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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Glengariff

Die Bahn, mit der ich Cork verließ, entschuldigte sich höflichst bei mir: sie war leider eine Eisenbahn, aber nur eine kurze; auch könne man von ihr aus romantische Ruinen erblicken; ferner flössen an einer Stelle zwei irische Flüsse zusammen, und überhaupt sei es eine ganz schöne Fahrt. Das stand auf bunten Plakaten und in illustrierten Prospekten und nahm sich gut aus; aber ich werde mich hüten und meinen Hals nach romantischen Eisenbahnruinen ausrecken. Das ist die erste Aufgabe für einen Menschen, der durch britische Lande reist; er muß seinen Konsum an Sehenswürdigkeiten auf ein Minimum einschränken, sonst wird er von allen Plakaten, Prospekten und Reisehandbüchern, die hier herumflattern, wild gemacht und stirbt im Verfolgungswahn. Was die Ruinen betrifft, die sind in Irland häufiger, als die vollständig erhaltenen Gebäude. Meistens hat Oliver Cromwell die betreffende Abtei zerstört; aber manchmal ist es einfach ein Bauernhaus, dessen Besitzer so im Laufe der bitteren irischen Geschichte verhungert ist.

Weiter. Im Fahren bemerke ich schon, warum sich die Eisenbahn gar so sehr entschuldigen mußte. Diese irische Bahn hat sich gegenüber den englischen Einflüssen ihren nationalen Charakter zu wahren gewußt: die dritte Klasse ist ein Schweinestall und so unbequem wie nur irgend möglich. Wenn ich im Fieber Visionen von österreichischen Personenzügen habe, verfolgt mich ein ähnliches Bild. Ich sehe schon, in diesem guten Irland sitzt der Mann aus dem Volke lange nicht so weich, wie in England. Ich bin sehr zufrieden, daß die Insel klein ist und keine Bahnfahrt sehr lange dauert. Schon sind wir bei Macroom. Vor diesem Nest gibt es schnell noch eine wichtige Ruine, dann hat zum Glück die Eisenbahn ein Ende und empfiehlt sich. Da ich ein Rundreisebillet mit allen Schikanen besitze, darf ich in einen prachtvollen Motorwagen steigen; auch sind mir Ruinen und ferner uralte Druidenaltäre von der Tourist Development Co. Lt. in aller Form zugesichert worden. Als ich in London das Billet löste, versprach ein Plakat: eine reizende Fahrt. In Cork schrie ein Prospekt: die schönste Fahrt im ganzen Königreiche. In Macroom heißt es schon: das schönste Stück von Europa!

Vorläufig ein mäßig angebautes, sehr grünes Stück Hügelland. Der Motoromnibus rast, als wäre er größenwahnsinnig geworden und hielte sich für das Privatauto eines Lords. Wir steigen etwas, und nun geschieht etwas Sonderbares: diese paar hundert Fuß Höhe geben dem Land gleichsam einen Vorwand, seine Maske fallen zu lassen und den Urzustand hervorzukehren. Die wenigen schlechten Felder, die man bisher gesehen hat, verschwinden, und nicht immer treten reiche Wiesen an ihre Stelle. Schon zeigen sich moorige Heiden und kahle Steine. Man glaubt, im höchsten Hochgebirge zu sein, auf dem sumpfigen Plateau eines Alpenkammes. Und man ist doch gar nicht hoch, und am Wegrand blühen wundervolle, wohlhabende Blumen, und sicher ist dieser Sumpf zu entwässern, und sicher ist jener Abhang zur Schafweide zu schade – wir sind in Irland, einem armen, einem zertretenen Lande. Die Dörfer, durch die man kommt, bestehen zum großen Teil aus Hütten, in denen drüben in England kaum das Vieh logieren möchte. Aber das größte und schönste Haus in jedem Dorf ist die Schule, und das ist löblich.

