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Gutenberg > Joseph Christian von Zedlitz >

Ingvelde Schönwang

Joseph Christian von Zedlitz: Ingvelde Schönwang - Kapitel 1
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authorJoseph Christian von Zedlitz
titleIngvelde Schönwang
seriesGes. Werke
volumeBand 4
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Erstes Buch.

Klaufe.

I.

Kommt, hört von Lieb' und Treue einen Sang,
Von starkem Muth in Noth und Todesdrang,
Von mancher Blutthat, Waffen und Gefecht,
Von einem rauhen, wagenden Geschlecht,
Von Sitten, die in Tagen die uns fern,
Entwachsen aus der Menschheit tiefstem Kern;
Nicht glatt geschliffen, gleißend nicht noch sein,
Nein wild und ungefüg' und hart wie Stein!
Nicht was die Zeit dem Menschen angeweht,
Ihr seht ihn hier, wie er urkräftig steht,
Ein Stamm im Wald, ein Fels, der Wetter Sitz
Erschüttert nicht, zerschmettert nur vom Blitz!

Ein grauer Nebel deckte rings das Land,
Rauh blies der Herbstwind her vom nahen Strand,
Und schüttelte der alten Bäume Haupt;
Die weißen Birken standen unbelaubt,
Und an den Dornensträuchen, dürr und todt,
Hingen die Hagebutten blutig roth.
Schon war die Sonn' entschwunden hinter'm Wald,
Es sank der Abend nieder feucht und kalt,
Die Krähen schrien und suchten ihre Rast
Und flogen nach dem Hochwald hin in Hast.
In Litolfs Haus zu Gladgaard Sprich Gladgor. still und leer
Leuchtet vom niedern Herd die Flamme her,
Es steigt der Rauch empor zum ruß'gen Dach
Der weiten Halle, der der Schlot gebrach.
Hier saß Litolf in Abgeschiedenheit
Und dachte trauernd der vergangnen Zeit;
Und wie er einst der Erste war im Land,
Und einsam jetzt und ohne Erben stand.
Und wie ein Geier nagt ein alter Schmerz
An seinem Eingeweid' und frißt sein Herz! –
So blickt er ernst vor sich und fühlt voll Gram,
Daß seine Kraft entwich, das Alter kam;
Doch wie im Schnee oft noch ein Reislein glüht,
War spät ihm noch ein lieblich Kind erblüht:
Ingvelde, die, weil purpurn angehaucht
Die Wänglein wie in Rosengluth getaucht,
»Schönwange« von den Nachbarn ward genannt.
Die knüpft' ein Fischnetz mit der kleinen Hand;
Ein Knabe neben ihr die Schlingen zählt
Und achtet auf die Arbeit, wenn sie fehlt.

Er war von eines Eignen Weib geboren,
Olaf der Vater, war ein höriger Mann,
Ein Ferg' in Litolfs Landgebiet und Bann,
Sonst war er ehrenwerth und wohl erkoren.
Der lebt' in einer Hütt' am Uferrand;
Die Fähre führt er mit geübter Hand;
Früh oder spät er ist zu jeder Zeit,
Begehrt man sein, zum Dienste gern bereit;
Und wie er immer rudert hin und her,
Wird ihm doch nie die harte Arbeit schwer:
Denn über'm Strome stand unfern ein Haus,
Aus dem blickt eine holde Maid heraus;
Und nimmer kam die Fähre jenseits an,
Nie schwamm an's Ufer Olafs leichter Kahn,
Daß nicht sogleich die junge brünst'ge Lieb'
Ein Herze hin zum andern Herzen trieb.
Doch Norf, der Jungfrau Vater zürnt und tobt,
Er hatt' sie einem Andern angelobt;
Olaf der Eigne und ein armer Knecht
Ist ihm zum Eidam nicht genehm und recht. –
Doch Lieb' ist mächt'ger als ein hart Gebot,
Lieb' ist nur stärker, wenn Gefahr ihr droht;
Ihr ist kein Berg zu hoch, kein Thal zu tief,
Kein Weg so weit, daß Liebe ihn nicht lief!
Liebe taucht in der Wasser tiefsten Schlund,
Scheut nicht die Meeresungethüm' im Grund,
Und brennt' ein Wald und sprühte Flamm' und Gluth,
Die Liebe stürmte durch mit leichtem Muth,
Und wär' ein spitz'ges scharf geschliffnes Schwert
Auf jedem Schritt ihr drohend zugekehrt:
Liebe ging' ihren Weg so ungeschreckt
Als wären Blumenstengel vorgestreckt!
Wie hielten sie die Niemand hält im Lauf
Wohl eines Stromes schmale Schranken auf?

Und so geschah's! – Norf ging einst jagen aus
Und als er heim kam, fand er leer das Haus;
Still stand die Fähr' und ist nicht mehr gekehrt
Seit Hilde schafft als Weib an Olafs Herd;
Da rief, den selbst der Asen Die Asen, das Göttergeschlecht der skandinavischen Mythologie. Mund nicht nannt',
Höder, den blinden Gott, Höder oder Hödur, war so grimm und gefürchtet, daß die andern Asen seinen Namen ungern und nur mit Grauen nannten. er zornentbrannt
Zur Rach' empor; verließ der Heimath Ort
Und zog landeinwärts weit vom Strande fort! –
Bald hörte man: er starb! Zwölf Jahr' entfloh'n,
Olaf und Hilde hatten einen Sohn
Und lebten glücklich in beschränktem Loos
Und zogen liebend ihren Knaben groß.
Als einst der Winterstürme Zeit begann,
Rast' eines Tags ein mächtiger Orkan.
Es saust der Wind und treibt die Fluth zum Strand,
Kaum hält die Fähre mehr des Seiles Band.
Der Regen gießt in Strömen dicht herab,
Und finster ist's und nächtig wie im Grab.
Noch wachet Olaf bei des Herdes Schein,
Doch Hilde schlummert und ihr Söhnlein klein;
Da klopft ein Mann am fichtnen Laden an
Und einer mächt'gen Stimme Ruf begann:
»Auf Ferge! binde deine Fähre los
Und führe über, meine Hast ist groß.«
Und Olaf: »»Ei wie führt' ich euch wohl heut
Ueber den Strom bei solcher Wetterzeit!««
Und wieder rief es draußen: »Faß nur Muth!
'S ist nicht so arg, versuch's, ich lohn' dir gut!«
Und Olaf: »»Nein das Wagniß ist zu groß!««
»Ich laß den Schlitten dir zusammt dem Roß!« –
»»Ich kann nicht!«« – »Eine mächt'ge Tonne Meth!« –
»»Ihr seht ja selber, daß es heut nicht geht!«« –
»Ein pelzverbrämtes Kleid für deinen Leib
Und eine Perlenschnure für dein Weib!« –
»»Ich kann nicht!«« – »Noch zehn Pfunde Goldes klar;
»Der so viel eigen hat, ist reich fürwahr!« –
Da folgt Olaf der Lockung und er geht
Zum Unbekannten, der erwartend steht;
Besteigt den Nachen mit dem fremden Gast
Und hat das Ruder mit der Hand gefaßt,
Löst los vom sichern Halt das starke Seil.
Indeß wird Hilde wach, horcht und in Eil'
Reißt sie vom Herde einen Feuerbrand
Und tritt hinaus die Leuchte in der Hand.
Da stößt vom Ufer eben in die Fluth
Olaf die Fähre mit verwegnem Muth
Und neben ihm steht Norf, ihr Vater, bleich
Zurückgekehret aus dem Todtenreich.
Doch kaum erkennt sie ihres Vaters Geist,
Als in den Grund der Sturm das Fahrzeug reißt
Und die es trägt! Und aus der Tiefe lacht
Ein tolles Hohngelächter durch die Nacht! –
Die Mutter starb vor Gram in kurzer Zeit;
Die Waise nahm Held Litolf hülfbereit.
»Gest« hieß der Knabe, der zwölf Jahr' nun alt
Empor wuchs edel, kräftig von Gestalt.
Hell um die freie Stirne floß das Haar,
Sein Auge blickt treuherzig, bieder, klar;
Ein jeder lobte seinen wackern Muth,
Und wer ihn sah, der war dem Knaben gut.
Ein Makel nur entstellte sein Gesicht,
Das wie ein Frühlingsmorgen frisch und licht:
Die Oberlippe hatte einen Spalt!
Sonst war er wie die junge Tann' im Wald
Stark und gewandt, in Waffen wohlgeübt
Und muntern Sinnes den kein Gram betrübt.
Mit Gest in friedlich stiller Einsamkeit
Entschwand Ingvelden hold die Jugendzeit,
Wo, ohne Wunsch und Hoffnung noch, das Herz
Die künft'ge Lust nicht ahnt noch künft'gen Schmerz! –

II.

