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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 26
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Andenken

Mein Dampfer bringt mich von der Insel Man wieder nach Dublin. Ich steige aus und überzeuge mich, daß Dublin Gott sei Dank immer noch schmutzig ist. Indessen, jetzt geht mich das nichts mehr an. Ich werde gleich wieder weggefahren sein. In meiner Brusttasche liegt ein Rundreisefahrscheinheft. Einst war es wohlhabend und dick; jetzt hat man ihm seine schönsten Blätter ausgerupft und auf den schäbigen restlichen steht: Heimreise.

Bin ich betrübt? Ich bin nicht betrübt. Irland ist ein herrliches Land, aber es geht auf die Nerven. So wie jene braven anständigen Menschen, die den melancholischen Tic haben und ewig traurige Regenaugen machen. Seit ich in Irland herum laufe, macht das Land Regenaugen. Dabei regnet es gar nicht so entsetzlich viel, wie denn jene weinerlichen Menschen auch nicht zu weinen pflegen. Aber ich habe es satt, feuchten Dunst über meinem Kopf zu haben und an eine Schlacht denken zu müssen, wenn mir ein Fluß gefällt. Es ist keine sehr vergnügliche Insel.

Wenn eine Reise zu Ende geht, geht gewöhnlich auch das Geld zu Ende. Dennoch läuft man in den letzten Reisetagen fleißig von Geschäft zu Geschäft und kauft Zeug zusammen, das man in der Heimat bestimmt nicht geschenkt nehmen würde. Das nennt man Reiseandenken, und es ist nicht möglich, nach Hause zu kommen, ohne welche mitzubringen.

Ich lief in der guten Stadt Dublin spazieren und schimpfte, Irland ist ein sehr rückständiges Land. Überall in Europa bekomme ich echt venezianischen Mosaikschmuck billig zu kaufen; selbst in Venedig kostet das Stück höchstens eine Lira mehr als bei Wertheim in Berlin. Aber in Irland – nicht zu bezahlen. Meint jemand, ich solle doch nicht venezianische Mosaikbroschen aus Irland mitbringen? Ja, bitte, was soll ich denn mitbringen? Es ist wahr, es gibt auch Broschen mit Shamrock-Kleeblättern aus grünem Connemara-Marmor geziert. Aber sie sind scheußlich; auch läßt sich eine Deutsche nicht dreiblätterige Kleeblätter schenken, sondern hält das für eine Bosheit. Irlands Wappenpflanze ist aber nicht vierblätterig, und daher hat das Land so viel Pech gehabt. Also dennoch, was soll ich mitbringen? Es gibt Schnitzereien aus schwarzem Eichenholz. Aber die kleinen sind nicht so schön und die großen haben im Koffer eines bescheidenen Touristen keinen Platz.

Ich winke einem Kutscher, damit er mich von Geschäft zu Geschäft fahre. Das ist Pflicht; und es muß ein Wagen sein, damit ich der Last der Pakete nicht erliege. Der Wagen kommt; er ist eines der merkwürdigen irischen Wägelchen, deren Sitze nach rechts und links orientiert sind. Ich steige ein; ich lasse die Beine hinausbaumeln. Es ist famos und ein billiges Vergnügen. Und jetzt soll ich wirklich durch die Hauptstraßen dieser anspruchsvollen Provinzstadt fahren? Ach was, die Andenken haben Zeit. Das will reiflich überlegt sein. Vielleicht kommt mir die Inspiration draußen im Phönixpark. Dem Kutscher ist es recht, schon saust der Wagen über den langen, höchst staubigen und höchst unangenehmen Kai am Ufer des Liffey. Da ist der Waterloo-Obelisk. Man sieht ihn von weitem und ist froh. Denn nun hört die schmutzigste der Städte auf und es beginnt der grünste der Parks. Das ist eine Freude, diese ungeheuren Rasenflächen! Sie sind nicht leer, steif und abgezirkelt, sondern wer will, geht auf dem Gras spazieren, spielt Fußball oder Kricket, sitzt und liegt. Zwischen den Menschen gehen gravitätisch schöne Rinder spazieren, denn es kann in Irland keine Wiese geben, auf der nicht Rinder weiden. Weiter hinten aber sieht man auch prächtige zahme Hirsche. Mein Kutscher hält einen Augenblick beim Poloplatz und möchte gern eine Stunde da halten, denn wie alle Iren schwärmt er für jeden Pferdesport. Es ist auch wirklich ein schöner Anblick, die weißen und blauen Reiter, die mit ihren langen Holzstöcken hinter dem fliegenden Ball einherjagen. Am Rand des Platzes stehen elegante Equipagen, und auf der Tribüne sitzt gutgekleidetes Publikum. Während man im Innern der Stadt immer nur schäbiges Volk sieht, wird man hier daran erinnert, daß es in Dublin ja auch einen glänzenden Hof gibt. Dort hinter den Bäumen steht die Sommerresidenz des Vizekönigs.

