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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Der Shannon

Von Killarney nach Limerick. Das ist schon wieder so eine Stadt, die malerisch an einem Fluß gelegen ist und sonst nichts. Der Fluß ist der Shannon, der irische Rhein. Was die Stadt betrifft – –

Was die Stadt betrifft, so wäre zunächst der Ordnung halber der alte irische König Brian Boroimhe zu erwähnen, den Freunde der historischen Abwechslung auch Brian Boru nennen dürfen. Übrigens behaupten alle Brians, Bryans und O'Briens in ganz Irland und Amerika, von diesem alten König abzustammen, denn er war ein sehr großer König, und man kann sich gar keinen feineren Ahnherrn aussuchen. Was nun die Stadt Limerick betrifft, so hat sie Brian Boru im Jahre 968 von den dänischen Wikingen befreit. Auch sonst haben sich zu den passendsten historischen Daten die wichtigsten historischen Ereignisse in Limerick abgespielt; die Stadt hat eine so interessante Geschichte, daß sie gänzlich auf eine irgendwie interessante Gegenwart verzichten kann. Es gibt eine Neustadt mit schnurgeraden Straßen, es gibt eine Altstadt mit unmenschlich viel Schmutz; dazwischen stehen historische Gebäude und langweilen sich. Durch einen verwilderten Garten schimmert die wunderbare normannische Kathedrale; natürlich ist sie im Laufe der Zeit den Katholiken weggenommen worden und gehört jetzt der anglikanischen Kirche von Irland, die fast so viele Dome wie Gläubige hat.

Ich strolche weiter und suche als gewissenhafter Reisender auch noch die alte normannische Burg; schließlich finde ich eine abscheuliche Kaserne, aus der prachtvolle romantische Türme hervorragen. »Barracks« nennen die Engländer ihre Kasernen, und Baracken sind es; diese ist unverschämt genug in William de Burghs Kastell hineingebaut. Vor dem Tor steht ein Korporal in Khaki und fragt mich, ob ich denn die Burg besichtigen wolle. Ich will. Der Korporal sagt, das sei verboten. Ich bin militärfromm und sage: »Da kann man nichts machen«. Der Korporal sagt, man könne aber um Erlaubnis bitten. Ich sage: »Wenn ich nächstens nach Limerick komme«. Der Korporal sagt, er sei der wachthabende Korporal und erteile mir die Erlaubnis hiemit. Gut, ich gehe mit ihm durch das Tor. In diesem Augenblick radelt ein eleganter Zivilist durch das Kasernentor; der Korporal macht stramm Front, denn der Radler ist sein Leutnant; er hat eben in der Kaserne die Uniform ausgezogen, weil er sich doch in der Stadt als Gentleman nicht in Uniform zeigen kann.

Eine wacklige Treppe hinauf zur Plattform des Turmes. Der Korporal zeigt mir Kugelspuren aus allen Epochen der Geschichte. Jetzt stehe ich oben, blicke über die Zinnen, sehe den schönen breiten Fluß und eine noch immer ziemlich uninteressante Stadt. Der Korporal sagt, der Tower von London sei doch noch schöner; der Korporal ist nämlich aus London. Sein Regiment ist zur irischen Militärpolizei kommandiert; der Korporal scheint das als eine Erniedrigung aufzufassen und schimpft, an die Zinne gelehnt, auf die bösen Iren, die so gemein sind, sich nicht selbst zu bewachen. Ganz entrüstet zeigt er mir die Schleife um seinen braven, ehrlichen Infanteristenärmel. Die Buchstaben R. M. P. stehen darauf: Royal Military Police. Ich denke mir, daß die ganze britische Armee doch nichts anderes ist, als eine königliche Militärpolizei, die in allen erdenklichen Ländern scharf aufzupassen hat, daß die Länder nicht davonlaufen und daß womöglich neue Länder verhaftet werden. Das war bisher so. Neuerdings probiert man in London, ob die Länder nicht doch dazu gebracht werden können, sich selbst zu bewachen.

