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Willibald Alexis: Isegrimm - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleIsegrimm
authorWillibald Alexis
firstpub1854
yearca. 1910
publisherA. Weichert
addressBerlin
titleIsegrimm
created20060411
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.

Alte Geschichten.

»Sie müssen wissen, daß es mit unserer Verwandtschaft schwach bestellt ist. Es ist, entre nous soit dit, sogar zweifelhaft, ob die von der Quarbitz aus Ilitz mit uns, den simplen Quarbitz von Quilitz, dieselbe Abstammung haben. Indessen war es schon seit Jahrhunderten chose convenue, daß wir uns für Vettern hielten. Heraldiker waren zu jeder Zeit gefällig und geschickt. Einer Familie Deszendenz zu schaffen, wenn es sonst nicht ging, überließen sie anderen, aber sie verschafften Väter und Vorfahren, wo man ihrer bedurfte; warum da nicht auch gemeinschaftliche Namen, da, wie Sie auch wissen, unsere Vorfahren in der ältesten Zeit sich um Geschlechtsnamen nicht besonders kümmerten. Von meinem Vetter mögen Sie sich erzählen lassen, wie wir mit den famosen Querbelitzern zusammenhängen; famos sage ich, weil man nichts von ihnen weiß. Sie sollen ein altes Geschlecht, oder Stamm, eine aparte Rasse von Landflibustiers gewesen sein, eine Republik von Räubern, die die Gegend in Schrecken setzte und sich tributär machte; nach diesen ein letztes Heckenest von Wenden, das sich in den Büschen und Morästen hielt, nach jenen ein erster Satz deutscher Kriegskolonisten, die von hier aus germanisierten, das heißt brandschatzten, brannten und ausmerzten. In Urkunden findet man nichts, als einmal den Ausdruck: castrum Quorbelizza, und einmal: arx illustris Werbelicz, woraus der doppelte Streit entstand, ob es nur ein verschanztes Lager gewesen, ein sogenannter Burgwall, was dann auf die jetzige Schwedenschanze hinwiese, oder eine gemauerte Burg mit Türmen im jetzigen Dorfe Querbelitz. Der Ausdruck arx und illustris und Werbelicz gab denen eine reiche Fundgrube, welche die deutsche Abkunft behaupteten, und da ward denn ein Burg- oder Grenzgraf Werbel daraus, der den Köpfen entsetzlich viel zu denken und den Federn zu schreiben gab; je wie man nichts zu tun hatte. Möglicherweise, lieber Nachbar, haben Sie also die Ehre, neben dem Abkömmling einer alten markgräflichen Familie zu sitzen.

»Von der arx illustris ist nun nichts übrig als der Sumpf im Querbelitzer Schulzenhofe. Herr Matthisson könnte darüber ein ganz andere Elegie dichten als von seiner verfallenen Burg; denn wo man gar nichts mehr sieht, sollte ich meinen, hätte der Poet weit mehr Acker und Feld. Glücklicherweise sind nun die Querbelitzer Aecker nicht mit im Sumpf versunken, und mit ihnen fängt eigentlich unsere beglaubigte Geschichte an; denn im Landbuche Kaiser Karls IV. heißt es: die Dorfmark von Querbelitz ist Lehn zu gesamter Hand deren auf Ilitz und Quilitz. Da wird der Name Quarbitz noch nicht genannt. Aber in einer Urkunde von 14 . ., ich erinnere mich nicht, welches Jahr, verleiht Jobst von Mähren an die von Quarbitz, weil sie ihm in einem kalten Winter so und so viel wollene Nachtjacken nach Tangermünde geliefert, das Recht, in der Quierlitz zu krebsen, und da noch auf Bogenschußweite, wo sie in die Ritze fließt, jedoch ohne Netze. Da nun aber die von Quitz und Quitzow ein Recht auf die Fischerei in der Ritze beanspruchten, so erkläre er, daß das Krebsen nicht zum Fischen gehöre, und sollten die von Quarbitz das Recht haben, jeden, der da krebst, zu pfänden, einzuwerfen und vor ihr Gericht zu stellen. Unglücklicherweise ist auf der Urkunde ein Tintenklecks, man liest nur ›die von Quarbitz auf —litz‹. Sehen Sie, wertester Nachbar, auf diesem Klecks beruht eigentlich unsere Verwandtschaft.«

