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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Umflorten Auges las Irene eine Stelle am Schlusse des letzten Briefes ihres Mannes:

»Was vergangen, kehrt nicht wieder, Aber ging es leuchtend nieder – Leuchtet's lange noch zurück!«

Wie seltsam wehmütig diese Worte klangen. Er bezog sie vielleicht auf die prähistorischen Zeitepochen seiner Forschungen, die der Wissenschaft noch heute als Leitstern dienten? Worte waren es, die weit, weit über das Meer zu ihr hingeflogen kamen.

Allein immer, wenn sie sich aufs neue darin vertiefte, weckten sie einen Sturm peinigender Empfindungen in ihrer Brust.

Jetzt sah sie, ein Päckchen Briefe im Schoß, auf dem von wildem Wein und rot blühenden Geranien umrankten Balkon des eigenen Heims in Berlin.

Der köstliche Juliabend, die neunte Stunde hatte bereits geschlagen, verlockte zu längerem Aufenthalt im Freien.

Und heute war Ires Stimmung so merkwürdig gedrückt, innere Angst und Unruhe quälten ihr Herz schon seit vielen Stunden.

Sie war ausgegangen, sogar bis Unter die Linden, um sich etwas zu zerstreuen, doch überall begegneten ihr aufgeregte und lebhaft debattierende Menschen, überall hörte sie nur die nämlichen, ominösen, schrecklichen Rufe:

»Krieg! Krieg!«

Onkel Gotthard hatte ja auch schon von einer möglicherweise hereinbrechenden Katastrophe geschrieben, die Nichte jedoch ebenso wieder zu besänftigen versucht.

Im Jahre 1912 hätte es gleichfalls drohend in der Welt ausgesehen, doch wäre alles wieder still und glatt im Sande verlaufen.

Und doch schien Irene ihre Einsamkeit noch nie so schmerzlich empfunden zu haben wie heute abend.

Allein! Allgütiger Gott – warum allein? –

Weil sie in Trotz und Eifersucht nicht ein einziges Mal geschrieben hatte:

»Job Christoph, komm zurück zu mir! Ich sehne mich nach Dir – kann das Leben ohne Dich nicht mehr ertragen!«

Leidenschaftlich preßte Irene das Päckchen Briefe an die Brust und flüsterte schluchzend:

»Was vergangen, kehrt nicht wieder!«

Wie kam Job Christoph nur darauf, solch hoffnungslose Worte zu schreiben?

Baute er denn gar nicht mehr auf die Liebe seiner Frau? –

Aber der Krieg – der drohende Krieg – welcher glück- und friedenstörend in alle Ehen eingreifen würde! –

Doch zugleich atmete Irene befriedigt und erleichtert auf und suchte eilig einen zweiten der vielen Briefe heraus. Sie las:

»Liebe Ire!

Heute muß ich etwas bekennen, was ich Dir seit Wochen verschwieg, und baue zugleich auf Deine Verzeihung. Der Unfall, von dem ich Dir mehrere Male oberflächlich schrieb, hatte sich leider als wesentlich ernster herausgestellt.

Um Dich nicht unnötig besorgt zu machen, sprach ich bloß von einer fatalen, höchst schmerzlichen Verstauchung meines rechten Beines. Allein heute, wo durch Gottes Gnade die Gefahr, ein Glied zu verlieren, behoben ist, muß ich Dir doch endlich die Wahrheit gestehen.

Herabfallende große Steinmassen hatten meine Kniescheibe derartig zerschmettert, daß bei heftigem Wundfieber eine Blutvergiftung eintrat.

Ich habe ziemlich viel ausstehen müssen, kann aber heute, nachdem ich bei vorzüglicher ärztlicher Behandlung fast sieben Wochen im festen Verbände gelegen, wieder leidlich marschieren.

Du würdest einen Invaliden wiedersehen, liebe Ire! Das Bein bleibt leider steif!

Diese peinliche Eröffnung machte mir gestern unser vortrefflicher Arzt, ein humorvoller, guter Deutscher, der tröstend sagte:

›Ein Streiter fürs Vaterland – falls wir einmal Krieg bekommen – ist an Ihnen verlorengegangen, Professor von der Thann! Seien Sie dankbar, daß der Kopf heil und gesund geblieben ist; damit können Sie noch viel leisten!‹«

Das Schreiben war Irene wieder in den Schoß gefallen, und sinnend sah sie vor sich hin.

»Du würdest einen Invaliden wiedersehen!«

Würdest! Welch mit zagender Überlegung gesprochenes Wort!

