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Irische Elfenmärchen

Brüder Grimm: Irische Elfenmärchen - Kapitel 33
Quellenangabe
titleIrische Elfenmärchen
authorJacob und Wilhelm Grimm
typefairy
year1987
isbn3-458-32688-X
publisherInsel
senderA. Haunstetter
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Der Cluricaun

12. Der verwünschte Keller

(Siehe auch die Anmerkungen)

Es gibt wenig Leute in Irland, die nicht die alte Familie der Mac Carthys kennen sollten, deren Zweige sich in dem Süden ausgebreitet haben und die sämtlich durch die Gastfreundschaft berühmt sind, womit sie jeden Fremden, vornehm oder gering, aufnehmen.

Von niemand übertroffen ward hierin Justin Mac Carthy von Ballinacarthy; seine Tafel war mit Speise und Trank reichlich besetzt und herzlich willkommen jeder, der daran Teil nehmen wollte. Sein Weinkeller konnte für ein wahrhaftes Muster gelten und mancher andere mußte sich dagegen seines Namens schämen. So viel Raum er hatte, war er doch mit Körben für Weinflaschen und langen Reihen von Fässern aller Art und Größe angefüllt, so daß sie aufzuzählen mehr Zeit wegnehmen würde, als der mäßigste Mensch übrig behalten könnte an solch einem Platz, umgeben von der Fülle zu trinken und herzlich eingeladen, es zu tun.

Ohne Zweifel wird mancher denken, daß der Mundschenk in einem solchen Hause wenig Ursache habe, Klage zu führen und die ganze Grafschaft würde eingestimmt haben, wenn man nur ein Beispiel gehabt hätte, daß ein Mann in diesem Amt längere Zeit, als der Rede wert ist, bei Herrn Mac Carthy geblieben wäre. Gleichwohl sprach keiner, der in seinen Diensten gewesen war, ein böses Wort von ihm.

»Wir haben an dem Herrn nichts auszusetzen«, sagten sie, »und wenn er nur jemand auftreiben könnte, der ihm den Wein aus dem Keller holte, so wäre ein jeder von uns grau in dem Haus geworden und wir hätten bis an unser seliges Ende ruhig und vergnügt da gelebt.«

»Es ist wahrhaftig eine recht wunderliche Geschichte«, dachte der junge Hans Leary, der von Kindheit an in den Ställen zu Ballinacarthy als Beiläufer aufgewachsen war und gelegentlich dem Mundschenk bei seinem Geschäft hilfreiche Hand geleistet hatte, »es ist wahrhaftig eine wunderliche Geschichte, daß kein einziger mit der besten Stelle im ganzen Haus zufrieden sein will, zumal bei einem so guten Herrn, sondern jeder sie wieder aufgibt und zwar, wie sie alle sagen, des Weinkellers wegen. Wollte mich der Herr, dem Gott langes Leben verleihe! zum Mundschenk machen, so sollte man kein murrendes Wörtchen hören, wenn er mich in den Weinkeller gehen heißt, das verspreche ich.«

Leary wartete daher auf eine günstige Gelegenheit, wo er dem Herrn seine Absicht kund geben könnte.

Einige Tage darnach ging Herr Mac Carthy morgens ungewöhnlich früh in den Stallhof und rief laut nach dem Stallknecht: er sollte ihm die Pferde satteln, da er willens sei mit den Jagdhunden auszureiten. Aber kein Stallknecht gab Antwort und der junge Hans Leary führte Regenbogen aus dem Stall.

»Wo ist Wilhelm?« fragte Herr Mac Carthy.

»Gnädiger Herr?« sagte Hans und Herr Mac Carthy wiederholte die Frage.

»Nach dem Wilhelm fragt der gnädige Herr?« antwortete Hans, »ja die Wahrheit zu sagen, er hat vorige Nacht ein Glas zu viel getrunken.«

»Wie kam er dazu?« fragte Herr Mac Carthy, »seit Thomas weggegangen ist, befinden sich die Kellerschlüssel in meiner Tasche und ich sehe mich genötiget, den Wein den ich brauche selbst zu holen.«

»Ich bin durchaus nicht im Stand, es zu sagen«, erwiderte Leary, »es müßte denn sein, daß ihm der Koch ein kleines Restchen Branntewein gegeben hätte; doch«, fuhr er fort, und schnallte den Bügel niedriger, indem er mit der rechten Hand in die Mähnen griff und seinen Kopf herabsenkte, während er mit dem linken Bein, welches er vorgesetzt hatte, zurückscharrte, »darf ich es wagen, Ew. Gnaden eine Frage zu tun?«

»Rede, Hans«, sagte Herr Mac Carthy.

