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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Die Hauptstadt

Es steht in jedem Schulbuch, daß Dublin die Hauptstadt von Irland ist. Es ist, wie die meisten Sachen, die apodiktisch in den Schulbüchern stehen, nicht ganz wahr, sondern nur so annähernd. Dublin war einmal die Hauptstadt von Irland. Dublin wird später einmal wieder die Hauptstadt von Irland werden. Heute ist London die Hauptstadt von Irland und Dublin nur eine Art untergeordnete Sub-Hauptstadt. So wie früher die Lord-Statthalter von Irland ruhig in England zu bleiben und nur einen untergeordneten Stellvertreter nach Irland zu schicken pflegten.

Wenn man in dieser Stadt Dublin spazieren geht, sieht, fühlt, riecht man überall: gewesene Hauptstadt. Es gibt imposante öffentliche Paläste im klassizistischen Stil; fünf Schritte weiter balgen sich die zerrissenen Jungen im Schmutz, torkeln die Betrunkenen. Seit einem Jahrhundert gibt es kein irisches Parlament – seither ist Dublin fortwährend zurückgegangen. Früher war diese Stadt die zweite Stadt des britischen Weltreiches nach London. Die irischen Peers mußten wohl oder übel ihre Paläste in Dublin bewohnen, weil das irische Oberhaus hier tagte. Die reiche Gentry kam nach Dublin, weil ein Mitglied jeder Familie entweder dem Unterhaus angehörte oder angehören wollte. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts war Dublin eine von den großen Städten Europas. Heute ist es eine provinzielle Stadt mit großstädtischen, ja weltstädtischen Prätentionen; eine sonderbare Kreuzung von Paris und Krähwinkel. Eine Stadt mit wenig Industrie und viel industriellem Proletariat. Die Guinness-Brauerei ist das bedeutendste industrielle Unternehmen, aber der Alkoholkonsum in Dublin muß noch bedeutender sein als die Alkoholproduktion. Der Hafenverkehr ist nicht gering: das kommt von der Auswanderung. Man sieht in schmutzigen kleinen Geschäften göttliches altes Porzellan, Bilder, Möbel – die Stadt wandert langsam in ihre Trödelläden. Außer einigen verkehrsreichen Hauptstraßen sind die Straßen still, wenn nicht irgend ein Betrunkener gröhlt. Dann wieder unerhörte englische Eleganz, schöne Frauen, edle Pferde: der Vizekönig hält einen förmlichen Hof und dieser Hof erhält der Stadt etwas von ihrem einstigen Glanz.

Um zu verstehen, was Dublin ist, muß man wissen, was Dublin war: eine Kolonialhauptstadt. Diese durchaus irische Stadt war die Feste aller Unterdrücker Irlands, zuerst der dänischen Wikinge, dann der Anglonormannen, dann aller englischen Generationen. Zu einer Zeit, da Ulster noch den wilden O'Neills gehörte und keltisch war wie der hinterste Winkel der Bretagne, war Dublin schon sicherer Besitz der Engländer. Es war in Dublin verboten, irisch zu sprechen. Es war in Dublin gesetzlich erlaubt, jeden Iren totzuschlagen. Das wurde im Jahre 1361 in dem »Statut von Kilkenny« feierlichst ausgesprochen. Rings um das Gebiet von Dublin wurden Pfähle aufgepflanzt, damit nur ja nichts Irisches hereinkomme. Durch die Jahrhunderte blieb das Kastell von Dublin das Zwing-Uri von Irland; »Dublin-Castle« bedeutet in der politischen Phraseologie Irlands so viel wie bureaukratische Unterdrückung, Polizeiherrschaft, Kolonialtyrannei. Wenn man die Patricks-Kathedrale besucht, die wichtigste Kirche der irischen Christenheit, findet man die Denkmäler von lauter Männern, die gegen die Iren von Irland gekämpft haben; selbstverständlich ist die Kirche seit der Reformation anglikanisch-protestantisch, also vom irischen Standpunkt aus englisch und anti-irisch. Nicht weit davon steht eine noch schönere alte Kathedrale, Christchurch. Die ist wenigstens gleich von den normannischen Eroberern erbaut worden und war nie ein nationales Heiligtum der Iren, wie das Gotteshaus des heiligen Patrick. Natürlich ist auch Christchurch nicht der katholischen Majorität der Bürger geblieben; sie haben sich im Schatten ihrer entfremdeten Nationalheiligtümer funkelnagelneue Kirchen bauen müssen. Wenn man in Irland im gehobenen Stil von den beiden Konfessionen des Landes spricht, sagt man »Kirche und Kapelle« und meint mit Kirche natürlich die anglikanische. In diesem sonderbaren Land sind die größeren Dome für die Wenigen, die kleineren für die Vielen da.

