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August Strindberg: Inferno - Kapitel 15
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authorAugust Strindberg<
titleInferno
publisherHyperionverlag
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firstpub1898
translatorChristian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
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IX

Swedenborg

Meine Schwiegermutter und meine Tante sind Zwillingsschwestern von vollkommener Ähnlichkeit, gleichem Charakter, Geschmack und Abneigungen, und jede sieht in der anderen ihr Ebenbild. Wenn ich mit der einen in der Abwesenheit der anderen spreche, so wird die Abwesende alsbald so gut auf dem Laufenden erhalten, daß ich die Unterhaltung, gleichviel mit welcher von beiden, ohne Umschweife fortsetzen kann. Deshalb werfe ich sie oft in dieser Erzählung zusammen, welche kein Roman mit stilistischen Ansprüchen und literarischer Komposition ist.

Am ersten Abend also beichte ich ihnen meine unerklärlichen Abenteuer, Zweifel und Qualen. Da rufen sie, mit einer gewissen Genugtuung in den Zügen, beide auf einmal aus:

»Du bist da, wo wir bereits waren.«

Von derselben Gleichgültigkeit für die Religion ausgehend, hatten sie den Okkultismus studiert: Von dem Moment an schlaflose Nächte, geheimnisvolle, von Todesängsten begleitete Vorfälle, endlich nächtliche Angriffe und Wahnsinnsanfälle. Die unsichtbaren Furien treiben die Jagd bis zum Hafen des Heils: der Religion. Aber ehe sie so weit sind, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, daß ich meinen Landsmann gründlich kenne. Erstaunt über meine Unwissenheit, geben mir, jedoch mit Vorbehalt, die guten Damen einen alten, deutschen Band.

»Nimm, lies und fürchte dich nicht!«

»Fürchten? wovor?«

In meinem rosa Zimmer schlage ich das alte Buch aufs Geratewohl auf und lese.

Mag der Leser meine Gefühle erraten, als meine Augen sich auf die Beschreibung einer Hölle heften, in der ich die Landschaft von Klam, meine Zinkwannenlandschaft, wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde.

Der Talkessel, der Hügel mit den Tannen, die düsteren Wälder, die Schlucht mit dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, die Düngerhaufen, die Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da!

Hölle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung der Hölle, als einer zum alten Schutt der Vorurteile geworfenen Phantasie, erzogen. Und doch kann ich die Tatsache nicht leugnen, nur, – und das ist das Neue in der Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon da unten! Die Erde, die Erde ist die Hölle, der von einer höheren Vernunft eingerichtete Kerker, in dem ich nicht einen Schritt gehen kann, ohne das Glück der andern zu verletzen, und die andern nicht glücklich bleiben können, ohne mir wehe zu tun.

So stellt Swedenborg die Hölle dar, und zeichnet, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben.

Das Höllenfeuer ist der Wunsch emporzukommen; die Mächte erwecken diesen Wunsch, und gestatten den Verdammten, alles das zu erlangen, wonach sie streben.

Sobald aber das Ziel erreicht ist, die Wünsche erfüllt sind, enthüllt sich alles als wertlos und der Sieg ist nichtig! Oh Eitelkeit, Eitelkeit über Eitelkeit! Darauf fachen nach der ersten Enttäuschung die Mächte das Feuer der Wünsche und des Ehrgeizes von neuem an, und mehr noch als der unbefriedigte Appetit foltert die gesättigte Gier, der Ekel an allem. So erleidet der Teufel eine Strafe ohne Ende, weil er alles, was er wünscht, sofort erhält, so daß er sich nicht mehr darauf freuen kann.

Wenn ich die Beschreibung der Swedenborgschen Hölle mit den Strafen der germanischen Mythologie vergleiche, finde ich eine offenbare Übereinstimmung, aber für mich persönlich bildet die nackte Tatsache, daß diese beiden Bücher mir im rechten Augenblick zur Hand gekommen, das Wesentliche. Ich bin in der Hölle, und die Verdammnis lastet auf mir.

