Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
Schließen

Navigation:

Einige Tage später schlenderten Irene und Job Christoph durch die Säle des Münchener Glaspalastes, hier ein im Katalog besonders angemerktes Bild betrachtend, dort sachverständige Kritik übend oder tadelnd.

Onkel Kanonikus, der mit dem jungen Paare hierher gefahren war, ging, wie er scherzend und fein lächelnd geäußert, immer gern seine eigenen Wege, um nicht Unterhaltung führen zu brauchen und besser studieren zu können. Voll innerer Befriedigung hatte er indes das Nichtchen von weitem beobachtet. Wie strahlend und hübsch Irene heute aussah, und auch der Job schien offenbar sehr vergnügt über das Wiedersehen mit dem allerliebsten Frauchen. Da mußte man die Kinder nicht stören.

Es war ein wundervoller Augustmorgen. Durch die hohen Glasscheiben strömte lauteres Sonnengold herein und malte oft ganz köstliche, warme Tinten auf die reichhaltig vertretenen Porträts.

»Ich möchte einmal ein Bild von dir haben, Ire. Es liegt jetzt gerade ein besonderer Zauber, halb Melancholie, halb abgeklärte Ruhe, in deinem Gesicht, was dich vortrefflich kleidet,« sagte Job Christoph, plötzlich stehenbleibend, und zog der Gattin Arm etwas fester an sich.

Sie lachte fröhlich.

»Du meinst, ich habe das Hausbackene verloren! Dein Verdienst, Job Christoph! Ja, wenn der Geist geweckt wird, der noch schlummernden Seele, die einst nur ein Traumdasein geführt, sich neue Eindrücke, eine andere, idealistischere Weltanschauung erschließt, dann teilt sich das wohl auch dem äußeren Menschen mit.«

Das letzte hatte sie wieder ernst gesprochen. Prüfend sah er Irene von der Seite an und sagte warm:

»Ich mache mir oft Vorwürfe, dich soviel allein zu lassen. Fühlst du dich in solchen Zeiten auch nicht gar zu einsam? Bist du wirklich glücklich, Ire?«

»Wie du nur fragen kannst, Job Christoph! Ist das Wiedersehen nicht wunderschön?« versetzte die junge Frau merkbar befangen und ausweichend.

»Nun, zunächst bleibe ich ja bis über Weihnachten bei dir in Berlin, und das soll eine gemütliche Zeit für uns werden.«

Beglückt schaute sie zu ihm empor, und er dachte wieder: Was hat Ire doch für herrliche Augen! Der kindliche Ausdruck, der ihn einst, in seinen Jünglingsjahren, so entzückt, war nicht daraus gewichen. Über der emailblauen Farbe glänzte aber jetzt noch ein besonderer Schein, als ob dahinter etwas Geheimnisvolles, Unergründliches verborgen läge.

»Ja, Ire, ich werde dich bestimmt malen lassen. Hast du eine Ahnung, welcher Künstler hier in München für Damenbildnisse am geeignetsten wäre? Diese Bilder gefallen mir alle nicht, weil...«

Im Weiterschreiten stockte er plötzlich und sah überrascht zu einem dicht vor ihnen stehenden und artig grüßenden jungen Manne auf.

Blitzschnell trat auch das Erkennen in Job Christophs Seele.

Der Fremde lächelte.

»Ja, ja, es stimmt, Herr Professor. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner. Ich bin Stephan Sumiersky, und Ihrer Frau Gemahlin zu begegnen hatte ich bereits das Vergnügen im D-Zuge von Berlin– München. Bitte, wollen Sie mich vorstellen.«

Irene lächelte ebenfalls und sagte, ihm die Hand reichend, freundlich: »Also ein Bekannter meines Mannes, Sie waren damals sehr liebenswürdig. Auf Reisen ist man Höflichkeit kaum mehr gewöhnt.«

Des Grafen Blicke flogen bewundernd über das leicht errötete Gesichtchen hin; dann wandte er sich verbindlich dem Gatten zu.