Und ich fahre weiter durch wundervolle Alleen. Dieser Park nimmt gar kein Ende. Wenn die Stadt Dublin wäre wie ihr Stadtpark, wäre die Stadt Dublin eine Weltstadt. Aber so ist das in Irland – neben Zeugnissen einer großartigen und alten Zivilisation immer wieder Dreck und Elend. Ach so, ich werde schon wieder regnerisch. Dabei herrscht heute ein exzeptionelles Abschiedswetter. Die Rinder auf den Wiesen machen ganz erstaunte Augen: es scheint wahrhaftig die Sonne. Daran sind irische Rinder nicht gewöhnt; sie leben jahraus, jahrein in lauer Feuchtigkeit, denn auch im Winter wird es nicht kalt und auch die Wiesen bleiben naß und grün. So werden die irischen Rinder sehr sanft und sehr melancholisch; ich glaube, sie träumen fortwährend von alten irischen Stierkönigen. Shaw hat recht, die irische Träumerei kommt vom irischen Wasserdunst.

Aber heute ist das anders. Heute, weil ich bald wegfahren muß, blicken die Berge von Wicklow blau und klar herüber; es ist ein schöner Tag und eine schöne Spazierfahrt.

Endlich fällt mir ein, daß ich nicht nur zum Vergnügen auf der Welt bin und ernste Pflichten habe. Jetzt zum Beispiel muß ich daran denken, was ich meinen Freundinnen und Freunden aus Irland mitbringen werde. Ich denke nach. Was gibt es also für irische Spezialitäten? Zunächst fällt mir etwas ein, was sich zum Mitbringen weniger eignet: Irish Stew. Merkwürdig, wenn ich das so bedenke – ich habe in Irland nicht ein einziges Mal Irish Stew vorgesetzt bekommen. Und es ist gut so, denn man soll Nationalspeisen niemals in ihrem Ursprungslande essen. Einmal fuhr ich durch Italien und der Zug hielt in der Station Gorgonzola. Als wißbegieriger Reisender stieg ich gleich aus, ging ins nächste Gasthaus, dinierte vorzüglich und verlangte dann mit Rührung, Spannung und freudigem Herzklopfen zum Dessert einen Gorgonzola. Dann aber – nein, es ist wahrscheinlich, daß meine Leser noch nicht gespeist haben, und ich werde ihnen den Appetit nicht verderben. Die Geschichte mag ohne Pointe bleiben, und ich sage nicht, wie jener Gorgonzola ausgesehen hat.

Also, was gibt es noch in Irland? Soll ich eine Whiskyflasche mitnehmen? Whisky ist ohne Zweifel das beliebteste irische Landesprodukt. Aber wenn man mich fragt, welche irische Whiskysorte ich am liebsten mit Sodawasser begieße, entscheide ich mich für eine beliebige schottische Whiskysorte. Der starke irische Whisky ist etwas für die Iren; dieses Volk muß den Katzenjammer lieben, denn es liebt die heftigen Räusche.

