Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Doris Freiin von Spättgen: Irrlicht - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorDoris Freiin von Spättgen
titleIrrlicht
publisherVerlag von Friedrich Rothbarth
addressLeipzig
senderwww.gaga.net
created20050816
projectid75af2c58
Schließen

Navigation:

Seit Graf Ignaz allein im Strelnower Schlosse hauste, schienen die Spuren des Verfalles und der Verwahrlosung von Haus und Park noch mehr zutage zu treten.

Im großen Speisesaale hatte die ländliche Wirtschafterin – der junge Koch war längst über alle Berge – den in diesem Herbst so reichen Segen von Äpfeln und Birnen aufschichten lassen, so daß der Obstgeruch den Eintretenden schon im Treppenflur empfing.

Der Graf merkte nichts davon. Die Gesellschaftsräume wurden ja, seit Raineria an ihrem Hochzeitstage als Gräfin Herlingen Strelnow verlassen hatte, nie mehr benutzt.

Die verräucherte »Löwengrube«, sein Stall und der Spielklub im Städtchen, darin hauste er fortan. Jede wärmere Anteilnahme an der Kinder Wohl und Wehe war nach und nach geschwunden. Wenn er ein glattes Pferdegeschäft gemacht oder im Spiel ein paar Tausende gewonnen hatte, zeigte er sich guter Laune, trank abends reichlich Kognak und Sekt, schenkte Himek einen Taler – der Dreikäsehoch war entlassen – und machte wieder große Verbesserungspläne.

So verrann ein einstmals zu höheren Lebensansprüchen berechtigtes Dasein.

»Versumpft! Genau wie der Stinkgraben am Hause!« hatte Raineria einmal zu Stephan geäußert, als er sein Bedauern über des Vaters trostloses Dasein aussprach, und ob hier nicht irgendeine Änderung zu treffen sei. – –

Es war ein prächtiger, fast noch sommerlicher Herbstmorgen. Zwar hatte der Wind die hohen, seitwärts am Turm stehenden alten Trauerweiden arg zerzaust, so daß die langen Äste kahl herabhingen, und die vom Felde durch den Hof rasselnden gefüllten Kartoffelkasten zeigten, daß man die Winterfrucht bereits einzuheimsen begann. Allein noch hatte kein Frost die Dahlienstauden und Asternbeete im sogenannten Burggarten geknickt.

Lange Silberfäden zogen glitzernd durch die Sonnenstrahlen, und ein paar verspätete Falter trieben, als ob es Frühling werden sollte, ihr neckisches Liebessplel.

Da! Was war denn das? Der schrille Klang einer Autohupe.

Seltsam befremdend tönte es durch den totenstillen Park, bis zum Fenster des Herrenzimmers hinauf.

Graf Ignaz war rasch vom Liegesofa gesprungen und stierte hinaus.

Die übernächtigen, verschwommenen Augen verrieten noch durchwachte Stunden, sein Haar war schon seit Monaten fast weiß geworden.

Dort kam wahrhaftig ein Auto die Straße entlang. Durch die kahlen Pflaumenbäume konnte man den blauen Kraftwagen deutlich erkennen.

Wer war es? Pferdehändler? Blödsinn! Die nehmen sich nicht solche Teufelsmaschine. Graf Ignaz haßte diesen modernen Luxus, der einem jetzt nur die Geschäfte verdarb. Pah! Dann mußte es Ary sein. Ja, nun fiel ihm ein, daß Vinzenz augenblicklich hier in der Provinz Posen bei irgendeiner Fürstlichkeit zur Hirschbrunst war. Was nun wollte das Mädel denn bei ihm?

Graf Ignaz räusperte sich, während allerlei unbehagliche Empfindungen seinen Gedankengang durchkreuzten: Stephans salbadriger Brief von damals, der Lumpenkerl aus Amerika, das verfluchte Geld! Ja, auf Arys Bitten hatte Vinzenz ihm vor einigen Monaten 15 000 Mark als einstweilige Abschlagszahlung für die Bande drüben geschickt, damit die schmutzige Sache endlich mal aus der Welt käme. Teufel! Er hatte die Summe täglich absenden wollen, aber da waren die Goldfüchse halt mal wieder drin in der Stadt sitzengeblieben; wirklich, er beabsichtigte den Betrag doch zu verdoppeln. Ja, wenn man Pech hat!

Das Auto machte einen Bogen und rollte, während der Chauffeur nochmals in die Hupe stieß, dann über die Zugbrücke.

