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August Strindberg: Inferno - Kapitel 11
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authorAugust Strindberg<
titleInferno
publisherHyperionverlag
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firstpub1898
translatorChristian Morgenstern
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VI

Das Fegefeuer

Hotel Orfila hat ein klösterliches Aussehen und ist eine Pension für Studierende katholischer Konfession. Die Aufsicht führt ein ruhiger, liebenswürdiger Abbé, und Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdrießlichkeiten tröstet, ist, daß Frauen hier nicht zugelassen werden.

Das Haus ist alt, die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die hölzernen Treppen winden, schlängeln sich hin und her wie in einem Labyrinth. Ein Hauch von Mystizismus durchweht das ganze Gebäude, das mich seit langem angezogen hat. Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse, so daß man von seiner Mitte aus nichts weiter als die bemooste Mauer mit zwei runden Fensterchen sieht. Sitze ich aber an meinem Tisch vor dem Fenster, so blicke ich auf eine ungewöhnlich liebliche Landschaft. Unter mir zieht sich eine efeuumrankte Ringmauer um einen Klosterhof, in dem junge Mädchen unter Platanen, Paulowinien und Robinien wandeln. Dazwischen steht ein entzückendes Kapellchen im Spitzbogenstil. Etwas weiter sieht man hohe Mauern mit unzähligen Gitterfensterchen, die mich an ein Kloster denken lassen; weiter im Tale überragt ein Wald von Schornsteinen alte, halbversteckte Häuser, und aus weiter Ferne grüßt der Turm von Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und dem Wetterhahn auf seiner Spitze. In meinem Zimmer hängt ein radiertes Bildnis des heiligen Vinzenz de Paul und ein anderes, den heiligen Petrus darstellend, im Alkoven über meinem Bett. Der Himmelspförtner! Welch schneidende Ironie für mich, der ich vor einigen Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht habe.

Sehr zufrieden mit meinem Zimmer schlafe ich die erste Nacht gut. Am anderen Morgen entdecke ich, daß der Abtritt in der Gasse unter meinem Fenster liegt, und zwar so nah, daß man die ganze Prozedur samt Auf- und Zuklappen des Deckels hören muß. Ferner entdecke ich, daß auch die beiden runden Fensterchen mir gegenüber zu Abtritten gehören. Zum guten Ende weisen auch noch die hundert Fensterchen unten im Tale auf ebenso viele Abtritte hin, die an der Rückseite einer Häuserreihe liegen. Ich bin zuerst wütend, da ich aber nichts daran ändern kann, verwünsche ich mein Schicksal und beruhige mich.

Gegen ein Uhr bringt der Diener das Essen und stellt, da ich meinen Schreibtisch nicht in Unordnung bringen will, das Tablett auf den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht. Ich machte eine Bemerkung, aber er bedauerte sehr, keinen andern Tisch decken zu können. Der Mann sah ehrlich und nicht boshaft aus und konnte offenbar nichts dafür. Das Geschirr wurde also entfernt und das Tablett hingestellt.

Wenn ich damals SwedenborgSwedenborg, Arcana Coelestia. I. schon gekannt hätte, würde ich begriffen haben, daß ich von den Mächten zur Kothölle verurteilt worden sei. Wie raste ich gegen dieses fortdauernde Unglück, das mich seit so vielen Jahren verfolgte! Endlich beruhigte ich mich wieder und beugte mich in düsterer Resignation dem Schicksal. Ich erbaute mich am Buche Hiob und gewann mehr und mehr die Überzeugung, daß der Ewige mich dem Satan überliefert hatte, um mich zu prüfen. Dieser Gedanke tröstete mich wieder, und das Leiden machte mir als ein Beweis des Vertrauens von seiten des Allmächtigen Freude.

Nun begannen Dinge vor sich zu gehen, die ich mir nicht erklären kann, ohne ein Mitwirken der unbekannten Mächte anzunehmen. Von nun an greife ich auf Tagebuchaufzeichnungen, die sich nach und nach angesammelt haben, zurück und übergebe sie hier im Auszug der Öffentlichkeit.

 

Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemischen Studien gelagert. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag zu führen, fasse ich das Problem, Gold zu machen ins Auge. Der Ausgangspunkt bestand in der Frage: warum schlägt schwefelsaures Eisen in einer Goldsalzlösung Metallgold nieder? Die Antwort war: weil Eisen und Schwefel einen wesentlichen Bestandteil des Goldes ausmachen. Der Beweis ist, daß alle Schwefeleisenverbindungen in der Natur mehr oder weniger Gold enthalten. So begann ich also mit Lösungen von schwefelsaurem Eisen zu arbeiten.

Eines Morgens wache ich mit dem Gedanken an eine Landpartie auf, obwohl das ganz gegen meinen Geschmack und meine Gewohnheiten war. Als ich mehr zufällig als absichtlich auf dem Bahnhof von Montparnasse angelangt war, nahm ich den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf selbst, das ich zum ersten Male besuche, steige die Hauptstraße hinauf und biege rechts in ein von zwei Mauern begrenztes Gäßchen ein. Zwanzig Schritte vor mir erhebt sich ein halb in die Erde vergrabener römischer Ritter in grauer Eisenrüstung vom Boden; er ist sehr sauber modelliert, aber als ich näher komme, sehe ich, daß es nur rohe Steinarbeit ist.

Ich halte indes an der Illusion fest, da sie mir Vergnügen macht. Der Ritter blickt nach der Mauer, und seinen Augen folgend, bemerke ich eine auf den Mörtel mit Kohle geschriebene Inschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und S und mahnen mich an die Anfangsbuchstaben des Namens meiner Frau. – Sie liebt mich noch immer! – In der nächsten Sekunde treffen mich die chemischen Zeichen für Ferrum und Sulfur wie ein Blitz; und vor meinen Augen liegt das Geheimnis des Goldes enthüllt.