»Herr Hofmarschall führen mich allerdings sehr weit zurück.«

»Kommen Sie erst zu meinem Vetter; der führt Sie bis an die Sündflut. Uebrigens ist die Sache nicht so lächerlich, als sie scheint; sie hat ihre sehr praktische Seite. Um die Krebse war es unseren Vorfahren nicht zu tun – beiläufig gesagt, waren sie, als man sie überredete, daß man eine Familie sei, aus der Ritze längst verschwunden. Aeltere Lehnbriefe haben beide Familien nicht aufzuweisen, das älteste Dokument über den Gesamtbesitz der Querbelitzer Mark ist eben nur das Landbuch, und bei den vielen Regierungswechsel hätte man unangenehme Fragen über den Besitztitel zur Gesamthand aufwerfen können, wenn uns der Klecks nicht zu einer Familie gestempelt. Das gemeinschaftliche Interesse förderte also damals die Eintracht, obwohl Ursachen genug aufstiegen zur Zwietracht.«

»Und die fing an?«

»Sie war eigentlich von je an da. Die in ihrem beinernen Haus zu Ilitz rechneten sich zur schloßgesessenen Ritterschaft, während wir Quilitzer nur für sogenannte Zaunkönige galten. Worauf dies Recht und Unrecht beruht, wissen wir eigentlich ebenso wenig. Denn zum Beweis ihrer älteren Ritterbürtigkeit haben die Ilitzer nichts anzuführen, als einen alten Leichenstein in ihrer Kirche, worauf ein geharnischter Ritter mit der Inschrift steht:

Wolf Qworbitz bin ik v. Il
Gott sy gnadigk mynr Sel.

Sie behaupten nun, das sei ein Vorfahr, der schon in den Kriegen um den falschen Woldemar mitgefochten, wovon unsere Quilitzer nichts wissen wollen und sogar meinen, der Stein, die Skulptur und die Mönchsschrift gehören erst dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts an, wogegen allerdings sicherer ist, daß die Ilitzer wirklich unter den Schloßgesessenen am Kremmer Damm mitgefochten haben und dafür tüchtig bluten mußten. Mein Vetter gäbe viel darum, wenn er beweisen könnte, daß die faule Grete vor sein steinernes Haus gefahren worden, aber wir haben ihm immer, auf Urkunden gestützt, dargetan, daß es nicht geschehen, und seine Ahnen nur genötigt wurden, selbst ihre Mauern zu rasieren und die Gräben zu verschütten. Aber die Querbelitz wäre damals wohl von den Hohenzollern als verwirktes Lehn eingezogen worden, wären nicht die Quilitzer, die sich weislich zurückgehalten, Mitbesitzer gewesen. Dieser Umstand warf neuen Zündstoff in die glimmenden Kohlen.

»Meine speziellen Vorfahren verdroß es gewaltig, daß die Ilitzer noch immer die Nase hoch trugen, noch immer Schloßgesessene sein wollten, obwohl ihres um einige Köpfe kleiner geworden, und auf unser Quilitzer Lehmhaus mit Mitleid herabsahen.«

»Auf Ihr stattliches Palais, Nachbar? Seine großen Fenster leuchteten ja in der Abendsonne, als wär's ein orientalisches Zauberschloß.«

