wohl dann und wann in ihm aufflackerte, aber ebenso schnell drückte er die aufsteigende Glut zurück. Karoline glühte selbst wie der Ofen, an dem sie stand, und vergebens Aug' und Ohr von dem, was sie sah und hörte, abzuwenden suchte.

Und wieder ließ der Major sich die Pfeife reichen. Erst nach einigen tüchtigen Zügen fragte er: »Dem Herrn Colonel darf man wohl keine anbieten? Wenn er Lust hätte, würde er sich eine genommen haben. Das war also schon im alten Frankreich Sitte! Was man noch in seinen alten Tagen lernen muß!«

Der Colonel hatte im selben Augenblicke mit höflicher Verneigung die Pfeife ausgeschlagen, welche die gnädige Frau anstandshalber, wenn auch nur par Distanz ihm präsentiert, um den Verstoß des Ehegatten gutzumachen. »Ich konnte mir schon denken, daß unsere Gewohnheiten einem feinen Herrn aus Paris zu grob sind.«

»Gewohnheiten sind unser Heiligtum,« hatte er entgegnet, »das uns erst recht teuer wird, wo wir sie vermissen. Uebrigens überschätzt man die französischen Sitten, wenn man gerade in unseren Gewohnheiten ihren Wert sucht. Der Türke, der Perser raucht, ja, der Orientale erscheint erst in seiner Würde, wenn er, vor sich seine Pfeife, auf dem Diwan sitzt. Daß wir auf glattem Boden mit der Sicherheit uns bewegen, wie der Schweizer auf schwindligem Alpensteg, ist eben auch nur eine Angewöhnung. Aber was den Sitten des alten Frankreichs die Herrschaft über die gebildete Welt verschaffte, war, daß wir mit derselben Sicherheit unter fremder Angewöhnung uns bewegten, es war die feine Art, mit der wir uns auch in das uns Widerstrebende fanden, und daß wir unsere Sitte übertrugen; daß wir im Umgang mit Frauen nicht nach Schönheit und Alter fragten, sondern chevaleresk in jeder die Dame, daß wir im Feinde, im Kriegsgefangenen den Kavalier ehrten und selbst die Ungeschliffenheit durch unsere Manier zu übertünchen wußten. Er, der alte Franzose, wußte den Schein seiner Bildung über seine Umgebung zu verbreiten, das machte ihn, was man nennt, liebenswürdig. Denn, die Wahrheit in Ehren, was wäre das Leben ohne den anmutigen Schein, die Illusionen, welche Bildung über seine Risse und Unebenheiten werfen. Leider, leider spreche ich aber von vergangenen Zeiten; diese chevalereske Sitte ist auch bei uns dahin. Man will wahr sein und wird grob. – Sonst hob, jetzt zerstört der Krieg den ritterlichen Charakter.«

Er hatte, während er das sprach, mit Aufmerksamkeit auf den Stammbaum gesehen, als interessierten ihn darin einige Schilder und Namen mehr als das, was er sagte: »Ich finde hier eine Marie Gasparde du Rozieres D'Etaing.«

»Die Elternmutter meines Mannes, in direkter Linie.«

»Sonderbar!« sagte der Gast.

»Sie war von der Kolonie.«

»Das kann man wohl nicht eigentlich sagen,« entgegnete der Franzos; »sie muß mit den ersten Refugiés ins Brandenburgische gekommen sein. Die du Rozieres sind aus dem Poitou – das Wappen ist nicht ganz richtig. Oder hätte die ausgewanderte Branche nur hier die Helmzier verändert?« – Er setzte hinzu: »In Frankreich ausgestorben, nicht ganz würdig ihrer Ahnen, die noch in den Tagen der Fronde Heldentaten vollbracht.«

»Wahrscheinlich als Opfer der Revolution? Mein Mann hat nichts davon gehört.«

»Das wäre wenigstens ein glorreiches Ende! Leider starben die letzten männlichen Abkommen als Opfer der Debaucherien unter der Regentschaft. Es würde mich sehr interessieren, zu erfahren, wenn in Preußen sich noch ein Seitenzweig erhalten hätte.«

»Darüber wird Wolf Ihnen die beste Auskunft geben.«

Der Major war aufgestanden und hatte den Fremden verwundert angeblickt. Dieser aber, wie aus Träumereien erwachend, rief:

»Wohin man sich verirren kann! – Meine Damen, ich hoffe, daß Sie in Ihrer Nachtruhe durch keinen Alarm sich stören lassen – es gibt viel blinden Lärm in Kriegszeiten. Monsieur!« wandte er sich rasch zum Hausherrn, »ich würde Sie um zwei Worte in meinem Zimmer bitten.«

Er war hinaus, der Major ihm gefolgt.

»Er fordert ihn! Er muß ihn fordern!« unterbrach Karoline das peinliche Schweigen.

»Nein, er arretiert ihn,« jammerte die Mutter; »so gewiß, er läßt ihn fortschleppen.«

»So wollte ich doch!« Wilhelmine ballte weinend ihre kleinen Hände.

»Was?«

»Daran sind allein die Querbelitzer schuld. O, sie verdienten –«

Die Mutter wollte einen Fußfall tun; Wilhelmine schien mehr Lust zu haben, die Bauern aufzurufen. Wenn die Querbelitzer einen Marschall bei den Ohren ergriffen und gefangen fortgeschleppt, aus purem Uebermut, was sollten nicht die Ilitzer tun, um das Leben ihres Herrn zu retten! »Seid Ihr wahnsinnig?« fragte Karolinen »Wir dürfen darin nicht einreden.«

Sie fand unerwarteten Beistand bei ihrer jüngsten Schwester, die mit entschiedenem, einem fast gebietenden Tone, den man an dem Kinde noch nicht kannte, gegen beides protestierte: »Vater wird für sich selbst handeln.«

Der Meinung war auch der hinzugezogene Kandidat, von dem jede eigentlich verlangte, er solle ihrer Ansicht sein und sie unterstützen. Er unterstützte aber keine: Wen man fordern wolle, mit dem verschließe man sich nicht in ein Zimmer: wenn er den Vater zu arretieren beabsichtigt, würde das plötzlich und unvorbereitet über Nacht geschehen; wenn etwas Ernstliches dem Major drohe, sei aber jeder Widerstand eine Torheit und könne das Schlimmste herbeiführen. Uebrigens sei es im Sinne des Hausherrn gehandelt, wenn man ihn selbst walten lasse, da ihnen bekannt, daß er in solchen Dingen keinen Einspruch, ja, keine Meinung gestatte. »Sage ich doch,« sagte Minchen halb ärgerlich, »Herr Mauritz ist immer Malchens Meinung.«

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