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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Das verlorene Billett

Ich ging auf dem Bahnhof von Drogheda durch die Sperre und ließ mein Billett knipsen und dachte entweder an die Schlacht am Boynefluß oder an das miserable Mittagessen oder an sonst etwas, jedenfalls nicht sehr intensiv an mein Billett. Ein netter Träger trug meinen Koffer. Da kam schon der Schnellzug und hielt. Der Träger schubste meinen Koffer in einen Wagen. Da sah ich, daß ich mein Billett nicht hatte und sagte das dem Träger. Der Träger hatte sein Trinkgeld schon und sah die Welt optimistisch: »Ach was, Sie werden es schon irgendwo haben.« Schwups stieß er mich in den Wagen hinein und machte die Türe zu.

Ich saß zwischen einem breiten, gesunden Irländer und einer dunklen, jungen Dame von französischem Typ. Ich griff in meine vier Westentaschen und fand die Fahrkarte nicht; es war aber eine Rundreisekarte durch Nordirland, am gleichen Tage in Dublin gelöst. Etwas teuer, schade. Aber ich habe mehr Taschen. Ich greife in jede und finde nichts.

Ich lehne mich zurück und genieße ein kleines Gruseln. Vor fünf Minuten war ich ein braver Tourist, der soeben auf die löblichste Weise ein Schlachtfeld besichtigt hat und nun weiterfährt. Jetzt bin ich ein Verbrecher, der ohne Fahrkarte in einem Schnellzug sitzt; vielleicht wird man nach irischem Gesetz dafür geköpft. In Preußen wird man. Wahrscheinlich wenigstens; dort habe ich es aber noch nicht probiert, eine Fahrkarte zu verlieren, dazu ist mein Respekt vor Preußen zu groß. Hingegen in Irland werde ich eben die Strafe erleiden, vorher aber noch ein bißchen aus dem Kupeefenster sehen, denn dazu und nicht zum Geköpftwerden bin ich eigentlich in Irland.

Der irische Herr neben mir hat mich beobachtet und sagt, ich müsse im Portemonnaie nachsehen; seine Fahrkarten verirrten sich immer ins Portemonnaie. Ich weiß bestimmt, daß meine Fahrkarten diese Gewohnheit nicht haben, danke aber für den Rat und sehe nach. Die Fahrkarte ist natürlich in der weiten Einsamkeit meines Portemonnaies nicht vorhanden.

»Peut-être dans votre portefeuille, monsieur!« sagt die französisch dunkle Dame neben mir, und ich erkenne daran, daß sie keineswegs eine Französin ist.

Ich weiß, daß ich meine Brieftasche seit Dublin nicht aus dem Rock gezogen habe, bin aber gottergeben und höflich und nehme sie hervor. Das ganze Kupee starrt auf meine Brieftasche. Der irische Herr besteht darauf, daß ich Blatt für Blatt herausnehme und entfalte, ob sich die Karte nicht hinein verkrochen hat. Die dunkle Dame macht mich aufmerksam, daß ich das eine Fach der Brieftasche noch nicht revidiert habe; vielleicht erwartet sie, daß interessante Photographien darin stecken.

Ich sage: »Futsch!« (So gut ich das auf englisch sagen kann.)

»Sehen Sie unter dem Sitz nach!« sagt der irische Herr, und ich muß hinunterkriechen.

Station Dundalk. Ein Stationsbeamter reißt die Türe auf. In Irland pflegt nicht ein mitreisender Schaffner die Billette zu knipsen, sondern in jeder Station von neuem ein Beamter der Station, was in die Langeweile des Aufenthalts ein wenig Emotion hereinbringt. Diesmal ist die Emotion sehr groß. Das ganze Kupee ist in angeregter Stimmung. »Der Gentleman hat die Fahrkarte verloren«, sagt die Dame und sieht den Beamten an, daß er gleich sieht, wie bedauernswert dieses Schicksal eines armen Reisenden ist. »Man muß sofort nach Drogheda telephonieren«, sagt der irische Herr. »Suchen Sie die Karte«, sagte der Beamte. »Vielleicht ist sie im Portemonnaie.« »Abfahrt,« sagte der Stationschef.

Station Newry. Ich bin das Ereignis des Zuges. »Sehen Sie in der Brieftasche nach,« sagt der Stationsbeamte. »Ich gehe telephonieren,« sagt der irische Herr. »Geben Sie mir rasch drei Schilling.« Er stürzt fort. Ich sage dem Beamten, er möge mich doch (zum Teufel!) schon köpfen. Oder nachzahlen lassen, nur Ruhe will ich haben und zum Fenster hinaussehen können. Nie wieder im Leben werde ich erfahren, wie Newry, Grafschaft Armagh, aussieht, wenn ich es nicht jetzt erfahre.