Das Kastell, die Patricks-Kathedrale und Christchurch liegen nahe beieinander in dem alten Stadtteil am rechten Ufer des Liffey; ein Komplex von düsteren Türmen und Zinnen – das Zwing-Uri von Irland. Etwas weiter davon steht Trinity-College, die Landeshochschule. Bis 1792 konnte hier kein Katholik einen akademischen Grad erlangen, erst seit 1873 nehmen die katholischen Akademiker an sämtlichen Privilegien und Emolumenten der steinreichen Universität teil, aber Trinity-College ist immer noch eine Hochburg des englischen Protestantismus. Das College schickt einen Abgeordneten nach London; dieser Abgeordnete ist jetzt Sir Edward Carson, der Führer der Ulsterpartei, der hartnäckigste Feind des irischen Volkstums. Wenige Schritte weiter, am College Green, liegt das griechisch aufgeputzte Haus der Bank von Irland. Hier tagte bis 1801 das selbständige irische Parlament – ein Parlament, gewählt von den englischen Kolonisten. Als die Iren eben in dieses Haus Einlaß gefunden hatten, wurde es ihnen vor der Nase zugesperrt; mit allen Mitteln der Bestechung wurde die berühmte Union durchgesetzt. Seither ist Dublin nicht mehr die Hauptstadt von Irland.

Man sieht, diese Stadt hat eine große historische Mission gehabt: sie war der Angriffspunkt der altbritischen Assimilationsmaschine. Von hier aus ist Irland gegen die Iren regiert worden. Und diese Stadt ist immer wieder irisch geworden, das ist das Sonderbare.

Wenn es etwas gibt, was so stark ist, wie die assimilierende Kraft des Angelsachsentums, so ist es die assimilierende Kraft dieser zähen irischen Nation. Wenige Jahrzehnte, nachdem die normannischen Barone die alten keltischen Häuptlinge von ihrem Grund und Boden gejagt hatten, sprachen die normannischen Barone irisch, trugen irische Mäntel und irische Namen. Die Soldaten Cromwells erschlugen die irischen Bauern und wurden (wo sie nicht in geschlossenen Massen saßen) selbst irische Bauern. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts brach Wilhelm von Oranien den letzten wirklich starken irischen Aufstand – einen Aufstand, an dessen Spitze der letzte katholische König von England stand. Im achtzehnten Jahrhundert wurde Irland irischer denn je; es war eine förmliche irische Renaissance. Während England gegen Amerika und die französische Revolution kämpfte, konnte es die Iren nicht mehr niederhalten; es mußte dulden, daß sich 40 000 irische Freiwillige bewaffneten, um ihr Land gegen eine französische Invasion zu schützen; es konnte diesen Bewaffneten nichts mehr abschlagen und nun kam der Gipfelpunkt der bisherigen irischen Geschichte: das Dubliner Parlament, dieses Parlament englisch-protestantischer Kolonisten war so irisch geworden, daß es alle nationalen Träume verwirklichte, eine Erklärung der nationalen Menschenrechte erließ, die barbarischen Katholikengesetze wegfegte. Von 1782 bis 1801 ist Dublin die irische Hauptstadt eines wirklich irischen autonomen Staates gewesen. Die Stadt nahm einen märchenhaften Aufschwung.

Und dann ist der unglückselige Aufstand von 1798 gekommen, ein Nachspiel der französischen Revolution, ein blutiger Rassenkrieg ohne unmittelbare politische Ursachen. Die Engländer hatten eine Gelegenheit, das befreite Irland mit Gewalt niederzuwerfen, die Autonomie zu vernichten. Seither hat sich die irische Geschichte nicht in Dublin, sondern in London abgespielt. Die großen irischen Führer waren Mitglieder des Londoner Parlaments. Die Iren errangen sich politische Rechte und mußten sie in London ausüben. Das Land ist seither von London aus regiert worden, obwohl der Vizekönig und die angestammte Bureaukratie in Dublin Castle geblieben sind. Dublin ist nicht mehr der Punkt, von dem aus die britische Assimilationsmaschine Irland bearbeitet, sondern London.

Und London ist stärker. Als die Iren in Dublin geknechtete Parias waren, blieben sie Iren und machten ihre Unterdrücker zu Iren. Seit die Iren als freie Staatsbürger Abgeordnete nach London schicken, haben sie ihre nationale Existenz fast verloren.

Die Hauptstraße von Dublin heißt O'Connel-Street und das steht sogar in gaelischen Lettern auf den Straßentafeln. Die schöne gerade Straße wird durch Denkmäler entstellt, eines nationaler als das andere. Kommt es darauf an? Es kommt darauf an, was in den Geschäften an der Hauptstraße verkauft wird. Und es sind lauter englische Sachen. Die Kolporteure laufen schreiend herum und verkaufen die Londoner Morgenblätter. Gewiß, sie verkaufen auch nationalistische Zeitungen, mit den wackersten patriotischen Leitartikeln und geheimnisvollen Paradespalten in gaelischer Sprache. Aber die Berichte über das letzte Londoner Rennen werden entschieden eifriger gelesen; hinten prangen die Inserate von Lyons Tea und Pears Soap. Der irische Nationalist trägt einen Londoner Hut und geht zur Londoner Lunchzeit in ein typisches Londoner City-Restaurant, wo auch nicht eine spezielle irische Speise auf der Karte steht. Nur der Whisky, der Whisky ist irisch geblieben. Nämlich der schottische ist nicht so stark.