Durch's Leben weht ein Duft des Jugendbaums,
Wenn längst die frühen Blüthen abgeblüht;
Die Seel' umwebt das Bild des ersten Traums,
Wenn längst der Morgenschlummer ausgeglüht;
Des Herzens Nebelsterne, einmal wach,
Sie dämmern durch das ganze Leben nach!
Ihr horcht und horcht und hört, ihr wißt nicht wie,
Stets fort den Klang der ersten Melodie,
Die leisen Tons durch alle Lieder ringt
Und mit des Lebens letztem erst verklingt! –

*

Ingvelde schien ein Lilienstengel klar,
Gest zog einher ein starker junger Aar;
Ihr Auge glich dem Veilchen feucht vom Thau,
Sein Blick dem Mond Nachts in des Aethers Blau;
Ingvelde war ein schlanker Rebenschoß,
Er eine Bergestanne stattlich groß;
Ihr reich gelocktes Haar war weiche Seide,
Das seine wie im Sturm das Gras der Heide;
Ihr Händchen eine Blüthe weiß und zart,
Gest's Hand glich Stahl, geglüht im Feuer hart;
Sie schwebte hin mit flüchtig leichten Tritten,
Er wie ein Löwe kommt durch's Feld geschritten;
Doch beide schienen gleich an Wohlgestalt,
Nur ach! – Gest's Lippe hatte einen Spalt!
So waren einsam sie erwachsen beid',
Ein ernstes Paar, der Jüngling und die Maid!

*

Ingvelde zog bald durch Gebirg und Wald,
Bald längs dem Meer, durch Moor und Heide bald;
Jetzt mit dem Spieß im leichten Jagdgewand,
Jetzt hoch zu Roß den Sperber auf der Hand;
Und ihr zur Seit' auf jedem Gang und Ritt,
Zog immer Gest ein treuer Knappe mit;
Ihn hat der Vater ihr zum Dienst bestellt,
Kein besser Loos wünscht' Gest sich in der Welt.
So gingen Er und Sie durch manche Stunde,
Wie einsam zieh'n zum Quell im Thalesgrunde
Der prächt'ge Hirsch mit mächtigem Geweih
Und neben ihm die schlanke Hirschkuh frei;
Ingvelde schwieg und sann und nur zu Zeiten
Ließ sie den Blick auf Gest betrachtend gleiten;
In ihres Auges tiefe dunkle Gluth
Sieht ruhig Gest mit still bescheidnem Muth.
Von Tag zu Tag dünkt ihn Ingvelde mehr
Wie eine ernste Göttin, stolz und hehr,
Wie Nornen Nornen, die Schicksalsgöttinnen der Skandinaven. schön und furchtbar doch zugleich; –
Hoch trug das Haupt sie, blond und lockenreich;
Wie sich in Wolken birgt der lose Blitz,
In nächtlich blauen, der Gewitter Sitz,
Birgt sich ein Strahl in ihres Auges Grund,
Kein Lächeln spielt je um den schönen Mund,
Auf weißen Schultern hakt ein Edelstein
Ihr Kleid in breite goldne Spangen ein;
Das sinkt in Falten zu dem Knöchel nieder,
Verhüllend streng den stolzen Bau der Glieder.
Und was sie wußte von der Vögel Flug,
Vom Gang des Wildes, von der Wolken Zug,
Vom Aether und der Sterne leichtem Tanz,
Von Sonne, Mond und von des Nordlichts Glanz,
Von unterird'scher Feuer ew'ger Gluth,
Vom Lauf der Flüsse, von des Meeres Fluth,
Von Sagen aus der grauen Väter Zeit,
Von Männerthun und von der Helden Streit,
Wo zu der Jungfrau, zu der Wittwen Klagen,
Die scharfen Schwerter blut'gen Takt geschlagen,
Wie man den Blutsfreund und die Asen ehrt,
Dieß Alles hatt' Ingvelden Gest gelehrt! –
So traf sie einst des heißen Mittags Schwüle,
Im tiefen Forst, wo in des Schattens Kühle,
Im Tannendunkel laut der Waldstrom braust
Vom Fels herab und durch die Schluchten haust.
Ein weites Bett hat sich die Fluth gewühlt,
Die Trümmer weit im Zorn mit fort gespült,
Und rings die Riesensteine mächtig, breit,
Im wüsten Lauf gewaltig hin gestreut.
Die hatten Moos und üppig Schlingkraut reich
Umwebt mit einer Decke grün und weich.
Ingvelde ruhte dort und schweigend stand
Ihr gegenüber Gest am Bachesrand;
Ihr Auge wurzelt an dem Boden fest,
Und nur zu Zeiten blickt es ernst auf Gest;
Doch senken bald die schönen Augenlieder
Gedankenvoll sich auf den Boden wieder. –
»Gest!« – rief sie endlich – »sage noch einmal
»Wie Thorstein einst den Hengst Herrn Litolf stahl,
»Den Hengst mit goldnem Huf, aus Sleipners Blut Sleipner, der Hengst Odins, war das herrlichste aller Pferde.
»Der Asenzucht? Nie war ein Roß so gut!
»O könnt' ich einmal nur von ihm getragen,
»Im Morgennebel durch die Heide jagen!«
»»Laßt Jungfrau ab zu fragen was ihr wißt;
»»Nichts nützt es euch, daß ihr das Roß vermißt!««
Sie schweigt; und wieder drauf nach kurzem Sinnen:
»Nicht nur des Vaters Pferd führt' er von hinnen,
»Auch meine Bas', aus sicherem Verschloß,
»Die Schwester Litolfs, hob er schnell auf's Roß;
»Und wie er jagt die öde Heid' entlang,
»Neben dem Roß sein grauer Windhund sprang:
»Doch wie er rasch war und von Läufen gut,
»Zuvor that's ihm der Hengst aus Sleipners Blut! –
»Vor sich im Sattel hielt Thorstein die Maid;
»Die trug am Hals ein köstliches Geschmeid,
»Einen Lichtstein, der verborgen tausend Jahr
»In einer Kröte Haupt gelegen war;
»Kein größerer war weit und breit zu sehn,
»Dazu der farb'gen Edelsteine zehn.
»Bald starb die Maid! – O könnt' ich nur einmal
»Mich zieren mit dem Kleinod das er stahl!«
Drauf Gest: »»Denkt nicht daran, und fehlet gleich
»»Dieß Kleinod euch, ihr seyd an andern reich.««
Sie schweigt, doch wieder drauf zu Gest gewandt,
Spricht sie die Wang' von Zornesroth entbrannt:
»Ist ungerächt nicht noch bis diese Stunde
»Auf Litolfs Stirn die tiefe breite Wunde?
»Die haut' ihm Thorsteins Schwert im blut'gen Streit,
»Und noch, noch ist der Tag der Rache weit!
»Hätte statt mir der Vater einen Sohn,
»Der zapfte längst des Feindes Herzblut schon!« –
Und wieder Gest: »»Ward doch mit Gold gesühnt
»Was Thorstein an Held Litolf sich erkühnt!«« –
»Niemals! Er böt' umsonst was er besitzt,
»Hätt' er auch nur des Vaters Haut geritzt.
»Doch Litolf ist der Riesentanne gleich,
»Die ohne Wipfel steht und ohne Zweig!
»Einst, als sie strebt' hoch in der Lüfte Raum,
»War rings im Land umher kein stolz'rer Baum.
»Er steht allein! dem Thorstein aber blühn
»Glaser der Sohn, Klaufe der Enkel kühn,
»Ein grimmer Riese, der fünf Ellen hoch:
»O schlüg' ihn Thor Thor, der höchste der Asen nach Odin mit seinem Hammer doch! –
»Guldrunens Sohn, Sigridens Bruder, die
»Thorstein dem treuen Gries zum Weib verlieh.
»Oheim und Neffe zogen über's Meer;
»Daß sie den grünen Strand nie schauten mehr!
»Daß doch der Sturm im finstern Wasserschlund
»Die Fluth aufwühlt' und aus dem tiefsten Grund
»Aufstieg die grause Schlang Irmengondur Irmengondur, eine Schlange, die den ganzen Erdball umkreiste.
»Und sie verschläng' und über ihre Spur
»Der grauen Wogen zeichenlose Bahn
»Hin wirbelte. – Mir wäre wohl fortan!

