Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
Schließen

Navigation:

Für Homerule

Verehrter Sir Edward Carson,

vom ästhetischen Standpunkt aus wäre es ein Fest, Ihnen recht geben zu können. Männer wie Sie sind eherne Säulen, an denen man sehr bequem eines Herzens Begeisterung aufhängen kann. Trotz ist immer schöner als politische Räson, Herrenhochmut schöner als politischer Fortschritt. Aber der ästhetische Standpunkt taugt in der politischen Welt nichts. Auch sehe ich Ihnen gegenüber auf der feindlichen Seite nicht nur Redner und Politikaster, sondern auch einen Mann, an dem ich längst die Begeisterung meines Herzens gehißt habe. Bernard Shaw, den Dichter. Er ist ein Rebell wie Sie, und mir wird vom ästhetischen Standpunkt aus die Wahl schwer. Also ist es vielleicht gut, wir lassen die Begeisterung beiseite und sprechen sehr trocken und logisch über Homerule.

Wir Leute vom Kontinent sehen aus unserer politischen Instanz vielleicht klarer als Iren und Engländer, was denn jetzt bei Ihnen eigentlich vorgeht. Was bedeutet denn Homerule mehr, als daß ein vor hundert Jahren aufgehobener Provinziallandtag wieder eingerichtet werden soll? Wenn die Homerulebill, so wie sie die jetzige liberale Unterhausmajorität beschlossen hat, Gesetz wird, dann wird Irland eine Landesverfassung besitzen, wie sie etwa Bayern besitzt. Nein, die britische Reichsregierung wird in die irischen Angelegenheiten mehr hineinzureden haben, als die deutsche Reichsregierung in bayerische. Und doch ist Irland; anglisiert wie es ist, eine viel konsistentere besondere Volkseinheit als Bayern. Wenn man den Bayern nach den napoleonischen Kriegen oder nach 1866 ihre Autonomie weggenommen hätte, würden sie jetzt sicher ihren Landtag wieder haben wollen und die »Saupreußen« blutig hassen und Verschwörungen anstiften, und erst wieder Frieden geben, wenn man ihnen ihren Landtag und ihr Ministerium wiedergäbe. Um etwas anderes handelt es sich in Irland kaum. Nur daß dort die politische Sentimentalität viel stärker ist und daß die dortigen Saupreußen dort noch weniger beliebt sind.

Irland ist seit einem Jahrhundert mit England, Schottland und Wales »uniert«, das heißt, wird in allen rein irischen Angelegenheiten von Engländern überstimmt und spricht in allen rein englischen Angelegenheiten auf das Ungehörigste mit. Die englische Parlamentsgeschichte der letzten Jahrzehnte dreht sich unausgesetzt um das irische Problem, ist vergiftet mit dem irischen Problem.

Uns Ausländer geht es ja nicht viel an, es sei denn als Analogie für so manches Heimische. Aber es ist sehr sonderbar, mit anzusehen, wie eine große und herrliche Nation sich von einer sekundären Frage das Leben verbittern läßt. Hat England sonst keine Sorgen, als den irischen Provinziallandtag, der Jahrhunderte hindurch bestand und unbedeutend war und nächstens wieder unbedeutend werden wird? Ich muß an den armen Militärpolizisten von Limerick denken, der seines Lebens nicht froh wird, weil er Irland bewachen muß. Bei Shaw wird einmal von dem Spanierfeind Drake gesagt: Es war ja großartig, daß er den König von Spanien fest gezwackt und am Bart gezupft hat. Aber hätte er den Feind gepackt, an ein Seil gebunden und das Seil bis an sein Lebensende in der Hand behalten, wäre dann Drake nicht ebensosehr ein elender Gefangener geblieben, wie der König?

Na ja, die Kosten des Seiles bezahlt freilich der Gefangene. Im Jahre 1911 hatte jeder Engländer für seine hohe Polizei jährlich etwa 3½ Mark zu bezahlen, jeder Schotte 2½ Mark und der arme Ire fast 7 Mark. Die träge und erfolglose Bureaukratie von Dublin Castle kostet überhaupt ein Heidengeld. Nach offiziellen Angaben hat der irische Steuerzahler für die schlechte Verwaltung, unter der er leidet, mehr als das Doppelte zu zahlen, denn der englische Steuerzahler, der über seine Behörden nicht zu klagen hat. Die Verwaltung des blühenden Industriestaates Belgien kostet halb soviel, wie die Verwaltung des armen und minder volkreichen Irlands. Da das Land so viel Steuern zahlen muß, wird es wohl weise sein, dem Land seine Selbstverwaltung zu geben, auf die Gefahr hin, daß dann weniger Gehälter und Pensionen aus der irischen Staatskasse in die Taschen englischer Lords und Lordssöhne fließen.