Ohne Zweifel befinden sich unter den vielen Steinen, die wir passieren, auch Druidensteine. Der Chauffeur schwört es mir; auch steht es im Prospekt. Jedenfalls, Steine gibt es genug. Rechts und links vom Weg tauchen schroffe Felsen auf, baumlos, aber mit tiefgrünen Pflanzen bewachsen. Schon blüht die Erika. Mitten aus der Fülle eines fetten Bodens, aus einer unerhörten Blumenpracht, ragt dieses Gestein hervor. Hie und da sieht man Eichenwälder. Die Eichen sind hier weniger aufrecht, als bei uns. Die Äste biegen sich zu seltsam gotischen Formen, und Farne gibt es in so einem Wald!

Immer einsamer wird die Gegend. Eine Stelle, schon hoch in den Bergen – was man auf dieser Insel so hoch nennt – heißt geradezu: Lone Gouganebarra. Das einsame Gouganebarra. Es ist ein dunkler See in einem schönen, tiefen Kessel voll Wildnis. Auf einem Inselchen steht eine Einsiedelei; St. Finn Barr hat sie im siebenten Jahrhundert gegründet, weil die Stelle gar so einsam ist. Und jetzt hat man glücklich ein Hotel hierher versetzt; auch kommen die Cook-Touristen, stellen sich rund um den See und sagen alle: »Kolossal einsam, indeed!« Das kommt von den Prospekten.

Wenn ich keinen gelesen und mein verdammtes Reisehandbuch schon glücklich einmal verloren hätte, würde ich in der nächsten Stunde so beiläufig sagen: ein hübscher Hohlweg! Nämlich er ist wirklich hübsch und würde auch in den Alpen auffallen, so schroff stürzt das Urgestein auf beiden Seiten hinab, und so grün sind die Farne, so glühend blüht die Erika. Aber natürlich weiß ich schon, daß der Clan der O'Sullivans durch diesen Paß von Keimaneigh in die Ebene zu steigen pflegte, allwo dann Vieh geräubert wurde (»Der Reisende sieht förmlich die wilden Gestalten und das fröhliche Blinken ihrer Schwerter«), und vom roten Heidekraut steht natürlich nichts im Reisehandbuch, und jetzt darf ich es mir als korrekter Reisender nicht einmal anschauen. Der Motorführer hält an und macht ein feierliches Gesicht. Da ich mit meinem deutschen Reisegefährten in dem großen Wagen allein bin, sagt niemand: very fine indeed! aber die Worte – mit amerikanischem Akzent – schweben förmlich in der Luft. Und verbessern die Luft nicht. Die Luft ist von Düften erfüllt; es ist eine herrliche, warme Luft, in die sich schon ein wenig Meersalz mischt. Aber ohne O'Sullivans und Prospekt wäre sie doch noch besser. Irland liegt zu nahe an Amerika.

Gleich nach dem Paß sieht man silbernes Wasser schimmern; eine helle Bucht leuchtet auf. Und nun kommen verwegene Klippen und gelber Ginster und grüne und blaue Ausblicke und dann wieder Wald, aber kein nordischer Wald, sondern fast ein tropischer mit immergrünen Bäumen, mit übermütigem Unterholz. Der Motorführer weist auf eine Hecke und sagt deutlich: »Föschös!« Ich kann nicht soviel Englisch oder weiß vielleicht die spezielle irische Aussprache noch nicht richtig einzuschätzen und so sehe ich mir die Hecke an, um zu erfahren, was »Föschös« sind. Wahrhaftig; dieser mannshohe Strauch mit den zahllosen roten Blüten ist das Gewächs, das man bei uns in kleinen Blumentöpfen hat: Fuchsien. Und da ist der ganze Hohlweg begrenzt durch Wälder, durch rot brennende Wälder von Fuchsien. Das, was im Dickicht so glänzt, sind Blätter des Erdbeerbaums. An der Riviera di Levante sah ich den Baum und war stolz darauf, wie weit südwärts ich schon gekommen war, bis in das Land, wo große rote Erdbeeren einfach auf den Waldbäumen wachsen. Jetzt steckt man da auf einer nordischen Insel und findet das freundliche Wunder wieder. Glengariff heißt der subtropische Ort in den irischen Uferfelsen und wer dorthin kommt, geht ungern wieder weg.