»Dazu hat es erst die polnische Gräfin gemacht. Wir waren klüger, als Ihr Herr Bruder, und nahmen zwar auch eine Gräfin, aber eine sehr reiche. Von diesem glücklichen Einfall meines Ureltervaters datiert der Umschwung. Zwar wurden uns durch die Mariage gewisse Stifte verschlossen, denn Madame la Komtesse, obwohl königlichen, war doch sonst vor der Genealogie zweifelhaften Ursprungs; aber die Koffer mit türkischen, ungarischen und venezianischen Dukaten ließen das alles vergessen. Sie träuften einen Goldregen auf unsern trocknen Sand; da entstand das Schloß, von einem italienischen Baumeister gebaut, und in dem Garten, wo kaum Zwiebeln und Aepfel fortkommen, reiften Orangen und Zitronen. Ich gestehe, wenn sie die Dukaten in die englische Bank gepflanzt, so würden auch wir Nachkommen süßere Früchte davon ziehen als die sauren Apfelsinen in der jetzt sehr verkrüppelten Orangerie. Aber darum keinen Stein auf unsere teure Ureltermutter, die mit ihren Mohren, Heiducken und Goldbrokatschleppen am Krönungsfest in Königsberg den ganzen märkischen Adel verdunkelte. Was kamen dagegen unsere Ilitzer Vettern auf, obgleich sie zwei militärische Exzellenzen präsentierten! – Flittergold gegen echtes! Der König war sehr vergnügt, die Huld selbst gegen meine Ureltermutter. Ein schwarzer Adlerorden oder eine Grafenkrone schienen für meinen Ureltervater in der Morgenluft zu schweben. Dieser erste Sieg der Quilitzer war ein vollkommener; ein zweiter Angriff wurde versucht, endete aber leider in einer Niederlage.«

»Wie konnte so viel Geld unterliegen?«

»Setzen Sie hinzu, und eine solche Schönheit! Sie haben ihr Porträt in meinem Kabinett wohl nicht genauer betrachtet. Das sind Kohlenaugen! Ihre Mutter war eine Italienerin. – Genug, Friedrich I. war entschlossen, nach langem Kampfe, sich eine Staatsmaitresse beizulegen. Es war das einzige, worin Ludwig XIV. nach seiner Meinung noch einen Vorzug hatte. Wer hatte mehr Anwartschaft als meine Ureltermutter, der er in Königsberg so offenkundig seine Gunst bezeugt? Die Familie tat das Ihre, die Beförderung zu bewirken, und man hoffte auch auf die Fürsprache der philosophischen Königin Sophie Charlotte –«

»Wetter noch mal!« rief der Baron und starrte seinen Nachbar an.

»Lieber Freund, wir sprechen von vor hundert Jahren. Erinnern Sie sich, daß unsere Vorfahren damals eben erst auftauchten aus dem Schlamm und der Roheit des dreißigjährigen Krieges. Die Zivilisation geht ihre eigenen Wege. – Aber unserer schlug damals fehl. Graf Kalb von Wartenberg war ein schlechter Premierminister, aber ein geschickter Intrigant. Er intrigierte für seine Frau. Unsere Familie ward aus dem Felde geschlagen, und die bekannte Allerweltsschönheit, Gräfin Wartenberg, des Königs Maitresse. Die schöne Judith, so hieß meine Ureltermutter, konnte den Affront nicht verwinden; die vielen Gratulationen, die sie schon empfangen, schmerzten nach wie ein brennender Hohn, die Tröstungen ihres Mannes, ihrer Familie, konnten ihren Schmerz nicht mindern. Sie lauerte eines Abends ihrer Feindin, der Wartenberg, auf der Schloßtreppe auf. Nun wollte aber das Unglück, daß noch jemand, am selben Abend, an derselben Stelle, und wahrscheinlich in derselben Absicht, der Gräfin auflauerte. Dies war keine andere, als die Exzellenz, Frau Generalleutnant von der Quarbitz. Sie sahen ihr Bildnis in Ilitz, die Frau mit der Purpurstirn und dem großen Munde. Sie war nichts weniger als eine Rivalin der schönen Judith, und in welchen Relationen sie mit unserer Eltermutter gestanden, weiß ich nicht, gewiß waren sie sich nicht eben hold. Aber gegen die Wartenberg hatte die Exzellenz eine Pike, ohne darum auf ihren Posten aspiriert zu haben. Sie war ein Tugenddrache. Ihre Rancune rührte nur von einem Ellenbogenstoße her, den die Wartenberg ihr bei einem Schokoladenkaffee, und so in Gegenwart der Königin, gegeben hatte, daß sie denselben verschmerzen müssen. Sie war aber, wie der Bart auf ihrer Lippe sagt, nicht die Frau, um es einzustecken, und resolut wie eine. Sie wollte, um es mild auszudrücken, die Kreatur zur Rede stellen. Unglücklicherweise war die Lampe im Korridor im Erlöschen, unglücklicherweise traten beide Frauen zugleich um eine Ecke und – das Resultat hörte man bis im zweiten Zimmer, es störte eine intime Pikettpartie zwischen Seiner Majestät und der Gräfin. Friedrich erblaßte, solche Töne hatten nie das königliche Ohr im königlichen Schlosse verletzt. Auf seinen Wink stürzten die Lakaien mit den Armleuchtern hinaus. König und Gräfin folgten in eigener Person, die Tür ward aufgerissen und –«