O, Job Christoph – wie kennst du deine Ire doch noch schlecht.

Sie grübelte und sann:

Wiedersehen! – – Heiße Sehnsucht erfaßte ihr Herz.

Aber wo und wann? Jetzt, in einer Zeit furchtbarster Aufregungen und Unruhen, durfte – konnte er reisen?

Oder gar sie selbst?

Also ausharren! Wieder einsam bleiben! Diese Hilflosigkeit und Verlassenheit war qualvoll.

Ja, Onkel Gotthard mußte kommen, bald kommen und raten.

Und Irenes irrende Gedanken flogen hin zum lieben, stillen Hause an der Breslauer Kathedrale.

Seit Weihnachten schlummerte Tante Gismonde ja schon unter grünem Rasen.

Sanft und schmerzlos war schließlich der alten Dame Ende gewesen, nachdem sie vorher bei vollem Bewußtsein der früher oft gescholtenen und bemäkelten Nichte für die aufopfernde Pflege gedankt und sie zur Erbin ihres Vermögens eingesetzt hatte. Alle von ihr geäußerten seltsamen kleinen Wünsche und Bestimmungen sollte sie jedoch pünktlich und gewissenhaft erfüllen.

»Gute, schlichte Tante G....!« flüsterte Irene nun bewegt. »Von meinem bitteren Herzeleid hast du, gottlob, nie erfahren. Du würdest Job Christoph wohl kaum jemals vergeben haben!«

Ach ja – vergeben, verzeihen! Das war natürlich schön und segensreich! Erst die eigenen Fehler in seinem Innern suchen, und dann – –

Helles, schrilles Läuten an der Wohnungstür ließ die Sinnende erschreckt emporfahren.

Besuch? Halb zehn Uhr! Dazu war es zu spät. Der Briefbote? Nein. Vielleicht ein Telegramm? O Gott – von Job Christoph!

Im selben Augenblick trat die Dienerin mit einer Karte ein.

Ob der Herr die gnädige Frau nur für wenige Minuten sprechen dürfe?

Leicht erblaßt, nahm Irene das Blättchen zur Hand und las:

»Stephan Graf Sumiersky.«

Blitzschnell tauchten auch peinigende Erinnerungen, die mit jenem Manne verquickt waren, vor ihrem Geiste auf, und eine düstere Falte legte sich über Ires Stirn.

»Ich lasse bitten!« sagte sie nur kurz. Da trat der Gemeldete bereits vor sie hin. Das hübsche, ausdrucksvolle Gesicht mit den klar blickenden Augen war tief gerötet, und halb verlegen, doch in sichtbarer Erregung stammelte er:

»Bitte – bitte – gnädige Frau – verzeihen Sie nur, daß ich hier – zu solch ungebührlicher Zeit, so formlos eindringe – allein ich durfte nicht zögern – es liegen triftige Gründe vor – die« ... er stockte.

»Mein Gott – bringen Sie Nachricht von meinem Manne? Ist ihm – etwas geschehen? – Nur reden Sie schnell!«

Stephan, der die ihm gereichte Hand voll Ehrerbietung an die Lippen gezogen, fühlte, daß die kleinen Finger zitterten.

»Nein, nein, ohne Sorge! Doch gerade des Herrn Professors wegen komme ich. Er muß sofort zurück, mit dem nächsten Schiff womöglich! Binnen wenigen Tagen – wir schreiben heute den 31. Juli – erfolgt Österreichs und unsere Kriegserklärung an Rußland, dessen Truppen bereits an unserer Grenze stehen. Das ist positiv, gnädige Frau. Ein Verwandter meiner Familie, der im Auswärtigen Amt arbeitet, sagte mir vor einer halben Stunde, daß die Katastrophe, trotz möglichster Versuche des Kaisers, das Vaterland vor dieser Kriegsgeißel zu bewahren, unabwendbar sei. Ein rollender Stein ist nicht mehr aufzuhalten, und wenn erst der Funke ins Pulverfaß fällt, dann ...«

Mit gefalteten Händen stand Ire vor dem Gaste.

»Und was – soll ich tun?« fragte sie angstvoll wie ein Kind.

»Kabeln Sie sofort nach Kairo an Ihren Herrn Gemahl: ›Rückkehr dringend erwünscht. Näheres brieflich, Hamburg postlagernd.‹ Dies wäre der einzige Weg, ihn vor Absperrungsgefahr zu bewahren. Den tatsächlichen Grund Ihrer Besorgnis wird Herr von der Thann wohl bald selbst erfahren und Ihnen sehr dankbar sein, meine gnädige Frau.«

«Mir?«

Mit voll Tränen schwimmenden Augen sah sie Stephan ins Gesicht.