Ich blicke auf den Plan von Limerick, ich blicke auf die Stadt zu meinen Füßen und finde, was ich suche. Dort die Brücke über den Shannon. Sie ist das sichtbare Joch, das über Irlands Strom gespannt ist. Sie ist der Grund, warum der arme Korporal den Polizeimann spielen und Irland bewachen muß, statt irgendwo in interessanten Niggerländern viele dunkle Weiber und das Viktoriakreuz zu gewinnen. Auf ihr steht ein Stein, sagt mein Reisehandbuch. Ich werde bestimmt nicht zu diesem Stein hingehen, mir den ansehen und gerührt sein; ich glaube dem Reisehandbuch diesen Stein auf der Shannon-Brücke schon. Aber es hat mit ihm eine Bewandtnis. Im Jahre 1691 wurde auf diesem Stein ein Vertrag zwischen englischen Belagerern und irischen Belagerten unterzeichnet; der Shannon floß ruhig unter dem Stein und hörte zu. Kurze Zeit darauf bekam Limerick einen hübschen neuen Namen, der immer noch fleißig gebraucht wird: »Die Stadt des gebrochenen Vertrages«. Nämlich die Lords Oberrichter von Irland waren feierlich aus Dublin gekommen und hatten der irischen Nation im Namen des Königs Wilhelm III. von Oranien die schönsten Dinge zugesagt, wenn nur Limerick übergeben und die Sache der Stuarts verlassen würde. Die römischen Katholiken Irlands sollten sich aller Privilegien erfreuen, die sie unter dem Katholikenfreund Karl II. besessen hatten; keiner, der für Karls Nachfolger James die Waffen ergriffen hatte, sollte bestraft werden oder gar sein Hab und Gut verlieren; die Iren sollten Bürger, Parlamentswähler und Katholiken bleiben dürfen. Mit dieser rührenden Friedensszene schloß die Belagerung von Limerick und der irische Krieg der Häuser Stuart und Oranien.

Einige Jahre darauf war in Irland ein neues Strafgesetz eingeführt; es erlaubte den Katholiken das Atmen, aber sonst nichts. Kein Katholik durfte irgendein Staatsamt bekleiden; keiner durfte ins irische Parlament gewählt werden oder wählen. Keiner durfte Grundbesitz erwerben oder ein Pferd, das mehr wert war als fünf Pfund. Wurde irgend ein jüngerer Sohn eines katholischen Hauses Protestant, dann durfte er seinem Vater und seinen älteren Brüdern einfach den ganzen Familienbesitz wegnehmen. Alle höheren Prälaten und alle Mönche wurden verbannt. Kein Katholik durfte einen gelehrten Beruf ausüben oder auch nur eine höhere Schule besuchen. Das ist so eine kleine Blütenlese; aber aus den historischen Werken über Irland duftet es noch ganz anders.

Ich sage dem Korporal: »Da der Vertrag von Limerick gebrochen wurde, dauert die Belagerung von Limerick eben noch fort; nur wird Limerick jetzt vom Innern dieser Kaserne aus belagert und von Ihnen, Korporal. Es bedarf einer neuen Kapitulation, die nennt man Homerule. Nachher dürfen Sie Ihre Polizistenschleife ablegen und als braver britischer Soldat irgendwo Dutzende von dunklen Weibern erobern.«

Der Korporal hat weniger Sinn für Weltgeschichte und fragt lieber, ob ich schon irischen Whisky gekostet habe. Dort das große Haus am Shannon sei eine sehr gute Destillerie.

Ich bin nicht schwerhörig und unterstütze die britische Armee.

*

Das ist Limerick, die Hafenstadt an der Mündung des irischen Rheins. Außer gebrochenen Verträgen exportiert die Stadt Speck und Schinken und wundervolle Spitzen; ferner sind die schönen Mädchen von Limerick berühmt, aber sie verstecken sich, wenn ein Fremder durch die Straßen geht und außer Schinkenläden, Kinofronten und Provinzhäusern sonst noch etwas Nettes sehen möchte. Ferner wäre zu vermelden, daß man in Limerick gar nicht einmal lebenslänglich bleiben muß; es führt eine Art Eisenbahn von dort weg. So war ich am Abend in Killaloe am Shannon. Ich empfehle, Killeluuh zu sprechen und das u am Ende nur recht energisch zu dehnen; es ist eine irische Meile lang.