»Die Bescherung kann man sich denken.«

»So schmerzlich es für einen Urenkel ist, kann ich doch nicht über die Wahrheit. Die schöne Judith hatte in der Dunkelheit den Kürzeren gezogen. Nicht allein ihre Haare flatterten, auch ihre Haube, Krausen und was zur Toilette gehörte, waren in einem desolaten Zustande. Auch waren ihre Backen nicht nur purpurrot – denn wohin die Exzellenz schlug, wuchs kein Gras, ihre Kinder und Diener traten dafür als Zeugen auf – sondern auch purpurn von ihrem Blute, die Fingerspitzen der Ilitzerin hatten Eindrücke zurückgelassen, welche auch auf dem Gesichte der Gräfin noch bemerklich gewesen sein sollen, was ich alles historisch getreu berichte, um die nachhaltende Wut meiner Ahnin zu motivieren, die sich übrigens verzweifelt gewehrt haben mußte –«

»Und ausgeschlagen!«

»Das weiß niemand. Aber in der Hitze des Gefechts waren sie schon ein paar Stufen 'runter gerutscht, und Judith lag so unter der andern, daß sie nicht einmal sogleich aufzustehen vermochte, als das Licht der Kerzen und der Majestät ihr ins Gesicht strahlte.«

»Hatten sie sich denn nicht erkannt? Beim Ohrfeigen kommt man sich doch nahe genug.«

»Das weiß nur der Himmel! Von beider Lippen ist nie ein Wort der Erklärung geflossen.«

»Aber sie mußten sich doch vor dem Könige erklären.«

»Halten Sie die Ilitzerin für so dumm, daß sie geknickst und gesprochen haben wird: eigentlich galten meine Ohrfeigen der Frau Gräfin Kalb von Wartenberg, Exzellenz, aber in der Dunkelheit vergriff ich mich! Nein, sie soll sich mit einer gewissen Würde aufgerichtet haben: Strafen mich Ew. Majestät, denn ich habe es verdient, daß ich die geheiligte Schwelle, über welche Dero Füße traten, entweiht, aber ich kann dieses Weib, meine Cousine, nun einmal nicht ausstehen.«

»Und Gräfin Judith?«

»Hatte eine ähnliche Ausrede.«

»Und was glaubte der König?«

»Es kommt doch nur darauf an, was man ihn glauben machte. Die Wartenberg, pfiffig wie sie war, ahnte sogleich den Zusammenhang und hielt es fürs Angemessenste, in Ohnmacht zu fallen. Für alle Teile das Beste, weil es fernere Explikationen ausschloß und jedem auf eine Ausrede sich zu präparieren gestattete. Hätte meine Ureltermutter die Frist schnell benutzt und sich mit der Ilitzerin auf ein plausibles Mißverständnis verständigt, so wäre es für beide Teile gut gewesen. Die Wartenberg kam aber schon nach einer Viertelstunde zu sich und zum Fazit, daß die Exzellenz von Ilitz, die nur einen Ellenbogenstoß rächen wollen, weder eine so gefährliche noch eine so unversöhnliche Feindin sei, als die Rivalin von Quilitz, der sie ihre höchste Lebensaussicht geraubt hatte. In einer halben Stunde war sie bei der Exzellenz, die ihre Wunden, ich glaube nur an der Toilette, eben verbunden hatte. Es ward eine so rührende Szene, als die vorige chokant gewesen. Sie drückte ihr die Hand, machte eine Bewegung, als wolle sie ihr zu Füßen stürzen, ließ sich aber vom Gefühl des Dankes so überwallen, daß sie ihr unter einem Tränenstrom um den Hals fiel und sie versicherte: sie sei ihre Lebensretterin.«

