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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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An der irischen See

Einige Tage später schrieb ich nach Berlin:

Wo ich stecke? Gott, gleich um die Ecke links, Bray, Grafschaft Wicklow, Königreich Irland. Es ist ein Seebad in der nächsten Nähe von Dublin, doch von Berlin aus ist Heringsdorf leichter zu erreichen. Wenn ich noch ein Geheimnis verraten soll: Heringsdorf ist auch schöner, von den Nordseebädern gar nicht zu reden. Der schöne Sandstrand fehlt in Bray, und dann hat dieses Seebad noch eine kleine Eigenheit: es ist einem Mitteleuropäer etwas schwer, hier überhaupt zu baden. Nämlich Seewasser ist da, aber wie sieht das Herrenbad aus! Die Kabinentüren sind nicht verschließbar, weil die Kabinen überhaupt keine Türen haben. Die Sprungbretter und die ins Wasser führenden Leitern sind lebensgefährlich und man muß ein Akrobat sein, um von ihnen nicht abzustürzen. Ist man dann glücklich im Wasser, dann steht man auf harten Steinchen. Kriecht man wieder heraus, dann bekommt man ein schmutziges Handtuch. Also in Heringsdorf ist das anders. Warum ich nicht dort bade? Ich könnte jetzt losheucheln und mit Augenaufschlag den Führer durch Bray und Umgebung rezitieren. Nun ist diese Umgebung wirklich nett; es gibt Spaziergänge über hohe Uferklippen, die purpurrot sind von blühendem Heidekraut; es gibt weite Parks, es gibt einen Wasserfall und stattliche Hügel und tiefe Flußtäler und alles grünt sehr schön. Grünt sehr schön. Nämlich Bray liegt im grünen Irland und Irland ist so grün, weil es immerzu regnet, und darunter leiden die Promenaden durch Bray und Umgebung immerhin etwas.

Es sei gestanden: ich hätte das alles in einem deutschen Seebad schöner und billiger haben können. Und jetzt kommt das größere Bekenntnis: ich tat es nicht, weil ich einen ganzen Sommer lang keinen Berliner sehen wollte. Es ist wie eine Hungerkur; damit einem das gewohnte Essen nachher desto besser schmeckt. Wenn man nicht alle trauten Lebensgewohnheiten auf einmal los wird, ist das Reisen doch nicht das Richtige. Und so muß man auch einmal im Jahr der trauten Gewohnheit entsagen, berlinisch sprechen zu hören, Berliner Speisen auf der Karte zu finden und Berliner Schauspieler zu sehen.

Als ich in Bray angekommen war, stellte ich mich auf die Esplanade und sah, daß sie aus lauter Fremdenpensionen bestand; alle gleich groß, alle mit dem gleichen Vorgarten. Ich ging in die siebente von unten; ich bin sehr für die Zahl sieben. Ich trat ein und freute mich, wie stockenglisch das alles aussah. In der offenen Flurtür stand eine Dame mit englischem Blondhaar und ein sehr langer, sehr knochiger Gentleman und sprachen auf englisch, es sei a very lovely day; es regnete aber dennoch. Ich verhandelte mit der überaus englischen Wirtin und sie brachte mir das Fremdenbuch und ich schrieb ein: aus Berlin, Germany. Und da drehte sich die sehr englische Dame im Tor um und sagte auf stockdeutsch: »Ach!« Und da sie dennoch stockbritisch war, schickte sie mir den knochigen Gentleman, und der sagte, die Dame sei nämlich aus Wilmersdorf. Und dann, fünf Minuten später, saß ich im urgemütlichen Drawingroom und neben der blonden Engländerin, die seit Jahren in Berlin lebt und jetzt ihre Ferien an der irischen See verbringt. Eine Corona von anderen Engländerinnen saß rings um uns herum und machte von Zeit zu Zeit »indeed?« Denn wir sprachen natürlich von Berlin und was für eine Stadt das doch sei.

Dann kam das Diner. Als ich die Suppe kostete, gab es mir förmlich einen Ruck; sie hatte einen deutlichen Geschmack, der weder von einer Würze noch von einem Extrakt herkam, sondern von Fleischsuppe. Dann kam Fisch und es war »Aal grün«. An dieser Stelle erschien ein weißgekleideter Koch in der Tür des Speisezimmers und sah auf mich, ob es mir auch schmecke. Ich sagte, alles sei very good indeed; darauf sagte der Koch, det freue ihm. Indem daß er nämlich aus Rixdorf ist, dieser Koch. Er sagt noch Rixdorf, denn er ist nach England gegangen, bevor Rixdorf einen historisch lackierten Namen annahm. Was den Koch betrifft, so spricht er ein nordöstliches Berlinisch mit starkem Londoner Akzent. Und als er hörte, ein Gentleman aus Berlin sei im Hause, nahm er sich mächtig zusammen und kochte lauter Berliner Speisen; aber sie hatten immerhin einen gewissen Londoner Akzent.

