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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 21
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
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Ulster

Lange wußte man, daß das eine Art Überzieher ist. Dann vernahm Europa, daß Ulster in Irland liegt und daß Ulster und Irland einander hassen. Dann nahm all dieses Geographische ein bestimmtes Gesicht an, das Gesicht eines starken Menschen. Wer heute an Ulster denkt, der denkt an Sir Edward Carson, den Führer der Orangisten, den Todfeind von Homerule.

Vielleicht geht nämlich Homerule uns Kontinentale erst in zweiter Linie etwas an, und ob ein paar Grafschaften im Nordosten von Irland gegen Homerule sind, das erst in dritter Linie.

Uns alle aber geht es an, und wir alle sollten mit Spannung aufmerken, wenn irgendwo am fernsten Horizont die Gestalt eines Mannes aufragt, eines Mannes von mehr als gewöhnlichem Wuchs. Ob ein bedeutender Volksführer recht oder unrecht hat, ob er die Massen in eine verderbliche, ob in eine segensvolle Politik hineinreißt, das ändert wenig an dem menschlichen Interesse, das man einem solchen großen Kondottiere entgegenbringt. Genug, es lebt heute im alten Europa ein Mensch, der mit einem Wort tausend Herzen aufwühlen kann. Das ist der Sehr Ehrenwerte Sir Edward Carson M. P., der ungekrönte König von Ulster, der General der Rebellenarmee von Belfast, der Ministerpräsident der revolutionären Regierung. Viele Würden, darunter einige zweifelhafte! Aber er trägt sie, daran ist kein Zweifel, wie ein Mann.

Seitdem ich in Irland bin, höre und lese ich den ganzen Tag nur von diesem Menschen, der entweder Satan oder ein Erzengel sein muß, so gut und so schlecht wird er gemacht. Und das ist sicher: es ist nichts Gewöhnliches, was er treibt. Er fährt durch Ulster und organisiert ganz offen eine revolutionäre Armee gegen England unter dem Vorgeben, daß Ulster England liebt und bei England bleiben will. Wenn die Regierung fest bleibt und Homerule in einigen Monaten Gesetz wird, dann wird sich Ulster von dem neuen irischen Parlament nicht regieren lassen, sagt Edward Carson. Ulster wird keine Steuern zahlen, und Ulster wird schießen. Denn, sagt Edward Carson, wenn Ulster sich der liberalen Unterhausmajorität fügt und mit Lammsgeduld in den autonomen irischen Staat eintritt, werden die irischen Jesuitenknechte den letzten Protestanten aus Irland jagen, wenn sie ihn nicht etwa vorher auf einen Scheiterhaufen gestellt haben werden. Und, sagt Edward Carson, wie einst unsere Ahnen am Boynefluß gekämpft haben – –

Die Zeitungen sind voll, bersten, platzen. Da wird von der Armee erzählt, die Sir Edward ausrüstet. In Belfast und auf dem flachen Lande gibt es zahllose »Exerzierklubs«. Da lassen sich die begeisterten Orangeleute drillen. Ach so, »Orangeleute« heißen sie natürlich wegen der Schlacht am Boyne und Wilhelm von Oranien. Einer der größten Fabrikanten von Belfast teilt durch die Zeitungen mit, daß er als gemeiner Soldat in den Reihen eines Bataillons steht, das seine Arbeiter gebildet haben. Sein Haushofmeister, ein früherer Unteroffizier, kommandiert den gnädigen Herrn. Ein anderer Gentleman verkündet wieder der Presse, daß er sich von seinem Gärtner drillen läßt. Die Ulsterleute heben solche Dinge stolz hervor, nur um zu zeigen, wie demokratisch ihre Bewegung ist, aber wenn sie es wäre, würde man von solchen selbstverständlichen Dingen nicht reden.