»Lebensretterin?«

»Natürlich, Baron. Die abscheuliche italienische Polin hatte aus Eifersucht, Haß, Neid sie anfallen wollen, wenn sie aus der Tür trete; die Generalin hatte sie auf der Lauer betroffen, sie hatte sich für die Wartenberg geopfert, gekämpft, geblutet, und wenn sie ihr je diesen Dienst vergesse, wolle sie eine schlechte Person sein.«

»Sagte die Wartenberg. Aber die Exzellenz –«

»Nahm die ihr aufgedrungene Ausrede natürlich ohne Widerrede hin; zeugte so vorm Könige, was auch gewissermaßen die Wahrheit war, und meiner Ureltermutter ward der Hof auf alle Zeiten verboten.«

»Und die Ilitzerin?«

»Erntete auch ihren Lohn. Als Judith nicht mehr zu fürchten war, ward dem Könige insinuiert, daß die Quarbitze auf Ilitz heimliche Anhänger der Dankelmanns seien – was sie auch in der Tat waren – daß die Exzellenz zwar der Wartenberg einen großen Dienst geleistet, aber nur zufällig. Denn eigentlich hatte sie sich in der Absicht an die Tür geschlichen, um das Gespräch des Königs mit ihr zu belauschen. Der König glaubte alles, was seine Favoritin ihm hinterbrachte, und die Exzellenz ward ebenfalls vom Hofe und in ihr einsames steinernes Haus verwiesen.«

»Da muß freilich die Feindschaft der Ilitzer und Quilitzer erst recht begonnen haben.«

»Nur um der Ueberzeugung zu weichen, daß für beide Teile dabei nichts herauskomme. Ich meine die Verständigen in den Familien. Man kam zum erstenmal auf den Gedanken, ob dieser ewige Zwist nicht durch eine Heirat kuriert werden könne? Die märkischen Adelsfamilien heiraten doch sonst so gern untereinander; warum war das hier nie versucht! Man versuchte es, wohlverstanden, es waren nur einige wenige im Spiel, und sie operierten heimlich; aber der Griff war nicht glücklich. In unserer Familie war ein rotbäckiges Gänschen, in der Ilitzer so ein – wir wollen ihn nicht gerade Puterich nennen, oder Stockfisch, aber ein gutmütiges Kerlchen, dem sich viel einreden ließ, also auch, daß unsere Amanda sterblich in ihn verliebt sei. Aber Argusaugen bewachten sie – hieß es, und diesmal war es eine Wahrheit. Sie sahen sich wohl auf Landbällen, auf den Märkten, aber ein Rendezvous hatte noch nicht stattgefunden, und Liebesbriefe hatten damals etwas Mißliches, – es war in den ersten Regierungsjahren des großen Königs – weil das Schreiben bei unsern Landfräuleins noch für eine saure Arbeit galt. Wie dem nun sei, eine Entführung ward verabredet. Natürlich von anderen, als der Amanda und dem Amandus; vielleicht hatte einer von Romeo und Julie gehört. Ob da schon Verrat im Spiele war, oder erst nachher hinzutrat, lasse ich ungesagt. Aber der böse Genius wachte, er lebte in der uralten polnischen Großmutter des Fräuleins. Der Dämon der Rachsucht gegen den Enkel ihrer längst verblichenen Feindin spie Feuer und Flamme in der Greisin. Keiner von Ilitz in ihr Haus! Sie hinderte nichts, aber ihre Intrige schmeckte etwas nach kindischem Alter.«

»Worin bestand sie?«

»Nur in einer kleinen Kopfwäsche, als Don Amandus auf der Leiter zur Amanda steigen sollte; benebst einigen anderen Unannehmlichkeiten von Hecken, Hunden und so weiter. Aber er hat keinen Schaden gelitten.«

»Und die Amanda?«

»Soll recht herzlich gelacht haben. Nicht aus Bosheit; es war ein gutes Kind, sie hätte sich auch gern entführen lassen, eins oder das andere, wie es befohlen ward.«

»Das war das Fatalste.«

»Doch nicht so fatal als das Gerede, und was nachher kam. Damals schon spukte der häßliche Vers:

Ihr von Ilitz, Ihr von Ilitz,
Solltet nimmermehr nach Quilitz!