Wenn ich meine Vergangenheit durchgehe, mutet mich meine Kindheit bereits als ein Gefangenenhaus, eine Folterkammer an. Und man braucht, um die einem unschuldigen Kinde auferlegten Leiden zu erklären, nur die Annahme einer früheren Existenz, aus der wir nach hier unten zurückgeworfen worden, um die Folgen vergessener Fehler zu ertragen. Geschmeidigen Geistes, dessen ich mich nur allzusehr anklage, dränge ich die unangenehmen Eindrücke der Swedenborgschen Lektüre tief in die Seele zurück. Aber die Mächte geben keine Ruhe mehr.

Auf einem Spaziergange in die Umgegend des Dorfes gerate ich längs des kleinen Baches zu dem sogenannten Schluchtweg, der sich zwischen den beiden Bergen hinzieht. Der durch eingestürzte Felsen wahrhaft mächtig getürmte Eingang zieht mich sonderbar an. Der Berg, dessen Gipfel die verlassene Burg krönt, bildet, senkrecht zur Tiefe stürzend, das Tor der Schlucht, in welcher der Bach eine Mühle treibt. Ein Naturspiel hat dem Felsen die Form eines Türkenkopfs gegeben. (Eine der ganzen Gegend wohlbekannte Tatsache.)

Darunter lehnt sich der Schuppen des Müllers gegen die Felswand. An der Klinke der Schuppentür hängt ein Bockshorn mit Wagenfett, daneben steht ein Besen.

Das ist gewiß alles ganz natürlich und in der Ordnung, aber dennoch frage ich mich, welcher Teufel mir diese beiden Hexenzeichen, das Bockshorn und den Besen just da und gerade heute morgen in den Weg hat legen müssen.

Auf dem feuchten, dunklen und unbequemen Wege dringe ich weiter und komme zu einem Holzgebäude, dessen ungewöhnlicher Anblick mich stutzig macht. Es ist ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentüren... Ofentüren!

Ihr Götter, wo bin ich denn?

Das Bild der Danteschen Hölle, die rotglühenden Särge der Ketzer, steigt vor mir auf – und die sechs Ofentüren!! Ist es ein böser Traum? Nein, gemeine Wirklichkeit; denn ein schrecklicher Gestank, ein Strom von Schmutz und ein Grunzchor belehrt mich alsbald, daß ich einen Schweinestall vor mir habe.

Der Weg verengert sich zwischen dem Müllerhaus und dem Berge, gerade unter dem Türkenkopf, zu einem schmalen Gange.

Als ich ihn weitergehe, sehe ich im Hintergrunde eine große, wolfsfarbige dänische Dogge liegen; eine Kopie jenes Ungetüms, welches das Atelier in der Rue de la Santé in Paris bewachte.

Ich weiche zwei Schritt zurück, aber zugleich erinnere ich mich an die Jacques Coeursche Devise »Tapferen Herzen ist nichts unmöglich« und dringe in die Schlucht ein. Der Zerberus gibt sich den Anschein, als bemerke er mich nicht, und so verfolge ich den Weg, der sich jetzt zwischen niedrigen und düsteren Häusern hinzieht, weiter. Hier läuft ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem Hahnenkamm umher; dort tritt eine auf den ersten Blick schön aussehende und mit einem blutroten Halbmond auf der Stirn gezeichnete Frau aus einem Hause; als sie aber näher kommt, sehe ich, daß sie zahnlos und häßlich ist.

Der Wasserfall und die Mühle vollführen ein Geräusch, ähnlich jenem Ohrensausen, das mich seit meinen ersten Beunruhigungen verfolgt. Die Müllergesellen, weiß wie die Engel, leiten das Räderwerk der Maschine wie Henker, und das große Rad läßt in ewiger Sisyphusarbeit das nie versiegende Wasser herabfließen.

Dann kommt die Schmiede mit ihren nacktarmigen, geschwärzten Arbeitern, die mit Zangen, Hacken, Schraubstöcken und Hämmern bewaffnet sind; in Feuer und Funken liegen rotglühendes Eisen und geschmolzenes Blei. Es ist ein Heidenlärm, der das Gehirn durcheinander schüttelt und das Herz im Leibe springen läßt.

Weiterhin ächzt die große Säge der Sägemühle und martert mit knirschenden Zähnen die auf dem Sägebock liegenden Baumriesen, daß ihr durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden herabträufelt.