Die Armee von Ulster hält große Paraden ab; gewesene Offiziere, selbst Generale außer Dienst befehligen dann diese Scharen von Bauern und Bürgern. Aktive königliche Offiziere senden Zustimmungstelegramme. Die Regierung rührt sich nicht, sie glaubt an einen Bluff, und überdies ist es in England erlaubt, einen Aufstand vorzubereiten. Nur aufstehen darf man nicht.

»Bluff!« sagen die irischen Nationalisten und lachen sich schief über die Drillklubs, über die provisorische Regierung, die Sir Edward einsetzen will, über ihn, der in den Karikaturen immer ein Krönchen auf dem Kopf trägt, als der König von Ulster, der er ist, über seinen Adjutanten Captain Craig, über Ulster, die Schlacht am Boyne und die englischen Unionisten. Und immer wieder sagt Ulster: Lacht nur, wir werden doch schießen. Gott, vielleicht würde es sich der Fabrikant im letzten Moment überlegen, aber sein Sergeant und der Haushofmeister, werden die nicht losdrücken? Denn, Bluff oder nicht Bluff, in Ulster herrscht eine Begeisterung, ein Fanatismus sondergleichen. Keine vernünftige Ansichtskarte von Belfast bekommt man in den Geschäften zu kaufen, überall sieht man Carsons Bild und Aussprüche von Carson und Karikaturen des bösen Nationalistenhäuptlings Redmond und wie er die Protestanten austreiben wird, und sieht man Bilder von der Schlacht am Boyne und wackere Orangemänner, die sich nicht ergeben, und das Schiff Montjoy, das bei der Belagerung von Londonderry die Hafensperre durchbrach und darunter eine Inschrift: Ulster sei jetzt Montjoy II und breche durch Homerule hindurch. Und Exemplare des »Covenant«, des feierlichen Treueides gegen Homerule. Und Plakate, auf denen Iren gemalt sind, wie sie während des Burenkrieges Hurrah riefen, wenn recht viele englische Soldaten gefallen waren. Und wieder und noch einmal Bilder von Sir Edward Carson, dem ersten Bürger von Ulster.

Dabei ist Sir Edward Carson gar kein gebürtiger Ulstermann, so wenig wie Napoleon ein Franzose war. Carson stammt aus Dublin, ist aber als Protestant natürlich ein Angelsachse. Er ist Jurist, und zwar einer der ersten Juristen seiner Nation. Er begann als Rechtsanwalt in Dublin, dann ging er nach London und brachte es dort in der konservativen Ära zu viel Geld und hohen Ehrenstellen; so wurde er P. C. (Mitglied des Privy Council, also Wirklicher Geheimer Rat) und bei uns würde man ihn bestimmt Exzellenz schimpfen. Auch den Titel »Sir« vor seinem Namen hat er sich durch Tüchtigkeit geholt. Er wird auf ein sehr großes Vermögen taxiert. Er könnte in London höchst geruhig in Freuden und Ehren dem anbrechenden Alter entgegensehen. Das Trinity-College in Dublin, wo noch immer die evangelische Geistlichkeit dominiert, sendet ihn immer wieder als Universitätsvertreter ins Unterhaus; er könnte dort auf seinem bequemen Sitz hübsch ohne Aufregung seine konservative Politik treiben und abwarten, ob nicht wieder die Unionisten ans Ruder kommen und ihn zum Minister machen. Aber nein, Sir Edward Carson denkt gar nicht an ruhiges Abwarten. Solche Naturen brauchen das rasende Tempo agitatorischer Reisen, die donnernden Zurufe begeisterter Versammlungen, das Pathos hallender Reden. Und so geht denn dieser Alternde, Gesättigte wie ein Jüngling hin und organisiert Revolutionsarmeen und läßt sich von Kongressen an die Spitze provisorischer Regierungen stellen und wirbelt im Lande herum, ohne Ruhe und Rast. Mit seinem vielgetreuen Captain Craig rast er über die nordirischen Landstraßen, erscheint heute, gefolgt von konservativen Lords und Herzögen, in Armagh, präsidiert morgen in Portrush einer Volksversammlung, sagt Montag in der Orangeloge zu Londonderry, man möge sich zur Steuerverweigerung rüsten, erscheint Dienstag an der historischen Furt des Boyne bei Drogheda und sieht zu, wie das Signalkorps der künftigen Ulsterarmee an dieser bedeutsamen Stätte manövriert und schreitet Fronten ab wie ein Fürst, und spricht lobende Worte wie ein Fürst, und wird angestaunt wie ein Fürst. Überall, wo er hinkommt, holen ihn Ehrengarden ein und er läßt lange Reihen gedrillter Farmer an sich vorbeimarschieren und sagt immer und immer wieder dieselben eigensinnigen Worte: »Wir sind gute Engländer und wir wollen beim Reich bleiben. Wenn man Irland vom Reich lostrennt und in Dublin eine irische Regierung einsetzt, werden wir dieser Regierung unserer Feinde nicht gehorchen. Wir werden kämpfen, wie unsere Feinde am Boynefluß. Kein Homerule! Es lebe der König!«