Auch das schien in einem halben Jahrhundert verwunden, und die Familien näherten sich wieder, als es einem Witzbold, noch dazu einem Vetter unserer Familie, dem Referendarius Trütschler, einfiel, den Vorfall in eine spanische Romanze zu übersetzen. Er gehörte zu den romantischen Genies in Berlin, die an unsere Kiefern gar zu gern einen Zopf hängten. Diese märkische Iliade, wie einige sie nannten, ging in Abschrift von Hand zu Hand, bis kein Haus vom Havellande bis zum blauen Ländchen war, wo man sie nicht rezitierte und Zusätze machte.«

Der Hofmarschall versuchte aus der Erinnerung einige Verse zu wiederholen. Daß er sie ganz in der Nacht hergesagt, ist nicht anzunehmen, er teilte aber später dem Baron eine Abschrift der letzten Auflage mit, die so lautete:

               

  Ihr von Ilitz! Ihr von Ilitz!
Solltet nimmermehr nach Quilitz;
Denn es blühn für die von Ilitz
Glück und Rosen nicht in Quilitz.

    Das ist, was ein Edelmann
    Von der Liebe leiden kann!

  Holder Jüngling! sieh, dort glänzt er,
Sie, Dein Morgenstern, am Fenster.
Fürchte nicht der Nacht Gespenster,
Denn schon klirret leis das Fenster.

  Auf der Leiter – Sommerschwüle
Mondenglanz – Rauscht eine Mühle?
Klitsch und Klatsch! – wie träuft es kühle
Auf die heißesten Gefühle.

    Das ist, was ein Edelmann
    Von der Liebe leiden kann!

  Mond, Du guter, keuscher, blasser,
Lachst Du, auch ein Menschenhasser?
Liebe sprengt sonst Rosenwasser –
Warum gerade solches Wasser!

  Auf der Leiter stehst Du bückwärts –
Don Amandus, Du mußt rückwärts!
Kein Besinnen, rückwärts, rückwärts,
Läßt Du auch zurück ein Stück Herz!

  Triefend, blutig und geschunden,
Angebissen von den Hunden!
Hätte sie noch sie verbunden,
Doch sie lacht zu seinen Wunden.

    Das ist, was ein Edelmann
    Von der Liebe leiden kann!

  Weiße Hände kränken nimmer,
Aber als die Dummheit dümmer
Ist es, gokeln noch im Schimmer
Eines Lichts – dann wird's nur schlimmem

    Das ist, was ein Edelmann
    Von der Liebe leiden kann!

*           *
*
  Eher an der Mühle Flügeln
Fassen, eine Windsbraut zügeln
Kannst Du, als ob Tal und Hügeln
Folgen Famas Riesenflügeln.

  Wo verräterisch der grüne
Rasen zittert an dem Rhine,
Und der Torf im Land Belline
Wächst – von Potsdam bis Ruppine;

  Wo an Rathenows Gestaden
Schiffer rote Steine laden,
Und die wendischen Najaden
In des Spreewalds Schatten baden;

  Wo am Krug die Kärrner futtern,
Schwören bei Calvin und Luthern,
Muhmen gackern mit den Muttern
Und bei Königshorst sie buttern;

  Storkow, Beeskow, wo die Knute
Endlich wich dem deutschen Mute,
Und vom letzten Wendenblute
Rot ward Dahme, Notte, Nuthe;

  Von der Witteberger Sand-Au
Bis zu des Madüe-Sees Strand-Au,
Von der Zauche bis zur Randau,
Von der Ucker bis nach Spandau;

  Wo die Havel nählt zur Elbe,
Wo um Teltow reift die gelbe
Rübe, überall dieselbe
Mähr, – von Oder bis zur Elbe;

  Kyritz, Pyritz, Damlack, Lietzen,
Friesack, Wilsnack, Beelitz, Wrietzen,
Lüderitzen, Köckeritzen,
Kikebusch und Treuenbrietzen;

  Schievelbein und Hungerpoten,
Kalau, Meseritz – die Boten
Fliegen – Briefe – Höf' und Koten –
Ach, es hören' s auch die Toten!

    Das ist, was ein Edelmann
    Von der Liebe leiden kann!