Noch rührte sich nichts im Schloß. Auch Graf Ignaz machte keine Miene, treppab zu steigen. Solch überraschende Besuche waren ihm greulich. Er wollte seine Ruhe haben.

Wo nur die Leute steckten? Himek saß gewiß schon am frühen Morgen in der Kneipe, das – versoffene Vieh!

Währenddessen hatte Raineria selbst die Kraftwagentür geöffnet und war ausgestiegen.

Endlich kam ein Küchenmädel herangestürmt. Die langen bunten Bänder ihres Tüllhäubchens flatterten im Winde; aber blöde starrte es auf die wunderschöne, fremde Frau, welche polnisch fragte, ob der Pan anwesend sei.

Ein stummes Kopfnicken bejahte es, und Ary betrat das väterliche Haus.

In der großen, kahlen Halle stutzte sie einen Augenblick. Dort – die kleine eisenbeschlagene Tür! Wie hatte sie ihr oft wundersame Glücksstunden erschlossen! Verweht – verrauscht – gleich vielem in ihrem Leben. Aber eine hübsche, poetische Erinnerung! –

Das Opfer, welches sie damals als Vinzenz' Braut zu bringen vermeint, es war reichlich ausgeglichen durch eine Stellung, die ihr selbst oft märchenhaft dünkte. Nichts gab es in der Welt, was den Ansprüchen einer verwöhnten Frau zu hoch erschienen wäre.

Das Wünschen, jenes Fabelwort – im Auge der meisten Leute wenigstens – ihr war es bereits langweilig geworden.

Aber lebte man nicht doch zuweilen gern im Fabellande, wo man der öden Wirklichkeit entrückt, sich Dinge herbeizaubert, die unerreichbar blieben?

Und dieses eine Einzige, das alle Reichtümer, alle Millionen des Gatten ihr nie und nimmer zu geben vermochten? – Es war das Glück. –

Raineria schüttelte sich fröstelnd und eilte die bekannte Treppe zum oberen Stockwerk hinan.

Auf dem ersten Absatz empfing sie der Graf. Ein gezwungenes Grinsen flog über das braune Gesicht.

»Na, da kommt die gute Tochter mal nach dem alten Vater zu sehen! Das ist recht. Hab' eigentlich von Woche zu Woche auf deinen Besuch gewartet. Natürlich, ihr seid ja jetzt so vornehm, verkehrt nur mit Potentaten. Man geniert sich ja fast der eigenen Popeligkeit vor euch!« rief er in einem herzlich sein sollenden Tone. Seine Stimme klang jedoch noch rauher als sonst, und während er der jungen Frau burschikos die Hände drückte, fuhr er fort:

»Es trifft sich gerade famos, daß ich heute hier bin. Du mußt mit mir essen, Ary, das wird gemütlich werden. Die alte Sascha hat sicher ein paar Fasänchen in der Pfanne.«

»O, nein, danke vielmals, Papa. Ich fahre ja eine volle Stunde mit dem Auto, und zum Gabelfrühstück muß ich wieder in Pankowo sein. Die Fürstin erwartet mich; es sind Gäste dort,« erwiderte sie höflich, doch kühl.

Man war im Herrenzimmer angelangt. Raineria prallte beinahe zurück. Die Luft darin war noch stickiger, verräucherter und verbrauchter als sonst.

»So – so, na jedenfalls hast du dort viel Vergnügen. Kannst dich ja jetzt sehen lassen mit deinen Pariser Kleidern. Feine Perlen – das!« Er deutete auf ihre wundervollen Birnentropfen am Ohr.

Die junge Frau lächelte spöttisch, obgleich Schmuckstücke und Juwelen eine schwache Seite an ihr waren. Sie dachte jetzt an jenen Spitzenhändler in München, bei dem sie mit Stephan gerade eine Bestellung machte. Der Mann schien ihre Worte indes gar nicht zu beachten, sondern stierte sie an.

»Haben Sie mich auch verstanden?« fragte sie halb ärgerlich. »O, verzeihen, Frau Gräfin – ich bin nur so perplex. Solche Perlen sind ja märchenhaft, die gibt's ja gar nicht!« –

Graf Ignaz führte die Tochter zu dem eingesessenen, verschlissenen Sofa, auf dem sie sich mit einem Ausdruck von Unbehagen und Widerwillen in den Zügen niederließ.

Das enge, dunkelblaue Tuchkostüm schmiegte sich glatt an. Den breiten Zobelkragen hatte sie lässig zurückgeworfen, und unter dem großen, schwarzen Samthute quoll das lichte Blondhaar in losen Wellen hervor.

