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Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
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Es war nahe an Mitternacht. Der Balkon des von den Herlingens bewohnten Salons im Hotel Bristol stand noch weit offen und ließ die erfrischende Nachtkühle in den durch die Tageshitze erstickend schwülen Raum wohltätig eindringen.

Nur eine einzige elektrische Flamme brannte hoch oben an der Decke.

Raineria hatte alles übrige Licht ausgeschaltet, und so saß sie, nachdem ihr Mahl im Speisesaale beendet war, den Kopf sichtlich abgespannt an die Sessellehne gedrückt, schon seit geraumer Zeit und wartete auf ihren Mann.

Zuweilen ging ein leises Frösteln durch die schlanken Glieder; war es nervöse Reizbarkeit, Ermüdung? Aber trotzdem wartete sie.

Warum nur?

Hatte sie denn heute abend oder vielmehr diese Nacht noch etwas so Wichtiges mit ihm zu besprechen? Nein. Keineswegs. Ihre Ansicht und Meinung in jener trostlos verworrenen Geschäftssache war ja von keinem erbeten worden; vielleicht darum, weil sie sich von Anfang an gleichgültig und interesselos dafür gezeigt. Mochte doch Vinzenz nun die Suppe auslöffeln, die er sich in seiner Torheit und Spekulationswut eingebrockt hatte. – Um Millionen sollte es sich handeln! Pah! Was bedeutete ihr das elende Geld? – Sie hatte es ausgegeben, weil es eben dagewesen. Nun gut, dann würde man in Zukunft einfacher werden müssen, keine großen Reisen mehr machen, keine kostbaren Schmuckstücke, keine Pariser Toiletten mehr kaufen! Ach, das war ja jetzt alles so einerlei! Glück hing wahrlich nicht am ekelhaften Mammon! – Glück! –

Raineria starrte mit ihren großen, seit kurzem oft so leeren Augen hinunter nach dem ungeachtet der späten Stunde noch regen Leben Unter den Linden.

Autos und Equipagen sausten vorüber, Trupps fröhlicher Menschen zogen, aus Cafes und Theatern kommend, heimwärts.

Und sie selbst war so einsam – grenzenlos einsam, weil sie das Glück nicht zu halten verstanden hatte; einer schillernden Seifenblase gleich war es vor ihren sehnsüchtigen Blicken immer wieder zerplatzt.

Vorüber! Die Träume – der kurze Rausch!

Pah! Auch das war einerlei! –

Etwas aber regte sich noch immer mächtig in Rainerias Brust, das war der Stolz, der verletzte Stolz.

O, sie hatte es heute abends dort unten im Speisesaale, wohl bemerkt, wie die Leute sie neugierig, halb mitleidig, betrachtet hatten. War doch das Herlingensche Mißgeschick vielleicht schon Stadtgespräch in Berlin. Gerade darum wollte sie keine Schwäche zeigen, und darum auch wühlte und arbeitete eine heimliche Angst in ihrem Innern.

Kannte sie doch nur zu genau den Hochmut und Ehrgeiz ihres Mannes, der sicherlich nun Folterqualen leiden mußte.

Herabgestürzt aus schwindelnder Höhe, alle Pläne und Entwürfe vernichtet! Was blieb nach jämmerlicher Ernüchterung? Eine Zukunft, deren Bilder nur graue Alltäglichkeiten zeigten. Das schien für Vinzenz bitter und hart. –

Am Nachmittag war er plötzlich wie ein Rasender zu ihr ins Zimmer gestürmt mit den rauh und heiser ausgestoßenen Worten:

»Eisenstein und die ganze Rotte – von Halunken haben mich – mich zahlen und immer wieder zahlen lassen und sich schlau den Rücken gedeckt. Nichts ist für mich mehr zu retten, sagt mein Anwalt, und die anderen zucken nur die Achseln: schlechte Zeiten, ungünstige Konjunkturen. Niemand kauft jetzt Holz! Warum? Das weiß der Teufel. Man ist halt zu nobel, ein Edelmann, hat auf Reellität gebaut – und nun...«

Stöhnend war der Aufgeregte in einen Stuhl gesunken.

Und Raineria hatte dabeigestanden, wortarm, ohne Entgegnung, ohne Trost.

Hatte dieser Mann ihr denn immer so wenig gegolten, daß nicht ein Funke von Mitleid noch Teilnahme für ihn sich in ihr regte, oder wollte sie nicht zeigen, daß dennoch eine innere Ergriffenheit sich ihrer bemächtigt hatte?

Dann war Vinzenz wieder ebenso wild und hastig davongestürzt. –

Seltsam, je näher der Abend und schließlich die Nacht heraufzog, desto beklommener wurde es Raineria ums Herz.

Wo war Vinzenz geblieben? –

In seiner verzweifelten Stimmung schien es ausgeschlossen, daß er Bekannte aufgesucht und diese langen Stunden mit ihnen verbringen konnte.

Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Oder – – –

Raineria schauderte.

Nein, nein, nur das nicht! Mit Aufgebot all ihrer Geisteskräfte wehrte sie solch furchtbare Vorstellungen von sich ab.

O gewiß, er mußte ja bald kommen, und da würde sie ihn freundlich und teilnehmend begrüßen, ihm Mut zusprechen. Man besaß ja noch reichlich genug zu einer anständigen Existenz. Das beruhigte ihn sicher.

Sie liebte diesen Mann allerdings nicht, hatte nie wärmer für ihn empfunden, aber warum sollte sie nun in ihrem einsamen Dasein nicht wenigstens versuchen, ihm zu Gefallen zu leben? Lag darin nicht eine befriedigende Aufgabe, gleichwohl sie Opfer erheischte? – –

Raineria brach plötzlich in Tränen aus; ihre Nerven schienen jegliche Spannkraft zu verlieren.