Hinter unserem reinen, netten, winzigen Hotel gleich ein Gestrüpp von Bäumen, Steinen, Farnen. Man klettert auf allen Vieren hinunter und kommt an einen kleinen dunklen Fluß zwischen mächtigen Steinblöcken. Eine efeuumsponnene alte Brücke führt hinüber. Sie ist längst zerstört, und wer soll sie zerstört haben, wenn nicht Oliver Cromwell? Dieser große Mann steht bei den Iren im besten Angedenken; er hat sie Mann für Mann ausrotten wollen, aber es ist nicht ganz gelungen. Immerhin hat er binnen wenigen Jahren die eingeborene Bevölkerung um ein starkes Drittel reduziert; zwischen 1641 und 1649 wurden in Irland gegen sechsmalhunderttausend Menschen umgebracht und auch als Sklaven nach Westindien verkauft. Den Überlebenden konfiszierte Cromwell eines Tages durch einen Federstrich alle ihre Felder und siedelte seine Soldaten auf ihnen an. Mit unglaublicher Zähigkeit hat die irische Rasse seitdem alles Verlorene wieder zurückerobert; nur im Norden, in Ulster, sitzen die Enkel der Cromwellschen Kürassiere noch in geschlossener Masse, sind Puritaner und Katholikenfresser geblieben und protestieren jetzt gegen Homerule, das heißt gegen den friedlichen Abschluß der alten blutigen Fehde.

Also die Brücke von Glengariff hat der Lord Protektor gleichfalls auf dem Gewissen, und möge ihm diese Sünde verziehen sein! Denn wenn die Brücke ganz wäre, eine gemeine Brücke zum Hinüberfahren, so wäre sie lange nicht so schön.

Natürlich sieht es einem Vergnügungsreisenden ganz ähnlich, so zu räsonnieren. Auf einem der prachtvollen Uferspaziergänge in der Nähe von Glengariff kamen wir zu einer winzigen Hütte. Davor ein kleines Kartoffelfeld; neben jeder dritten Kartoffelstaude eine stolze Tafel mit dem Namen der Kartoffelsorte: »Königin von Irland«, »Magnum Bonum«, »Die Beste von allen«. Wir treten in den Hof und bitten um ein Glas Milch. Die alte Bäuerin geht geschäftig ins Haus. Es hat nur einen einzigen verräucherten Raum; an dem offenen Kamin sitzt ein rothaariger junger Mensch mit einer Pfeife und vor ihm liegt ein Hund. Die Bäuerin holt zwei reine Tassen und füllt sie mit vortrefflicher roher Ziegenmilch. Wir trinken eine Tasse nach der anderen und blicken dabei verzückt hinaus auf die Bai von Glengariff mit ihren Inseln, mit ihrem romantischen alten Kastell, mit ihren starren Rändern und ihrer weichen, leuchtenden Flut. »Schön habt ihr's da!« sage ich. »Uns nützt die Aussicht nichts,« sagt die Frau, »wir sind zu arme Leute!« Aber ein Entgelt für die gute Milch wollte sie durchaus nicht nehmen, und als ich schließlich ihren Kindern etwas in die Sparbüchse steckte, konstatierte sie, das sei aber nur so geschenkt und nicht für die Milch.