Ferner gibt es irische Spazierstöcke. Aber ich möchte keine verbotenen Waffen nach Deutschland einführen. Entweder sind diese Stöcke mit Dornen gespickt oder sie enden in eine richtige Keule. Weil die alten Iren nämlich Keulen zu tragen pflegten, als sie einander noch für die alten irischen Könige totschlugen. Wenn ein Ire jetzt so einen Knüttel spazieren trägt, ist er namenlos stolz und glaubt eine große nationale Tat zu tun. »Irische Flinten« nennt man im Scherz diese Keulenstöcke. Ach, die englischen Flinten haben sich als bessere Waffen bewährt und der einzige reale Nutzen dieser sentimentalen Stockmode ist, daß, wenn der Whisky gut gedieh, in Irland zu Zeiten viel gerauft wird. Wenn ein Ire mit seinem Stock zu gestikulieren beginnt, muß das übel ausfallen. Denn so ein Knüttel mit seinen Beulen und Spitzen – –

Halt! Spitzen! Ja, das ist etwas, was meine Freundinnen sich gern werden mitbringen lassen, echte irische Spitzen. Aber jetzt werde ich gleich eine Musterung abhalten und scharf zwischen netten und minder netten Damen meiner Bekanntschaft unterscheiden. Nämlich es gibt Spitzen aus Irland und es gibt irische Spitzen. Ganz hübsche gehäkelte Kragen und Bluseneinsätze – erschwinglich und verwendbar. Das ist etwas für Tanten und dergleichen Gelichter. Nach meinen Informationen wird ein großer Teil dieser Häkelspitzen, die die Damen bei uns »Eirisch« nennen, im Erzgebirge fabriziert und nach Irland geschickt, damit sie von dort etwas teurer zurückkommen können. Na, das ist schließlich und endlich eine Tantenangelegenheit. Aber es gibt edle Kunstwerke aus Donegal und Limerick. Gestickte Carrick-ma-Cross-Spitzen, zart wie Spinnweben. Und wer glaubt, daß man die in Irland umsonst bekommt, der soll nach Irland fahren und nachsehen. An der Riviera di Levante kann man göttliche Dinge aus Genueser Spitzen für ganz wenig Geld haben; in Irland muß man jeden Zentimeter des erlauchten Gewebes mit zwei Zentimetern Silber bezahlen. Und die Iren haben Recht. Aber für gewöhnliche Tanten ist das kein Geschenk.

Ich denke weiter nach und konstatiere, daß es sehr wenig irische Artikel gibt. Dieses Land hat keine Industrie oder nur wenig. Aber das ist es nicht allein – dieses Land hat so wenig charakteristische Erzeugnisse, weil es keinen nationalen Charakter mehr hat: Englische Provinz – die schönste, die ärmste, die schmutzigste englische Provinz. Es ist ein zertretener Boden. Was an Irland irisch war, ist ausgerottet worden. Und was an England im besten und höchsten Sinne englisch ist, das gibt es in Irland noch kaum. Manchmal hört man eine irische Melodie; die Gesichter sehen irisch aus; die Sprache hat einen Akzent – aber ist das noch nationale Eigenart? Es ist nur noch provinzielle Eigenart. Das alte Irland der Druiden hat Spuren hinterlassen, nur Spuren. Im äußersten Westen spricht man noch die gaelische Sprache. Aber jetzt werden Cook-Touren durch den äußersten Westen Irlands arrangiert und der Führer erklärt, wie wunderbar unberührt, streng altertümlich diese einsamen Hochländer Donegals, diese zerrissenen Fjordlandschaften Connemaras noch sind. Ich bin gänzlich gegen Pflicht und Gewissen gar nicht in diese Gegenden gefahren, bloß weil Cook gar so viel Reklame für sie macht. Wieder mit dreißig Amerikanern auf einem offenen Auto sitzen und mir den Hals ausrecken? So viel ist landschaftliche Schönheit nicht wert. Cook ist ja ein Segen für Irland, aber für das alte Irentum bedeutet er sicher nur den Anfang vom Ende. Was Cromwell und Wilhelm von Oranien nicht ganz gekonnt haben, wird Cook können. Er wird im Handumdrehen den Rest von Irland zu Ende anglisieren. Es hilft nichts, unsere Zeit ist ethnographischen Reliquien nicht günstig. Die Schotten hängen ja noch sehr an ihren alten Traditionen und tragen Plaids statt Hosen, wo sie nur können. Dennoch ist das nur Koketterie, ein ehrenwertes und pietätvolles Maskenspiel. Aber in Irland gibt es überhaupt keine nationalen Trachten mehr. Was ist noch irisch? Eigentlich nur der nationale Jammer Irlands, die Sehnsucht nach dem verschwundenen Volkstum. Das ist nicht der einzige Fall dieser Art, den die Geschichte der Völker kennt. Und ein großer nationaler Schmerz ist sicher auch ein nationales Merkmal, aber dieser Schmerz allein macht kein selbständiges Volkstum aus. Die Iren streben mit unerhörter Zähigkeit nach einer Wiedergeburt ihres Volkes; aber wenn sie ihr Homerule wieder bekommen und sie die Sehnsucht der Jahrhunderte endlich liquidiert in den Kasten legen können, werden sie bald bemerken, daß sie kein echtes Ziel mehr hatte. Die neue irische Nation wird eine lebhafte bunte Spielart des Britentums sein, ein Britentum mit etwas Musik. Wenn man das jetzt einem Iren sagt, schreit er vor Haß, und doch ist es so. Trotz aller Bestrebungen der Gaelischen Liga wird das neue freie Irland im wesentlichen kein keltisches Land sein, sondern ein englisches. Gewiß, es wird große Unterschiede geben, dafür sorgt schon der Katholizismus der Iren. Aber es wird keine irische Nation geben. Und gerade darum ist Homerule ein gutes Ding; das neue Irland wird gerade so weit selbständig sein, wie es noch unenglisch ist und doch ein Teil des großen britischen Reichskörpers – weil Irland ja doch am Ende einer blutigen Geschichte seinen harten und überlegenen Eroberern assimiliert worden ist.