Ich untersuche den Boden und finde zwei an einem Faden befestigte Bleistempel. Der eine zeigt die Buchstaben V.P., der andere eine Königskrone. Ohne mich auf eine weitere Ausdeutung dieses Abenteuers einzulassen, kehre ich unter dem lebhaften Eindruck einer an ein Wunder grenzenden Begebenheit nach Paris zurück.

 

In meinem Kamine brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und homogenen Form Mönchsköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer beinahe ausgegangen ist, nehme ich ein Kohlenkonglomerat von phantastischer Gestalt heraus. Es war ein Hahnenkopf mit prächtigem Kamm, auf einem fast menschlichen Rumpf mit gewundenen Gliedern. Es sah aus wie ein Dämon aus einem mittelalterlichen Hexensabbat.

Am anderen Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe von zwei Gnomen oder betrunkenen Zwergen heraus, die sich umarmen, wahrend ihre Kleider im Winde flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.

Den dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde im byzantinischen Stil und von unvergleichlicher Linienschönheit.

Nachdem ich alle drei Stücke mit schwarzer Kreide gezeichnet habe, lege ich sie auf meinen Tisch. Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten mit wachsender Neugierde und fragt, wer sie gemacht habe.

Gemacht? Ich will ihn auf die Probe stellen und nenne den Namen eines norwegischen Bildhauers.

Nein, sagt er, ich möchte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der schwedischen Sagen, zuschreiben.

Ich glaube nicht an Dämonen, und doch bin ich auf den Eindruck begierig, den meine Figürchen auf die Sperlinge machen, die sich gewöhnlich ihr Futter von meinem Fensterbrett draußen holen. Ich stelle also die Figuren da auf.

Die Sperlinge erschrecken und bleiben fern. So ist also doch eine Ähnlichkeit da, die selbst die Tiere wahrnehmen können, so lebt doch eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der toten Materie und des Feuers.

Die Sonne, die meine Figürchen erhitzt, läßt den Dämon mit dem Hahnenkamm in sich zusammensinken, was mich an die Sage der Bauern erinnert, die von den Zwergen erzählen, daß sie sterben, wenn sie sich bis zur Stunde des Sonnenaufgangs verspäten.

 

Es geschehen Dinge in dem Hotel, die mich beunruhigen.

Den Morgen nach meiner Ankunft finde ich am Schlüsselbrett im Flur, wo die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen Studenten, adressiert ist, der denselben Namen wie meine Frau trägt. Der Stempel der Marke ist Dornach, der Name des österreichischen Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Aber da ich sicher bin, daß Dornach keine Poststation ist, so bleibt die Sache rätselhaft. Diesem Briefe, der an einer so herausfordernden und notwendigerweise in die Augen fallenden Stelle liegt, folgen andere. Der zweite ist an einen Herrn Dr. Bitter gerichtet und »Wien« abgestempelt, ein dritter trägt den falschen polnischen Namen Schmulachowsky.

Der Teufel hat hier die Hand im Spiel, denn dieser Name ist verstellt, und ich verstehe wohl, auf wen man zielt, nämlich auf einen Todfeind von mir, der in Berlin wohnt.

Ein anderes Mal muß mich ein schwedischer Name an einen Feind meines Landes erinnern. Endlich kommt ein »Wien« abgestempelter Brief, der laut gedruckten Kuverts vom chemischen Bureau des Dr. Eder kommt. Man will also meine Goldsynthese ausspionieren; es wird hier unzweifelhaft eine Intrige gesponnen, aber der Teufel hat diesen Gaunern die Karten gemischt. Daß ich nach allen Richtungen der Windrose die Augen offen halte, daran denken diese Schwachköpfe nicht.

Ich habe beim Kellner Erkundigungen über Herrn X. eingezogen, aber er gibt mir in aller Einfalt zur Antwort, der Mann sei ein Elsässer; das ist alles. Eines schönen Morgens komme ich von meinem Spaziergang zurück und sehe in dem Briefschrank gerade neben meinem Schlüssel eine Postkarte. Einen Augenblick ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmt meine Hand gerade in dem Moment, da der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Türe hervorkommt.

Ich sehe ihm ins Gesicht und erstaune: es ist ganz das Gesicht meiner Frau. Schweigend grüßen wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe niemals diese Kabale entwirren können, da ich die Mitwirkenden dieses Dramas nicht kannte, auch meine Frau weder Brüder noch Vettern hat.

Dieses Ungewisse, drohende Gespenst einer beständigen Rache folterte mich ein halbes Jahr lang. Ich ertrug es wie alles als Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.

Mit dem neuen Jahre tauchte in unserm Restaurant eine fremde Erscheinung auf. Es war ein amerikanischer Kunstmaler, und er kam gerade zur rechten Zeit, um in unsere gedrückte Gesellschaft wieder frisches Leben zu bringen. Aber obwohl ein lebhafter, ja kühner Geist voll weltbürgerlicher Ideen und zudem ein guter Gesellschafter, flößte er mir doch ein unbestimmtes Mißtrauen ein. Trotz seines Selbstvertrauens und der Sicherheit in seinem Auftreten erriet ich seine wahre Lage. Der Krach kam denn auch schneller, als man dachte. Eines Abends trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen Augenblick dableiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte hatte ihn verlassen, er steckte bis über die Ohren in Schulden, und seine Gläubiger belagerten ihn; auf der Straße war er von den Zuhältern seiner unbezahlten Modelle beschimpft worden. Was ihn aber vollständig vernichtete, war, daß der grausame Hauswirt sein für den Marsfeld-Salon bestimmtes Gemälde zurückbehalten hatte, auf dessen Erfolg er bei der Neuheit des dargestellten Sujets sicher rechnen zu können glaubte. Es zeigte eine schwangere Emanzipierte, die vom Pöbel gekreuzigt und verflucht wird.

