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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Der neue Anzug

Ich war in Belfast; es ist eine Stadt, die direkt aus dem Mond auf Irland heruntergefallen ist, aus einem durchaus englischen Mond. Es ist grotesk, aber es muß gesagt werden: die Straßen von Belfast sind nicht schmutzig. Auch gibt es gar keine Verbindung zwischen Belfast und alten irischen Königen; der Ort war eine englische Kolonie von jeher. Eine Festung der »protestantischen Garnison« von Irland. Und sieht jetzt nicht irischer aus als Kapstadt oder Sidney. (Ich kenne diese Städte nicht, aber kann mir sie vorstellen; ich kann mir jede britische Kolonialstadt vorstellen.)

Also da wäre zu bemerken das Rathaus im viktorianischen Stil. Was geht mich eigentlich das Rathaus von Belfast an? Herrgott, mache ich eine Reise oder nicht? Ich wünsche, daß sich gefälligst die fremden Länder darnach richten und fremd sind. Rathäuser gibt es auch bei uns, Warenhäuser gibt es auch bei uns, Straßenbahnen gibt es auch bei uns – –

Ich denke nach und finde, daß all das auch bei uns schon sehr englisch ist. Wenn man die Tatsache verschleiern will, sagt man: amerikanisch. Aber es ist ein Schwindel; die richtige Assimilationsmaschine tobt in London. Es ist ganz einfach das städtische Leben aller Nationen rapid englisch geworden, warum sollte gerade Belfast davon eine Ausnahme machen? Was an Dublin unenglisch ist, ist im wesentlichen die Verwahrlosung und Rückständigkeit, nebst den alten irischen Königen natürlich. Dieser Stadt Belfast geht es glänzend, also wird sie immer englischer. So wie jede deutsche Stadt immer englischer wird, je besser es ihr geht. Gedankenloser Komfort, das ist das Englische. Nämlich das Englische, das fremden Völkern zugänglich ist. Das ist aber etwas sehr Bequemes. Wenn die englischen Herrenanzüge nett und praktisch sind, ist es dann leere Engländerei, sie zu tragen? Einfach: wir anderen erfinden so etwas nicht. An diesem Zipfel packt uns die Maschine und reißt uns in den Wirbel.

Was englische Anzüge betrifft: die sollte man nur in Irland kaufen. Ich gehe, weil ich mir wirklich keine presbyterianischen Kirchen ansehen will, in den Straßen von Belfast spazieren und sehe mir Schaufenster an. Es gibt ungeheuer viele Konfektionsgeschäfte; ich verstehe gar nicht, wo die Leute herkommen, die alle diese Anzüge tragen sollen. Und diese Anzüge sind herrlich und fast umsonst. Wer fertige Anzüge kauft, bekommt einen für zwanzig bis dreißig Mark und zwar einen Anzug aus echt englischem Stoff – gewebt in Irland. Wer vierzig, fünfzig Mark anlegt, kann den schönsten Maßanzug haben und so aussehen, wie man sich bei uns einen Lord vorstellt. (Die wirklichen Lords sind zu erhabene Wesen, als daß man gekleidet sein könnte wie sie.) Ganz im Ernst: nur ein englischer Schneider versteht es, Männer zu kleiden. Vielleicht bedeutet das etwas Tiefes; daß alle männlichen Formen der Kultur heute englisch sind, ein englisches Gewand tragen.

Und Irland?

Viele, sehr viele von den Stoffen, mit denen England die Welt englisch verkleidet, haben irische Weber gewebt. Das ist in vielen Beziehungen so. Irische Soldaten haben Indien unterworfen und auch sonst den englischen Gegenden das Evangelium vom allbritischen Ham-and-Eggs-Frühstück beigebracht. Nur hat Irland bisher nicht das geringste davon gehabt. Warum sind in Belfast die Anzüge aus Donegal-Homespun so übertrieben billig? Jede Billigkeit hat zwei Seiten, darunter eine unangenehme. Vermutlich kann der Weber in Donegal und Kerry seine Homespun-Stoffe nicht besser loswerden, weil er auf dem Weltmarkt Konkurrenten hat und zwar englische. Denn nach der Schlacht am Boyne – –

Ich mache darauf aufmerksam: es muß schon wieder von der Schlacht am Boyne geredet werden; man kommt in Irland von diesen Dingen nun einmal nicht los. Wenn man in Irland von Hosen zu reden beginnt, ist man gleich bei Wilhelm von Oranien, denn man kann irische Homespun-Hosen ohne einen Gedanken an ihn einfach nicht mit Verständnis tragen.

