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Iphigenie in Aulis

Euripides: Iphigenie in Aulis - Kapitel 1
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Smmtliche Werke, Zweiter Band
authorEuripides
translatorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleIphigenie in Aulis
pages583
created20010105
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Euripides.

Iphigenie in Aulis.

Uebersetzt von Friedrich Schiller.Diese Tragödie ist vielleicht nicht die tadelfreieste des Euripides, weder im Ganzen, noch in ihren Theilen. Agamemnons Charakter ist nicht fest gezeichnet und durch ein zweideutiges Schwanken zwischen Unmensch und Mensch, Ehrenmann und Betrüger, nicht wohl fähig, unser Mitleiden zu erregen. Auch bei dem Charakter des Achilles bleibt man zweifelhaft, ob man ihn tadeln oder bewundern soll. Nicht zwar, weil er neben dem Racineschen Achilles zu ungalant, zu unempfindsam erscheint; der französische Achilles ist der Liebhaber Iphigeniens, was jener nicht ist und nicht sein soll; diese kleine, eigennützige Leidenschaft würde sich mit dem hohen Ernst und dem wichtigen Interesse des griechischen Stücks nicht vertragen. Hätte sich Achilles wirklich überzeugt, daß Griechenlands Wohl dieses Opfer erheische, so möchte er sie immer bewundern, beklagen und sterben lassen. Er ist ein Grieche und selbst ein großer Mensch, der dieses Schicksal eher beneidet, als fürchtet; aber Euripides nimmt ihm selbst diese Entschuldigung, indem er ihm Verachtung des Orakels, wenigstens Zweifel in den Priester, der es verkündigt hat, in den Mund legt – man sehe die dritte Scene des vierten Akts – und selbst sein Anerbieten, Iphigenien mit Gewalt zu erretten, beweist seine Geringschätzung des Orakels; denn wie könnte er sich gegen Das auflehnen, was ihm heilig ist? Wenn aber das Heilige wegfällt, so kann er in ihr nichts mehr sehen, als ein Opfer der Gewalt und priesterlichen Künste, und kann sich dieser großmüthige Göttersohn auch alsdann noch so ruhig dabei verhalten? Muß er sie nicht vielmehr, wenn sie mit thörichtem Fanatismus gleich selbst in den Tod stürzen will, mit Gewalt davor zurückhalten, als daß er ihr erlauben könnte, ein Opfer ihrer Verblendung zu werden? Man nehme es also, wie man will, so ist entweder sein Versuch zu retten thöricht, oder seine nachfolgende Ergebung unverzeihlich, und inconsequent bleibt in jedem Falle sein Betragen. Der Chor in diesem Stücke, wenn ich seine erste Erscheinung ausnehme, ist ein ziemlich überflüssiger Theil der Handlung, und wo er sich in den Dialog mischt, geschieht es nicht immer auf eine geistvolle Weise! das ewige monotonische Verwünschen des Paris und der Helene muß endlich Jeden ermüden. Was gegen die durch ein Wunder bewirkte Entwickelung des Stücks zu sagen wäre, übergeh' ich; überhaupt aber ist zwischen der dramatischen Fabel dieses Dichters und seiner Moral oder den Gesinnungen seiner Personen zuweilen ein seltsamer Widerspruch sichtbar, den man, so viel ich weiß, noch nicht gerügt hat. Die abenteuerlichsten Wunder- und Göttermärchen verschmäht er nicht; aber seine Personen glauben nicht an ihre Götter, wie man häufige Beispiele bei ihm findet. Ist es dem Dichter erlaubt, seine eigenen Gesinnungen in Begebenheiten einzuflechten, die ihnen so ungleichartig sind, und handelt er nicht gegen sich selbst, wenn er den Verstand seiner Zuschauer in eben dem Augenblick aufklärt oder stutzen macht, wo er ihren Augen einen höhern Grad von Glauben zumuthet? Sollte er nicht vielmehr die so leicht zu zerstörende Illusion durch die genaueste Uebereinstimmung von Gesinnungen und Begebenheiten zusammen zu halten und dem Zuschauer den Glauben, der ihm fehlt, durch die handelnden Personen unvermerkt mitzutheilen beflissen sein?