Nach dem Essen wurde es aber wieder urangloirisch. Fünf lange Gentlemen saßen im Rauchzimmer um mich herum und wollten wissen, was man in Deutschland vom Balkan denkt und ob die Invasion nicht bald losgeht und ob man nicht vor Frankreich zittert. Ich redete mich zuerst trocken und klingelte dann. Das Stubenmädchen kam und ich bat um einen Whisky mit Soda. Darauf machte das Stubenmädchen ein Gesicht und sagte, ich sei in einem alkoholfreien Hotel. Darauf stand einer der Gentlemen auf und kam mit einer riesigen Whiskyflasche wieder; er hat sie in seinem Schlafzimmer stehen und braucht sie zum Mundausspülen. Es war sehr guter alter Whisky. Es geht nichts über alkoholfreie Hotels.

Nachher gingen wir in eine Music-Hall. Es war eine sehr gute und lustige Kabarettvorstellung, aber die Künstler hörten nicht auf, von Deutschland zu sprechen, und ich weiß jetzt genau, wie sich der eine Clown benehmen wird, wenn die deutsche Invasion kommt.

Den nächsten Abend war ich beruhigt; es war ein großes Militärkonzert angesagt und das mußte doch britisch-national werden. Es war auch sehr schön. Zuerst rückten die Dudelsackpfeifer eines schottischen Hochlandsregiments heran; hosenlos, bunt, männlich-schön, Plaids über den Schultern, auch einmal ein Leopardenfell. Kleine schottische Mützen auf struppigem Haar. Eine Musik, die nach Bauchtanz klingt und dennoch kriegerisch ist. Dann die Trommler und Pfeifer eines Grenadierregiments. Sie ziehen mit klingendem Spiel auf oder vielmehr mit tanzendem. Der riesige Tambourmajor schmeißt seinen Stock in der Luft herum, wie der berühmte Mister Meschugge; die rotberockten Trommler heben die Schlegel über ihre Köpfe empor und schwingen sie wie Indianer ihre Kriegswaffen, dann erst fällt das Holz auf das Kalbfell. Dann die Musikkapellen zweier Bataillone; stramm, krebsrot, soldatisch. All die Musiker marschieren zum unteren Ende der Esplanade und ein sehr wichtiger Musikgeneral übernimmt das Kommando, und nun tritt die klangvolle Armee an und ist englisch, irisch, schottisch. Ein herrliches Schlachtengemälde von einem Urbriten namens Eckersberg erinnert eigentlich sehr an die Schlachtmusik, die man an festlichen Tagen etwa in Wannsee zu hören bekommt, nur daß »Heil dir im Siegerkranz« in Bray »God save the king« ausgesprochen wird. Es ist aber doch die gleiche Melodie, und nächstens bei der Invasion sollen die Engländer zusehen, wie sie sich auskennen. Ich habe es den Gentlemen im Rauchzimmer schon gesagt, der ganz geheime deutsche Invasionsplan stützt sich auf diese Gleichheit der Nationalhymnen.

Aus alldem kann man ersehen, wie groß die Unterschiede zwischen einer Schlachtmusik in Wannsee und einer in Bray, Grafschaft Wicklow, sind. Allerdings trinkt man in Wannsee eine Weiße zur Musik, und wenn es in Bray eine Weiße gäbe oder überhaupt ein wackeres, genießbares Bier, so hätte man nichts davon, denn es gibt auf der ganzen langen Esplanade höchstens Bars und Hotelrestaurants, aber kein einziges Gartenrestaurant, keine Halle mit freundlichen Tischen. Man ist hier nicht so; die Whiskyflasche steht neben dem Waschtisch. Es ist also eine ungemein fremdartige Umgebung, in die ich da geraten bin, und die weite Reise zahlt sich schon aus.

Ich sage das im Hotel der Britin aus Wilmersdorf und sie lacht mich ein bißchen aus. Warum ich fortwährend an Berlin erinnert werde, während ich doch nach Lokalfarbe dürste? Weil Berlin die Lokalfarbe der städtischen Massen hat und weil alle städtischen Massen in der zivilisierten Welt diese Farbe haben. Im nächsten Dorf landeinwärts ist Irland. Aber hierher nach Bray kommen Lokalzüge aus Dublin, wie nach Wannsee Lokalzüge aus Berlin kommen. Und nach Wannsee schmecken alle Erholungsorte in der Nähe einer größeren Stadt. Ein Seebad in der Nähe von San Franzisko, Kapstadt oder Sidney kann nicht viel anders sein.

Also soll man reisen? Man soll, denn wer nur Wannsee und etwa noch Swinemünde gesehen hat, der gelangt nicht zu so tiefen Einsichten. Auch ist zu bedenken, was ich nachher in Berlin alles erzählen werde. »Sie sind in Ahlbeck gewesen, Herr Mayer? Ich in Bray, Grafschaft Wicklow, Sie wissen. Das ist immerhin etwas anderes! Smaragdinsel. Erin. Ein blauer Himmel strahlte. Die See lachte. Als ich am Strande des Dargleflusses dahinschritt ...«

Herr Mayer schämt sich und ist tief betrübt, daß er nur in Ahlbeck gewesen ist.

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