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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Weswegen Irland?

»Fahren Sie nicht nach Irland«, sagte mir ein englischer Bekannter, »es mag landschaftlich ganz schön sein, aber es ist ein schmutziges und ungemütliches Land. Wenn Sie sehen wollen, wie schön es bei uns ist, gehen Sie an die cornische Riviera oder ins schottische Hochland.«

»Wenn ich ein fremdes Haus besuche«, sagte ich, »bleibe ich gar nicht gern im Salon. Das Kinderzimmer ist viel charakteristischer und gar das Klosett! John Bull ist ein wohlhabender Mann und ich weiß schon, daß es sich in den Ledersesseln seiner guten Stube himmlisch sitzt! Ich will gar nicht sehen, wie schön es bei euch ist, sondern wie es überhaupt bei euch ist.«

Nämlich im Leben jedes Menschen (soweit er nicht zu den jetzt überaus zahlreichen erhabenen Aristokraten gehört, die sich mit Dingen der Politik und des Gemeinschaftslebens nicht befassen und nicht beschmutzen) kommt der Moment, in dem er sich mit der Tatsache des britischen Weltreiches auseinander zu setzen hat. Man muß wissen, wie es bei den Engländern ist oder man hat das Leben von heute nicht ganz gelebt. Der asoziale Geistesaristokrat, dieses arme, verkrüppelte Wesen, wird doch wenigstens die Werke von Shaw lesen wollen, wenn ihn auch natürlich Irland und Homerule gar nichts angehen. Und ein klein bißchen spielt doch das englische Leben in die englische Literatur hinein; es ist ein Fehler der englischen Literatur, sie sollte sich bessern, aber vorläufig muß der Europäer Nachsicht mit den Engländern haben. Sie sind wirklich noch ein bißchen stupid – und haben so ziemlich die Welt erobert. Diese Erde ist nämlich britisch und wird täglich britischer, wenn nicht im Sinne der politischen Machtverhältnisse, dann im Sinne der politischen Struktur und Organisation. Der deutsche Reichstagswähler ist eine englische Erfindung wie der deutsche Reichstag ebenfalls. Unsere politischen Institutionen sind von englischem Geiste dermaßen durchsetzt, daß wir alle Gründe haben, uns ein bißchen um diesen englischen Geist zu bekümmern. Es kann keinem vollwertigen Zentraleuropäer gleichgültig sein, wie es momentan in der indischen Provinz Bengalen aussieht, wie in Kanada und wie am Kap. Alles, was auf dieser Welt englisch ist, ist wichtig für alle auf dieser Welt. Alle wichtigen Fragen der Zeit werden wahrscheinlich auf englischem Boden endgültig entschieden werden. Im achtzehnten Jahrhundert ahnte der Europäer, daß das große Problem der politischen Freiheit in allererster Linie ein französisches Problem sei. Im neunzehnten Jahrhundert wußten die Einsichtigen, das Problem des Nationalstaates werde in deutschen Landen für ganz Europa gelöst werden. Wir im zwanzigsten Jahrhundert sollten intensiv daran denken, daß die soziale Frage, die Bodenfrage, die Frage der weißen Welthegemonie in England und den englischen Kolonien der großen Entscheidung entgegenreifen. In diesem Sinne ist England das repräsentative Land dieses unseres Jahrhunderts.

Dieses Land beherrscht unmittelbar oder mittelbar, gut oder schlecht, den besten Teil des Erdballs. Wer die englische Weltherrschaft studieren will, muß auf so manchem Dampfer so manche Meere, in so manchem Expreßzug manche Kontinente, auf so manchen Kameles Rücken so manche Küste durchqueren. Gewiß wird man die Engländer erst völlig verstehen, wenn man zwischen Nordpol und Südpol in jeder englischen Kolonialstadt mit ihnen Whisky-Soda getrunken hat. Aber vielleicht (dachte ich mir) genügt es zunächst für den täglichen Lebensbedarf, wenn man diejenige englische Kolonie besucht, die von London in kaum zehn Stunden zu erreichen ist; diejenige, über die England schon herrschte, bevor der erste englische Soldat Asien, Afrika oder gar Amerika und Australien betreten hatte. Außerdem: wie die Engländer über Hottentotten und Hindus herrschen, das ist doch erst in zweiter Linie interessant. Wie ein europäisches Land unter englischer Flagge aussieht, das ist wichtiger.