Längs des Baches führt der von Zyklon und Wolkenbruch arg verwüstete Schluchtweg weiter; die Überschwemmung hat eine graugrüne Schlammschicht zurückgelassen, welche die scharfen Kiesel, auf denen die Füße beständig ausgleiten, verbirgt. Ich möchte das Wasser überschreiten, aber da der Steg fortgerissen ist, mache ich unter einem Abhang halt, dessen überhängender Fels auf eine heilige Maria zu fallen droht, die allein auf ihren zarten göttlichen Schultern den unterwaschenen Berg noch stützt.

In Nachdenken über diese Vereinigung von Zufällen, welche zusammengefaßt, ohne übernatürlich zu sein, ein großes wunderbares Ganze bilden, kehre ich nach Hause zurück.

Acht Tage und acht ruhige Nächte verbringe ich in dem rosa Zimmer. Mein Herzensfriede kehrt mit den täglichen Besuchen meines Töchterchens wieder, das mich liebt, geliebt wird und liebenswert ist; von meinen Verwandten werde ich wie ein krankes, verzogenes Kind gepflegt.

Die Lektüre Swedenborgs beschäftigt mich den Tag über und erdrückt mich durch den Naturalismus ihrer Beschreibungen. Alle meine Beobachtungen, Empfindungen, Gedanken, alles findet sich dort so sehr wieder, daß jene Visionen mir als ebensoviel Erlebnisse und wahrhafte documents humains erscheinen. Von blindem Glauben ist keine Rede; genug, seine eigenen Lebenserfahrungen zu lesen und damit zu vergleichen.

Der hier vorhandene Band ist nur ein Auszug; die Haupträtsel des geistigen Lebens werden mir erst später gelöst, da mir das Originalwerk Arcana Coelestia in die Hände fällt.

 

Mitten in meinen Bedenken, welche die neugewonnene Überzeugung, daß es einen Gott und Strafen gibt, heraufbeschwören, trösten mich einige Zeilen Swedenborgs, und alsbald beginne ich, mich vor mir selbst zu entschuldigen und dem alten Hochmut wieder nachzugeben. Am Abend vertraue ich mich meiner Schwiegermutter an und frage sie:

»Hältst du mich für einen Verdammten?«

»Nein, obgleich ich niemals ein Menschenschicksal wie das deinige gesehen habe; aber du hast noch nicht den rechten Weg gefunden, der dich zum Herrn führt.«

»Erinnerst du dich Swedenborgs und seiner Principia coeli? Zuerst Durst mit einem höheren Ziel zu herrschen. Nun, mein Herrschergeist hat niemals nach Ehren gestrebt, noch danach, der Gesellschaft sein Können aufzudrängen.

Ferner Liebe zu Glück und Geld, um des öffentlichen Nutzens willen. Du weißt, daß ich keinen Gewinn suche und das Geld verachte. Was mein Goldmachen anbetrifft, so habe ich vor den Mächten das Gelübde getan, daß der allenfalls sich ergebende Gewinn für humanitäre, wissenschaftliche und religiöse Zwecke verwendet werden soll. Endlich eheliche Liebe. Muß ich noch sagen, daß sich seit meiner Jugend meine Liebe zum Weibe auf die Idee der Ehe, der Familie, der Gattin konzentrierte? Wenn mir das Leben vorbehalten hat, die Witwe eines noch lebenden Mannes zu heiraten, so ist dies eine Ironie, die ich mir nicht erklären kann, die indessen den Unregelmäßigkeiten des Junggesellenlebens gegenüber nicht allzusehr ins Gewicht fällt.«

Darauf nach einigem Nachdenken die Alte:

»Ich kann, was du da vorbringst, nicht bestreiten; denn ich habe in deinen Schriften einen Geist von hohem Streben gefunden, dessen Trachten stets gegen seinen Willen scheiterte. Gewiß büßest du die anderswo, vor deiner Geburt begangenen Sünden. Du mußt in deinem vorigen Leben ein großer Menschenschlächter gewesen sein und deshalb tausendfältige Todesbangigkeit erleiden, ohne doch, bevor die Buße vollbracht, sterben zu dürfen. Jetzt sei fromm und handle danach!«