Denn Sir Edward Carson ist ein Royalist; nur wird er auf des Königs Truppen schießen, wenn der König das Homerule-Gesetz sanktioniert.

Und durch ganz Nordostirland schallten die Schreie: No Homerule! No surrender! Ulster will fight and Ulster will be right! (Ulster wird fechten und mit Rechten!) Es sind trotzige, harte und pathetische Menschen, die Puritaner von Ulster.

An einem Wochenende, als Sir Edward Carson sich im Landhause seines Freundes Craig in der Nähe von Belfast ein bißchen von den ungeheuerlichen Strapazen der Agitation ausruhte, bin ich auf seine freundliche Einladung zu ihm hinausgefahren. Ich fragte den Kutscher eines der seitlich offenen Pferdewägelchen, ob er mir für den Nachmittag zu einem Ausflug zur Verfügung sein wolle. Da machte der Kutscher ein bedenkliches Gesicht; ein Belfaster Kutscher ist immer empört, wenn man ihn engagieren will. Da sagte ich, die Fahrt gehe nach Craigavon. Da strahlte der Kutscher, der ein guter Orangemann war, und war gleich bereit, den Fremden zu fahren, der zu Carson nach Craigavon wollte.

Über die Hafenbrücke, durch Leben und Gewirr. Dann lange, staubige Vorstadtstraßen, die auf einmal wieder sehr irisch sind. Dann grüner Rasen und kokette kleine Einfamilienhäuser um stattliche Fabrikantenvillen. Irgendwo hinter der Ebene blaue Berge und ein Duft von der See. Dann eine vornehme Einfahrt in einen riesigen Park; altgepflegte Grasparterre, die langgestreckte Glasveranda eines Schloßbaues. Vor der Veranda sitzen auf göttlich faulen Gartenstühlen, unter roten Schirmen in der glanzvollen Sonne zwei ältere Gentlemen und genießen das freie Wochenende. Captain Craig, groß, massig, mit blühender Gesichtsröte, steht auf, kommt mir entgegen, wie ich vom Wägelchen steige und fragt mich interessiert: »How do you do?« Dann bin ich bei Sir Edward Carson. »How do you do?« fragt er. Eine gar nicht so dumme englische Sitte, die Leute, die man kennen lernt, gleich zu fragen: Wie geht es Ihnen? Man zeigt den Leuten damit: von jetzt ab interessieren wir uns für einander.

Dann kommt der zweite Teil der Formalität. Wir fangen an vom Wetter zu sprechen. Ein feiner Tag, nicht? Gestern hingegen – –

Ich kann das schon auswendig und habe Zeit, den Mann zu betrachten, an dem vielleicht die Geschicke Englands und Irlands hängen, den »neuen Cromwell«, wie ihn seine Anhänger nennen, den Rebellen von Ulster.