III.

In jenen Tagen, wo der Vorzeit Mark
Noch ungeschwächt und Kraft und Wille stark,
Da nahm der Muth nur bei sich selber Rath,
Und schnell entschlossen war der Wunsch, die That!
Die Liebe selbst, ein zuckend schneller Blitz,
Kannte die Sehnsucht nicht, nur den Besitz! –

*

Ein schwarz Gewölke zog allmählig auf,
Erst klein, doch größer bald wuchs es im Lauf,
Bis eine graue Decke hing gespannt
Von einem bis zum andern Himmelsrand.
Und aus dem Süden heulte über's Meer
Ein Sturm und trieb die Fluth wild vor sich her;
Und Blitz auf Blitz zuckt durch des Aethers Haus
Und Luft und Meer sind eingehüllt in Graus.
Und auf der hochgethürmten Wogen Saum
Gleitet ein Fahrzeug durch den weißen Schaum,
Der Winde Spiel, mastlos und stangenlos.
So trieb das Schiff umher in Nöthen groß.
Drinn aber schifften Männer stark von Muth,
Glaser und Klauf! das kühne Thorsteinblut.
Glaser der Ohm, am hintern Schiffesrand,
Führte das Steuer mit erfahrner Hand.
Inmitten aber stand hoch wie ein Mast
Klaufe, der eine Eisenstang' erfaßt,
Und mit des Arms gewalt'ger Stärke stieß
Das Schiff er fernab, wenn ein Riff sich wies,
Wieder zurück in die erzürnte Fluth.

So schifften beide in des Sturmes Wuth,
Bis sie den Sand der Dünen vor sich sahn,
Und sie geborgen und das Werk gethan.
Freudig gelandet schritten sie vom Meer
Mit hast'gem Schritt zu Thorsteins Haus einher;
Es blickt von dort ein Feuer durch die Nacht
Auf offnem Herde gastlich angefacht.
Dort saß der alte Thorstein; um ihn her
Der kühne Recke Gries und andre mehr.
Gries, Klaufe's Schwager, den Sigrid erwählt,
Als sie noch zwanzig Jahre nicht gezählt.
Die dachten wohl, in solches Wetters Grimm
Steh' es mit Klauf' und Glasers Meerfahrt schlimm.
Doch wie man angstvoll schweigend sitzt am Herd,
Treten die ein, durchnäßt, doch unversehrt!

Da in der Halle ward der Jubel laut,
Da war ein Grüßen rings mit Mund und Hand.
Zum Sitz den Müden an des Feuers Rand
Gebreitet ward des Elchs gegerbte Haut,
Und frisch entflammt die Scheite mächtig groß.
Der Meth in Füll' aus hohen Kannen floß,
Des Rennthiers leckerer geschmorter Rücken,
Und fettes Fleisch des wilden Ebers ging
Umher, vertheilet in gewalt'gen Stücken;
Es hieße Niemand solch ein Mahl gering!
Und während draußen Sturm und Wetter schwoll,
Kreist drinnen fort und fort das Trinkhorn voll,
Bis allgemach man ruhen läßt die Krüge.
Und als des Tranks man hatte volle Gnüge,
Erhob ein Skalde sich und von der Wand
Langt er die Harf', und mit geübter Hand
Läßt er die Saiten tönen zum Gesang.

Doch endlich schwiegen auch Gesang und Klang;
Da von der Elchhaut sprang Held Glaser itzt,
Und rief, von Meth und frohem Muth erhitzt:
»Hör, Vater mich, Tingmänner Ting hieß das Gericht, die Rathsversammlung der Männer des
Stammes oder Bannes.
hier allsammt,
»So lustig und so jung wie heut wird traun
»Uns nimmermehr ein neuer Morgen schaun;
»So laß uns, die von deinem Blut entstammt,
»Dem Thorsteinblut, verpfänden hier am Ort
»Für eine kühne Mannsthat unser Wort!
»Damit der Ruhm nicht sterb' in diesem Haus,
»Und weil du selbst nicht gehst in Waffen mehr,
»Mit deinen Thaten lösch' Vater aus!«
Und Beifall jauchzte rings die Meng' umher!
Der greise Thorstein aber lächelt drein
Und spricht vergnügt: »Mein Sohn, so soll es seyn!
»Das beste Roß auf Nordlands weiter Flur,
»Das schnellste Schiff, das je das Meer befuhr,
»Die schönste Jungfrau, die noch je gelebt,
»Die hab' ich, als ich jung war, mir erstrebt;
»Dazu im Kampf schlug ich den stärksten Mann,
»Daß er dem Tod mit Mühe nur entrann,
»Litolf, dem scheu jedweder Kämpe wich –
»Die Wunde, deren Narb' er trägt, schlug ich.
»Wohlauf! Geh auch beim ersten Hahnenruf
»Und hol' dir einen Hengst mit goldnem Huf!«
Und Glaser drauf: »»Beim Thor! so sollt' es seyn,
»»Wär' nicht der Asenhengst schon lange dein!
»»Doch will dem Erbfeind unsres Hauses Hohn
»»Ich offen sprechen als dein ächter Sohn,
»»Will ihn vor allem Volk der Feigheit schmähn,
»»Das soll der Hahn zum Morgenruf ihm krähn!««
Und Thorstein: »Gries, wozu treibt dich der Muth,
»Denn du ja auch gehörst zu meinem Blut,
»Seit Sigrid sich als Gattin dir vermählt
»Und zum Genossen Klaufe dich gewählt.
»Geschworne Blutbrüder seyd ihr beid'
»Und müßt im Kampfe stehen Seit' an Seit'!«
Und freudig springet Gries von seinem Sitz,
Gries, dessen Schwert ein sichrer Todesblitz.
»Schildsprenger Thorstein, du, deß tapfre Hand
»Die muthigsten und stärksten überwand,
»Wohlan, wenn's dich gelüstet, sollst du sehn,
»Im Kampfe mich dem besten Nordmann stehn!
»Du weißt, daß keiner hier wie Gest so stark,
»Ein Mann gewaltig wie aus Odins Odin, der oberste aller Asen. Mark!
»Wie seinen Hammer der rothbärt'ge Thor,
»Schwingt Gest die Keul', als wär's ein leichtes Rohr!
»Den will entbieten ich, Schwert gegen Schwert,
»Und nimmer soll er kehren unversehrt!«

Und Klaufe der, wie dort auf Utgaards Schloß
Die Jötunriesen, Jörunriesen, das Geschlecht der Bergriesen, das gleichfalls von den Asen abstammte, hatte seinen Sitz zu Jötungshein. schulterbreit und groß,
Steht auf von seinem Sitz und spricht: »So wahr
»Als mich Guldrun, dein liebstes Kind, gebar,
»Sollst du mit deinen eignen Augen schau'n
»Wie ich die schönste aller Erdenfrau'n,
»Ingvelde Schönwang, hier auf diesem Arm
»Heraus mir trag' aus der Geleiter Schwarm.
»Und Litolf nicht, noch die Tingmanner all,
»Die zu ihm stehn auf seines Heerhorns Schall,
»Nicht wehren sollen sie die Jungfrau mir,
»Die ich zum Weibe will, das schwör' ich dir!«