»Wünschen Ew. Gnaden nicht einen Mundschenk zu haben?«

»Weißt Du mir einen?« antwortete der Herr und lächelte gutgelaunt über seine Haltung, »und einen der sich nicht fürchtet in den Weinkeller zu gehen?«

»Ist bloß davon die Rede?« sagte der junge Leary, »Gott weiß! dazu wäre ich der Mann.«

»Du denkst also mir deine Dienste in der Eigenschaft eines Mundschenks anzubieten?« sagte Herr Mac Carthy mit einigem Erstaunen.

»Ja, gnädiger Herr, das war meine Absicht«, antwortete der junge Leary, der jetzt zum erstenmal von dem Boden aufschaute.

»Wohlan, ich glaube du bist ein braver Bursche und ich habe nichts dagegen mit dir einen Versuch zu machen.«

»Mögen Ew. Gnaden lange unser Herr sein und möge Gott Euch langes Leben verleihen!« rief Leary aus und neigte sich nach üblicher Weise, als sein Herr davon ritt. Er sah ihm noch eine Weile mit gedankenlosem Starren nach, bis er allmählich und gradweise eine wichtige Miene annahm.

»Hans Leary!« sagte er endlich, »Hans, ists Hans?« und in einem Tone von Verwunderung: »Meiner Treue, es ist nun nicht Hans, sondern Herr Johann, der Mundschenk.« Und mit einem Vorgefühl der herannahenden Würde schritt er aus dem Stallhof nach der Küche hin.

Learys alter Stallgenosse, ein armer ausgedienter Hund namens Bran, gewohnt öfter liebreich an den Kopf geklopft zu werden, wurde mit einem Fußtritt und dem Ausruf: »Aus dem Weg, Racker!« fortgejagt. In der Tat, des armen Hans Gedächtnis schien durch seine plötzliche Erhebung verwirrt. Außer Zweifel ward dies gestellt, durch das gänzliche Vergessen des allerliebsten Gesichtes des Küchenmädchens, auf dessen Herz er noch vorige Woche einen Angriff getan hatte, durch das Anerbieten ihr einen goldenen Ring an den vierten Finger der rechten Hand zu kaufen und durch einen derben Kuß auf ihre Lippen.

Als Herr Mac Carthy von der Jagd heimkam, schickte er nach Hans Leary, wie er fortfuhr seinen neuen Mundschenk zu nennen.

»Hans«, sagte er, »ich glaube du bist ein zuverlässiger Bursche, hier sind die Schlüssel zum Keller. Ich habe die Herrn, mit welchen ich heute auf der Jagd war, eingeladen mit mir zu essen und ich hoffe, sie werden mit deiner Aufwartung bei Tische zufrieden sein, vor allen Dingen, sorge dafür, daß es nach dem Essen nicht an Wein fehlt.«

Herr Johann hatte ein leidlich gutes Auge für diese Dinge und war von Natur anstellig; er breitete demnach die Tafeltücher aus, stellte die Teller und legte Messer und Gabel auf dieselbe Art, wie er seinen Vorgänger im Amt dieses Geschäft hatte verrichten gesehen. Und wirklich, für den Anfang ging es bei dem Essen recht gut.

Nur muß man nicht vergessen, daß in dem Hause eines irländischen Landedelmannes, welcher eine Gesellschaft von gestiefelten und gespornten Fuchsjägern bewirtete, manches nicht so sehr in Betracht kam, was als Gegenstand von höchster Wichtigkeit unter andern Umständen und in andern Gesellschaften gegolten hätte.

Keiner von den Gästen des Herrn Mac Carthy, treffliche und ehrenwerte Männer in ihrer Art, trug daher große Sorge, ob der Punsch, der nach der Suppe gereicht wurde, aus Jamaica- oder Antigoa-Rum gemacht war. Ebenso wenig hatten sie Lust, die Reinheit des guten alten gebrannten Wassers zu untersuchen und mit Ausnahme des freigebigen Wirts selbst, zog jeder in der Gesellschaft den Portwein, welchen Herr Mac Carthy auf seine Tafel setzte, dem weniger feurigen Wohlgeschmack des roten französischen Weins vor. Eine Wahl, die eigentlich dem neuem Geschmack widersprechen sollte.