Ich sehe einen typischen Engländer, groß, stark, glatt rasiert, mit etwas vorspringender Unterlippe, einer Adlernase, dunklen, streng gescheitelten, nicht mehr ganz vollen Haaren über einer hohen, knochigen Stirn, mit düsteren Brauen über etwas starren Augen, die schon viel erlebt haben müssen. Sir Edward ist mehr als fünfzig Jahre alt. Aber einem Engländer von guter Klasse sieht man ja so etwas nicht an.

So sitzt er da in seinem Stuhl, selbstverständlich in seinen bequemen und doch so straffen Kleidern, raucht seine kurze Pfeife, ist müde von einer Woche voll Autogerase und Volksversammlungen. Es ist eine Zumutung von mir, ihn jetzt über seine Politik ausfragen zu wollen. Aber er ist lieb und freundlich, und wenn ich frage, spricht er, und wenn er spricht, wird er warm und ich sehe, wie da eine dunkle Leidenschaft auch am faulsten Wochenende auf der sonnigsten Parkterrasse, im bequemsten Liegestuhl ihre Eruptionen fortsetzt.

Vom Wetter gleitet das Gespräch zunächst auf den Sommer, und Sir Edward klagt, wie müde er schon ist und wie er sich danach sehnt, nach Wiesbaden in ein Sanatorium zu fahren. Oh, er ist ein großer Freund Deutschlands, sitzt im deutsch-englischen Verständigungskomitee, ist gern bei uns.

Ich denke daran, daß die Ulsterleute verschiedentlich der Regierung gedroht haben: wenn Ihr uns den Iren ausliefert, werfen wir uns dem Kaiser Wilhelm in die Arme. Während bei uns wieder chauvinistische Schwachköpfe davon geträumt haben (und in hellichten Zeitungen davon geträumt haben), die Aversion der irischen Nationalisten gegen England militärisch auszunützen. Ein Unsinn sondergleichen, denn die irischen Regimenter sind, wenn es zum Schlagen kommt, stets noch die treuesten Truppen Englands gewesen und lest nur im Kipling die kostbare Geschichte nach, wie einer in Indien ein irisches Regiment zum Meutern verleiten wollte und wie das Regiment ihn fest Bier zahlen ließ und dann unter irisch-revolutionären Gesängen wacker auf den Feind losschlug. Das sind die Iren von Irland; was die Ulsterleute betrifft, so sind sie ja Starrköpfe und, wenn Lloyd George sie reizt, zu verschiedenem fähig. Aber dazu doch kaum.

Sir Edward sagt auch keinen Ton von hochverräterischen Sympathien und einer hypothetischen deutschen Invasion. Hingegen spricht er ganz fröhlich davon, wie er sich gegen Lloyd George empören will, wenn der Kerl nicht nachgeben will und Ulster von der Union losreißt. Mit einem satten Leuchten in den Augen erzählt der Volksführer, wie man ihm in diesen Wochen zugejubelt hat, in Armagh bald und bald in Derry und wie tüchtig die Drillklubs üben.

»Sind Ihre Leute bewaffnet?« frage ich und erwarte keine positive Antwort.

»Darüber kann ich mich nicht äußern«, sagt Sir Edward und lächelt mich an. Genügt, Sir Edward, ich habe etliches von Waffenschmuggel munkeln gehört. Vielleicht haben Sie nichts dagegen, daß man munkelt. Sie betreiben Ihre Verschwörung erstaunlich offenherzig, denn wenn die Regierung vorher Angst kriegt und Ihre Armee nicht erst antreten muß, ist Ihnen das jedenfalls lieber.

Ich sage das nicht, sondern frage, auf wie viele Soldaten die provisorische Regierung von Ulster denn rechnet.

»Hunderttausend!« sagte Edward Carson langsam.