Natürlich, in Irland kommt man immer und immer auf Homerule zu sprechen. Aber schließlich ist von irischen Andenken die Rede und Andenken an Irland will ich mir doch auch selbst mitbringen. Ein Buch voll alter Sagen; druidischer Zauberkünste voll, lichter Elfentänze und heldischen Schwerterklanges. (Nie war ein so prosaisches Land so poetisch wie Irland.) Dann einige Bilder; sie werden mir viele interessante Ruinen zeigen oder Städte, in denen sich dies oder das ereignet hat, oder einsame Moore, die blühende Landschaften wären, wenn sich dies oder das nicht ereignet hätte – immer werde ich irgendwie an die Geschichte Irlands erinnert werden. An den steilsten Uferklippen, auf den Gipfeln der irischen Berge, im üppigen Gestrüpp der dichtesten Wälder, am Ufer der Silberseen von Killarney und der leuchtenden Bai von Glengariff vergißt man nie, was man anderswo so gern vergißt, daß die Welt nicht so war und nicht so ist, wie sie sein sollte. Wie oft denkt man an einem normalen Tag in Deutschland an den dreißigjährigen Krieg? In Irland kann ein gebildeter Mensch nicht zwölf Stunden leben, ohne einmal an Begebenheiten des siebzehnten Jahrhunderts erinnert zu werden. Dagegen helfen Wälder von blühenden Fuchsien nicht und Bergabhänge voll Ginster und Heidekraut.

Was für ein Andenken an Irland ich mitnehme? Das Andenken an ein sehr, sehr schönes und sehr, sehr unglückliches Land. Und die Gewißheit, daß dieses Land jetzt noch so schön ist, wie früher, aber vielleicht nicht mehr so unglücklich, daß dieses zertrampelte Paradies sich langsam erholt. Wenn ich einmal wiederkomme, gibt es vielleicht in Dublin schon eine Straßenreinigung und weniger Whisky; vielleicht hat der Bauer in der Grafschaft Kerry schon ein Haus und keine Höhle mehr; vielleicht sind die Schulen besser und die Irrenanstalten weniger gut besucht. Irland wird dann gewiß weniger pittoresk sein. Aber da kann man nichts machen; Seife ist einmal uninteressant und doch ganz nützlich. Das ist der Lauf der Welt – sie wird einförmig. Und wenn man es sich gut überlegt, so hat man nicht viel dagegen. Der Kosmos ist nicht für Vergnügungsreisende da. Auch wird Irland noch schön genug sein, wenn die irischen Kinder keine Lumpen mehr anhaben und wenn die Iren nicht mehr zu Tausenden auswandern müssen.

Kutscher, zurück nach Dublin! Und dann zum Bahnhof – es ist wieder eine Sommerreise vorbei und ein Sommer und ein Stück des Lebens.

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