»Haben Sie schon unter dem Sitz nachgesehen?« fragt der Beamte erbarmungslos. Da rückt der Zug an, ohne daß der irische Herr mit meinen drei Schillingen wieder erschienen wäre.

Ich will endlich zum Fenster hinaussehen. Das Land hier ist schon Ulster. Es scheint hier bessere Felder zu geben, als im anderen Irland, und bei weitem nettere Bauernhäuser. »Vielleicht wird man die Karte in Drogheda doch finden«, tröstete mich die dunkle Dame. »Oder kann sie nicht in Ihre Rockfalte gerutscht sein? Sind Ihre Taschen etwa zerrissen?«

Und sieht aus, als ob sie bereit wäre, mir die Löcher meines Taschenfutters zu stopfen.

Station Tanderagee. Der Stationsbeamte reißt die Tür auf, interessiert sich für mein Portemonnaie und meine Brieftasche. Ich sage, ich wolle Strafe zahlen und basta. Er sagt, ich solle mich in Belfast beim Stationschef melden. Bis dahin wird also auf jeder Station je ein Beamter triumphierend vermuten, die Karte stecke im Portemonnaie, in der Brieftasche oder unter dem Sitz; es muß ein irischer Nationalaberglaube sein. Jetzt, bevor der Zug mich auf ewig aus Tanderagee entführt, kommt keuchend der irische Herr angestürzt; er mußte vorhin rasch in den nächsten Wagen einsteigen; fast hätte er den Zug versäumt, so lange hat er für meine drei Schillinge telephoniert. Ganz Drogheda ist schon in Bewegung, man sucht meine Fahrkarte. Ich habe den Eindruck: wenn ich noch drei Schillinge vorstrecke, telephoniert der Herr an den Vizekönig in Dublin, er möge die Garnison auf das Schlachtfeld am Boyne schicken und dort meine verlorene Fahrkarte suchen lassen.

In Moira soll der Lough Neagh auftauchen, der riesige nordirische Binnensee. Aber wie kann er auftauchen, wenn an der betreffenden Seite ein Bahnbeamter die Tür verstellt und gar nicht begreifen kann, wieso die Fahrkarte nicht unter meinem Sitz liegt. Das pflegen Fahrkarten doch!

Kurz, weil ich mein Billett verloren habe, kann ich das Land nicht sehen. Nur die Leute lerne ich als das kennen, was sie sind: sehr nett, sehr hilfsbereit, etwas geschwätzig und der Ansicht, daß jeder Fremde ein Idiot ist, den man sorglich betreuen muß. Preußischen Mitreisenden wären meine Billettschmerzen schnuppe gewesen. Preußische Bahnbeamte hätten mich als einen Schwerverbrecher behandelt, aber nur einmal; nach der Strafexekution hätte ich wieder aus dem Fenster sehen können, insoweit das Hinausbeugen nicht bei Strafe verboten ist. Hier ist alles teilnahmsvoll, sofern die Teilnahme einen guten Gesprächsstoff abgibt, und Reglements werden nicht blutig ernst genommen.

Der Zug hält in Belfast und meine Mitreisenden verschwinden. Ich verlasse das Kupee mit dem Gedanken eines armen Sünders. Jetzt kommt also ein Verhör im Stationsbureau. Jetzt werde ich nachbezahlen. Aber ich sehe, daß ich gar keine Sperre zu passieren habe; wie auf den Londoner Bahnhöfen geht der Bahnsteig ohne weitere Umstände in die Straße über; drei Schritte vom Zug stehen die Droschken. Ich brauche bloß dem Kutscher zu winken und entrinne der Nemesis.

Und jetzt kommt ein ungeheuer moralischer Schluß dieser wahren Geschichte. Ich sage mir: wenn die Leute anständig sind, bin ich auch anständig. Niemand hat mich angeschnauzt, niemand hat mich als Verbrecher behandelt. Also gerade deswegen gehe ich jetzt zum Stationsvorstand und zahle freiwillig nach, schon damit ich meinen Denkzettel habe und nächstens auf mein Billett besser achtgebe.

Also ich gehe zum Stationsvorstand.

»Aha,« sagt der Stationsvorstand, »ich weiß schon. Man hat mir soeben aus Drogheda telephoniert; Ihr Rundreisebillett ist auf dem Bahnsteig gefunden worden. Sie können sich's morgen abholen.«

Es war ein Triumph der Tugend. Seit Irland steht, ist noch keine so hohe Tugend so belohnt worden. Ich war mit diesem lieben, unbureaukratischen Irland zufrieden und Irland mit mir.

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