Hm. Da werden doch wohl einige Babys mit ausrücken müssen. Nach der Volkszählung von 1911 wohnten in den nordirischen Grafschaften, die zusammen den historischen Namen Ulster tragen, etwa 1 600 000 Menschen, und Sir Edward Carson selbst behauptet nicht, daß alle diese Menschen bereit sind, sich gegen Homerule zu erheben. Zunächst gibt es fast 700 000 Katholiken in Ulster; die werden natürlich schlechte Rekruten für die antikatholische Armee abgeben. Und auch sonst ist so mancher Mann in Ulster gegen Carson. Nur vier von den neuen Grafschaften Ulsters sind den Orangeleuten ganz sicher; auf zwei andere glauben sie noch halbwegs rechnen zu können. Nur sechzehn von den dreiunddreißig Abgeordneten Ulsters sind Unionisten. In der Hauptstadt Belfast selbst bilden die Katholiken fast ein Drittel der Bevölkerung. Die Arbeiterpartei ist gegen die Orangisten. Auch fehlt es nirgends völlig an liberalen Minoritäten, die zum Teil aus guten Protestanten bestehen. Freilich, auf dem flachen Land, in den Grafschaften Down, Antrim, Armagh und Londonderry herrscht die Ulsterpartei unbeschränkt. Allerdings, von jubelnden Zurufen in den Volksversammlungen bis zum Aufstand gegen das Gesetz ist noch so mancher Schritt, und es ist schwer zu begreifen, warum diese Schritte denn getan werden müssen. Indessen in England, in dem von uns Kontinentalen als Muster aller politischen Ordnung angestaunten England, gehören politische Gewalttätigkeiten seit jeher zum Programm strebsamer Minoritäten. So wie jetzt die Suffragetten Bomben schmeißen und Minister insultieren, weil das Kabinett in der Stimmrechtsfrage nicht ihrer speziellen Ansicht ist, ebenso wird Ulster schießen, wenn das Kabinett in der Homerulefrage nicht seiner speziellen Ansicht ist.

Sir Edward Carson sucht mir eindringlich und mit einer gewissen gierigen Hast klar zu machen, daß Ulster sich in einer furchtbaren Notlage befindet und schießen muß, wenn es seine Ansicht nicht friedlich durchsetzen kann. Er sagt: Wir sind reich, der Rest von Irland ist arm. Wir sind Engländer, jene sind Kelten. Wir sind Protestanten, sie werden von Rom gegängelt. Seit jeher waren wir dem Reich treu, sie waren von jeher Rebellen. Jetzt will man uns, die wir Engländer bleiben wollen, gewaltsam aus England ausschließen, will uns Enkel Cromwellscher Puritaner und schottischer Presbyterianer einem ultramontanen Landesparlament ausliefern, das ja vielleicht nicht sofort ein Gesetz gegen die Gleichberechtigung der Protestanten beschließen, aber täglich katholische Schutzleute, Lehrer und Steuererheber nach Londonderry senden würde.

Ich sage, daß wir wissen, was eine ultramontane Regierung ist, daß aber die Majorität der Iren auch nicht immer ultramontan sein wird. Heute ist der katholische Priester der Vorkämpfer für die nationale Befreiung, und gerade daß die Unionisten den religiösen Gegensatz zu einem politischen und nationalen machen, gerade das stärkt die Macht des katholischen Klerus. Auch bietet das Homerulegesetz alle möglichen Garantien für die Parität beider Konfessionen und daß Ulster stark und reich ist, ist eine Garantie mehr. Schließlich: wenn den irischen Unionisten dieses Homerulegesetz nicht gefällt, warum beantragen sie kein besseres?

Sir Edward Carson steht heftig auf und sagt: »Nie!« Er glaubt nicht, daß die Autonomie für das irische Irland gut ist; diese arme Bevölkerung wird aus dem Verband des britischen Reiches getrieben und wird vor allem das britische Kapital, das sie braucht, nicht mehr bekommen. Ich erlaube mir meinen Zweifel auszudrücken. Sir Edward Carson meint, jedenfalls gehe das Ulster nichts an. Er habe zweimal im Unterhaus vorgeschlagen, man möge den Iren ihr Homerule geben, aber Ulster – das ganze Ulster, auch die katholischen Grafschaften – ganz aus dem Spiel lassen. Man könne ein königstreues Gebiet nicht gegen seinen Willen aus der historischen Gemeinschaft mit England lösen und einer feindlichen Übermacht ausliefern. Das wolle die Majorität des britischen Volkes nicht.