»Du meinst, ich soll mich der katholischen Kirche anschließen?«

»Jawohl.«

»Swedenborg hält es für unerlaubt, die Religion seiner Väter zu verlassen, denn jeder gehöre zu dem geistigen Gebiet, auf dem sein Volk geboren sei.«

»Die katholische Religion nimmt jeden, der sie sucht, gnädig in ihren Schoß auf.«

»Ich will schon mit einem niedrigeren Grade zufrieden sein. Im Notfall finde ich einen Platz hinter den Juden und Mohammedanern, die ja auch zugelassen sind. Ich bin bescheiden.«

»Die Gnade wird dir angeboten, und du ziehst das Linsengericht dem Erstgeburtsrechte vor!«

»Die Erstgeburt für den Sohn der Magd? Zuviel! viel zuviel!«

 

Durch Swedenborg wieder zu Ehren gebracht, halte ich mich noch einmal für Hiob, den gerechten und sündenlosen Mann, den der Ewige prüft, um den Bösen das Beispiel eines Rechtschaffenen in Leiden und Unbill zu zeigen.

Meine fromme Eitelkeit verbeißt sich geradezu in diese Vorstellung. Ich rühme mich der Gnade, vom Mißgeschick verfolgt zu werden und werde nicht müde, mein »Siehe, wie ich gelitten habe!« zu wiederholen. Ich klage mich an, bei meinen Verwandten zu gut zu leben, und mein rosa Zimmer dünkt mir ein bitterer Hohn. Man hält sich über meine aufrichtige Reue auf und überhäuft mich mit Wohltaten und kleinen Genüssen des Lebens. Alles in allem: Ich bin ein Auserwählter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen sicher, fordere ich die Dämonen heraus...

 

Am achten Tage, den ich in meinem rosa Zimmer zubringe, trifft die Nachricht ein, daß die Großmutter, die am Ufer der Donau wohnt, krank geworden sei. Sie hat ein Leberleiden, begleitet von Erbrechen, Schlaflosigkeit und nächtlichem Herzklopfen. Meine Tante, deren Gastfreundschaft ich genieße, wird nach unten gerufen, und ich soll zu meiner Schwiegermutter nach Saxen zurückkehren.

Auf meinen Einwand, daß die Alte es verboten habe, erwidert man mir, sie habe ihren Ausweisungsbefehl zurückgezogen, so daß es mir jetzt freistehe, meinen Aufenthalt nach meinem Belieben einzurichten.

Dieser jähe Gesinnungswechsel setzt mich bei der Grollenden in Erstaunen, und ich wage kaum, diesen glücklichen Umschwung ihrer Krankheit zuzuschreiben. Der nächste Tag bringt eine Verschlimmerung der Krankheit. Meine Schwiegermutter gibt mir im Namen ihrer Mutter ein Bukett als Versöhnungszeichen und vertraut mir an, die Alte bilde sich außer anderen Phantasien ein, eine Schlange im Leibe zu tragen.

Der nächste Bericht erzählt, die Kranke sei um 1000 Gulden bestohlen worden und habe ihre Wirtschafterin im Verdacht.

Diese ist empört über den ungerechten Argwohn, will einen Prozeß wegen Verleumdung anstrengen, und der häusliche Friede im Heim einer gebrechlichen Greisin, die sich zurückgezogen hatte, um in Ruhe zu sterben, ist gebrochen.

Jeder Bote bringt uns irgend etwas, Blumen, Früchte, Wildbret, Fasanen, Hühner, Hechte...

Schlägt der Kranken ihr Gewissen vor der göttlichen Gerechtigkeit? Erinnert sie sich, daß sie mich einmal auf die Landstraße gestoßen und so ins Hospital gebracht hat?

Oder ist sie abergläubisch? Glaubt sie sich von mir behext? Und die angebotenen Geschenke wären vielleicht nur Brocken, die man dem Zauberer, seinen Rachedurst zu stillen, zuwirft?

Unglücklicherweise kommt gerade ein Band Magie aus Paris, der mich über die sogenannten Behexungen belehrt, und dessen Verfasser dem Leser rät, sich nicht für unschuldig zu halten, wenn er die magischen Kunstgriffe zu irgend jemandes Schaden nur schlechtweg meidet: Man muß vielmehr das böse Wollen selbst überwachen, da es für sich allein schon genügt, auf einen andern, sogar wenn er abwesend ist, einen Einfluß auszuüben.