Seitdem Dublin nicht mehr das Zwing-Uri von Irland ist, ist Dublin eine große englische Provinzstadt mit irischen Reminiszenzen. Es liegen Abhandlungen über Homerule und gaelische Grammatiken in den Schaufenstern der Buchhändler, aber gekauft werden die neuesten Sixpence-Novellen Londoner Unterhaltungsschriftsteller. In den Theatern werden während der Saison die neuesten Londoner Schlager mäßig gegeben; die vortrefflichen irischen Dialektschauspieler sind nur in London beliebt und haben hier kein Publikum. Der Ire Bernard Shaw hat seine irische Tendenzkomödie »John Bulls andere Insel« für Dublin geschrieben, aber aufgeführt wurde sie in London.

Dublin ist eine englische Stadt mit mehr Lärm, mehr Schmutz, mehr Whisky als die anderen irischen Städte. Und vielleicht mit mehr Musik und Farbe. Es ist nicht leicht, zu sagen, was an dieser Stadt noch irisch ist, aber wenn man durch die Straßen geht und die Zeichen der Vergangenheit sieht, begreift man es.

Irisch ist an Dublin, ist an der ganzen Insel die Sehnsucht nach einem verschwundenen irischen Volkstum. Der Schmerz über Verschmerztes. Den Iren ist nicht wie den Polen ein Nationalstaat vernichtet worden; sie haben nie einen gehabt, wenn man nicht das nebelhafte Königtum des guten Brian Boroimhe rechnen will. Irisch war durch ein Jahrtausend immer nur die Abwehr gegen das Fremde. Jetzt steht nicht eine wirkliche moderne Nation als ethnische Einheit da, sondern nur der Jammer um die verlorene Nationalität. Gewiß, auch das verbindet. Aber was die Gaelische Liga sonst für den gemeinsamen Kulturbesitz der Nation ausgeben will, die gaelischen Schriftzüge, das Gerede von Barden, Druiden und alten Königen – das ist nur eine pietätvolle historische Spielerei. Wenn morgen ein Erdbeben die Hauptstadt Dublin zerstört, alle Denkmale historischer Unterdrückung, alle Zeichen des zähen Kampfes um die Assimilation – wenn dann die neue, einige irische Nation auf den Trümmern eine neue Stadt aufzubauen hat, wird sie eine typische angelsächsische Stadt aufbauen: Was Dublin heute seinen irischen Charakter gibt, ist nur noch die Erinnerung an den englischen Druck. Die Engländer wissen schon, warum sie Dublin jetzt wieder zur richtigen Hauptstadt eines autonomen britischen Bundesstaates machen wollen. Dublin wird den letzten Winkel von England zu Ende anglisieren, wenn Irland frei ist.

Wenn wieder ein irisches Parlament am College Green tagen wird, wird es zweifellos noch zehn patriotische Denkmäler stiften, mit Harfen und gaelischen Inschriften am Sockel. Aber jeder Abgeordnete wird sich mit Pears Soap waschen, wird Lyons Tea trinken und dazu bacon and eggs essen, wird lieber Shakespeare lesen und viel lieber die neuen Sixpence-Novels als Shakespeare – wird ein Kolonialengländer sein mit einer alten sentimentalen Liebe zu etwas Unenglischem im Herzen.

Ein Gegner der Iren hat gesagt: Die Iren wissen nicht, was sie wollen, aber sie werden nicht ruhen noch rasten, bis sie es erreicht haben. Dieses Wort löst das irische Problem. Dieses Nicht-Ruhen-Noch-Rasten macht einzig und allein noch das Wesen der Iren aus, natürlich neben einer besonderen Veranlagung, die durch Klima und Rasse gegeben ist. Kulturell sind die Iren eine anglisierte Nation, nur eine, die nicht durch ihre angelsächsische Kultur herrscht, sondern die von ihr beherrscht wird. Wenn erst Dublin wieder die Hauptstadt von Irland ist, wird eine interessante Spielart der Engländer einen neuen, anglo-irischen Staat bilden, nicht mehr von den Londonern unterschieden, als die Bayern von den Ostpreußen. Dublin wird das britische München werden. Wenn Homerule eingeführt wird, dann wird die Assimilation der Iren ihre letzten Fortschritte machen. Wenn die irische Autonomie wieder zum tausendsten Male vereitelt werden könnte, würde Dublin vielleicht wieder eine gaelisch-keltische Stadt werden, wenn auch nicht recht einzusehen ist, auf welche Weise. So wie es nur ein Mittel gäbe, um den katholischen Klerikalismus in Irland zu verewigen: neue Katholikenverfolgungen.

Wenn Homerule die Sehnsucht der Iren nach Irland stillt, gibt es keine Iren mehr.

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