Ein netter Portier brachte unser Gepäck in ein Hotel am Flußufer; drüben am andern Ende einer Brücke sah man die alten Türme einer Stadt. Mein Gefährte sagte: »Nach dem Abendessen gehen wir dann hinüber, man muß doch Killaloe gesehen haben!«

»Ja, man muß Killaloe gesehen haben,« sagte ich. »Wie sollte man sonst daheim weiterleben?«

Eine Julisonne sank in den Shannon. Wir hatten in einem reizenden Speisesaal von edlem Porzellan und Silber gegessen; frischen Lachs aus dem Shannon und andere Dinge. Jetzt saßen wir in der großen verglasten Veranda; weiche, breite Stühle schmeichelten uns. Das Tischchen stand so, daß einem der abendliche Whisky direkt in den Mund floß, wenn die behagliche Pfeife gerade nicht darin steckte. Vor uns lag silbern der Shannon. Ein Wehr rauschte. Drüben zwischen den alten Türmen die ersten Lichter. Der Garten vor der Veranda wurde dunkel. Der Strom wurde blaß, löste sich in leichten Nebeln auf.

»Nein,« sagte ich, »man muß Killaloe nicht unbedingt gesehen haben. Es ist besser, es nur von diesem unendlich kultivierten Liegestuhl aus zu sehen; eine Silhouette von Mauern und Türmen jenseits des abendlichen Stroms. Ich zweifle nicht, auch Killaloe hat eine Hauptstraße. Dort, wo die meisten Lichter leuchten. Es sind sicher die Lichter von kleinen ordinären Kinos – muß ich das wirklich bestimmt wissen? Ferner dürfte die genaue Stelle zu besichtigen sein, wo der Palast des Königs Brian Boroimhe jetzt nicht mehr steht. Das ist interessant, aber wenn die Flußnebel steigen und meine Pfeife dampft, kann ich vielleicht bald dort jenseits der Brücke König Brians Burg erträumen, wie sie aussah. Das ist besser. Ich glaube an diesem schönen Abend nicht, daß Killaloe ein jämmerliches irisches Provinznest ist, zusammengesetzt aus Staub und historischen Prätentionen; es muß die alte Königsstadt am Shannon sein, traurig, weil die Könige tot sind, tot mit ihnen, aber noch königlich. So mögen die Iren Irland sehen, wenn sie nach Amerika ausgewandert sind und an dunklen Sommerabenden über den Ozean heimwärts blicken. Sie sind klug, sie kehren fast nie in die Heimat zurück. Der Shannon läßt Nebel aufsteigen; sie verhüllen Killaloe; sie wissen vermutlich genau, was sie tun.«

»Sie haben recht,« sagte mein Reisegefährte. »Es ist ungeheuer gemütlich in dieser Veranda. Trinken wir noch einen Whisky-Soda.«

»Es ist nicht gemütlich,« sagte ich, »es ist komfortabel. Die Engländer reisen nach Killaloe um Lachse zu fischen; die Engländer haben dieses wundervolle Hotel gebaut, um in der Nähe der berühmten Lachswehr übernachten zu können. Sie haben diese unglaublich geeigneten Stühle gebaut, um nach dem Sport sitzen zu können, wie es ein müder Mensch von rechtswegen verlangen darf. Sie haben den Whisky geschaffen, das Getränk, das Abende abdämpft, das den Körper dem Schlaf entgegen gleiten läßt. Das ist nicht Gemütlichkeit, das ist Komfort. Jenseits des Flusses sitzen die Iren und beschäftigen sich vielleicht mit dem König Brian Boroimhe, vielleicht auch nicht – jedenfalls können sie diesen Komfort nicht bezahlen. Vielleicht ist es in ihren Kneipen drüben dagegen »gemütlicher« als hier. Es wird Musik geben und einen anderen, stärkeren Whisky, der Abende bunt und belebt macht! Möglich. Aber wenn man schon einige Zeit in Irland herumreist, darf man sich auch einmal einen Abend Urlaub geben und die Welt vom englischen Sitzpunkt aus betrachten: als eine tributäre Gegend, in der Gentlemen sehr bequem der Lachsfischerei huldigen können. So ist es in Irland; die Iren haben ihre alten Könige und die Engländer haben bequeme Liegestühle und pfeifen auf den König Brian Boroihme. Der Shannon ist einesteils der irische Nationalstrom, andererseits eine Gelegenheit zum Lachsfischen für wohlhabende Engländer und Amerikaner.«

»Trinken wir noch einen Whisky,« sagte mein Reisegefährte. Er ist der Mann der kurzen und treffenden Bemerkungen.