Da er im Restaurant auch nichts als Schulden hatte, saß er nun mit seinem leeren Magen auf der Straße. Nach der ersten Beichte kam noch heraus, daß er Morphium für zwei genommen habe; aber der Tod wollte ihn augenscheinlich noch nicht.

Nach ernsten Besprechungen kamen wir überein, in ein anderes Viertel zu gehen und dort in irgendeiner unbekannten Gaststätte zu Abend zu essen.

Ich würde ihn nicht verlassen und so werde er schon wieder Mut gewinnen und ein neues Bild für den Salon der Unabhängigen beginnen.

 

Das Unglück des Mannes, der mein einziger Gesellschafter geworden ist, läßt mich doppelt leiden, wenn ich mich in seine Qualen hineinträume. Welch ein Hohn meinerseits. Aber bald bin ich um eine wertvolle Erfahrung reicher.

Er enthüllt mir seine ganze Vergangenheit, Deutscher von Geburt, hat er, teil familiärer Mißhelligkeiten halber, teils wegen eines gerichtlich beschlagnahmten Jugendpasquells, sieben Jahre in Amerika gelebt.

Ich entdecke eine gewöhnliche Intelligenz, ein melancholisches Temperament und eine zügellose Sinnlichkeit. Aber hinter dieser menschlichen Maske eines Kosmopoliten fange ich an, einen anderen Charakter zu erwarten, der mich beunruhigt, und dessen Aufdeckung ich einem günstigen Augenblick überlasse.

So vergehen zwei Monate, während deren ich mein Dasein mit dem dieses Freundes vereinige und mit ihm allen Jammer eines verunglückten Künstlers wieder durchmache, ohne daran zu denken, daß ich ein gemachter Mann, ja selbst ein Name in dem großen Paris bin und zu seinen Dramatikern zähle, wenn ich mir auch als Chemiker nichts mehr daraus mache.

Übrigens liebt mich mein Gefährte nur, solange ich meine Erfolge verberge, muß ich sie aber vorübergehend erwähnen, so ist er verletzt, spielt den Unglücklichen und Unbedeutenden, so daß ich mich aus Mitleid zuletzt nur noch als altes verkommendes Genie gebärde. Das drückt mich nach und nach unmerklich nieder, während er, der seine Zukunft noch vor sich hat, auf meine Kosten sich wieder aufrichtet. Ich bin wie ein an den Wurzeln eines Baumes verscharrter Leichnam, und der Baum saugt seine Nahrung aus dem in Zersetzung begriffenen Leben und wächst hoch in die Lüfte.

Ich studiere zu dieser Zeit buddhistische Bücher und bewundere meine Selbstverleugnung, mit der ich mich für einen andern töte. Gute Werke aber dürfen einen Lohn erwarten, und so blieb denn auch der meine nicht aus.

Eines Tages bringt die Revue des Revues ein Bildnis des amerikanischen Propheten und Naturarztes Francis Schlatter, der im Jahre 1895 fünftausend Kranke heilte und dann verschwand, ohne jemals wieder auf dieser Erde zu erscheinen.

Nun, die Züge dieses Mannes ähnelten auf eine wunderbare Weise denen meines Gefährten. Um mich zu vergewissern, zeige ich die Revue einem schwedischen Bildhauer, der mich in dem Café de Versailles erwartete. Er bemerkte gleichfalls die Ähnlichkeit und erinnerte mich an ein sonderbares Zusammentreffen von Umständen: beide waren von Geburt Deutsche und arbeiteten in Amerika. Ja, noch mehr das Verschwinden Schlatters traf mit dem Auftauchen unseres Freundes in Paris zusammen. Da ich ein wenig in okultistische Kunstausdrücke eingeweiht bin, so stelle ich den Satz auf, daß dieser Francis Schlatter der »Doppelgänger« unseres Mannes sei, der, ohne es zu wissen, ein selbständiges Dasein führe.

Als ich das Wort Doppelgänger aussprach, machte mein Bildhauer große Augen und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß unser Mann immer zwei Wohnungen, eine auf dem rechten und die andere auf dem linken Ufer bewohne. Des weiteren erfahre ich, daß mein geheimnisvoller Freund ein Doppelleben in dem Sinne führt, daß, nachdem er den Abend in halb philosophischen, halb religiösen Betrachtungen mit mir verbracht, er immer noch die Nacht über in Bulliers Ballokal zu sehen war.

Es gab ein sicheres Mittel, die Identität dieser beiden Doppelgänger zu beweisen, da die Revue den letzten Brief Francis Schlatters im Faksimile enthielt.

»Kommen Sie heute zum Abendessen,« schlug ich vor, »ich werde ihm den Brief Schlatters diktieren; wenn sich die beiden Handschriften, und vor allem die Unterschriften, gleichen, muß uns das als Beweis dienen.«

Beim Abendessen, am selben Abend, bestätigte sich alles: es ist dieselbe Hand, dieselbe Unterschrift, derselbe Namenszug; alles stimmte.

Ein wenig erstaunt, überläßt sich der Maler unserem Examen; endlich fragt er:

»Und was wollen Sie damit?«

»Kennen Sie Francis Schlatter?«

»Ich habe niemals von ihm sprechen hören.«

»Erinnern Sie sich jenes Naturarztes in Amerika, voriges Jahr?«

»Ach ja! Dieser Schwindler!«

Er erinnert sich und ich zeige ihm Porträt und Faksimile.

