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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Der Held von Tullow

The Queens Theatre in Dublin. Es ist die zweite Vorstellung des Abends, denn das Stück wird um 7 Uhr zum erstenmal aufgeführt und gleich um 9 Uhr wieder zum zweitenmal. Doch sagt der Theaterzettel: »Zwei echte Aufführungen, in keiner Weise beschnitten, sondern speziell für zweimal am Abend geschrieben.« So ist man beruhigt.

Der deutsche Leser fühlt einen leisen Geruch von Schmiere in seiner Nase. Aber das »Theater der Königin« ist keine Vorstadtbude, sondern ein stattlicher Bau – allerdings, ich möchte nicht dabei sein, wenn eine Feuersbrunst ausbricht. Wer in diesem Sommermonat in Dublin einen Abend totschlagen und weder in eine der einförmigen Music Halls, noch in ein Kino gehen will, muß in dieses einzig wirkliche Theater, das jetzt Vorstellungen gibt. Und was sonst an einem Dubliner Abend anfangen? Um 7 Uhr werden in Dublin die Geschäfte geschlossen, um 8 bemerkt man bereits, daß der irische Whisky gut und stark ist. In den breiten Hauptstraßen, die am Tage stellenweise ja großstädtisch und elegant aussehen, tauchen taumelnde Gestalten auf; in den unsagbaren Nebenstraßen – kaum in Neapel gibt es solche Elendsquartiere – herrscht wüster Lärm. Eine wahre Horde besoffener Rowdies scheint auf diese Stadt losgelassen. Nein, ein Abendspaziergang in Dublin ist kein besonderes Vergnügen. Man kann ja vor dem säulengeschmückten Palast der Bank von Irland, dem einstigen Heim des selbständigen irischen Parlaments, ein bißchen stehenbleiben und zuhören, wie zwei Redner unter freiem Himmel kleine Volksversammlungen abhalten. Der eine, ein Nigger, wünscht eine neue Diät und ein sehr preiswertes Heilmittel einzuführen; der zweite hat eine Glatze und propagiert eine religiöse Sekte. Beide stehen auf den kleinen, offenen Wagen, die hier das nationale Fahrzeug sind. Beide brüllen, und ein Kreis leicht angeheiterter Zuhörer brüllt ebenfalls. Zwei ungeheuer lange Schutzleute stehen bedächtig daneben. Leicht müssen es die Schutzleute in Dublin nicht haben, so gut entwickelt sie alle sind.

Auf die Dauer wird die neue Diät des Negers ebenso langweilig wie die neue Religion des Glatzkopfs, und da ist es gut, daß im »Theater der Königin« eben die Vorstellung beginnt. Der Platz im ersten Rang kostet einen Schilling, dafür aber bekomme ich, weil das Theater voll ist, keinen regulären Sitz, sondern es wird quer über den Mittelgang eine Art Brücke geklappt. Darauf sitze ich, und wenn eine Panik ausbrechen sollte, sperre ich wunderschön die Passage.

Es gibt noch einen zweiten und einen dritten Rang, und im dritten zahlt das Volk von Dublin nur fünfundzwanzig Pfennige. Der Blick dort hinauf zeigt ein drolliges Bild. Man sieht einige Reihen von Köpfen mit schmierigen Sportmützen und von vorgestreckten Hälsen, die alle wagrecht über dem Parkett zu hängen scheinen. Über den Köpfen prangt eine riesenhafte Inschrift: »Lärmendes Betragen und besonders das Pfeifen strengstens verboten!«