Ich sage: das Unterhaus des britischen Parlaments hat aber zweimal hintereinander für Homerule gestimmt. Wenn es zum drittenmal die Bill annimmt, ist sie Gesetz, wenn die Lords sie auch wieder verwerfen. Was dann?

»Dann werden wir fechten!« sagt Sir Edward Carson. Captain Craig nickt, winkt mir, aufzustehen und führt mich langsam zur Mitte der Schloßterrasse. Hier ist in den Stein eine Bronzetafel mit einer Inschrift eingelassen, die verkündet: Hier hat am 13. Juni 1912 Sir Edward Carson Zehntausenden von Bürgern den »Covenant« vorgelesen und hier wurde er unterzeichnet und beschworen. Unter feierlicher Anrufung Gottes haben hier die Protestanten von Ulster gelobt, lieber zu sterben, als dem verachteten Volk sich zu fügen, das ihre Väter am Boynefluß so glorreich geschlagen haben.

Da sind wir bei Schwüren, Manifesten, beim Gefühl und Pathos. Ich sehe mir den guten Captain Craig von der Seite an und finde plötzlich: er sieht eigentlich irisch aus. Ich weiß im Augenblick nicht genau, spricht da der trotzige Herrensinn von Engländern oder die politische Träumerei von Iren? Vielleicht ist es eine Mischung. Diesem Edward Carson glaube ich sein angelsächsisches Herrentum. Aber er führt eine Masse von lauter in Irland geborenen Individuen. Ob dieses ewige Gerede von Wilhelm von Oranien nicht eine andere Form des Geredes von Brian Boroimhe ist? In Leinster und Munster stammen alle Leute von alten irischen Königen, in Ulster von den Besiegern dieser Könige, von den Helden der Schlacht am Boyne und der Belagerung von Londonderry. Es ist mindestens verdächtig. Aber wehe dem Land, wo Traum gegen Traum steht!

Sir Edward Carson spricht weiter mit mir, häuft Argument auf Argument, hat recht oder nicht, pfeift aber im Grunde auf alle politische Logik. Das letzte Argument der Ulsterleute, und darin sind sie sicher Engländer, ist ihre fixe Idee; ein konfessionelles Vorurteil und ein starker politischer Herrenwille. Sie wollen Homerule erstens nicht, weil sie es nicht wollen, zweitens erst aus Gründen der Überzeugung, drittens wieder, weil sie nicht wollen. Diesen starken Eindruck bekommt man. Gewiß, vieles, was Carson anführt, wird schon richtig sein. Es sieht in Ulster besser aus als im übrigen Irland, in den sauberen Städten wird gearbeitet und auf dem Lande wohnen behäbige Landwirte auf stattlichen Höfen. Man kann, wenn man will, verstehen, daß reichere und besser gewaschene Leute ärmere und schmutzige Nachbarn nicht leiden mögen. Aber gleich über den Zaun schießen?

Und man kann sogar verstehen, daß strenggläubige Protestanten nicht viel von einem autonomen Landtag erhoffen, der zunächst vielleicht von katholischen Geistlichen beherrscht werden wird. Doch es sieht genau so aus, als wären in Irland die religiöse Intoleranz und der religiöse Fanatismus im Norden stärker als im Süden. Die irischen Nationalisten legen allmählich ihre radikalen Allüren ab – in Ulster schreit man nach Flinten und ist bereit, wieder zum Boynefluß zu marschieren, kurz, die Religionskriege des siebzehnten Jahrhunderts von neuem zu beginnen. Diese trotzigen, verschlossenen Menschen wären es sehr wohl imstande, aber es wird wohl schließlich doch nichts daraus werden. In den Kopf eines zivilisierten Menschen von 1913 geht der Gedanke nicht hinein.