Er lächelt skeptisch und bleibt durchaus ruhig und gleichgültig, das ist alles.

Einige Tage später sitze ich mit meinem geheimnisvollen Freunde vor einem Absinth auf der Terrasse des Café de Versailles, als ein Kerl in Arbeitskleidung und von bösartigem Aussehen vor dem Cafe stehen bleibt, um sich plötzlich ohne weiteres mitten durch die Gäste zu drängen und meinen Freund aus vollem Halse anzubrüllen:

»Hab ich Sie endlich, Sie Gauner, der Sie mich geprellt haben! Was soll denn das heißen! Zuerst bestellen Sie ein Kreuz für dreißig Franken, und ich bringe es Ihnen, und dann verduften Sie! Sie Hundesohn glauben wohl, so ein Kreuz macht sich von allein? ...«

So ging es in einem fort. Vergeblich suchten ihn die Kellner des Cafés zu entfernen; er drohte, die Polizei zu holen, während der arme Verschuldete, unbeweglich, stumm und vernichtet wie ein Verurteilter, den Blicken der mehr oder weniger bekannten Künstler ausgesetzt blieb.

Als die Szene vorbei war, fragte ich ihn, verwirrt wie von einem Hexensabbat:

»Das Kreuz? welches Kreuz zu dreißig Franken? Ich begreife kein Wort von der Geschichte!«

»Es war das Kreuz der Jeanne d'Arc, das Modell, wissen Sie, die Maschine für mein Gemälde, das gekreuzigte Weib.«

»Aber das war ja ein Teufel, dieser Arbeiter!«

Und nach einigem Stillschweigen fuhr ich fort: »Es ist ja komisch, aber man spielt nicht ungestraft weder mit dem Kreuz, noch mit der Jeanne d'Arc.«

»Sie glauben daran?«

»Ich weiß nicht! Ich wüßte nicht! – Aber die dreißig Silberlinge!«

»Genug! genug!« rief er verletzt.

 

Als ich am Karfreitag in die Garküche kam, fand ich meinen Leidensgefährten am Tische eingeschlafen.

In einer Anwandlung fröhlicher Laune weckte ich ihn mit dem Rufe:

»Sie hier?«

»Wieso?«

»Ich dachte, daß Sie am Karfreitag wenigstens bis sechs Uhr am Kreuze blieben.«

»Sechs Uhr? Richtig, ich habe den ganzen Tag über bis sechs Uhr abends geschlafen, ohne daß ich Ihnen einen Grund angeben könnte.«

»Ich könnte es.«

»Natürlich: Der Astralleib geht spazieren, nicht wahr? – in Amerika ... usw.«

Von diesem Abend ab legt sich eine gewisse Kälte zwischen uns. Unsere Bekanntschaft hatte nun vier schreckliche Monate gewährt. Mein Gefährte hatte eine ganz neue Schule durchgemacht und Zeit gehabt, andere Wege in seiner Kunst einzuschlagen, so daß er zuletzt das gekreuzigte Weib wie ein altes Spiel verwerfen konnte. Er hatte das Leiden als die einzige wahrhafte Lebensfreude angenommen und war so zur Resignation gelangt. Er war ein Held in seinem Elend! Ich bewunderte ihn, wenn er am selben Tage zweimal den Weg zwischen Montrouge und den Hallen zu Fuß hin und zurück, mit abgetretenen Absätzen und ohne etwas zu sich genommen zu haben, zurücklegte. Am Abend, wenn er dann den Redaktionen illustrierter Blätter siebzehn Besuche gemacht und drei Zeichnungen verkauft hatte, ohne jedoch gleich bezahlt worden zu sein, kaute er schnell für ein paar Sous Brot und eilte dann zu Bullier.

Schließlich lösten wir in stillschweigender Übereinstimmung unsere zu gegenseitiger Hilfe eingegangene Verbindung auf. Wir fühlten beide, daß es genug sei, und unsere Schicksale sich getrennt erfüllen mußten, und als wir die letzten Lebewohls gewechselt, wußte ich, daß es die letzten waren.

Ich habe diesen Mann nie mehr wiedergesehen, noch gehört, was aus ihm geworden sein mag.

 

Im Frühling langte unter dem Druck meiner eigenen widerwärtigen Schicksale und der meines Freundes ein Brief von meinen Kindern erster Ehe an mich an, worin sie mir erzählten, daß sie schwer krank im Krankenhaus gelegen hätten. Als ich die Zeit dieses Ereignisses mit der meiner schlimmen Versuche verglich, erschrak ich.

Leichtsinnig hatte ich mit geheimen Kräften gespielt, und nun hatte mein schlimmer Wille, durch die unsichtbare Hand geleitet, sein Ziel erreicht und mich mitten ins Herz getroffen.

Ich entschuldige mich nicht und bitte nur den Leser, diese Tatsache zu behalten, falls er sich einfallen lassen sollte, Magie auszuüben, besonders diejenige Operation, die man Bezauberung oder eigentlich Behexung nennt, und deren Wirklichkeit von RochasDie Projektion des Empfindungsvermögens. außer jeden Zweifel gesetzt wird.

Eines Sonntags vor Ostern gehe ich in aller Frühe durch den Jardin de Luxembourg, überschreite den Straßendamm und trete unter die Arkaden des Odeons; eine blaue Balzac-Ausgabe läßt mich stehen bleiben, und ich greife zufällig Seraphita heraus. Warum?

Vielleicht ist es noch eine unbewußte Erinnerung, von der Lektüre der Initiation her, als man mich damals in einer Besprechung von Sylva Sylvarum Swedenborgs Landsmann genannt hatte.

Zu Hause schlage ich den mir fast unbekannten Band auf, denn es lagen ja so viele Jahre zwischen meiner ersten Bekanntschaft mit ihm und dieser zweiten Lektüre.

