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Richard Arnold Bermann: Irland - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
author
titleIrland
publisherHyperionverlag
year1914
firstpub1914
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.7et
created20140724
projectid82947a24
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Die Meistersinger von Irland

An einem englischen Sonntag ist dem Menschen nichts gestattet, als fromm zu sein und sich in respektabler Weise zu langweilen. In Irland ist das etwas anders. Sehr fromm ist man auch hier. Die besser gekleideten Leute gehen in den Gottesdienst der evangelischen Kirche von Irland, aber das weite Gotteshaus wird nicht ganz voll. Die schlechter gekleideten Leute, die echten Iren von Irland, knien in Scharen vor dem Tor der katholischen Kathedrale, denn sie haben innen nicht alle Platz. Am Nachmittag aber verlangt die katholische Geistlichkeit von ihren Gläubigen nicht, daß sie wie die Anglikaner und Presbyterianer still zu Hause sitzen und sich langweilen; ganz im Gegenteil. Am Sonntag nachmittag wird im katholischen Irland gesungen und getanzt, und der Klerus ist auch mit dabei.

Der Klerus ist Sonn- und Wochentags bei allem dabei, was im »Irischen Irland« vorgeht, das heißt in den katholischen Grafschaften, die im Gegensatz zum evangelischen Lande Ulster noch mit Bewußtsein und Liebe irisch sein wollen. In der Gaelischen Liga, die die alte keltische Landessprache wieder aus ihrem Grabe heben möchte, im Alten Orden der Hibernier, im »Sin Fein«, in allen Bünden und Organisationen der Nationalisten regieren die Pfarrer, die Kapläne. Darum müssen sie auch präsidieren, wenn am Sonntag die großen Wettbewerbe im nationalen Gesang und Tanz veranstaltet werden. Man singt und tanzt nicht nur so zum Vergnügen, sondern gegen die Engländer, gegen die »Sachsen«, die Protestanten, die Herren. Es scheint unmöglich, daß in Irland ohne religiöse und nationale Hintergedanken gesungen oder das Tanzbein geschwungen wird.

Eine irische grüne Wiese, ein wenig über dem Meeresufer. Im Hintergrund sieht man die sehr europäische und sehr gewöhnliche Esplanade. Die fashionablen Kurgäste aus Dublin und aus England sitzen sehr respektabel auf den Bänken der Esplanade und blicken kaum auf, wenn irische Boyscouts in ihren grünen Blusen vorbeimarschieren oder dörfische Musikkapellen mit viel Blech. Oben auf der Wiese sind die anständigen Hüte in der Minderzahl; die gebrauchte Sportkappe regiert, aber manch ein klerikaler Zylinder ist auch dabei. Wer nur drei Pence Eintritt zahlen wollte, sucht sich einen erhöhten Platz und setzt sich erwartungsvoll ins Gras. Wer noch einmal drei Pence auf dem Altar des irischen Vaterlandes opfert, darf in den inneren Ring und setzt sich auf einen Stuhl. Es ist eine Tribüne für die Musik aufgeschlagen und davor eine Plattform für die Sänger und Tänzer. Komiteemitglieder mit grünen Abzeichen laufen geschäftig herum. Dasjenige Komiteemitglied, das die leiseste Stimme hat, tritt auf das Podium und hält eine Ansprache. Sie muß sehr schön gewesen sein und wird sicher im Wochenblatt stehen. Dann fängt die Musik an. Bis zu diesem Moment befand man sich irgendwo in Europa und in einem Provinznest, wo etwas Lokales los ist. Sobald die Musik spielt, ist man in Irland, im irischen Irland. Was die nachlässig uniformierten jungen Burschen da spielen, ist vergnügt, melancholisch und pathetisch zugleich. Es ist keltisch, irisch. Der hüpfende Rhythmus der irischen Tänze ist auch in den Hymnen des Landes; die Einsamkeit der irischen Moore, der blutige Schmerz der irischen Geschichte ist auch irgendwie in den Tänzen. Und immer wieder kommt ein feierlicher Appell in die Melodien, ein nationales Pathos ohne Lärm. Es ist erstaunlich, wie gut die jungen Burschen das blasen und pfeifen. Es ist wie in Böhmen, wo jeder Dorfmusikant ein Musiker ist.