*           *
*
  Die auf Sand und die im Torfe,
Sydows, Arnims, Mollendorfe,
Ziethen, Burgsdorf, Rochows, Korfe,
Holtzendorffs und Schlabrendorfe,

  Diese fanden's tragisch, lächer-
lich die andern. Stechows, Kröcher,
Rohr, Pful, Voß, Buch, Eckebrecher:
Blut, nicht Wasser ford're, Rächer!

  Alles so was muß man philo-
sophisch ansehn, das Gefühl o
Täuscht uns oft! meint Bülow, Fülow,
Thilo, Tippelskirch und Ihlow.

  Quitzows, Klützows, Quaste, Kleiste,
Piephahn, Schulenburgs und Beuste:
Darum nur nicht aus der Leiste,
Bald veraltet auch das Neuste.

  So etwas von solchem Mädel!
Lieber spalten doch den Schädel,
Als solch Wasser auf den Schädel!
Rief ein Fahnenjunker Wedel.

  Muß wie Mine! Drum zu Felde!
I warum nicht! So die Helde,
Jenas, Jagows, Herterfelde,
Hagen, Kaphengst, Winterfelde.

  Als die Bismarck es vernommen,
Kreideweiß und brustbeklommen,
Hat man nur ein Wort vernommen:
Mußte so was auch noch kommen!

  Heute meine, morgen deine,
Sagten Bergs und Finkensteine;
Kehre jeder doch alleine
Vor der Tür! die Bibersteine.

  Alvens-, Erx- und Bardeleben
Meinten, was man ändern eben
Nicht kann, müsse man im Leben
Nehmen, wie es mal gegeben.

*           *
*
  Durch die Dinge, die da dauern
Und vergehen, schlich ein Schauern;
Schäfer nahmen's wahr und Bauern
Der Natur elegisch Trauern.

  Grüneberg senkt seine Reben,
Pyritz' Weizenäcker beben,
Kein Aroma will daneben
Mehr Bierradens Tabak geben.

  In Wisotzkys heitern Räumen
Will das Weißbier nicht mehr schäumen;
Kibitze – als wie in Träumen –
Legten Ei'r – von hohen Bäumen.

  Hart gesotten fand man diese
Bei Paretz auf einer Wiese;
Saure Gurken wurden süße
In Kaput und Güstebiese.

  Alle Fürsicht ward zu Schanden,
Als sie die in Spandau, Branden-
burg und Straußberg in den Banden
Ueber Nacht gebessert fanden!

  Keiner, obschon auf die Pforten
Standen, bricht mehr aus von dorten;
Als wär' man in Himmelpforten,
Hört man nichts als Bußakkorden.

*           *
*
  Stumm sind Fische, aber wähne
Nicht, daß Aal, Blei und Maräne
Nicht empfinden! Von Lippehne
Weinen sie bis nach Filehne.

  Auf dem Schwielow sangen Schwäne
Schwanenlieder. Und Spreekähne
Hörten Mondnachts-Klagetöne
Von des Müggelsees Sirene –

  Krebse, rot im Wasser, tauschen
Zornerfüllt die Farbe; lauschen
Sieht man fromme Zander, rauschen
Angstvoll Kaulbars und Karauschen.

  Karpfen reiben ab die Schuppe –
Schwimmen sah man eine Truppe
So zur stillen Dörfergruppe
Hundeluft und Wassersuppe.

  Stinten sagt man nach: sie lästern,
Weil sie stinken. Quirlen gestern
Sah ich stumm vor Scham die Schwestern
Tief im Bach. Heißt Schweigen lästern?

  Und ein Judenmädchen harten
Neben Landsberg an der Warthen
Kriegt von einem blond gehaarten
Christ ein Kind mit schwarzen Barten.

  Solche Irrungen erfuhren
Immer dann nur die Naturen,
Wann der Weltgeist neue Spuren
Aufschließt seinen Kreaturen.

  Darum, darum, Ihr von Ilitz,
Solltet nimmermehr nach Quilitz,
Darum wahrt Euch, Ihr von Ilitz,
Vor der Spur, die führt nach Quilitz.

    Das ist, wie 'nem Edelmann
    Lieb' zu Leide wandeln kann.