Die Folgen dieser Belehrung sind zwiefach. Einerseits meine Skrupel im gegenwärtigen Falle, denn ich hatte im Zorn die Hand gegen das Bild der Alten erhoben und sie dabei verwünscht. Anderseits die Neuerregung meines alten Argwohns, daß ich selbst Okkultisten oder Theosophen Gegenstand geheimer Freveltaten sei.

Gewissensbisse auf der einen Seite, Furcht auf der andern. Und die beiden Mühlsteine beginnen mich klein zu mahlen.

 

Swedenborg schildert die Hölle folgendermaßen. Der Verdammte bewohnt einen prachtvollen Palast, findet das Leben dort köstlich und hält sich für einen Auserwählten. Nach und nach verflüchtigen sich die Herrlichkeiten, und der Unglückliche bemerkt, daß er in eine elende Baracke eingeschlossen und von Schmutz umgeben ist. (Siehe das Folgende.)

Das rosa Zimmer ist verschwunden, und da ich in ein großes Zimmer neben dem meiner Schwiegermutter einziehe, fühle ich voraus, daß mein Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.

Tatsächlich vereinigen sich alle möglichen Bagatellen, mir mein Leben zu vergiften und meiner Arbeit die notwendige Ruhe vorzuenthalten.

Die Bretter des Fußbodens schwanken unter meinen Tritten, der Tisch wackelt, der Stuhl zittert, das Waschgeschirr klirrt, das Bett knirscht, und die andern Möbel bewegen sich, sobald ich über die Diele gehe.

Die Lampe raucht, das Tintenfaß ist zu eng, so daß sich der Federhalter besudelt. Dazu riecht das Landhaus nach Dünger und Jauche, schwefelwasserstoffhaltigem Ammoniak und Schwefelsäure. Den ganzen Tag über lärmen Kühe, Schweine, Kälber, Hühner, Truthühner und Tauben. Fliegen und Wespen stören mich des Tags, Mücken des Nachts.

Beim Dorfkrämer ist fast nichts zu bekommen. In Ermangelung einer andern muß ich mich zu rosenroter Tinte verstehen! Seltsam indessen! In einem Päckchen Zigarettenpapier liegt zwischen hundert weißen ein rosa (!) Blatt!

Es ist die Hölle im kleinen, und ich, der ich so große Leiden zu ertragen gewohnt bin, leide maßlos unter diesen Nadelstichen, um so mehr, als meine Schwiegermutter mich mit ihrer sorgfältigen Pflege unzufrieden glaubt.

 

17. September. Ich erwache nachts und höre von der Kirche des Dorfes dreizehn Schläge. Sogleich überfällt mich der elektrische Zustand, und ich glaube, auf dem Boden über mir ein Geräusch zu vernehmen.

19. September. Ich durchsuche den Boden und entdecke ein Dutzend Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich öffne eine große Truhe, sie ist leer, nur fünf schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist, liegen in Form eines Pentagramms auf ihrem Grunde. Wer hat mir diesen Streich gespielt, oder was soll das heißen? Ich wage nicht zu fragen, und das Rätsel bleibt ungelöst.

Zwischen Mitternacht und zwei Uhr bricht ein furchtbares Gewitter los. Gewöhnlich erschöpft und verzieht sich ein Gewitter bald wieder; dieses jedoch bleibt zwei Stunden lang über dem Dorfe stehen. Jeder Blitz ist ein persönlicher Angriff auf mich, aber keiner trifft mich.

 

Die Abende erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige Chronik der Gegend. Welch ungeheure Sammlung häuslicher und anderer Tragödien. Da spielen Ehebrüche, Scheidungen, Prozesse zwischen Verwandten, Morde, Diebstähle, Notzucht, Blutschande, Verleumdungen. Die Schlösser, die Villen, die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann die Wege nicht entlang gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu denken.

Bettler, Blödsinnige beiderlei Geschlechts, Kranke, Verkrüppelte besetzen die Gräben der Landstraßen oder knien am Fuß eines Kreuzes, einer Madonna, oder eines Märtyrers.