Er war wie neu für mich, und nun mein Geist vorbereitet war, verschlang ich geradezu den Inhalt dieses außerordentlichen Buches. Ich hatte niemals etwas von Swedenborg gelesen, denn er gilt in seiner und meiner Heimat für einen Scharlatan, Narren und schlüpfrigen Gesellen. Jetzt aber wurde ich von schwärmerischer Bewunderung ergriffen, da ich diesen himmlischen Giganten des letzten Jahrhunderts durch den Mund eines so genialen französischen Interpreten reden hörte.

Ich lese nun mit einer religiösen Aufmerksamkeit und finde auf Seite 16 als Todestag Swedenborgs den 29. März angegeben. Ich halte inne, denke nach und schlage den Kalender auf; es ist gerade der 29. März, und noch mehr, Palmsonntag ist heute. Swedenborg tritt damit in mein Leben ein, darin er noch eine so große Rolle als Richter und Meister spielen sollte, und bringt mir am Jahrestage seines Todes die Palme, des Siegers oder des Märtyrers – wer will es vorher sagen?

Seraphita wird mein Evangelium und läßt mich wieder in so nahe Verbindung mit dem Jenseits treten, daß das Leben mich anekelt und ein unwiderstehliches Heimweh nach dem Himmel mich ergreift. Kein Zweifel, ich werde auf ein höheres Dasein vorbereitet! Ich verachte die Erde, diese unreine Welt, diese Menschen und ihre Werke. Ich bin ein Gerechter ohne Fehle, den der Ewige auf die Probe stellt, den das Fegefeuer dieser Welt einer baldigen Erlösung würdig machen wird.

Dieser durch meine vertrauliche Stellung zu den Mächten hervorgerufene Hochmut wächst immer dann, wenn ich meine wissenschaftlichen Bemühungen von Erfolg gekrönt sehe. So glückt es mir, nach meinen Berechnungen und den Beobachtungen der Metallurgen Gold zu machen, und ich glaube es beweisen zu können.

Die Proben gehen nach Rouen, an einen befreundeten Chemiker. Er beweist mir das Gegenteil meiner Behauptungen, und ich kann acht Tage lang nichts dagegen einwenden. Da finde ich bei einem zufälligen Blättern in der Chemie meines Meisters Orfila das Geheimnis meines Verfahrens. Diese alte, vergessenen und verachtete Chemie vom Jahre 1830 ist mein Orakel geworden, das mir im kritischen Augenblick zu Hilfe kommt. Meine Freunde Orfila und Swedenborg beschützen, ermutigen und bestrafen mich; ich sehe sie nicht, aber ich fühle ihre Gegenwart. Sie erscheinen mir nicht in Visionen oder Halluzinationen, aber kleine tägliche Vorkommnisse offenbaren mir, daß sie mich in den Wechselfällen meines Lebens nicht verlassen. Die Geister sind naturalistisch geworden, wie die Zeiten, die sich nicht mehr mit Visionen begnügen.

So läßt sich zum Beispiel folgendes durch das Wort Koinzidenz nicht erklären. Es war mir gelungen, Goldflecke auf Papier hervorzubringen, und ich wollte nun dasselbe auf trockenem Wege und durch Feuer im großen erreichen. Ein paar hundert Experimente führten zu nichts und verzweifelt legte ich das Lötrohr beiseite. Eines Morgens spaziere ich nach der Sternwarte, wo ich oft die vier Weltteile bewundere, aus dem heimlichen Grunde, weil die mutigste der Carpeauxschen Frauen meiner Frau ähnlich sieht. Sie steht und unter der Ringkugel und unter dem Zeichen der Fische, und Sperlinge haben hinter ihrem Rücken ihr Nest gebaut. – Am Fuße des Monuments finde ich zwei abgeschnittene Kartonstückchen; das eine ist und der Zahl 207, das andere mit 28 bedruckt. Es sind dies die Zeichen für das Atomgewicht des Bleis (207) und des Silizium (28). Ich nehme den den Fund für meine chemische Sammlung mit.

Zu Hause beginne ich eine Reihe von Experimenten mit Blei indem ich das Silizium bis auf weiteres beiseite lasse.

Da ich von der Hüttenkunde her weiß, das Blei abgerieben auf einem mit Knochenasche ausgeschlagenen Tiegel immer ein wenig Silber, und dieses Silber wieder bekanntlich ein ganz klein wenig Gold ergibt, so sage ich mir, daß der phosphorsaure Kalk als Hauptbestandteil der Knochenasche, ein wesentlicher Faktor in der von Blei ausgehenden Gewinnung des Goldes sein müsse.

In der Tat nahm Blei auf eine Lage von phosphorsaurem Kalk gegossen, auf seiner unteren Fläche immer eine goldige Farbe an. Die Ungnade der Mächte ließ mich damals die Experimente nicht beendigen. Ein Jahr später, und zwar in Lund in Schweden, schenkte mir ein Bildhauer, der in feinen Tonwaren arbeitete, einen aus Blei und Silizium zusammengesetzten Lack, mit Hilfe dessen ich zum erstenmal ein Feuer vererztes Gold von großer Schönheit zustande brachte.

Zum Danke zeigte ich ihm die beiden Pappstücke mit den Nummern 207 und 28. Zufall oder Zusammentreffen, wie soll man dies Zeichen einer unumstößlichen Logik nennen?

Ich wiederhole, daß ich von Visionen niemals geplagt wurde und nur Gegenstände der Wirklichkeit mir manchmal auf grandiose Weise in menschlicher Form erschienen.