Unten fängt die Musik an. Es ist eine schmetternde Zirkusmusik, und dennoch kann sie weich und voll werden. Wir sind im musikalischen Irland. Jetzt geht der Vorhang auf; die Bühne zeigt etwas unvollkommen das Innere eines irischen Bauernhauses. Die Musik spielt weiter. Auf einmal kommt eine geschminkte Dame in einem blauen Gretchenkleid und stellt sich in die Mitte. Ein Scheinwerfer bombardiert die holde Heroine und zieht um sie einen mystischen Kreis. Die ganze Galerie beginnt zu pfeifen, das bedeutet aber hier nur ein hohes Entzücken. Die Dame beginnt sofort die Arme zu schmeißen und teilt in einem Monolog mit, daß sie sehr edel ist, daß ihr Vater sehr edel ist, daß alle Iren sehr edel sind, aber daß die bösen Engländer sie scheußlich bedrücken. Ha, da kommen schon zwei Schufte und die Galerie brüllt: »Hu!« Der eine Schuft ist der Cousin der Dame, aber er ist für England. Der zweite Schuft wird auf dem Theaterzettel »eine Kreatur der Burg von Dublin« genannt, und diese Beschimpfung ist noch nicht scharf genug. Der schuftige Cousin sucht nun die edle Cousine brutal zu seiner Frau zu machen, der ältere Schuft spioniert unterdessen. Aber nun kommt ein ganz ungeheuer edler irischer Gentleman, zieht sein Schwert und entwaffnet den Cousin; zu gleicher Zeit erscheint ein hochsympathischer Bauernbursch – »ein Sohn des Bodens« heißt er auf dem Zettel – und versetzt dem älteren Schuft an eine geeignete Stelle einen Tritt. Die Galerie freut sich recht sehr. Jetzt erscheint auch der Vater der blauen Heroine und benimmt sich teils edel, teils patriotisch, aber niemand beachtet ihn, denn zugleich ist der Scheinwerfer gedreht worden, und in dem leuchtenden Kreis steht ein fabelhaft, aber schon fabelhaft edler Priester. Er ist die Titelfigur des ergreifenden Dramas, Vater Murphy, der Held von Tullow. Er fängt sofort an, unter Musikbegleitung über die Leiden Irlands zu sprechen, ist aber vorläufig nicht für eine Empörung, sondern zeigt mit der Hand zum Schnürboden empor und verweist auf Gott. Aber sobald der Priester wieder weg ist, kommen die beiden Schufte wieder. Sie haben rotröckige englische Soldaten mit, und nun knallen sie den Vater der Heroine nieder, entführen die Heroine, zünden Murphys Kapelle an. Was soll der Pater da tun? Natürlich muß er sich zum General der irischen Insurgenten wählen lassen, sonst würde die Galerie nicht applaudieren.

Und im nächsten Akt ist er richtig General und trägt einen Säbel und hält weiter patriotische Reden. Die englischen Schufte spionieren zwar, aber der Sohn des Bodens steht Wache und ist sowohl schlau als heldenhaft. Sodann geht die Schlacht von Oulart Hill los und ist kein Spaß. Englische Soldaten schießen, aber irische Bauern schießen viel sympathischer. Der Sohn des Bodens gibt einem Rotrock Fußtritte; Vater Murphy steht in der Mitte, entfaltet die grüne Fahne Irlands, in deren Mitte die gelbe Harfe prangt. Die Musik aber spielt die irische Hymne; es ist eine tief aufwühlende, ernste, stürmische Hymne, nur der Marseillaise zu vergleichen. Und nun geht es im Zuschauerraum los! Das ist ein Schreien, ein Pfeifen, ein Trampeln!

Der weitere Inhalt des Stückes ist ja auch sehr schön, aber eher traurig. Der sympathische Held und der Sohn des Bodens sind furchtbar wacker; sie befreien die entführte Heroine; der Held hat so sechs bis sieben Zweikämpfe mit dem schuftigen Cousin und sieht in einer grünen Nationaluniform viel heldenhafter aus als die roten Feinde; der Sohn des Bodens kommt immer im rechten Augenblick und appliziert dem älteren Schuft meisterhafte Tritte in unangenehme Gegenden. Die Engländer werden abwechselnd Bluthunde und Mörder genannt, und im »Theater der Königin« herrscht darob viel Wonne. Aber was hilft es? Weil der Vater Murphy gar so edel ist, läßt er sich schließlich in eine Falle locken und der böse Cousin hat nichts eiligeres zu tun, als den armen Pater zu foltern; das geschieht nicht auf der Bühne, aber man hört die Folterinstrumente sehr deutlich knarren und rasseln.