Nach dem Musikstück beginnt der Wettkampf. In der ersten Sitzreihe wimmelt es von aufgeregten Kindern. Nämlich die Meistersinger von Irland sind selten über sechzehn Jahre alt, und es sind meistens Meistersingerinnen. Und außerdem sind es mehr Tänzer als Singer. Die hübschen Mädchen tanzen und die weniger hübschen singen. Vorläufig aber haben sie noch den langen Mantel über dem weißen oder blauen Waschkleid und der grünen Schärpe; sie sitzen neben der Mama oder der Schwester und haben Lampenfieber. Zuerst produziert sich ein junger Gymnasiast in kurzen grünen Hosen und mit einer demonstrativ grünen Kravatte. Zugleich mit ihm betritt ein Fiedler das Podium. Ein echter irischer Tanz wird zur Fiedel getanzt; es ist keine Musik, sondern ein überaus kurzatmiges und monotones Gedudel, das so recht nach stillen Dörfern klingt und nach den Vergnügungen einfacher Hammelhirten. Der fünfzehnjährige Junge tritt vor und auf einmal hat er aufgehört, fest und robust zu sein. Seine Füße trommeln auf dem Podium. Er bewegt sich heftig und kommt nicht vom Fleck. Es ist ein Tanz wie ein bayerischer Schuhplattler, aber ganz ohne dessen urwüchsige Grobheit. So wie Nijinski einen Schuhplattler tanzen würde – wenn der göttliche Nijinski immerhin wesentlich schlechter tanzte, als er es gewöhnlich tut. Der ganze Oberkörper des Tänzers bleibt ruhig, nur die Beine leben, verschlingen sich, tragen den Leib in die Luft, fallen mit einem kurzen, leisen Schlag der Fußspitzen wieder auf die Bretter. Das ist ein irischer Hornpipe. Aber es kann auch ein Jig sein oder ein Reel; wer kein gelernter Ire ist, der merkt den Unterschied nicht.

Nach diesem Tänzer kommt eine junge Miß mit Primadonnenallüren. Es gibt sehr hübsche irische Mädchen, aber auch einen sehr üblichen Typus mit breiten Schultern und knochiger Nase. Die Mädchen von diesem Typus sind außerdem etwas komisch angezogen und mit billigem Schmuck behängt. Die Sängerin tritt vor und legt zunächst die Hand an die Stirn. Soll heißen: »Ich bin fürchterlich indisponiert!« Dann geht es los. Es ist ein irisches Lied mit englischen Worten; sentimental, melancholisch. Man applaudiert; es sind Tanten anwesend. Die Preisrichter mit den grünen Abzeichen machen sich voll Wichtigkeit Notizen. Es wird sicherlich ein silbernes Shamrock-Kleeblatt die Folge sein.

Und nun ein ganz kleines Mädel unter zehn Jahren. Es ist entzückend, wie sie trippelt und springt. Peter Allenberg müßte das sehen. Ich greife nach meinem Programm, um mir den Namen anzumerken. Es muß ein sehr süßer Mäderlname sein, aber ich kann ihn nicht lesen, denn das Programm ist zwar sonst in englischer Sprache abgefaßt, aber die Namen der Mitwirkenden stehen da in krausen gaelischen Schriftzügen. Nämlich das ganze Fest macht Propaganda für die Wiederbelebung der nationalen Sprache. In der Pause nach dem ersten Teil sagt es ein hochwürdiger Pfarrer, aber er sagt es auf englisch, damit man es verstehe. Er hat einen feinen Priesterkopf. Er macht in seiner Rede joviale Scherze. Er spricht mit Wärme von den alten Tänzen und Liedern Irlands, von der alten Sprache, die höchstens noch in einsamen Strichen des äußersten Westens wirklich lebt, die in keiner Weise mehr die Sprache der irischen Gegenwart ist, und darum denen teuer, die die irische Gegenwart nicht lieben. Hier auf dieser Wiese ist alles gut gaelisch gesinnt, aber der feine alte Priester spricht vorsichtigerweise doch die Sprache der Angelsachsen. Es scheint, die Versammelten sind mehr in der Theorie für das Gaelische.