Die Moral von der Geschichte ist, daß so ein Tourist ein nichtsnutziger Kerl ist, dem eine Hütte nie zerfallen genug sein kann; der zerlumpte Kinder malerisch findet und empört ist, wenn an einer Aussichtsstelle ein gemeines Kartoffelfeld liegt. Nun ist Glengariff kein ganz armer Ort, seitdem es große Hotels und durchreisende Amerikaner gibt, aber wie sieht die Dorfstraße aus! Am Abend ist dennoch ein freundliches Leben auf der Straße. Die Männer mit zerrissenen Kappen und kurzen Pfeifen stehen in Gruppen beisammen; eine Gruppe hat die Corker Zeitung und spricht über Homerule, die Erlösung, die da kommen soll. Zwei ganz alte Weiber unterhalten sich in tiefen Kehllauten. Es ist das erste gaelische Gespräch, das ich höre. Die merkwürdigen gotischen Schriftzüge der alten Keltensprache sieht man oft auf einem Ladenschild oder einer Straßentafel, man hat aber durchaus nicht den Eindruck, als ob es damit sehr ernst wäre. Wenigstens in diesem Teil des Landes scheint die alte Sprache doch recht sehr im Hintergrund zu stehen.

Im übrigen fabrizieren die Bewohner von Glengariff die berühmten irischen Homespun-Stoffe, und mancher Fuhrmann trägt einen Rock, den man in Berlin nicht zu erträumen wagt. Auch irische Spitzen werden hier geklöppelt. Wer weiß, ob die armen Leute damit etwas Rechtes verdienen. Gewöhnlich sind die teuersten und feinsten Dinge diejenigen, bei denen arme Heimarbeiter am wenigsten profitieren. Was haben sie dann von der schönen Aussicht?

Es hilft nichts, man wird in diesem Irland den Druck nicht los. Als der große englische Romancier Thackeray vor siebzig Jahren das Land bereiste, schrieb er über jede malerische Gegend eine Seite, über jede gut kultivierte aber drei. Wahrscheinlich haben ihm Felsenriffe auch besser gefallen, als Kartoffelfelder. Aber, wie gesagt, man hat in diesem Lande ein schlechtes Gewissen, und wenn man ein Engländer ist, wie Thackeray, muß einen dieses Gewissen doch recht sehr bedrücken. Ein Land, das so schön und fruchtbar ist, hat länger als ein Jahrtausend hindurch die entsetzlichste Geschichte gehabt. Als das Gemetzel zu Ende war, blieb die politische, religiöse und wirtschaftliche Unterdrückung; als die irischen Katholiken emanzipiert wurden, blieben ihre schönsten Äcker immer noch das Eigentum englischer Lords. Und nun reisen Sommerfrischler durch dieses Land und freuen sich über öde Moore, über die Einsamkeit fruchtbarer Bergtäler, über den pittoresken Schmutz der Dörfer. In Süditalien – wo übrigens die Dinge noch sehr viel ärger liegen als in Irland – machen es die Fremden genau so. Sie ärgern sich über jedes solid gebaute Haus, weil es ihnen nicht in die vom Reisebureau garantierte Landschaft paßt. Oder aber sie nehmen dem Land seine Armut fürchterlich übel. Andere Leute haben Gewissensbisse, als ob sie etwas dafür könnten.

Nun darf ich konstatieren, daß ich die alte Brücke tatsächlich nicht gesprengt habe und auch kein dicker Großgrundbesitzer bin, der seine irischen Farmen aussaugt. Aber trotzdem – die Föschös wären leuchtender, die Wälder grüner, die See klarer, wenn es nicht die Geschichte Irlands gäbe und etwas weniger romantische Hütten. Nun, jetzt hebt sich ja in Irland der Fremdenverkehr. Die irische Geschichte wird er nicht aufheben, denn die hat er ja gepachtet, die bevölkert ihm das Land mit famosen Sehenswürdigkeiten, mit Druidensteinen, alten irischen Königen und Ruinen jeden Formats, alle gewissenhaft mit Efeu bewachsen. Aber die Hütten, diese schrecklichen Löcher, sollte der Fremdenverkehr beseitigen helfen, auf die Gefahr hin, daß alle Ladys aus Connecticut und Umgebung das Land viel weniger malerisch finden.

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