So schaut mir eines Tages mein durch den Mittagsschlaf zerdrücktes Kopfkissen wie ein Marmorkopf im Stile Michelangelos entgegen. Eines Abends, als ich mit dem Doppelgänger des amerikanischen Naturheilarztes nach Hause komme, entdecke ich, wie im Halbschatten des Alkoven ein riesenhafter Zeus auf meinem Bette ruht. Mein Freund bleibt vor diesem unerwarteten Schauspiel, von einem geradezu religiösen Schrecken gepackt, stehen. Der Künstler in ihm versteht sofort die Schönheit der Linien.

»Da haben wir wieder die große verschwundene Kunst! Da haben wir die rechte Zeichenakademie!«

Je mehr man hinblickt, um so lebhafter und schrecklicher wird die Erscheinung.

Ganz offenbar, die Geister sind wie wir Sterblichen Realisten geworden.

Es ist kein Zufall mehr, denn an gewissen Tagen stellt das Kopfkissen entsetzliche Ungetüme dar, gotische Drachen, Lindwurme, und als ich eines Nachts einmal lustig gelebt, begrüßte mich bei meiner Heimkehr ein Dämon im mittelalterlichen Stil, der Teufel selber mit Faunskopf und sonstigem Zubehör. Furcht ergriff mich niemals, es war immer allzu natürlich, aber der Eindruck von etwas Abnormem, halb Übernatürlichem blieb in meiner Seele haften.

Als ich meinen Freund, den Bildhauer, als Zeugen hinzurief, war er durchaus nicht erstaunt, und lud mich in sein Atelier ein, wo eine an der Wand hängende Studie mich durch ihre Linienschönheit überraschte.

»Woher haben Sie das? Eine Madonna, nicht?«

»Ja, eine Madonna von Versailles, und – nach Schlingpflanzen in einem Schweizer See gezeichnet!«

Eine neuentdeckte Kunst nach der Natur! Naturalistische Hellseherei! Warum auf den Naturalismus schimpfen, wenn er, voll Möglichkeit zu wachsen und sich zu entwickeln, eine neue Kunst einleitet? Die Götter kehren zurück, und die Parole der Dichter und Künstler »zum Pan!« hat ein so starkes Echo gefunden, daß die Natur nach jahrhundertelangem Schlaf erwacht ist! Nichts kann auf Erden ohne die Zustimmung der Mächte geschehen: Nun, der Naturalismus war, also sollte er auch sein; und was sollte er offenbar sein? –: die Wiedergeburt der Harmonie von Stoff und Geist.

Der Bildhauer ist ein Seher. Er erzählt mir, daß er in der Bretagne Orpheus und Christus in einem Felsblock nebeneinander gesehen habe, und fügt hinzu, er werde dahin zurückkehren und sie als Modelle zu einer Gruppe für den Salon verwenden.

Als ich eines Abends die Rue de Rennes mit demselben Seher entlang ging, machte er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung, wo man kolorierte Lithographien ausgestellt hatte, halt. Sie stellten Phantasieszenen mit menschlichen Körpern dar, deren Köpfe durch Stiefmütterchen ersetzt waren. Ich hatte trotz meiner Beobachtungen als Botaniker nie zuvor die Ähnlichkeit des Stiefmütterchens mit dem Gesicht des Menschen bemerkt. Mein Freund kann sich nicht genug darüber wundern.

»Denken Sie sich,« sagt er, »als ich gestern Abend nach Hause kam, blickten mich die Stiefmütterchen auf meinem Fensterbrett so herausfordernd an, daß ich plötzlich ebenso viele Menschengesichter sah. Ich hielt es für eine Vision meiner überreizten Nerven. Heute finde ich hier diese vor langer Zeit erschienenen Drucke. Es ist also doch Wirklichkeit und keine Sinnestäuschung, denn dieser unbekannte Künstler hat dieselbe Entdeckung vor mir gemacht.«

Wir machen in unserem Sehen Fortschritte, und diesmal bin ich es, der einen Napoleon mit seinen Marschällen auf der Kuppel des Invalidendomes sieht. Wenn man von Montparnasse nach dem Boulevard des Invalides gelangt, entschleiern sich über der Rue Oudinot im vollen Glanze der untergehenden Sonne die Kuppel, die Konsolen und anderen Vorsprünge des Kuppelunterbaus und nehmen menschliche Gestalten an, die sich je nach dem Richtpunkt mehr oder weniger entfernen: Da ist Napoleon, Bernadotte, Berthier, und mein Freund zeichnet sie »nach der Natur«.

»Wie wollen Sie sich dieses Phänomen erklären?«

»Erklären? Hat man jemals etwas dadurch erklärt, daß man einen Haufen Worte durch einen andern Haufen Worte umschreibt?«

»Sie glauben also nicht, daß der Baumeister nach einem unbewußten Plan gearbeitet hat?«

»Hören Sie, mein Lieber, Jules Mansard, der den Dom im Jahre 1706 baute, konnte doch wohl die Silhouette des im Jahre 1769 geborenen Napoleon unmöglich vorhersehen ... das genügt doch!«

 

Manchmal träume ich in der Nacht, und diese Träume sagen mir die Zukunft vorher, sichern mich gegen Gefahren und enthüllen mir Geheimnisse. So erscheint mir ein lange verstorbener Freund im Traume und zeigt mir ein Geldstück von ungewöhnlicher Größe. Auf meine Frage, woher dieses merkwürdige Stück stamme, antwortet er mir »aus Amerika« und verschwindet mit dem Schatz.