Aber leider handelt es sich hier um Leidenschaften. Meine beiden liebenswürdigen Mitunterredner haben Momente, in denen sie völlig verbissen aussehen. Dann kommt ein kurzes: »Nein!« oder »Nie!«

Die Frage ist nur, ob die große Masse der Einwohner von Ulster wirklich mit diesen Männern gehen wird, bis zum Krieg gegen das Vaterland, bis zum Hochverrat. Vorläufig, da noch mit Stöcken exerziert wird, ist die Begeisterung im Lande nicht gering.

Mein Kutscher hat gesehen, wie mir Sir Edward Carson freundlich die Hand geschüttelt hat. Und obwohl er ein verschlossener, unfreundlicher Kerl ist, wie die meisten Belfaster, wird er nun auf der Rückfahrt ungemein liebenswürdig und lächelt mich vom Bock herab an und strahlt und sagt, der Carson und der Craig, das seien doch feine Burschen, er glaube, die besten Iren von ganz Irland. Also für einen Iren hält sich der Kutscher doch, und vielleicht hält er später einmal die Iren im Süden und Westen für Brüder und Landsleute. Bis dahin wird noch Zeit vergehen, so viel ist gewiß. Aber wird und kann im Jahre 1915 in einem Lande Europas ein Religionskrieg ausbrechen?

*

Am nächsten Tage war ich dabei, wie Sir Edward Carson in Westbelfast zur Menge redete. Die ganze Stadt war an jenem Tage in Aufruhr. Die ärmlichen Quartiere im Westen waren beflaggt, überall sah man auf Triumphbögen, über den Türen, auf Fahnen Carsons Bild und Namen, überall das Emblem der britischen Reichseinheit. Manchmal aber waren Seile quer über den Weg gespannt, und daran hingen ausgestopfte Puppen: Mister Asquith, Mister Lloyd George, Mister John Redmond in effigie. Auf einem weiten Fußballplatz am äußersten Ende der Stadt waren Tribünen aufgeschlagen; hier saßen gutgekleidete Damen und Herren mit den Abzeichen orangistischer Vereine. Auf jeder Plattform führte eine Lady den Vorsitz; denn ein großer Frauenverein hatte zu dem Meeting geladen. Unten auf der Wiese drängten sich Zehntausende aus dem Volk. Man vertrieb sich die Zeit mit Hochrufen und Liedern. Auf einmal geht ein Ruck durch die Menge. Wie ein elektrischer Strom lose Eisenspäne fest an einen Magneten bindet, so waren diese einzelnen plötzlich zu einer Einheit zusammengeschweißt; durch ein heulendes, ein frenetisch winkendes Spalier hielt der Führer seinen Einzug. Junge Männer eskortierten ihn; jeder trug am Arm eine trikolore Schleife mit der Aufschrift: Ehrengarde.

Sir Edward besteigt die Plattform, auf der man mir Fremden freundlich einen guten Platz gelassen hat. Unten wogt die Menge in dieser einen Richtung; die andere Plattform, auf der andere Unionistenführer zu reden beginnen, ist fast verlassen. Alles ruft, schreit, singt. Da winkt Sir Edward Carson einmal leicht mit der Hand, und nun fliegt ein großes Schweigen windschnell über den Platz. Edward Carson ist heiser; seine Stimmbänder haben in den letzten Wochen Übermenschliches ertragen müssen. Dennoch hört ihn jeder, man errät, was er sagt, denn er sagt ja immer dasselbe: »Wir wollen und wollen und wollen nicht!« Eine Menge dürstet nie nach Argumenten; sie will Überzeugung und Energie fühlen. Und als er schweigt, da springen die auf der Tribüne auf, die unten drängen vor, wie eine wildgepeitschte Woge. Tausend Hände in der Luft, tausend Köpfe entblößt. Freche, herausfordernde Pistolenschüsse krachen.