»Ich habe oft von Ihnen und über Sie gelesen, Herr Professor, und mich noch gern unseres Zusammenseins in Strelnow erinnert. Nun freue ich mich wirklich über diese zufällige Begegnung.«

Warum schwieg Job Christoph jetzt? Warum sagte er denn nicht ebenfalls ein verbindliches Wort? Ungeduldig, fragend streiften Ires Augen des Gatten sichtlich bleich gewordenes Antlitz. Die Brauen finster über der Stirn zusammengezogen, wie er das stets tat, wenn eine Sache ihn innerlich erregte, stierte er zu Boden.

Allein in seiner unbefangenen, offenen Weise fuhr Stephan Sumiersky fort: »Wissen Sie, Herr Professor, daß wir bereits Einladungen erhalten haben für den morgigen Vortrag im Ministerpalais. Wir alle wissen auch, dah Sie denselben halten werden, um den plötzlich erkrankten Professor Ramberg zu vertreten. Es ist allgemeine Freude darüber.«

Nun hob der Angeredete den Kopf und erwiderte etwas gezwungen höflich, doch mit leichtem Anflug von Ironie: »Ich bin gleichsam dazu genötigt worden. Exzellenz von Z... war indes persönlich bei mir, und ich vermochte ihm keine abschlägige Antwort zu geben. Ich fürchte, man wird enttäuscht sein.«

Stephan Sumiersky schüttelte vielsagend den Kopf und wandte sich wieder der Dame zu: »Kannten Sie München, gnädige Frau?«

»Nein, aber ich finde es viel behaglicher als Berlin. Kunstsinn und Geschmack wehen hier förmlich in der Luft. Ich muß sagen, man lernt mit anderen Augen sehen!«

Langsam schritten sie weiter und traten gemeinsam in den nächsten Saal.

Job Christophs Züge hatten jetzt wieder die gleichmäßige Ruhe angenommen, und er fragte etwas höflicher interessiert: »Sie sind noch in München, Herr Graf?«

»O nein, längst nicht mehr. In Potsdam an der Regierung ist mein bescheidener Wirkungskreis. Doch nun möchte ich mich Ihnen empfehlen, gnädige Frau; eine Verabredung ruft mich. Ich hoffe indes auf ein Wiedersehen!«

Als die schlanke, elegante Gestalt den weiten Raum durchmaß, sagte Irene, ihr wohlgefällig nachschauend, fast vorwurfsvoll: »Du warst nicht gerade sehr zuvorkommend gegen den Grafen, Job Christoph. Magst du ihn nicht?«

Er zuckte die Achsel.

»Ich freute mich auf ein Alleinsein mit dir und lasse mich nicht gern durch x-beliebige Menschen stören,« gab er, sie warm ansehend, zurück.

Obgleich diese Begegnung einen Sturm widersprechender Empfindungen in seinem Innern auslöste, so klang seine Stimme doch ruhig und gefaßt.

War es denn denkbar, daß der Anblick dieses jungen Mannes ihn einen Augenblick beinahe fassungslos gemacht und Bilder vor die Seele gezaubert hatte, die ja längst, längst begraben waren. Was gingen ihn – Irenes Gatten – jene Leute an? War die Ruhe, das Geborgensein, der süße Friede des trauten Heims jetzt nicht eingezogen in sein Herz? Hatte die kluge, sanfte Frau es seit zwei Jahren nicht verstanden, alle wilden, hochgehenden Wogen seines Temperaments zu besänftigen, und hatte sie ihn nicht vergessen gelehrt? Ja, die kurze Strelnower Zeit war nun, ähnlich einem Champagnerrausch, verflogen, und er hatte, Gott sei Dank, dem holden Weibe hier an seiner Seite nie die geringste Ursache gegeben, an ihm zu zweifeln. In diesem Augenblick fühlte Job Christoph mehr denn je das zwingende Bedürfnis, sich noch fester derjenigen anzuschließen, gegen die er seit jenem verhängnisvollen Frühlingsnachmittag in Onkel Thorwalds Garten nie ganz offen zu sein vermocht hatte. Irene war seine Frau geworden, ohne daß er sie seines vollen Vertrauens gewürdigt hätte. Darum wollte, mußte er sühnen, soweit es in seiner Kraft stand.

Den weichen Arm fast heftig an sich pressend, doch nun wieder lächelnd, zog er Irene mit sich fort.