Und Thorstein lacht im Herzen froh und spricht:
»Noch ward zu Milch die Thorsteingalle nicht,
»Noch fühle Litolf an des Grabes Rand,
»Daß meine Kraft in jedes Thorsteins Hand,
»Und daß mein Haß in jedes Thorsteins Brust,
»Gleich jeder erbte meiner Rache Lust;
»Daß jedes Knochen voll mit meinem Mark,
»Und ich erstanden sey drei doppelt stark.
»Schon fliegt die Rabenschaar – hörst du sie krähn?
»Die Thorstein nahn und ihre Sensen mahn!
»Schon fliegt der Blutfalk, Litolf! Aufgejagt,
»Springt schon der Wolf, der dein Gebein benagt,
»Recht meine Söhne, recht, ich stimm' mit ein,
»Wie ihr beschlossen, also soll es seyn!« –

Glaser der Held hat einen list'gen Knecht,
Tapfer und klug, für jeden Auftrag recht
Und kühn in allen Nöthen und gewandt,
»Vielfraß« so war der list'ge Knecht genannt,
Zu ihm sprach Glaser: »Dich erseh' ich aus
»Daß du mir Botschaft trägst in Litolfs Haus
»Und ihn entbietest und was zu ihm hält,
»Uns zu begegnen wenn der Nebel fällt,
»Daß er das Antlitz kenne, das er schaut.
»Ich weiß, daß ihm vor Glasers Blicken graut.
»Sag' ihm, gekommen endlich sey der Tag
»Wo alter Haß sich labt an Schwertesschlag,
»Und also achten wir ihn selbst gering,
»Und Gest den Necken und sein ganz Gething,
»Daß wir zum Krieg nicht ausziehn, nein, zur Jagd!
»Und ferner werd' ihm auch durch dich gesagt,
»Es thue Glaser laut durch deinen Mund
»Ihm, daß er feig und hasenherzig, kund.
»Und daß am Boten er, wie viel er werth,
»Erkennen mag, und wie man hoch ihn ehrt,
»So laß daheim Rüstzeug und Kriegsgewand,
»Ein Schalksnarr, nicht ein Herold sey gesandt.«
Drauf Gries: »Und sag' dem Recken Gest von mir,
»Mein Schwert in ehrner Scheibe, vor Begier
»Ihm tief in's Herz zu fahren, beb' und hüpfe
»Hoch auf vor Sehnsucht, ohne daß man's lüpfe!« –
Und Klaufe: »Komm, ich geh' ein Stück mit dir,
»Und was ich will, hörst du im Gehn von mir.« –

Es rüstet sich zu thun wie man ihn hieß,
Vielfraß, und in ein ungegerbtes Vließ
Der Berggeiß hat er seinen Leib versteckt,
Mit einem Stierhaupt seinen Kopf bedeckt,
An beiden Hörnern, die er lustig regt,
Erklingen Schellen, wenn er sich bewegt.
So ging er Morgens fort, die Heid' entlang,
Klaufe geleitet ihn den halben Gang
Bis sie berathen, wie am andern Tag
Klaufe Ingvelden sich gewinnen mag;
Dann kehrt er heim. Indeß eilt Vielfraß fort
Und kommt am Abend zum bestimmten Ort.

Ein tritt er nun in's Haus; da sitzt am Herd
Litolf beim Mahl, um ihn die Freunde werth.
Die hat der Greis um sich versammelt heut,
Da lang er sich des Anblicks nicht erfreut.
Wie nun der Bote, also angethan
Eintrat, ein laut Gelächter da begann!
»Seht nur den Schalk mit Hörnern und mit Ohren!
»Ist wem umher in Freud' ein Sohn geboren?
»Ist irgend sonst ein frohes Fest im Land,
»Zu dem man lust'ge Ladung umgesandt?
»Wer ist der Mann, woher? beseht ihn recht!
»Beim Hammer Thors! 's ist Vielfraß, Glasers Knecht!« –
Als Vielfraß so empört die Menge sah,
Nicht gar zu wohl ward ihm im Herzen da.
Er sah, besorgt, bald vorwärts, bald zurück,
Und sprach dann endlich mit unsicherm Blick:
»Ich bin's, ihr Recken! Wenn es euch mißfällt
»Und meine Botschaft euch das Mahl vergällt,
»laßt mich nicht büßen was nicht meine Schuld,
»Und hört was ich euch sage mit Geduld.
»Nicht eigne, fremde Rede thu' ich kund.« –
Doch kaum war der Bericht entflohn dem Mund,
Erhob die Menge sich in wilder Wuth!
»Hört ihr die Schmach, hört ihr? – Das fordert Blut.
»Erschlagt den kühnen Knecht! – Erschlagt, erschlagt,
»Der solche Botschaft uns zu bringen wagt!«
Und Dolch und Messer, Axt, was schnell sich fand,
Das nahm der Zorn als Waffe in die Hand.

Und nicht zur Kurzweil stand jetzt Vielfraß da,
Nein, bleich und stumm, er war dem Tode nah,
Wenn nicht Held Litolf eifrig sich erhob,
Und Ruh gebot der Menge die zerstob! –
»Laßt ihn in Frieden! Schande wär's fürwahr,
»Verletztet ihr dem Boten nur ein Haar!
»Kommt er zur Schmach uns her im Narr'ngewand,
»Die Schuld ist derer, die ihn hergesandt;
»Straft sie am Herren, straft sie nicht am Knecht.
»Die Thorstein sind ein wagendes Geschlecht;
»Die Rache zog zu blut'gen Thaten aus,
»Aus meinem bald und bald aus Thorsteins Haus.
»Sie oder wir! Das ist ein altes Wort!
»Wir haben Raum nicht an demselben Ort.
»Klingt mir's wie Heimdals Der Ase Heimdal, Wächter an der Bifrostbrücke, trug ein goldenes Heerhorn, mit dem er die Asen zur Versammlung rief. Horn doch in mein Ohr,
»Und wieder jung fühl' ich mich wie zuvor,
»Seit uns der Gauch das Aufgebot gebracht;
»Und so wie sie, sind wir bereit zur Jagd!
»Ruft Uller Uller, einer der Asen der in Kämpfen Sieg verlieh. an, daß er uns Sieg verleiht,
»Wie's immer fällt, wir sind zum Kampf bereit;
»Dem Manne doch, der her die Botschaft trug,
»Gewalt zu thun wie wäre das wohl klug! –
»Steht's um den alten Thorstein denn so schlecht,
»Daß er in Thierfell kleidet seinen Knecht?
»Thut es um gut Gewand dem Knicker leid?
»Wohlan, bringt ihm ein neues Wollenkleid,
»Und eine Marderkappe, warm und weich;
»Litolf von Gladgaard ist schon noch so reich!
»Und nun zieh' ab, und sag den Deinen an:
»Ein jeder werde finden seinen Mann;
»Bald sollen sie uns sehn! Auch unser Schwert
»Ist scharfer Stahl und wohl den ihren werth!«
Und alle jauchzten wie so mannhaft doch
Des Greisen Wort, und wie er kräftig noch. –
Der Bote schied; Gest schloß die Thore zu,
Und in dem Hause legt' man sich zur Ruh.
Die Botschaft Glasers zwar war ausgericht't,
Auch Gries Gebot; doch das von Klaufe nicht.
Als Vielfraß nun zum Rückweg sich gekehrt,
Wollt er vollziehn auch was ihn der gelehrt.
Des Hauses Lag' und Vortheil sollt' er sehn,
Und wo Ingveldens Frauenbuur Buur, Frauenbuur, hieß die abgesonderte Wohnung der Frauen, die gewöhnlich im Innern des Hofraums in einiger Entfernung von dem Hauptgebäude errichtet war. erspähn.
Er schaut umher, da schimmert Licht – er geht,
Und naht dem Haus, das abgesondert steht
Im Hof; und wie er lauscht, ertönt entlang
Von Frauenstimmen lieblicher Gesang.