Die Sache begann schon vor dem Krieg von 1690. Die englischen Landwirte fanden, daß das irische Vieh ihrem Vieh Konkurrenz machte. Deswegen wurde der Import von irischem Vieh nach England verboten. Dafür wurde der Export nach dem Ausland durch eine Reihe von Navigationsakten auch unmöglich gemacht.

Als die bewußte Schlacht geschlagen wurde, hatten die Iren schon seit einem Jahrzehnt keine Gelegenheit, ihre Schafe auf Seereisen über den Kanal zu schicken, dafür begannen sie im Lande selbst Wolle zu spinnen. Der Schlachtengott entschied gegen die irischen Weber; alles was irisch war, war eine Beute der englischen Gesetzgebung. 1699 richtet das englische Unterhaus, angestachelt von jedem Fabrikanten und Tuchhändler im Königreich, eine Petition an König Wilhelm: er möge das irische Textilgewerbe »entmutigen«. Der König, der in irischen Dingen nicht so groß und gut gewesen ist, wie in anderen Dingen, ging hin und »entmutigte«. Es wurde einfach verboten, verarbeitete Wolle aus Irland zu exportieren und rohe Wolle in ein anderes Land zu verkaufen, als nach England. So daß die englischen Fabrikanten billig einkaufen konnten.

So hat die englische Kolonialpolitik ausgesehen, bevor Amerika dem Mutterlande durch den Abfall eine so kräftige Lektion erteilte.

Als nach der irischen Landwirtschaft die irische Textilindustrie aus purer Angst vor Konkurrenz erdrosselt worden war, entstand in Irland eine neue Industrie, aber nicht im irischen Irland, sondern hier in Ulster, in Belfast. Die protestantischen Kolonisten begannen Leinwand zu produzieren und noch heute hat Belfast großartige Leinwandfabriken. Die Leute von Ulster sind unbändig stolz darauf und vergessen nur zu gern, daß der Rest von Irland für seine Industrielosigkeit nichts kann. Als im Jahre 1708 auch außerhalb Ulsters, im irischen Leinster, Leinwandfabriken gegründet werden sollten, legten sich die englischen Behörden sofort ins Mittel. Heute sagt Ulster: seht die blühende Industrie von Belfast! Ihr Iren habt nichts Ähnliches. Also seid Ihr eine inferiore Rasse. Also werden wir englische Minorität uns nicht von einem Landesparlament regieren lassen, in dem Ihr die Majorität haben werdet.

Die mörderischen Industriegesetze, die Drosselzölle sind mit der Zeit wieder aufgehoben worden, aber der industrielle Vorsprung Englands vor Irland ist kaum mehr einzuholen. Das neue Irland hat eine große Zukunft als Agrarland und dies eben darum, weil England ein Industriestaat mit wenig Feldern und vielen hungrigen Proletariern geworden ist. Der industrielle Vorsprung von Ulster ist für die politische Sonderbrödelei von Ulster aus einem ähnlichen Grunde sehr ungünstig. Denn Belfast liegt einmal auf der irischen Insel und es ist nicht einzusehen, warum die Belfaster Leinenindustrie nicht katholischen Tischen Tischtücher liefern sollte; je mehr sich der Wohlstand Irlands hebt, desto enger wird Ulster an Irland gefesselt und wenn dort tausendmal ein revolutionärer Widerstand gegen Homerule organisiert wird. Auch ist das so in aristokratischen Kolonien wie Ulster: die Industriearbeiter stammen aus der verachteten Masse des anderen, unterdrückten Volkes und machen mit ihr gemeinsame Sache. So war es in Böhmen, wo die Tschechisierung in den Fabriken begonnen hat. Im stockprotestantischen Belfast sind heute fast alle Industriearbeiter Katholiken und Nationaliren und als der große Streik der Dubliner Hafenarbeiter ausbrach, wurde er von den Belfaster Genossen sehr kräftig unterstützt. Das irische Proletariat hat heute für den sterilen Nationalismus wenig übrig, viel weniger aber für die reaktionäre Herrenpartei von Ulster.