Schließlich wird der Held von Tullow, zerfoltert wie er ist, an einen Pfahl gebunden, und die Kreatur der Burg von Dublin holt eine neunschwänzige Peitsche herbei. Aber, wer schießt da mörderisch forsch durch das Fenster? Der Sohn des Bodens. Wer stürmt mit blankem Schwert herein? Der edle grüne Ire. Wer wird verdienterweise abgemurkst? Die beiden Schufte. Indessen, der Vater Murphy liegt im Sterben und hat gerade nur noch Zeit, eine längere Rede mit viel Scheinwerfer zu halten, und zu prophezeien, daß Irland dennoch einmal befreit werden wird. Nationalhymne. Die Galerie ist außer sich. Gut, daß ihr jetzt niemand vorschlägt, vor das Schloß des Vizekönigs zu marschieren. Und wenn die Schufte nicht tot wären, man würde sie am Bühnenausgang erwarten und ordentlich prügeln. Zuletzt konnten sie kaum mehr den Mund aufmachen, so entrüstet brüllte das Publikum sie an.

Es ist auch wirklich schrecklich, wie unsympathisch sich diese düsteren Intriganten aufgeführt haben. Die Iren hingegen waren im Aufstandsjahr 1798 und auch sonst immer reine grüne Engel. (Zum Beispiel haben sie einmal in jenem Jahre hundertachtzig Protestanten in einer Scheune verbrannt.) Was den Vater Murphy angeht, so hat sich der Autor des Stückes eine gewisse poetische Freiheit erlaubt. Vater Murphy wurde zu Tullow ganz kommun aufgehängt und heißt eigentlich eben wegen dieses topographischen Umstandes der Held von Tullow.

Nach Hause durch die lärmvolle Straße. Der Fremde, der nicht ganz landesüblich aussieht, muß seinen Weg vorsichtig wählen, sonst wird er von angeheiterten Burschen verhöhnt und angerempelt.

Man muß das gesehen haben. Wer in Irland nur durch das grüne Bauernland, durch die schmutzigen und stillen Provinzstädte reist, der begreift Irland nicht ganz. Der Pöbel der Hauptstadt Dublin und ebenso auch der antiirische, stockkonservative, ultraprotestantische Pöbel der zweiten Hauptstadt Belfast ist fanatischer und wilder als irgend ein Pöbel in Europa. Das flache Land von Irland will Frieden, bessere Bauernwohnungen, politische Autonomie und eine feste Verbindung mit dem britischen Weltreich; der Pöbel von Dublin jauchzt noch, wenn die Engländer Bluthunde genannt werden, wenn von Krieg und Rebellion die Rede ist. Die Engländer sind weise und lassen die Iren im Theater schreien, soviel sie wollen. Sie glauben, daß das Homerulegesetz Irland auf ewig mit Großbritannien verbinden und die blutige Vergangenheit ins historische Museum befördern wird. Wenn dann das Volk von Dublin in Jahren des Friedens etwas aufgeklärter werden, wenn der irische Whisky etwas sparsamer verwendet werden wird – dann wird vielleicht auch das einzige Sommertheater der Hauptstadt ein bißchen mehr europäisch, und wer weiß: vielleicht wird nach Schluß der Vorstellung sogar »God save the King« gespielt, wie in allen respektablen Sommertheatern des Britischen Reiches. Das Volk von Dublin wird das vielleicht zunächst ohne Applaus hinnehmen; aber es ist mir lieber, wenn es hübsch still bleibt.

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