Da ließ ein von ihr ausgestoßener Ruf der Bewunderung ihn stehenbleiben und fragen: »Nun?«

»Sieh doch, Job Christoph, wie schön – nein, blendend schön ist dieses Porträt! Dort, inmitten der langen Wand. Bitte, komm näher.«

Ungestüm zog sie den Gatten nach der bezeichneten Stelle hin und erwartete einen zustimmenden Bescheid.

Allein es erfolgte nichts.

»Hast du jemals solch bezwingenden, beinahe faszinierenden Blick gesehen? Sobald man länger in diese Augen hineinschaut, desto grösser wird ihre suggestive Kraft. Die ganze Auffassung ist reizvoll und originell. Wer mag wohl der Maler sein? Und was sehr merkwürdig scheint, das Gesicht kommt mir bekannt vor. Schlage doch, bitte, einmal im Katalog nach.«

Damit wandte sich Irene an den Gatten, der mehrere Schritte zurückgetreten war und stumm, wie geistesabwesend, das Porträt betrachtete.

»Bitte - ja?«

Sie fragte noch einmal und sah dabei voll ungeduldiger Spannung dem Schweigsamen ins Gesicht.

War das Job Christoph, der dort wie in Verzückung nach dem Bilde hinüberstarrte, ihr Gatte, der soeben voll Wärme und Herzlichkeit zu ihr gesprochen?

Ein Ausdruck von namenloser Sehnsucht und brennender Qual spiegelte sich plötzlich auf diesen bisher ruhigen Zügen ab. Vergessen schien die junge, tief erschreckte Frau neben ihm, vergessen Ort, Zeit und jede Selbstbeherrschung; nur eins war da, nur eins lebte für ihn – das war jenes Bild.

Raineria!

Nur Job Christophs Seele schrie dieses Wort. Genau so hatte sie einst vor ihm gestanden – sinnbetörend schön, und genau so hatte der Künstler sie greifbar lebenswarm auf die Leinwand gezaubert.

Schien es nicht, als stiege jener betäubende Hauch aus dem leicht gewellten Märchenhaar empor? War es Blumenduft? –

Unter einer rosenumrankten Pergola, im langfließenden, schlichten, weißen Kleide, stand die mädchenhaft schlanke Gestalt; ein dünner, zartrosa Gazeschleier umwogte die Büste und den linken Arm, als ob ein Windhauch das leichte Gewebe lüftet. Die erhobene rechte Hand hielt einen köstlichen Rosenzweig empor, dem Beschauer entgegen.

Gerade die raffinierte Einfachheit der Auffassung schien des Künstlers Meisterwerk. Verkörperte Vollendung!

Onkel Kanonikus' Stimme weckte das junge Paar aus seiner dumpfen Betäubung: »Aber, Kinder, wo steckt ihr denn? Immer noch bei den langweiligen Porträts?«

Job Christoph schreckte empor. Allgütiger Himmel – wo war er denn? Er mußte sich ja fassen! Schien nicht alles ein Spuk – ein Traum? –

Ungestüm lief Irene auf den alten Verwandten zu und griff hilfesuchend nach seinem Arm.

»Ja, Onkel Gotthard – wir – ich komme! Nur möchte ich gleich – ins Hotel zurück. Die Luft hier drin – ist so eingeschlossen und schwer. Du weisst – das macht mir immer Kopfweh!« flüsterte Irene in unzusammenhängender Hast.

Sie war noch immer totenbleich, doch keiner der Herren hatte einen Blick dafür.

»Du must dich ausruhen – niederlegen – es war zuviel,« sagte Job Christoph teilnahmsvoll; aber seine Stimme klang dabei verändert und rauh.

»O, armes Kind – ja, Ruhe ist das Beste.« Kanonikus Thorwald schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich werde nun natürlich allein nach dem Englischen Garten fahren.«

Im Auto zog Irene den Schleier tief und fest über das Gesicht, damit der neben ihr sitzende Gatte die leicht niederrieselnden Tränen nicht bemerken sollte.

»Vorbei – vorbei! O, habe ich ihn denn jemals besessen?« flüsterten ihre bebenden Lippen.

* * *

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.