Das muß man sich nämlich vor Augen halten, wenn man sieht, wie heftig das englische Oberhaus gegen Homerule ist: die hohe britische Aristokratie kommt bei Homerule zu kurz. Es ist fraglich, ob z. B. ein irischer Landtag dem Lord-Statthalter von Irland ein Jahresgehalt von viermalhunderttausend Mark geben wird, mehr als der großmächtige Präsident der dollarreichen Vereinigten Staaten bekommt.

Britisch-Indien hat genau die gleichen Schmerzen: es muß hungern, damit in London fette Pensionen verzehrt werden können.

Gott, vielleicht sind die Iren auch keine besonderen Sparmeister und verstehen sich künftig im eigenen Hause nicht besser einzuschränken. Aber dann werden sie dies mit sich selbst auszumachen haben und es wird ein Odium von England genommen sein.

Wie es nach Homerule in Irland aussehen wird, darüber zerbrechen sich viele Leute die Köpfe. Die Leute von Ulster erwarten eine Art polnischer Wirtschaft, illuminiert mit Scheiterhaufen. Was die Mißwirtschaft betrifft, so kann sie kaum ärger werden, als sie im Jahrhundert der Union gewesen ist. Und was die Scheiterhaufen betrifft: es wird keine Ketzerverbrennungen geben.

Gewiß, Irland ist in gewissem Sinne das klerikalste Land der Welt. Der irische Bauer wird von seinem Pfarrer beherrscht, wie kein niederbayerischer Bauer sich mehr beherrschen läßt. Aber deswegen muß dieser Zustand doch nicht ewig dauern, wenn alle anderen irischen Zustände verändert werden. Der irisch-katholische Priester, unwissend, abergläubisch, herrschsüchtig wie er ist, ist so nebenbei der einzige lebendige Kulturfaktor eines totgetrampelten Volkes gewesen, ein Jahrtausend hindurch. Er hat noch andere Qualitäten: er ist ein Ire, also gutmütig. So blutig die irische Geschichte war, nie sind im katholischen Irland Ketzer verbrannt worden. Heute übt der irische Klerus nach dem Zeugnis vieler Protestanten eine sehr löbliche Toleranz. Man erzählt sich eine Geschichte von einem anglikanischen Pfarrer in Irland, der eine fette Pfründe hatte, eine stattliche alte Kirche, ein schönes Pfarrhaus, aber leider, wie das in Irland so ist, keine Gemeinde. Eines Tages kam der Herr Bischof visitieren. Herr Pastor, wo nehmen Sie jetzt rasch eine Gemeinde her? Da sandte der Pastor nebenan zum katholischen Pfarrer, der weder Pfründe noch alte Kirche hatte, aber Gemeinde mehr als zuviel. Und der Pfarrer war lieb und borgte dem Kollegen eine Gemeinde, so daß der Visitationsgottesdienst nett verlief. Es ist eine Anekdote, aber sind nicht alle guten Anekdoten irgendwie wahr?

Da liegt ein grünes Buch vor mir, darin gibt es ein Dutzend Seiten voll von lauter Zeugnissen, die alle sagen: Der irische Katholik ist kein Protestantenfresser. Auch starre Ulsterleute geben das zu. Es gibt nur eine Art religiöser Intoleranz in Irland: die protestantische Muckerei von Ulster. In jedem öffentlichen Klosett von Belfast kann man die gekritzelte Inschrift finden: Zur Hölle der Papst! Nichts Analoges im katholischen Irland, vielleicht weil die Ulsterleute eben Engländer mit fixen Ideen sind und die Iren nur Kelten mit fixen Träumereien. Der irische Ultramontanismus scheint mir recht sehr von der irischen verträumten Art zu sein: mehr ein Gemütszustand, als eine politische Kraft. Die englischen Protestanten wollten bis vor kurzem den irischen Katholizismus ausrotten. Also lebt er. Bis zur Katholikenemanzipation war der katholische Priester der einzige Ire in einer Art öffentlicher Stellung, lange der einzige mit höherer Bildung. Er war der natürliche Führer seines Volks. Es konnte bei guten Iren keine antiklerikale Stimmung aufkommen, denn die Kirche war verfolgt. Shaw sagt wieder einmal sehr richtig: wäre zur Zeit Voltaires die Kirche von Frankreich von Hugenotten unterdrückt gewesen, dann hätte Voltaire nicht antiklerikal sein können, ohne ein Volksverräter zu sein.

