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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Parallelen

Man kann die Iren von irisch Irland am besten so charakterisieren: Sie sind die Juden des Okzidents.

Man beachte einmal die auffallende Ähnlichkeit: ein altes Kulturvolk, jahrhundertelang wegen seiner Religion verfolgt, nimmt schließlich die Sprache und Zivilisation seiner Unterdrücker an und behält von seiner eigenen historischen Art nicht viel mehr als eben die Religion der Väter, gewisse historisch-genealogische Reminiszenzen, einen scheußlichen Akzent und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Außerdem noch die instinktive Abneigung jenes anderen Volkes, einige körperliche Merkmale und einen Stammplatz in den Witzblättern. Wer die Iren kennt, wird noch tausend kleine Züge aufdecken können, in denen sie völlig jüdisch sind. Jener gewisse Hang, es dem fremden Herrenvolk in Äußerlichkeiten gleichtun zu wollen, jener typische jüdische Antisemitismus des Assimilierten lassen sich bei den Iren wiederfinden. Zudem viel Somatisches, das auf die Inzucht zurückgehen mag.

Ein sehr großer Unterschied fällt gleich in die Augen; die Masse der irischen Nation hat ihr Palästina nicht verlassen, sondern bewohnt es noch, bebaut seine Äcker, arbeitet mit den Händen, steht auf allen Stufen der sozialen Leiter, übt alle Berufe aus und mit besonderer Vorliebe den militärischen, bildet noch einen nationalen Körper, wie sehr auch der nationale Geist durch die Fremdherrschaft umgebildet und enteignet worden sein mag. Indessen gibt es bekanntlich eine sehr starke irische Diaspora; in allen englisch sprechenden Ländern leben viele Tausende von Iren und auch in den nichtenglischen Ländern der Welt haben irische Emigranten oft eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Nun vergleiche man z. B. die amerikanischen Iren mit den amerikanischen Juden und man wird finden, wie groß die Wesensähnlichkeit ist. Nur daß der amerikanische Jude von Haus aus nicht die Sprache des Landes spricht. Was das »Jüdeln« gegenüber der deutschen Sprache bedeutet, genau dasselbe bedeutet gegenüber der englischen die irische »Brogue« – ein Patois mit einer innerlich fremden Syntax, untermischt mit einzelnen Worten einer toten Sprache, ein bißchen komisch und doch sehr ausdrucksvoll. Und so wie der »jiddische« Jargon heutzutage zu einer Art sekundären Literatursprache geworden ist, so der irische. Es gibt drei Sorten irischer Dichter: solche, die gaelisch dichten (diese sind weder zahlreich noch besonders wertvoll), solche, die in einem vortrefflichen Englisch von irischem Geist durchsetzte Meisterwerke der englischen Literatur geschaffen haben, und moderne Jargon-Dichter, die das tägliche Leben ihres Volkes am besten in der täglichen Sprache ihres Volkes schildern zu können glauben. So dichten die Juden heute hebräisch, deutsch und jiddisch. Aber die Namen Heine und Schnitzler, Swift und Shaw beweisen sehr gut, welche der drei Möglichkeiten die fruchtbarste ist.

Die neuhebräische wie auch die ganz ähnliche neukeltische Literaturbewegung streben eine moderne Renaissance eines toten Kulturideals an. Es gibt einen irischen Zionismus. Wie der jüdische Zionismus, ist er bisher eine reine Parteisache und viele der besten Iren halten sich geflissentlich von ihm fern. Abgesehen von einzelnen Abtrünnigen, die sich völlig den Engländern assimiliert glauben und alles Irische so heftig verabscheuen, daß der Psychologe deutlich sieht, wie irisch sie im Grunde noch sein müssen – abgesehen von diesen wenigen wollen alle Iren ein freies neues Irland, aber durchaus nicht alle wollen, daß dieses Irland keltisch spreche, die alten Gesetze der Brehonen wieder einführe, Shakespeares Werke zugunsten der Bardenlieder verbanne, kurz, eine historische Maskerade an die Stelle einer sehr lebendigen und starken, wenn auch ursprünglich fremden Kultur setze. Dieser Teil der Iren, und er ist der größere, gleicht jenen jüdischen Territorialisten, denen ein künftiges jüdisches Reich gar nicht genug modern und unorientalisch werden kann – dagegen strebt die »Gaelische Liga« genau das an, was phantastische Zionisten das »Reorientalisieren« des jüdischen Volkes nennen. Eine an sich nicht unsympathische historisch-politische Romantik. Die hebräische Sprachbewegung hat noch das eine für sich, daß die Juden in der Welt die verschiedensten Sprachen sprechen und daher jede jüdische Kolonie in Palästina eine Stadt von Babeltürmen würde, führte man nicht eine einheitliche Verkehrssprache ein. Auch kennen viele Ostjuden das Hebräische noch und sprechen es mit Leichtigkeit. Aber das Gaelische sprechen nur noch wenige Westiren und es gibt keine Iren mit französischer, deutscher, spanischer Muttersprache. Die ungeheure Mehrzahl der Iren denkt in englischen Sätzen – und es ist eine Ungeheuerlichkeit, ihnen diese ihre Muttersprache rauben zu wollen. Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn man an irischen Schulen das Gaelische als klassische Sprache lehrt, damit die jungen Leute die kulturelle Geschichte ihres Volkes besser verstehen lernen können.