Des Nachts entfliehen die Unglücklichen ihrer Schlaflosigkeit und ihren bösen Träumen auf die Wiesen und in die Wälder, um müde zu werden und schlafen zu können. Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene Damen, ja selbst ein Pfarrer sind unter ihnen.

Nicht weit von uns liegt ein als Strafanstalt für gefallene Mädchen dienendes Kloster. Es ist ein wahres Gefängnis, in dem die strengsten Satzungen herrschen. Im Winter bei 20 Grad Kälte müssen die Büßerinnen in ihren Zellen auf den eiskalten Steinfliesen schlafen, und ihre Hände und Füße bedecken sich, da nicht geheizt werden darf, über und über mit aufspringenden Frostbeulen.

Unter anderm ist da eine Frau, die mit einem Geistlichen gesündigt hat, was eine Todsünde ist. Von Gewissensbissen gemartert, flieht sie in ihrer Verzweiflung zu ihrem Beichtiger, der ihr indessen Beichte und Sakrament verweigert. Auf eine Todsünde gehört Verdammnis! Da verliert die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein, gestorben zu sein, irrt so von Dorf zu Dorf und fleht das Mitleid des Klerus an, in geweihter Erde begraben zu werden. Überall verbannt und verjagt, geht und kommt sie, heulend wie ein wildes Tier, und das Volk, das sie sieht, bekreuzigt sich und ruft: »Seht die Verdammte!« Niemand zweifelt, daß ihre Seele schon im großen Feuer sei, während ihr Schatten, ein wandelnder Leichnam, als schreckliches Beispiel hier umgeht.

Man erzählt mir noch von einem Manne, der, vom Teufel besessen, seine Persönlichkeit so geändert habe, daß ihn der Böse vermocht, wider seinen Willen Gotteslästerungen auszustoßen. Nach langem Suchen entdeckt man in einem jungen, keuschen Franziskaner von anerkannter Herzensreinheit den richtigen Beschwörer. Er bereitet sich durch Fasten und Bußübungen vor, der große Tag bricht an, und der Besessene beichtet in der Kirche, coram populo. Darauf geht der junge Mönch ans Werk, und es gelingt ihm durch vom Morgen bis zum Abend währende Gebete und Beschwörungen, den Teufel auszutreiben. Die entsetzten Zuschauer haben die näheren Umstände nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr später stirbt der Franziskaner.

Solche und noch schlimmere Geschichten bestärken mich in meiner Überzeugung, daß diese Gegend ein zu Bußen vorherbestimmter Ort sei, und es zwischen diesem Lande und den Stätten, die Swedenborg als seine Hölle schildert, eine geheimnisvolle Übereinstimmung geben müsse. Hat er diesen Teil von Oberösterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend südlich von Neapel schildert, seine Hölle nach der Natur gezeichnet??

 

Nach vierzehn Tagen Arbeit und Studien werde ich noch einmal aufgestört, da beim Anbruch des Herbstes Tante und Schwiegermutter zusammen in Klam wirtschaften wollen. Wir brechen unser Lager also ab. Meine Unabhängigkeit zu wahren, miete ich ein aus zwei Zimmern bestehendes Häuschen, ganz nahe bei meinem Töchterchen.

Den ersten Abend nach meinem Einstand im neuen Quartier überfällt mich ein Angstgefühl, als ob die Luft vergiftet sei. Ich gehe zur Mutter:

»Wenn ich da oben schlafen soll, findet ihr mich morgen tot im Bette. Beherberge einen Pilger für diese Nacht, meine gute Mutter!«

Sogleich wird das rosa Zimmer mir zur Verfügung gestellt, aber, gütiger Gott, wie hat es sich nach dem Auszug meiner Tante verändert! Schwarze Möbel stehen darin, ein Bücherschrank mit leeren Fächern gähnt mich wie mit ebensoviel Rachen an; von den Fenstern sind die Blumen fort, ein hoher, schlanker, gußeiserner Ofen, mit Verzierungen einer häßlichen Phantasie, Salamandern und Drachen, starrt, schwarz wie ein Gespenst, mir entgegen. Mit einem Wort, es herrscht eine Disharmonie, die mich krank macht. Überdies fällt mir jede Unregelmäßigkeit auf die Nerven, da ich ein Mensch von geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu bestimmten Stunden tut. Trotz meiner Bemühungen, meinen Unwillen zu verbergen, liest meine Mutter doch in meinem Herzen:

»Immer unzufrieden, mein Kind?«

Sie tut ihr Bestes, mich zufriedenzustellen, aber wo die Geister der Zwietracht sich hineinmischen, ist alles umsonst. Sie erinnert sich meiner Lieblingsgerichte, aber immer geht es verkehrt. So mag ich nichts weniger leiden als Gehirn in brauner Butter.

»Heut gibt es was Gutes,« sagt sie zu mir; »expreß für dich!« – und setzt mir Kalbshirn in brauner Butter vor. Ich begreife, es ist eine Verwechselung, kann aber nur mit schlecht verhehltem Widerwillen und erkünsteltem Appetit essen.

»Du ißt ja nichts!«

Und sie füllt mir den Teller zum zweitenmal.

Es ist zuviel! Früher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen Bosheit zu, jetzt spreche ich jeden als unschuldig frei, indem ich mir sage: Es ist der Teufel!

 

Von Jugend auf pflege ich mich auf meinem Morgenspaziergang auf die Arbeit des Tages vorzubereiten. Niemand, selbst meine Frau nicht, hat je die Erlaubnis gehabt, mich dabei zu begleiten.

Und tatsächlich erfreut sich des Morgens mein Geist einer Harmonie und glücklichen Gehobenheit, die an Ekstase streift; ich gehe nicht, ich fliege; alles Körperliche ist wie verschwunden; alle Traurigkeit verflogen, ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein Gottesdienst.

Jetzt muß ich alles aufopfern und auf meine gerechtfertigtsten Neigungen verzichten. Die Mächte zwingen mich, auch diesem letzten und höchsten Vergnügen zu entsagen. Mein Töchterchen wünscht mich zu begleiten. Ich umarme sie zärtlich und sage ihr, weshalb ich allein sein möchte, aber sie versteht nichts davon. Sie weint und ich bringe es nicht übers Herz, sie für heute zu kränken, fasse jedoch den festen Entschluß, diesem Mißbrauch der Rechte nicht weiter Folge zu geben. Ja, wie ist ein Kind reizend, hinreißend durch seine Originalität, seine Herzensfröhlichkeit, seine Dankbarkeit für ein Nichts, wohlverstanden, wenn ihr Zeit habt, euch mit ihm zu beschäftigen; wenn ihr aber in Gedanken abwesend, zerstreut seid, wie kann es da eure Seele zerreißen, wenn ihr um lauter Kleinigkeiten willen mit zahllosen Fragen und Augenblickslaunen gequält werdet!

Meine Kleine ist wie eine Verliebte auf meine Gedanken eifersüchtig; sie paßt den Moment trefflich ab, wo ihr Geplauder ein geschickt geknüpftes Gedankennetz zerstören könne ... nein doch, sie tut es ja nicht, sie ist ja nur Werkzeug, aber ihr und ich, wir meinen, eine Beute vorbedachter Anschläge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.

Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele ist gefangen und mein Hirn von der Anstrengung, beständig zum Niveau eines Kindes herabsteigen zu müssen, leer.

Was mich bis zur Folter peinigt, das sind die tiefen, vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie mir lästig zu sein glaubt und sich einbildet, daß ich sie nicht mehr lieb hätte. Dann verfinstert sich das offene, freie, strahlende Gesichtchen, die Blicke wenden sich ab, ihr Herz verschließt sich mir, und ich fühle mich des Lichtes beraubt, das dieses Kind in meine finstere Seele geworfen. Ich küsse sie, nehme sie auf den Arm, suche Blumen und Kiesel, schneide eine Gerte ab und spiele eine Kuh, die sie auf die Weide treiben soll.

Sie ist zufrieden und glücklich, und das Leben lächelt mir wieder.

Ich habe meine Morgenstunde geopfert! So sühne ich das Böse, das ich in einem wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabwünschen wollte. Welche Buße: geliebt zu werden! Wahrlich, die Mächte sind nicht so grausam wie wir!

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