Es ging stark auf Mitternacht, als Herr Mac Carthy dreimal die Schelle zog, welches das Zeichen war, mehr Wein zu bringen. Hans begab sich daher nach dem Keller um frischen Vorrat zu holen, doch, es zu gestehen, mit einem kleinen Zögern.

Der Luxus mit Eis war noch unbekannt in dem südlichen Irland, der Vorzug des kühlen Weins aber von niemand bestritten, der gesundes Urteil und richtigen Geschmack hatte.

Der Großvater des Herrn Mac Carthy, welcher das Wohnhaus von Ballinacarthy auf die Stelle einer alten, seinen Voreltern zugehörigen Burg aufgebaut hatte, nahm auf diesen wichtigen Umstand gar wohl Bedacht. Bei Anlegung des Kellers hatte er ein tiefes Gewölbe benutzt, welches in früheren Zeiten in den mächtigen Felsen als ein sicherer Zufluchtsort ausgehauen war. Man stieg in das Gewölbe auf steinernen Stufen hinab und hier und da waren in der Wand schmale Öffnungen oder, recht zu sagen, Risse, mithin gewisse Stellen, welche tiefe Schatten warfen und recht grausenhaft aussahen, wenn jemand mit einem einzelnen Licht die Stufen herabkam. Aber in Wahrheit, zwei Lichter konnten die Sache nicht viel besser machen, denn wenn auch die Breite des Schattens etwas abnahm, die engen Spalten waren so dunkel und dunkler als je.

Alle seine Entschlossenheit aufbietend machte sich der neue Mundschenk auf den Weg. In der rechten Hand trug er eine Laterne und die Kellerschlüssel, in der linken einen Korb, der ihm fähig schien, so viel zu fassen, als für die noch übrige Nacht nötig sein mochte. Er gelangte ohne irgendeine Störung zu der Türe. Als er aber den Schlüssel, der von alter und plumper Art war, einsteckte und umdrehen wollte, so deuchte ihn, er hörte ein seltsames Gelächter mitten in dem Keller, wobei einige leere Flaschen, welche außen auf der Flur standen, so heftig zitterten, daß sie aneinander zerbrachen; hierin konnte er nicht irren, wenn er sich auch in dem Lachen mochte geirrt haben, denn die Flaschen standen gerade vor seinen Füßen und er sah deutlich ihre Bewegung.

Leary wartete einige Augenblicke und schaute dann mit ungewöhnlicher Behutsamkeit um sich. Dann faßte er keck den Griff des Schlüssels und drehte ihn mit aller Macht in dem Schloß, als bezweifle er seine eigene Stärke; und die Türe flog mit so heftigem Krachen auf daß wenn das Haus nicht auf einem so mächtigen Felsen gestanden hätte, es in seinen Fundamenten wäre erschüttert worden.

Eine Erzählung von dem, was der arme Bursch gesehen hat, ist kaum möglich, da er kein rechtes Bewußtsein von sich selbst scheint gehabt zu haben. Dem Koch erzählte er den folgenden Morgen, daß er ein Heulen und Brüllen gehört habe wie von einem tollgewordenen Ochsen und daß alle Fässer, groß und klein, geschwankt hätten, rückwärts und vorwärts gegangen wären und zwar mit solcher Gewalt, daß er gedacht hätte, sie würden alle miteinander zusammenbrechen und er im Weine ersäuft oder erstickt werden.

Sobald Leary wieder zu sich selbst gekommen war, eilte er zu dem Speisezimmer, wo der Herr und die Gesellschaft ungeduldig auf seine Rückkehr warteten.