»Charmant!« sagte der Baron.

»Der Major in Ilitz fand es nicht charmant. Er hatte ein ernstes Zwiegespräch mit seinem Vetter, und dieser ward davon so überzeugt, daß Prosa für uns nötiger ist als Poesie, daß er nie mehr einen Vers gemacht, auch keinen mehr gelesen haben soll, ja überhaupt kein ander Buch mehr als das Allgemeine Landrecht.«

Der Baron hatte darüber nicht bemerkt, daß der Wagen langsamer ging, weil der Kutscher seine ganze Aufmerksamkeit nach einem Punkte links gerichtet. Jetzt zeigte er mit der Peitsche hin:

»'s ist richtig, da haben sie wieder die Räucherkerze angesteckt.«

Am oberen Himmel rötete sich eine Stelle. Es war nur der Widerschein von etwas, was hinter dem düsteren Dunstgewölk am Horizont dem Auge noch verborgen war. Das Gespräch war verstummt, aller Blicke dahin gerichtet, als ein roter Feuerstrahl, kerzengerade in die Lüfte steigend, den Dunst durchbrach und bald die dunklen Regenwolken mit Purpurschein übergoß. Eine rote Flammensäule spiegelte sich auf den schneebesäeten nächtlichen Feldern.

»Feuer!« – »Eine fürchterliche Feuersbrunst!« – »Wo?« – »Wo?«

Die im Wagen konnten sich nicht mehr orientieren. Der Kutscher blieb noch stumm auf ihre Fragen; er mußte selbst in der lichtlosen und objektlosen Gegend sich zurechtfinden. Es konnte eines der Güter des Hofmarschalls sein. »Ja, 's ist Dames Mühle,« sagte endlich Lamprecht; der Gutsbesitzer atmete etwas auf. – »Schnell, links Kehrt! dahin!« rief der Baron.

Lamprecht schüttelte den Kopf. »Da geht kein Fahrweg hin.«

»So forcieren wir einen.«

»Um Rad und Gestränge zu brechen! Zu retten ist auch nichts. Eh' wir da sind, ist sie bis auf den Grund 'runter.« –

»So, Himmel und Hölle!« rief der Baron, »mir schwant so was, wenn's angesteckt wäre – Mordbrenner!« – »Na, selbst wird er's nicht angesteckt haben, der Müller; er ist nicht versichert.«

Neues Schweigen, jeder schien zu horchen. Es war totenstill, kein Wind ging. Da plötzlich schlug ein Feuerwirbel prasselnd in den Himmel, eine entsetzliche Helle verbreitete sich; nach einigen Minuten krachte und dröhnte es durch die Luft. »Die ist eingestürzt.«

Der Hofmarschall hatte nach rechts auf ein anderes Gerausch gehört. Es klang wie Waffen, Pferdegetrappel, verworrene Stimmen.

»Fort, Kerl, Lamprecht, was die Pferde können, peitsche, peitsche, fort!«

Aber der Kutscher peitschte nicht; er hatte auch nach derselben Seite gelauscht. »Die sind's nicht, das sind unsere – das sind Querbelitzer, die kommen – zum Löschen.«

Der Wagen war bald umzingelt von Reitern und Fußgängern, die meisten bewaffnet, wie es war; des Schulzen Söhne darunter.

»Hätten wir den gnädigen Herrn beinahe auch für solch französisches Affenmaul gehalten.«

»Kerle – Kinder, was wollt Ihr?«

»Dames Mühle brennt ja – es sind französische – eine Bade. – Aber wir wollen sie schon kriegen, die Mordbrenner; andere sind links rum, die fangen wir ein!«

»Um Gottes willen, was tut Ihr!« rief der Edelmann und noch mehr Worte, von denen die Querbelitzer aber nichts mehr hörten.

»Adieu, Herr von Quarbitz!« Damit war der Baron, die Büchse ergreifend, mit einem Satz aus dem Wagen. »Behalten Sie mein Pferd im Stall, ich laß es morgens holen.«

Der Hofmarschall sah ihn über den Schnee den anderen nachspringend. Er schauderte, es war ihm nicht recht, allein im Wagen nach Querbelitz fahren zu müssen.

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