Wie dann später ein hübsches Schulmädel zaghaft auftritt und ein langes gaelisches Gedicht heruntersagt, sind alle Leute sehr erfreut, aber den Inhalt des Gedichts können mir meine Nachbarn gar nicht sagen.

Der joviale Pfarrer hat jetzt ein wichtiges Geschäft: er verteilt die Preise, die in den letzten Wettbewerben gewonnen wurden. Und jetzt entsteht ein vergnügtes Gewimmel rings um das Podium. Grüne Komiteemitglieder schleppen Haufen von dicken Büchern herbei und von kleinen Päckchen, in denen dünne Silbermedaillen, Kreuzchen, Kleeblätter liegen. Die weniger anmutige junge Miß von vorhin bekommt ein dickes Notenheft, und einen Moment fürchtet man, sie werde jetzt das ganze Album vorsingen. Ein ganz winziger Junge von höchstens vier Jahren klettert mit großer Anstrengung auf das Podium. Er ist gekleidet wie der Embryo eines altirischen Druiden, trägt einen grünen Kittel und einen dunkelgelben Überwurf aus rauhem Homespun-Tuch und sieht zum Küssen aus. Der Pfarrer gibt ihm ein Silberkreuzchen, das hat sich der Kleine als Hornpipe-Tänzer verdient. Und wir alle applaudieren und der Junge freut sich, als hätte er viel Schokolade bekommen, und der Pfarrer zeigt ihm, wie er zu knicksen hat. Und in einer Ecke stehen zehn Backfische und vergleichen ihre Preise und sind glücklich, wenn die Busenfreundin einen minderen hat, und die Jungen raufen bereits, weil die Preisgewinne so sind und die Kameraden das eroberte Buch nicht gleich lesen lassen. Es sind aber meist englische Bücher.

Nach der Pause wird weitergetanzt und weitergesungen, und auf die Dauer ist das ein bißchen monoton. Aber es gibt einen schönen Reel, getanzt von zwei Burschen und einem Mädchen. Sie reichen einander die Hände und springen vereint in die Luft; sie avancieren sohlenklappernd in einer Linie, sie exerzieren mehr als sie tanzen. Ihre Gesichter sind angespannt; sie denken an den nächsten Tritt und amüsieren sich nicht. Doch sie sind jung und es ist ein Schauspiel voll Anmut. Dabei wissen sie genau, daß sie etwas Löbliches tun und für ihr Volkstum hüpfen, und daß das eine Demonstration für Homerule ist und gegen die Protestanten von Ulster und überhaupt sehr wichtig. Auch die Zuschauer machen ziemlich ernste Gesichter, und auf dem ganzen Platz ist kein guter Schluck zu bekommen, nicht einmal irischer Nationalwhisky.

Am Schluß aber erschüttern die Musikanten mächtig ihre Instrumente und spielen das Lied »A nation once again«. »Endlich wieder eine Nation!« Eine irische Melodie, ein englischer Text. In Irland ist das jetzt so. Ob es der Gaelischen Liga gelingen wird, auch den Text zu übersetzen? Man mag daran zweifeln. Ein Volk erlernt diese unkomplizierte englische Sprache sehr leicht und verlernt sie dann nie wieder. Wenn ein Tunguse nach Amerika auswandert, spricht er in einem Jahr besser englisch als tungusisch. Nun ist die ganze irische Nation, wer kann das noch bezweifeln, in das englische Sprachgebiet, und trotz allen gaelischen Gedichtchen auch ins englische Literaturgebiet ausgewandert. Und es ist eine Auswanderung aus den Sprachgrenzen namenloser Barden in die Sprachgrenzen Shakespeares, das darf man keineswegs vergessen. Vielleicht ist die Sprache Shakespeares doch stärker als die irisch-nationalen Vereine, obwohl die geistlichen Herren in ihnen so eine große Rolle spielen.

Aber die alten Melodien klingen noch durch das Land und Irlands Kinder lernen sie. Bei uns in Deutschland singen die Kinder das Nationallied »Puppchen« und tanzen Tango.

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