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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Der Damm des Riesen

Man wird in Belfast seines Lebens nicht froh, bevor man nicht jenen einen Ausflug gemacht hat, den man eben gemacht haben muß. »Haben Sie schon the Giants Causeway besucht?« Gleich nach dem Eingangs-How-Do-You-Do fragen das die Belfaster den Fremden. Der Fremde hätte alle Lust, justament the Giants Causeway links liegen zu lassen, aber dann denkt er wieder, daß diese reine, fromme, strebsame, industriereiche, löbliche Ulsterstadt Belfast eigentlich an einem schönen Sommertag vom Bahnhof aus einen überaus erfreulichen Anblick bieten muß. Also fahre ich denn am Sonntag mit dem Frühzug weg und sehe aus einem sympathischen Kupeefenster das entschwindende Belfast und die prachtvollen Landhäuser der Ulsterbarone, und den schimmernden Fjord, an dem Belfast liegt, und kleine Kinder, die im seichten Strandwasser herum waten, und kleine Seebäder und sehr grüne Wiesen und sogar Felder, da ich nämlich durch Ulster fahre und nicht durch den verwüsteten Teil von Irland. Und dann nach zwei Stunden bin ich in dem netten Seebad Portrush, steige in einen offenen Straßenbahnwagen und sause die Steilküste entlang.

Es ist hier wundervoll. Ein Strand mit wilden Klippen. Dunkler Basalt, aus dem rote Ockerstreifen hervorleuchten, das Ganze eingehüllt in jenes unendlich grüne Gras, das es nur im feuchten Irland gibt. Ein schmaler Weg führt die Küste entlang. Von Vorsprung zu Vorsprung, von Bucht zu Bucht wird die Gegend schöner. Man möchte immer weitergehen, rund um Irland herum. Da tut sich ein gewaltiges Amphitheater auf, dort schäumt das Meer durch ein gewölbtes Felsentor, und überall schreien die Möwen. Das ist kein friedliches Aufhören des Landes, sondern eine Katastrophe, eine offene Wunde. Der Ocker ist rot wie Blut. Hier ist die Stelle, an der die Welt zersprengt ward, hier liegt die tote Atlantis begraben. Die Geologen erzählen, daß einst ein einziges ungeheures Basaltplateau von hier aus über Schottland bis nach Island reichte. Die Geologen erzählen noch vieles, aber mein irischer Führer ist viel besser informiert.

Er zeigt mir mit ungeheurem Stolz die große Sehenswürdigkeit der Gegend. Inmitten einer Bai ragt ein zackiges Steingemisch in die See hinein. Von fern sieht es aus wie irgend ein Felsenvorsprung, nur daß etwas mehr Ansichtskartenbuden rings herum stehen. Wenn man näher kommt, sieht man allerdings etwas Außerordentliches. Diese Basaltklippe besteht aus vierzigtausend einzelnen Säulen von fast gleicher Höhe und ganz gleicher Form. Sie sind eng zusammengepackt und man kann über sie dahingehen wie über eine schlecht gepflasterte Straße. Das merkwürdige ist, daß jede einzelne Säule fünf- oder sechseckig ist; es gibt nur eine einzige viereckige, eine achteckige, eine dreieckige und drei neuneckige. Es sieht aus wie ein völlig sinnloser Haufen von Ruinen. Nur an einer einzigen Stelle im alten Europa existiert etwas Ähnliches: die berühmte Fingalshöhle von Staffa drüben an der Küste von Schottland. Und jetzt kommt die ehrenwerte Geologie und weiß ganz genau, wieso der vulkanische Basalt im Erkalten diese seltsamen Formen angenommen hat.

Mein Fremdenführer ist rothaarig, lacht und ist sicher ein richtiger Ire von Irland, nicht nur so ein importierter Ulstermann. Die gelehrte Geologie imponiert ihm nur mäßig; in Irland kommt nichts von gemeinen Vulkaneruptionen und Eiszeiten, sondern immer von alten irischen Helden und Königen. Und Pat, der Führer, zeigt mir vom äußersten Rande aus dieses Gewirr von regelmäßigen Pfeilern, von zerbrochenen Säulen. Ob ich denn glaube, daß so etwas rein zufällig entstehen konnte. Dabei weiß man doch genau, wie sich die Sache zugetragen hat, wenn es auch ein bißchen lange her ist.

Also da war der Riese Fin Mac Coul, ein ganz prachtvoller irischer Gigant. Ihm hat hier die ganze Landschaft gehört; dort rechts ist noch das Amphitheater, in dem er seine Gäste empfangen hat und man sieht die ungeheuren versteinerten Pfeiler seiner Orgel. Dieser Fin Mac Coul war kein gewöhnlicher Riese, wie sie in anderen Ländern herumlaufen, sondern ein Nationalheros, von dem man gar nicht genug erzählen kann, ein Prachtriese, von dem die Iren mindestens so viel träumen, wie von König Brian, war der Haupt- und Oberriese und der Champion-Boxer von Irland. Nun gab es auf der anderen Seite des Wassers, drüben auf der Insel der Angelsachsen, auch einen Riesen, aber das war bei weitem kein so anständiger Charakter. Der Kerl stand den ganzen Tag an der schottischen Küste und brüllte Schimpfworte herüber; er wolle nur nicht über das Meer schwimmen und sich einen Schnupfen holen, sonst würde er den guten Fin schon verprügeln.