»Wir meinen es ernst!« sagen diese Schüsse. »Wir haben Waffen und werden uns ihrer bedienen.«

Nach dem großen Ausbruch wieder ein Moment der Pause und nun singen alle: »For he is a jolly good fellow.« Jetzt teilt sich die Flut wieder: von der überstolzen Ehrengarde begleitet, schreitet Sir Edward Carson zur anderen Plattform, um dort noch einmal dasselbe zu sagen. Auf unserer Plattform treten neue Redner vor; alle feiern den großen Führer von Ulster, sprechen mehr von ihm als von seiner Idee. Aber nur wenige hören zu; die meisten haben sich zur zweiten Plattform hingedrängt, um Sir Edward noch einmal dasselbe sagen zu hören, um noch einmal zu schreien, noch einmal zu singen.

Und andere Töne mischen sich in das burschikose Huldigungslied. Plötzlich steigt von einer Ecke des Platzes ein feierlicher Choral auf. Fromm sind sie, diese Söhne und Töchter der Puritaner, diese großen, starken Männer, die festen und etwas knochigen Frauen, die sich da um die Plattform drängen.

Und drüben spricht Sir Edward Carson wieder: »Wir sind Engländer, wollen Engländer bleiben, wollen keine irische Autonomie. Wenn man sie uns aufdrängt, werden wir kämpfen wie am Boynefluß.« »No Homerule!« rufen Tausende. Hundert Fahnen werden geschwenkt, alle geschmückt mit dem Zeichen der Union. Und wieder Pistolenschüsse. Und wieder ein Moment der Stille; dann erschallt plötzlich aus aller Munde laut und inbrünstig die Königshymne.

»God save the king! Our most gracious king – –«

Aber sie sind bereit, gegen des Königs Truppen zu kämpfen, wenn der König das verhaßte Gesetz unterzeichnet.

Ruhig wie ein Triumphator steht Edward Carson an der Brüstung und blickt hinab auf den Enthusiasmus, auf die für ihn erhobenen Fäuste. Und doch hat er den müden Zug um den Mund und gestern, draußen in Captain Craigs Villa, hat er mir immer wieder gesagt: »Ich bin erschöpft!«

Er sah so aus; es ist keine kleine Sache, ein friedliches Land zur Empörung aufzupeitschen, ein rebellisches Pathos durch lange Sommermonate aufrecht zu erhalten, eine drohende Waffe im Feuer einer Massenekstase zu schmieden.

Und immer wieder wird er das Land im Auto durchrasen müssen und die gleiche starre Rede halten, der ungekrönte König von Ulster; dieses Ulster darf nicht einen Moment zur Ruhe kommen, damit der Moment, in dem das Homerulegesetz durchgeht, das Land in weißglühender Leidenschaft finde.

Man halte davon, was man will; da spielt ein starker Mann ein großes Spiel, und es ist ein gewaltiger Anblick. Ist dieser dämonische Mensch ein Fanatiker seiner Überzeugung oder einer von den großen Ehrgeizigen?

Das Buch, das ich schreibe, wird noch in den Bücherschränken stehen, wenn die Frage längst entschieden ist. Homerule kommt sicher; das kann dieses Buch getrost prophezeihen. Ob Carson dann Ulster wirklich und wahrhaftig zum Bürgerkrieg führt? Man wird es erfahren, wenn dieses Buch stumm und ausgelesen im Bücherschrank steht und nur sein eingelerntes Sprüchel heruntersagen kann und auf nichts neues mehr reagiert.

Im Interesse Irlands möchte ich hoffen, daß ich mich in Sir Edward Carson irre. Wir leben in einem so zahmen Zeitalter und tatsächlich in einem Zeitalter des Bluffs. Wird Sir Edward wirklich bis zum Bürgerkrieg gehen? Seine Gegner höhnen: nein. Ich weiß nicht – – Dieser Nacken kann viel tragen, dieser starke Mund kann sich in düsterer Starrheit schließen. Ob dieser Mann im letzten Moment sacht nachgeben und dann weiterleben kann?

*

Aber ich stelle keine Prognosen. Wir leben in einem gezähmten Zeitalter.

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