O, früher war Stephan ihr Lebenszweck gewesen. Nichts in der weiten, großen Welt hatte ihr mehr am Herzen gelegen als der Bruder und sein Wohl.

Diese lieben, treuen Augen mit dem offenen, warmen Blick! Nie hatte sie sich seit Monaten nach diesen Augen gesehnt, in denen ja das Einzige, Beste, Wahrste für sie lag – das Glück! – –

Allein schnell trocknete Raineria die nassen Wangen und horchte wieder angstvoll nach der Tür.

Alles blieb totenstill.

Die Jungfer war längst zu Bett geschickt worden; aber obgleich die Ermattung sie selbst fast zu übermannen drohte, so wollte sie dennoch warten, und sollte es bis zum Morgen sein.

Endlich mußte er doch wohl kommen!

So saß sie, den Kopf mit den goldenen Haaren vornübergeneigt, und dämmerte leicht vor sich hin.

Da – – –! Ein jäher Schreck durchfuhr die regungslose Gestalt.

Die Türklinke hatte sich leise bewegt – da stand Vinzenz auch schon inmitten des Zimmers und stierte sie mit glanzlos verschwommenen Augen an.

Er sah um Jahre gealtert aus; das dünne, lichtblonde Haar klebte ihm an Stirn und Schläfen, und eine fast bläuliche Nöte färbte das schweißperlende Gesicht.

»Du – du, Ary – noch wach? Was ist denn los? Hattest du Gäste?« fragte er, mühsam nach Atem ringend, und trat bis an ihren Sitz heran.

Man gewahrte deutlich, daß Zeichen von Befriedigung um seine Lippen spielten.

»Keine Rede! Ich war nur in Sorge darüber, daß du so lange bliebst, Vinzenz, und wollte deine Rückkehr erwarten,« entgegnete sie ruhig und erhob sich schnell.

»So –!« Ein paarmal nickte er sinnend und fuhr hastig fort:

»Nun – allerdings, es ist spät geworden. Ich war nämlich bei – Leutenburg, Fürst Leutenburg – drüben in seiner Villa in Potsdam. Du weißt, Ary, wir sind immer dicke Freunde gewesen und alte Regimentskameraden. Da bat ich ihn, mir doch ein bissel aus der Patsche zu helfen. In seiner glänzenden Lage – ein Kinderspiel. Seine Name ist bar Geld – und abgezahlt wird ja mal alles – nach und nach – weißt du, Ary!«

Sie sah ihn müde und beklommen an und fragte kurz:

»Nun?«

»Abgeblitzt! Der Kerl war bis an die Krawatte zugeknöpft. Hundert lahme Entschuldigungen, tausend schöne Redensarten. Pah! Ich pfeife auf Freundschaft!«

Herlingen schüttelte sich wie im Fieber, dann sagte er seufzend:

»Ich hatte solchen Schwindel im Kopfe, daß ich den Weg vom Bahnhof hierher zu Fuß gelaufen bin, um mich etwas zu erholen und auf andere Gedanken zu kommen. Jetzt bin ich aber tüchtig kaputt.«

»Setze dich nur, Vinzenz.«

Raineria schob ihm einen Sessel hin.

Wieder sah er sie verwundert an, worauf, merkbar gepreßt und unsicher, eine Frage über seine Lippen kam:

»Ja – was denkst du denn eigentlich, Ary – was nun – geschehen soll, mit – mir?«

»Du meinst: mit uns,« verbesserte sie ihn schnell, indem ein bitteres, doch mattes Lächeln ihren schön geschwungenen Mund umkräuselte. »Es reicht schon zum Leben. Vinzenz – übergenug.«

»Nein, nein – Ary, kaum für dich allein, du bist so verwöhnt!«

»Meinst du etwa – von Strelnow her?« Nun wurde das Lächeln stärker. Aber in ihrem Innern klang es immer nur wie Worte der Erlösung:

»Gottlob, daß er da ist! Daß er sich kein Leid angetan! Daß die Schande mir erspart geblieben!«

Geldangelegenheiten schienen zur Stunde ja völlig Nebensache.

»Siehst du, Ary, jetzt rächt es sich – bitter – ich bin so grenzenlos unpraktisch – bin nie ein guter Finanzier gewesen.«

»Das lernt sich schon. Wie lange kann denn die Sequestration der Güter dauern?«

»Zehn Jahre – ganz bestimmt,« gab er kleinlaut zurück.

»Gut. Dann wollen wir beide nach Wolfsberg gehen und recht sparsam sein. Ich helfe dir bei allem, Vinzenz, und freue mich schon auf die Tätigkeit.«

Immer verwunderter schaute er in das schöne Gesicht. Ein ganz anderer Ausdruck lag darin. Festigkeit und Energie leuchteten ihm daraus entgegen.

Allein der ermüdete Mann vermochte wohl die ganze Sachlage jetzt nicht weiter zu bedenken. Wie innerlich erleichtert, seufzte er nur ein paarmal tief auf und küßte in ehrfurchtsvoller, ritterlicher Weise seiner Frau die Hand.

Mit leise geflüstertem »Gute Nacht« verließ Herlingen den Salon. – –

Bis zum Morgengrauen lag Raineria noch wach im Bett.

Tausend und aber tausend Gedanken wälzten sich durch ihr fieberhaft arbeitendes Hirn.

O, es war ja so lange, lange her, daß sie gebetet und Gott um Beistand angefleht hatte.

Jetzt aber faltete die von Angst und Sorgen mürbe gewordene Frau in stummer Bitte die Hände:

»O Herr, gib mir Stephan wieder und laß ihn doch erkennen, daß ich den redlichen Willen habe – gut und treu zu sein!«

* * *

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