Auf die Dauer konnte sich Fin Mac Coul so etwas nicht bieten lassen, das ist klar. Eines Tages ging er resolut zu dem König, der damals über Ulster regierte, und sagte: »Majestät, dem Prahlhans werde ich es zeigen. Darf ich einen Damm von Irland zur anderen Insel bauen?« Der König hatte nichts dagegen, und der Führer meint, daß er vielleicht auch nicht den Mut gehabt hätte, seinem längsten Untertan eine höfliche Bitte abzuschlagen. Also ging Fin Mac Coul hin und baute einen prächtigen Damm aus sorgsam behauenen Pfeilern, baute den »Damm des Riesen«. Sobald die Brücke fertig war, lud Fin, gastfreundlich wie die Iren schon damals waren, den überseeischen Raufbold ein, doch ein bißchen nach Irland herüberzukommen. Na, das tat jener dann und als er auf der Smaragdinsel war und sich die schöne Aussicht beguckte, kam Fin herbei und prügelte den Ausländer windelweich. Dann aber erlaubte er ihm, im Lande zu bleiben. Der Brite sah natürlich ein, daß Irland die allerschönste Gegend der Erde ist, und ließ es sich nicht zweimal sagen. Er siedelte sich in Ulster an und es ging ihm vortrefflich, so daß er gar keine Lust hatte, auf die unsympathische andere Insel zurückzukehren. Infolgedessen verfiel dann der Damm wieder, aber seine Spuren sind nicht nur hier zu erkennen, sondern auch drüben in Staffa und dazwischen auf der Insel Rathlin.

Wie der Führer vom Sieg des irischen Champions berichtet, leuchten seine Augen. So oft er die Geschichte täglich erzählt, sie bereitet ihm viel Vergnügen. Und deswegen widerspreche ich nicht.

Aber dann später liege ich auf dem weichen, leuchtenden Grase des steilen Abhanges. Unten peitscht die See eine zerfetzte Klippe. Ich bin allein, nur hinter dem nächsten Felsen sitzt ein Liebespärchen und benimmt sich stillvergnügt. Es ist bei der Brise ziemlich schwer, die traute Pfeife anzuzünden, aber endlich brennt sie doch. Und jetzt kann ich es mir gestehen: ich glaube dem Führer seine schöne Geschichte nicht. Sie hat sich ähnlich zugetragen, aber nicht ganz so. Alles, was ich bisher in Irland gesehen habe, gibt mir die Überzeugung, daß der Führer aus Nationalgefühl etwas aufschneidet und daß damals nicht der irische Riese den britischen, sondern der britische den irischen verhauen hat. Der ungeschlachte Kerl von drüben blieb als Eroberer im Lande und seine Enkel sitzen noch da.

Ich muß wieder an den Boynefluß denken, wo Fin Mac Couls Nimbus an seinen Enkeln zuschanden geworden ist. Wo die Leute von Ulster, Enkel des fremden Riesen, stärker waren als Fins Geschlecht.

Und denken muß ich an jenen Nachmittag auf dem Fußballplatz bei Belfast, an die rebellische Demonstration des Herrenvolkes von Ulster. Ja, sie sind ins Land gekommen, um zu sehen, wer stärker ist, sie oder die gutmütigen irischen Riesen. Mit dem Schwert in der Hand, oder nein, mit boxender Faust sind diese angelsächsischen Kolonisten ins Keltenland gekommen. Sie haben ihre Äcker besser bebaut als die gedrückten, blutarmen Bauern des anderen Volkes. Ihre Städte sind schmucker, reiner, fleißiger, sind wie die Städte der anderen Insel, sind wie zahllose königliche Städte ihres Stammes in hundert unterworfenen Ländern.

Und jetzt sollen sie sich einer Majorität katholischer Kelten fügen? Mit ihr zusammenarbeiten? Sich politisch von jener anderen Insel trennen lassen, die die Heimat ihrer Herzen ist?

Oh, man versteht hier die Frage von Ulster, hier vor den dunklen Türmen des Riesendammes. Ist hier Atlantis versunken, die verbrüdernde Brücke der Welten? England hat die neue Atlantis gebaut, das Reich über den Weltmeeren. Der Damm des Riesen ist längst zerrissen, aber England braucht keine trockenen Brücken und fürchtet keinen Schnupfen mehr. Ist der Damm des Riesen verschwunden, so haben die Engländer dafür jetzt so gute Dampfer! In zwei, drei Stunden ist man von Irland in England, und jedes Schiff ist ein Stück wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen, die nicht mehr zu lösen sind. Der Riese von drüben ist sehr gewachsen; im Bösen kommen Fin Mac Couls Enkel nicht mehr gegen ihn auf. Sie werden aber endlich einmal seine guten Freunde werden, wenn er sich gemütlich zeigt. Jetzt, nach einem Jahrtausend, ist er endlich dazu geneigt. Was kann auch der bescheidene Landtag von Dublin gegen die gewaltige Tatsache der englischen Seeherrschaft bedeuten? Aber den Iren wird er sehr viel bedeuten: den ehrenvollen Beschluß einer traurigen Geschichte, die honorige Austragung der Duellaffäre zwischen Fin Mac Coul und dem leidigen anderen Riesen, eine bescheidene moralische Genugtuung für den Unterlegenen. Mögen die Enkel des groben Eindringlings im Lande bleiben; Fin Mac Coul ist gastfreundlich. Aber seinen Selbstrespekt will er wieder haben. Und die Ulsterleute, die schließlich seit Jahrhunderten irisches Land bebauen und irische Luft atmen, sollten einen ehrenhaften Frieden zwischen zwei Nationen nicht hindern. Es wird vielleicht doch wieder eine Brücke geben zwischen Irland und der anderen Insel.

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