Er weiß jetzt was er wissen will, und denkt
Die höchste Zeit sey's, daß er heimwärts lenkt.
Da werden plötzlich Gladgaards Hunde laut,
Er flieht, eh' sie im Dunkel ihn erschaut;
Doch seiner Kappe Schellen klingen hell,
Sie stürzen auf die Heide mit Gebell,
Und legten leicht wohl ihren scharfen Zahn
Dem fremden Boten an die Fersen an;
Und hätten schwerlich ihm aus dem Geheg
Zurück gestattet ohne Kampf den Weg.
Da, zu entkommen, in der Angst erfaßt
Den Stierkopf er, und wirft ihn hin in Hast.
Und während sich die gier'gen Hunde wild
Hinstürzen auf des Stierkopfs hohles Bild,
Ihn hin- und herziehn auf dem Rasen dort,
Ersieht Vielfraß die Zeit und macht sich fort;
Und froh der Jagd der Meute zu entgehn,
Entflieht er baarhaupt ohne umzusehn! –

IV.

Der Weise geht durch's Leben mit Bedacht
Und hat genau der eignen Reden acht,
Denn manches bittre Leid hat schon geschafft
Ein vorschnell Wort, entschlüpft des Mundes Hast;
Es nimmt ein strenger unbeugsamer Gott
Den Schwur für Ernst, den du gethan zum Spott;
Und wie der Eid entflohn dem Lippenrand,
Behält ihn das Geschick als sichres Pfand.
So fiel in's Netz der eignen Red' Ingveld',
Das sie im Wahn sich selbst hatt' aufgestellt!

*

Zu Thorsteins Haus kam endlich Vielfraß an,
Der dießmal schwer das Botenbrod gewann,
Er that von seiner Fahrt wie's seine Pflicht,
Den Thorsteinmännern treulichen Bericht.
Als die nun hörten daß, wie sie, zum Streit
Der greise Litolf muthig und bereit,
Da langten sie das Rüstzeug von der Wand,
Und nahmen Spieß und Streitaxt schnell zur Hand.
So zogen sie geschaart den Weg entlang
Und stimmten an den lauten Kriegsgesang,
Zu den Walküren, Walküren wählten in der Schlacht diejenigen aus, die zu fallen bestimmt waren; auch schenkten sie den todten Helden in der Wohnung der Asen Vier und Meth ein. die gehüllt in Nacht
Die Todeslose schütteln in der Schlacht, –
Und wie sie ziehn im frühen Nebelgrau
Durch's Heidegras, noch feucht vom Morgenthan,
Sieht bald ihr Auge, wie schon früh im Feld
Litolf von Gladgaarb mit den Seinen hält.
Da ward nicht länger mehr der Kampf verschoben,
Manch Schwert gezückt und mancher Schild zerkloben,
Von beiden Seiten stritten sie mit Muth,
Von beiden Seiten stoß das schwarze Blut
Aus Wunden breit und tief, und auf das Feld
Sank Mancher hin von Todesgraun entstellt.

*

Und drüben scholl die Stimme Glasers laut,
Als er voran den alten Litolf schaut,
Der, ob er gleich nicht mit dem Schwerte ficht,
Doch kühne Worte zu den Seinen spricht.
»Zu mir Held Litolf wende dich – wohlan!
»Wagst du's, so kämpf' mit mir Mann gegen Mann,
»Wo nicht, so soll man wissen es fortan,
»Daß du ein Feiger, der vor mir entrann.« –
Und Litolf drauf: »»Wie hättest du wohl je
»»Mir Kampf geboten, wär' ich jung wie eh'.
»»Nun ich ein Greis und längst zum Grabe reif,
»»Mein Mark entschwunden, meine Glieder steif,
»»Nun bist du muthig, sprichst dem Alten Hohn!
»»Wär' ich noch kräftig, liefst du bald davon!
»»Doch willst du Kampf, sieh diese Männer hier
»»Noch jugendfrisch, sie alle stehen dir!««Und rückwärts wich der Greis bis hingewandt
Er wieder in der Seinen Mitte stand.

Indeß Litolf den Gegner so beschied
Und ob auch ungern Kampf mit Glasern mied,
Erklangen laut die Waffen rings umher,
Und gegen Gest schritt muthig Gries einher,
Der, als er jenen sah zu ihm gekehrt,
Den Schild voran, gezückt das breite Schwert,
Fühlt heiß das Blut auf seinen Wangen glühn,
Und ihm entgegen schritt er rasch und kühn.
»So recht – rief er mit lauter Stimm' ihm zu –
»Nicht so, Held Gries, wie Glaser, fechte du
»Mit Greisen! Nein, such' einen Kämpen dir
»An Alter gleich, du findest ihn in mir.
»Wohlan, wir wollen sehn, wer von uns Zwei'n
»Heut gehen wird zu Odins Geistern ein!« –
So ist der Streit entflammt rings auf dem Feld,
Nur Klaufe fehlt, der ungefüge Held. –

Indeß die fochten ihre Kämpfe aus,
Zog Klaufe insgeheim gen Litolfs Haus
Mit Vielfraß und noch einer kleinen Schaar,
Die eh' der Tag graut, ausgeritten war.
Er selbst saß auf dem Asenhengste gut,
Mit goldnem Huf, dem Hengst aus Sleipners Blut,
Den Thorstein einst geraubt. – Kein andres Pferd
Ließ so wie dieß, die Halme unversehrt
Und ungeknickt im Laufe; ging entlang
Den schmalsten Eisenstab mit sicherm Gang;
Schwamm einem Wallfisch gleich durch's tiefe Meer,
Wenn wilder Sturm die Wogen trieb einher.
Aus Gladgaard waren alle Männer heut
Mit Litolf ausgezogen in den Streit;
In ihrer Wohnung blieb Ingveld' allein
Und blickt' bekümmert in das Feld hinein
Von hoher Lug', ob sie vielleicht erspäht
Wohin sich wohl des Kampfes Ausgang dreht.
Da plötzlich sieht sie auf dem Asenroß
Mit seinen Mannen Klaufe, mächtig groß;
Als der Ingvelden auf der Mauer schaut,
Ruft er ihr lachend: »Gib mir Einlaß, Braut,
»Denn mir gehörst du, willig oder nicht!«
Ingvelde drauf verächtlich zu ihm spricht:
»»Ein Räuber, Klaufe, listig und gewandt,
»»Zwar bist zu Meer und Lande du bekannt,
»»Auch daß du reitest stets das beste Pferd,
»»Das mehr als du und deine Sippschaft werth:
»»Indeß sind dieser Mauern Zinnen doch
»»Auch selbst für dich und deinen Hengst zu hoch!«« –
Held Klaufe läßt statt aller Antwort bald
Der Thore Balken einhaun mit Gewalt;
Doch wie er durch die offnen Flügel geht,
Der Hofraum rings in hellen Flammen steht!
Ein Gluthpfuhl dampft; empor zur Mauer schlägt
Das Feuer, das sie muthig selbst erregt;
Und von des Brandes Lohe rings umweht,
Ingvelde hehr wie eine Norne steht!
»Komm in dein Brautbett, Klaufe, wenn du magst,
»Und raub' den Gürtel mir, wenn du es wagst.« –
Und keiner von den Männern Klaufe's all
Vermag zu dringen durch den Gluthenschwall,
In dem Ingvelde starkgemuthet weilt,
Gewiß, daß sie ein freier Tod ereilt.
Da treibt Klaufe den Hengst mit kühnem Muth,
Und gleich dem Drachen, mitten in die Gluth
Stürzt sich das Roß, und als ob zum Gestad'
Es munter steig' aus kühlem Wellenbad,
Trägt unversehrt es durch der Flammen Graus
Den starken Klaufe nach der Jungfrau Haus.
Auf brennenden Gebälkes schmalem Pfad
Zur Mauer klimmend ist der Held genaht,
Und hat Ingvelde mit der Arme Kraft
Umfaßt und sie dem Feuertod' entrafft.
Und wie hinein, so durch das Gluthgeheg
Sucht sich zurück der Asenhengst den Weg!