»Was hast du vor?« sagte Herr Mac Carthy mit einer ängstlichen Stimme, »und wo ist der Wein? Schon vor einer Stunde habe ich geschellt.«

»Der Wein ist in dem Keller, hoffe ich, Herr«, sagte Leary heftig zitternd, »ich hoffe, er ist nicht all verloren.«

»Was meinst du, Narr?« rief Herr Mac Carthy in einem immer ängstlicheren Ton, »Warum hast du keinen mit dir heraufgebracht?«

Leary blickte wild umher und stieß nur einen tiefen Seufzer aus. »Ihr Herrn!« sagte Mac Carthy zu seinen Gästen, »das ist zu arg! Wenn ich das nächstemal Euch an meinem Tische sehe, hoffe ich, soll es in einem andern Hause sein, denn es ist unmöglich, länger in diesem hier zu bleiben, wo man nicht über seinen eigenen Weinkeller Herr ist und keinen Mundschenk bekommen kann, der seine Schuldigkeit tut. Ich habe schon lange daran gedacht, von Ballinacarthy wegzuziehen und bin nun mit Gottes Beistand entschlossen, es morgen am Tage zu verlassen. Doch Wein sollt Ihr haben und müßte ich selbst deshalb in den Keller gehen.« Mit diesen Worten stand er von der Tafel auf, nahm Schlüssel und Laterne seinem halb verrückten Diener, der ihn gedankenlos anstarrte, aus der Hand und stieg die schon beschriebene steinerne Treppe, die zu dem Keller führte, hinab.

Bei der Türe angelangt, die er offen fand, glaubte er ein Geräusch zu hören, wie wenn Mäuse oder Ratten über die Fässer krabbelten und als er näher kam, bemerkte er eine kleine Gestalt, etwa sechs Daumen hoch, welche sich rittlings auf ein Faß mit dem ältesten Portwein gesetzt hatte und einen Zapfen auf der Schulter trug. Mac Carthy hob die Laterne in die Höhe und betrachtete den kleinen Gesellen voll Verwunderung. Er trug eine kleine Nachtmütze auf dem Haupt, vorne ein kurzes Lederschürzchen, das jedoch in seiner gegenwärtigen Stellung auf eine Seite gefallen war; die Strümpfe von hellblauer Farbe gingen so weit herauf, daß sie beinahe sein ganzes Bein bedeckten und an den Schuhen, auf welchen gewaltig große silberne Schnallen lagen, waren hohe Absätze, vielleicht aus Eitelkeit, um größer zu erscheinen. Sein Gesicht glich einem zusammengeschrumpften Winterapfel und seine Nase von glänzender Karmesinfarbe trug auf der Spitze eine zarte Purpurblume gleich einer Rosine. Seine Augen funkelten wie ein paar Johanneswürmchen und sein Mund zog sich mit einem verschmitzten Grinsen nach einer Seite.

»Ach Schurke!« rief Herr Mac Carthy, »habe ich dich endlich gefunden, Ruhestörer! Was hast du in meinem Keller zu schaffen?«

»Freilich, aber, Herr«, antwortete der Kleine und schaute mit einem Auge zu ihm auf, mit dem andern warf er einen listigen Blick nach dem Zapfen auf seiner Schulter, »ziehen wir morgen nicht aus? Ihr werdet den kleinen Cluricaun Naggenin, der Euch angehört, gewiß nicht zurücklassen.«

»O« dachte Mac Carthy, »willst du mir nachfolgen, Meister Naggenin, so sehe ich wenig Vorteil, wenn ich Ballinacarthy verlasse.« Er füllte den Korb, den Leary in seiner Angst nicht mitgenommen und nachdem er die Kellertüre verschlossen hatte, begab er sich wieder zu seinen Gästen.

Einige Jahre lang mußte sich Mac Carthy den Wein für seine Tafel selbst holen und der kleine Cluricaun schien eine persönliche Ehrerbietung vor ihm zu fühlen. Ungeachtet der Beschwerlichkeiten dieser täglichen Reise brachte es der ehrenwerte Herr von Ballinacarthy in seinem väterlichen Hause zu einem hübschen Alter und ward endlich durch die Trefflichkeit seiner Weine so wie durch die Fröhlichkeit seiner Gäste berühmt. Doch zur Zeit seines Todes hatte die Gesellschaft den Weinkeller ziemlich geleert und da er nachher weder so gut wieder angefüllt wurde noch so oft besucht, verloren die Feste des Meister Naggenin ihren Ruf und man hört nur davon, wenn man sich über die Sagen der Gegend belehren läßt. Da wird noch erzählt, der arme Wichtelmann habe sich den Verfall des Weinkellers so schwer zu Herzen genommen, daß er gegen sich selbst nachlässig und gleichgültig geworden und manchmal sei gesehen worden, kaum mit einem Lumpen bedeckt.

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