Was Einige hingegen an dem Charakter Iphigeniens tadeln, wäre ich sehr versucht, dem Dichter als einen vorzüglich schönen Zug anzuschreiben; diese Mischung von Schwäche und Stärke, von Zaghaftigkeit und Heroismus ist ein wahres und reizendes Gemälde der Natur. Der Uebergang von einem zum andern ist sanft und zureichend motivirt. Ihre zarte Jungfräulichkeit, die zurückhaltende Würde, womit sie den Achilles, selbst da, wo er Alles für sie gethan hat oder zu thun bereit ist, in Entfernung hält, die Bescheidenheit, alle Neugier zu unterdrücken, die das räthselhafte Betragen ihres Vaters bei ihr rege machen muß, selbst einige hie und da hervorblickende Strahlen von Muthwillen und Lustigkeit, ihr heller Verstand, der ihr so glücklich zu Hilfe kommt, ihr schreckliches Schicksal noch selbst von der lachenden Seite zu sehen, die sanft wiederkehrende Anhänglichkeit an Leben und Sonne – der ganze Charakter ist vortrefflich. Klytämnestra – mag sie anderswo eine noch so lasterhafte Gattin, eine noch so grausame Mutter sein, darum kümmert sich der Dichter nicht – hier ist sie eine zärtliche Mutter und nichts als Mutter; mehr wollte und brauchte der Dichter nicht. Die mütterliche Zärtlichkeit ist's, die er in ihren sanften Bewegungen, wie in ihren heftigen Ausbrüchen schildert. Aus diesem Grunde finde ich die Stelle im fünften Akt, wo sie Iphigenien auf die Bitte, sie möchte ihren Gemahl nicht hassen, zur Antwort gibt: »O, Der soll schwer genug an dich erinnert werden!« eine Stelle, worin ihre künftige Mordthat vorbereitet zu sein scheint, eher zu tadeln als zu loben – zu tadeln, weil sie dem Zuschauer (dem griechischen wenigstens, der in der Geschichte des Hauses Atreus sehr gut bewandert war und für den doch der Dichter schrieb) plötzlich die andre Klytämnestra, die Ehebrecherin und Mörderin, in den Sinn bringt, an die er jetzt gar nicht denken soll, mit der er die Mutter, die zärtliche Mutter, gar nicht vermengen soll. So glücklich und schön der Gedanke ist, in demjenigen Stücke, worin Klytämnestra als Mörderin ihres Gemahls erscheint, das Bild der beleidigten Mutter und die Begebenheit in Aulis dem Zuschauer wieder ins Gedächtniß zu bringen (wie es z. B. im Agamemnon des Aeschylus geschieht), so schön dieses ist, und aus eben diesem Grunde, warum dieses schön ist, ist es fehlerhaft, in dasjenige Stück, das uns die zärtliche, leidende Mutter zeigt, die Ehebrecherin und Mörderin aus dem andern herüberzuziehen; jenes nämlich diente dazu, den Abscheu gegen sie zu vermindern, dieses kann keine andere Wirkung haben, als unser Mitleiden zu entkräften. Ich zweifle auch sehr, ob Euripides bei der oben angeführten Stelle diesen unlautern Zweck gehabt hat, den ihm Viele geneigt sein dürften als eine Schönheit unterzuschieben.

Die Gesinnungen in diesem Stücke sind groß und edel, die Handlung wichtig und erhaben, die Mittel dazu glücklich gewählt und geordnet. Kann etwas wichtiger und erhabener sein, als die – zuletzt doch freiwillige – Aufopferung einer jungen und blühenden Fürstentochter für das Glück so vieler versammelten Nationen? Konnte die Größe dieses Opfers in ein volleres und schöneres Licht gestellt werden, als durch das prächtige Gemälde, das der Dichter durch den Chor (in der Zwischenhandlung des ersten Aktes) von der glänzenden Ausrüstung des griechischen Heeres gleichsam im Hintergrund entwerfen läßt? Wie groß endlich und wie einfach malt er uns Griechenlands Helden, denen dieses Opfer gebracht werden soll, in ihrem herrlichen Repräsentanten Achilles?

Die gereimte Uebersetzung der Chöre gibt dem Stück vielleicht ein zwitterartiges Ansehen, indem sie lyrische und dramatische Poesie mit einander vermengt; vielleicht finden Einige sie unter der Würde des Drama. Ich würde mir diese Neuerung auch nicht erlaubt haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, die in der Uebersetzung verloren gehende Harmonie der griechischen Verse – ein Verlust, der hier um so mehr gefühlt wird, da in dem Inhalte selbst nicht immer der größte Werth liegt – im Deutschen durch etwas ersetzen zu müssen, wovon ich gern glaube, daß es jener Harmonie nicht nahe kommt, was aber, wär' es auch nur der überwundenen Schwierigkeit wegen, vielleicht einen Reiz für diejenigen Leser hat, die durch eine solche Zugabe für die Chöre des griechischen Trauerspiels erst gewonnen werden müssen. Kann mich dieses bei unsern griechischen Zeloten nicht entschuldigen, so sind sie hinlänglich durch die Schwierigkeit gerächt, die ich bei diesem Versuche vorgefunden habe. In einigen wenigen Stellen hab' ich mir erlaubt, von der gewöhnlichen Erklärungsart abzugehen, wovon hier [in den numerierten Fußnoten zum Text] meine Gründe.

 
Personen.

Agamemnon.

Menelaus.

Achilles.

Klytämnestra, Agamemnons Gemahlin.

Iphigenie, Agamemnons Tochter.

Ein alter Sklave Agamemnons.

Ein Bote.

Chor, fremde Frauen aus Chalcis, einer benachbarten Landschaft,
die gekommen sind, die Kriegs- und Flottenrüstung der Griechen
in Aulis zu sehen
.

Die Scene ist das griechische Lager in Aulis vor dem Zelt Agamemnons.

Scenarium. 1) Agamemnon. Greis. – 2) Chor. – 3) Menelaus. Greis. Chor. – 4) Agamemnon. Menelaus. Chor. – 5) Agamemnon. Menelaus. Bote. Chor. – 6) Agamemnon. Menelaus. Chor. – 7) Chor. – 8) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Begleiter. Chor. – 9) Agamemnon. Klytämnestra. Iphigenie. Chor. – 10) Agamemnon. Klytämnestra. Chor. 11) Chor. – 12) Achilles. Chor. – 13) Klytämnestra. Achilles. Chor. – 14) Klytämnestra. Achilles. Greis. Chor. – 15) Klytämnestra. Achilles. Chor. – 16) Chor. – 17) Klytämnestra. Chor. – 18) Agamemnon. Chor. Klytämnestra. – 19) Agamemnon. Iphigenie. Klytämnestra. Chor. – 20) Klytämnestra. Iphigenie. Chor. Orest. – 21) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Achilles. Chor. – 22) Klytämnestra. Iphigenie. Orest. Chor.


1. Akt 2. Akt
3. Akt 4. Akt
5. Akt

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