Bald nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts sind die ersten Engländer als Eroberer nach Irland gekommen. Es waren anglonormannische Barone; ihren Enkeln gehört heute noch viel von dem schönsten Teil der Inseln. Natürlich kamen diese Ahnen der englischen Kolonialpolitik nicht etwa, um sich Güter zu erobern. Seit es ein England gibt, hat England immer höhere ethische Zwecke vorgeschützt, bevor es ein Land einsteckte; nur wachsen in ärmeren und minder begehrenswerten Ländern die höheren ethischen Zwecke der Engländer nicht so gut. Also damals hatten die Engländer ein wunderschönes religiöses Motiv. Sie waren natürlich noch Katholiken, wie die Iren und die irische Kirche war eine der ältesten und heiligsten der Christenheit und überall im höchsten Ansehen. Es ließ sich aber entdecken, daß die irischen Bischöfe nicht streng nach römischem Ritus geweiht zu werden pflegten; auch klappte irgend etwas mit dem Peterspfennig nicht. Nun war Hadrian IV., der damalige Papst, zufällig ein Engländer. England hat oft solches Glück mit seinen ethischen Zwecken. Der Papst mußte die irischen Ketzer zu Paaren treiben lassen; der König von England war im Interesse des höheren Zweckes gern bereit dazu; bei dieser Gelegenheit wurde der fromme kirchliche Sinn eines sonst als sehr weltlich verschrieenen Monarchen in erbaulichster Weise erweckt. Na, um es kurz zu machen, die Engländer kamen, kamen von vornherein als Feinde der irischen Volksreligion und der irischen Nationalität. Seither sind sie in Irland geblieben und nie wieder wird das Land sie abschütteln.

Das ist, in einer Nußschale, die Geschichte Irlands. In Indien war es ganz genau so, nur fing dort die englische Herrschaft nicht gleich so gewalttätig, sondern mit kommerzieller Sanftmut an. In beiden Ländern wechselten so mit der Zeit die höheren ethischen Zwecke, die Engländer blieben. Jedesmal wenn in Irland ein höherer ethischer Zweck glorreich durchgesetzt worden war, gehörten Hunderte von neuen Quadratmeilen englischen Lords. So wird auf dieser Erde der Idealismus eines starken Eroberervolkes und seiner Führer sichtbarlich belohnt. Das ist die englische Spezialität in der Weltgeschichte: der stärkere Firnis von humanitärer und religiöser Heuchelei, mit dem die Waffen dieser grandiosen und bewundernswerten Räuber so sauber lackiert zu sein pflegen. Alle Eroberer der Weltgeschichte haben gelegentlich so getan, als zerfleischten sie fremde Länder immer nur zu deren Wohl. Aber das waren z. B. im Munde der Römer doch mehr pompöse rhetorische Phrasen. In London hat man immer sehr fest und innig an den jeweiligen höheren Zweck geglaubt; diese Rasse hat ein unglaubliches Talent dazu, sich moralisch vorzukommen. Und wahrscheinlich liegt gerade in diesem uralten moralischen Snobismus die Bedeutung Englands für die Weltkultur.

Es ist nämlich nicht auf die Dauer möglich, fortwährend höhere Kulturzwecke im Munde zu führen und mit der Hand im Namen dieser Zwecke in fremde Taschen zu fahren. Das geht an, solange die überaus moralische Herrennation das fremde Land noch nicht völlig überwältigt hat. Aber es kommt ein Moment, in dem auch gar kein Grund mehr vorliegt, das Erlöserwerk noch zu verschieben; man kann sengen und morden, solange man Jerusalem belagert; man wird den Frieden des Kreuzes aufpflanzen müssen, wenn der Kreuzzug gelungen und Jerusalem erobert ist. Die Engländer haben noch jede ihrer Kolonien für sich, das heißt auf Deutsch: im Geldinteresse ihres Adels und ihrer Kaufmannschaft, an sich gerissen. Alle großen Welteroberer haben so gehandelt. Aber die Engländer, und das ist bei aller verdammten Heuchelei ein gewaltiger Vorzug, haben dem widerstrebenden Eingeborenen der Kolonie immer und immer mit dem Schlachtruf den Schädel eingeschlagen: es geschieht nur zu deinem Besten! Infolgedessen kam immer der Moment, in dem dieses so solenne Versprechen eingelöst werden mußte. Gott, es war meist ein Moment, in dem es John Bull gerade schlecht ging. Aber nichts gleicht der werbenden Kraft oft wiederholter Phrasen. Wenn man den Berliner Kommis nur oft genug sagt, Kant sei der lustigste und chikste Autor – schließlich werden sie alle Kant lesen. Das wäre kein Gewinn für Kant, die Kommis und die Nation. Aber daß man dem englischen Mittelstand seit Jahrhunderten predigt: Ihr seid die selbstlosen Erlöser der Welt! – das ist ein Gewinn. Sie werden vielleicht die Welt erlösen.