Nun urteilt aber die gaelische Partei in Irland ganz anders. Sie sagt: wir sind nicht das einzige Volk, das seine alte Muttersprache fast ganz verloren hatte; und anderen Völkern ist es sehr wohl gelungen, die Muttersprache wieder völlig zurückzuerobern. Da sind z. B. die Ungarn und die Tschechen. Vor 1848 sprachen die Gebildeten dieser Völker deutsch – heute möchten sie jeden erschlagen, der in ihrer Mitte deutsch redet. Und warum sprechen die Ungarn heute magyarisch? Weil man ihnen schließlich Homerule gewähren mußte, die nationale Selbstverwaltung. Als die Magyaren die Zügel der Regierung in die Hand bekamen, richteten sie eben magyarische Schulen ein, sprachen magyarisch in Amt und Parlament, so schwer es ihnen anfangs geworden sein mag, und heute werden schon die Deutschen Ungarns haufenweise magyarisiert. Ganz ähnlich haben es die Tschechen in Böhmen gemacht. Nach diesen Mustern – –

Und jetzt möchte ich als ein guter Österreicher den Iren etwas Ernstliches sagen: zu allen Dingen auf Erden eignet sich mein Österreich, nur nicht zu politischen Analogieschlüssen. Gewisse österreichische Verhältnisse wird ein Nichtösterreicher niemals verstehen, besonders wenn er in Irland sitzt, wo man mich fortwährend gefragt hat, ob die österreichische Sprache leicht zu erlernen sei. Was Ungarn und Böhmen betrifft, so haben dort die unteren Volksschichten ihre Muttersprache nie verloren, nur die Bürger und der Adel hielten es für feiner, deutsch zu sprechen. Die demokratische Bewegung von 1848 brachte dann auf die natürlichste Weise die nationale Sprache wieder in den Vordergrund. In Irland sind es, immer von unbeträchtlichen armen Bauerngegenden im Westen abgesehen, fast nur die Gebildeten, die gaelisch sprechen können oder möchten; man müßte also dem Volk seine »Muttersprache« gleichsam mit einem Trichter zwischen die Zähne gießen, statt sie aus seinem Munde strömen zu lassen. Das ist wohl aussichtslos; auch liegt gar kein politischer Grund dazu vor. Die Tschechen und Magyaren liegen eingekeilt zwischen fremden Volkselementen; wenn die Magyaren nicht wieder magyarisch sprachen, hatte der selbständige ungarische Staat keinen rechten Sinn. Irland ist eine Insel, ein von der Natur zur Autonomie bestimmtes Land. Und wenn Irland aufhören sollte, englisch zu sprechen, wäre England sicherlich gezwungen, Irland zur Abwechslung wieder einmal mit Gewalt zu erobern.

Nichtsdestoweniger hat die gaelische Sprachbewegung Erfolge zu verzeichnen. Es gibt jetzt ein Gesetz, nach dem jedes irische Kind in der Volksschule das Recht auf gaelischen Unterricht hat, wenn die Eltern es wünschen. In jeder dritten oder vierten irischen Volksschule wird tatsächlich gaelischer Sprachunterricht gegeben. Eine Reihe öffentlicher Ämter darf nur der bekleiden, der eine Prüfung in der alten Nationalsprache bestanden hat. Es gibt einige gaelische Zeitungen, andere Blätter enthalten gaelische Rubriken. Es wird, wie schon geschildert wurde, im ganzen Lande auf gaelisch gesungen, deklamiert und das Tanzbein geschwungen. Allerdings; es ist leichter, gaelisch zu tanzen, als gaelisch zu sprechen, denn die Sprache ist sehr kompliziert für Gehirne, die an die kinderleichte englische Grammatik gewöhnt sind.

Schließlich und endlich wird es sich um einen Sängerkrieg handeln zwischen William Shakespeare und dem Barden Daibhi O'Bruodair aus Limerick, zwischen den Iren Swift, Goldsmith, Shaw und dem Iren Aodh Buidh Mac Curtin, dem gaelischen Lexikographen. Respekt vor den Herren Barden, aber sie scheinen nicht in der Übermacht. Allerdings, die gaelische Partei kann sich wieder auf die Tschechen berufen, deren respektable Epigonen-Literatur sich durch Goethe, Schiller und Grillparzer auch nicht um ihre Existenz bringen ließ, wenn auch zeitweilig um ihre nationale Eigenart. Ja, aber es hat keinen großen deutschen Dichter tschechischer Nation gegeben und viele große Dichter irischer Nation. Und wenn alle Iren wieder so gut und viel gaelisch sprächen, wie vor der englischen Invasion, wenn sie ihr durch Jahrhunderte ererbtes Englisch gänzlich verschwitzen könnten – sie müßten es Mann für Mann von neuem erlernen, um ihre irischen Dichter Swift, Goldsmith, Shaw zu lesen, die Parlamentsreden ihrer Helden Parnell, O'Connell, Redmond – kurz, jeden lauten Ton, der seit Jahrhunderten von Irland sprach, so daß die Welt gelauscht hat.

Es hilft nichts, wo die Gaelische Liga auch probieren wird, die englische Kultur aus Irland zu entfernen, überall wird sie ins Fleisch der Nation schneiden müssen. Und deswegen glaube ich nicht an die gaelische Renaissance und wenn die Gaelische Liga zweimalhunderttausend Mitglieder hätte, statt nur hunderttausend. Es gibt zwei kleine Hindernisse – erstens Swift und zweitens der geringfügige Umstand: wenn irgendein irisches Kind in irgendeinem irischen Laden für einen Penny Käse verlangt, so verlangt es ihn auf englisch. Und das allein ist wichtig, nicht ob der Käse in einen gaelischen Leitartikel eingewickelt wird.

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