*

Am nächsten Morgen mit dem Dampfer den Shannon aufwärts. Bei Killaloe bildet der Strom einen großen See, den Lough Dearg: es ist eine sanfte Fläche; am Rande stehen Hügel und sind grün, dehnen sich Wiesen und sind grün. Manchmal an einer Bucht eine Ruine oder ein Schloßturm, denn man wird doch nicht annehmen wollen, daß hier so gar keine Lords ihre Parks haben. Oder man sieht einen Kirchturm über das Wasser herwinken; weil nämlich irische Nationalheilige immerzu Kirchen gegründet haben. Sankt Anmchadh von der »heiligen Insel« Iniscaltra ist später sogar nach Deutschland gekommen (wo man seinen Namen vermutlich nicht recht aussprechen konnte) und ist zu Fulda ein Klausner geworden. Legenden, Legenden – es ist wirklich wie am Rhein, nur daß das Land am Rhein doch recht sehr aus der Träumerei erwacht ist und der Shannon ruhig weiterträumt. Da zum Beispiel der Berg mit dem sonderbaren Loch im Profil. Die Iren sagen, daß der Teufel eines Tages ein Stück von dem Berg abgebissen hat. Aber der Vielfraß hatte seinen Magen überschätzt; wie später die Engländer, konnte auch er das irische Land nicht verdauen. So spie er den Bissen zu Cashel in der Grafschaft Tipperary wieder aus und dort liegt er noch.

Nun wird der See wieder Fluß, die Berge sind fort, als hätte sie der Teufel mit mehr Erfolg gefressen; es ist einfach ein träger, gewundener, grünlicher Fluß zwischen schilfigen Wiesen – stundenlang. Manchmal taucht ein breites Segel auf, manchmal weiden Kühe am Ufer. Das ist alles.

Auf dem Deck des Dampfers stehen einige irische Mitpassagiere herum und spielen mit sehr viel Fröhlichkeit ein Geduldspiel. Es handelt sich darum, einen raffiniert gewundenen Eisenring in einen anderen hineinzuschieben; es ist furchtbar aufregend. Einer von den Männern hält mir die Ringe hin, ich soll es doch auch einmal versuchen. Ich bin so höflich, das Zeug in die Hand zu nehmen und zwanzigmal herumzudrehen; die Iren lachen furchtbar, denn ich finde die Lösung natürlich nicht, würde sie auch dann nicht finden, wenn ich die Absicht hätte. Nachdem ich komischer Fremder die Söhne des Landes mit meiner Ungeschicklichkeit lange genug belustigt habe, gebe ich ihnen das Spielzeug zurück. Ich weiß mir momentan ein geeigneteres Geduldspiel: zusehen, wie dieser Fluß sich stundenlang durch die flachen Schilfufer windet. Das ist also das Herz von Irland: Wasser, weite Kuhweiden, alles sehr grün, und darüber ein ewig trüber Himmel. Nämlich, ich muß das eine bemerken: solange ich in Irland bin, habe ich ein in den Annalen des Landes unerhörtes Glück; es regnet sehr oft gar nicht, hingegen wird es stets sofort zu regnen anfangen. Man lebt ewig in feuchtem Dunst; hier auf dem Flusse ist es besonders arg.

Also so sieht Irland aus, wenn man die malerischen Stellen passiert hat, die Legendenlager, die Ruinen. Eine sehr grüne Einsamkeit fürs Vieh. Ich suche wieder vergeblich reifende Felder; wo sind sie? Eine langweilige und verdrossene Melancholie liegt in der Luft. Das Herz von Irland schlägt sehr träge.

Die Fahrt nimmt ein Ende. Einige klägliche Hütten tauchen auf. Station Banagher. Von hier aus wollen wir wieder mit der Bahn weiterfahren, nach Dublin und noch darüber hinaus. Ich kann es nicht lange auf einer Insel aushalten, ohne ans Meer zu gehen. Ich muß mir erst die irische See etwas betrachten, ehe ich mir weiter das irische Land ansehe und seine Städte.