Am andern Tage erhalte ich einen Brief aus Amerika von einem Freunde, von dem ich zwanzig Jahre lang nichts mehr gehört, und der mir mitteilt, daß ein Auftrag für die Ausstellung von Chicago mich vergeblich in ganz Europa gesucht habe. Es handelte sich um ein Honorar von 12 000 Franken, eine für meine damalige verzweifelte Lage ungeheure Summe, die ich sehr wohl hätte brauchen können. Diese 12 000 Franken hätten meine Zukunft gesichert, aber niemand außer mir würde geahnt haben, daß mich der Verlust dieses Geldes als Strafe für eine schlechte Handlung traf, die ich im Zorn über die Treulosigkeit eines literarischen Mitbewerbers begangen hatte.

 

Ein anderer Traum von weiterer Tragweite ließ mir Jonas Lie mit einer vergoldeten Bronzependüle voll seltener Zieraten erscheinen.

Als ich einige Tage später auf dem Boulevard St. Michel spazieren ging, zog das Schaufenster eines Uhrmacherladens meine Aufmerksamkeit auf sich.

Die Uhr des Jonas Lie! rief ich laut.

Wirklich, es war dieselbe. Sie war von einer Himmelskugel gekrönt, an der zwei Frauen lehnten, das Räderwerk ruhte auf vier Säulen, in der Kugel zeigte ein Datumanzeiger den dreizehnten August. Ich werde in einem der nächsten Kapitel dartun, was dieser verhängnisvolle 13. August mit sich brachte. Diese und andere kleine Zwischenfälle trugen sich während meines Aufenthaltes im Hotel Orfila zwischen dem 6. Februar und dem 19. Juli 1896 zu.

Zugleich mit und zwischen all dem ging ein weiteres Abenteuer seinen vielfach unterbrochenen Lauf, bis dann mit meiner Verbannung aus dem Hotel ein neuer Abschnitt meines Lebens begann.

Der Frühling ist wiedergekehrt, das Tal der Tränen und Trauer unter meinem Fenster grünt und blüht. Grünes Laubwerk bedeckt den Boden und seinen Unrat: die Gehenna hat sich in ein Tal Sarons voll blühender Lilien, Flieder, Robinias und Paulownias verwandelt. – Mir ist zum Sterben traurig, aber das fröhliche Lachen der Mädchen, die da unter den Bäumen unsichtbar spielen, rührt mich und erweckt mich wieder zum Leben. Das Leben verfließt, und das Alter naht. Frau, Kinder, Herd, alles verwüstet; draußen Frühling, innen Herbst.

Das Buch Hiobs und die Klagelieder Jeremiä trösten mich, denn wenigstens zwischen dem Lose Hiobs und dem meinigen besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Bin ich nicht auch mit unheilbaren Schwären behaftet, bin ich nicht auch mit Armut geschlagen und von meinen Freunden verlassen?

»Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht. Ich bin ein Bruder der Schlangen und ein Geselle der Eulen. Meine Haut über mir ist schwarz geworden und meine Gebeine sind verdorrt vor Hitze. Meine Harfe ist eine Klage geworden, und meine Pfeife ein Weinen.«

So Hiob. Und Jeremias ermißt mit zwei Worten den Abgrund meiner Traurigkeit:

»Ich habe fast vergessen, was Glück ist.«

In dieser Stimmung sitze ich an einem schwülen Nachmittag über meine Arbeit gebeugt, als ich mit einemmal hinter dem Laube des Tälchens vor mir Klavier spielen höre. Ich spitze, wie das Schlachtroß beim Ton der Trompete, die Ohren, richte mich auf und ringe in hoher Erregung nach Atem. Man spielt den »Aufschwung« von Schumann. Und noch mehr, er spielt! Er, mein russischer Freund, mein Schüler, der mich »Vater« nannte, weil er mir seine ganze Bildung verdankte, mein Famulus, der mich Meister nannte und mir die Hände küßte, der sein Leben da begann, wo das meine endete. Er ist von Wien nach Paris gekommen, um mich zugrunde zu richten, wie er mich in Wien zugrunde gerichtet hat, – und warum? ... weil das Schicksal gewollt hatte, daß seine jetzige Gattin, ehe er sie kennen gelernt, meine Geliebte gewesen war. Konnte ich dafür, daß alles so gekommen war? Gewiß nicht, und dennoch haßte er mich tödlich, verleumdete mich, verhinderte die Annahme meiner Stücke, fädelte Intrigen ein und beraubte mich so der notwendigsten Hilfsmittel zu meiner Existenz. Damals drehte ich in einem Anfall von Wut den Spieß einmal um und traf ihn gut, freilich auf eine so rohe und feige Art, daß ich darunter wie unter einem Morde litt. Daß er nun, mich zu töten, gekommen ist, tröstet mich, denn der Tod allein kann mich von meinen Gewissensbissen befreien.

Er also steckte wohl hinter jenen falsch adressierten Briefen, die ich immer neben der bewußten Portierloge sah. Nun, mag er den Schlag führen, ich werde mich nicht verteidigen! Denn er hat recht, und mir ist mein Leben nichtig. Er spielt noch immer den »Aufschwung«, den er wie niemand zu spielen versteht. Unsichtbar spielt er hinter der grünen Mauer und seine magischen Harmonien steigen über ihre blühenden Ranken empor, als schwebten Falter der Sonne zu.

Warum spielt er nur? Um mir sein Kommen mitzuteilen, um mich zu erschrecken und in die Flucht zu jagen?

Vielleicht erfahre ich es im Restaurant, wo die andern Russen schon seit langem vom Eintreffen ihres Landsmannes gesprochen.

Ich gehe zum Abendessen hin und begegne schon an der Türe feindlichen Blicken. Von meinem Streit mit dem Russen unterrichtet, hat sich die ganze Gesellschaft gegen mich verschworen. Sie zu entwaffnen, eröffne ich selbst das Feuer:

»Popoffsky ist in Paris?« frage ich.