Die auf der Heid' indeß den Kampf bestehn,
Gen Gladgaard jetzt geschwärzt den Himmel sehn;
Bald durch den Rauch ist rothe Gluth zu schau'n;
Da faßte Gest im Herzen Schreck und Grau'n,
Denn wohl ward er in seinem Geist gewahr,
Ingvelden drohe Noth dort und Gefahr!
Da läßt er Gries und will fort aus dem Kampf
Gen Gladgaald, wo sich hebt des Brandes Dampf,
Doch schon war Klaufe hergejagt in Hast;
In Vielfraß' Hut läßt er die schone Last,
Die vor sich auf des raschen Hengstes Bug
Er aus dem Brand in starkem Arm enttrug.
Die Gladgaaldstreiter drängen, Gest voran,
Dicht gegen ihn und seine Schaar heran.
Kaum sah ihn Gest als er die Keule schwang;
Und auf den Schlag zu Boden, groß und lang,
Sinkt Klauft regungslos! Es stehn entsetzt
Den Kampf vergessend rings die Streiter jetzt.

Als so die Männer Klauf umstehn im Feld,
Unsern Held Litolf mit den Seinen halt,
Und auch der greise Thorstein kam herbei,
Erhob sich um das Blutgeld wild Geschrei;
Und wie ... die fordern, ... jene weigern, faßt
Vielfraß Ingvelden und reißt sie in Hast
Zu Klaufe hin, und ruft ihr eifernd zu:

»Die Blutschuld für Held Klaufe zahlest du!
»Laßt uns das Loos ziehn, wem sie eigen sey;
»Doch gebt sie nimmermehr den Ihren frei!«
Da hebt Ingvelde stolz das Haupt empor,
Und spricht mit Hohn zu Vielfraß: »Eitler Thor,
»Meinst du, so fügsam sey Ingveld' ein Weib,
»Daß dienstbar eurem Machtgebot ihr Leib?
»Daß sie vielleicht selbst dir als Hausfrau recht,
»Und wie der Herr, sie nun mag frei'n der Knecht?
»Ich aber schwöre dir bei Thors Gewalt,
»Und bei dem Manne, der hier todt und kalt,
»Kein andrer soll von euch mein Gatte seyn,
»Als der erschlagne Klaufe hier allein!
»Die Asen all' ruf ich zu Zeugen an,
»Daß ich dem Schwur getreu, den ich gethan!«

Und kaum entfloh Ingvelden dieses Wort,
Erhebt sich Klaufe unversehrt vom Ort,
Der schwer betäubt nur auf dem Boden lag,
Doch nicht getödtet durch Gests mächt'gen Schlag. –
Er spricht vergnügt, als ihm Besinnung kehrt:
»Wer, Gest, hat dich so schwachen Schlag gelehrt?
»Dünkt' ich dir todt? euch allen? – nun, ihr seht,
»Daß Klaufe frisch auf seinen Füßen steht!«
Und sprang empor, und faßt' Ingveldens Hand,
Und weiter spricht er, zu ihr hingewandt:
»Du thatest recht! ja, ruf' den Asen laut,
»Sie seyen Zeugen, daß du meine Braut!
»Dich hat Gewalt gebunden nicht, noch Zwang,
»Du bist mein Weib nach eigner Wünsche Drang!«
»»Das ist Verrath!«« schrien Litolfs Männer laut!
»Bei Odins Stein, sie bleibt doch meine Braut!« Liebende schwuren bei Odins Stein.
Ruft Klaufe drauf – »vergebens daß ihr tobt,
»Sie hat sich mir durch freien Eid verlobt!
»Entscheide selbst, Held Litolf!« Und der Greis
Tritt zu Ingvelden aus der Seinen Kreis,
Und faßt betrübt der schönen Tochter Hand.
»»Du gabst den Asen deinen Schwur zum Pfand,
»»Und hast du unbedachtsam ihn gethan,
»»Er bleibt, und halten mußt du ihn fortan
»»Auch wider deinen Willen, und so bist
»»Du Klaufe's Weib, der dich gewann durch List!««
Da ward Ingveldens schönes Antlitz bleich,
Und ihre Lippe bebt dem Laube gleich,
Und lächelnd reicht sie Klaufen ihre Hand,
Und bohrt den Blick in seinen unverwandt,
Und spricht: »Wohl! nimm sie hin, sie ist die deine,
»Doch eh' du sie berührst, hör' noch dieß eine:
»Ob ich dir schön auch dünk«, ich rathe dir,
»Besteige nie das Ehebett mit mir!
»Viel besser wär's, du hättest dich vermählt
Der Todesnorn', als daß du mich gewählt;
Denn für die erste kurze Liebesnacht,
Die du an meiner Seite zugebracht,
In deines Weibes Arm, das wisse du,
Gibst du den Morgen und den Tag dazu;
Und nie, ich schwör's bei meiner Maidenehr,
Trägst du nach einer zweiten noch Begehr!« –
Und Klaufe: »Gut, die Sorge bleibe mir,
Ich lehre wohl bald andre Weise dir!« –
Und mit Ingvelden zogen, hoch erfreut,
Die Thorsteinmänner heim aus diesem Streit! –

V.

Wie tief doch legt in jede Kreatur
Der Liebe heiße Sehnsucht die Natur;
Wie schuf sie so geheimnißvollen Drang,
Der alle Wesen hält mit süßem Zwang,
Sie alle hören auf ihr hold Gebot;
Was lebt das liebt, und was nicht liebt ist todt.
E« ist kein Männerherz so rauh und wild,
Der Blick der Frauen macht es sanft und mild. –
Und wie die Liebe tief, so tief ist Haß,

Er bleicht der schönsten Wangen Rosen blaß,
So sanft ist nicht die weichste Frauenbrust,
Daß nicht in ihr auch schläft der Rache Lust;
Sie beide, Lieb und Haß, sind hingestellt,
Die starken Achsen der bewegten Welt,
Und unentschieden bleibt's zu dieser Frist,
Ob Lieb, ob Haß der stark're Dränger ist! –

Es hatte Klauf' Ingvelden heimgeführt.
Doch hatte nicht sein Müh'n ihr Herz gerührt,
Was immer sonst auch eine Maid gewinnt,
Ingvelde blieb dem Werber hart gesinnt;
Und als die unwillkommne Brautnacht schwand
Und sie als Weib in Klaufe's Armen fand
Der junge Tag, da rief, als er erwacht,
Dem Gatten sie: »Hoff' keine zweite Nacht
Bei mir zu ruh'n, in Liebe mir gesellt;
Ich bin ein Weib, das seine Schwüre hält!« –
Und wie die Flamme der versagten Lust
Auch glühen mag in ihres Gatten Brust,
Wie er auch strebt, bald bittend in sie dringt,
Bald ganzer Kraft die Sträubende umschlingt,
Ihr Arm stößt ihn mit gleicher Kraft zurück,
Und tiefen Hohn in ihrem grimmen Blick,
Lächelt ihr Mund, der stumm, noch nicht gelacht,
Seit Klaufe sie hatt' in sein Haus gebracht.
So lebt sie hier in böser Ehe Zwang,
Und schweigt, und sinnt auf Klaufe's Untergang!