Es war ein schönes Bild, das aber durchaus nicht in diese Umrahmung ZU passen schien.

Musternd glitten Graf Ignaz' Augen über die vornehme Gestalt hinweg.

Hatte er das Blitzen von Unsicherheit und Unruhe in ihren Augen entdeckt? Jedenfalls befriedigte es ihn, und händereibend sagte er: »Ja, ja, Kind, du weißt gar nicht, was du mir zu danken hast! Es ist ein beglückendes Bewußtsein, dich so glänzend aufgehoben zu sehen. Aber die Jugend nimmt gewöhnlich alles als selbstverständlich hin. Auch Vinzenz kann sich, weiß Gott, Glück wünschen, eine solche Frau gekriegt zu haben.«

Die Angeredete beachtete diesen Einwurf kaum und schaute gleichgültig vor sich hin. Hatten sie doch auch früher des Vaters sich selbst verherrlichende Reden stets angewidert. Heute kam dieser Mann ihr fast lächerlich vor.

Als er geendet hatte, hob Raineria den ruhigen, doch merklich durchdringenden Blick.

»Bitte, Papa, lassen wir doch heute endlich mal alle Redensarten beiseite, denn ich habe etwas rein Geschäftliches, Wichtiges mit dir zu besprechen.«

»So – hm! Bekümmerst du dich denn überhaupt um Geschäfte, Ary? Das klingt komisch!«

»Sonst nicht. Doch heute betrifft es dich, da du Vinzenz noch keinen Bericht erstattet hast über deine Absichten mit dem Manne – in Amerika.«

Der Graf zog die buschigen Augenbrauen in die Höhe und stieß einen stöhnenden Seufzer aus.

»Ja, weißt du, Kind, in dieser saumäßig fatalen Sache tragen wir beide die gleiche Schuld auf dem Buckel, und das ist mir immer eine Art Beruhigung gewesen. Du hast den Wisch – das kostbare Original – verbrannt, ich habe mein Maul dazu gehalten und sitze nach wie vor auf Strelnow, das ich von Rechts wegen hätte verkaufen müssen, um jenes Geld, das mir nicht gebührte, zusammenzukratzen. Du tatest es des lieben Jungen wegen, ich – nun, aus Pietät für meinen seligen Vater beziehungsweise Großvater, die ich anderenfalls sozusagen bloßgestellt hätte.«

Raineria zerrte krampfhaft an der Kette ihres mit Edelsteinen besetzten goldenen Täschchens, doch ihr Gesicht blieb kalt.

Flüsternd fuhr der Hausherr fort: »Und der Dritte im Bunde ist der scharmante Doktor, für den du damals schwärmtest und eine Lanze brachst! Sieh mal, Kindel, auf seine Verschwiegenheit baute ich, aber schließlich hat er uns natürlich in der Hand.«

»Wieso Verschwiegenheit?«

Funkelnden Auges begegnete sie des Vaters stechendem Blick.

»Nun, – ich hab' ihn doch ordentlich schmieren müssen!«

Graf Ignaz kicherte.

»Schweigegelder, meinst du? Das ist nicht wahr! Herr von der Thann reiste in der festen Überzeugung ab, daß du ehrenhaft genug seiest, dich mit dem Amerikaner auseinanderzusetzen. Statt dessen ist bis zum heutigen Tage noch nichts geschehen. Ich begreife nicht, wie du ruhig schlafen und die armen, darbenden Leute, unsere Namensvettern, von denen mir in München einer vor Augen kam, in Not und Elend verkommen lassen kannst.«

Der Ausdruck in des Vaters Zügen erfüllte sie mit Ekel.

»Ich bin ja nur der Hehler! Den Raub hast du begangen, liebes Kind!«

Rainerias Atem flog.

»Wohlan, ja – und tausendmal ja! Es gibt im Leben Augenblicke, wo man jede Gewalt über seine Sinne und Handlungen verliert, und solch ein Wahnsinn übermannte mich damals da unten im Archiv. Stephan ist das einzige auf Erden, was mir nahesteht (sie sprach in kalter Offenheit und mit starrem Blick), aber so wahr ich heute Raineria Herlingen heiße, die Sache muß aus der Welt geschafft werden und der Amerikaner bald zu seinem Gelde kommen.«

»Wenn du Strelnow und meinen – guten Namen opferst, – dann schieße ich mich tot!« gab Graf Ignaz rauh zurück.