»Nein, noch nicht!« antwortet mir einer.

»Doch,« entgegnet ein anderer, »er hat sich beim Mercure de France sehen lassen.«

Einer widerlegt den andern, und schließlich bin ich so klug wie zuvor, tue aber so, als ob ich alles, was mir erzählt wird, glaubte. Die unverhohlene Abneigung aber, die ich im Restaurant erfuhr, ließ mich den Schwur tun, nicht mehr hinzugehen. Es tat mir leid, denn es waren mir wirklich sympathische Menschen da. Noch einmal also treibt mich dieser verfluchte Feind in Einsamkeit und Verbannung. Mein Haß wendet sich wieder gegen ihn und peinigt und vergiftet mich. Nichts mehr von Tod! Soll mich die Hand eines inferioren Menschen fällen? Die Demütigung wäre für mich, die Ehre für ihn zu groß. Ich will den Kampf aufnehmen und mich verteidigen, und so suche ich denn, Klarheit in der Sache zu gewinnen, einen mit Popoffsky befreundeten dänischen Maler in der Rue de la Santé hinter Val de Grâce auf. Er war vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, obwohl ein früherer Freund von mir, bei unserer ersten Begegnung fremd, fast feindlich gegrüßt. Den Tag darauf hingegen machte er mir seinen Besuch, lud mich auf sein Atelier ein und sagte mir so viele Liebenswürdigkeiten, daß mir die Echtheit seiner Freundschaft recht zweifelhaft wurde. Als ich ihn über Popoffsky fragte, zog er sich hinter Ausflüchte zurück, bestätigte jedoch das Gerücht von seiner baldigen Ankunft in Paris.

»Um mich zu ermorden!« setzte ich hinzu.

»Jawohl, nehmen Sie sich in acht!«

Den Morgen nun, als ich dem Dänen meinen Gegenbesuch machen wollte, versperrte mir – sonderbarer Zufall! – eine riesige dänische Dogge, die in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit auf dem Pflaster des Hofes lag, den Weg. Einen Augenblick war ich unschlüssig, dann aber machte ich sofort kehrt und dankte zu Hause den Mächten für ihre Warnung, denn sicherlich war ich einer unbekannten Gefahr entronnen.

Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, saß auf der Schwelle der offenen Türe ein Kind mit einer Spielkarte in der Hand. Abergläubisch warf ich einen Blick auf die Karte; es war Pique zehn.

Gefährliches Spiel in diesem Hause!

Und ich kehre wieder um.

Den Abend nach der Szene im Restaurant war ich fest entschlossen, meinen Plan trotz Zerberus und Pique auszuführen, aber das Schicksal wollte es anders. Im Restaurant des Lilas begegnete ich meinem Manne. Er war entzückt, mich zu sehen, und wir ließen uns auf der Terrasse nieder.

Wir gingen unsere gemeinsamen Wiener Erinnerungen durch, wobei er wieder ganz der gute Freund von ehedem wurde, sich an seinen eigenen Erzählungen erwärmte, die kleinen Zerwürfnisse vergaß und Tatsachen eingestand, die er öffentlich geleugnet hatte. – Plötzlich scheint er sich an seine Pflicht oder an gegebene Versprechungen zu erinnern; er wird still, kalt, feindlich und ärgert sich, daß er sich seine Geheimnisse hat entlocken lassen.

Meine direkte Frage, ob Popoffsky in Paris sei, beantwortete er mir mit einem kurzen Nein, dem man die Unwahrheit anhörte, und wir gingen auseinander.

Hier muß ich bemerken, daß der Däne vor mir der Geliebte der Frau Popoffsky gewesen war und daß er mir seit dieser Zeit grollt, da seine Geliebte ihn meinethalben aufgegeben hatte. Jetzt spielte er die Rolle eines Hausfreundes bei Popoffsky, ohne daß dieser von den Beziehungen seiner Frau zu dem »schönen Heinrich« wußte.

 

Der »Aufschwung« von Schumann tönt über den buschigen Bäumen, aber der Musiker bleibt unsichtbar und läßt mich über seine Wohnung nach wie vor im Zweifel. Einen ganzen Monat währt die Musik von vier bis fünf Uhr nachmittags. – Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am Anblick meines Regenbogens beim Färber zu trösten, und in den Jardin du Luxembourg trete, der in seiner vollen Blüte schön wie ein Märchen ist, finde ich auf der Erde zwei dürre vom Wind abgebrochene Reiser. Sie bildeten die beiden griechischen Buchstaben p und y. Ich hob sie auf und mir fiel ein, daß P-y die Abkürzung von »Popoffsky« war. Er verfolgte mich also doch, und die Mächte wollten mich gegen die Gefahr schützen. Unruhe ergriff mich ungeachtet dieses Zeichens der Gnade der Unsichtbaren. Ich rufe den Schutz der Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids wider seine Feinde, ich hasse meinen Feind mit einem alttestamentarischen Haß, während mir doch der Mut fehlt, mich der eben erlernten Mittel der schwarzen Magie zu bedienen. »Eile, Gott, mich zu erretten, Herr, mir zu helfen. Es müssen sich schämen und zuschanden werden, die nach meiner Seele stehen; sie müssen zurückkehren und gehöhnt werden, die mir Übles wünschen. Daß sie müssen wiederum zuschanden werden, die da über mich schreien: da! da!«

Dieses Gebet erschien mir damals gerecht, und die Barmherzigkeit des Neuen Testamentes kam mir wie eine Feigheit vor.

Zu welchem Unbekannten meine ruchlose Anrufung seinen Weg fand, weiß ich nicht zu sagen; der Verlauf dieses Abenteuers aber wird wenigstens zeigen, daß sie erhört wurde.

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