Dieser Gang hierher war ihm durchaus nicht leicht geworden. Wie kam er, der Unberufene, Fremde, eigentlich dazu, sich in die privaten Angelegenheiten gerade jener Frau einzumischen, dafür Sorge zu tragen, daß ihr Gatte noch vor Kriegsausbruch in Sicherheit gebracht werden sollte?

Ja, warum?

Das quälende Rechtsempfinden hatte ihn dazu angetrieben, hier etwas zu sühnen, was eine andere an einem jungen, vertrauenden Wesen gesündigt, was diese um Haaresbreite Irene von der Thann entrissen hätte.

An sich selbst hatte Stephan Sumiersky nicht gedacht, nicht, daß jede Minute köstlich sei, welche ihm vergönnt sein würde, Irene von der Thann gegenüberzustehen, sich in den holden Ausdruck ihrer Züge zu vertiefen, zu sehen und zu beobachten, wie sein Beistand, sein Rat, sie beglückte.

Jetzt aber, als er nochmals die weiche Hand in der seinen fühlte, das Zucken des süßen Mundes, das dankbare Aufleuchten der blauen Augen gewahrte, da kam es wie ein Fieberrausch über ihn, und er mußte an sich halten, das beseligende Glücksempfinden nicht zu verraten.

Sie würde nun bald nicht mehr einsam hier in dieser reizenden, den reichen Kunstsinn der Bewohner kennzeichnenden Behausung sein, über welcher nun etwas Totes, Seelenloses ausgebreitet lag, über all den vielen gesammelten Schätzen, die des Gatten Hand aufgehäuft hatte.

Lächeln, nur lächeln und fröhlich sein sollte Irene von der Thann wieder, wie damals, als er sie in München kennengelernt hatte. –

Gleichsam neu belebt war Irene zum Schreibtisch geeilt, und schon flog die Feder über das Papier.

»Dringend – gnädige Frau! Haben Sie auch nicht vergessen, dieses Wort hinzuzufügen? Ich selbst werde das Telegramm besorgen.«

Sie nickte, ohne aufzusehen.

Doch plötzlich stutzten beide. Abermaliges Läuten der Glocke.

»Eine – Depesche – gnädige Frau!« Hastig kam die Zofe ins Zimmer gestürzt, und während ihre Augen voll Spannung und Neugier funkelten, übergab sie der Gebieterin das leicht zusammengefaltete Papier.

Ohne des Mädchens Anwesenheit zu beachten, las Irene laut:

»Bin vor einer Stunde gesund und glücklich in Cuxhaven gelandet. Erbitte Antwort nach Grand- Hotel Hamburg.

Job Christoph.«

Mit einem Jubelrufe war Irene wieder auf ihren Platz zurückgesunken.

Alle Angst, alle Sorge schien für einen Augenblick vergessen, in der tief empfundenen Seligkeit und Freude aber auch der nun beiseite stehende Gast, der ja nur hierhergeeilt war, um zu helfen.

Als die Dienerin das Zimmer verlassen, trat Irene rasch auf Stephan zu und reichte ihm voll Rührung beide Hände.

»Ich werde diesen uns geleisteten Freundschaftsdienst niemals vergessen, Graf Sumiersky, und ich freue mich doppelt, daß gerade Sie Zeuge einer so beglückenden Kunde sein durften.«

»Die Erinnerung daran wird auch mir stets lieb und wert bleiben,« gab er eigentümlich tonlos und gepreßt zurück.

Wie das Aufdämmern einer Ahnung flog es durch den Geist der jungen Frau, und plötzlich dünkte es ihr, als hätte sie einen tiefen Einblick tun können in eine große, wundervolle Menschenseele, die das eigene Ich so himmelweit zurückstellt um anderer willen.

Zu der noch immer geöffneten Balkontür scholl jetzt in ununterbrochener Eintönigkeit der laute Ruf herauf:

»Ein Extrablatt! Ein Extrablatt!«

Bange Schauer rieselten durch Ires schlanke Glieder, und zagend fragte sie:

»Und das – das bedeutet?«

»Der Ruf zur Fahne, gnädige Frau. Die Würfel sind gefallen! Hören Sie das Stimmengebraus von der Straße herauf?«

Beide lauschten erregt.

»Und Sie selbst, Graf Sumiersky?«

»Ich folge ihm so gern, diesem Ruf! Mit Leib und Seele – für Kaiser – Vaterland!«

* * *

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