Banagher am Shannon. Dieser Ort hat ein erfreuliches Gebäude: der Bahnhof zum Wegfahren. Saunest, Hundenest. Drecknest. Auf der Dorfstraße laufen die Schweine herum und sehen, weil sie dies müssen, außerordentlich deprimiert aus. Zudem beginnt es wieder einmal zu regnen und das Zügele geht in drei Stunden. Was fängt man im Regen in Banagher am Shannon an, wenn das Zügele erst in drei Stunden davongeht?

Wir suchen ein Wirtshaus. Ein schönes Wirtshaus wird das werden! Der Eingang sieht verdächtig aus.

Und auf einmal trete ich, zu Banagher am Shannon, in die liebste, netteste, reinste Wirtsstube, die ich bisher gesehen habe. Die dicke Wirtin, ganz in Schwarz, mit großen goldenen Armbändern, strahlt uns entgegen, daß uns förmlich die Kleider am Leibe trocken werden. Sie will gar nicht wissen, ob und was wir essen wollen; wir sind geladene, lang erwartete, teuere Gäste. – Ich sehe mich um – da ist nicht der bezahlte Komfort von Killaloe, das ist ganz einfach Gemütlichkeit. Mir soll noch einer behaupten, daß das Wort unübersetzbar sei. Im irischen Lexikon scheint es (gegen alle Erwartung) tatsächlich vorzukommen. Diese polierten, geschweiften altenglischen Möbel sind das Gemütlichste, das man sich nur vorstellen kann. Der Körper sitzt weicher in einem raffinierten amerikanischen Überstuhl, die Seele sitzt weicher auf diesem wackeren bürgerlichen Polstersessel. Und eine saubere Magd deckt einen Tisch mit dem weißesten hausgebleichten Leinen; stellt robustes altes Geschirr hin, bringt eine richtige dampfende Suppenterrine. Die Frau Wirtin präsidiert; es ist ja anzunehmen, daß wir nachher bezahlen müssen, aber vorläufig ist sie eine liebenswürdige Hausfrau an ihrem eigenen Tisch, und wenn der Gast sich ziert und nicht ißt, verlangt es ihre Ehre, daß er sanft genötigt werde. Dem Gast wird es nicht einfallen, bei der Magd dies oder das zu bestellen; es wäre taktlos und unmöglich. Die dicke Wirtin errät aber sofort, daß man zum Salat noch einen Tropfen Öl möchte. Und sie plaudert von tausend Dingen, diskret wie eine Dame, höflich wie eine aufmerksame Wirtin, gütig wie eine dicke Mama vom Lande. Man streckt die Füße unter ihren Tisch und fühlt sich zu Hause. Also die jovialen, gastlichen Iren sind keine literarische Erfindung. Also mitten in Banagher am Shannon gibt es ganz ungeahnte Werte. Ein ganz verrückter Gedanke fährt in mich: Soll ich nicht acht Tage in Banagher am Shannon bleiben? Natürlich, es geht nicht, denn ich würde ja manchmal auch vor die Haustür treten müssen, und diese Idee bleibt nach wie vor peinlich. So muß es bei den drei Stunden bleiben, aber sie vergehen unglaublich schnell. Mich peinigt nur die ganze Zeit die Vorstellung: wird diese gute irische Lady nicht beleidigt sein, wenn wir nachher die Rechnung bezahlen wollen? Nun, während wir beim Kaffee sitzen, verschwindet die Wirtin und die Magd ist weniger zart besaitet und bringt die Rechnung. Aber bei der Wirtin muß man sich nachher doch bedanken, als hätte sie uns eingeladen. Sie verdient den Dank: sie hat einen trüben Tag erhellt.

Wir steigen in den Zug und fahren von Shannon weg. Wir sahen, woran der irische Rhein vorbeifließt: hier oben an altirischem Frohsinn, an sehr bescheidenen Provinzlern, die doch sehr gemütlich sein können. Dann an den grünen, melancholischen Schilfinseln. Dann an den Burgen und Legenden der alten Kelten; dann an einer englischen Veranstaltung zum sehr komfortablen Lachsfischen, dann endlich an der Stadt des gebrochenen Vertrages, unter jener Brücke hindurch, die für Jahrhunderte Irlands Joch bedeutet hat. Ganz Irland liegt an diesem nationalen Fluß. Daß auch das kleine Wirtshaus von Banagher an ihm liegt, gereicht Irland zur Ehre. Es muß doch irgendwie das liebe alte Land sein, von dem die Iren in allen Weltteilen schwärmen.

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