All das kann mich nicht abhalten, jetzt einzutreten und mir einen neuen Anzug zu kaufen, wenn er nur billig ist. Ich trete ein. Man zeigt mir fertige Anzüge: »Echt deutsche Arbeit«, sagt der Verkäufer und verrät mir, daß die irischen Stoffe in Irland zugeschnitten, in Deutschland genäht und dann wieder nach Irland zurückexportiert werden. Denn in Deutschland sind die Löhne billiger. Also wir haben es weit gebracht: bei uns zahlt man für »englische Anzüge«, für Kleider aus irischem Homespun, gewaltige Summen. Dieselben Anzüge, in Deutschland gearbeitet, sind in Irland so billig, daß man für die Differenz fast schon hinreisen kann. Was bezahlen wir so teuer? Die englische Marke, sonst nichts. Es ist eine Steuer auf die englische Assimilation. Weil im praktischen Leben alles Englische sich bewährt, Sport, Frühstück, Tischzeit, Pfeifen, Möbel, Kleider, muß unser praktisches Leben den Engländern einen Tribut zahlen. Wir sind deswegen auch eine Nation unter englischer Oberherrschaft, wenn auch nicht im politischen und nicht im geistigen Sinne. Alles, was praktische Zivilisation und Komfort ist, wird in der Welt rapid englisch und angloamerikanisch. Dafür müssen wir zahlen, müssen noch einmal zahlen, weil wir durch ungeheure Rüstungen die politische Anglisierung der Welt zu verhindern suchen. Das sind wir, seit Jahrhunderten ein starkes Kulturvolk. Und die Iren, ohne Dreadnoughts und Regimenter, wenige Stunden von London und seit tausend Jahren unter englischer Herrschaft, sollten sich gegen die Verengländerung schützen können? Wenn sie erst die politische Freiheit erlangt haben, werden sie rettungslos zu Kolonialengländern.

Unter diesen Umständen kann man ernstlich fragen: Wozu eigentlich Homerule? Hier in Belfast, wo sich die Leute seit jeher als Engländer fühlen, begreift man nicht, warum man plötzlich seine Abgeordneten nach Dublin statt nach London schicken soll. Ganz einfach: damit sich auch die Leute in Belfast als Engländer fühlen, das heißt, als herrschendes Volk, nicht als beherrschtes. Eine englische Kolonie ist erst dann ganz und gar englisch, wenn sie nicht mehr von London aus regiert wird; das ist eine alte Lehre der Geschichte. Es gibt kein englisches Nationalbewußtsein ohne Herrenbewußtsein. Deswegen sind in Irland nur die Protestanten Engländer; nur sie sind bis vor kurzem Herren gewesen. Gebt dem Land eine irische Verwaltung und seht zu, ob sie gegen die Logik der englischen Assimilationsmaschine lange antienglisch bleiben kann!

Ich trete aus dem Kleidergeschäft und sehe mich in Belfast um. Warum ist diese reine, lebhafte Großstadt nicht wie das düstere Dublin? Warum stehen hier auf den Plätzen Denkmäler englischer Monarchen und nicht irischer Nationalhelden? Warum gibt es keine gaelischen Straßentafeln, die ja auch in Dublin kein Mensch lesen kann? Einfach darum, weil Belfast niemals von England unterdrückt war. Einfach, weil die Iren von Belfast auf irische Weise einen Traum träumen, aber den Traum vom britischen Imperium, nicht den von alten irischen Königen. Das macht den Gegensatz zwischen Ulster und Irisch-Irland so bitter: daß da zwei hartnäckige irische Träume zusammenstoßen.

Wenn all die Enkel alter irischer Könige erst wieder ihr Irland regieren, werden sie wohl oder übel von etwas Neuem träumen müssen und wovon dann sonst als vom britischen Imperium? Schon heute schlagen, schon gestern schlugen sich irische Soldaten in allen Weltteilen dafür. Das Reich gehört auch den Iren, aber Irland gehört ihnen noch nicht. Sobald Irland wieder irisch ist, werden die Iren die wildesten britischen Imperialisten werden, so wahr sie schon heute englische Frühstückssitten haben und englische Kleider tragen. Irlands Zukunft ist britisch, darüber täusche man sich nicht. Die einzigen Menschen, die das noch verhindern können, sind die Patentbriten von Ulster. Sie wollen ein irisches Irland, weil sie allein Engländer, Herren bleiben möchten. Es ist ein hochmütiges Wollen, dem es an Größe nicht fehlt. Die Puritaner von Ulster sind Engländer der alten Schule, die sich die Welt noch nicht assimilieren, sondern eine Welt von Niggern mit der Peitsche beherrschen wollten. Aber die englische Assimilationsmaschine wird auch mit ihnen fertig werden.

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