Kein Wunder, wenn jeder Ire an seinem Priester hing, solange die katholische Kirche in Irland rechtlos war. (Die einzig religiöse Majorität in Europa, die jahrhundertelang von einer religiösen Minorität tyrannisiert wurde.) Seitdem die irischen Katholiken emanzipiert sind, herrscht in Irland der Priester, weil England es so gewollt hat. Die Klerikalen von der englischen Hochkirche sind auf das engste mit den katholischen Ultramontanen verbündet. Mit Hilfe der irisch-katholischen Stimmen hat die englische Kirchenpartei das Schulgesetz von 1902 geschaffen, das die Schule der Kirche ausliefert, in Irland der katholischen Kirche. Die Schulen sind in Irland überaus zahlreich, denn natürlich darf ein katholisches Kind nicht mit einem anglikanischen, ein anglikanisches nicht mit einem methodistischen die gleiche Bank glatt scheuern. Dabei gibt es skandalös viele Analphabeten, denn der Herr Lehrer hat mehr zu tun, als zu unterrichten: er muß vor dem Herrn Kaplan zittern. Der Herr Kaplan darf den Lehrer jederzeit entlassen; paßt es dem Herrn Lehrer nicht, so kann er appellieren – an den hochwürdigen Herrn Bischof. Was ein kühner Wunschtraum der mächtigsten kontinentalen Pfaffen ist, ist in Irland Tatsache. Und warum sollten unter diesen Umständen die irischen Priester Homerule ersehnen? Kann es ihnen noch besser gehen, als mit Hilfe der herrschenden englischen Protestanten?

Die Sache ist die: der irische Priester hat nur Einfluß, weil er der Führer im nationalen Kampfe ist; fiele er ab, dann wäre er gestürzt. Ist der Kampf vorbei, dann wird der Einfluß der Kirche sehr geschwächt sein. Oh nein, Homerule, die Heimregierung der Iren, wird nicht »Romerule« sein, die Romregierung über Irland. Man weiß das nirgendwo besser als im Vatikan. Die päpstliche Diplomatie liebäugelt seit langer Zeit mit der Hochkirche von England und hat ihr manchen Gefallen getan. Der irische Klerus durfte sich nicht offen engländerfreundlich zeigen, weil er sonst von seinen Gläubigen einfach verjagt worden wäre, aber wenn die Verschwörungen der Fenier und anderer revolutionärer Geheimbünde im vorigen Jahrhundert immer wieder mißlangen, so hatte der höchst patriotische und nationalistische Klerus von Irland die Schuld daran, denn er bedrohte alle Geheimbündler mit dem Kirchenbann. Tatsächlich könnte der römischen Kirche gar nichts unangenehmer sein, als eine Losreißung Irlands von England, und schon die bloße provinzielle Autonomie Irlands ist dem Vatikan nicht erwünscht. Jetzt sitzen im Londoner Unterhaus achtzig irische Katholiken; nach der Reform werden nur einige dreißig drin sitzen. Ist das eine erfreuliche Aussicht für den Vatikan? Bezeichnend ist, daß viele englische Katholiken zu den heftigsten Homerulegegnern gehören. Sie fürchten ein Schwinden des katholischen Einflusses im Unterhaus.

Und vor allem: sobald die Iren ihr Parlament haben, werden sie ihre antiklerikale Bewegung haben. Ich sehe den Tag kommen, an dem die konservativen protestantischen Mucker von Ulster zusammen mit den Ultramontanen von der katholischen Partei einen reaktionären Block bilden und der Rest von Irland gegen sie steht. Der irische Klerus ist heute allmächtig, weil er den alten Königstraum der Iren gut auszunützen verstand. Aber es gibt ein Erwachen aus diesem Traum und das heißt Homerule. Nein, Romerule wird es nicht werden, Sir Edward Carson. Romerule haben eben Sie gestützt; Romerule herrscht jetzt in Irland. Es gibt etwas, was einen fast an die universalen Ansprüche der katholischen Kirche glauben ließe: wenn in irgend einer Konfession Zeloten aufstehen, ob in Ulster protestantische oder im heiligen Synod griechisch-orthodoxe, oder im Pariser Wohlfahrtsausschuß jakobinische, immer kämpfen sie indirekt für Rom.

Wenn Sie gegen Rom sind, Sir Edward, sollten sie für Homerule sein. Klerikaler kann Irland unmöglich werden, als es ist. Gewiß, es gibt zunächst ein rechtes Bauernparlament, in dem die Pfaffen den Takt geben werden. Aber da sind die Arbeiter von Dublin und Belfast; die pfeifen ganz brüderlich schon heute auf den katholischen Nationalismus und den protestantischen Ulsterkonservativismus; ihr Führer Jim Larkin ist ihnen wichtiger als John Redmond und als Sie, Sir Edward – sie wollen leben und nicht träumen. Der große Transportarbeiterstreik des letzten Jahres hat gezeigt, wie stark die irischen Arbeiter heute schon sind. Brian Boroimhe und die Schlacht am Boyne zusammengenommen werden bald auf dem politischen Misthaufen liegen. Moderne Probleme erobern sich auch das rückständige Irland; da muß zunächst mit allen fossilen Resten aufgeräumt werden.

Der große Besen heißt Homerule. Er wird all den alten Spuk ins Museum fegen, der heute das Irische an Irland ist und das Irische an Ulster ebenfalls.

Die Zeit der nationalistischen Träume ist auch für Irland aus, denn jetzt werden sie erfüllt.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.