Und als in ihrer Kammer sie allein,
Schnitt sie der Tafel schlimme Runen Runen, Schriftzeichen. ein.
Und dacht' in ihrem Geiste Tag für Tag,
Wie sie nach Gladgaard Botschaft senden mag.
Da hörte sie, es hab' im tiefen Wald
Die Riesin Helge ihren Aufenthalt,
Die mächt'ge Zauber kannt'; und zog vom Haus
Am Tage früh das Weib zu suchen aus,
Daß sie ihr Hülf ersönn', ein rathend Wort,
Wie sie die Runen brächt' gen Gladgaard fort.
Als sie nun eifrig lang auf ödem Weg
War fortgeschritten, führt abseit ein Steg
Zu einer Höhl' in hoher Felsenwand,
Die nicht gesprengt von eines Menschen Hand.
Ein mächt'ger Steinblock lag gelehnt davor
Und schloß den Raum; und vor dem Felsenthor,
Ein grob Gewand geschlungen um den Leib,
Saß auf dem Stein das junge Riesenweib
Und sah mit ernsten Blicken vor sich hin! –
Als sich Ingvelde naht der Zauberin,
Spricht die zu ihr: »Ich weiß was dein Begehr,
Es sey; gib mir die Runentafel her!« –
Und ohne aufzusehn, streckt sie die Hand
Hin nach der Seite, wo Ingvelde stand,
Und nimmt die Schrift; und schweigend wie bisher
Steht sie vom Boden auf, und wie auch schwer,
Hebt sie, als war' ein leicht Geflecht das Thor
Aus Baumgezweigen und aus dünnem Rohr,
Den Felsenblock, der übermächtig groß
Den Eingang in der Riesin Höhle schloß. –

Held Klaufe war am Morgen eh' es tagt',
Einst ausgezogen in den Wald zur Jagd;
Ingvelde saß indeß daheim und spann.
Bald ließ sie ruhn der Spindel Werk, und sann
Im unruhvollen Geist Gedanken viel,
Ob sie erreich', ob nicht ihr dunkles Ziel!
So saß sie lang, in ihre weiße Hand
Gestützt die düst're Stirne. Sieh, da stand
Plötzlich vor ihr die Jötunstochter da, –
Ingvelb' erbleicht', als sie die Grimme sah;
Die Riesin aber scheltend zu ihr spricht:
»Wie? du erbleichst? du bist Ingvelde nicht,
Nicht Litolfs Tochter bebte so vor mir!
Sey frohen Muths, ich bringe Botschaft dir:
Die Maulwurf' in der Tiefe wühlen gut,
Die grüne Saat sah ich bethaut mit Blut,
Und als ich ging am Seegestade hin,
Heult' es im Rohr; ein Wehrwolf lag darin,
Der röchelte und war in Sterbensnoth;
Es hackt' ein Schwan ihn mit dem Schnabel todt.
Drum nicht gesäumt, Held Litolf harret dein,
Er hofft du kommst, Ingveld' – und nicht allein!« –
Ingvelde sieht zu Boden hin und schweigt,
Ein tiefes Roth ihr in das Antlitz steigt! –
Und während sie noch sinnt, ist Helge fort;
Wie ungesehn sie kam, ging sie vom Ort!
Und Jene staunend sinnt, wie sie entschwand
Vor ihrem Aug' vom Platze wo sie stand,
Dem Nebel gleich, der, wenn der Tag ersteht,
Beim Morgenhauch in leichte Luft verweht.

Am Abend war Held Klaufe heimgekehrt
Und ruht' am Mahl; und als er Meth begehrt,
Reicht' ihm Ingvelde das gefüllte Horn
Und Klaufe trinkt. »Das ist der rechte Born« –
So ruft er aus – »das frischt der Helden Blut!«
Und faßt Ingveldens Hand mit lust'gem Muth,
Blickt mit erglühten Augen hin auf sie,
Und zieht die Sträubende zu sich auf's Knie.
»Wie ist so schön und herrlich doch dein Leib,
Beim Asathor, du bist das schönste Weib!
»Gib auf den Groll, den du bis jetzt gehegt,
Und sey mein Weib, wie Weib dem Manne pflegt!« –
Und drauf Ingveld, indem sie seiner Hand
Die ihrige, die er gefaßt, entwand:
»Niemals geschieht, was du begehrst, fürwahr,
Und lebten wir zusammen zwanzig Jahr!
Ich ward dein Weib, weil ich den Schwur gethan,
Doch keine Gunst erzeig' ich dir fortan.
Wie sollt' ich wohl in deinen Armen ruhn,
Eh du gesühnt dein ungerechtes Thun?
Ich bin ein Weib, so denk' ich, das wohl werth,
Daß der auch Brautschatz zahlt, der mein begehrt;
Du stahlest aus dem Frauenbuer mich fort,
Und zahltest nichts von deinem reichen Hort.
Auch soll den Gatten, dem ich mich vereint,
Nicht Litolf achten seinen ärgsten Feind,
Soll es geschehn, wenn meine Seele bangt,
Daß meinen Kuß dein heißer Mund verlangt?
Niemals! – Doch bist du wirklich so gesinnt,
Scheint werth dein Weib dir, daß ein Held sie minnt,
So hör' ein Wort: zieh erst nach Litolfs Haus,
Und söhne dich mit meinem Vater aus;
Und wenn gefriedet ist der alte Streit,
Dann sprich von Minne mir, dann ist es Zeit!«
Als Klauf' im Geiste dacht' der Rede nach,
Fand er gerecht Ingveldens Wort und sprach:
»Wohlan, so sey es denn wie du gesagt,
Laß uns gen Gladgaard morgen, wenn es tagt!
Und daß du fühlst wie viel es besser sey,
Wenn Eins ist Mann und Weib, nicht fürder Zwei, –
Sieh dieß Geschmeide hier von seltnem Stein,
Das Thorstein mir geschenkt, nimm, es sey dein!« –
Und jenen Lichtstein, Litolf einst entwandt,
Legt er vergnügt Ingvelden in die Hand.
Und wie sie ihn betrachtet und erkennt,
Sein Blitzgefunkel vor dem Aug' ihr brennt,
Spricht sie voll Ingrimm still: »Bei Odins Strahl,
Es hat ein Thorstein nichts, was er nicht stahl!« –
Und wie es graut, springt Klauf' empor und geht
Zum nahen Zwinger wo sein Wagen steht,
Holt aus dem Stall die Gäule eigner Zucht,
Von starkem Bau, vier Renner oft versucht.
Drauf füllt er eine mächt'ge Truhe voll
Mit reichem Gut, das Litolf haben soll.
So stark er ist, wird sie ihm fast zu schwer,
Und kaum erhebt er sie; und drüber her
Deckt er ein Bärenfell, zottig und weit,
Und ruft Ingvelden als die Fahrt bereit.
Die tritt heraus, strahlend wie Nordlichtschein,
Und schwingt sich in den Wagen rasch hinein;
Und spricht: »Nun, Klaufe, mach' die Geißel auf,
Und laß die Rosse gehn in vollem Lauf;
Dir steht, ich hoff's, ein lust'ger Tag bevor,
Wenn dein Gespann erst hält vor Gladgaards Thor!« –
So wird der Wunsch des Herzens ihr gewährt,
Den rachedurstig ihre Seele nährt! –
Hin flogen Roß und Wagen, Klaufe's Brust
Ist freudenvoll und glüht in neuer Lust;
Bald hofft versöhnt, die Feindschaft abgethan,
Ingvelden er in Liebe zu umfahn;
Und reichen Malschatz, wie es Ziem und Brauch,
Bringt für die Tochter er dem Vater auch.
Oft blickt er freudig auf sie hin und spricht:
»Wie leuchten deine Augen doch so licht;
Mich zehrt Verlangen auf nach deiner Huld!« –
Und drauf Ingvelde: »»Klaufe, nur Geduld!«« –

Die Geißel treibt die flücht'gen Pferde an,
Und ungestüm jagt fort das Viergespann,
Durch Buchenwald, durch Feld und Wiesengrün,
Wo weißer Klee und rothe Heiden blüh'n!
Und stumm und düster fährt Ingvelde hin,
Doch fliegt ihr Busen, denn in ihrem Sinn
Denkt sie, wie Klaufe, frischen Lebens voll,
Den nächsten Tag nicht fürder sehen soll,
Und durch ihr Antlitz zuckt ein flücht'ges Grau'n,
Und hehr und schrecklich ist sie anzuschau'n,
Wie die Walküren, die in blut'ger Schlacht
Die Männer tilgen mit des Eisens Macht! –
Bald wird ein furchtbar Blutgericht geübt,
Doch keine Vorschau Klaufe's Seele trübt;
Der, frohen Muthes, jagt nach Gladgaard fort,
Und ahnet nicht was ihn erwarte dort!
»Wie – spricht er – dünkt mich heut der Weg so weit,
Verlangen dehnt noch eins so lang die Zeit.
O käm' die Nacht und ging der Tag zur Rast!«
Und drauf Ingvelde: »Ei, wie große Hast!«
Doch wie die Zeit auch langsam Klaufen schleicht,
Ist dennoch bald der Reise Ziel erreicht!
Schon kann man fern das Haus von Gladgaard sehn,
Den weißen Rauch in blauer Luft sich drehn;
Und bald steigt Staub am Wege wirbelnd auf,
Und Reiter kommen an im vollen Lauf;
Held Lilolf ist's, der in der Seinen Mitt'
Entgegen seinem Schwiegersohne ritt!