Sie hob die Augen bis zu seinem borstigen, weißen Haar, und ein leichtes Rieseln glitt durch ihre schlanke Gestalt.

»Ohne Sorge, wozu hat man denn Geld, dieses ekelhafte Geld, mit seiner Riesenmacht, das aber den Menschen so blutwenig Glück bringt! Bitte, Papa, stelle mir eine Vollmacht aus – notarielle Beglaubigung ist nicht nötig. Ich werde das Weitere nun selbst besorgen. Dort liegt ja Papier.«

Schwerfällig – der in seinen Bewegungen bisher noch schneidige Mann sah im Augenblick greisenhaft aus –, doch mit einer Miene innerlicher Befriedigung und Genugtuung schritt er zum offenen Schreibtisch hinüber.

Nachdem es erledigt, sagte er brüsk:

»Da! Doch nun laßt mich ungeschoren und schafft mir auch den Saukerl, den Maler aus München, der mir seinen Besuch angedroht, vom Halse. Schwefelbande! Rausschmeißen würde ich ihn lassen!«

Darauf setzte er sich wieder und sah plötzlich, vergnüglich lachend, der Tochter ins Gesicht.

»Weiß übrigens Vinzenz das Nähere der Geschichte?«

»Es interessiert ihn nicht im mindesten, aber er gibt mir, was ich verlange.«

»Famos! Dann kann Stephan sich gratulieren! Magst den Jungen nett verwöhnen!«

»Stephan?« Ein Spottlächeln zitterte um Rainerias Mund. »Dem darf ich in dieser Weise nicht kommen. Neulich habe ich ihm mal eine hübsche Rindslederreisetasche geschenkt. Das erste und einzige, was er seit meiner Verheiratung von mir angenommen hat. Er ist die Solidität in Person, wohnt ganz schlicht drei Treppen hoch. Wenn ich mal den Geldpunkt zu berühren wage, zeigt er sofort eine fast komische Abwehrmiene. Ich wette, er hat auch nicht einen Pfennig Schulden.«

»Dummer Kerl!« murmelte der Graf verächtlich.

Die junge Frau erhob sich.

»Na, wirklich schon wieder fort, Kind? Solch kurzer Besuch lohnt ja kaum die lange Fahrt. Aber es war mir lieb, daß wir uns mal ausgesprochen haben. Klarheit ist immer das beste. Du bist eine so offene Natur, dabei fabelhaft energisch. Das imponiert mir, Teufel auch!«

Die junge Frau erwiderte nichts, doch in ihrem Wesen machte sich jetzt eine kleine Unruhe bemerkbar.

Während sie mit des Vaters Hilfe den Pelzkragen wieder um die Schultern legte und zu Boden sah, fragte sie in etwas gezwungener Unbefangenheit:

»Hat Dr. von der Thann, – als du ihn damals für seine Bemühungen honoriertest, dir geschrieben?«

»Bankquittung – sonst nichts.«

»Er soll – verheiratet sein, wie Stephan mir erzählte.«

»So? Na, das muß dich ja besonders interessieren, Ary, hahaha!«

Raineria verzog keine Miene, und er sprach, sich wie beiläufig darauf besinnend, weiter: »Ich habe übrigens mal in der Zeitung gelesen, daß dieser unbedeutende kleine Kerl sich durch ein Buch hervorgetan und in Fachkreisen mausig gemacht hätte. In der Erde 'rum gebuddelt soll er auch schon irgendwo mal im Lande der Krokodile haben. Also ein zweiter Schliemann! Was aus den Leuten nicht alles werden kann. Potz Michel!«

»Du hast ja des Doktors Wissen, seine Fähigkeit stets unterschätzt, Papa.«

»Der Mensch war mir zu weichlich, zu sentimental. Aber ich gönne ihm den Dusel. Hoffentlich hat seine Frau auch Geld.«

»Ich ahne es nicht.«

Ein leichter Ton von Enttäuschung klang durch ihre Worte. Sie hätte gern mehr über Job Christoph erfahren. Das alles hatte ihr bereits Stephan erzählt.

»Seine Frau!«

Und im Geiste vernahm sie plötzlich wieder seine wundervolle, klingende Stimme, mit der er in diesen Mauern unzählig oft zu ihr gesprochen: »Du mein Lieb, mein Glück und alles auf der Welt!«

Im dahinsausenden Auto zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, ließ Raineria jene Frühlingstage voll poetischen Zaubers noch einmal an ihrem Geiste vorüberziehen.

* * *

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.