In Indien ist der Moment eingetreten, in dem die uralte humanitäre Lügenphrase plötzlich als eine moralische Macht dasteht und (das Schauspiel entbehrt nicht einer grandiosen Komik) die alten Heuchler zwingt, die Rede wahr zu machen. Indien wird immer mehr um Indiens willen verwaltet; die eingeborene Bevölkerung bekommt Rechte, beginnt mit zu regieren. Natürlich haben der Sieg der Japaner, die Aufregung der muselmanischen Welt und ein bißchen auch die Bomben verschworener Hindus zu diesem Wechsel der Dinge etwas beigetragen. Aber ein so zähes und starkes Eroberervolk wie die Engländer hätte die Beute viel fester zwischen den Zähnen halten können – wenn nicht die segensreichen politischen Phrasen das Maul des Raubtieres aufgerissen hätten. Man kann ruhig sagen, daß die Engländer schließlich und endlich doch das humanste und gütigste der Völker sind – weil sie eben heucheln, wo andere nicht einmal heucheln würden.

In Irland liegen die Dinge nun genau so. England ist im Begriffe, Irland den Irländern zurückzugeben. Natürlich auch nicht ganz freiwillig und ohne Not, aber doch vor allem unter dem imperativen Zwang politischer Ideale, die sich sehr gegen den ursprünglichen Willen ihrer Verkünder selbständig gemacht haben und aus Phrasen Notwendigkeiten geworden sind.

Seit dem Abfall Amerikas geht diese ungeheure, unabsehbare Bewegung durch das britische Weltreich: was die politische Machtpolitik mit eisernem Griff zusammengescharrt und zusammengehalten hat, das lockert die britische Kulturpolitik, die Folge jener zehnfach gesegneten Nationalheuchelei. Ob dieses Reich zusammenhalten kann, wenn es seinen einzelnen Teilen gut geht, das ist jetzt so ziemlich die einzige weltpolitische Frage von wirklicher Bedeutung. Deswegen ist es (und bitte, ist es für uns!) so ungeheuer wichtig, zu beobachten, was jetzt in Irland vorgeht. Eine Beute der Engländer soll durch die Engländer freigemacht werden – und dabei auf ewig sehr englisch bleiben. Da werden wohl alle Qualitäten der englischen Rasse zum Vorschein kommen müssen. Ob es gelingt, ein autonomes Irland zu britischem Reichspatriotismus zu bekehren, diese Frage will gar nichts anderes bedeuten als das Problem, ob bei fortschreitender Zivilisation das britische Weltreich britisch bleiben kann.

Vielleicht geht das auch Deutsche an. Aber Irland ist in Deutschland weniger bekannt, als Zentralasien, und als ich von meiner irischen Reise heimkehrte, waren es nicht lauter Analphabeten, die mich fragten, wie mir der Hekla imponiert habe. Man fährt nämlich nach Island; nach Irland fährt man nicht. Es ist nicht die gute Stube der Engländer; es wird in diesem Zimmer ihres Hauses erst jetzt aufgeräumt und es sieht noch ein bißchen wild aus. Es ist indiskret, in einem solchen Moment einen Blick durch die Türspalte zu tun. Ich weiß, ich habe mich sehr shocking benommen. Ich war in Irland und hätte an der cornischen Riviera doch so viel nettere Familienpensionen finden können.

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