Da ruft Ingvelde: »Halte dein Gespann!
Mein Vater kommt! Hei, wie noch frisch der Mann!«
Und Klaufe drauf: »Warum sind sie bewehrt?«
»Ei nun, mein Vater zeigt, daß er dich ehrt!« –
Er springt herab, und wie er springt, entwand
Sie schnell der Rosse Zügel seiner Hand,
Der sich noch des Verrathes nicht versah;
Und wie jetzt Litolf und die Männer nah,
Ruft sie mit lauter Stimme fürchterlich:
Nun ist es Zeit, nun Vater räche mich!« –
Und wie der die geschliffne Streitaxt schwingt,
Ein rother Quell aus Klaufe's Halse dringt;
Er sinkt, sein Antlitz Todesbläss' umzieht,
Und grimm sein Blick hin auf Ingvelden sieht.
»So trinkst du denn mein Blut, arglistig Weib!«
»Es ist der Preis für meinen jungen Leib;
Nicht dir war er bestimmt! Ich halte nur
Was dir mein Mund, als du mich raubtest, schwur!«
Schwingt drauf die Geißel, treibt die Rosse an,
Und todt bleibt Klaufe liegen auf dem Plan.

VI.

Bald schwindet Liebenden die kurze Nacht,
Sie scheint ein Jahr, wenn Rache sie durchwacht;
Das Lied der Wonne tönet leicht und hell,
Dunkel der Grabgesang und wild und grell.
Der Arm, der dich mit Lust an's Herz gedrückt,
Derselbe ist's, der jetzt den Stahl gezückt!
Denn wandelbar wechselt des Menschen Sinn,
Und die Gewalt des Blutes reißt ihn hin!
Doch jeder ist der Schmied des eignen Glücks,
Und spinnt sich selbst den Faden des Geschicks.
Ob gut, ob schlimm ist, was die Stunde bringt,
Sein ist die Saat, die aus dem Boden springt! –

So hatte der erzwungnen Ehe Schmach
Gerächt Ingvelde, wie sie es versprach,
Und mitleidlos gesehn den rothen Quell
Des Blutes triefen von der Streitaxt hell;
Und mitleidlos gesehn, wie ihr Gewand
Davon bespritzt und ihre weiße Hand! –
Verlassen, unbestattet, auf dem Feld,
Im Staub des Wegs lag der erschlagne Held;
Weit klafft die Wund', der Sommerfliegen Brut
Umschwärmte zahllos das gestockte Blut;
Kein Thorstein naht sich und kein Klageweib
Scheucht das Gevögel weg von seinem Leib;
Es fliegt begierig schnellen Flugs herbei,
Und füllt die Luft mit hungrigem Geschrei! –
Da naht sich, rollend über's Feld einher,
Ein hölzern Fuhrwerk, ungelenk und schwer;
Die ungeölten Achsen, grob gebaut,
Aus festen Buchenstämmen, knarren laut.
Den Karren aber ziehn den Weg entlang
Zwei schwarze Stiere fort in trägem Gang;
Die, wie sie gehn, den Hals in's Joch gesenkt,
Mit langem Stab die ries'ge Helge lenkt. –
So kommt das Fuhrwerk allgemach heran
Zum Ort wo Klaufe lag und hält dort an.
Helge, dicht vor den Todten hingestellt,
Betrachtet ihn, der bleich liegt und entstellt,
Mit finstern Blicken lang, und faßt ihn drauf,
Hebt angestrengt ihn in den Wagen auf,
Und lenkt, wo noch nicht kund die Blutthat war,
Gen Thorsteins Hof der mächt'gen Stiere Paar,
Die keuchend ziehn den Leichnam, groß und schwer! –
Mit festem Schritt ging Helge nebenher,
Schwenkt ihren Stab und sang den Weg entlang,
Mit lauter Stimm', einsamen Grabgesang.

++++++»Es hört die Liebeseide,
++++++Wenn Zween sich erkoren,
++++++Bar, Bar, eine Asin, die die Eide der Menschen und die Verträge zwischen Männern und Frauen vernahm und die Untreuen bestrafte. der die Macht gegeben,
++++++Zu strafen an Leib und Leben
++++++Männer und Frauen, beide,
++++++Wo Eines falsch geschworen! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++
++++++»Schön sind der Riesen Frauen!
++++++Wenn Gördur Gördur, eine Bergriesin von ungemeiner Schönheit. Die Tochter Gymers und der Arboda. ihre Hände
++++++Aufhebt, beginnt zu leuchten
++++++Das Meer und seine feuchten
++++++Wogen; die Lüfte blauen,
++++++Glanz strahlen der Erde Wände! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Ich saß auf weißem Sande
++++++Und wusch mein Haar im Winde;
++++++Es rauschten hoch die Föhren
++++++In stiller Bucht am Strande;
++++++Ein Säuseln wehte linde,
++++++Was kamst du, mich zu stören? –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Als Odr Odr, der Gatte der Asin Freya, die sich über seinen Verlust nicht trösten konnte. zog von dannen,
++++++Als Freya's Freya, die vornehmste Asin nach Frigg. Haus verlassen,
++++++Da faßte sie ein Bangen,
++++++Über der Asin Wangen
++++++Goldrothe Tropfen rannen;
++++++Sie wollt' in Leid erblassen. –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Mein Aug' ist trocken blieben,
++++++Ich bin von stärk'rem Muthe,
++++++Und trotzte meinen Schmerzen;
++++++Gift troff aus meinem Herzen,
++++++Das Qual mir wund gerieben,
++++++Ich dürstete nach Blute. –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Du Räuber auf den Wogen,
++++++Du Räuber auf dem Lande,
++++++Bald wird man nach dir fragen!
++++++Wer wohl kann Kunde sagen,
++++++Wo du jetzt hingezogen,
++++++Betrüger, selbst betrogen! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Seekönig, ränkevoller,
++++++Du aller Schiffe Schrecken,
++++++Du schlummerst nicht im Meere,
++++++Die blaue Ran, Ran, die Göttin des Meeres. die hehre,
++++++Wird nicht mit süßem Liede
++++++ Dich auf vom Schlafe wecken! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Odin mit goldnem Helme,
++++++Der vorn im Schlachtgraun reitet,
++++++Nicht wollte dich erkühren,
++++++Noch eine der Walküren!
++++++Du fielst nicht, wo man streitet
++++++Mit Waffen, scharf geschliffen! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

++++++»Roth blüht die Todeswunde
++++++An deinem weißen Leibe;
++++++Die dankst du einem Weibe!
++++++Dich decke nicht der Rasen,
++++++Nicht Meth nah' deinem Munde
++++++Am Göttertisch der Asen! –
++++++Nun liegst du todt vor mir!«

Am Himmel nieder ging des Mondes Schild,
Und schwarze Nacht bedeckte das Gefild.
Da kam bei Thorsteins Hofe Helge an,
Und hemmt mit kräft'gem Ruf das Stiergespann;
Legt hin den Leichnam am verschlossnen Thor,
Und ziehet weiter, singend wie zuvor.

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